Marie-Thérèse Schins

Ich übe für den Himmel

Mit Illustrationen von Isabel Pin

Titelseite.tif

Patmos Verlag

Für meine geliebte Nachbarin Els Schroeder aus Hamburg-Blankenese, die 94 Jahre alt wurde; für alle Clowns, die in Kliniken großartige Arbeit leisten; für alle Kinder, die an Krebs erkranken und in ihrer Krankheit ein großes Vorbild für uns sind.

INHALT

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Eins

In unserer Familie ist alles ein bisschen anders als bei den meisten Leuten. Wir lieben das Durcheinander, das Schiefe, das Krumme, das Kunterbunte. Wir mögen es, wenn wir die Welt auf den Kopf stellen.

Denn meine Mama ist von Beruf ein richtiger Clown, sie heißt Nina und wenn sie arbeitet, wird sie Mamamoma genannt.

Mein Papa ist auch Clown, er heißt Bodo und als Clown Papapipo.

Und ich? Ich bin noch kein Clown, heiße Isha, bin elf Jahre alt. Irgendwann werde ich aber ganz bestimmt auch den gleichen Beruf haben. Clown! Ich übe schon dafür.

Meine dicken roten Haare lassen sich kaum kämmen, meine Augen sind grasgrün und am ganzen Körper sprießen Sommersprossen. Die habe ich von Mama geerbt. Für mein Alter bin ich zu lang und zu dürr, das habe ich vom Papa.

Mein knuffiger, sommersprossenloser Bruder mit seinem strohblonden Haardach ist eine gelungene Mischung aus beiden. Er weiß noch nicht, was er werden will. Er ist sechs Jahre alt, da hat man noch nicht so den Berufs-Durchblick, glaube ich.

Wir wohnen in einem alten, windschiefen, weiß getünchten Häuschen mit sieben winzigen Zimmern und einem kleinen Garten, in dem alles kreuz und quer wächst und blüht.

Und drinnen sieht’s bei uns auch anders aus als bei den meisten Familien.

1. Wir haben kein Wohnzimmer.

2. Wir haben keinen Fernseher.

3. Wir haben keinen Computer.

4. Wir haben kein Auto.

5. Wir haben nur ganz wenige Möbel.

Zu 1: In allen Zimmern kann man bei uns wohnen.

Zu 2: Opa und Oma haben eine Glotze.

Zu 3: In der Schule gibt es genug Computer.

Zu 4: Wir haben Tante Antje. Aber davon später.

Zu 5: Dafür haben wir uns.

Ein Zimmer gehört Mama und Papa. Dort stehen zwei große, sehr alte Schatztruhen.

Ein Zimmer gehört meinem Bruder. Dort steht eine kleine Schatztruhe.

Ein Zimmer gehört mir. Dort steht ebenfalls eine Schatztruhe. Eine, die nicht sehr groß, aber auch nicht sehr klein ist. Sollte jemand den Deckel dieser Schatztruhe ohne meine Erlaubnis öffnen, findet er sofort einen großen Zettel, auf dem geschrieben steht:

Wer ungefragt meine geheimen Schätze auch nur versucht anzufassen oder zu lesen, kriegt es mit mir zu tun. Meine Rache ist nicht von Pappe! Ich kann euch garantiert verwandeln, in einen blöden, blauen Gartenzwerg zum Beispiel, der immer draußen stehen muss, auch im Regen und bei Eiseskälte! Oder in einen fetten Weihnachtskarpfen, der garantiert auf dem Teller landet. Also lasst besser die Finger davon! Für die Folgen stehe ich nicht ein! Isha

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Ich verrate noch nicht, was alles in meiner Schatztruhe steckt. So viel gebe ich nur preis: Es gibt darin Notizbücher mit geheimen Gedanken. Allerdings in Geheimschrift und mit unsichtbarer Tinte geschrieben.

Alle vier Truhen stammen aus Papas Familie, die seit vielen Generationen an der Elbe wohnt. Die Schatzkisten waren mal Vorrats- und Aussteuertruhen. Jetzt liegen bunte Schätze in ihnen. Mama und Papa brauchen sie für ihren Beruf, aber unten – unter diesen bunten Schätzen – werden Erinnerungen aufgehoben. Zum Beispiel Haarlocken, Milchzähne, Babyschuhe, alte Fotoalben und anderes Wunderbares mehr.

Im eigenen Zimmer machen wir, wozu wir Lust und Laune haben. Die übrigen vier Zimmer teilen wir uns. Zum Spielen, zum Lesen, zum Erzählen, zum Üben von neuen Clown-Tricks und Musikstücken, zum Kuscheln, zum Nähen von neuen Kostümen, zum Wohlfühlen. Und um Musik zu hören.

Essen tun wir meistens in der gemütlichen Küche. Oder mit dem Teller auf dem Schoß draußen auf der alten Gartenbank neben der Küchentür, deren Farbe durch Sonne, Wind und Regen immer mehr abblättert.

Wir schlafen auf Matratzen, einfach so auf den Holzdielen. Mal hier und mal da, eben dort, wo es uns gerade am besten gefällt. In jedem Zimmer liegt eine große Matratze mit bunten Decken und farbigen Kissen.

»Warum sollten wir mehr Möbel haben?«, fragt Mama oft. »Wozu? Zwei Schatzkisten für euch reichen, zwei Schatzkisten für Papa und mich reichen. Ein Küchentisch, Stühle und ein Bücherregal für alle reichen auch.«

Das finde ich praktisch. Wenn wir umziehen, brauchen wir dafür nur unseren Bakfiets. Das ist ein niederländisches Kastenrad. Bak heißt auf Deutsch Kasten und man spricht Bak wie Sack aus. Ein Fiets ist ein Fahrrad. Der Bakfiets hat vorne nebeneinander zwei Räder, dazwischen eine große Ladefläche, dahinter wie bei einem normalen Fahrrad nur ein Rad, Sattel, Lenker und Pedale. Mit diesem Ding können wir Schatztruhen, Bücher, Esstisch und Stühle, Bücherregale, Matratzen, Kissen, Decken, Kostüme und Anziehsachen von einem Ort zum anderen transportieren. Aber zum Glück haben wir gar nicht vor umzuziehen, sagen Mama und Papa.

Denn wir lieben das altersschiefe, weiß gestrichene Haus mit dem Reetdach, den Butzenscheiben und knallroten Fensterrahmen, die so rot wie unsere Clownsnasen sind. Die Haustür und die Fensterläden sind dunkelblau gestrichen und auf den Fensterbänken wachsen im Sommer Kirschtomaten und jede Menge Kräuter. Uns gefällt es in unserer Villa Kunterbunt. Auch ohne den Affen Herrn Nilsson und das getupfte Pferd auf der Veranda, so wie bei Pippi Langstrumpf. Und auch ohne Computer, Fernseher und Auto. Im Winter, wenn das ganze Laub von den Bäumen und Büschen gefallen ist, können wir sogar die Elbe sehen, den großen Fluss, auf dem die dicken Eimer, wie Opa die riesigen Containerschiffe nennt, aus allen Ländern der Welt in den Hamburger Hafen rein- und wieder rausfahren.

Die Straßen in unserem Stadtviertel, das Blankenese heißt, sind kurvig und schmal. Blankenese liegt an einem Steilhang. Überall gibt es zwischen den Häusern Treppen und Treppchen, auf denen Eddie und ich rauf- und runterhopsen.

Papa hat das Häuschen von seinen Eltern geschenkt bekommen. Opa hat es wiederum von seinen Eltern geerbt. Und davor …? Das weiß ich nicht so genau.

Ganz früher war Opa Bootsbauer und danach Elbfischer. Er hat vor allem den kleinen, leckeren Stint gefangen. Oma blieb zu Hause und hat auf Opa gewartet, um ihn zu verwöhnen, zu betüddeln, wie sie sagt. Sie betüddelt Opa immer noch. Jetzt wohnen Oma und Opa in einer Wohnung für alte Menschen am Blankeneser Marktplatz, fast direkt neben der Kirche.

»Ich muss ab und zu deutlich mit Dem Da Oben sprechen«, sagt Opa immer mit feierlicher, lauter Stimme und zeigt dann beschwörend in Richtung Himmel, »damit Der Da Oben für Oma und mich zwei hübsche Plätze freihält. Aber diesen Klönschnack mache ich besser in der Kirche gleich nebenan, denn sonst werde ich noch in die Klapsmühle gesteckt, wenn ich auf der Straße so laut mit Dem Da Oben rede.« Opa weiß genau, er redet sehr laut. Weil er nicht mehr gut hört. Vor allem, wenn er seine Hörknöpfe in den Ohren mal wieder nicht eingeschaltet hat.

Es kümmert Opa überhaupt nicht, dass er fast schreit, wenn er sich unterhält. Er strengt sich auch gar nicht an, leiser zu reden. »Hab mich schon genug angestrengt im Leben«, brummelt er, wenn jemand ihn bittet, seine Stimmgewalt ein wenig zu drosseln. Meinen Opa versteht man noch drei Straßen weiter mühelos. Macht nichts. Ich hab ihn lieb, so wie er ist. Und unsere wuselige Oma auch.

Oma und Opa passen auf Eddie und mich auf, wenn Mama und Papa länger arbeiten müssen. Aber sie kommen auch oft einfach nur so zu Besuch.

Dann gibt es noch Frau Schröder.

Sie wohnt ein paar Straßen von uns entfernt. Sie ist schon viele Sonnen und Monde alt. Sie ist so alt, dass ihr Gesicht aussieht wie ein kleines, bleiverglastes Fenster in einer verwitterten Kirche. So eine Kirche haben wir mal auf einem Ausflug in Mecklenburg-Vorpommern gesehen. Frau Schröder hat schneeweiße, glatte Haare und trägt immer Perlen in den Ohren und eine Perlenkette um den Hals. Sie sagt oft zu Mama und Papa: »Fabelhaft, fabelhaft, wie Sie Ihre Kinder erziehen.«

Als sie beim Einparken in unserer kleinen Einkaufsstraße an einem Verkehrsschild dicke Beulen in ihr Auto fuhr, stürzten sofort Leute aus den Geschäften. Alle lästerten über die Alte, dass sie besser ihren Führerschein abgeben sollte und so. Niemand half ihr. Sie guckten nur. Papa war zufällig in der Nähe. Er ist sofort zu ihr gegangen, weil sie so hilflos dastand.

»Sie Guter«, sagte sie später zu Papa, als er den Abschleppdienst gerufen hatte. Papa hat sie nach Hause gebracht und ihre Einkaufstaschen getragen. Seitdem sind wir mit Frau Schröder befreundet. Vor allem ich.

Unsere Teestunden auf ihrer Terrasse mit Schokokeksen sind mir heilig. Ihr auch. Frau Schröder ist mein zweites Zuhause.

Halt, jetzt hab ich doch fast Tante Antje vergessen, die gehört gewissermaßen auch zu unserer Familie. Tante Antje, so haben wir den Bakfiets getauft.

Mein Vater hat den Bakfiets von einem frisch gebackenen Kinderarzt aus Amsterdam in den Niederlanden gekauft, als Mama und er in der Uni dort mit ihrer Clownshow aufgetreten sind. Es war das Abschiedsfest der Studenten, ein warmer Sommerabend. Einer von ihnen, eben der mit dem Bakfiets, hatte einen kleinen Bericht über Mama und Papa im Fernsehen gesehen und sie spontan zu dieser Abschlussfeier eingeladen. Ja, mein Vater war mal mit Mama im Fernsehen! Der ehemalige Medizinstudent wollte nach der Feier seinen Bakfiets loswerden, weil der ihm in Amsterdam schon zweimal geklaut worden war.

»Vielleicht klauen die in Deutschland keine Bakfietsen«, hatte er gemeint. »Bei euch fährt doch ohnehin kaum einer Rad, sondern fast alle mit dem Auto. Ich will jetzt auch ein Auto haben. Schluss. Punkt. Wir sehen uns bestimmt wieder, wenn ich einen Job im Kinderkrankenhaus bekomme. Tschüss, ihr Clowns, tschüss, du Bakfiets!«

Tante Antje wohnt jetzt in unserem Garten, genau wie wir, unter einem Strohdach. Das Dach hat Papa mit einem Schulfreund selbst geflochten aus Reet. Diese Art von großem Schilf wächst an manchen Stellen am Ufer der Elbe und an den Seen in Schleswig-Holstein. Es regnet kaum durch auf unser Riesendreirad. Und wenn doch, dann spanne ich den Sonnenschirm auf. Ich mache auf der Ladefläche gern Schularbeiten oder spiele dort mit Katze Esmeralda und meinem Bruder Eddie.

Wir nehmen Tante Antje auch mit zu großen Einkäufen, denn auf ihre Ladefläche passt eine Menge drauf: Mama, Eddie, die vollen Einkaufstaschen und ich. Papa tritt wie blöd in die Pedale und setzt sich dabei immer die rote Clownsnase auf, und zwar oben auf den Kopf!

»Das ist jetzt meine Chauffeursmütze«, sagt er und strahlt.

Ich stülpe die rote Nase oft über meine Stupsnase. Ich finde mich richtig toll damit. Am liebsten würde ich diese kleine Gummikugel immer tragen. Ich übe damit Fratzen zu schneiden und gucke, was die Leute sagen. Ich versuche sie zum Lachen zu bringen. Eddie hat auch eine, aber die trägt er meistens oben auf dem Kopf, wie Papa beim Dreiradfahren.

Mama setzt sich ihre Nase nur bei der Arbeit auf. Sie kontrolliert immer meine Schultasche und wühlt nach meiner Nase. In der Schule soll ich nicht den Clown spielen.

»Beruf ist Beruf und Schnaps ist Schnaps«, nennt Opa diese Kontrollen.

Es stört uns überhaupt nicht, dass die Leute uns angaffen, wenn wir mit Tante Antje unterwegs sind. Papa und Eddie mit der roten Nase auf dem Kopf, ich im Gesicht und bei Mama überlegen sie, wo sie das Ding wohl versteckt hat.

Einige lachen, andere reißen vor Staunen den Mund auf. Dann gibt es welche, die rufen wie beim Karnevalsumzug: »Kölle alaaf!« In Hamburg wissen viele vielleicht gar nicht, dass man rote Nasen nicht nur zum Karneval aufsetzt.

Zum Beispiel im Kinderkrankenhaus.

Denn dort arbeiten meine Eltern. Seit meiner Geburt. Auch mit krebskranken Kindern.

Zwei

Es ist Samstag, es ist heiß und leider haben wir noch keine Sommerferien. Aber wenigstens ist Wochenende. Und nebenan ist der Teufel los. Es ziehen neue Nachbarn ein.

Vor dem Eingangstor der Villa, in die unsere Fischerkate mindestens fünfmal reinpasst, steht ein sagenhafter Monster-Umzugslaster mit Anhänger. Auf dem Bürgersteig und im Garten stapeln sich ungefähr zweihundert Stühle, Tische, bombastische Schränke und vor allem Berge von Kartons, große, kleine, mittelgroße und gigantisch große.

»Ganz schön anstrengend, mindestens tausend Kartons auszupacken. Hätte ich keine Lust zu, du?«, frage ich meinen Bruder Eddie.

»Nee«, sagt Eddie, »ich packe lieber die Sachen aus Mamas und Papas Schatzkisten aus.«

Das dürfen wir eigentlich nicht, aber wir tun es trotzdem, wenn sie nicht da sind. Heute sind sie leider da. Wir hätten gern in ihren Truhen mit den geheimnisvollen Überraschungssachen für kranke Kinder gewühlt und damit gespielt. Aber in einem unserer Zimmer üben Mama und Papa mit Ziehharmonika, Trompete und Querflöte für ihre neue Show im Kinderkrankenhaus. Bei geschlossenem Fenster, denn sie wollen die Nachbarn nicht stören. Vorhin klang es noch ziemlich falsch. Aber manchmal muss es sogar falsch klingen, damit das Publikum lacht, weil es glauben soll, Mama und Papa könnten nicht richtig spielen.

Die Sonne scheint und wir haben uns mit Katze Esmeralda, Spielkarten, Comicheften und Limonade auf Tante Antje in den Schatten gesetzt. Von der Elbe her hören wir das tiefe, dumpfe Tuten der Schiffe, und ich fühle mich rundherum glücklich.

»Ich möchte so schnurren können wie Esmeralda«, sagt Eddie.

»Versuchs doch«, schlage ich vor. Und wirklich! Eddie schnurrt mit der Katze im Duett und wir beide streicheln sie. Eddies und Esmeraldas Gesummsel klingt wie die Nähmaschine bei der griechischen Änderungsschneiderei am Ende der Elbchaussee, nur nicht ganz so laut. Währenddessen gucken wir durch ein großes Loch in der Hecke.

Wir sind richtig neugierig, was nebenan abgeht. Eine aufgeregte Frau lässt Unmengen von Kartons auf dem kurz geschorenen Rasen im Garten auftürmen. Fast überall steht mit fetten Filzstiftbuchstaben KÜCHE drauf. Sie sieht nicht sehr glücklich aus. Ein Mann schreit irgendwo aus vollem Hals mit den Möbelpackern herum, vielleicht vorne auf der Straße. So eine Lautstärke kenne ich von Opa, aber seine Stimme klingt ganz anders. Die Frau stöhnt immerzu: »Mein Gott, ist das heiß, dieser Umzug bringt mich noch um.«

»Lass Gott ruhig im Himmel und sterben kannst du immer noch«, schnauzt der Mann mit hochrotem Kopf. Er steht vor der Küchentür. »Pack lieber aus!«

»Was ist denn das für’n Knallkopf?«, flüstert Eddie.

»Ist doch klar«, sage ich. »Vielleicht hat der einen Hitzeschlag und hat’s noch nicht geschnallt. Auf jeden Fall hat der ’ne Krise.«

Dann sehen wir sie plötzlich: zwei Kinder in unserem Alter. Nur bei denen ist es umgekehrt wie bei uns: Der Junge ist älter als das Mädchen. Sie haben sich vor dem großen Spionierloch aufgebaut, das Eddie und ich mühsam mit der großen Gartenschere in die Hecke geschnitten haben. Sie stehen auf der anderen Seite der Büsche und starren uns an. Ich habe gerade die rote Nase auf, weil ich Eddie einen neuen Kartentrick vorführen wollte.

»Zieht ihr auch ein oder nur die Kartons?«, fragt Eddie freundlich.