Hermann-Josef Frisch

Da hat der Himmel
die Erde berührt

Was wir an Weihnachten feiern

Patmos Verlag

INHALT

Ein Wort zu Beginn

Ein Kind ist uns geboren

Weihnachten – Name und Geschichte

Weihnachten – die Botschaft der Bibel

Die Evangelien als Glaubenstexte

Die Kindheitsgeschichte bei Matthäus

Der Stammbaum Jesu (Mt 1,1–17)

Die Geburt Jesu (Mt 1,18–25)

Die Huldigung der Sterndeuter (Mt 2,1–12)

Ägypten (Mt 2,13–23)

Die Kindheitsgeschichte bei Lukas

Geburtsankündigung Johannes des Täufers (Lk 1,5–25)

Geburtsankündigung Jesu von Nazaret (Lk 1,26–38)

Loblied des Magnificat (Lk 1,46–55)

Die Geburt Johannes des Täufers (Lk 1,57–79)

Die Geburt Jesu von Nazaret (Lk 2,1–20)

Zeugnis des Simeon und der Hanna (Lk 2,21–40)

Jesus zwischen Tempel und Eltern (Lk 2,41–52)

Weihnachten – die Deutung der Theologie

Jesus kommt in die Welt

Gott kommt in die Welt

Licht kommt in die Welt

Hoffnung kommt in die Welt

Advent – Botschaft und Brauchtum

Name und Entstehung

Die Botschaft des Advent

Das Brauchtum des Advent

Heilige des Advent

Weihnachten – die Liturgie

Advent

Heiligabend

Die beiden Weihnachtstage

Die Weihnachtszeit

Epiphanie – Erscheinung des Herrn

Weihnachten – das Brauchtum

Die Krippe

Der Christbaum

Anderes Weihnachtsbrauchtum

Die Tage nach Weihnachten

Silvester und Neujahr

Dreikönige

Weihnachten – Brauchtum in anderen Ländern

Weihnachten – Fest des Lebens

Gott wird Mensch

Gott wird geboren in uns

Weihnachten ist das Fest des Glaubens

Weihnachten ist das Fest der Liebe

Weihnachten ist das Fest der Hoffnung

Da hat der Himmel die Erde berührt

Ein Wort zu Beginn

Da hat der Himmel

die Erde berührt ...

Für die meisten Menschen – gleich ob sie sich zum christlichen Glauben bekennen oder nicht – ist Weihnachten das Hauptfest des Jahres. Es ist ein Fest, das eine lange, sich manchmal über zwei, drei Monate erstreckende Vorbereitung kennt, ein Fest, auf das sich eine Fülle von Hoffnungen, Sehnsüchten, Kindheitserinnerungen und hoch gespannte Erwartungen richtet, ein Fest, das bis an den Rand gefüllt ist mit Brauchtum und Riten, mit Gewohnheiten und festlichen Strukturen wie sonst kein anderer Tag im Jahr. Es ist ein Fest der Familie. Von überall her kommen Kinder zu ihren Eltern, es gibt Familientreffen, die Freude, aber auch Stress mit sich bringen können. Es ist ein Fest des Friedens. Bei vielen kriegerischen Auseinandersetzungen wird über Weihnachten eine Waffenruhe vereinbart – aber was nützt das, wenn nach den Tagen weiter geschossen wird? Und es ist ein Fest, das trotz des Einbindens vorchristlicher Bräuche und gegen alle Verfälschung letztlich nur Sinn macht aufgrund seiner Botschaft, dass Gott Mensch geworden ist in Jesus aus Nazaret, seinem Christus, seinem Gesalbten und Gesandten.

So wichtig dieses Fest für die meisten Menschen nach wie vor ist – wenn es fehlen würde, würde uns viel fehlen –, so schwierig ist es auch für manchen Zeitgenossen geworden. Viele fragen nach seinem Sinn und stellen Hergebrachtes in Frage. Viele kommen mit den alten Bräuchen und Riten des Festes nicht mehr klar. Viele haben hohe, zu hohe Erwartungen an dieses Fest, und so kommt leicht Enttäuschung auf, wenn sich diese Erwartungen auf Geborgenheit und Frieden, auf ein harmonisches, in Beziehungen eingebettetes und ganzheitlich gelingendes Leben nicht erfüllen. Alleinstehende erleben an Weihnachten Einsamkeit besonders deutlich. Andere wiederum wollen dieses Fest für sich und ihre Familie intensiv nutzen, fragen sich aber, ob die alten Bräuche der Festgestaltung heute noch sinnvoll sind und mit der nachwachsenden Generation gelebt werden können.

Und über all dies hinaus ist Weihnachten natürlich der Manipulation unterlegen, die in einer konsumorientierten Gesellschaft alle Lebensbereiche umgreift. Bereits im November dudelt es in den Kaufhäusern und Fußgängerzonen »Stille Nacht, heilige Nacht« und »Süßer die Glocken nie klingen«; die Symbolik von Licht und Dunkelheit, die sich in unseren Breiten mit dem Weihnachtsfest verbindet, wird »gnadenlos« eingesetzt, um die Kaufbereitschaft der Kunden zu erhöhen. Weihnachtsmänner gibt es in großer Zahl; wer sich in die Geschäftszonen der Städte wagt, kann ihnen ab November nicht entkommen. Immer lauter, immer schneller geht es in der Vorbereitungszeit von Weihnachten zu – und so breiten sich an den Festtagen erst recht Müdigkeit und Erschöpfung aus. Man ist dann froh, wenn alles vorbei ist, die ganze »Weihnachterei« hängt einem mehr oder weniger zum Hals heraus. Daran ändert auch die Freude der Kinder wenig, denn wir sehen ja, wie sehr auch ihr Blick auf die Geschenke, auf das Materielle und Oberflächliche gerichtet ist – kaum verwunderlich bei dem, was sie an ihren Vorbildern, den Erwachsenen sehen.

Weihnachten, so sagen manche, ist in den letzten Jahrzehnten so gründlich »verdorben« worden, dass man es eigentlich gar nicht mehr feiern kann. Manche – und deren Zahl wächst – ziehen daraus die Konsequenz und fliehen an irgendeinen Urlaubsort, möglichst in die Sonne. Doch auch dort findet sich zwischen Palmen ein Plastiktannenbaum, der Weihnachtsmann kommt in die Hotelanlage und wiederum erklingt »Stille Nacht« – dieses Mal in den Lautsprechern der Hotelflure. Nein, rund um die Welt begegnet uns Weihnachten in vielfältiger Form, meist kitschig, manchmal erträglich, aber nur selten wirklich angemessenen. Wir können Weihnachten nicht entkommen!

Auch gibt es in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen, die nicht mit dem Christentum verbunden sind. Wie können Muslime, Buddhisten oder auch nichtreligiöse Menschen eine Beziehung zu Weihnachten haben, wenn es ihnen an der Beziehung zu dem mangelt, dessen Geburtstag an Weihnachten gefeiert wird? Weihnachten wird auch aus diesem Grund in neuer Weise »fragwürdig«.

Wohl aber können wir zu einem neuen Verständnis von Weihnachten kommen, indem wir uns auf seinen Ursprung besinnen, seine Grundlage suchen, seinem Sinn nachspüren. So – und nur so – ergeben sich neue Wege, Weihnachten in einer angemessenen Weise zu feiern und über die oberflächliche, konsumorientierte Verkitschung des Festes hinauszuwachsen. Weihnachten kann man nicht einfach so feiern. Auf Weihnachten sollte man sich vorbereiten und einstimmen.

Bei dieser Besinnung und dieser Suche nach einer guten Festgestaltung von Weihnachten in unserer Zeit möchte dieses Buch helfen – ähnlich geschieht dies mit dem Blick auf Ostern im parallelen Buch »Auf uns wartet das Leben. Was wir an Ostern feiern«. Dieser Band will durch eine Besinnung auf den biblischen und theologischen Grund von Weihnachten helfen, das Eigentliche dieses Festes wahrzunehmen. Es macht im Rückblick auf die Entstehung des Festes und des dazu gehörenden Brauchtums und seiner Symbole deutlich, worum es eigentlich geht. Es will Wege aufzeigen zu einer in unserer Zeit verantworteten Feier von Weihnachten. Dabei geht es darum, die »Kraft der Hoffnung« aufzuzeigen, die sich aus christlicher Sicht mit Weihnachten und der Weihnachtsbotschaft verbindet: Weil Gott Mensch wird, können auch wir besser als aus eigener Kraft »Menschen werden«; unser Leben kann aus dem Glauben heraus besser gelingen, gewinnt ein Ziel, für das und auf das hin es sich zu leben lohnt. Weihnachten kann für jeden von uns zum Fest der Hoffnung werden, das unser Leben tragen kann.

Ein Kind ist uns geboren

In jedem neugeborenen Kind

klopft Gott an die Tür.

Volksgut

Die Geburt eines Kindes ist in der menschlichen Gesellschaft ein herausragendes Ereignis. Alle Kulturen sprechen von der Freude über neues Leben, über Neugeborene als Zeichen der Hoffnung, über den Lebensbeginn als »Wunder«, dem man mit Dankbarkeit begegnen darf. Der jüdische Talmud sagt: »Kinder sind eine Gabe Gottes, mit ihnen belohnt er die Seinen.« Ein persischer Spruch aus alter Zeit sieht neugeborene Kinder als »Brücken zum Himmel«. Und der indische Weise Rabidranath Tagore (1861–1941) schreibt: »Jedes neugeborene Kind bringt die Botschaft, dass Gott sein Vertrauen in den Menschen noch nicht verloren hat.«

Ein Kind ist uns geboren – das bedeutet nicht nur für Eltern, Großeltern und Geschwister Glück und Freude. Alle, die dem Neugeborenen begegnen, wenn es die stolzen Eltern präsentieren, fühlen sich bewegt und angesprochen: Ein kleines, ohnmächtiges und schwaches Leben, auf Hilfe und Pflege angewiesen und dennoch ein »heiliger Anfang«, neue Lebenskraft, gesegnetes Leben.

Viele Kulturen feiern deshalb den Lebensbeginn mit einem besonderen Fest und begleiten den Neuanfang durch religiöse Riten: Eltern wünschen sich Schutz und Segen für ihr Kind, denn sie wissen von der Gefährdung des Lebens, sie wissen auch von ihrer eigenen begrenzten Kraft, dem Kind einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Der Segen Gottes, der Gottheit, der himmlischen Mächte wird deshalb am Lebensbeginn erbeten: Möge Gott selbst diesen jungen Menschen auf seinem Weg begleiten, ihn schützen und ihn zu einem guten Ziel führen. Die Lebenswenden Geburt, Erwachsenwerden, Heirat und Tod sind überall mit religiösen Riten verknüpft – für Christinnen und Christen ist es am Lebensbeginn die Taufe, die dem Kind früher unmittelbar nach der Geburt, heute oft auch etwas später gespendet wird.

Wenn für jeden Menschen gilt, dass die Geburt ein frohes und beglückendes Ereignis ist, dann gilt das in besonderer Weise von Menschen, denen man eine hohe Bedeutung nicht nur für die eigene Zukunft, sondern für die Zukunft einer Gesellschaft, eines Volkes zuspricht: Die Geburt eines Königskindes etwa, eines künfitgen Herrschers, wird als bedeutsam für sein ganzes Volk angesehen. Von da aus verwundert es nicht, wenn eine solche herrschaftliche Geburt mit besonderen Vorzeichen verknüpft wird: Die Sterne »stehen« günstig oder es erscheint sogar ein besonderer Stern, der einen verschlüsselten Hinweis auf die Geburt des neuen Königs gibt. Vielerlei wunderbare Zeichen, etwa eine frühe Blüte von Bäumen und Sträuchern passend zur Geburt des mächtigen Kindes, können in den Erzählungen der Völker die Erinnerungen an die Geburt des Herrschers begleiten.

Von da aus gibt es in allen alten Kulturen Kindheitslegenden bedeutender Menschen, meistens der Herrscher oder Religionsstifter. Solche Kindheitsgeschichten sind eine besondere Textsorte oder literarische Gattung: Nicht um historisch exakte Berichte eines vergangenen Geschehens geht es dabei, sondern um deutende Erzählungen, die im Rückblick die Wichtigkeit eines Menschen erfassen wollen. Dies geschieht nicht durch biografische Details und historisch nachprüfbare Fakten, sondern durch bildhaftes Sprechen, durch erzählerisch breit ausgeführte »Lebensbeschreibungen«, die das wunderbare Sein solcher Menschen zeigen.

Solche Aretalogien (griechisch »arete« = »Tugend«, Verherrlichung eines Menschen) gibt es von Herrschern (etwa vom akkadischen König Sargon [2300 v. Chr.] oder vom römischen Kaiser Augustus [63 v.–14 n. Chr.]) ebenso wie von Weisen (etwa Pythagoras, 570–510 v. Chr.) oder Wundertätern (etwa Apollonius von Tyana, 40–120 n. Chr.). Ebenso werden über den Buddha (Siddharta Gautama) Kindheitslegenden erzählt: von einer jungfräulichen Empfängnis (Eingang eines weißen Elefanten in die Seite von Siddhartas Mutter Maya) und Geburt bis zu wunderbaren Taten des jungen Siddharta anlässlich seiner Brautwerbung.

Auch in der Bibel finden sich verschiedene Kindheitslegenden. Im Neuen Testament sind dies auf Jesus bezogen die Kindheitsgeschichten bei Matthäus (Mt 1–2) und Lukas (Lk 1–2); die beiden anderen Evangelien nach Markus (= ältestes Evangelium) und Johannes berichten ebenso wenig über die Kindheit Jesu wie die anderen neutestamentlichen Schriften, etwa die Paulusbriefe. Doch greifen auch Matthäus und Lukas auf alttestamentliche Vorbilder zurück, die von Ereignissen rund um die Geburt bedeutender Kinder erzählen.

In den Schriften der Hebräischen Bibel (in etwa des christlichen Alten Testaments) finden sich zu herausragenden Menschen Geburts- oder Kindheitslegenden. Dies beginnt bereits bei Isaak und der Erzählung von seiner Opferung durch seinen Vater Abraham (Gen 22). Die Geburtslegende des Mose (Aussetzen des Kindes in einem Körbchen auf dem Nil, Ex 2,1–10) macht ein für Kindheitslegenden typisches Schema deutlich: Dem König (Pharao) wird ein Rivale geboren, deshalb wird dieses Kind verfolgt (Mord an den Kindern der Israeliten in Paralle zum Kindermord in Betlehem durch Herodes). Gott aber rettet das Kind durch wunderbares Eingreifen, denn es ist für Größeres bestimmt.

Eine deutliche Vorgabe für Matthäus war im Alten Testament die Kindheitslegende des Simson, eines der Helden der Richterzeit (Ri 13). Hier taucht das Motiv von der Unfruchtbarkeit und dem Alter einer Frau auf (vgl. Abrahams Frau Sara [Gen 18,12] oder Hanna, die Frau des Elkana [1 Sam 1]), das Lukas für Elisabeth, die Mutter von Johannes dem Täufer, aufgreift. An solchen Frauen zeigen die biblischen Schriftsteller das wunderbare Eingreifen Gottes: Das Vertrauen auf einen Gott, der den Armen (hier den unfruchtbaren Frauen) beisteht, prägt diese Texte.

Die Geburtslegende des Propheten Samuel (1 Sam 1–2) bringt eine doppelte Parallele zu den neutestamentlichen Geburtslegenden um Jesus: Zum einen wird hier durch das Eingreifen Gottes ein Kind geboren, das von Gott her einen besonderen Auftrag hat: Prophet Israels zu sein. Zum anderen lassen sich die Danklieder der beiden Mütter unmittelbar vergleichen: Das Danklied der Hanna (1 Sam 2,1–10) ist das Modell für das Danklied der Maria (Magnificat, Lk 1,46–55) und stimmt in seiner Aussage mit ihm inhaltlich überein: Gott, der Herr, ist groß, weil er den Kleinen hilft.

Kindheitslegenden existieren in alter Zeit in vielfältiger Gestalt. Matthäus und Lukas greifen diese Textsorte auf, nicht um Historisches vom Anfang der Lebenszeit Jesu zu berichten und exakte Fakten zu übermitteln, sondern – wie immer bei Kindheitslegenden – um eine Deutung der betreffenden Person zu geben. Die Kindheitsgeschichten des Matthäus und Lukas sind demnach Glaubenszeugnisse aus der Zeit der Gemeinden der zweiten christlichen Generation (etwa um das Jahr 90 n. Chr. entstanden) und bekennen den Glauben an Jesus, den Christus Gottes. Die beiden Texte am Anfang der Evangelien sind also keine Biografie und dürfen auch nicht auf biografische Daten (Geburtszeit, Geburtsort, Geburtsumstände) befragt werden. Wohl aber – und das ist in einem Glaubensbuch wie der Bibel entscheidend – geben sie den Glauben der Verfasser wieder: Dieses Kind ist der Christus, der Herr, das Licht Gottes mitten unter den Menschen. In diesem Jesus, dem »Immanuel« (»Gott-mit-uns«), hat der Himmel die Erde berührt.

(Im biblischen Teil dieses Buches wird das Thema Kindheitslegenden genauer behandelt.)

Weihnachten – Name und Geschichte

Mit Weihnachten beginnt eine neue Zeit,

die Zeit,

in der Christus das Licht der Welt ist

und in der sich Menschen zu ihm

als dem Licht der Welt bekennen.

Zum Namen:

In den europäischen Sprachen haben sich für das Weihnachtsfest unterschiedliche Namen gebildet, die verschiedenen Ursprungs sind. Das deutsche Wort Weihnacht(en) ist auf die geweihte, heilige Nacht zurückzuführen. Im 12. Jahrhundert wird in mehreren Texten von der »wihen naht« gesprochen, etwa in einem Gedicht des Dichters Spervogel aus dem Jahr 1190:

»Er ist gewaltic unde starc,

der ze wihen naht geborn wart:

daz ist der heilige krist.«

Durch die Nennung der geweihten, heiligen, also mit Gott verbundenen und durch das Wirken Gottes geprägten Nacht wird in diesem Text die Weihnachtserzählung der Bibel und die inzwischen im Christentum entstandene Weihnachtsliturgie von ihrem Sinn her gedeutet: Mitten in der Nacht, in der von den Menschen gefürchteten Dunkelheit des Lebens, greift Gott ein und bringt durch seinen Sohn Licht in die Welt. Eine neue Zeit beginnt mit der ersten »Weihnacht«, eine Zeit, ab der sich Menschen zu Christus als dem Licht bekennen.

Der Name Weihnacht(en) ist also im deutschsprachigen Raum von seiner Entstehung an christlich geprägt und geht – anders als bei manchem vorchristlichem Brauchtum, das für die Feier von Weihnacht übernommen wurde – nicht von außer- oder vorchristlichen Traditionen aus. Das heilige Geschehen dieser Nacht spiegelt sich im Namen wider.

In den romanischen Sprachen des Mittelmeerraumes wird das Weihnachtsfest in eher karger Weise vom Geschehen der Geburt Jesu her benannt: Es ist der Geburtstag Jesu, lateinisch: nativitate domini (Geburt des Herrn); entsprechend italienisch: Natale; spanisch: Navidad; französisch: Noël. Auch hier gibt es vom Namen her eine unmittelbare Beziehung zu Jesus, dem geglaubten Herrn der Welt. Ein ähnliches Bekenntnis findet sich im Neugriechischen: Dort heißt Weihnachten Christougenna (»Christuswerdung«).

Nennungen in anderen Sprachen wie das englische Christmas (heute im Amerikanischen auch zu Xmas verhunzt) oder das niederländische Kerstmis beziehen sich auf den weihnachtlichen Gottesdienst mitten in der Nacht, die Christmette: In ihr wird erfahrbar, wie das Licht Christi mitten in dunkler Nacht aufleuchtet.

Eine Reihe von Redewendungen stellen im Deutschen die Bedeutung von Weihnachten heraus: Es ist das Fest, entsprechend hat man »ein Gefühl wie Weihnachten«; besonders freudige Anlässe sind so, als ob »Weihnachten und Ostern (die beiden christlichen Hauptfeste) auf einen Tag fallen«; man kann sich auch so freuen, »wie sich ein Kind auf Weihnachten freut«. Wenn man etwas vehement ablehnt, sagt man vielleicht: »Lieber nichts zu Weihnachten«. Wenn im Advent allmählich weihnachtliche Stimmung aufkommt, dann »weihnachtet« es sehr (Theodor Storm).

Zur Geschichte von Weihnachten:

An welchem Tag und in welchem Jahr Jesus wirklich geboren wurde, ist nicht bekannt und kann heute auch nicht mehr mit Sicherheit erschlossen werden. Die biblischen Erzählungen im Matthäus- und Lukasevangelium erwähnen keine genauen Daten und selbst, wenn sie es täten, wäre es ohne Belang, weil die in den Kindheitsberichten der Evangelien verwendete Textsorte »Geburtslegende« nicht historisch fassbare Fakten schildern will, sondern theologische Deutungen der Person Jesu bereits von Anfang seines Lebens an vornimmt (vgl. das Kapitel »Weihnachten – die Botschaft der Bibel«). Das wirkliche Geburtsdatum Jesu bleibt im Dunkeln der Geschichte verborgen.

Der historisch exakte Termin der Geburt Jesu war den Christen der ersten Jahrhunderte zudem unwichtig. Ihr wichtigstes Fest – und das gilt nach wie vor für den christlichen Glauben – war Ostern. Der gekreuzigte und auferstandene Herr bildete die Mitte des Bekenntnisses der Christen, auch den Kern der neutestamentlichen Evangelien. Von diesem Fest her feierte man jeden Sonntag Eucharistie, Abendmahl (»jeden Sonntag Ostern feiern«), von diesem Fest aus entwickelten sich dann auch andere Feste (etwa Pfingsten sieben Wochen nach Ostern).

Über den Beginn des Lebens Jesu dachte man in der Anfangszeit des Christentums wenig nach und feierte auch seine Geburt nicht. Es gab zwar in der Katakombenmalerei des zweiten Jahrhunderts bereits einige Darstellungen der Geburt Jesu und der Verehrung durch die Magier, aber kein eigentliches Weihnachtsfest. Erste liturgische Hinweise gibt es etwa ab dem Jahr 300 in Ägypten und einige Jahrzehnte später auch in Rom. Die Entstehung eines Festes zur Geburt Jesu ist theologisch einzuordnen:

Bedingt durch die großen christologischen Fragestellungen, die die Christen des vierten Jahrhunderts bewegten und die in den Konzilien dieses und der folgenden Jahrhunderte geklärt wurden, ergab sich zunehmend ein größeres Interesse an der Gestalt Jesu und damit auch an seiner Geburt. Es ging immer mehr um die Frage: Wer ist dieser Jesus? Woher kommt er? Was ist sein Anfang (in dem nach antikem Denken bereits die Wurzeln für seinen weiteren Lebensweg liegen)?

Über diese christologischen Fragen wurde heftig gestritten. Es gab eine Fülle von Auffassungen, Meinungsverschiedenheiten und Streit. Die einen verstanden Jesus nur als von Gott geschaffenen Menschen (Arianer), die anderen hielten den menschlichen Leib Jesu nur für einen Scheinleib, in Wirklichkeit sei Jesus Gott und nichts anderes gewesen (Doketisten). In langer Diskussion und Reflexion prägten die großen Konzilien (325 Konzil von Nizäa, 381 Konzil von Konstantinopel, 431 Konzil von Ephesus) dann die für die Kirche künftig geltende Christologie: Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Und genau dieser Gedanke wird an Weihnachten gefeiert (vgl. das Kapitel »Weihnachten – die Deutung der Theologie«).

Weihnachten, so könnte man überspitzt sagen, ist damit die liturgische und festliche Umsetzung theologischer Klärungen, die den Glauben der Kirche konzentrierten und präziser aussagten. Weihnachten ist ein Fest, dass einen Kerngedanken christlichen Glaubens thematisiert, damit aber das Ganze des Glaubens umfassend aussagen will. Weihnachten ergibt sich aus der Mitte des Glaubens und erhält seinen inneren Sinn nur von hier aus. Dies ist bei der Gestaltung des Festes unbedingt zu berücksichtigen: Allein vom Glauben an Jesus als wahren Gott und Menschen lässt sich Weihnachten feiern.

Der 25. Dezember dagegen wird erst im Jahr 354 erstmalig als Geburtstag Jesu genannt. Allerdings ist trotz aller Forschungen die Begründung dafür nicht eindeutig. Vielmehr gibt es eine Reihe von Hypothesen, die Sinn machen, aber letztlich nicht beweisbar sind.