Hans-Dieter Otto

Verblüffende Siege

Die größten Überraschungscoups der Kriegsgeschichte

Jan Thorbecke Verlag

Für Thomas

»Der Krieg ist nur um des Friedens Willen da.«

Aristoteles, »Politik«, VII, 14

INHALT

David gegen Goliath – ein Vorwort

Der Krieg zwischen Israel und den Philistern ist erneut ausgebrochen. Seit 1200 v. Chr. lebt dieses kulturell hoch entwickelte Volk an der Südwestküste Palästinas. Nun will es die benachbarten Israeliten endgültig besiegen und vertreiben. Bei Ephes-Dammin stehen sich die beiden Heere, nur durch ein Tal getrennt, kampfbereit gegenüber. Alles wartet auf den Beginn der entscheidenden Schlacht. Da tritt aus den Reihen der Philister ein riesiger Mann hervor. Er stammt aus Gath und heißt Goliath. Sechs Ellen und eine Handbreit sei er groß gewesen, berichtet die Bibel im 17. Kapitel des 1. Buches Samuel. Das entspricht einer kaum vorstellbaren Körpergröße von knapp drei Metern. Geschützt durch einen schweren Schuppenpanzer tritt er allein den Israeliten entgegen, schlägt dröhnend mit seinem bronzenen Schwert auf sein Schild, verhöhnt die Juden und fordert einen von ihnen zum Zweikampf heraus. Aber keiner ist dazu bereit. »Hoho! Ihr habt also keine Männer mehr in Israel! Dann holt doch die Bundeslade!«, spottet er. Das wiederholt sich mehrere Tage lang. Er würde auch gegen zwei oder sogar drei Israeliten zugleich kämpfen, ruft er ihnen zu. Wer ihn besiege, habe die ganze Schlacht gewonnen.

Auf der anderen Seite des Tales hören die Juden sein Gelächter. Auch der Schafhirte David hört es. Sein Vater Jesse hat ihn in das Kriegslager geschickt, um seinen beiden im Heer stehenden älteren Brüdern Brot, Käse und Wein zu bringen. »Wer ist dieser Philister, dass er das Heer des lebendigen Gottes verhöhnen darf?«, fragt David aufgebracht. Seine Brüder schicken ihn wieder nach Hause. Dies sei kein Ort für Knaben, sagen sie. Doch David geht nicht heim, sondern zum König Saul und bittet ihn, für Israel gegen Goliath kämpfen zu dürfen. Saul lächelt und schüttelt den Kopf. David bittet so lange und inständig, bis Saul schließlich einwilligt und ihm seinen eigenen Panzer übergibt. Aber der ist viel zu schwer für David. Er legt ihn wieder ab, nimmt seinen Stab und seine Schleuder und verstaut fünf glatte Steine in seiner Hirtentasche. Dann tritt er unter den Augen Tausender Israeliten mutig hinaus in das Tal und Goliath entgegen. »Was willst denn du, mein Knäbchen?«, spottet Goliath. Als er erneut beginnt, den Gott der Juden zu verhöhnen, ruft ihm David zu: »Du kommst zu mir mit Schwert, Lanze und Krummschwert. Ich aber komme zu dir mit dem Namen des Herrn der Heerscharen, des Gottes der Schlachtreihen Israels, den du verhöhnt hast!« (1 Sam 17,45). Brüllend vor Wut stürmt Goliath mit erhobenem Schwert auf ihn zu. David legt einen Stein in die Schleuder und zieht mit ganzer Kraft ab. Der Stein trifft Goliath unter dem Helm direkt ins Auge. Einen Augenblick lang bleibt der Riese stehen, dann fällt er in seiner ganzen Länge vornüber auf sein Gesicht. David rennt zu ihm hin, nimmt Goliaths Schwert und schlägt ihm den Kopf ab. Mit einer Hand streckt er ihn den Schlachtreihen der Philister entgegen. Auf einen Moment großer Stille folgt ein wildes Geschrei, die Philister fliehen. Die Israeliten verfolgen sie bis vor die Tore Ekrons und erschlagen viele von ihnen. Die Schlacht ist gewonnen.

So will es jedenfalls die Legende. Denn kein Wissenschaftler, kein Archäologe konnte bisher nachweisen, dass Goliath tatsächlich gelebt hat. Man hält das zwar durchaus für möglich, denn viele antike Quellen berichten von der Existenz von Riesen. Aber der Beweis für einen historischen Goliath steht nach wie vor aus und wird wohl auch nie erbracht werden können. Dennoch ist der Kampf Davids gegen Goliath präsent bis in unsere Tage. Er wird gern als Vergleich herangezogen, wenn ein vermeintlich Schwächerer, der eigentlich kaum eine Chance hat, gegen einen stärkeren, übermächtigen Gegner antritt und gewinnt. Dem überraschend siegreichen Außenseiter gehört unsere Sympathie, im Sport und vielen anderen Bereichen unseres täglichen Lebens genauso wie im Krieg, wie in der Schlacht. Wenn Einfallsreichtum, Kühnheit und List den Stärkeren zu Fall bringen, wenn das Unvorhergesehene, das Unwahrscheinliche wahr wird, wenn »das tapfere Schneiderlein« wie in Grimms Märchen über die Riesen triumphiert, dann jubelt die Menge.

Von solchen überraschenden Siegen in der Militärgeschichte der Menschheit berichtet dieses Buch. Kriegerische Auseinandersetzungen mit verblüffendem Ausgang, Schlachten, die gegen alle Erwartungen der »Underdog« gewann, hat es schon immer gegeben, in vorchristlichen Jahrhunderten bis hinein in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und bis heute. Ebenso wie es in der Antike den an Menschen, Material und Militärmacht mehrfach überlegenen Persern unter ihren Königen Xerxes und Darius nicht gelang, die Griechen zu besiegen, schafften es 1954 weder die Franzosen noch danach in den 60er-Jahren die Amerikaner, den Krieg in Vietnam für sich zu entscheiden. Und auch die hochgerüstete Sowjetunion konnte in der Dekade von 1979 bis 1989 den blutigen Krieg in Afghanistan nicht gewinnen. Woran lag das? Aus welchen Gründen ist es in der Militärgeschichte der letzten 2500 Jahre immer wieder vorgekommen, dass der vermeintlich Schwächere den mächtigen, zahlenmäßig weit überlegenen Gegner bezwingen konnte?

Die Antwort ist ebenso überraschend wie simpel: Den Ausgang bestimmt die überlegene Strategie. Sie bewirkt letztlich mehr als Macht und Stärke. Der amerikanische Politikwissenschaftler Ivan Arreguin-Toft, Mitglied des Internationalen Sicherheitsprogramms der »John F. Kennedy School of Government« an der Harvard Universität und ein zuvor lange Jahre in Augsburg stationierter Veteran der US Army, hat 2005 in statistischen Auswertungen und Untersuchungen aller kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen schwachen und starken Gegnern der letzten 200 Jahre nachgewiesen, dass der an Bevölkerung und militärischer Stärke rund zehnfach Überlegene in 71,5 Prozent aller Fälle die Oberhand behalten hat. Dieses Verhältnis ändert sich aber sofort, wenn der Underdog im Vergleich des konventionellen Kräfteverhältnisses beider Seiten seine Schwäche und Unterlegenheit erkennt und daraufhin – wie David – eine unkonventionelle, überraschende Strategie wählt, die seine Gewinnaussichten erheblich verbessert. Als Arreguin-Toft seine Daten unter diesem Gesichtspunkt noch einmal analysierte, stellte er fest, dass sich in diesen Fällen die Gewinnchancen des Underdogs von 28,5 auf 63,6 Prozent erhöhten. Das ist nun in der Tat ein überraschendes Ergebnis, das zu der Aussage berechtigt: Wenn der Schwächere sich entscheidet, nicht nach den Methoden und Regeln des Goliath zu kämpfen, gewinnt er gegen alle Erwartungen zwei von drei Auseinandersetzungen!

Diese Erkenntnis macht verständlich, dass wir in der Kriegsgeschichte verhältnismäßig viele Fälle finden, in denen der vermeintlich Schwächere in der Schlacht einen überraschenden Sieg davontragen konnte. Die in diesem Buch getroffene Auswahl ist daher sehr subjektiv und berücksichtigt sowohl berühmte als auch weniger bekannte Schlachten. Es gibt auch Fälle, in denen einer der Kombattanten glaubt, den Sieg schon in der Tasche zu haben, ihn dann aber sozusagen auf den letzten Metern durch strategische oder taktische Fehlentscheidungen doch noch aus der Hand gibt. Dann grenzt der Ausgang geradezu an ein Wunder. Im September 1914 fällt den Franzosen an der Marne auf diese Weise der Sieg in den Schoß. Und Ende Mai 1940 gelingt es den an der Kanalküste bei Dünkirchen von deutschen Armeen eingeschlossenen Briten, auf einer improvisierten, zum Teil aus Fischerbooten bestehenden Schiffsarmada überraschend über den Kanal zu entkommen. Weil Hitler zögert, den »Sack schnell zuzumachen« und es Görings Luftwaffe nicht gelingt, den am Strand zusammengedrängten Feind zu vernichten, können bis zum 3. Juni, als die deutschen Panzer nur noch zwei Kilometer vom Meer entfernt sind, 338.000 Mann, darunter 110.000 Franzosen, nach England evakuiert werden. Die Briten sehen in Dünkirchen einen ihrer größten Triumphe. Aus einer Niederlage wird letztlich noch ein Sieg, denn vier Jahre später kehren die geretteten Soldaten bei der Landung in der Normandie auf das Festland zurück.

Die Gründe für einen Überraschungssieg können also vielfältig sein. In seinem 1832 bis 1834 erschienenen berühmten Buch »Vom Kriege« hat der preußische General Carl von Clausewitz dem Moment der Überraschung in der Schlacht ein ganzes Kapitel gewidmet. Sie sei ein Mittel zur Überlegenheit, schreibt er. Wo sie in hohem Grade gelingt, zum Beispiel durch unerwartete Verteilung der Kräfte im Angriff oder in der Verteidigung, sind Verwirrung und gebrochener Mut beim Gegner die Folgen. Nach Clausewitz sind die Grundlagen für die Überraschung vornehmlich in zwei taktischen Faktoren zu sehen: Geheimhaltung und Schnelligkeit. Aber auch »auf dem höheren Gebiet der Strategie« gäbe es das Moment der Überraschung. Als Beispiel »für einen ganz unerwarteten Krieg« nennt er den Einfall Friedrichs des Großen im Winter 1740 in Schlesien. Damit beginnt eine lange Auseinandersetzung mit einem kräfte- und zahlenmäßig überlegenen Gegner: Österreich. Gründlich gelungene strategische Überraschungen enden zumeist mit glänzenden Siegen über einen stärkeren Feind oder sogar eine Koalition von Feinden. Einigen solchen verblüffenden strategischen Siegen werden wir in den nachfolgenden Kapiteln begegnen.

Die Kriegsgeschichte beweist auch: Je schwächer die Kräfte sind, die der strategischen Führung zur Verfügung stehen, desto eher verfällt sie auf eine List, um den Sieg herbeizuführen. Sie ist eines der ältesten Kampfmittel. Clausewitz sagt: Wenn sich dem Schwachen und Kleinen die List als letzte Hilfe anbietet, sein Heil in einem mutigen, verzweifelten Schlag zu suchen, dann tritt die List der Kühnheit zur Seite und kann ungeheure Erfolge erringen. Denken wir nur an die Geschichte von Odysseus und dem hölzernen »Trojanischen Pferd«, das mit darin verborgenen griechischen Kriegern als Geschenk in das lange Jahre vergeblich belagerte Troja gebracht wird und überraschend dazu führt, dass die mächtige Stadt schon am nächsten Tag nur noch ein rauchender Trümmerhaufen ist. Auch Varus, der römische Statthalter in Germanien, fällt auf eine Kriegslist des Cheruskerführers Arminius herein. Vermutlich bei Kalkriese am Wiehengebirge, in der Nähe des Teutoburger Waldes, lockt er drei römische Legionen in eine Falle. Wieder einmal siegt David über Goliath. Die vereinigten germanischen Stämme vernichten die Römer 9 n. Chr. in einem blutigen Gemetzel und zerstören damit den Mythos von deren Unbesiegbarkeit. Der überraschende, totale Sieg führt zur Befreiung Germaniens und verhindert, dass es wie Gallien römisch wird.

Zu militärischen Überraschungscoups besonderer Art zählen handstreichartige Unternehmungen, die den Erfolg in der Schlacht durch die Einnahme einer Burg, Festung oder gar einer ganzen Stadt vorbereiten oder sicherstellen. Als der französische König Philipp August die englischen Festlandsbesitzungen nördlich der Loire zurückgewinnen will und im Spätsommer 1203 mit der Belagerung der wichtigsten Festung – der als uneinnehmbar geltenden Burg Gaillard in der Normandie – beginnt, gelingt es ihm trotz weitreichender Katapulte und hoher Belagerungstürme nicht, bis zum inneren Burghof vorzudringen. Nachdem auch der letzte Sturmangriff im Frühjahr 1204 erfolglos ist, beschließen die Franzosen aufzugeben und wieder abzuziehen. Da entdeckt ein aufmerksamer Offizier im Burggraben einen Latrinenabfluss, der bis in den mittleren Burghof führt. Er zwängt sich hinein und kriecht, gefolgt von seinen Soldaten, hinauf. Die Verteidiger in der Burg sind völlig überrascht und kapitulieren sofort. Mit dem Fall von Gaillard geht für England die ganze Normandie verloren.

Im Zweiten Weltkrieg gilt auch das belgische Fort Eben Emael als nördlicher Eckpfeiler der Festung Lüttich als unüberwindbar. Die tief unter der Erde miteinander verbundenen Bunker bilden mit ihren Artillerie-Kasematten und drehbaren Panzerkuppeln, zahlreichen Gräben und sieben Meter hohen Mauern ein von 1000 Soldaten derart stark verteidigtes Bollwerk, dass es unmöglich erscheint, an diese Festung heranzukommen, geschweige denn, sie einzunehmen. Aber in einer überraschenden, kühnen Aktion, einer der gewagtesten der modernen Kriegsgeschichte, gelingt es einer extra für dieses Unternehmen ausgebildeten deutschen Fallschirmjägereinheit am 10. Mai 1940, mit Lastenseglern auf den Kuppeln zu landen und im Nahkampf die einzelnen Festungswerke auszuschalten. Mit Unterstützung eines Infanterieregiments, das sich schon am nächsten Tag bis zum Fort durchkämpft, wird der Angelpunkt der belgischen Verteidigung zur Verblüffung der Alliierten blitzartig geknackt und erobert. Einen ähnlichen Überraschungscoup, mit dem es den Amerikanern in ihrem Unabhängigkeitskrieg Ende Dezember 1776 gelingt, mit wenigen Truppen gleich eine ganze Stadt einzunehmen, wollen wir uns im Kapitel »Desaster am Delaware« näher anschauen.

Die Anwendung einer besonderen, überraschenden Strategie gegen einen kräftemäßig überlegenen Feind hat speziell im Ersten und Zweiten Weltkrieg zu spektakulären Siegen geführt. Im August 1914 steht die 8. deutsche, zur Hälfte aus Landwehr und Ersatz- und Reservetruppen bstehende Armee in Ostpreußen einem zahlenmäßig weit überlegenen Feind gegenüber: 13 deutsche Divisionen gegen 21 russische und eine einzige Kavalleriedivision gegen zehn auf Seiten des Feindes. Die Russen rechnen nur damit, dass die Deutschen versuchen werden, sich gegen die von zwei Seiten angreifende Übermacht zu verteidigen, nicht damit, dass sie ihr Heil im Angriff suchen. Doch genau das tun sie. Nach dem Plan des Generalstabschefs Moltke gelingt es General Ludendorff zusammen mit dem Oberbefehlshaber Ost, Generaloberst Paul von Hindenburg, die Russen unter Ausnutzung des Vorteils der inneren Linie in eine Falle zu locken und bei Tannenberg in einer sechs Tage dauernden Vernichtungsschlacht (26.–31. August 1914) zu besiegen.

Im Herbst und Winter 1939 liegt dem Leitgedanken der deutschen Angriffsvorbereitungen im Westen ein alter Plan zugrunde, nach dem schon 1914 die französischen Armeen durch Schwenkung des rechten Flügels in Form einer einarmigen Zange umfasst und in einem riesigen Kessel vernichtet werden sollten. Aber dem Stabschef von Rundstedts Heeresgruppe A, General von Manstein, erscheint dieser aufgewärmte Schlieffenplan bedenklich und wenig erfolgversprechend, weil ihm vor allem jedes Moment der Überraschung fehlt. Er entwickelt einen ebenso genialen wie verwegenen Gegenplan, der von Hitler begeistert aufgenommen wird. Statt des von den Alliierten erwarteten geraden Stoßes nach Belgien hinein verlegt er den Schwerpunkt des deutschen Vormarsches vom rechten Flügel auf die Mitte. Die deutschen Panzerverbände sollen da vorstoßen, wo es der Gegner am wenigsten erwartet: durch die unwegsamen, waldigen und bergigen Ardennen. Wenn die Panzer sie erst einmal überwunden haben, können sie ungehindert durch das flache Nordfrankreich zur Küste rollen und die nach Belgien und Holland vorrückenden alliierten Armeen von ihrer Basis abschneiden. Angesichts der hohen Risiken dieses kühnen »Sichelschnitt«-Plans und der Kräfteüberlegenheit des Gegners ist Generalstabschef Halder höchst besorgt. Aber der Plan funktioniert bestens und bestätigt in eindrucksvoller Weise, was der italienische Staatsmann und Geschichtsschreiber Machiavelli bereits 1532 in seinen Historien von Florenz zum Ausdruck gebracht hat: »Am leichtesten gelingen diejenigen Pläne im Kriege, die vom Feinde für unmöglich gehalten werden.« Die gegnerischen Armeen gehen tatsächlich nach Norden in die Falle, und der Degenstoß in ihren Rücken durch sieben deutsche Panzerdivisionen, die das raue Ardennengelände durchbrechen, führt zu einem deutschen Sieg. In dem Kapitel »Entscheidung an der Maas« werden wir Einzelheiten über diese Schlacht erfahren.

Doch die folgenden Reportagen über einige verblüffende Siege der Militärgeschichte beschränken sich keineswegs auf die bloße Schilderung des detaillierten Ablaufs der Schlacht, sondern die präzise Spurensuche eröffnet zugleich auch einen aufregenden Rückblick auf die Historie verschiedenster Zeitepochen und auf Personen, die sie herausragend bestimmten. Wir treffen auf Xerxes, Alexander den Großen, Hannibal und Caesar, begegnen so unterschiedlichen Gestalten wie Themistokles, König Edward III. von England und König Philipp VI. von Frankreich, Otto dem Großen, Friedrich dem Großen, Napoleon sowie George Washington, Harry S. Truman oder Mao Tse-tung und finden uns auch an der Seite einiger bekannter Heer- und Armeeführer der neueren Zeit wieder, wie zum Beispiel Helmuth von Moltke, Heinz Guderian, Erich von Manstein, Erwin Rommel und Douglas MacArthur.

Die Geschichte wird lebendig, sehr lebendig sogar. Sie kommt uns hautnah näher und wird uns begeistern, getreu der Erkenntnis von Johann Wolfgang von Goethe, die er in seinen »Maximen und Reflexionen« niedergeschrieben hat: »Das Beste, was wir an der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erzeugt.«

Das Ende einer Weltreichvision

Salamis, 28. September 480 v. Chr.

Auf kaum eine andere große Schlacht der Menschheitsgeschichte passt der zum geflügelten Wort gewordene Vergleich »David gegen Goliath« – der schier aussichtslose Kampf des Kleinen gegen einen übermächtigen Koloss – so gut wie auf die Schlacht von Salamis. Sie fand vor rund 2500 Jahren zwischen Griechen und Persern statt, und zwar im Saronischen Golf, einem sich südwestlich von Athen erstreckenden, tiefblauen Sund, der im Süden und Norden von den Inseln Ägina und Salamis begrenzt wird und im Westen von den Ausläufern der peloponnesischen Halbinsel. Das attische Festland ist nur etwa zwei Seemeilen von der buchtreichen Küste der Insel Salamis entfernt. Der überraschende Ausgang der Schlacht hat wahrhaft weltgeschichtliche Bedeutung und Tragweite. Kaum jemals zuvor und danach ist in so kurzer Zeit so viel entschieden worden.

Wir kennen das exakte Datum sowie auch ein paar Einzelheiten der Schlacht. Das verdanken wir vornehmlich dem etwa 489 v. Chr. in Halikarnassos geborenen griechischen Geschichtsschreiber und Geographen Herodot, der für viele Ereignisse der griechisch-persischen Auseinandersetzung die einzige Quelle darstellt. Nach eigener Aussage bereiste er Asien und Ägypten, war also kein bloßer »Stubengelehrter«. Er stand in Kontakt mit großen Persönlichkeiten seiner Zeit wie Perikles und Sophokles und gilt heute mit Recht als »Vater der Geschichtsschreibung«. Die von ihm in den neun Bücher umfassenden »Historien« aufgeschriebene Geschichte Griechenlands und Persiens im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. mit den Perserkriegen als Höhepunkt ist sein einziges erhaltenes Werk. Es beginnt mit den Worten: »Was Herodotus von Halikarnassos erforscht, das hat er hier dargelegt, auf dass weder das, was durch Menschen geschehen, mit der Zeit verlösche, noch große und bewundernswürdige Taten, teils von Griechen, teils von Barbaren vollbracht, ruhmlos bleiben. Das alles hat er dargelegt, sowie auch, aus welcher Ursache sie einander bekriegt haben.« Mit »Barbaren« meint er Völker, die nicht griechischer Herkunft sind, also asiatische Völkerschaften wie Lyder, Meder und Perser.

Der Krieg zwischen Griechen und Persern beginnt damit, dass die Perser um 545 v. Chr. die an der mittleren Westküste Kleinasiens von den Ioniern gegründeten Städte unterwerfen. Etwa 50 Jahre später versuchen die mit Athen verbundenen Ionier – neben den Achäern und Dorern einer der drei griechischen Hauptstämme –, die persische Fremdherrschaft durch einen Aufstand abzuschütteln. Aber er wird von den Persern blutig niedergeschlagen. Diese beginnen sogleich einen Rachefeldzug gegen Athen. Ein persischer Flottenvorstoß scheitert jedoch 492 v. Chr. am Athos, einem mächtigen Bergmassiv auf der Halbinsel Chalkidiki, aufgrund der dort vorherrschenden widrigen Windverhältnisse. Und ein weiteres Heer des persischen Großkönigs Dareios I. wird 490 v. Chr. nach der Landung an der Ostküste Attikas bei Marathon von einem athenischen Heer unter Miltiades geschlagen. Nun sinnt Dareios’ Sohn Xerxes I. (519–465 v. Chr.), »der König der Könige und der Länder aller Stämme und der großen Erde auch in der Ferne« – so Herodot –, erneut auf Rache. Zehn Jahre später zieht er mit einem gewaltigen Heer und einer ungeheuren Flotte nach Griechenland, um die Geschichte zu korrigieren und die Niederlage des Vaters zu rächen. Die griechischen Stadtstaaten sollen endlich in das Persische Reich eingegliedert werden, womit ein Sprungbrett für weitere Eroberungen im Westen geschaffen würde. Jetzt muss Xerxes etwas gelingen, mit dem er ebenbürtig neben seine großen Vorgänger, die Reichsgründer Kyros und Darius, treten und die Weltherrschaft erringen kann. Dazu ist nur noch ein letzter kleiner Stoß erforderlich. Die Niederlage Athens scheint unausweichlich.

Vier volle Jahre hindurch ist Xerxes in der Zeitspanne von 484 bis 481 v. Chr. damit beschäftigt, ein riesiges Heer aufzubauen und auszurüsten. Im Jahr 480 v. Chr. setzt sich dann, wie Herodot schreibt, »eine gewaltige Menschenmasse« in Bewegung. »Unter allen Kriegszügen, die wir kennen«, sei dieser »in der Tat bei Weitem der größte« gewesen. »Wo war ein Volk«, fragt er, »welches Xerxes nicht aus Asien führte wider Hellas? … Die einen stellten Kriegsschiffe, die anderen waren zum Fußvolk eingeteilt, den einen war Reiterei auferlegt, den anderen Schiffe zum Transport der Pferde, zugleich mit den ins Feld ziehenden Reitern. Einige mussten zu den Brücken lange Schiffe stellen, andere wiederum Schiffe zur Aufnahme von Lebensmitteln und weiteren Vorräten.« Schiffe für Brücken? Tatsächlich, Xerxes schickt sich an, mit seinen Soldaten auf zwei Brücken aus aneinandergereihten Schiffen über den an der schmalsten Stelle nur zwei Kilometer breiten Hellespont – die heutigen Dardanellen, die Asien von Europa trennen – ins griechische Festland hineinzumarschieren, begleitet von einer riesigen Flotte von über 1000 Kriegsschiffen. Eine wirklich beachtliche, neue Idee. Doch kaum sind die für die beiden Brücken abgestellten Schiffe so formiert, dass sie für den Übergang benutzt werden können, erhebt sich, wie Herodot berichtet, »ein gewaltiger Sturm, der dies alles zusammenschlug und voneinander riss.« Xerxes sei daraufhin »sehr unwillig« geworden und habe befohlen, »dem Hellespont mit der Peitsche 300 Hiebe zu erteilen und in die Tiefe ein paar Fesseln hinabzusenken«. Er habe auch gehört, fährt Herodot fort, dass den Leuten aufgegeben worden sei, während der Hiebe »barbarische und frevelhafte Worte« auszurufen: »O du bitteres Wasser, unser Gebieter legt dir diese Strafe auf, weil du ihn beleidigt hast … König Xerxes wird über dich schreiten, magst du wollen oder nicht!« Den Baumeistern, die an diesem Tag für den Brückenbau zuständig waren, lässt Xerxes die Köpfe abschlagen.

Abschreckende Wirkung hat dieses Unglück nicht, das Unternehmen geht weiter. Nur einmal scheinen Xerxes Zweifel zu kommen, ob nicht doch ein unglückseliger Stern über dem ganzen Feldzug stehe. Herodot berichtet, dass die Sonne plötzlich am wolkenlosen, heiteren Himmel verschwand. »Statt des Tages wurde es Nacht. Als Xerxes dies sah und erkannte, wurde er nachdenklich und fragte die Magier, was die Erscheinung bedeute. Diese aber erklärten, dass die Gottheit den Hellenen das Verschwinden ihrer Städte andeute. Die Sonne zeige den Hellenen die Zukunft, der Mond aber ihnen. Als Xerxes dies vernommen hatte, war er voll Freude und setzte das Unternehmen fort.« Die Astronomen unserer Zeit sind sich nicht einig, ob diese totale Sonnenfinsternis im Frühjahr 480 v. Chr. oder schon ein Jahr zuvor stattgefunden hat.

Xerxes drängt darauf, den Bau der beiden Schiffsbrücken zügig zu vollenden. Erneut werden »in schräger Richtung auf der einen Seite 360, auf der anderen 340 Schiffe« eng und ohne Zwischenraum entlang der Ufer zusammengestellt. Sie werfen große Anker, und mittels hölzerner Winden werden von den Schiffen lange Taue zur anderen Landseite gespannt, wobei die Entfernung jeweils ungefähr 2000 Meter beträgt. Herodots Schilderung ist allerdings an mehreren Stellen unklar, so dass das genaue Vorgehen für uns heute nicht mehr eindeutig nachvollziehbar ist. Zurechtgesägte Holzblöcke und Bretter werden nach Herodot über die Taue gelegt, damit sie nicht im Meer versinken. Den auf diese Weise schwimmenden Steg stampft man mit Erde fest und versieht ihn an den Seiten mit einem Holzzaun, damit Pferde und Zugvieh beim Anblick des Meeres nicht scheuen. Durch diese Konstruktion wird Herodot zufolge erreicht, dass die kaum übersehbaren Truppenmassen samt Tross am asiatischen Ufer auf einer Breite von mehreren Tausend Metern zum Übergang antreten können. Das verkürzt die Übergangszeit immerhin auf eine Woche, wobei auch die Nächte genutzt werden. Auch für eine sichere Fahrt der Flotte wird gesorgt. Damit sie nicht um das wie ein schmaler Finger ins Meer hineinragende Athos-Vorgebirge herumfahren muss, bedroht von gefährlichen Klippen und Unwettern, lässt Xerxes von einem Heer von Arbeitern, die mit Peitschenhieben angetrieben werden, quer durch die Ebene der Landzunge einen tiefen Graben ausheben. Er war so breit, schreibt Herodot, »dass zwei Dreiruderer zugleich mit ihrem Ruderwerk hindurchschiffen konnten.«

Die Griechen haben nur unzureichende Kunde von den enormen persischen Vorbereitungen. Hätte ein Grieche aus der Nähe beobachten können, wie der schier endlose persische Heereswurm auf schaukelnden Stegen den Hellespont überschreitet, wäre ihm beim Anblick der bestens ausgerüsteten Marschkolonnen sicherlich das Herz in die Hose gerutscht. Herodot gibt die Gesamtzahl des Landheeres mit »17 mal 100.000 Mann« an. Hinzu kommen noch die Kavallerie mit 80.000 Reitern ohne die Wagen und die Kamele der Araber sowie das Schiffsvolk mit rund 517.000 Mann, so dass die Gesamtstärke der Streitkräfte ohne die Diener und die Bemannung der Transportschiffe bei etwa 2,3 Millionen gelegen haben mag. Angesichts dieser für damalige Verhältnisse kaum vorstellbaren Zahl scheinen dem gewissenhaften und wahrheitsliebenden Herodot Zweifel gekommen zu sein, denn er schreibt, er wundere sich, wie die Lebensmittel für so viele Menschen gereicht haben können. Nach altpersisch-orientalischer Sitte folgten dem Heer königliche Schreiber, deren Aufzeichnungen in Archiven aufbewahrt wurden. Bei seinen Reisen ins Innere Asiens hat Herodot diese Quellen wahrscheinlich einsehen können, so dass seine Zahlenangaben sich mit den offiziellen persischen Dokumenten decken werden. Die heutige Wissenschaft ist sich indes einig, dass diese Zahlen stark übertrieben sind.

Noch unsicherer ist, wie hoch die Kontingente der einzelnen Völker waren, etwa 20 an der Zahl, darunter Meder, Assyrer, Baktrier, Skythen, Parther, Kaspier, Inder, Äthiopier, Araber und viele andere Völkerschaften. Herodot räumt ein, er könne das nicht mit Bestimmtheit sagen, da solche Zahlen von niemandem angegeben worden seien. Einigermaßen sicher scheint nur zu sein, dass an der Spitze des mächtigen Heerzuges etwa 10.000 Perser standen, eine Elitetruppe, die mit besonderen Vorrechten ausgestattet war und prachtvolle Uniformen sowie einen Kranz auf dem Kopf trug. Ihnen folgte die Reiterei mit nach unten gehaltenen Lanzen und dann Xerxes selbst auf dem heiligen Wagen, gedeckt von Lanzenträgern sowie einer Garde von 1000 Reitern. Die Perser trugen turbanartige Hüte mit gekrümmter und nach vorne abfallender Spitze auf dem Kopf, ihre Knie waren durch Hosen geschützt. Den bunten, mit Ärmeln versehenen Leibrock bedeckte, wie Herodot schildert, eine Art Panzer mit fischschuppenartigen Eisenplatten. Anders als die Griechen, die ihren Körper mit einem großen, vom Kopf fast bis zu den Füßen reichenden Schild schützten, hielten die Perser an der Seite lediglich kleine geflochtene Schilde, darunter hing ein Köcher mit Pfeilen aus Rohr. Zusätzlich zu einem großen Bogen waren sie mit einem kurzen Speer bewaffnet sowie einem kleinen, an der linken Seite vom Gürtel herabhängenden dolchartigen Schwert. Herodot beschreibt Kleidung und Ausrüstung auch der anderen in das Heer eingegliederten Völker ausführlich, so dass wir uns ein gutes Bild davon machen können, welch bunt zusammengewürfelter, riesiger Heereshaufen da im Spätsommer des Jahres 480 v. Chr. mit großem Aufwand und Getöse über den Helles-pont nach Griechenland zog, begleitet von einer gewaltigen Flotte von 1207 Schiffen.

Was können die Griechen gegen diesen beginnenden Vernichtungsfeldzug tun? Und was haben sie in den letzten zehn Jahren nach dem Sieg des Miltiades bei Marathon getan? Die Antwort ist einfach. Sie taten das, was die Griechen meistens taten: Sie steckten die Köpfe zusammen und debattierten. Aber Entschlüsse wurden nicht gefasst, konkrete Maßnahmen wurden nicht getroffen, obwohl sie sich doch hätten denken können, dass die Perser erneut auf Rache sinnen würden. Es ist schon erstaunlich: In Griechenland ging die Politik weiter, als hätte es Marathon nie gegeben. Als im Frühjahr 481 v. Chr. erschreckende Nachrichten aus Persien herüberdringen, ergreift ein außergewöhnlicher, dem angesehenen altattischen Adelsgeschlecht der Lykomiden entstammender Mann, der erst vor Kurzem nach Athen gekommen ist, die Initiative. Sein Name ist Themistokles (um 525–459 v. Chr.).

Auf sein Betreiben treffen sich im Herbst 481 v. Chr. in Korinth die Führer aller perserfeindlichen Stämme zur Beratung. Abgesandte Boten des persischen Großkönigs haben dessen »Verlangen nach Erde und Wasser« überbracht. Viele Städte und Provinzen unterwerfen sich daraufhin, Ätolien, Epirus, Nord-Euböa, die östlichen Kykladen-Inseln, Thessalien und Theben ebenso wie auf dem Peloponnes Achaia und Argos. Aber Athen lehnt ab, und auch Sparta und Elis sowie Phokis, Thespiai, Platäa, Megara und die Insel Ägina weigern sich. In Korinth geschieht nun etwas, das es noch nie zuvor in Griechenland gegeben hat: Die Versammlung, eine Art Nationalrat, verkündet einen allgemeinen Landfrieden und vereinbart, alle Streitigkeiten untereinander sofort zu begraben, damit man sich voll auf die Kriegsvorbereitungen konzentrieren kann.

Der Standpunkt der Spartaner ist eindeutig. Sie schlagen vor, die gesamte militärische Macht in den Norden zu werfen, um die Pässe ins Festland zu sichern. Doch Themistokles schüttelt den Kopf: »Auf einen Landkrieg dürfen wir uns keinesfalls einlassen! Unser kleines griechisches Heer hätte gegen die persische Übermacht nicht die geringste Chance!« Stattdessen verkündet er eine ebenso revolutionäre wie radikale Idee: »Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser! Wir müssen schnellstens mindestens 200 Schlachtschiffe bauen!« Themistokles entwickelt einen kühnen Plan. In Piräus soll schleunigst ein großer Kriegshafen mit Docks und Werften gebaut werden. Um das alles bezahlen zu können, sollen die Silberminen von Laurion, in denen 20.000 Sklaven schuften, vollkommen ausgeschürft und das gesamte Staatsvermögen geopfert werden. Zudem soll jeder wohlhabende Bürger die Patenschaft für ein Kriegsschiff übernehmen und dessen Ausrüstung aus eigener Tasche bezahlen. Und dann ruft Themistokles mit erhobener Stimme in die Runde: »Zudem hat sich jedermann, soweit er nicht sowieso schon im Heer dient, als Matrose oder Ruderer zur Verfügung zu stellen!« Damit könnte ein lang gehegter Traum verwirklicht werden: Der »vierte Stand« der Lohnarbeiter würde nun endlich Vollbürger werden.

Die Athener sind entsetzt. In ihren Augen sind diese Vorschläge absurd. Von den Spartanern wird Themistokles sogar ausgelacht: »Was für ein Narr! Ein echter Grieche kämpft nicht mit Rudern und Segeln, sondern mit Schwert und Speer!« Als Themistokles merkt, dass er die Versammlung nicht überzeugen kann, schlägt er vor, das zu tun, was die Griechen schon immer getan haben, wenn es um ihre Existenz ging: Sie befragen ihr heiliges Orakel in Delphi. Die Athener schicken sofort Gesandte dorthin. Nachdem sie im Tempel die üblichen Opfer gebracht haben, erhalten sie, wie Herodot berichtet, von der Pythia, der Priesterin Aristonike, eine niederschmetternde Antwort. Alle Einwohner sollten schnellstens ihr Land verlassen, denn Athen und ganz Hellas stehe ein furchtbares Unheil bevor! Aber die stolzen Athener wären nicht Athener, wenn sie sich mit diesem düsteren Spruch zufrieden geben würden. Sie nehmen Ölzweige in die Hand und bitten Aristonike, beim Gott Apollo ein neues Orakel zu bestellen. Andernfalls würden sie so lange hier bleiben, bis der Tod sie ereile. Der zweite Spruch ist eine harte Nuss. Sein Kern besagt, dass der weitsehende Zeus, wenn ringsum alles dem Feind erliegt, seiner Tochter Athene »die hölzerne Mauer« geben werde, zum Schutze der Stadt und ihrer Kinder. »Unversehrt bleibt allein die hölzerne Mauer!« Als die Gesandten dem Nationalrat diesen Spruch überbringen, rätselt alles herum, was damit wohl gemeint sein könnte. Die älteren Athener sind der Auffassung, die hölzerne Mauer sei der dornige Holzzaun ihrer Burg. Die Palisaden der Akropolis müssten unbedingt erhalten und sogar verstärkt werden! »Nein, nein!«, entgegnet ihnen Themistokles, »ihr habt den Spruch nicht richtig verstanden und deutet ihn ganz falsch! Er ist eine Umschreibung für die von mir geforderten Schiffe! In ihnen sieht das Orakel, genau wie ich, unsere einzige Chance!«

Er setzt sich durch. In Windeseile beginnen die Griechen mit dem Bau ihrer Flotte. Im Juli 480 v. Chr., als das Landheer von Xerxes – das größte, das die Welt bis dahin gesehen – bereits den Norden Griechenlands erreicht hat und Angst und Schrecken verbreitet, kann Athen 147 Schiffe aufweisen. Dazu kommen 40 von Korinth, 20 von Megara, 18 aus Ägina, zwölf aus Syrakus, zehn aus Sparta, acht aus Epidaurus und einige weitere aus kleineren Städten. Insgesamt stehen 270 Kriegsschiffe bereit, einige Quellen sprechen sogar von 368. Die weitaus meisten sind Dreiruderer, sogenannte Trieren. Um Eigenarten und Fähigkeiten dieser maximal 37 Meter langen und vier bis fünf Meter breiten Schiffe und ihre Kampfkraft in der Schlacht besser verstehen zu können, wollen wir kurz einen Blick auf den griechischen Schiffsbau werfen.

Schnelligkeit ist einer der wichtigsten Faktoren für ein Schiff. Das war damals nicht anders als heute. Je mehr Riemen ins Wasser tauchen, desto schneller kommt es vorwärts. Entsprechend lange Rudergalerien konnte man allerdings nicht bauen, denn ein zu langes Schiff ist nicht mehr seetauglich. Deshalb verfielen die Konstrukteure auf die Idee, drei Ruderreihen übereinander zu platzieren, und zwar, damit das Schiff nicht zu hoch wird, versetzt und quasi auf Lücke mit jeweils unterschiedlichen Abständen zur äußeren Holzwand. Ganz unten und ziemlich weit innen sitzen die sogenannten Thalamiten, 54 an der Zahl, dann über ihnen, eine Stuhlbreite nach außen verrückt, die Zeugiten, ebenfalls 54, und ganz außen in der obersten Reihe 62 Thraniten, die mit ihren Riemen den längsten Weg zum Wasser zurücklegen müssen. Sie leisten nicht nur die härteste Arbeit, sondern ihr Platz ist im Gefecht auch der gefährdetste. Deshalb erhalten sie den besten Lohn und werden gegen feindliche Pfeile durch Segeltuch geschützt. Insgesamt hat eine Triere folglich 170 Ruderer. Hinzu kommen zehn Matrosen zur Bedienung des Segels und des Ankers, einige Offiziere einschließlich des Kapitäns, ein Flötenspieler, nicht etwa zur Unterhaltung, sondern um den Schlagrhythmus für die Ruderer anzugeben, sowie zumeist auch einige Bogenschützen. Das ergibt die stolze Zahl von rund 200 Mann für ein Schiff, eine im Verhältnis zu Gewicht und Größe des Schiffes sehr große Besatzung. Oben an Deck stehen neben den Thraniten die eigentlichen Krieger, bereit zum Entern des feindlichen Schiffes, nachdem es durch den großen, rund 200 kg schweren Bugsporn aus Bronze mit voller Kraft, das heißt mit höchstmöglicher Geschwindigkeit, gerammt worden ist. Eine gute Besatzung schafft zehn Stundenkilometer, aber für mehr als drei Rammstöße reicht die Kraft der Ruderer gewöhnlich nicht. Von den exakten, synchronen Bewegungen der Ruderer, von ihrem Reaktionsvermögen beim schnellen Ausführen der Befehle, hängt in der Schlacht alles ab. Wenn nur ein einziger unerfahrener oder unkonzentrierter Ruderer patzt, kann die ganze Mannschaft aus dem Takt kommen. Die gut geschulten Ruderer aus Athen und Ägina sind berühmt für ihr sehr genaues und schnelles Manövrieren. Auf die über 55.000 eiligst zusammengesuchten Männer der neuen Flotte, die sich im Hafen von Piräus zum Auslaufen versammelt hat, trifft dies allerdings nur bedingt zu.