Inhalt


Begrüßung

Im Bann einer geheimnisvollen Insel

Der kleine Tomai

Jenseits des Sprachhorizonts

Wörterndes Gezwatscher

Der Klorohrbaum im Kohlenkeller

Schweigendes Sprechen

Löcheln, Licht und Länder jenseits der Morgenröte

Grenzen gibt’s, die gibt’s gar nicht

Der rot-weiße, klengschrankende Drohglocken-Bahnübergang

Der Spitzdosenjunge und seine Picknick-Plätzchen

Allein in der Roten Gruppe

Wandernde Taler und ein angebissener Abreißkalender

Der Arm, der einfach nicht brechen wollte

Straßenschluchten im Supermarkt

Im Zeichen des »Rast ich, so rost ich«

Tischender Turm am ersten Tornistertag

Fahrt ans oogige Ende der Welt

Löcher in verborgene Welten

Blutende Spielregeln

Betonfußball, bis die Fantabunten kommen

»Wenn du nicht bald mal spurst, kommst du ins Heim!«

Laut Tachogesetz vollzufahren bis 9999,9 km

Das erstarrte Fein

Im Skat gibt’s ja doch eine Herz-4!

Die bizarre Zahl und der unheimliche Berg

Meine lehrerrot blutende Seele

Eiternde Sterne, Lichtjahre und langnullige Zahlen

Gießkannenflüsse in Toffelland

Das verlorene Autochen

Pfennige, Pilze und Perihel

Die weihnachtliche Passstraße zum Licht

Der Komet und die Kakteen

Tubukuai geht nun vorbei

Mein Leben rund ums Mondmosaik

In den Straßen des Gymnasiums

»Auf dassss Tor doch nicht, du Depp!«

Der Baumschubser

Im Tunnel der Polypen

Die tollen Tabellenbücher

»Dann spring doch!«

Gesichterlose, kachelreiche Kunstwerke

Urlaub im Alltag

Belächeltes Verblüffen

Sehnsüchte sind der einzige Wegweiser!

Kirchgang ohne Gottesdienst

Der Tag, an dem Adam und Eva sterben

Gruppenallein zwischen Fjord und Fjell

»Du musst dich da mehr durchbeißen!«

Bibliotheksasyl

Der Pinselstrich

Die Hitformel aus 3:04 min Da diddley qa qa

Straßenwelten

Die »States of Japetus on Earth«

Aufbruch nach Amerika

Der Botschafter vom Saturn

Der durch null dividiert

Wo die Reise hingeht

Als die QE2 auf dem »Highway to Hell« zerschellt

JAPEL, das Grundgesetz des Lebens

Sprachliche Matrjoschkas und Fleischerhakenformeln

Nullstein reloaded und die Relativität von Koyaanisqatsi

Am Tor zur Welt

Inseln der Stille

Im skandinavischen Lärchenpanoramazimmer

Auf Wiederlesen

Autismus verstehen

Danksagung

Bildtafel

Peter Schmidt

Der Junge vom Saturn

Wie ein autistisches Kind die Welt sieht

Patmos Verlag

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Begrüßung

Liebe Leserinnen und Leser!

Indem Sie dies lesen, spricht der Junge vom Saturn schweigend zu Ihnen.

Auf seinem Weg von irgendwoher nach irgendwohin fühlt sich der kleine Junge irgendwarum anders als andere. Sein Leben ist geprägt von scheinbaren Widersprüchen. Er will die Welt entdecken, aber alles soll so gewohnt funktionieren wie zu Hause. Er sucht fruchtbares Land in einer Wüste und gerade Straßen mit vielen Kurven. Konkurrierende Sehnsüchte bestimmen sein Leben. Wie beim Regenbogen wird sein Leben erst dann bunt, wenn Sonnenschein und Regen sich vereinen.

Einerseits fasziniert der Junge seine Mitmenschen wie ein exotisches Zootier. Andererseits kommt er mit den Gefühlen seiner Mitmenschen nicht klar und sie nicht mit seinen. Man bewundert ihn wie den Mount Fuji in Japan. Bizarr und perfekt geformt, die allermeiste Zeit still und erhaben. Aber dieser Berg ist so, wie er ist, weil er auch hin und wieder ausbricht. Unbeherrschbar für die Mitmenschen. Schmerzhaft für den Jungen. Niemand weiß, dass der Junge ein Autist ist.

Autisten sind wie Inseln, wenn Gesellschaften die zusammenhängenden Kontinente darstellen. Inseln haben verschiedene Ausprägungen. Es gibt flache Koralleninseln und gebirgige Vulkaninseln, warme und kalte, große und kleine, feuchte und trockene, bizarr geformte, festlandnahe und festlandferne. Ihre einzige Gemeinsamkeit ist ihre Eigenschaft als Insel, das Sein als ein Stück Land, das vollständig von Wasser umgeben ist.

Im Bann einer geheimnisvollen Insel

Frühlingshaftes, liebliches Vogelgezwitscher kündigt einen neuen Tag an. Und immer wieder gockelt es draußen. Das krächzende, kraftvolle Krähen ortsansässiger Dorfhähne umrahmt die Stille. Noch liege ich im Bett. In einem weißen, einfach eingerichteten Raum. Ich genieße dieses Konzert der Natur. Ich bin an einem ganz besonderen Ort. Einem Ort, der alles hat, was ich wirklich brauche. Und der alles nicht hat, was ich nicht nur nicht brauche, sondern was mich auch stören würde: brummender Lärm, menschliches Gezwatscher, grelles Gewusel und großes, gewaltiges Gedöns aller Art.

Ich entbette und klamotte mich in rotblau, meinen Farben. Rotes T-Shirt mit weißen, strukturgebenden Schulterstreifen, blaue, eingetragene Jeans, hinten mit abgerundeten, aufgesetzten Taschen und einfacher Naht. Dann gehe ich aus dem Drinnen ins Draußen. Herrlich. Es himmelt azurblau. Die Sonne gleißt den Horizont. Was für morgenfrische, blütenbunte, intensive Farben, akzentuiert durch lange Schatten. Sie erinnern mich an eine Zeit, die längst vergangen ist. Wie ich als kleiner Junge gen Osten aus dem Küchenfenster schaute und wissen wollte, wie das Ende der Welt und das Land jenseits der Morgenröte aussehen. Damals gockelte es zu Hause genauso wie hier. Und die kahlen Bäume warfen bei Sonnenaufgang ihre langen Schatten auf das winterstarre, blassgrüne Land.

Vor einem halben Jahr habe ich begonnen, Geophysik zu studieren. Doch an der Uni wurden die neuguten Zeiten schnell zu altguten. Neugut deshalb, weil ich eine zweite Chance hatte, Beziehungen zu Menschen aufzubauen. Altgut deshalb, weil ich zwar die fachlichen Anforderungen des Studiums erfülle und es mir grundsätzlich gut geht, mir aber der Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen auch hier nicht gelingen will. Wieder stoße ich schnell an eine mysteriöse, gläserne Mauer. Ich hatte gehofft, beim Studium Menschen kennen zu lernen, die so sind wie ich. Doch stattdessen spüre ich nach wie vor eine große Distanz zwischen mir und den anderen.

Nun blicke ich auf kleine Häuschen, weißgestrichene, flache Casas, die inmitten spitzgratiger, pechschwarzer Lava stehen. Und irrgartenhafte Fußwege, begrenzt von Lavahecken. Dort, wo keine Lava liegt, dehnen sich schwarzerdige Felder voller Kakteen aus. Niedrige Buschwälder aus ordnungsvoll gepflanzten Opuntien. Im Osten liegt das blaue Meer, im Westen das Vulkangebirge. Da, wo ich gerade bin, wollte ich eigentlich gar nicht sein. Ich bin aber froh, diesen Ort gefunden zu haben. Die erste warme Oase der Ruhe nach meinem Abitur. Mala auf Lanzarote.

Von hier breche ich auf, um zu verstehen, um mein inselhaftes Sein ebenso wie die ganze Insel Lanzarote kennen zu lernen. Besonders die Montañas del Fuego will ich sehen. Die Feuerberge. Als ich die Mondlandschaft am anderen Ende der Insel erreiche, erlebe ich ein gewaltiges Déjà-vu. Ich habe alle diese Berge in diesem Leben schon einmal gesehen, obwohl ich noch nie in meinem Leben hier war. Da bin ich mir ganz sicher. Da sind einfach viel zu viele Details, die ich wiedererkenne. Das hier, das ist kein normales Déjà-vu, nein, es ist strenger.

Diese Vulkanberge kenne ich! Dieser stahlblaue Himmel. Diese bizarren Formen und Farben. Ich spule mein Leben ab, begebe mich in meine interne Zeitmaschine, bis ich in meiner Kindheit geistig innehalte. Es ist Januar. Im Jahr 1975. Ja, jaaaa, jaaaaaaa. Das … das … das sind genau die spannenden Berge, auf denen damals so komische, kugelige Antennen standen. Die mit schillerndem Lärm grelle Blitze auf alle Menschen schossen, die sich ihnen näherten. Die oft auch aus Löchern im Boden ausgefahren kamen, um Forscher und Abenteurer am Besteigen des Vulkans zu hindern.

Ich erstarre. Denn ein Kindheitstraum geht in diesem Moment völlig unvorbereitet in Erfüllung. Damals mit neun Jahren wollte ich unbedingt dahin. Diese Berge selber besteigen. Ich kaufte Bücher, um mehr über solche geheimnisvollen Berge, Vulkane genannt, zu erfahren. Es war die Geburt einer Sehnsucht.

Und nun stehe ich tatsächlich inmitten der tollen, prägenden Vulkanlandschaft aus dem mehrteiligen Film Die geheimnisvolle Insel nach einem Roman von Jules Verne. Er erzählt die Geschichte von Abenteurern, die im zentralen Vulkan der Insel die »Nautilus« mit ihrem »Herrscher einer versunkenen Welt« entdeckten. Ich konnte damals kaum abwarten, bis der nächste Teil endlich kam.

Die Handlung des Films: weitestgehend vergessen. Die menschlichen Charaktere: ganz vergessen. Aber diese Vulkanlandschaft! Jedes Detail ist noch da. Damals, im Januar 1975, erreichte mich die Sehnsucht nach Vulkanen, nach bizarren, übersichtlichen, weiten Landschaften. Nur deswegen habe ich diesen Mehrteiler damals gekuckt. Die Sache mit dem U-Boot im Vulkan: Schwachsinn. Aber diese Landschaften! Ich hätte damals nie gedacht, dass ich genau diese außerirdisch anmutende Vulkangegend einmal selbst zu sehen bekomme.

Wieder zurück in Mala verarbeite ich das Erlebte. Die Geschehnisse der letzten Jahre haben die Erinnerungen an ganz frühe Jahre zusedimentiert. Nun reißen die neuen Sedimente auf, es bahnen sich ganz frühe Kindheitserinnerungen ihren Weg an die Oberfläche, so als würde Magma die Sedimente der Vergessenheit durchstoßen. Ich stehe an einem Aussichtspunkt auf mein eigenes Leben. Dem ersten, nachdem ich meine Heimat, das Elternhaus, das Haus der Papamamas, verlassen hatte. Nachdem ich ausgezogen war, um die große, weite Welt zu entdecken.

Wie damals, am 3. Januar 1966, einem azurblauen Montag, als ich zu einer violettblaugrünen Uhrzeit, um 9:35 Uhr, direkt dem Licht der Welt ausgesetzt wurde, als ich meine körperliche Unabhängigkeit erreichte.