Andreas Barlage

Ans Herz gewachsen

Ein Gärtner und

seine Lieblingspflanzen

Jan Thorbecke Verlag

Inhalt

Vorwort

Geschichtendschungel-Führer

Stauden

Der Anfang: Pfingstrosen

Belle de Jour: Taglilien

Verschreibungspflichtig: Rotlaubiges Purpurglöckchen

Die Ätherischen: Steppen-Iris

Die Natürlichen: Maiglöckchen

Die Fröhlichen: Kleinblumige Staudensonnenblume

Die Unverzichtbaren: Duftveilchen

Die Tapferen: Winterastern

Saisonblumen

Die Waldschönen: Fingerhut

Die Windsbräute: Islandmohn

Die Duftstarken: Landnelken

Die Tänzerinnen: Wicken

Die Filigranharten: Schmuckkörbchen

Die Muntermacher: Stiefmütterchen

Die Leckeren: Kapuzinerkresse

Die Nachtdufter: Waldtabak

Zwiebelblumen

Die Ewigschöne: Königslilie

Die Exotischen: Turbanlilien

Die Tugendtreuen: Narzissen

Die Opulenten: Kaiserkronen

Die Unschlagbaren: Dahlien

Die Temperamentvollen: Montbretien

Die Juwelenhaften: Wild-Tulpen

Die Hartzarten: Vorfrühlingsiris

Rosen

Voll elegant: Edelrosen wie ‘Wedding Bells’

Die Unermüdlichen: Beetrosen wie ‘Garden of Roses’

Zähe Anmut: Wildhafte Histörchen wie ‘Stanwell Perpetual’

Muntere Veteraninnen: Einmal blühende Alte Rosen wie: Rosa gallica ‘Versicolor’

Very british: Englische Rosen wie ‘Lady of Shalott’

Voller Überraschungen: Noisetterosen wie ‘Madame Alfred Carrière’

Der beste Stammhalter: Öfterblühende Alte Rosen wie ‘Rose de Resht’

Charmante Findlinge: Öfterblühende Rambler wie ‘Christine Hélène’

Absolut unverzichtbar: ‘Aloha ’49’ & ‘Graciosa’

Über den Autor

Über das Buch

Impressum

Leseprobe

Vorwort

Jeder, der in seinem Garten mit Pflanzen zu tun hat und sie nicht allein für Außendekozwecke oder zur Selbstversorgung mit Obst, Gemüse oder Schnittblumen kultiviert, geht eine mehr oder weniger enge Beziehung zu ihnen ein. Man müsste schon ein Herz aus Stein haben, behandelte man sie wie einen x-beliebigen Gebrauchsgegenstand. Und meiner Erfahrung nach sind solche Zeitgenossen in Gärtnerkreisen in der Minderzahl. Angesichts der vielen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Arten und Sorten bleibt es nicht aus, dass einige von den grünen und blühenden Schätzen den Pflanzenfreund besonders rühren. Teils, weil sich zusätzliche Erlebnisse eines Lebens damit verweben, teils, weil die Pflanze an sich eine ungeahnte Ausstrahlung entfaltet. Aber immer hat es damit zu tun, dass wir Gartenmenschen stets neu empfänglich sind für die kleinen und großen Eigenheiten, die jede Pflanze, die uns in die Hände fällt, mitbringt. Eigentlich lässt sich über jede Pflanze eine mehr oder weniger lange Geschichte erzählen. Dabei kristallisieren sich aber immer einige Kandidaten heraus, die so besonders sind, dass man sich ein Gärtnerdasein ohne sie nicht mehr vorstellen kann und will. Dann wird es sehr persönlich – und es konstelliert sich ein Freundeskreis mit Wurzeln, Blättern und Blüten, den wir in der Gartensaison immer gerne wiedertreffen und an den wir denken, wenn draußen Schnee und Eis die Gartenlust von den Händen in den Kopf verlagern.

Mir ist es ebenso gegangen wie vielen meiner gartenenthusiastischen Freunde und Bekannten auch. Und so habe ich einige Geschichten niedergeschrieben. Diese Geschichten sollen ein Lesevergnügen für Sie sein und vielleicht dazu anregen, sich selbst einmal zu erinnern, welche Pflanzen Ihnen viel bedeuten – und warum.

Nun bin ich gespannt und hoffnungsfroh, dass Ihnen die Schilderungen meiner Liebesbeziehungen zu den hier porträtierten Pflanzenarten und -sorten gefallen werden. Ich versichere Ihnen, dass ich – wenn auch hier und da vielleicht pointiert geschrieben – dabei nichts erfunden oder erdacht habe. Alles ist so geschehen, wie es hier gedruckt vorliegt. Nehmen Sie diese Offenheit bitte als meinen Respekt vor Ihrem Interesse und zusätzlich als Ausdruck meiner persönlichen Haltung zu Pflanzen und dem Gärtnern und letztlich auch zum Leben. Gibt es ein schöneres Spiegelbild zum Leben als das Gärtnern?

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Geschichtendschungel-Führer

In diesem Büchlein ist die Rede von sehr unterschiedlichen Gartensituationen und das eine oder andere Anekdötchen aus dem privaten Nähkästchen ist eingeflochten. Die einzelnen Kapitel sind thematisch geordnet und nicht der Zeit nach. Um Ihnen beim Lesen einen kleinen Überblick zu verschaffen, um welche Gärten und welche Lebenssituation es sich in den Texten handelt, hier eine kleine Mini-Garten-Vita meinerseits.

 

1963 Geburt als dritter von vier Söhnen in Harsewinkel / Elterliches Haus gerade fertig gebaut; Garten bestückt mit damals modischen Leitpflanzen wie Omorika-Fichte, Forsythie, Blutpflaume, Süßkirschbaum, Haselnuss, Zierjohannisbeere, Veilchen, Sonnenauge, Eisenhut, Edelrose, Rhododendron und ähnlichem

bis ca. 1974 Traum von einer Karriere als Tierforscher, allererste rudimentäre Erinnerungen an Garten und Pflanzen; ABBA gewinnt mit „Waterloo“ den Grand Prix und dominiert Jugendzimmerwände in Posterform / Elterlicher Garten wächst ein

1974–1983 Schulzeit; die Grünen ziehen in den Bundestag ein / aktives und schaffensfrohes Übernehmen des Gartens unter wohlwollenden Augen der Eltern … und einem größer werdenden Gartenbudget

1983–1985 Ausbildung zum Hotelkaufmann in Bad Lauterberg / Gartenprojekte ruhen

1985–1986 beruflicher Schwenk wird eingeleitet durch ein einjähriges Praktikum in der Gärtnerei Grothues, Harsewinkel / explosive Entfaltung der Blumenpracht im elterlichen Garten durch Verfeinerung gärtnerischer Kenntnisse

1986–1992 Gartenbaustudium an der Uni Hannover mit Diplomabschluss, dabei arbeitsintensive Abstecher in psychologische, pädagogische, theologische und sprachwissenschaftliche Seminare; viel zu früher Tod der Mutter / kein eigener Garten in Sicht – aber intensives Erkunden des Berggartens in Hannover

1992–1996 erste Anstellungen bei diversen Organisationen und Firmen; Familiengründung, Geburt der Tochter Magdalena und des Sohnes Justus / Innenhofgarten in Hannover, an dem mitgestaltet werden konnte

1996–1999 Beginn der Laufbahn als Redakteur und Autor „Grüner Themen“; Umzug nach Filderstadt bei Stuttgart; Geburt des Sohnes Jesse / kleiner Hausgarten; lehmiger Boden, viel Schatten durch schöne Obstbäume, erste Bekanntschaft mit Alten Rosen

1999–2002 Weitere Stellen als Redakteur; Umzug nach Varensell in Westfalen; Kennenlernen von Dieter und Heike Gaissmayer und später von Heino und Christian Schultheis, den Rosen-Koryphäen / mittelgroßer Hausgarten in einem Neubauviertel, sandiger Boden, Austoben mit Iris, Taglilien, Pfingstrosen, Kaiserkronen, Wildtulpen und vielen, vielen Rosen und Stauden

2002–2005 Umzug nach Porta Westfalica nahe Minden / großer Hausgarten am Hang, der dreifach terrassiert war, mergeliger Lehmboden; Schwelgen in allen Gartenpflanzen, die das Herz begehrt und das Portemonnaie hergibt; Kennenlernen der Eigenheiten sehr vieler Rosen

2006–2008 Beginn der Arbeit als freier Autor und Redakteur für diverse Projekte, dazwischen sporadisch Tätigkeit als Berater und Pflanzenverkäufer; Trennung und Scheidung; Umzug ohne die Familie nach Neuss / Bewirtschaftung eines Schrebergartens mit lehmigem Boden; Kennenlernen vieler weiterer neuer Stauden und Rosen

2009–2011 Ausbau der freien Autorentätigkeit; Heirat mit Stefan Barlage-Wittner; Umzug nach München / leider gartenlos, doch mit einem Balkon

2011–heute tätig als Redakteur und Autor; Umzug nach Bielefeld, dort Ergattern eines Schrebergartens mit eher schwerem, gutem Boden – völliges Umkrempeln dieses Gartens; wieder Ausprobieren neuer und unbekannter Pflanzen; Entdecken von Gemüse für Auge und Magen; Anrichten eines noch andauernden Gartenchaos, das nun in eine viel „ordentlichere“ Parzelle überführt wird …

Impressum

VERLAGSGRUPPE PATMOS

Die Verlagsgruppe
mit Sinn für das Leben

 

Für Dieter und Heike Gaissmayer

 

Weitere interessante Lesetipps finden Sie unter:

www.thorbecke.de

Alle Rechte vorbehalten.

Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

© 2015 Jan Thorbecke Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern

Gestaltung und Illustration: Finken & Bumiller, Chandima Soysa, Stuttgart

Bildnachweis: Barlage, Andreas: Paeonia ‘Claire de Lune’ / Dahlia ‘Alain Mimoun’ / Rosa gallica ‘Versicolor’ / Englische Rose ‘Lady of Shalott’ / Damaszenerrose ‘Rose de Resht’ / Kletterrose ‘Graciosa’ // Fotolia/pecosbill: Viola wittrockiana // Gaissmayer, Dieter: Hemerocallis ‘Moonlit Masquerade’ / Heuchera micrantha ‘Palace Purple’ / Iris orientalis ‘Frigia’ / Convallaria majalis / Viola odorata ‘Donau’ / Chrysanthemum x hortorum ‘Poesie’ / Papaver nudicaule / Dianthus caryophyllus / Lathyrus odoratus ‘Cupani’ / Cosmos bipinnatus / Lilium regale / Lilium henryi / Narcissus triandrus ‘Thalia’ / Fritillaria imperialis ‘Aureovariegata’ / Crocosmia mansoniorum ‘Lucifer’ / Tulipa humilis ‘Albacaerulea’ / Iris reticulata / Rosa pimpinellifolia ‘Stanwell Perpetual’ // Griese, Jeanette: Beetrose ‘Garden of Roses’ // Kordes’ Söhne: Edelrose ‘Wedding Bells’ // Paluch, Rudi: Porträt Andreas Barlage / Helianthus microcephalus ‘Lemon Queen’ / Digitalis purpurea / Tropaeolum majus / Nicotiana sylvestris // Schultheis, Christian: Strauchrose ‘Aloha ‘49’ / Noisetterose ‘Mme Alfred Carrière’ / Rambler ‘Christine Hélène’ Hergestellt in Deutschland

ISBN 978-3-7995-0781-3 (Print)

ISBN 978-3-7995-0633-5 (eBook)

DER ANFANG:

Pfingstrosen

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Meine Liebe zu den Stauden begann eindeutig mit den Pfingstrosen. Die erste Erinnerung an sie ist jedoch ziemlich diffus und reicht in meine Kindheit zurück. Nebelhaft kommt mir in den Sinn, dass meine Großmutter Helene bei einer Familienfeier (ich glaube es war irgendeine Erstkommunion) eine kugelige, dicke, grüne Knospe überreicht bekam, die eine dunkelrote Zone in der Mitte hatte. Farblich passte das sehr gut zu dem gedeckten Kaffeegeschirr, das eine tiefrote Edelrose zeigte und damals zu den Schätzen des Haushalts meiner Oma gehörte. Meine „Omma Lene“ hatte nun die im Familienkreis eher umstrittene Angewohnheit, Geschenktes weiterzureichen, und so zog dieses Blumengeschenk nach dem Kaffeetrinken auf den elterlichen Esstisch um und blühte dort am nächsten Tag langsam auf. Ich war gebannt! Eine Vielzahl kurzer Blütenblätter quoll zwischen den grünen Kelchblättern und sehr großen, dunklen Hüllblättern hervor. Sie waren vom sattesten, tiefsten Rot, das ich bis zu diesem Zeitpunkt bei einer Blüte gesehen hatte. Die Pracht hielt allerdings nicht allzu lange. Etwa zwei Tage nach dem Erblühen hellte sich der Farbton bereits leicht auf und nach weiteren zwei Tagen waren die Blütenblätter auf die Tischdecke gerieselt.

Aber ich bekam diese Blume nicht mehr aus dem Kopf. Sie wurde mir von Mutter und Oma als „Pfingstrose“ vorgestellt. Solch eine Zauberpflanze wollte ich unbedingt im Garten haben! So verkniff ich mir als junger Teenie drei Ausgaben der so begehrten Fix-und-Foxi-Hefte, stakste an einem schönen Spätfrühlingstag zur benachbarten Gärtnerei und kaufte ein kleines Pöttchen mit einem noch dunkelroten Austrieb, der gerade vergrünte und gelappte Blätter zeigte. Vorsichtig setzte ich diese Kostbarkeit ins Gartenbeet … doch ich war skeptisch. Warum blühte diese Pflanze nicht? Wieso waren die grünen Blätter dunkler als bei der Diva in der Vase? Überhaupt war die erstandene neue Gartenpflanze weder besonders ähnlich noch wirklich unterschiedlich zu der prallen Schnittblume. Nun ja: Ich begriff, dass ein Gärtner sich in Geduld üben musste und wartete ab.

Pfiffige Gartenfreunde werden sofort erkannt haben, dass es sich bei der Schnittblume auf Omas Kaffeetisch um die Bauernpfingstrose Paeonia officinalis ‘Rubra Plena’ handelte. Die Pflanze aus der Gärtnerei gehörte aber zur Gruppe der Chinesischen Pfingstrosen Paeonia lactiflora. Dieser Groschen fiel bei mir aber sehr langsam … und welche Sorte es sein sollte, offenbarte sich erst später, sehr viel später.

Ich habe meine ersten Erfahrungen mit Pfingstrosen nämlich zu einer Zeit gemacht, als es diese Pflanzen (zumindest in meinem Heimatort, dem westfälischen Harsewinkel) nur in kleinen Töpfen gab und lediglich eine grobe Farbsortierung auf dem kleinen Steckschild angegeben war. Und da kleine Pfingstrosen mehrere Jahre brauchen, ehe sie blühen, war es eine Sensation, als sich die erste Kugelknospe erbsengroß inmitten eines Blattaustriebs blicken ließ. Einige Wochen später ging die Blüte auf – sie war weiß und hatte hier und da einen feinen karminroten Federstrich. Erst war ich ärgerlich, denn ich wollte ja eine rote „echte“ Pfingstrose haben, aber dann freundete ich mich mit der Zufallsbekanntschaft an. Sie war nämlich nicht nur blütenschön, sondern duftete auch noch angenehm. Bald fand ich heraus, dass es sich um die sehr verbreitete und zu Recht noch heute beliebte ‘Festiva Maxima’ handelte. Ich habe sie seither immer wieder angepflanzt, ganz gleich, welchen Garten ich pflegen durfte. Ein Garten ohne sie ist für mich einfach undenkbar. Natürlich bekam ich große Lust, weitere Sorten auszuprobieren. Da ich aber trotz bester Vorsätze, ein guter Gärtner zu werden, nicht besonders geduldig war (und auch heute nur ausnahmsweise bin) und außerdem kaum Geld zur Verfügung hatte, suchte ich Bezugsquellen, die mich schneller und preiswerter zum Ziel brachten. Bei einer lieben Bekannten wurde beispielsweise im Garten ein Zaun versetzt, damit ein Carport errichtet werden konnte. An diesem Zaun reckten sich dunkelrote Austriebe. Die Pflanze musste jahrzehntealt gewesen sein. Ich quengelte so lange, bis ich diese mir völlig unbekannte Pfingstrose ausgraben durfte. Ich behandelte sie wie ein rohes Ei. Im Umsetzjahr blühte sie zwar nicht und ich machte mir schon Vorwürfe. Diese lösten sich aber ein Jahr später in Wohlgefallen auf. Die legendäre ‘Sarah Bernhard’ in ihrem Apfelblütenrosa mit starkem Duft und schweren, überaus dicht gefüllten Blüten war im elterlichen Garten eingezogen. Ich schnitt einige Blüten ab und stellte fest, dass gerade diese Sorte sich sehr lange in der Vase hielt. Als bekennender „Schlunz“ hatte ich die Blüte sogar stehen gelassen, als ihre Schönheit den Zenit überschritten hatte und kein Wasser mehr in der Vase war. Doch diesmal wurde meine Faulheit ausnahmsweise belohnt, denn die Blüte behielt die Form, trocknete ein und stand noch eine Weile als rosabrauner, morbide wirkender Schmuck in meinem Jugendzimmer, bis sie verstaubte …

Ich bekam übrigens bei meinen Pfingstrosenexperimenten unverhofft moralische Unterstützung durch meinen Vater, der sich bis dahin nicht als Blumenfreund geoutet hatte. Bei einem Spaziergang im Mai durch den Garten steckte er mir, dass Pfingstrosen zu seinen besonderen Lieblingsblumen gehörten. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, oder?

Ermutigt durch den väterlichen Zuspruch bestellte ich bei einer Staudengärtnerei (für einen für meine damaligen Verhältnisse exorbitanten Preis von 12 DM) eine Pflanze ‘Primevère’, deren weiße Blütenschale zartgelbe, schmale Petalen beherbergte. Ich pflanzte sie im Herbst und war völlig überwältigt, dass sie im folgenden Frühsommer bereits blühte. Geschickt wurde mir nämlich kein kleines Pöttchen, sondern so genannte Wurzelware, die in keinen gängigen Staudentopf hineinpasst. Alles, was ich beachten musste, war, den Wurzelstock nicht zu tief zu setzen. Die gerade sichtbaren Triebansätze mussten den Himmel riechen können, so legte ich mir das gedanklich zurecht. Sie wurden mit vielleicht einem halben Zentimeter Erde bedeckt. Bereits im Frühling nach der Pflanzung bildete meine ‘Primevère’ drei Blüten aus. Seitdem bin ich ein Fan von Pfingstrosen als Wurzelware – es gibt nichts Besseres! Und ich hatte bei dieser Aktion begriffen, dass Qualität ihren Preis hat. Ich glaube, es war Elizabeth Arden, die sagte: „Der Preis ist schnell vergessen, die Qualität aber nie.“ Sie hätte auch Pflanzen verkaufen können statt Kosmetik.

Bei aller Euphorie hatte ich jedoch gehofft, dass die recht hübsche Blüte der ‘Primevère’ deutlich gelblicher ausfiel, denn die inneren Blütenblätter verblichen rasch zu einem Crèmeton. Ein Traum ließ mich also nicht mehr los: die gelbe Pfingstrose. Solche Sorten wurden erst sehr spät entwickelt und sattes, reines Gelb findet sich bei nur wenigen Wildarten und den Intersektionellen Päonien. Mittlerweile freue ich mich an der Sorte ‘Lemon Dream’, die mein Mann bei einem Gartenfestival erstanden hat und als einen seiner größten Gartenschätze betrachtet.

Doch auf die will ich jetzt nicht hinaus, denn auch ich habe meine große Liebe unter den Pfingstrosen längst gefunden. Ihr Name ist ‘Claire de Lune’. Auch diese Sorte begegnete mir zuerst als Schnittblume – und zwar als ich Floristen begleitete, die eine Fotostrecke für ein Magazin vorbereiteten. Breite aprikosen- bis primelgelbe Blütenblätter umgeben ein Zentrum aus dicht stehenden, goldfarbenen Staubgefäßen. Es war eine echte Rarität! Neben der ungewöhnlichen Schönheit der Blüten hatte es mir auch der Name sehr angetan. Denn im Tierkreiszeichen des Krebses geboren, habe ich eine echte Schwäche für den Mond und liebe es darüber hinaus, wenn ein Sortenname zur Pflanze passt. ‘Claire de Lune’ rührt also auf ganzer Linie meine Seele. Anhand dieser Sorte ist mir klar geworden, dass es Züchtungen gibt, die nicht mehr übertroffen werden können. Nicht, weil sie makellos sind – „verbessern“ lässt sich schließlich immer irgendetwas … Nein! Perfektion ist nicht gefragt, wenn man liebt. Vollendung bedeutet, wenn man nichts mehr beim Gegenüber vermisst, ganz gleich, was man geboten bekommt.

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BELLE DE JOUR:

Taglilien

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Taglilien waren immer irgendwie da; allerdings dauerte es eine Weile, bis ich sie für den Garten entdeckte. Denn die Taglilie Hemerocallis fulva, die allerorten – gern auch außerhalb der gepflegten Gärten – wuchsen, gefielen mir gar nicht. Das grasartige Laub lag unmotiviert vornüber und die langen, drahtigen Stiele ragten unproportional lang über den Blattschopf hinaus und trugen zimtorangefarbene Lilienblüten. Selbst mein uraltes Gartenbuch, das ich einmal zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, stimmte mich nicht um, obwohl die ausgesprochen hübsche, melonenfarbige Sorte ‘George Cunningham’ abgebildet war. Wo sollte ich die wohl vor 35 Jahren als Teenie in Harsewinkel herbekommen?

Schlagartig änderte sich meine Einstellung zu Taglilien, als ich den ersten Katalog der Staudengärtnerei „Gräfin von Zeppelin“ in die Finger bekam. Eigentlich wollte ich ja nur ein paar Iris haben, aber ich staunte nicht schlecht, als ich feststellte, wie groß die Auswahl an attraktiven Taglilien sein kann. Mein Problem war aber der Preis. Damals hatte ich ein strenges Budget von meinen Eltern vorgegeben bekommen, war knapp bei Kasse (das hat sich übrigens nie geändert) und wir waren an Pflanzenpreise für Stauden zwischen 1,50 und 3 DM gewöhnt. Da waren ja schon die Iris eine Gratwanderung. Doch einmal neugierig geworden, nahm ich mir vor, von den günstigeren Züchtungen drei verschiedene zu bestellen – wobei ich sicher gehen wollte, auch wirklich Top-Sorten zu bekommen. 5 oder 7 DM pro Pflanze waren selbst gegenüber meiner sehr verständnisvollen Ma nun mal erklärungsbedürftig. Ich weiß nicht mehr genau, welche Sorten ich aussuchte, bin aber sicher, dass ‘Frances Fay’ bereits darunter war. Mich überzeugten der angekündigte kompakte Wuchs und die zartgelben, rosig schimmernden Blüten sowie der versprochene Blütenreichtum. Gespannt wartete ich auf die Lieferung.

Mir war es fast ein bisschen peinlich, als ich in Gegenwart meiner Mutter das Paket öffnete. Zum Vorschein kamen keine Stauden in Töpfen, wie wir sie bisher kannten, sondern wenig Vertrauen erweckende Blattfächer, die auch noch auf eine Handspanne gekürzt waren. Aus dem mütterlichen Gesicht mit kurzfristig gerunzelter Stirn und den hochgezogenen Augenbrauen las ich, dass sie zwar eine Kritik auf der Zunge hatte, diese aber verbarg, um meiner Scham nicht auch noch Frust durch Schelte zuzufügen. Ich erklärte ihr sofort, dass es sich bei der Gärtnerei um eine der renommiertesten Deutschlands handele, und gab vor, sicher zu sein, dass diese Pflanzen sich zu Prachtstücken entwickeln würden. Um meiner Aussage Nachdruck zu verleihen, bekamen die bewurzelten Blätter – denn um mehr handelte es sich nicht – unverzüglich einen Ehrenplatz. ‘Frances Fay’ kam zum Glück nahe an die Terrasse. Leider waren die anderen beiden Pflanzen im kommenden Sommer nicht mehr auffindbar. Erst später kam ich auf des Rätsels Lösung: Wühlmäuse hatten sich über sie hergemacht. Doch die Untergrundnager trauten sich nicht in die Nähe unserer Sitzplätze – vielleicht weil sich dort unser heldenhafte Kater „Whisky“ (wegen der goldenen Augen) mit Vorliebe aufhielt. Im Folgejahr nach der Pflanzung zeigte ‘Frances Fay’ etwa zwölf Blüten auf zwei Stielen. Jede wies eine noble Lilienform auf. Das Gelb wirkte in der Sonne cremefarben und zeigte einen perlig-roséfarbenen Schimmer. Die einzelne Blüte hielt zwar nur einen Tag lang, doch es kamen immer neue Knospen nach. Die Pflanze kam in Schwung und bestockte sich stetig und nach etwa vier Jahren konnte ich mit Fug und Recht von einer gut eingewachsenen, besonderen Taglilie sprechen, die in meinem Heimatort wohl kein zweites Mal zu sehen war. Allerdings war mir der Anlauf von der Pflanzung bis zur vollen Blüte deutlich zu lang …

Dennoch: Ich hatte Feuer gefangen bei den Taglilien und versuchte nun, an etwas größere junge Pflanzen mit interessanten Blüten zu kommen. Während man heutzutage lediglich das Internet bemüht, um Gärtnereien oder Tauschbörsen zu kontaktieren, lief früher nichts ohne persönlichen Kontakt. Kein Wunder, dass sich mein Sortiment zunächst in Grenzen hielt, wenn auch Gartenfreunde, die selbst die eine oder andere Kostbarkeit in Petto hatten, mich ab und zu mit einer Kiste von Teilstücken gerade verjüngter Pflanzen beglückten. So lernte ich beispielsweise die kleinblumige goldgelbe ‘Corky’ kennen oder die fast weiße ‘Serena Madonna’. Dann schickte mir Dieter Gaissmayer mal einige Pflanzen, wie die wunderbare ‘Summer Wine’ in sattem Rosarot und die aprikotfarbene ‘Melonencocktail’. Beide waren getopft und kamen sehr gut voran. Am Beginn dieses Jahrtausends herrschten dann unangefochten Taglilien in meinen Gärten vor. Unkompliziert, wüchsig und blütenreich – und bei jedem Umzug konnte ich sie mitnehmen, denn sie nehmen das Ausbuddeln zu fast keiner Zeit übel. Dazugekommen sind in dieser Zeit ‘Chicago Apachee’ und ‘Hexenritt’, von denen ich mich einfach nicht entscheiden kann, welche das tollere Rot hat. Ich lernte die Sorten mit mittelgroßen und kleinen Blüten kennen und zähle seitdem die tiefrote ‘Ed Murray’ sowie die rosafarbene, dunkler beringte ‘Sweet Tanja’ zu meinen Lieblingen. Im vergangenen Jahr bestellte ich die eigentlich schon lange auf dem Markt befindliche ‘Black Plush’; sie hat warm holzig-dunkelrote Blüten, einen goldgelben Schlund und eine überaus elegante, schmale Blütenform. Sie kamen bei mir (diesmal wieder von Zeppelin) im Topf an und blühten bereits im ersten Jahr außerordentlich reich und lange. Nicht auszudenken, wie es noch kommen wird …

Doch eine Sorte, die ich etwa 2002 kennengelernt habe, ist und bleibt mein Favorit: ‘Moonlit Masquerade’. Zuerst dachte ich, der Name hätte einen Schreibfehler und müsste „Moonlight Masquerade“ heißen – doch das Oxford Dictionary gab Auskunft und ich konnte den Sortennamen mit „mondbeschienene Maskerade“ übersetzen. Und das passt wirklich, denn die mondbleichen, cremefarbenen Blüten tragen einen dunkelroten Ring wie eine Augenmaske. Hinzu kommt noch, dass diese Sorte sehr kompakt wächst und, wenn einmal eingewachsen, locker sechs Wochen lang blüht und gelegentlich sogar remontiert. Sie passt wunderbar zur cremefarbenen, buschig wachsenden Edelrose ‘Ambiente’ und zum rotlaubigen Purpurglöckchen, von dem im nächsten Bericht die Rede sein wird. Dieses Trio setze ich übrigens in jeden Garten ein – egal ob er mir gehört oder ob ich für andere plane. Gelegentlich wechsle ich die Rosensorte aus und verwende die blass-aprikotfarbene ‘Hermann Hesse’. Aber ohne Taglilien geht es einfach nicht, nicht einmal im Rosengarten.

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VERSCHREIBUNGSPFLICHTIG:

Rotlaubiges Purpurglöckchen

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So genau weiß ich gar nicht mehr, wann und unter welchen Umständen das erste Exemplar dieses Purpurglöckchens sich in meinen Garten gemogelt hat. Ich glaube, es war in Filderstadt Mitte der 90er-Jahre. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich Landei lediglich grünlaubige Sorten der Gattung Heuchera mit elfenfeinen purpurfarbenen oder zartrosa Blüten, die sich ohne Probleme, aber auch ohne besonders aufzufallen, im Garten aufhielten. Das rotlaubige Heuchera