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Inhalt

ÜBER DAS BUCH

ÜBER DIE AUTOREN

IMPRESSUM

HINWEISE DES VERLAGS

Gil Borms, Steven Stes, Ria Van Den Heuvel

Chaosqueen und Traumtänzer

Ein Ratgeber für Erwachsene mit ADHS
Übersetzt aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke

Patmos Verlag

Inhalt

Einleitung

1. ADHS bei Erwachsenen

Was ist ADHS?

Warum dauerte die (An-)Erkennung von ADHS bei Erwachsenen so lange?

Wie wird die Diagnose erstellt?

Wie oft kommt ADHS bei Erwachsenen vor?

Von welchen anderen Beschwerden und Problemen kann ADHS begleitet werden?

2. Ursachen von ADHS

In welchem Maß ist ADHS vererbbar?

Welche Rolle spielt das Umfeld?

Funktioniert das Gehirn eines ADHS-Betroffenen anders?

Warum verschwindet ADHS bei manchen Menschen und bei anderen nicht?

3. Behandlung durch Medikation

Was muss man zuerst angehen?

Ist eine Medikation wirklich nötig?

Welche Medikamente gibt es?

Zulassung und Kostenübernahme von Medikamenten

Medikation und Fahrtüchtigkeit

Medikamente, Alkohol, Drogen und Sucht

4. Psychoedukation und Psychotherapie

Was ist Psychoedukation?

Wie gestaltet sich eine Psychotherapie bei ADHS?

Bei welchen Themen helfen Psychoedukation und Psychotherapie?

Ist Coaching bei ADHS sinnvoll?

Ist Achtsamkeitstraining bei ADHS hilfreich?

5. Chaos und Struktur

Entdecken Sie Ihre eigene Struktur

Was lässt sich alles ordnen?

6. ADHS und Beziehungen

Zu viel oder zu wenig Kommunikation?

Wie wirkt sich ADHS auf familiäre und freundschaftliche Beziehungen aus?

Ein Partner mit ADHS: attraktiv oder anstrengend?

Kindererziehung

Junge Erwachsene und ihre Eltern

7. ADHS am Arbeitsplatz

Die Karriere beginnt in der Kindheit

Fallstricke im Berufsalltag

Offenheit am Arbeitsplatz

Was hilft dabei, sich auf die Arbeit zu konzentrieren?

8. Die Kraft des Positiven

Warum ist eine positive Einstellung so wichtig?

Ein negatives Selbstbild verändert sich nicht von allein

Sei du selbst!

Möchten Sie mehr wissen?

Einleitung

Die Informationen in diesem Buch basieren auf einem Programm, das wir für ein Gruppentraining für Erwachsene mit ADHS entwickelt haben. Das Gruppentraining besteht aus Psychoedukation und Verhaltenstherapie und wird im Zentrum ZitStil in Antwerpen und in der Ambulanzsprechstunde für ADHS bei Erwachsenen am Psychiatrischen Zentrum der Katholischen Universität Leuven durchgeführt. Wir haben in diesem Buch versucht, die Informationen und Hilfestellungen wiederzugeben, die die Teilnehmer während des Gruppentrainings erhalten.

Unser Buch richtet sich natürlich nicht nur an Menschen, die an einer Gruppentherapie teilnehmen. Sondern an alle Betroffenen, die mehr über ADHS, über die Ursachen, Behandlungskonzepte, Therapieformen und Selbsthilfemöglichkeiten dieser Erkrankung erfahren möchten. Und die lernen möchten, wie sie in ihren sozialen Beziehungen und am Arbeitsplatz trotz ADHS besser zurechtkommen können.

Es richtet sich auch an Angehörige, Partner, Arbeitgeber, Dozenten oder Freunde von Betroffenen. Auch sie können hier nützliche Informationen finden. Auch für Therapeuten kann unser Buch hilfreich sein.

Wir haben das Buch gemeinsam mit der Journalistin Ria Goris geschrieben, die sich in sehr kurzer Zeit erstaunlich gut in das Thema »ADHS bei Erwachsenen« eingearbeitet hat. Sie gab uns viele Tipps und hat all unsere Erfahrungen und Informationen in eine leicht verständliche Form gegossen. Wir sind davon überzeugt, dass ihre Arbeit der Lesbarkeit des Buches sehr zugutekommt und sind ihr dafür sehr dankbar. Ohne sie hätte das Buch niemals so schnell vorgelegen. Auch Dr. Anne Van Lammers vom Psychiatrischen Zentrum der Universitätsklinik in Groningen (UMCG) möchten wir herzlich danken. Die Grundlage dieses Buches bilden neben den Erfahrungen, die wir mit einigen hundert Erwachsenen mit ADHS und mit deren Umfeld gesammelt haben, die Interviews, die wir speziell für dieses Projekt mit ADHS-Betroffenen geführt haben.

Deren Erfahrungen geben wir anonymisiert wieder. Natürlich möchten wir auch ihnen für ihre engagierte Mitarbeit danken. Unser Dank geht des Weiteren an die Menschen, die uns in den vergangenen Jahren so viel gelehrt und ihre Probleme und ihre Suche nach Lösungen so offen mit uns geteilt haben.


Ein Leben mit ADHS – das für jeden Betroffenen eine Herausforderung darstellt – kann interessant und lehrreich sein. Dass es auch schön und lebenswert sein kann, zeigen zahlreiche Anekdoten und Geschichten. In das Leben von Menschen mit ADHS einzutauchen und ihren Erzählungen zu lauschen, kann einiges zu einer Klärung beitragen. Und … um die schwierigen Momente zu überstehen, gibt es Hilfe. Sie stehen damit nicht allein!

Gil Borms

Steven Stes

Ria Van Den Heuvel

1. ADHS bei Erwachsenen

Es hat Jahre gedauert, bis anerkannt wurde, dass ADHS oder ADS auch bei Erwachsenen vorkommt. Erst in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts setzte sich die Erkenntnis durch, dass das Phänomen ADHS nicht einfach im magischen Alter von achtzehn Jahren verschwindet. Leider gibt es keinen Zauberstab, der alle Probleme von ADHS-Betroffenen mit einem Schlag lösen kann, aber glücklicherweise sind doch immer mehr Methoden für einen besseren Umgang mit diesen Problemen entwickelt worden.

Die für ADHS typischen Symptome Aufmerksamkeitsmangel, Hyperaktivität und Impulsivität bleiben in der Regel auch im Erwachsenenalter bestehen. Manche Betroffene haben eher Konzentrationsschwierigkeiten, bei anderen stehen vor allem Impulsivität oder Hyperaktivität im Vordergrund. Das ist auch ein Grund, warum ADHS manchmal jahrelang nicht erkannt wird. Manche Menschen nennen die Erkrankung daher auch spaßhaft »all day high stress« (jeden Tag sehr gestresst). Doch es gibt auch sehr ruhige Menschen mit ADHS, die in erster Linie Aufmerksamkeitsprobleme haben und die ihre Aufgaben immer wieder vor sich herschieben, ohne hektisch zu wirken. ADHS lässt sich nicht einfach auf einen bestimmten Nenner bringen, und das macht es nicht leicht, eine Diagnose zu stellen. Die folgenden Zitate geben einen Eindruck davon, wie manche Erwachsene ihr ADHS erleben.

Viele Betroffene haben nicht nur mit ADHS, sondern auch mit Schlafproblemen, heftigen Emotionen, Niedergeschlagenheit, Ängsten oder einer Sucht zu kämpfen. Dass manchmal nicht ganz klar ist, welches dieser Phänomene am stärksten im Vordergrund steht, kann eine konkrete Diagnose zusätzlich erschweren.

In diesem Kapitel möchten wir für mehr Klarheit sorgen, indem wir folgende Fragen thematisieren: Was ist ADHS? Warum dauert es so lange, bis ADHS bei Erwachsenen (an-)erkannt wird? Wie wird eine Diagnose erstellt? Wie oft kommt ADHS bei erwachsenen Männern und Frauen vor? Mit welchen anderen Beschwerden oder Problemen kann ADHS einhergehen?

Was ist ADHS?

ADHS ist eine Störung, die man als Erwachsener nicht plötzlich entwickelt. Sie ist vorwiegend genetisch bedingt und tritt in den meisten Fällen bereits in der Kindheit auf. Wenn es in dieser Zeit bereits zu Problemen kommt, beeinträchtigt die Störung die normale Entwicklung des Kindes bis hin zum Erwachsenenalter. Darum wird sie manchmal auch als »Entwicklungsstörung« bezeichnet.

ADHS wird von einer bestimmten Struktur und Funktionsweise des Gehirns hervorgerufen. Daher wird ADHS auch häufig mit dem Etikett »neurobiologische Störung« versehen. Obwohl ADHS-Betroffene sich hinsichtlich der Art ihrer Probleme unterscheiden, weisen sie doch eine Reihe gemeinsamer Eigenschaften auf, die sich in drei große Symptomgruppen einordnen lassen: Aufmerksamkeitsprobleme, Hyperaktivität und Impulsivität.

Aufmerksamkeitsprobleme

Ein zentrales Merkmal von ADHS ist die Schwierigkeit, die eigene Aufmerksamkeit zu steuern. Das bedeutet in der Praxis: Man kann sich nicht lange auf eine Sache konzentrieren, ist schnell abgelenkt oder gelangweilt, kann Arbeiten nur schwer zu Ende bringen. Man neigt dazu, Dinge aufzuschieben, springt häufig von einer Aktivität zur nächsten, kann nur schwer zwischen Haupt- und Nebensachen unterscheiden. Typisch ist auch, dass man Dinge vergisst oder Gegenstände verliert. Man verzettelt sich in Details, kann schlecht planen, organisieren und Prioritäten setzen, man kann sich nur auf Dinge konzentrieren, die das eigene Interesse wecken, ist chaotisch, findet es schwierig, Anweisungen zu verstehen oder zu behalten, konzentriert sich zeitweise zu stark auf eine einzige Sache, ist also hyperfokussiert und lässt sich in anderen Momenten wieder leicht ablenken.


Einige Aussage von Erwachsenen mit ADHS zu diesem Thema:

Auf dem Gymnasium hatte ich keine allzu großen Schwierigkeiten, auch wenn ich wegen meines impulsiven Verhaltens ziemlich viele Einträge erhielt. Erst an der Universität wurde mir mein Konzentrationsmangel wirklich zum Problem. Manchmal musste ich eine Seite zwanzigmal lesen, bevor ich kapierte, was da stand. Ich konnte die Strukturen und Zusammenhänge einfach nicht erfassen. Um sie mir klarzumachen, zeichnete ich mir oft Schaubilder, doch das war ziemlich zeitraubend. (Jill)


Einerseits kann ich mich nicht konzentrieren, andererseits bin ich hyperfokussiert. Wenn ich etwas fertig machen will, habe ich keine Ruhe, bevor ich es erledigt habe, und lasse mich von nichts ablenken. Ich kann mich dann, zum Beispiel im Garten oder am PC, Stunden mit einer Sache beschäftigen. Das führt oft zu Missverständnissen und Kommentaren wie: »Der soll ADHS haben, der sitzt doch schon drei Stunden vor seinem PC«, oder zu der Vermutung, dass böse Absicht mit im Spiel ist, wenn ich mich dann auf andere Dinge nicht konzentrieren kann. Dann heißt es: »Siehst du, auf andere Dinge kann er sich also doch konzentrieren, nur darauf nicht.« Die anderen verstehen einfach nicht, dass ich diese Energie nicht selbst steuern kann, ich gehe plötzlich in etwas auf und verliere mich gewissermaßen darin. (Peter)

Hyperaktivität

Nicht jeder ADHS-Betroffene leidet gleich stark unter Hyperaktivität. Mancher wirkt eher ruhig, ein anderer ist allein schon physisch sehr ausdrucksstark und spricht quasi mit Händen und Füßen. Vielleicht wurde bei Ersterem auch ADS diagnostiziert, eine Störung, die, wie wir im Folgenden noch sehen werden, eigentlich ein Subtyp von ADHS ist. Hyperaktivität kann auf sehr unterschiedliche Weise zum Ausdruck kommen: Man hat Schwierigkeiten, still zu sitzen, muss ständig herumlaufen, hat ein Gefühl innerer Ruhelosigkeit, spricht sehr schnell, fummelt ständig an etwas herum, muss immer beschäftigt sein und hat Mühe, sich zu entspannen.

Manche Menschen beschreiben das so:

Impulsivität

Viele Menschen mit ADHS sind überdurchschnittlich impulsiv. Eine Frau mit ADHS meinte dazu: »Ich agiere nicht, ich reagiere.« Reize aus der Umgebung kommen bei Menschen mit ADHS stark und ungefiltert an und veranlassen sie zu einer unmittelbaren Reaktion. Das führt oft dazu, dass sie erst handeln und dann denken. Ihre Impulsivität lässt sie schnell mit etwas herausplatzen, anderen ins Wort fallen und ungeduldig sein, sie essen impulsiv, geben impulsiv Geld aus und beginnen oder beenden auch Beziehungen und Jobs aus einem Impuls heraus. Einige Aussagen dazu:

Bei meinem ADHS steht die Impulsivität im Vordergrund. Wenn ich mit etwas beschäftigt bin und mir plötzlich etwas anderes einfällt, lasse ich die erste Aktivität sofort sausen. Wenn ich mich zum Beispiel entscheide, eine Terrasse anzulegen, fahre ich sofort in den Laden, kaufe, was ich dazu brauche, und fange mit der Arbeit an. Das hat natürlich auch Vorteile, denn so ist manches schnell erledigt, aber meine Impulsivität führt auch oft dazu, dass ich im Umgang mit anderen zu direkt und ruppig bin. Ich habe gelernt, meine Reaktionen besser zu beherrschen. Ich kann es immer noch nicht leiden, wie die Katze um den heißen Brei herumzustreichen, aber ich kann bei einer Arbeitssitzung jetzt sagen: »So wie sich die Dinge nun darstellen, sind sie doch noch ein wenig unkonkret. Vielleicht müssen wir sie zunächst noch etwas konkretisieren.« Ich nenne das kontrollierte Impulsivität. Die Impulsivität hat jedoch auch ihre angenehmen Seiten. Nachdem ich mich neulich mit meiner Freundin gestritten hatte, haben wir gemeinsam einen Ausflug gemacht. Ich schlug ihr vor: »Lass uns an jeder Kreuzung entscheiden, ob wir links oder rechts abbiegen und dann schauen wir mal, wo wir rauskommen.« Wir hatten einen total tollen Tag. (Tom)

In irgendeinem Punkt aus den vorangegangenen Listen wird sich wahrscheinlich jeder wiedererkennen. Das ist nicht ungewöhnlich. Eigentlich hat jeder irgendwelche ADHS-»Symptome«. Aber um die Diagnose ADHS zu stellen, müssen sich diese Symptome häufig und lange genug (seit der Kindheit) bemerkbar gemacht haben. Außerdem sollten sich die typischen ADHS-Merkmale auch in unterschiedlichen Lebensbereichen zeigen, nicht nur in der Schule oder später am Arbeitsplatz, sondern auch zu Hause oder in sozialen Beziehungen (wir kommen darauf in Abschnitt »Wie wird die Diagnose erstellt?« noch einmal zurück). Wie bei vielen Störungen können auch bei ADHS die Symptome in leichterer oder schwererer Form auftreten. Bestimmte Ereignisse im Leben der Betroffenen können sie verstärken oder vermindern. Und ebenso können sich die persönliche Lebensweise und der konkrete Umgang mit ADHS darauf auswirken, wie sehr ADHS als Störenfried fungiert. Die Störung wird bei Erwachsenen vielleicht nie ganz verschwinden, aber es lässt sich gut mit ihr leben.

Ein anderer brauchte nur etwas zu erwähnen und schon legte ich los. Während wir mit unseren Gästen über Badezimmer plauderten, begann ich schon damit, das ein oder andere in unserem Bad auszumessen. Diese Impulsivität war einfach stärker als ich. Inzwischen habe ich gelernt, zu mir selbst zu sagen: »Bleib sitzen! Das ist jetzt nicht wichtig.« Mit Konzentration hatte ich schon immer Probleme. In der Schule bekam ich oft Kommentare wie »Peter muss dem Unterricht aufmerksamer folgen« oder »Er hat gut begonnen, ließ sich aber zu schnell ablenken« auf mein Zeugnis. Ich denke schneller, als ich sprechen kann. Deshalb verhaspele ich mich manchmal, wenn ich etwas erzähle, und verliere den roten Faden. (Peter)

Warum dauerte die (An-)Erkennung von ADHS bei Erwachsenen so lange?

Vor mehr als einem Jahrhundert, 1902, um genau zu sein, hat der englische Kinderarzt George Still bereits Kinder mit starker Impulsivität, Hyperaktivität und einem Aufmerksamkeitsdefizit beschrieben. Das, was er damals als Auffälligkeit erkannt hat, weist eine große Ähnlichkeit mit der Störung auf, die wir heute ADHS nennen. Er war der Meinung, dass diese Kinder eine unzulängliche Kontrolle über ihr Verhalten hätten, und vermutete schon damals ein chronisches Problem, das sich unter Umständen bis ins Erwachsenenalter hinziehen könne. Still bildete die Ausnahme von der Regel. Die längste Zeit des vergangenen Jahrhunderts gingen Wissenschaftler davon aus, dass Kinder mit zunehmendem Alter aus diesem Problem herauswachsen würden. Sollte es überhaupt Erwachsene geben, die weiterhin an ADHS litten, könnte es sich allenfalls um eine kleine Minderheit von höchstens zehn Prozent der bereits als Kind Betroffenen handeln, lautete lange die vorherrschende Meinung.

Ende der Sechziger- und im Laufe der Siebzigerjahre wurden die ersten Forschungsergebnisse über Erwachsene mit ADHS veröffentlicht. In diesen Jahren verwendete man noch nicht den Begriff ADHS, sondern sprach von einem Minimal Brain Damage oder einer Minimal Brain Dysfunction (MBD) oder von einer hyperkinetischen Reaktion. In den Achtzigerjahren kam der Begriff Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) auf. Im Hinblick auf die wichtigsten sogenannten diagnostischen Merkmale unterscheiden sich diese Diagnosen alle leicht voneinander. Diagnostische Merkmale sind die Symptome, die notwendigerweise vorhanden sein müssen, um eine bestimmte Diagnose zu stellen. Die Unterschiedlichkeit der Diagnosen wird nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass die Störung, die wir heute als ADHS kennen, im Laufe der Jahre manchmal entweder in einem engeren oder in einem weiteren Sinne definiert wurde. Im engen Sinn bilden Aufmerksamkeitsprobleme, Unruhe und Impulsivität die diagnostischen Merkmale, im weiteren Sinn sind auch Stimmungsschwankungen, Lern- und Verhaltensstörungen sowie leichte motorische oder sensorische Schwierigkeiten Teil des Problems. Der Begriff ADHS wird nun schon seit Ende der Achtzigerjahre verwendet und verweist als Diagnose auf das Vorhandensein der Symptome: Aufmerksamkeitsdefizit, Ruhelosigkeit und Impulsivität (der Begriff wird also im engeren Sinne gebraucht). Die im weiteren Sinne darüber hinausgehenden Beschwerden bezeichnet man heute als »komorbide Probleme« oder »Begleiterkrankungen«. Sie müssen nicht vorliegen, um die Diagnose ADHS zu stellen, sie gehen aber häufig mit der Störung einher und verursachen zusätzliche Schwierigkeiten.

Während meiner ehrenamtlichen Arbeit in einem Ferienlager sah ich einige Kinder mit ADHS. Ich erkannte mich in vielen ihrer Verhaltensweisen wieder, darin, wie sie während des Essens einfach aufstanden und weggingen, ohne etwas zu sagen, oder wie sie die ganze Zeit einfach hin und her liefen. Ich sah darin nichts Falsches, doch die anderen Betreuer beschwerten sich und meinten, ich würde den Kindern zu viele Freiheiten lassen. Zu dieser Zeit, vor etwa zwanzig Jahren, war man noch der Überzeugung, dass ADHS nur bei Kindern vorkäme und sich spontan wieder »auswachsen« würde. Ich dachte damals: Ich hatte das früher auch. Erst Jahre später, nach vielen Rückschlägen und nachdem ich etwas über ADHS gelesen hatte, suchte ich professionelle Hilfe und erhielt die Diagnose ADHS. (Peter)

Es sollte bis in die Neunzigerjahre dauern, bis ADHS bei Erwachsenen gründlich erforscht wurde. Da ADHS (oder früher MBD und ADS) bei Kindern schon lange bekannt war, hatte man groß angelegte Studien durchgeführt, in denen Betroffene von ihrer Kindheit bis in die Adoleszenz und das junge Erwachsenenalter hinein in einem Monitoring beobachtet wurden. Das lieferte weitere Erkenntnisse über die Entwicklung der Störung im Laufe der Jahre und schließlich auch darüber, wie ADHS im Erwachsenenalter zum Ausdruck kommt. Aufgrund dieser Studien wissen wir heute, dass zwei Drittel der Kinder mit ADHS auch als Erwachsene weiterhin Symptome der Störung zeigen.

In den Neunzigerjahren wurde die Erwachsenenvariante von ADHS nicht nur von Wissenschaftlern allmählich ernst genommen, sie wurde, unter anderem durch den 1994 erschienenen Bestseller Driven to Distraction (in deutscher Übersetzung Zwanghaft zerstreut) der beiden Psychiater Edward M. Hallowell und John Ratey, auch in der Öffentlichkeit bekannter. Die Autoren wussten, worüber sie schrieben, denn sie kannten ADHS aus eigener Erfahrung. Ihr Buch wurde ausgesprochen populär, denn viele Menschen erkannten sich in ihren Schilderungen wieder und machten sich auf die Suche nach Experten, die sie untersuchen und sie unterstützen konnten. Das war gar nicht so einfach, denn Experten für ADHS bei Erwachsenen waren damals nicht leicht zu finden und sind es bis heute noch nicht. Die wenigen Spezialisten suchten unterdessen nach Möglichkeiten und Methoden des Umgangs mit ADHS bei Erwachsenen. Therapeuten und Wissenschaftler fühlten sich angesichts der damaligen Situation zu weiteren Forschungen zur Diagnose und Behandlung von ADHS bei Erwachsenen verpflichtet. Anregung dazu fanden sie in der Behandlung von Kindern mit ADHS, aber natürlich lässt sich davon nicht einfach alles auf Erwachsene übertragen.

Ich fragte meinen Hausarzt schon vor Jahren, ob er mich wegen ADHS nicht an einen Facharzt überweisen könne, denn ich sah, wie gut die ADHS-Behandlung meinem Sohn tat, und wollte diese Behandlungsmöglichkeiten ebenfalls nutzen. Ich erkannte die Symptome meines Sohnes immer stärker an mir selbst. Doch mein Hausarzt war der Auffassung, dass ADHS bei Erwachsenen so gut wie gar nicht vorkäme und es keine Experten dafür gäbe. Erst vor einem Jahr wurde bei mir offiziell die Diagnose ADHS gestellt. Was für eine Erleichterung. Endlich musste ich nicht mehr mit dem Gefühl leben, faul zu sein und mich nur nicht genug anzustrengen. (Jill)

Während immer mehr Therapeuten zu der Überzeugung gelangten, dass ADHS auch bei Erwachsenen auftritt, und daher intensiv nach der besten Behandlungsmöglichkeit suchten, war die neurobiologische Forschung ebenfalls nicht untätig. In Studien mit Kindern und Erwachsenen konnte sie nicht nur nachweisen, dass bestimme Hirnregionen bei Menschen mit ADHS anders funktionieren als bei Menschen ohne ADHS, sondern auch, dass die Störung familiär geprägt ist: Der Apfel fällt oft nicht weit vom Stamm. Wenn jemand in der Familie an ADHS leidet, ist das Risiko, dass weitere Familienmitglieder ebenfalls davon betroffen sind, wesentlich höher (im 2. Kapitel gehen wir darauf genauer ein).

Wie wird die Diagnose erstellt?

Sobald ein Krankheitsbild anerkannt ist, werden dessen unterschiedliche Symptome in offiziellen Handbüchern beschrieben. Das Standardwerk für psychologische und psychiatrische Störungen ist das DSM, das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, oder das ICD, die internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme. Experten stellen eine individuelle Diagnose, indem sie die Merkmale eines auftretenden Problems mit den Beschreibungen im DSM vergleichen. Alle paar Jahre wird das Handbuch überarbeitet und den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen angepasst.

Eine offizielle Diagnose

1987 wurde ADHS in der dritten überarbeiteten Ausgabe des DSM (DSM-III-R) zum ersten Mal erwähnt. Zuvor hatte man von einer hyperkinetischen Reaktion (DSM-II) und von einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) (DSM-III) gesprochen. Die letztere Bezeichnung wird zwar heute offiziell nicht mehr verwendet, ist aber umgangssprachlich noch weitgehend gebräuchlich. Gegenwärtig fallen alle Formen von Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität unter den Begriff ADHS, auch wenn man verschiedene Varianten unterscheidet:

ADS ist heute also zu einer Variante von ADHS geworden. Nach der neusten, aus dem Jahre 1994 stammenden Ausgabe des DSM (DSM-IV) und deren überarbeiteter Fassung aus dem Jahre 2000 (DSM-IV-TR) sind die am häufigsten auftretenden Symptome von ADHS: Aufmerksamkeitsdefizit und/oder Hyperaktivität und Impulsivität. Ein Betroffener muss eine Mindestzahl von ADHS-Symptomen aufweisen, um der Diagnose zu entsprechen. Die Anzahl und die Symptome sind in folgender Tabelle zusammengestellt.

DSM-IV-Kriterien von ADHS

A. Entweder Punkt (1) oder Punkt (2) müssen zutreffen.

(1) Sechs (oder mehr) der folgenden Symptome von Unaufmerksamkeit sind in einem Zeitraum von mindestens sechs Monaten hinweg in einem unangemessenen und mit dem Entwicklungsstand nicht zu vereinbarenden Ausmaß aufgetreten.

a) Ist häufig unaufmerksam gegenüber Details oder macht Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten und sonstigen Arbeiten und Aktivitäten,

b) hat oft Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder beim Spielen aufrechtzuerhalten,

c) scheint häufig nicht zuzuhören, was ihm/ihr gesagt wird,

d) befolgt Anweisungen oft nicht und kann Schularbeiten oder andere Arbeiten häufig nicht zu Ende bringen (nicht aufgrund von oppositionellem Verhalten oder Verständnisschwierigkeiten),

e) hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren,

f) hat eine Abneigung gegen Arbeiten (wie schulische Pflichten oder Hausaufgaben), die geistiges Durchhaltevermögen erfordern, und erfüllt sie daher nur widerwillig oder vermeidet sie,

g) verliert häufig Gegenstände, die er/sie für bestimmte Aufgaben oder Aktivitäten benötigt (z. B. Spielsachen, Hausaufgabenhefte, Stifte, Bücher oder Werkzeug),

h) wird häufig von äußeren Stimuli abgelenkt,

i) ist bei alltäglichen Aktivitäten häufig vergesslich.

(2) Sechs (oder mehr) der folgenden Symptome von Hyperaktivität (a bis f) und Impulsivität (g bis i) sind über einen Zeitraum von mindestens sechs Monate hinweg in einem unangemessenen und mit dem Entwicklungsstand nicht zu vereinbarenden Ausmaß aufgetreten.

a) Fuchtelt häufig mit Händen oder Füßen oder windet sich beim Sitzen,