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Haupttitel

Inhalt

ÜBER DAS BUCH

ÜBER DIE AUTORIN

IMPRESSUM

HINWEISE DES VERLAGS

Tanith Carey

High Heels mit acht, Diät mit neun?

Wie Sie Ihre Tochter davor schützen, zu früh
erwachsen zu werden
Aus dem Englischen übersetzt von
Michael Josupeit

Patmos Verlag

Inhalt

Einleitung

Teil 1 »Mama, Papa, kann ich mir bitte die Nase korrigieren lassen?« Es gibt immer mehr »X-Faktor«-Eltern

Warum Eltern sich machtlos fühlen

Die »Tween«-Jahre: der entscheidende Zeitraum

Was Mütter tun können

Was Väter tun können

Was Schulen tun können

»So, wie du bist«: unsere Mädchen bedingungslos lieben

Teil 2 Warum Selbstwertgefühl und Kommunikation der beste Schutz für Ihre Tochter sind

Selbstwertgefühl: die beste Absicherung

Wie Sie Ihrer Tochter nahebringen, mit sich selbst zufrieden zu sein: das Selbstvertrauen von innen aufbauen

Prioritäten setzen bei der Erziehung: da sein und sich Zeit nehmen

Ihre Werte: Wie Sie sie festlegen, weitergeben und wie Sie Grenzen vereinbaren

EQ: Wie Sie die emotionale IntelligenzEmotionale IntelligenzEmotionen Ihrer Tochter stärken

Wie Sie Ihrer Tochter helfen, herauszufinden, wer sie ist: die Basis für ein stabiles Selbstwertgefühl schaffen

Warum Sie Ihrer Tochter helfen sollten, zu verstehen, wie ihr Gehirn funktioniert: Anregungen zur Förderung sozialer und emotionaler Kompetenz

Das Gespräch in Gang halten: Wie Kommunikation, aufrechterhaltenSie mit Ihrer Tochter in Kontakt bleiben

Teil 3 Aufwachsen in einer Gesellschaft, die nicht jugendfrei ist

Nichts für Kinderaugen: Was Pornographie unseren Kindern antut und wie wir sie davor schützen können

Beste Freunde und schlimmste Feinde: Wie Sie Ihrer Tochter helfen, mit Gruppendruck umzugehen

Vernetzte Kinder: von Sexting bis Facebook

Material Girls: den Mädchen helfen, mit dem Konsumdruck umzugehen

Zwölf oder zweiundzwanzig? Altersgemäße Kleidung

Pretty Babys? Eine Grenzziehung zwischen Schein und Make-up

»Wenn ich erwachsen bin, will ich dünn sein«: den Mädchen helfen, sich gegen den Schlankheitswahn zu wehren

Markendruck: der Werbung für Mode und Schönheit etwas entgegensetzen

Kanalisierter Sex: Was das Fernsehen mit den Mädchen macht und was man dagegen tun kann

Die Pornographisierung der Popmusik: eindeutige Botschaften in MusikvideosMusikvideos und wie man damit umgeht

Beschäftigt – aber womit? Wie Sie Ihrer Tochter zu einem sicheren Umgang mit dem Handy verhelfen

»Wollt ihr sexy Ladys spielen?« Wie Sie Ihre Tochter an Spielzeugaltersgemäße und sinnvolle SpieleSpiele, Bedeutung heranführen

Schlusswort

Anmerkungen

Einleitung

»Miss Bimbo« ist ein vor allem bei englischen Mädchen sehr beliebtes Online-Spiel. Die Webseite Missbimbo.com bezeichnet sich selbst als »einen Ort, wo sich Bimbos [auf Deutsch etwa: Tussis, A. d. Ü.] aus der ganzen Welt begegnen und im Bimboland ihren Spaß haben können«. Mädchen jeden Alters steuern hier ihre virtuellen Charaktere, die jeweils mit einem Idealgewicht von 57,6 Kilogramm und einem IQ von 70 beginnen. Um ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis zu stellen, muss sich eine Mitspielerin darum bemühen, entweder einen »heißen« oder aber reichen Freund zu bekommen – dann schießt ihr virtueller Kontostand nach oben. Egal zu welcher Tageszeit, es sind immer Tausende von »Tussis« online – insgesamt gibt es mehr als 2,5 Millionen registrierte Nutzer. 1


Nachdem Suri , die Tochter des Hollywoodstars Tom Cruise, im Alter von drei Jahren mit High Heels an den Füßen gesehen wurde, ließ die große Bekleidungskette »Next« verlauten , dass man stolz darauf sei, ähnliche Produkte an Mädchen im Kindergartenalter zu verkaufen. Ein Sprecher sagte dazu: »Die Popularität der Produkte legt nahe, dass viele Eltern der Meinung sind, dass wir einen Look herausgebracht haben, der etwas Besonderes ist, ohne unangemessen erwachsen zu erscheinen.« 2


Sasha Bennington , 13 Jahre, ist eine der erfolgreichsten Kinder-Schönheitsköniginnen in Großbritannien, wo es zurzeit rund 20 Schönheitswettbewerbe für Kinder gibt. Sie unterzieht ihr Äußeres einer intensiven Pflege , zu der eine wöchentliche Behandlung mit Bräunungsspray, jeden Monat neue Acrylnägel und regelmäßig auch Strähnchenfrisuren gehören. Ihre Mutter Jane, ein ehemaliges Model, sagt dazu: »Wir geben jeden Monat rund 380 Euro für ihre Schönheitsbehandlungen aus. Bei Sashas Freundinnen ist es dasselbe. Das ist bei allen Mädchen in ihrem Alter so. Warum sollte man sonst spezielles Make-up für Kinder kaufen können?« Danach gefragt, wie sie sich selbst sieht, antwortet Sasha: »Blond, hübsch, dumm – ich muss nicht intelligent sein.« 3


Bei uns zu Hause gibt es ein Wort mit vier Buchstaben, das ausdrücklich verboten ist: D-I-Ä-T. Seitdem ich die Mutter eines sechsjährigen magersüchtigen Kindes interviewt habe und hören musste, dass ihre Tochter so dünn sein wollte wie die Models, die sie in den Hochglanzmagazinen sah, habe ich aufgehört, in Hörweite meiner beiden Töchter über das Abnehmen zu sprechen. Und wenn andere Erwachsene sich über ihre Diätprogramme unterhielten, habe ich unauffällig das Thema gewechselt, wenn meine Kinder dabei waren. Ich möchte nicht, dass sie schon in so jungen Jahren mit der Idee in Berührung kommen, dass es das Los einer Frau sei, ständig zu hungern.

Weil ich wollte, dass Lily und Clio eine echte Kindheit erleben, habe ich sorgfältig darauf geachtet, was sie sich im Fernsehen angesehen und was sie im Internet angeklickt haben und welche Zeitschriften bei uns zu Hause herumlagen. Darum war es ein Schock für mich, als Lily, damals sieben Jahre alt, eines Tages nach Hause kam und mir sagte, sie mache eine Diät, weil eine ihrer Freundinnen gesagt habe, sie sei fett. Und während dann bei ihr die Tränen in Strömen flossen, verkündete Clio, damals drei, pflichtschuldig: »Ja, dünn sein bedeutet, dass du perfekt bist!«

Rückblickend hätte ich früher erkennen müssen, dass sich da etwas Ungutes anbahnte. Nach dem Weihnachtsfest hatte Lily mit Liegestützen und Seilspringen begonnen. Ich war der Meinung gewesen, dass es sich dabei lediglich um einen jugendlicher Überschuss an Energie handelte – allerdings war ich verdutzt, als Lily mittendrin aufhörte und mich fragte, ob sie irgendwie anders aussehen würde. Mir war auch aufgefallen, dass sie sich keinen Zucker mehr in ihr Müsli tat, aber auch das hatte mich nicht sonderlich beunruhigt. Schließlich, nachdem Lily einige Tage lang dieses Verhalten gezeigt hatte, kam sie heulend zu mir in die Küche und bat mich, sie in den Arm zu nehmen. Und dann stürzte förmlich alles aus ihr heraus. Im Verlauf eines Streits hatte eine ihrer Freundinnen sie mit dem auf ihrem Schulhof am meisten gefürchteten Wort bezeichnet: »fett«.

Im ersten Moment hatte ich einen Aussetzer. Dann kam ich mir vor, als würde ich durch ein Minenfeld laufen. Ich sah meiner Tochter in die Augen und sagte ihr, dass sie für ihr Alter und ihre Größe absolut in Ordnung war. Insgeheim wusste ich natürlich, worum es ging. Es stimmte, Lily hatte noch die gerundeten Arme und Beine des Kleinkinderalters, während ihre Freundinnen schon die typischen langen, schmalen Gliedmaßen der etwas älteren Kinder besaßen. Ihre Tränen waren ein Schock für mich, denn ich hatte immer versucht, ihr im Blick auf ihr Aussehen deutlich meine Liebe und Akzeptanz zu zeigen – und ich hatte sie niemals kritisiert oder ihr Äußeres kommentiert.

In den darauffolgenden Tagen wurde deutlich, dass meine Ermutigungen Lily nicht erreicht hatten – und dass der Gruppendruck und die unausgesprochenen Erwartungen, dass Mädchen ein bestimmtes Aussehen haben sollten, sie viel stärker beeinflusst hatten. Obwohl ich mir alle Mühe gab, sie behütet aufwachsen zu lassen, wurde Lily im Eilzugtempo durch ihre Kindheit gejagt. Woher wusste sie überhaupt etwas über Kalorien – oder dass Zucker voll davon ist? Ich begann mich zu fragen, ob sie und ihre Freundinnen in der Zeit, die sie gemeinsam verbrachten, statt »Himmel und Hölle« zu spielen, nicht Diättipps austauschten.

Wie vielen anderen besorgten Eltern auch war mir bis dahin zwar bewusst, dass bei unseren Töchtern irgendetwas ziemlich schieflief, weil Mädchen heute viel zu schnell erwachsen werden. Diese Tatsache ist durch viele Studien und in allen Gesellschaften der westlichen Welt bekannt. Studien aus verschiedenen westlichen Ländern – den USA, Australien, den Niederlanden und Großbritannien – haben sich intensiv damit befasst. Doch trotz aller gründlichen Erforschung – und der schnellen Schritte seitens der Regierungen zur Regulierung der Medien, der Vermarkter und des Internets – fand ich nur wenig Material, das Eltern darüber informierte, wie sie ihre Mädchen schützen könnten.

Jetzt, wo Lilys Unbeschwertheit in Gefahr war, wusste ich nicht, was ich sagen oder tun sollte, um die Botschaften zu stoppen, die sie in dieser kritischen Phase ihrer Entwicklung erreichten. Oder wohin ich mich wenden sollte, um Hilfe zu bekommen. Ihre Tränen war für mich eine unmissverständliche Warnung, dass es nicht möglich sein würde, meine Mädchen komplett abzuschirmen – und eine Mahnung, dass die Unbeschwertheit, sollte sie einmal weg sein, für immer verloren ist. Aber als Journalistin und Autorin zum Thema »Erziehung« konnte ich mich nicht damit abfinden, dass Eltern machtlos zusehen sollen, wie Marketing und Medien die Kindheit ihrer Töchter untergraben. Während der folgenden zwei Jahre führte ich Interviews mit Psychologen, Erziehungsfachleuten, Lehrern und mehr als 80 Familien. Ich wollte herausfinden, wie man die Mädchen bestmöglich vorbereiten und schützen kann. Ich begann meine Arbeit, ohne eigentlich zu wissen, ob es auf meine Fragen überhaupt eine Antwort gab. Aber nach und nach entdeckte ich eine zunehmende Übereinstimmung.

Solange es nicht dazu kommt, dass die Sexualisierung unserer Kinder gesellschaftlich wieder einhellig abgelehnt wird, macht es keinen Sinn, unsere Kinder wegzusperren wie Rapunzel in den Turm. Wie bei vielen anderen Eltern war dies auch mein erster Impuls gewesen. Aber unsere Töchter nehmen die Sexualisierung gewissermaßen bereits mit der Atemluft auf. Auch wenn die Regulierung der Medien sicher eine Hilfe bedeutet, müssen die entscheidenden Schritte von Einzelnen unternommen werden: Wir müssen uns als Eltern selbst im Auge behalten, unsere Töchter unterstützen und ihnen nicht nur Einsichten anbieten, sondern auch Alternativen.

Deshalb verfolgt dieses Buch einen dreifachen Ansatz:

Um von der bestmöglichen Ausgangsposition starten zu können, um unsere Mädchen zu schützen, geht es im ersten Teil darum, wie wir so an unseren eigenen Haltungen und Gedanken arbeiten, dass die bewussten und unbewussten Botschaften, die wir unseren Mädchen senden, hilfreich, deutlich und stimmig sind.

Der zweite Teil des Buches behandelt das Selbstwertgefühl . Wie können wir es bei unseren Kindern fördern und stärken und sie so wenigstens gegen die schlimmsten Auswirkungen des Zeitgeistes immunisieren? Wenn wir in den prägenden Jahren unserer Mädchen ein starkes Selbstvertrauen als Grundlage schaffen können, dann werden sie eher in der Lage sein, dem Druck standzuhalten, sich selbst auf die bloße Summe ihrer körperlichen Eigenschaften zu reduzieren. Wenn wir in den Jahren zwischen sieben und zwölf, dem »Tween«-Alter also, mit unseren Töchtern intensiv in Kontakt bleiben, dann haben wir die Chance, näher an ihnen dran zu sein, wenn es wirklich hart auf hart kommt – und ihnen zu zeigen, wie sie diese Einflüsse zurückweisen können.

Der dritte Teil des Buches schließlich nimmt die Gesellschaft mit den Augen unserer Kinder in den Blick. Es geht darum, ihre Sichtweise zu verstehen, und darum, welche Hilfestellungen wir ihnen anbieten können, um zu unterscheiden, was gut und was schlecht ist. In diesem Teil werden Sie zahlreiche praktische Anregungen dazu finden, wie Sie die Auswirkungen dieser abstoßenden Kultur auf Ihre Tochter abmildern, wenn nicht sogar ausschalten können.

Nichts von alledem lässt sich über Nacht erreichen. Je früher wir bei unseren Mädchen damit beginnen, desto besser. Eine rasche Lösung gibt es nicht. Vor allem das Tween -Alter ist ein kritischer Zeitabschnitt. Eltern können in dieser Zeit den Mädchen dabei helfen, ein stabiles Selbstempfinden zu entwickeln. Und genau in dieser Zeit haben wir auch die größten Chancen, positiv Einfluss zu nehmen, ehe die Pubertät unsere Töchter auf Distanz zu uns gehen lässt, während die Altersgenossinnen gleichzeitig wichtiger werden. Wenn wir uns wirklich ernsthaft darum bemühen, die Verbindung zu unseren Mädchen in diesem Alter aufrechtzuerhalten, dann werden wir eher in der Lage sein, sie zu begleiten, wenn die Dinge beginnen, kompliziert zu werden.

Sind wir dabei erfolgreich, dann werden unsere Töchter nicht so leichtfertig einen Teil von sich herabwürdigen oder auf ein Podest stellen, sobald der Druck, »sexy« zu sein, in ihrer Teenagerzeit dann spürbar steigt. Aber auch wenn wir diese Gelegenheit verpassen, ist noch längst nicht alles verloren. Allein dadurch, dass wir heute zu aufmerksameren Eltern werden, können wir unseren Töchtern helfen, sich in den Medien und auch emotional besser zurechtzufinden. In den zwei Minuten, die Sie benötigen, um Ihrer Tochter zu erklären, wie das Hochglanz-Foto eines ultradünnen, perfekten Models in einem Magazin retuschiert worden ist, haben Sie ihr auch beigebracht, sich nicht selbst mit einem Ideal zu vergleichen, das gar nicht existiert. Indem Sie darüber reden und erklären, was heutzutage um sie herum geschieht, können Sie Ihre Tochter gegen die ständige, schleichende Erosion ihres Selbstwertes schützen. Weil dies eine große Herausforderung ist, finden sich in diesem Buch sehr viele von Vorschlägen für Eltern. Es wäre unmöglich, sie alle in die Praxis umzusetzen: Sie kennen Ihre Tochter am besten, darum sollten Sie diejenigen auswählen, die im Blick auf Ihre Tochter und Ihre Familie am ehesten funktionieren.

Manche Abschnitte dieses Buches werden Sie erschüttern. Zu erkennen, was da draußen vor sich geht und unsere Mädchen widerstandsfähig und stark zu machen, ist keine einfache Angelegenheit. Außerdem sollten Sie auch sich selbst im Blick haben, um zu sehen, ob die schleichende Sexualisierung der Gesellschaft auch Ihre Wertvorstellungen schon beeinflusst hat. Ihrer Tochter kann dies dabei helfen, ein wenig aufrichtiger gegenüber sich selbst zu sein, statt sich allzu gefügig den heute herrschenden, erdrückenden Stereotypen des guten Aussehens und der »Sexyness« zu unterwerfen. Wenn dies gelingt, haben wir alle ein Stück Freiheit zurückgewonnen. Gelingt es nicht, zahlen unsere Töchter einen hohen Preis dafür. Ein Anstieg der Essstörungen , des autoaggressiven Verhaltens, 4 von Depressionen, Sex quasi »im Vorübergehen«, der keinerlei tiefere Bedeutung mehr hat, von Teenager-Schwangerschaften und dem Alkoholgenuss Minderjähriger ist nur ein Nebeneffekt, wenn sich Mädchen allein auf der Basis ihrer äußeren Erscheinung und ihrer sexuellen Erfahrungen beurteilen.

Letzten Endes steht die seelische Gesundheit – das Glück – unserer Kinder auf dem Spiel. Laut aktuellen offiziellen Schätzungen leidet eines von zehn Kindern in Großbritannien an irgendeiner Form von psychischer Erkrankung.5 Mehr als ein Viertel der Kinder äußert, dass sie sich »oft deprimiert fühlen« – und das, was die Mädchen am meisten unglücklich macht, ist ihr Aussehen. Es ist herzzerreißend, mit ansehen zu müssen, dass sich unsere Töchter bereits im Alter von neun oder zehn Jahren als Verliererinnen im Schönheitswettbewerb des Lebens einschätzen. 6

Als Mutter zweier Töchter schreibe ich dieses Buch auch, weil ich nicht will, dass meine Kinder allein aufgrund ihres Aussehens beurteilt werden, obwohl sie noch über so viele andere Fähigkeiten und wunderbare Eigenschaften verfügen. Ich mache mir Sorgen im Hinblick auf das Heranwachsen meiner Töchter in einer Kultur, in der Sex nicht mehr länger mit »Liebe machen« umschrieben wird. Bestenfalls wird er noch als »Sex« bezeichnet – in der Pornographie, vor der wir unsere Kinder inzwischen unmöglich abschirmen können, ist von »Knallen« oder »Nageln« die Rede.

Auch wenn dies ein Thema für ein weiteres Buch wäre: Jungen werden ebenfalls zu Opfern dieser sexualisierten Gesellschaft. Sie sehen sich einem zunehmenden Druck ausgesetzt, sich wie Pornostars zu gebärden und wie männliche Models auszusehen. Ich sage das hier auch, weil ich Angst habe im Hinblick auf die Beziehungen meiner Töchter zu Männern, denen sie bislang noch nicht begegnet sind und bei denen sich pornographische Bilder unauslöschlich eingeprägt haben. Dort werden die Frauen als »Nutten« und »Schlampen« dargestellt, mit denen ein Mann keine wirkliche Beziehung aufbauen kann.

Das haben meine Töchter nicht verdient – und Ihre auch nicht.

Teil 1

»Mama, Papa, kann ich mir bitte die Nase korrigieren lassen?« Es gibt immer mehr »X-Faktor«-Eltern

Es ist gerade erst 10:00 Uhr morgens in der Harley Street, doch die Türen einer der größten Kliniken für plastische Chirurgie in London sind bereits weit geöffnet. An der Rezeption werden die Patienten von einer Reihe gleich aussehender Empfangsmitarbeiterinnen in schwarzen Hosenanzügen und mit rotem Lippenstift begrüßt. An den Kunden, die sich auf die beigefarbenen weichen Sitzgelegenheiten verteilt haben, fällt zunächst einmal auf, dass sie mehrheitlich damit beschäftigt sind, sich durch die Stapel von Hochglanzmagazinen hindurchzublättern, die auf Tischchen bereitliegen. Meine Aufgabe heute Morgen besteht darin, sie zu fragen, warum sie hier sind.

Die Zahl der Menschen, die sich in Großbritannien einer Schönheitsoperation unterziehen, ist so hoch wie noch niemals in der Geschichte. Laut den Angaben des Marktforschungsunternehmens Mintel ist der Markt für plastische Chirurgie allein in den letzten beiden Jahren um 17 Prozent gewachsen, mit einem Finanzvolumen von geschätzten 2,9 Milliarden Euro. 7 Aber warum genau hat das Bedürfnis, »perfekt« auszusehen, solche epidemischen Ausmaße angenommen – und wie kommen die Menschen in einer Zeit wirtschaftlicher Rezession und hoher Arbeitslosigkeit an das nötige Geld? Als ich mich in dem Wartezimmer umsehe, das sich langsam füllt, fällt mir vor allem auf, dass viele der Frauen zwischen 17 und etwas über 20 Jahre alt sind.

Amelie – makellos geschminkt und rehäugig – erinnert mit ihrem zierlichen Gesicht und Körperbau an die junge Audrey Hepburn. Allerdings besitzt sie auch die kessen Brüste eines Glamour-Models, hervorgehoben durch ein hautenges schwarzes T-Shirt. Eigentlich arbeitet sie als Kosmetikverkäuferin in einem nahegelegenen Kaufhaus. Heute ist sie zu einer Nachuntersuchung hier, nachdem man ihre Oberweite von 81,3 Zentimetern um zwei Körbchengrößen vergrößert hat, »wegen des Selbstvertrauens«. Die Kosten von 5600 Euro für diese Operation machen wahrscheinlich beinahe ein Viertel ihres Jahresgehaltes aus. Aber wie so viele ihrer Generation, die es sich nicht leisten können, auszuziehen, lebt Amelie bei ihren Eltern – und die haben ihr die Operation bezahlt. »Ich habe ihnen gesagt, ich möchte das machen lassen, und sie haben gesagt: ›In Ordnung, wenn es das ist, was du willst‹«, erklärt Amelie sachlich, so als hätten ihre Eltern eine Anzahlung auf ihr erstes Auto vorgestreckt. »Sie waren nicht besorgt. Sie haben gesagt: ›Wenn du dich dann besser fühlst, dann ist das in Ordnung‹.«

Auf der anderen Seite des Raumes treffe ich auf die 20-jährige Elaine. Mit ihrem Zungenpiercing und der engen Jeans, die in angesagten Boots steckt, sieht sie eher wie ein Mitglied einer Girlsband an seinem freien Vormittag aus und weniger wie die Rechtsanwaltssekretärin, die sie ist. Kürzlich hat Elaine eine Nasenkorrektur vornehmen lassen, auch die zum Teil mit einem elterlichen Bankkredit bezahlt. »Ich weiß, es klingt ziemlich komisch, aber mit meiner alten Nase war alles in Ordnung«, erklärt sie. »Sie sah auf Fotos einfach ein bisschen komisch aus. Meine Freundin hat es machen lassen, als sie 18 war. Und außerdem macht es doch jeder. Die Leute in den Wartezimmern werden heute immer jünger. Sechs meiner Freundinnen hatten Brust-OPs. Eine hat sich ihre Körbchengröße auf F vergrößern lassen, und sie liebt es, dass sich alle Männer nach ihr umdrehen. Sobald du von deinen Freundinnen mitbekommst, dass es gar nicht so schmerzhaft ist, kann dich nichts mehr aufhalten. Im selben Moment, als ich nach meiner Nasen-OP aufgewacht bin, habe ich mich nach einer Brust-OP erkundigt – und ich denke immer noch darüber nach.«

Weil es ihre erste Sitzung ist, wird die 18-jährige Courtney an diesem Morgen von ihrer Mutter begleitet. Sie sind von weither angereist, um eine 1500 Euro teure Laserbehandlung zu beginnen, die die Wachstumsstreifen beseitigen soll. Tadellos geschminkt wie die anderen und in einer engen Jeans in Größe 28/30 und einem T-Shirt, das abgeschnitten ist, um ihre schmale Taille zu betonen, streicht Courtney in regelmäßigen Abständen ihr glänzendes rotbraunes Haar zurück, das wie ein Wasserfall über ihre Schultern fällt. Als ob es darum ginge, von einer lebensbedrohlichen Krankheit geheilt zu werden, erklärt Courtney, dass sie »schreckliche rote Streifen« rings um ihren Bauch und ihre Oberschenkel entdeckt hat. Nachdem sie begonnen hat, die Antibabypille einzunehmen, hat Courtney 13 Kilogramm zugenommen. Jetzt, nur ein paar Monate, bevor sie mit einem Schauspielkurs beginnt, sind Mutter und Tochter hektisch darum bemüht, die Streifen wegzubekommen, aus Angst, sie könnten der Karriere der Tochter im Weg stehen.

Als Courtney im Behandlungsraum verschwunden ist, vertraut ihre Mutter mir an, warum sie das Gefühl hatte, als verantwortlicher Elternteil keine andere Wahl zu haben, als etwas zu unternehmen. »Es stimmt schon, die Behandlungen sind ziemlich teuer. Aber welche Wahl hat man schon, wenn so etwas das Leben deiner Tochter ruiniert? Es hat ihre sozialen Kontakte zerstört. Wenn ihre Freundinnen anriefen und sie fragten, ob sie mit ihnen zusammen eine Pyjama-Party feiern wollte, hat sie immer Nein gesagt, weil sie es nicht ertragen kann, dass jemand sie in ihrer Unterwäsche sieht. Ich habe sie dasitzen sehen, wenn ihr die Tränen in Strömen über das Gesicht liefen. Es war herzzerreißend. Sie sagte dann immer: ›Warum musste mir das passieren, Mama? Wie konnte das nur passieren?‹«

Louise, eine Studentin, ist ebenfalls dank der Großzügigkeit ihrer Eltern hier. Obwohl es nur um eine winzig kleine Delle an ihrer Nase geht, ist schwer vorherzusagen, wie sich ihr Leben nach der Nasenkorrektur verändern wird. Aber schon ihrer älteren Schwester haben ihre Eltern eine Operation spendiert, um schlaffe Haut zu beseitigen, nachdem sie an Gewicht verloren hatte. Und um absolut fair zu sein, haben die Eltern Louise gesagt, dass sie ebenfalls über etwas nachdenken könne, das zu machen wäre.

Das ist nur eine Momentaufnahme. Aber als ich im Lauf meiner Recherchen für dieses Buch noch mehr junge Mädchen interviewt hatte, konnte ich feststellen, dass beinahe jede junge Frau so etwas wie eine imaginäre Liste von Mängeln im Kopf hat, bei denen sie das Gefühl hat, sie müsse sich darum »kümmern«. Mit dem Ergebnis, dass Marktforscher jetzt die jungen Menschen als Hauptwachstumsmarkt für die plastische Chirurgie betrachten. Allein in den letzten beiden Jahren ist die Zahl der jungen Leute, die sich ernsthaft Gedanken über solche Operationen machen, wesentlich stärker gestiegen als in jeder anderen Altersgruppe. Ungefähr 60 Prozent der 16- und 24-Jährigen – junge Menschen auf dem Höhepunkt ihrer Attraktivität – entschließen sich zu einer Operation, um ihr Erscheinungsbild zu verbessern oder zu »korrigieren«, doppelt so viele wie in der Altersgruppe über 55. Das Einzige, was der Operation oft im Weg steht, ist das Geld. Aber angesichts von Eltern, die zunehmend bereit sind, die Zeche zu zahlen, wird dies immer weniger zu einem Hindernis, wenn es darum geht, das »in den Griff zu bekommen«, was nach Ansicht dieser jungen Menschen mit ihnen nicht stimmt. 8

Natürlich ist es für Eltern schmerzhaft, ihren Töchtern im Teenageralter dabei zuzusehen, wie sie sich Sorgen über ihr Aussehen machen. Ernüchternd war allerdings die Qualität der Gründe, die die jungen Frauen für ihre Entscheidung zu einer Schönheitsoperation anführten. Wenn ich mich recht erinnere, wurden solche Operationen früher einmal durchgeführt, um Unzulänglichkeiten zu beheben, die bei den Betroffenen zu einer lähmenden Unsicherheit und Verzweiflung führten. Bei meinen Interviews bekam ich hingegen meistens die Erklärung zu hören, dass die Freundinnen der jungen Frauen auch etwas in diese Richtung unternommen hatten, dass sie auf Fotos besser aussehen wollten – oder ganz einfach, dass sie es sich leisten konnten.

Niemand nannte die Promi-Kultur als Grund. Aber es ist mittlerweile fast zu einem Allgemeinplatz geworden, dass die meisten der Mädchen, die heute aufwachsen, niemals ein anderes Ideal kennengelernt haben als die äußerliche Perfektion. Ein Großteil hat das Styling auf dem Schoß ihrer Mütter aus den TV-Shows gelernt. Was mich ebenfalls überrascht hat, war, wie viele Eltern ohne weiteres bereit waren, die Rechnung zu begleichen, und weit davon entfernt, ihren Mädchen die Operation auszureden oder zu versuchen, die Bedenken genauer in den Blick zu nehmen. Egal, welche Einwände sie auch – ob unter vier Augen oder im Vorfeld der Operationen – erhoben (ich war hier nicht eingeweiht): am Ende legten sie ihre Kreditkarte trotzdem auf den Tisch. So wie die Paten bei der Talentshow »X-Faktor« handelten diese Eltern letztendlich in dem Glauben, dass eine perfekte Optik – erreicht durch kosmetische Eingriffe – das ist, was ein junges Mädchen braucht, um im Leben voranzukommen.

Bei jüngeren Mädchen lässt sich ein ähnlicher Trend beobachten, betrachtet man die Zunahme von Schönheitswettbewerben für Kinder. Mitte des letzten Jahrzehnts gab es in Großbritannien keinen einzigen dieser Wettbewerbe. Im Jahr 2010 gab es mehr als 20, ausgelöst, zumindest teilweise, durch den augenblicklichen Bekanntheitsgrad der Stars des Reality-TV und den luxuriösen Lebensstil der Glamour-Models. Mehr als 12 000 Mädchen nehmen jedes Jahr in Großbritannien an der Ausscheidung zur »Miss Teen Queen« teil. Und das wäre nicht der Fall ohne den Ehrgeiz und das Geld der Eltern, die dahinterstecken. 9

Diese »X-Faktor«-Erziehung schlägt mittlerweile bis in unsere Schulen durch, wo »Prom Nights« (Abschlussbälle) bereits für Siebenjährige veranstaltet werden. Mama und Papa legen für diese Anlässe kleine Vermögen bei Visagisten, für Barbie-Ballkleider und Limousinen hin. Dieser Trend ist so verbreitet, dass »Prom Companies« durch die Schulen in Großbritannien touren und Reklamebroschüren für örtliche Schönheitsbehandlungen verteilen, einschließlich Haarverlängerung und Selbstbräunungssprays. 10

Wenn wir eindeutigere Belege für den gefährlichen Weg suchen, auf den wir unsere Kinder schicken, wenn wir sie in dem Glauben lassen, dass es das Aussehen ist, was zählt, müssen wir uns nur das Beispiel von Sophie Watson anschauen. Als sie 14 war, erlaubte ihr ihre Mutter, Joy Watson-Carr, semi-permanentes Make-up unter die oberste Hautschicht ihres Gesichts einbringen zu lassen, damit ihre Lippen und ihre Augenbrauen voller aussahen – Gesamtwert 1300 Euro. Wie Sophie dem Sender GMTV erzählt hat – ebenso wie einer ganzen Reihe anderer nationaler Medien –, hatte sie weder irgendwelche schrecklichen Verunstaltungen noch Hautunreinheiten, die hätten korrigiert werden müssen. »Ich habe es im Fernsehen gesehen und eine ganze Menge Promis haben es machen lassen ... Mit meinem Gesicht war alles in Ordnung. Ich war zufrieden damit. Ich habe mich einfach nur entschlossen, meine natürlichen Gesichtszüge ein wenig aufzubessern.« 11 Joy, die Kosmetikerin ist und ihre Augenbrauen ebenfalls auf diese Art und Weise hat behandeln lassen, sagt dazu: »Ich habe mich für Sophie gefreut, dass sie es getan hat. Wir haben lange darüber gesprochen. Es gibt nicht viele 14-Jährige, die nicht mit Haarfärbemitteln und Make-up herumexperimentieren. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Sie wollte, dass es gemacht wird, also habe ich Ja gesagt.«

Mit elf Jahren begann Sophie mit dem Modeln, gekleidet in fließende Prinzessinnenkleider. Jetzt, mit immer noch sehr jungen 14 Jahren, zeigen ihre aktuellsten Fotos, wie gut sie schon gelernt hat, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Einige Bilder zeigen sie in High Heels, einem BH und einem Tanga auf einem Bett kniend. Auf anderen posiert sie recht unbequem in von pinkfarbenen Spitzen und Pailletten besetzter Unterwäsche, wobei sie den Hosenbund ihrer hautengen Shorts herunterzieht wie ein angehender Pornostar. In einem Interview, das Joy drei Wochen nach der Geschichte mit dem Permanent-Make-up gab, machte sie öffentlich, dass ihre Tochter ihre Jungfräulichkeit eine Woche nach ihrem vierzehnten Geburtstag verloren hatte, dass sie exzessiv zu trinken begonnen hatte und dass es Ärger mit der Schule gab, weil sie sich über die Uniform- und Make-up-Regeln hinwegsetzte. 12

Es wäre unfair, allzu sehr mit dem Finger auf Joy zu zeigen. Unabhängig davon, inwieweit ihre Werte auch die ihrer Tochter beeinflussen, glaubt sie wie jede andere Mutter im Innersten, dass sie das Richtige tut, um ihrem Kind dabei zu helfen, im Leben voranzukommen. Tatsächlich gibt es kaum eine Woche, in der nicht neue Geschichten über Mütter in der Presse auftauchen, die ihren Kindern, die noch nicht einmal das Teenageralter erreicht haben, Botox spritzen lassen, »um der Faltenbildung entgegenzuwirken«. Oder die Sechsjährige auf eine strikte Diät setzen, damit sie nicht zu den Verlierern im Leben gehören. Mittlerweile sind es so viele, dass es eigentlich überraschend ist, dass ihre Geschichten noch eine Nachricht wert sind.

Dabei handelt es sicherlich um extreme Beispiele, mit denen sich nur wenige Eltern, die dieses Buch lesen, identifizieren würden. Aber genauso, wie ich mir meine Wertvorstellungen näher anschauen musste, als meine Tochter sich selbst auf Diät setzte – und überprüft habe, ob meine gut gemeinten Bemerkungen über »gesunde Ernährung« und meine regelmäßigen Termine im Fitnessstudio ihr die falschen Botschaften vermittelt hatten –, ist es generell hilfreich, zur Quelle zurückzugehen.

Versetzen Sie sich einmal zu dem Moment zurück, als Sie wussten, dass Ihr Baby ein Mädchen sein würde. War Ihr erster Gedanke der, dass Sie sich vorstellten, wie hübsch sie werden würde, oder waren es die niedlichen Kleider, in die Sie sie stecken würden? Wenn Sie Mutter oder Vater eines Sohnes sind, dann fragen Sie sich einmal, ob Sie diese Empfindungen auch hatten, als Ihnen klar wurde, dass Sie einen Sohn bekommen. Wäre es möglich, dass seine Kleidung und die Frage, wie gut er aussehen würde, auf Ihrer Prioritätenliste weiter unten standen?

Es ist ein hartes Stück Arbeit, aber wenn wir dagegen angehen wollen, dass unsere Mädchen nach ihrem Aussehen beurteilt werden, dann müssen wir anfangen, über unsere eigenen Erwartungen nachzudenken, und darüber, wie sie in den letzten zwei, drei Jahrzehnten geformt wurden. Schließlich sind wir, wenn wir in den 60er Jahren geboren wurden, die erste Generation, die in einer vom Fernsehen beherrschten Welt aufgewachsen ist. Als das Fernsehen zur wichtigsten nationalen Freizeitbeschäftigung wurde, bekamen wir als Kinder ganz schnell mit, dass dünn und schön zu sein für eine Frau gleichbedeutend mit sexy und erfolgreich war. Unsere Generation hat das Aufkommen der Reality-TV-Stars miterlebt, der Fußballerfrauen und ihrer Kolleginnen (neuerdings WAGs genannt, nach »Wives and Girlfriends«) und der auf dem Fließband produzierten Girlsbands, die allesamt die Botschaft aussandten, dass man auch ohne Talent reich und berühmt werden kann. Hübsch und penetrant musst du heute sein.

Und dann zogen diese Frauen tatsächlich regelmäßig die Aufmerksamkeit auf sich und häuften beeindruckenden Reichtum an, und das Reality-TV vermittelte den Eindruck, dass diese Dinge für jeden und jede erreichbar wären. Haben wir uns da nicht auch der Idee verschrieben, dass Frauen ein bestimmtes Aussehen haben müssen, um im Leben voranzukommen? Und ohne es wirklich zu realisieren – haben wir uns nicht auch für unsere Kinder einen solchen Promi-Lebensstil und ein solches Aussehen gewünscht? Natürlich haben Eltern zu allen Zeiten die Attraktivität ihrer Töchter besonders geschätzt. Die Gesichter unserer Kinder – ihre weiche Haut, das glänzende Haar, große Augen und ansprechende Züge – sind der Prototyp für das weibliche Schönheitsideal der Erwachsenen, und zudem sind kleine Mädchen von Natur aus zauberhaft.

Das ist ein besonders schwieriger Bereich für Eltern, denn wir sind verflucht, wenn wir mit unseren Mädchen nicht über ihre äußere Erscheinung reden – und wir sind verflucht, wenn wir es tun. Wir können beim besten Willen nicht darauf hoffen, dass das Aussehen überhaupt keine Rolle spielt. Mädchen sind so überaus empfindsam, dass diejenigen, deren Eltern nie über ihr Aussehen sprechen, daraus den Schluss ziehen, sie seien hässlich. Der äußeren Erscheinung also niemals irgendeine Bedeutung beizumessen ist jedenfalls keine Lösung. Vielmehr geht es darum, wie viel Bedeutung wir der Schönheit in einer Gesellschaft beimessen, die vom Aussehen geradezu besessen ist. In der jeder und jede an einer fein abgestuften Perfektionsskala gemessen wird, die heute entscheidend ist.

Während wir also als Eltern durchaus berechtigt sind, Schönheit zu loben, haben wir in dieser hyper-sexualisierten Zeit darauf zu achten, dass wir uns nicht von dem allgemeinen Trend mitreißen lassen, sie als die wichtigste Eigenschaft zu betrachten, die unsere Mädchen besitzen. Wir müssen deutlich machen, dass ihr Aussehen nur einen kleinen Teil dessen ausmacht, was sie sind – und nicht wer sie sind. Es geht darum, bereits sehr früh in ihrem Leben auch andere Werte hervorzuheben – wie Freundlichkeit, Aufrichtigkeit, Großzügigkeit, Selbstbewusstsein und Selbstakzeptanz –, die durch eine Kultur der Oberflächlichkeit verwässert wurden. Statt den Drang nach Prominenz und Konsumdenken zu unterstützen, sollten wir unsere Töchter von dem Phantom-Ideal einer femininen Attraktivität abbringen. Weg von dauergebräunter Haut, extrem geglätteten Haaren und einem Körper in Größe 32 und hin zu wertvollen Eigenschaften, die nicht sichtbar sind. Denn wenn wir, als ihre wichtigsten Vorbilder, die Botschaft der Gesellschaft unterstützen, dass das Aussehen das Wichtigste an ihnen ist, dann rüsten wir unsere Kinder gerade nicht für den Erfolg. Vielmehr bereiten wir sie auf das Scheitern, die Unzufriedenheit und das Unglücklichsein über sich selber vor. Wir erlauben ihnen nicht, ihr inneres Leben zu entwickeln. Wir lassen sie vielmehr darauf zusteuern, hohlköpfige Promi-Klone zu werden.

Warum Eltern sich machtlos fühlen

Eltern eines Mädchens zu sein ist an und für sich schon ein harter Job. Aber er ist heute noch um einiges härter für die Familien, die versuchen, die negativen Einflüsse auf die gesunde Entwicklung ihrer Töchter, Einflüsse, von denen es heute mehr gibt als je zuvor, auszublenden. Vergleichen Sie für einen Moment die Einflüsse auf Ihre eigene Kindheit mit denen auf die Ihrer Tochter.

Erst seit etwa 15 Jahren ist das Internet für alle zugänglich, und was das Breitband-Internet betrifft, so ist es wohl erst seit sechs oder sieben Jahren zu einer allgegenwärtigen Tatsache im Leben geworden. Wahrscheinlich haben Sie in ihrer Kindheit hauptsächlich nach der Schule oder am Samstagmorgen alleine ferngesehen, wenn es Sendungen gab, die speziell für Kinder Ihres Alters gedacht waren. Als ich in den 70er Jahren aufwuchs, gab es in unserer Familie nur ein Fernsehgerät. Und wenn es lief, saßen wir alle gemeinsam davor, um leichte Unterhaltungsprogramme zu sehen, die für die ganze Familie gedacht waren.

Sicher, es gab Sexismus – das meiste davon durch Filme wie »Ist ja irre ...« oder durch Sendungen wie der »Benny Hill Show« ausgelöst. In manchen Sendungen wurden Frauen als passive Sexobjekte gezeigt, so bei der »Miss World«. Dennoch, der einzige Ort, an dem man garantiert eine Frau »oben ohne« zu sehen bekam, war nicht das Fernsehen, sondern die Seite 3 einer einschlägig bekannten Tageszeitung. So gab es ein bisschen unterschwelligen Sex, aber ganz sicher nicht so viel und in der Intensität, wie er heute gezeigt wird. Mehr als einen Kuss oder einen milden Kraftausdruck gab es einfach nicht, zumindest nicht vor 21:00 Uhr. Verglichen damit, wie Kinder heute aufwachsen, war unsere Kindheit asexuell. Aber weil das alles zeitlich relativ schnell ablief, fällt es uns Eltern schwer wahrzunehmen, wie die Kindheit unserer Töchter aussieht – und wie übermächtig die medial vermittelte Welt aus ihrer unschuldigen Sicht erscheinen muss.

Da Sex und Körperwahrnehmung heute bei der Produktion von Musik, Werbung, Fernsehen, Zeitschriften, Mode und im Internet nahezu allgegenwärtig sind, lässt sich nur allzu gut nachvollziehen, dass sich viele Eltern ohnmächtig fühlen. Sie spüren, dass die Gesellschaft sich weiterentwickelt hat und dass dies eine Tatsache ist, mit der wir leben müssen. Die Familien, mit denen ich gesprochen habe, gingen mit der schleichenden Sexualisierung ganz unterschiedlich um. Allgemein gesagt, lassen sie sich irgendwo auf einer Skala zwischen striktem Verbieten und unbehaglichem Erlauben einordnen. Verbieten, weil man darauf beharrt, man könne alles ausblenden; erlauben, weil man glaubt, man habe keine andere Wahl.

Bevor wir uns darum kümmern, wohin wir von hier aus losmarschieren müssen, lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen, wo wir als Eltern derzeit stehen. Stimmen irgendwelche der folgenden Vorstellungen mit Ihren eigenen überein?

»Wir können ohnehin nichts dagegen tun – warum es also überhaupt versuchen?«

Bei vielen der Eltern, die ich für dieses Buch interviewt habe, ließ sich ein echtes Gefühl der Furcht und Kraftlosigkeit wahrnehmen. Nicht wenige haben resigniert und sich geschlagen gegeben. »Es gibt nichts, was wir da tun können«, war eine immer wiederkehrende Aussage. Mütter und Väter sagten mir, dass sie nicht wüssten, wo sie beginnen sollten, da die Medien schier unüberschaubar und unkontrollierbar seien. Und was das World Wide Web beträfe, bei wem sollte man sich da überhaupt beschweren? Die Eltern kamen sich machtlos vor, weil Werbung, Einzelhandel, die Medien und negativer Gruppendruck ihren Einfluss zurückdrängten. Laut einer Umfrage der christlichen Wohlfahrtsorganisation »Mothers’ Union« unter 1000 Eltern mit Kindern unter 18 Jahren gaben 20 Prozent der Befragten an, sie hätten das Gefühl, keinerlei Kontrolle mehr über das zu haben, was sich ihre Kinder im Internet ansehen. Der gleiche Anteil an Eltern gab an, sie hätten wohl die Kontrolle darüber verloren, was ihre Kinder auf den Seiten sozialer Netzwerke trieben. 13

Diese resignativ eingestellten Eltern haben ursprünglich oft sehr restriktiv agiert und sind dann in Panik geraten, wenn sie realisierten, dass die Einflüsse der Sexualisierung außerhalb ihrer Kontrollmöglichkeiten liegen. Aber es ist dennoch viel zu früh – und viel zu gefährlich –, deswegen in eine Art Lähmungszustand zu verfallen. Es stimmt zwar, dass wir unsere Kinder nicht völlig abschirmen können, aber wir können sie gegen die Auswirkungen dessen, was sie zu sehen bekommen, immunisieren, indem wir ihnen – ihrem Alter entsprechend – erklären, was sich alles um sie herum abspielt. Wenn wir den Mädchen dabei helfen, den Druck zu hinterfragen, der auf ihnen lastet, dann können wir ihnen wirklich eine Hilfe dabei sein, für sich selbst herauszufinden, was gut und was schlecht für sie ist.