HAUPTTITEL

Hubert Böke

Die Trauersprechstunde

Was in der Trauer weiterhilft

Patmos Verlag

Für Lene Thurøe Knudsen

INHALT

Vorwort

1.   Wie lange wird die Trauer dauern?

2.   Wo sind unsere Verstorbenen?

3.   Wie finde ich aus meinen Schuldgefühlen heraus?

4.   Ist es normal, dass ich mich so schwach fühle?

5.   Wie soll ich das alles alleine schaffen?

6.   Hat mein Leben noch einen Sinn?

7.   Ist das noch Trauer oder schon eine Depression?

8.   Darf ich zornig sein?

9.   Ich kann nicht weinen. Was hilft mir aus meiner Starre heraus?

10. Warum träume ich nicht von ihm/von ihr?

11. Wenn ich einmal lache und mich freue, denke ich sofort: Das darfst du nicht! Aber wer sagt denn das?

12. Wie kann ich lernen, mir Hilfe und Unterstützung zuzugestehen?

13. Wie gehe ich mit all den »guten« Ratschlägen um, die mir nicht weiterhelfen?

14. Warum trauern wir so verschieden?

15. Muss ich mich wehren gegen den Wunsch, ihm/ihr hinterhergehen zu wollen?

16. Ich rede mit ihm/ihr, als wäre er/sie noch bei mir. Bin ich noch »bei Trost«?

17. Wenn ich spüre, dass er/sie bei mir ist, träume ich das nur oder kann das wirklich sein?

18. »Du bist so anders, so eigen geworden!«, wird mir vorgehalten. Ist es nicht gut, »eigen« zu sein?

19. Viele können mit meiner Trauer nicht umgehen. Wie kann ich mir und ihnen helfen?

20. Wenn ich mich nach einer neuen Partnerschaft sehne, bin ich dann untreu?

21. Muss ich wirklich »loslassen«?

22. Ist es seltsam, dass ich nicht gerne zum Grab gehe?

23. Warum?

24. Kann ich etwas tun gegen die nächtlichen Ängste und die Schlaflosigkeit?

25. Die schrecklichen Bilder des Sterbens überlagern alle Erinnerungen. Was hilft mir, mich auch wieder an die guten Zeiten erinnern zu können?

26. Im Sterben war ich an seiner/ihrer Seite. Werde ich in meinen letzten Stunden alleine sein?

27. Gibt es gute Gründe, an ein Wiedersehen zu glauben?

28. Wie kann ich die Jahrestage so gestalten, dass ich nicht in neuer Trauer versinke?

29. Werde ich irgendwann damit leben können, dass er/sie mich durch den Suizid alleine zurückgelassen hat?

30. Wie kann ich damit leben, dass wir keinen Frieden miteinander gefunden haben?

31. »Über Verstorbene nichts, es sei denn Gutes.« Wenn es aber nicht immer »gut« war zwischen uns?

32. Gibt es Rituale, die mir in meiner Trauer helfen können?

33. Ist jetzt die Zeit der Trauer bald durchgestanden?

34. Darf ich wieder glücklich sein?

Mein Herz ist wie April

Unterstützende Angebote in der Trauer

Anmerkungen

Vorwort

Trauern tut weh. Von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen, ist eine der schmerzlichsten Krisen und eine der größten Herausforderungen unseres Lebens. Der Verlust zerreißt die Seele. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Die Zeit der Trauer ist eine Zeit tiefer Abstürze und heftiger innerer und äußerer Kämpfe. Es ist nicht allein der Schmerz über den erlittenen Verlust. Das ganze bisherige Leben steht auf dem Kopf. Es ist die wunde Leere im Herzen und es ist ein völlig veränderter Alltag.

»Ich komme mir vor, als wäre ich in ein ganz anderes, fremdes Land geraten«, beschreibt eine Trauernde ihr Erleben. »Alles ist so anders als früher. Ich verstehe gar nicht mehr, was um mich herum geschieht. Die Leute reagieren anders, hilflos oft. Es ist, als würden wir nicht mehr dieselbe Sprache sprechen, als wäre da eine Wand aus Glas zwischen uns. Ich selbst komme mir so hilflos, so sprachlos vor. Meine Gefühle fahren Achterbahn. Vielleicht reagiere ich deshalb manchmal so dünnhäutig, so angekratzt. Ich kenne mich selbst nicht mehr.«

Dieses Bild von einem »fremden Land«, in das ein Trauernder hineingerät, ist ein sehr persönliches Bild. Nicht jeder wird sich darin wiederfinden. Gewiss aber erleben viele Menschen die Trauer als eine verstörende, beängstigende und vor allem sehr schmerzliche Erfahrung, der sie sich im Grunde nicht gewachsen fühlen.

Denn der große Verlust ist unerträglich und zuzeiten einfach nicht auszuhalten. Dennoch bleibt Trauernden nichts anderes, als sich dieser veränderten Welt zu stellen. Irgendwie muss man seinen Alltag bestehen, muss (wenn es der Partner ist, den man verloren hat) eine neue Rolle im Leben finden: als »Alleinstehende(r)« – so sehr man diesen Begriff hassen mag.

Ich hoffe sehr, dass Sie, liebe Leserin, lieber Leser, nicht alleine stehen; dass Menschen an Ihrer Seite sind, die auch in der Trauer bei Ihnen bleiben; Angehörige, Freunde, die zu Ihnen stehen (oder sich neu einfinden) und die bereit sind, die Achterbahn Ihrer Gefühle mit Ihnen auszuhalten. Aber auch Sie werden es schon erlebt haben, dass sich dann und wann mit einem Mal eine Wand aus Glas auftut. Trauer kann sehr einsam machen. Weil andere mit der Trauer nicht umgehen können oder es – auf Dauer – nicht wollen. Aber auch, weil man es mit sich selbst schwer hat und es den anderen nicht leicht macht.

In diesem fremden Land der Trauer Menschen zu begegnen, die in einer ähnlichen Ausnahmezeit leben, kann eine große Hilfe sein. Sie sprechen oft dieselbe Sprache, weil sie am eigenen Leib erfahren, wie Trauer sich anfühlt. Das nimmt der eigenen Trauer nicht die Schwere, aber es lässt einen nicht mehr so allein sein: Auch andere machen diese Erfahrungen, oft am Ende der eigenen Kraft zu sein, nicht mehr zu wissen, wie es weitergehen soll, den Schmerz kaum noch ertragen zu können. Auch andere machen diese Erfahrung, dass sich das Leben in der Trauer ganz anders anfühlt – ein Leben, für das man sich gar nicht gewappnet fühlt. Auch andere fragen sich, wenn sie sich so sehr »neben der Spur« erleben: »Bin ich noch ›normal‹?«

In den zurückliegenden 25 Jahren haben meine Frau Lene Knudsen und ich Menschen in ihrer Trauer begleitet – im Auftrag des Evangelischen Kirchenkreises Leverkusen, offen aber für jede und jeden: in Einzelgesprächen, in Trauergruppen (oder »Trauerkreisen«) und in den letzten sieben Jahren in der »Begegnungsstätte auf dem Friedhof Reuschenberg«. Vor allem unser Pavillon mitten auf dem größten der Leverkusener Friedhöfe ist für viele Trauernde zu einem guten Ort geworden. Hier begegnen sie Menschen, die wie sie selbst die Trauer kennen. So ist unsere Arbeit ein Angebot von »Trauernden für Trauernde«. In einem Team von bis zu 20 Frauen tun hier jeweils zwei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen ihren Dienst, laden zu einer Tasse Kaffee ein und hören einfach zu. Hier wird viel geweint, aber auch viel gelacht – vielleicht gerade weil sich hier Menschen mit ihrer Trauer aufgehoben fühlen. In »unserem Häuschen«, wie der Pavillon von Mitarbeiterinnen und Besucherinnen liebevoll genannt wird, hat die Trauer ihren Raum; aber auch der (über die Zeit wachsende) Wunsch, wieder »ins Leben« zurückzufinden. Deshalb geht es in unserem Pavillon oft auch munter zu, wenn gemeinsame Aktivitäten, Ausflüge, Theaterbesuche und Reisen verabredet werden.

Aus dieser Arbeit heraus und aus unzähligen Gesprächen mit Menschen in ihrer Trauer entstand die Idee zu diesem Buch. »Die Trauersprechstunde« greift ganz konkrete Fragen auf. Fragen, wie sie uns in Einzelgesprächen gestellt wurden; Fragen, die wir hören, wenn Trauernde miteinander im Gespräch sind. – So hoffe ich sehr und bin ganz gewiss, dass Sie selbst sich in vielen dieser Fragen wiederfinden.

»Die Trauersprechstunde« ist kein Buch, das man vom Anfang bis zum Ende lesen muss, sondern eher ein Nachschlagewerk. Die Reihe der Fragen folgt keiner besonderen Anordnung. Ich lade Sie vielmehr ein, die Seiten immer wieder einmal durchzublättern. Bis Sie auf die Frage stoßen, die Sie jetzt – in diesem Augenblick – besonders anspricht. An einem anderen Tag wird es eine andere Frage sein, die Sie gerade beschäftigt. Welche Frage Ihnen gerade wichtig ist, wird auch davon bestimmt sein, auf welchem Wegabschnitt Ihrer Trauerzeit Sie sich selbst erleben. Unmittelbar nach dem Abschied stehen andere Fragen im Vordergrund als nach Monaten und Jahren der Trauer.

Sie können das Buch auch vom Ende her lesen und mit der Erzählung »Mein Herz ist wie April« beginnen. Es ist die Geschichte einer Trauernden, die Sie mitnimmt auf ihren ganz persönlichen Weg durch die Trauer. Zwischen den Zeilen finden sich viele der Themen, die in den Fragen des Buches aufgegriffen werden.

Die »Antworten« auf diese Fragen bleiben so nahe wie möglich an dem, was wir in unserer Trauer begleitenden Praxis erlebt haben. Von einem französischen Arbeiterpriester, den ich während meines einjährigen Arbeitsaufenthaltes auf Sizilien kennen und schätzen gelernt habe, ist mir vor allem sein Leitspruch in Erinnerung geblieben: Das, wofür er sich engagierte, sollte immer geschehen »in manera concreta«, das heißt in ganz konkreter Weise. Ich hoffe, dass mir das in meinen Antworten gelungen ist. Dazu hilft gewiss, dass ich immer wieder (wenn auch anonymisiert) von konkreten Menschen in ihren konkreten Situationen erzähle. Mir ist dabei sehr bewusst, dass es an Ihnen selbst ist, die jeweilige Antwort auf die Tauglichkeit für Ihre eigene Situation zu prüfen. Wenn ich in meiner langjährigen Arbeit als Seelsorger etwas gelernt habe, dann dieses: dass wir Menschen unseren ganz eigenen Weg gehen müssen. Der Rat eines anderen hat deshalb immer nur einen begrenzten Wert. Lesen Sie und prüfen Sie, was für Ihre Trauer, für Ihr Leben stimmig ist. Wenn eine Antwort hilfreich sein kann, freut es mich. Wenn Sie spüren: ›Das passt nicht für mich‹, dann verwerfen Sie diese Antwort. Darum bitte ich Sie!

Auf manche Ihrer Fragen mag es jetzt auch noch keine Antwort geben. Sie finden sich manches Mal erst mit der Zeit.

Rainer Maria Rilke schreibt in seiner unvergleichlichen, dichten Sprache an einen jungen Dichterfreund:

»… ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, … Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.«

Noch eine Nachbemerkung in eigener Sache: Weil ich Pastor und Seelsorger bin, werden Sie immer wieder auch kurze Texte aus der Bibel finden, vor allem aus den Psalmen; auch weil sie uns ihre leiderfahrene Sprache leihen können, wenn wir nach Worten suchen für das eigene Leid. – Und natürlich ist die Antwort eines Pfarrers sicher nicht zu lösen von seinem eigenen Glauben und der Weise, wie er das Leben deutet. Ich hoffe, Sie werden es beim Lesen eher als Bereicherung empfinden. Auch hier bemühe ich mich um eine »manera concreta«, die aus meiner beruflichen und persönlichen Erfahrung kommt.

Herzlich willkommen also in der »Trauersprechstunde«.

Hier soll Raum sein für Ihre Fragen, Ihre Trauer, Ihren Schmerz.

Lassen Sie uns aber auch gemeinsam auf das schauen, was in der Trauer weiterhelfen und neuen Mut zum Leben geben kann.

Ihr

Hubert Böke

1. Wie lange wird die Trauer dauern?

Ganz so lange ist es nicht her, dass Trauernden bei uns ein »Trauerjahr« zugestanden wurde. Die Erfahrung hat Generationen gelehrt, dass ein Mensch in seiner Trauer alles zumindest einmal durchlebt haben muss: einmal den Geburtstag, einmal den Hochzeitstag, einmal den Sterbetag, einmal Weihnachten und die dunkle Jahreszeit 

Erst nach einem Trauerjahr, so die Erfahrung, kann es – vielleicht – gelingen, dass das (eigene) Leben wieder zu seinem Recht kommt; dass der Mut zurückkehrt, sich dem Leben noch einmal zu stellen.

Ein Jahr zumindest steht uns der schützende Mantel des Trauern-Dürfens zu – nicht ein Monat, nicht ein halbes Jahr: ein Jahr. Aber in unserer schnelllebigen, auf Erfolg und Ansehen getrimmten Zeit scheint vielen Gedankenlosen und Un-Erfahrenen ein Jahr viel zu lang: »Das ist doch schon sechs Wochen her. Jetzt musst du aber wieder … funktionieren!«

Viele Menschen erleben, dass ihre angeschlagene, wehe Seele nicht einfach wieder »funktioniert«, dass es Zeit braucht, wieder ins Leben zurückzukommen – und ebenso viel Schmerzertragen, viel Leere, viel Aushalten, viel Überlebenskampf, viel Mut, nicht aufzugeben.

Nicht wenige erleben, dass ein Jahr in ihrer Trauer vergangen ist – und es scheint, als sei alles erst gestern geschehen. Oft wächst nach der ersten Zeit ganz langsam eine dünne Schutzhaut über die Seele. Aber es braucht nicht viel, und die Wunde reißt auf und der bittere Schmerz bricht wieder auf.

Trauern bleibt lange eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Wie lange das so ist und wann das Auf und Ab ganz langsam abflauen wird, kann keiner für einen anderen Menschen voraussagen. Das ist so individuell, wie wir Menschen und unsere Lebenssituationen es sind. Es kann nach dem ersten Trauerjahr erträglicher werden, es kann aber auch zwei, drei Jahre dauern, bis Sie ein bleibenderes Gefühl dafür bekommen, dass Ihnen Ihr Leben wieder lebenswerter erscheint.

Aber auch das lehrt die Erfahrung – und es ist die Erfahrung aller Menschen zu allen Zeiten: Irgendwann wird der Alltag wieder erträglicher. Irgendwann rufen die Erinnerungen nicht mehr nur Schmerz hervor, sondern sind auch ein Grund zur Dankbarkeit. Irgendwann gehen neue Türen ins Leben auf – und es kommt der Mut, es noch einmal zu wagen mit dem Leben. – Der, der uns vorausgegangen ist, wird der erste sein, der es uns von ganzem Herzen wünscht.

Wenn diese Zeit kommt, ist es gut, die Türe aufzumachen und es nicht für Untreue zu erachten, dass das Leben noch einmal – wenn auch anders – Freude bringt. Die Wunde im Herzen bleibt, der leere Platz an unserer Seite bleibt, aber irgendwann wacht man auf und spürt: Ich lebe noch.

Wie lange Ihre Seele dazu brauchen mag? Sie braucht die Zeit, die sie braucht.

Und das sollten Sie auch anderen deutlich machen. – Es steht Ihnen zu.

2. Wo sind unsere Verstorbenen?

Niels, der sechsjährige Sohn eines Freundes, geht gerne mit seiner Oma zum Grab des Großvaters. »Wann gehen wir wieder Opa besuchen?«, fragt er jedes Mal, wenn er bei der Großmutter ist. Ihr tut das gut, weil sie spürt, dass ihrem Enkel der Großvater wichtig ist. Vielleicht spürt der kleine Niels auch, dass es seiner Großmutter guttut, den Opa auf dem Friedhof zu besuchen.

Als die Oma an einem sehr kalten Tag die Tränen nicht zurückhalten kann, nimmt er sie bei der Hand und sagt: »Du musst nicht traurig sein. Opa ist doch im Himmel. Da muss er bestimmt nicht frieren.«

Für den Sechsjährigen ist offenbar beides zugleich möglich: dass der Opa auf dem Friedhof ist (und dass er ihn dort besuchen kann) und dass er im Himmel ist (wo es keine kalten Winter gibt). Woher er das weiß? Sicher hat er Erwachsene davon reden hören. Aber oft sehen Kinder die Dinge klarer, die wir »Großen« nicht verstehen.

Auf dem Friedhof verspüren viele Menschen eine tiefe Verbundenheit mit ihren Verstorbenen. Es ist der Ort, an dem das, was körperlich bleibt – die »sterbliche Hülle« –, zur letzten Ruhe gebettet ist. Aber ist das Grab auch der Ort, an dem die »Seele« unserer Liebsten zu Hause ist? Für Niels scheint das gar keine Frage sein. Beides stimmt für ihn.

»Wo sind unsere Verstorbenen?« Die Antwort weiß vielleicht ein Kind, uns Erwachsenen machen solche Fragen eher ratlos. Wie Reinhard Mey es in seinem Lied besingt: Die Frage, was ist, wenn wir nicht mehr leben, bringt ihn »aus dem Lot«. Er wagt dann doch eine Antwort, im letzten Vers auch zu der Frage, wo unsere Verstorbenen sein mögen:

Du hast mir schon Fragen gestellt

über »Gott und die Welt«,

und meist konnt’ ich dir Antwort geben.

Doch jetzt bringst du mich aus dem Lot

mit deiner Frage nach dem Tod

und »was ist, wenn wir nicht mehr leben?«

Ich stelle mir das Sterben vor

so wie ein großes helles Tor,

durch das wir einmal gehen werden.

Dahinter liegt der Quell des Lichts,

oder das Meer, vielleicht auch nichts,

vielleicht ein Park mit grünen Bänken,

doch eh’ nicht jemand wiederkehrt

und mich eines Besseren belehrt,

möcht’ ich mir dort den Himmel denken.

Höher als Wolkentürme steh’n,

höher noch als Luftstraßen geh’n,

Jets ihre weißen Bahnen schreiben.

Jenseits der Grenzen unsrer Zeit,

ein Raum der Schwerelosigkeit,

ein guter Platz, um dort zu bleiben.

Fernab von Zwietracht, Angst und Leid,

in Frieden und Gelassenheit,

weil wir nichts brauchen, nichts vermissen,

und es ist tröstlich, wie ich find’,

die uns vorangegangen sind

und die wir lieben, dort zu wissen.

Und der Gedanke, irgendwann

auch durch das Tor zu geh’n, hat dann

nichts Drohendes, er mahnt uns eben,

jede Minute bis dahin,

wie ein Geschenk, mit wachem Sinn,

in tiefen Zügen zu erleben.

REINHARD MEY1

3. Wie finde ich aus meinen Schuldgefühlen heraus?

Zur Trauer gehört fast unabwendbar ein oft heftiges Schuldgefühl. »Hätte ich nur eher gespürt, wie krank er ist … früher darauf bestanden, dass sie zum Arzt geht … mehr Geduld gehabt … öfter gezeigt, dass ich ihn, dass ich sie liebe …« Erinnerungen an Streit und Verletzungen sind wie eingemeißelt ins Gedächtnis. Im Angesicht des Todes kommt das alles so sinnlos und lieblos daher. Jedes »falsche Wort« wird zehnfach auf der Waage gewogen. Die Erschöpfung, das eigene »Ich kann nicht mehr«, die stille Bitte um Erlösung (bei einem langen Leidensweg) wird zum Bumerang, der die Seele martert. – Und manchmal weckt allein die Tatsache Schuldgefühle, dass meine Liebsten die Sonne nicht mehr scheinen sehen und ich selbst noch lebe.

Von außen betrachtet mögen viele dieser Gefühle keinen wirklichen Grund haben. »Du brauchst dir keine Vorwürfe machen« oder »Du bist zu streng mit dir«, heißt es dann. Doch auch wenn es kurzfristig guttun mag, das zu hören, bringt dieser wohlmeinende Rat eines anderen die Selbstvorwürfe nicht zum Schweigen.

Was kann ich also tun? Kann ich überhaupt etwas tun, wenn ich mich doch so schuldig fühle?

Es bleibt oft nichts anderes, als diese Gefühle immer und immer wieder »durchzuarbeiten«; sie noch einmal und noch einmal regelrecht »durchzukauen« – vielleicht hundert, vielleicht tausend Mal. Bis irgendwann die Selbstvorwürfe leiser und andere Gefühle stärker werden. »Wir haben doch vieles miteinander gut geschafft. Es ist doch nicht wahr, dass meine Liebe nur schwach war. Da ist so viel Schönes, an das ich mich erinnern kann; so vieles, wofür ich danken kann. – Und das, was ich, was wir nicht hinbekommen haben: Es ist so, wie es ist. Es macht unsere Liebe nicht klein.«

Ein 59-Jähriger malt seit seiner Frühpensionierung. In den letzten Monaten vor seinem Herztod malt er »Vier Jahreszeiten«. Den Frühling und den Sommer hat er vollendet. Das Herbstbild ist zur Hälfte gemalt, der Winter ist nur Skizze. Der plötzliche Tod lässt sein letztes Werk Stückwerk bleiben. Die Ehefrau weiß nicht, was sie mit den vier Bildern tun soll. Sie belässt sie im Werkraum ihres Mannes. Schmerzlich ist ihr der grausame Sinn seiner Bildfragmente bewusst. Die letzten Jahreszeiten hat er nicht mehr vollendet. Mitten im Herbst reißt der Lebensfaden ab. Sie hatten so viele Pläne. Wie in vielen Ehen hatte das Berufsleben nicht viel Zeit für anderes gelassen. Jetzt hatten sie vor, sich ihr Leben schön zu machen, sich mehr zu gönnen als früher. Reisen wollten sie, mehr Zeit zu zweit verbringen. Er wollte malen, sie ihre Musik pflegen. Sie wollten ihr Leben genießen.

Ihr Schmerz machte sich an den Bildern fest. Oft stand sie davor und malte seine Bilder in Gedanken zu Ende. Welche Farben hätte er hier genommen, wie hätte er diesen Winterbaum gemalt? Manchmal kamen heftige Gefühle auf: Da hätte unser Leben anders sein sollen, da hätte ich stärker sein müssen, da hätte ich nicht so vieles falsch machen dürfen, da hätte ich … Ja, hätte ich, hätten wir noch eine Chance, dann würde ich das Bild an dieser Stelle heute ganz anders malen.

Aber so ist das im Leben nicht. Geschehenes lässt sich nicht ungeschehen machen, eine gemeinsame Zukunft kann man nicht allein weiterleben. Lange Monate hat die Ehefrau vor den Bildern ihres Mannes gestanden, hat sie in Gedanken weitergemalt, hat sie an der einen oder anderen Stelle übermalen wollen. Irgendwann hat sie das »Malen« aufgegeben. Irgendwann kam ihr die Erkenntnis: »Ich kann nichts mehr hinzufügen, ich kann nichts mehr wegstreichen. Es ist unser Leben, es ist unsere Liebe. Wir haben Gutes und Schönes miteinander erlebt. Ich habe wirklich Grund zu danken. – Es lagen auch Steine genug auf unserem gemeinsamen Weg und manchen Knüppel haben wir uns selbst zwischen die Beine geworfen.«

Als sie das »Malen« aufgab holte sie die Bilder aus seinem Werkraum ins Wohnzimmer und hängte sie dort auf. »Es sind seine Bilder. Und sie sollen ihren Platz haben bei mir.« Als sie mir später von all dem erzählte und wir gemeinsam die »Vier Jahreszeiten«-Bilder anschauten, fiel mir der Vers ein aus dem »Hohen Lied der Liebe« (1. Korintherbrief im 13. Kapitel). Es war der Text der Traueransprache:

»Es ist alles Stückwerk.

Heute sehen wir nur

wie in einem dunklen Spiegel;

dann aber werden wir schauen

von Angesicht zu Angesicht.«

4. Ist es normal, dass ich mich so schwach fühle?

Wer nur ein Bruchteil dessen erlebt und durchleidet, was uns Trauernde in all den Jahren anvertraut haben, der kann eigentlich gar nicht anders, als sich das zu fragen: »Bin ich noch normal?« – Tatsächlich hören wir diese Frage von Trauernden mehr als häufig, wenn sie erzählen: