Hans-Dieter Otto

Arminius vs. Varus

Die Schicksalsschlacht im Teutoburger Wald

Jan Thorbecke Verlag

Es ist eine alte Geschichte,
doch bleibt sie immer neu.

Heinrich Heine, Ein Junge liebt ein Mädchen

Für André und Alexander, meine Zwillingsenkel aus Donabate, County Dublin. Mögen sie während ihrer Ausbildung auf dem St. Kilians College stets die Worte des Marcus Cato (234–149 v. Chr.) beherzigen, die auch für mich beim Schreiben dieses Buches der Leitfaden gewesen sind: Rem tene, verba sequentur (»Beherrsche die Sache, die Worte werden dann schon folgen.«).

Für André und Alexander, meine Zwillingsenkel aus Donabate, County Dublin. Mögen sie während ihrer Ausbildung auf dem St. Kilians College stets die Worte des Marcus Cato (234–149 v. Chr.) beherzigen, die auch für mich beim Schreiben dieses Buches der Leitfaden gewesen sind: Rem tene, verba sequentur (»Beherrsche die Sache, die Worte werden dann schon folgen.«).

INHALT

1 »Beim Jupiter! Die Germanen greifen an!«

Die ganze Nacht hindurch hat es ununterbrochen geregnet. Und auch am nächsten Tag, dem 9. September 9 n. Chr., ist das Wetter miserabel. Der Himmel öffnet seine Schleusen und schüttet einen Regenguss nach dem anderen auf die Soldaten herab, die vollkommen durchnässt auf schmalem Pfad, einer hinter dem anderen, in lang auseinandergezogenen, ungeordneten Kolonnen durch das sumpfige, fast undurchdringliche germanische Waldgebiet zwischen Weser und Ems marschieren. Die Soldaten haben es nach dem germanischen Volksstamm der Teutonen Teutoburgensis saltus getauft. Die Stiefel versinken im Morast, und immer wieder gleiten die Männer auf dem schlüpfrigen Untergrund aus. Marcus Caelius aus Bologna, der 53-jährige, erfahrene, hochdekorierte und rangälteste Zenturio der 18. kaiserlichen römischen Legion, hört ihre Flüche hinter sich. Sie sind noch lauter als das Heulen und Sausen des heftigen Sturms. Seit ein paar Stunden wirbelt er durch die Bäume, knickt sie um, entwurzelt sie und peitscht den Regen in die verzerrten Gesichter. Herabstürzende Baumkronen schmettern die Legionäre nieder. Äste und Baumstämme versperren den Weg und müssen beiseite geräumt werden, damit es weitergehen kann.

Marcus Caelius ist besorgt. Aber dieses scheußliche Wetter ist nicht der Grund dafür. Seit er mit seiner Zenturie in Germanien weilt, hat er schon einige dieser Wolkenbrüche erlebt. Auch daran, dass die meisten Zenturien der Legion nur aus knapp 80 Legionären bestehen, und nicht – wie ursprünglich vorgesehen und dem Namen entsprechend – aus 100, hat er sich längst gewöhnt. Das war schon in den frühen Zeiten der römischen Republik so, und allen Hauptmännern des römischen Heeres geht es in diesem Herbst des Jahres 9 n. Chr. genauso. Sie haben weniger Soldaten unter ihrem Kommando als auf dem Papier steht. Auch die Tatsache, dass er und seine Kameraden durch das fremde, unwegsame und weitgehend unbekannte Germanien marschieren müssen, weit entfernt von der Heimat und ohne Aussicht, sie bald wiedersehen zu können, ist nicht der Grund für seine Besorgnis. Das war schon in Gallien so, als Julius Caesar es eroberte, und erst vor wenigen Jahren kämpften römische Legionäre auch in Dalmatien und Pannonien gegen aufständische illyrische Stämme. Nein, das ist es nicht, was Marcus Caelius beunruhigt. Für einen römischen Soldaten ist es normal, in fernen Provinzen herumzumarschieren, sie – wie Caesar es ausgedrückt hatte – zu »befrieden«, Straßen und Brücken zu bauen, Lager anzulegen, die römische Kultur zu verbreiten und immer wieder zu kämpfen.

Marcus Caelius wittert Unheil, eine konkrete Gefahr. Nach langen Jahren Dienst in der Armee und vielen Gefechten hat er eine Nase dafür bekommen. Wie alle Zenturionen ist er aus dem Mannschaftsdienstgrad aufgestiegen, nur die Stabsoffiziere müssen aus dem Ritter- oder Senatorenstand stammen. Seine Kameraden hatten ihn wegen seiner Umsicht, Härte und Tapferkeit vorgeschlagen, der Legionskommandeur, der Tribun, hatte ihn daraufhin ernannt, und Kaiser Augustus persönlich hatte die Beförderung bestätigt. Er wurde ein guter Zenturio und sorgte mit seinem Pflichtgefühl und Gerechtigkeitssinn für Disziplin in seiner Zenturie. Sie gilt als beste der ganzen 18. Legion, die schon um das Jahr 40 v. Chr. herum von Octavian, dem späteren Augustus, aufgestellt worden war. Die Soldaten rekrutieren sich überwiegend aus Hirten und Bauern aus Latium und Samnium. Sie sind dunkel und vierschrötig und haben breite Schultern und starke Muskeln. Ihr hervorstechendstes Merkmal aber ist, wie Caesar gesagt hat, die brevitas, die kleine, untersetzte Statur, die fast alle Völker des Südens besitzen. Auch Marcus Caelius hat sie und nahezu alle Soldaten der 18. Legion.

Bei seinen Männern ist Marcus Caelius sehr beliebt. Als Vorgesetzter ist er für ihre Ausbildung und Ausrüstung verantwortlich. Sein Sold ist etwa viermal so hoch wie der seiner Männer, und er muss auch nicht das Zelt mit ihnen teilen. Er ist befugt, sie auszuzeichnen oder zu bestrafen. Von der vitis, dem langen Stock, Erkennungszeichen eines römischen Zenturios und dazu da, die Soldaten zu züchtigen und mit Schlägen zu Ordnung und Disziplin anzuhalten, macht Marcus Caelius allerdings nur selten Gebrauch. Seine Soldaten achten ihn nicht nur wegen seiner vielen phalerae, den runden goldenen oder silbernen, mit Gravuren und Verzierungen versehenen Platten, die er als Tapferkeitsauszeichnungen an einem Riemengeflecht auf seinem Brustpanzer neben dem Rangabzeichen trägt. Die Soldaten mögen ihn auch, weil er sich ihrer Probleme und Sorgen annimmt, sie häufig ins Vertrauen zieht und sich mit ihnen berät.

Bei der erstbesten Gelegenheit will er das auch jetzt tun. Sobald es das widrige Gelände zulässt, will er alle seine Männer um sich scharen und ihnen mitteilen, warum er so besorgt ist. Seine Zenturie gehört neben fünf weiteren zur 1. Kohorte, der Eliteeinheit der 18. Legion. Nachdem die Legion nach einer längeren Besatzungszeit in Aquitanien im Jahr 15 v. Chr. an die Rheinfront nach Germanien verlegt worden war, sind seit 9 n. Chr. alle ihre zehn Kohorten in dem großen militärischen Basislager Castra Vetera am Rhein stationiert, nahe dem heutigen Xanten. Auch die Nachbarlegionen, die 17. und 19., haben dort ihre Basis. Diese drei Legionen, insgesamt rund 20.000 Mann einschließlich des Trosses, sind Anfang September bei Minden an der Weser aufgebrochen, um sich in das Winterquartier bei Aliso (Haltern) an der oberen Lippe zu begeben. Den Oberbefehl hat Publius Quinctilius Varus, seit dem Jahre 7 n. Chr. Statthalter in ganz Germanien.

Die 1. Kohorte der 18. Legion marschiert am Ende des 20 Kilometer langen Heerwurmes, den die drei Legionen samt ihrem Tross und einigen germanischen Hilfstruppen bilden. Dazu kommen noch knapp 400 Reiter, die hauptsächlich zur Aufklärung und Nachrichtenübermittlung dienen, Aufgaben, die sie in dem unzugänglichen Dickicht jedoch kaum wahrnehmen können. Außer dem Offiziersstab, Ärzten, Verwaltungsfachkräften und zahlreichen Arbeitsburschen, die die Pferde pflegen und versorgen sowie Zelte und anderes schweres Gepäck auf die hölzernen Wagen und Karren laden müssen, gehört zu jeder Legion auch noch eine technische Truppe. Sie besteht größtenteils aus Freiwilligen. Diese Pioniere hat Marcus Caelius schon immer hoch geachtet. Denn sie sind es, die mit ihrem vielseitigen handwerklichen Können Straßen und Lager anlegen und Brücken – oder wenigstens provisorische Stege – über die Wasserläufe bauen, wenn keine geeignete Furt ausfindig gemacht werden kann. Diese fabri haben das unwegsame Gelände Nordwestgermaniens für die Legionen überhaupt erst einigermaßen passierbar gemacht. Doch in dieser felsigen, engen Waldschlucht, in der sich Marcus Caelius mit seinen Männern seit ein paar Stunden mühsam fortbewegen muss, stets neuen Gefahren und Hindernissen ausgesetzt, sind selbst die fabri mit ihrer Kunst am Ende.

Eigentlich hätte die Aussicht, in wenigen Tagen im stark befestigten Winterquartier zu sein und dort von den Strapazen der beschwerlichen militärischen Unternehmungen ausruhen zu können, bei den Soldaten Freude auslösen müssen. Aber kurz vor dem Aufbruch werden Varus Nachrichten überbracht, die von einem angeblichen Aufstand eines germanischen Stammes, vermutlich der Marser, in den tiefen Wäldern zwischen Weser und Ems sprechen. Ohne genauere Nachforschungen anzustellen, beschließt Varus sofort, einen Umweg zu machen, von der großen, befestigten, nach Westen führenden Heerstraße abzubiegen und sich in das sumpfige Waldgebiet zu wagen, um den Aufstand – sozusagen im Vorbeigehen – niederzuschlagen.

Als sich diese Kunde unter den Soldaten der drei Legionen verbreitet, ist die Freude auf den baldigen Winterurlaub etwas gedämpft. Aber die Tribune, die Kommandeure der Legionen und Kohorten, verbreiten Optimismus. Mit dieser kleinen regionalen Erhebung werde man schnell fertig werden, sagen sie. Es können nicht viele sein, die es unverständlicherweise und geradezu selbstmörderisch wagen, die mächtigen römischen Truppen herauszufordern und ihnen die Stirn zu bieten, beruhigen sie die Männer. Das sei sicherlich nur ein unbedeutender germanischer Volksstamm mit wenig Kampfkraft, militärischer Disziplin und Erfahrung, sozusagen eine Lappalie.

Marcus Caelius glaubt das anfangs auch. Doch während er mit seinen Männern am Ende des endlosen Heerwurms durch die widerlichen, aus den Sümpfen aufsteigenden Dämpfe marschiert, durch eine kilometerlange Senke hindurch und über Gebirgsschluchten und enge Täler hinweg, werden seine Bedenken immer größer. Die Sicht ist gleich null. Und die einzelnen Marschkolonnen kommen kaum voran, insbesondere die Begleittiere und die vielen Wagen nicht, die Proviant und Verwundete befördern und in denen auch Frauen, hauptsächlich Marketenderinnen und Dirnen, sowie einige Kinder sitzen. Immer wieder müssen die weit auseinander gezogenen Kolonnen anhalten und warten, bis Hindernisse beseitigt sind und der Weg notdürftig frei gemacht ist.

Schon wieder stockt es vorne. Die rund 500 Männer der 1. Kohorte müssen stehen bleiben, wo sie gerade sind. Aber diesmal ist das Marcus Caelius gar nicht so unlieb. Dort, auf dieser kleinen, von Bäumen und Buschwerk dicht umschlossenen Lichtung kann er ein paar Soldaten seiner Zenturie um sich scharen und sich mit ihnen beraten. Die Männer sind erschöpft. Die Bewaffnung ist schon schwer genug. Dazu kommt noch das Marschgepäck: eine Säge, ein Spaten, ein Beil, zwei oder drei Schanzpfähle, ein Topf, ein Korb und ein Getreidevorrat für sechs Tage. Alles in allem muss jeder Legionär knapp einen Zentner auf seinem Rücken tragen! Ein hohes Marschtempo ist damit kaum möglich, und schon gar nicht bei derart widrigem Wetter und in schwierigstem Gelände. Marcus Caelius sieht besorgt in die schweißnassen Gesichter seiner Männer. Wäre es nach ihm gegangen, hätten sie diesen extremen Marsch nicht fortgesetzt, sondern wären umgekehrt, zurück auf die befestigte Heerstraße nach Aliso. Die Sache mit dem Aufstand kommt ihm merkwürdig vor. Germanien gilt doch als »befriedet«, Unruhen hat es schon seit einiger Zeit nicht mehr gegeben. Statt durch eine sorgsame Aufklärung herauszufinden, was es mit dieser angeblichen Erhebung eines germanischen Stammes auf sich hat, marschieren drei Legionen völlig ungeordnet immer tiefer in diesen unheimlichen Wald. Seine Nase sagt ihm, dass etwas nicht stimmt. Außerdem ist ihm aufgefallen, dass die Reitereinheit der germanischen Hilfstruppen, die zusammen mit einigen leicht bewaffneten Fußsoldaten der Cherusker das Schlusslicht der Nachhut bildete, seit kurzem nicht mehr hinter ihnen ist. Das ist doch merkwürdig! Wo sind sie geblieben?

Da auch ihn der stundenlange beschwerliche Marsch angestrengt hat, kniet er sich schwer atmend ins nasse Gras, das nach Moos riecht und frischem Laubwerk. Der Sturm hat es zusammen mit dünneren, abgebrochenen Baumzweigen hierher geweht. Die Blätter beginnen schon, sich gelb zu färben. Seine beiden Burschen Privatus und Thiaminus, die sich um sein Gepäck im Trosswagen kümmern, lassen sich neben ihm nieder. Der prasselnde Regen hat seit ein paar Minuten aufgehört. Marcus Caelius legt seinen rechteckigen, über einen Meter hohen hölzernen Schild auf den Boden. Das graue Fell, mit dem er überzogen ist, ist völlig durchgeweicht. Er nimmt seinen wollenen Mantel ab, der auf der rechten Schulter durch eine Spange geschlossen wird und ihn gegen den Regen wenigstens ein bisschen schützt, reibt mit einem Tuch den eisernen Buckel in der Mitte des Schildes trocken und setzt sich darauf. Schwer atmend zieht er die vier Riemen seiner hohen, geschlossenen Lederstiefel fest, dann lockert er, um sich etwas Erleichterung zu verschaffen, seine Beinschienen. Als Zenturio darf er diesen bis zu den Knien reichenden Schutz anlegen und zum Zeichen seines Ranges auch den Helmbusch aus roten und schwarzen Federn quer tragen. Marcus Caelius löst den Kinnriemen, nimmt den Metallhelm ab, rückt das an seiner linken Seite baumelnde Schwert etwas zurecht, damit er besser sitzen kann, und wischt sich mit dem Tuch den Schweiß aus dem Gesicht. Das gekräuselte Haar an seinen Schläfen ist schon grau.

»Das gefällt mir nicht!«, murmelt er vor sich hin. »Das gefällt mir ganz und gar nicht! Ich habe das Gefühl, dass ich aus dieser Wildnis nie mehr herauskommen werde. Mein ganzes Leben hindurch haben Glück und Unglück aneinander geklappert wie Würfel in einem Becher. Und jetzt höre ich das Unglück ganz laut klappern!« Einer seiner Unterführer lacht laut auf. »Wen die Götter lieben, Marcus Caelius, den lassen sie jung sterben. Und du bist alt!« Der Zenturio schüttelt den Kopf. »Hier sind wir vollkommen eingeengt«, sagt er mit nun kräftiger, lauter Stimme, damit ihn auch alle in seiner Nähe hören können. »Wir kennen dieses Gebiet überhaupt nicht. Wir marschieren auf schmalen Wegen ungeordnet Mann hinter Mann mit ungedeckten Flanken. Unsere Rüstungen und Schilde sind vom Regen nass und schwer geworden, im Nebeldunst können wir kaum etwas sehen, und im Falle eines feindlichen Angriffs ist unsere Beweglichkeit stark eingeschränkt. Müssen wir nicht mit einem solchen Angriff der Aufständischen rechnen? Wir wissen nicht das Geringste über sie, insbesondere nicht, wo sie sich momentan befinden.« Der Unterführer nickt mit dem Kopf. Auch er hat seinen Helm abgenommen. »Das stimmt«, brummt er, »vorausgesetzt es gibt ihn überhaupt, diesen aufständischen Stamm.« Marcus Caelius schaut ihn nachdenklich an. »Aber wenn es ihn gibt und wir in dieser Schlucht angegriffen werden, können wir unsere bewährte Kampftechnik in diesem tiefen Dickicht überhaupt nicht entfalten. Wir können kein geschlossenes Viereck bilden und keine Gefechtslinien. Das ist fatal!«

Er kneift die Augen zusammen und starrt auf Büsche und Sträucher und in die hohen Bäume, die ihn ringsum wie undurchdringliche, schwarzgrün schimmernde Wände umgeben. »Gebt Obacht, Männer! Bleibt dicht beieinander! Und gebt euch, so gut es eben geht, gegenseitig Deckung! Wo ist unser Kohortenführer? Ich möchte ihn warnen. Die germanischen Hilfstruppen hinter uns sind plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Das ist doch sehr seltsam! Wir sollten schleunigst an einer geeigneten Stelle ein Lager errichten, das uns mehr Schutz bietet, mit Gräben und Wällen drum herum! Und morgen früh sollten wir sofort umkehren! Das ist das Beste, was Quinctilius Varus in dieser Lage tun kann!« Marcus Caelius erhebt sich mit einem Ruck und verschwindet hinter dicken Stämmen. Seine Männer wird er nicht mehr wiedersehen.

Als hätte der Zenturio das Stichwort gegeben, tauchen plötzlich wie aus dem Nichts und von allen Seiten riesige germanische Krieger auf, stürzen mit Geschrei und Gebrüll aus dem dichten Buschwerk und Unterholz hervor, stürmen von den Hängen hinunter, springen aus Baumkronen herab und umringen blitzschnell nicht nur die Zenturie des Caelius, sondern die ganze 1. Kohorte. An die 1000 wilde, schrecklich anzusehende, nur mit Tierfellen bedeckte Germanen umzingeln 500 völlig überraschte Römer und werfen aus der Entfernung ihre Speere und andere Wurfgeschosse auf sie. Marcus Caelius hört noch aus der Ferne, wie sein Unterführer schreit: »Beim Jupiter! Die Germanen greifen an!«

Zahlreiche Legionäre werden getroffen und sinken verwundet oder getötet zu Boden. Das Kriegsgeschrei schwillt an, als die Germanen, ihrer momentanen Überzahl gewiss, näher an die überrumpelten römischen Soldaten heranrücken. Mit ihren kurzen Speeren und schweren Holzkeulen stechen und hauen sie alles nieder. Die Legionäre versuchen vergeblich, in der Enge des Waldes eine Gefechtslinie zu bilden. Die meisten sind vor Entsetzen starr und kommen nicht einmal dazu, ihr Schwert zu ziehen und sich zu wehren. Wer es tatsächlich schafft, hat nicht genügend Raum für einen wirkungsvollen Einsatz. Und die Kameraden der anderen Kohorten sind zu weit entfernt, um den Eingeschlossenen zu Hilfe kommen zu können.

In wenigen Minuten ist der erste Akt des Dramas vorüber, das später weltgeschichtliche Bedeutung erlangen wird. Während die Germanen keine Verluste haben, überlebt aus der 1. römischen Kohorte niemand, auch Marcus Caelius nicht. Das Letzte, was er hört, ist das Surren des tödlichen Speeres, der sich in seinen Unterleib bohrt und ihn niederstreckt. Dann steht ein großer, rothaariger Germane über ihm; der Zenturio sieht sein hasserfülltes Gesicht. Die Keule spaltet seinen Schädel mit einem Schlag.

Die Gebeine des Marcus Caelius werden nie geborgen. Wir wissen von ihm nur, weil sein Bruder Publius Caelius ein Kenotaph für ihn hat errichten lassen, ein leeres Grab für den fern der Heimat Verstorbenen mit einigen Inschriften im Relief und sogar einer plastischen Abbildung. Dort sollte des toten Zenturios gedacht werden. Der Inschriftstein stand wahrscheinlich zunächst auf dem Fürstenberg gegenüber der Lippemündung in der Nähe der heutigen Stadt Xanten, wo sich früher das große römische Militärlager Castra Vetera befand. Jedenfalls ist der sogenannte Caeliusstein dort auf dem Ehrenfriedhof gefunden worden. Er zeigt den Zenturio Marcus Caelius in sitzender Stellung in seiner vollen Uniform und mit all seinen militärischen Auszeichnungen. Der rechte Unterarm ist stark angewinkelt, die Hand hält den Zenturio-Stock, und auf dem Kopf trägt der Geehrte eine Corona Civica. Diese aus einem Kranz aus Eichenblättern bestehende »Bürgerkrone« war eine der höchsten militärischen Auszeichnungen in der römischen Republik und wurde demjenigen verliehen, der als civis, als römischer Bürger, einem Mitbürger in der Schlacht das Leben gerettet und den Feind getötet hatte. Ihr Träger besaß besondere Privilegien. Bei öffentlichen Spielen durfte er neben dem Senat sitzen, und bei seinem Eintritt mussten sich alle von den Plätzen erheben.

Auf dem Caeliusstein steht in durch einzelne Efeublätter abgeteilten Worten in lateinischen Buchstaben: Dem Marcus Caelius, dem Sohn des Titus, aus dem Stimmbezirk Lemonia, aus Bologna, dem Hauptmann der 1. Kohorte der 18. Legion, 53 Jahre alt. Er ist gefallen im Krieg des Varus. (Seine) Gebeine dürfen hier bestattet werden. Publius Caelius, der Sohn des Titus, aus dem Stimmbezirk Lemonia, sein Bruder, hat (diesen Stein) gemacht. Links und rechts von dem Reliefbild des Zenturio sind noch zwei weitere Köpfe abgebildet. Eine weitere Inschrift klärt darüber auf, dass es sich um seine freigelassenen Sklaven Marcus Caelius Privatus und Marcus Caelius Thiaminus handelt, seine beiden Burschen, die sehr wahrscheinlich mit ihm zusammen in der Schlacht umgekommen sind.

Dieser Grabstein, der heute im Rheinischen Landesmuseum Bonn besichtigt werden kann, ist bislang die einzige archäologisch-epigrafische Quelle dafür, dass die sogenannte »Schlacht im Teutoburger Wald« überhaupt stattgefunden hat. Wo genau, ist noch immer heiß umstritten. Darüber werden wir noch ausführlicher zu reden haben. Und über vieles andere ebenfalls, zum Beispiel auch über die Ursachen und Gründe für das entsetzliche Gemetzel in dem germanischen Walddickicht. Und Sie wollen wahrscheinlich auch wissen, warum denn und in welcher Weise die »Römer frech geworden« sind, wie der früher sehr populäre Liedtext von Joseph Viktor von Scheffel (1826–1886) verkündet. Der Mann ist im Zeitalter des Wilhelminismus, als das deutsche Nationalgefühl in vollster Blüte stand und die nationale Begeisterung keine Grenzen kannte, mit seinem Versroman »Der Trompeter von Säckingen« und vor allem als Studentenliederdichter bekannt geworden. Ich nehme an, Sie kennen das Lied auch:

Als die Römer frech geworden, sim serim sim sim sim sim, zogen sie nach Deutschlands Norden, sim serim sim sim sim sim. Vorne mit Trompetenschall, te rä tä tä tä te rä, ritt der Generalfeldmarschall, te rä tä tä tä te rä, Herr Quin(c)tilius Varus, wau, wau, wau, wau, wau, Herr Quin(c)tilius Varus, schnäde räng täng, schnäde räng täng, de räng täng täng … Weh, das ward ein großes Morden …, und so weiter. Sie wissen schon.

2 Antike Geschichtsschreibung – ein Problem

Bitte runzeln Sie jetzt nicht die Stirn! Wir sind ja erst beim zweiten Kapitel, und ich verspreche Ihnen, dieses ehemals sehr populäre Lied, das sich über den blutigen Untergang der römischen Soldaten im Teutoburger Wald lustig macht und sie verhöhnt und verspottet, nicht mehr zu erwähnen. Aber vielleicht legen Sie Ihre Stirn auch deshalb in Falten, weil Sie sich nach den ersten gelesenen Seiten erstaunt fragen: »Ach so, so war das? Das also war die berühmte Schlacht im Teutoburger Wald?« Ich kann Sie beruhigen, das war sie nicht. Das war erst ihr Beginn, denn andernfalls wären wir schon am Ende des Buches angelangt. Und das wäre doch recht ärgerlich.

Habe ich Sie nun neugierig gemacht, und wollen Sie ein wenig mehr wissen über dieses dramatische Geschehen, das die weitere Zukunft Germaniens und auch Roms weitgehend beeinflusst hat? Das Ende der dreitägigen – nach einigen Historikern sogar viertägigen – Entscheidungsschlacht hat die neuere Forschung mehrheitlich auf den 11. September 9 n. Chr. festgelegt. Der 11. September, ein düsteres Datum, das auch rund 2000 Jahre später böse Erinnerungen weckt – Erinnerungen an den 11. September 2001, als das New Yorker World Trade Center Opfer eines brutalen Terroranschlags wurde und über 3000 Menschen starben. Eine merkwürdige Übereinstimmung des Datums. Auch die Katastrophe dieses Tages, eine neue Dimension von hinterhältiger Gewalt, veränderte die Welt. Seitdem führen die USA einen unerbittlichen Krieg gegen den internationalen Terrorismus.

Doch auch das, was vor 2000 Jahren geschah, lässt uns nicht los, insbesondere uns Deutsche nicht, für die die Schlacht im Teutoburger Wald zur bedeutendsten Schlacht ihrer Geschichte geworden ist. Möglicherweise erwarten Sie nun von mir, dass ich Ihnen – wie das zumeist bei Schilderungen von Schlachten üblich ist – Augenzeugenberichte präsentiere oder auch eine Darstellung und Wertung der Ereignisse im Jahre 9 n. Chr. aus germanischer Sicht und unter Verwertung germanischer Quellen. Da muss ich Sie leider enttäuschen: Es gibt keine. Und auch die wesentlichen römischen zeitgenössischen Berichte über die frühen Kämpfe zwischen beiden Völkern kann ich Ihnen nicht bieten – sie sind sämtlich verloren gegangen. Alles, was wir über die Germanen dieser Zeit wissen, wissen wir nur aus zweiter oder gar dritter Hand, und dazu noch zumeist gekürzt und oft auch entstellt. Erst einige Zeit nach der Varusschlacht haben antike Geschichtsschreiber, Römer und Griechen, die römische Geschichte aufgeschrieben.

Na also, werden Sie sagen, das ist doch auch etwas! Dann müssen wir doch, wenngleich mit Verspätung, auch über die Germanen gut Bescheid wissen, denn sie kommen in der römischen Geschichte ja nicht eben selten vor. Ich muss Sie, lieber Leser, erneut enttäuschen. Denn diese Schreiber waren keine Geschichtswissenschaftler im heutigen Sinne, sondern sie sahen sich in erster Linie als Schriftsteller, denen vor allem Rhetorik und Stil sowie eine gute »Komposition« am Herzen lagen. Außerdem haben sie aus dem germanischen Geschehen nur das berichtet, was in den römischen Raum hineinragte. Nur das fand als Teil römischer Geschichte ihre Beachtung. Deshalb kennen wir nur Einzelbilder aus dem Gesamtgeschehen des Germanenvolkes, und sie sind immer eingebunden in das Schicksal eines fremden Staates. Alles, was römische Interessen nicht oder nur leicht berührte, wurde wenig oder gar nicht erwähnt. Und selbst Tatsachen betrachteten diese Schreiber durch die römische Brille. Die ganze weitläufige Welt des Germanentums blieb ihnen im Grunde völlig fremd. Kein Wunder also, dass unser Bild über die Berührung der Germanen mit den Römern sehr ungleichmäßig und vor allem lückenhaft ist.

Was heißt überhaupt Germanentum und Germanenvolk? Im Grunde hat es ein Volk der Germanen überhaupt nicht gegeben, sondern nur ein buntes Durcheinander verschiedenartiger Stämme, die weder eine gemeinsame Kultur noch eine gemeinsame Sprache hatten und erst recht kein Zusammengehörigkeitsgefühl. Das Wort »Germanen« ist lediglich eine Sammelbezeichnung. Das meinen jedenfalls unsere heutigen Geschichtswissenschaftler. Das Germanenbild, das viele Menschen auch heute noch haben, ist – zurückgehend auf die Schriften der antiken Autoren – eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Legendenbildung, Sage und Dichtung, frei nach dem Motto »Es lagen die alten Germanen, zu beiden Seiten des Rheins …«: Die Recken kommen abends nach der Jagd fröhlich zusammen, immer schön Sippe für Sippe, bringen ihr Bier und ihren Met mit, ergreifen ihre Trinkhörner und »saufen«. Hehres »geschichtliches« Volkswissen! Und noch ein weiter Weg bis hin zu Asterix und Obelix. Der Name »Germanen« wird zum ersten Mal von Poseidonius aus Apameia erwähnt, der von 135 bis 51 v. Chr. lebte. Auch Caesar spricht von »Germanen«, meint damit aber nur einen kleinen Teilstamm. Erst nach und nach wird der Name für alle »Barbaren« jenseits des Rheins benutzt.

Für die Zeit, die uns in diesem Buch beschäftigt und die ich Ihnen nahezubringen versuche, muss ich von den erwähnten Geschichtsschreibern insbesondere drei hervorheben, auf die ich zurückgegriffen habe. Velleius Paterculus ist derjenige von ihnen, der dem Geschehen in Germanien zeitlich am nächsten kommt, wenn auch der am wenigsten bekannte von ihnen. Er lebte von 19 v. Chr. bis etwa 30 n. Chr. und nahm als Reiterführer an den Zügen des Tiberius in Germanien und Pannonien teil. Augenzeuge der Varusschlacht war er nicht. Aber auf seine zumeist, wie er selbst betont, eilig aufgeschriebenen Angaben einzelner Geschehnisse und Tatsachen kann man sich weitgehend verlassen, wenngleich er in seinem Werk »Kompendium der römischen Geschichte« keine wirklichen historischen Erkenntnisse vermittelt. Zudem sind große Teile seines Werkes verloren gegangen.

Die beste Quelle für die Ereignisse in Germanien zur Zeit des Augustus (63 v. Chr.–14 n. Chr.) ist der Grieche Cassius Dio aus Nicaea. Seine »Römische Geschichte« in 80 Büchern machte ihn berühmt; sie ist die Frucht einer 22-jährigen Arbeit. Von den meisten Büchern sind allerdings nur Fragmente erhalten. Cassius Dio war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Senator. Den größten Teil seines Lebens verbrachte er im öffentlichen Dienst Roms. Deshalb können wir ihn, obwohl er Grieche war und auch auf Griechisch schrieb, getrost als Römer betrachten. Obwohl seine Berichte fast ausnahmslos aus der Sicht eines Senators geschrieben sind, müssen wir ihnen als Quellen einen hohen Stellenwert einräumen. Gerade für die römische Kaiserzeit finden wir bei ihm Informationen, die sonst nirgendwo wiedergegeben sind. Aber da Cassius Dio erst 155 n. Chr. geboren wurde, also lange Zeit nach dem Gemetzel im Teutoburger Wald, konnte auch er darüber nur aus der Rückschau und sozusagen aus dritter Hand berichten.

Zeitlich etwas näher liegt der im Jahre 55 n. Chr. geborene Publius Cornelius Tacitus, über dessen Leben uns allerdings wenig bekannt ist. Er war Rechtsanwalt in Rom und machte hier Karriere als Senator und Prätor. Mit einer intensiven schriftstellerischen Tätigkeit begann er erst, als er im Jahre 96 von dem nur zwei Jahre regierenden Kaiser Nerva zum Prokonsul der Provinz Asia (auf dem Gebiet der heutigen Türkei) ernannt wurde. Wann er gestorben ist, konnte bis heute nicht exakt festgelegt werden. Wir wissen nur, dass es kurz nach dem Regierungsantritt des Kaisers Hadrian im Jahr 117 gewesen ist.