Marlene Fritsch

Von ängstlichen Drachen,
halben Mänteln und
zahmen Wölfen

Die schönsten Heiligenlegenden neu erzählt

Patmos Verlag

INHALT

Wie Franziskus und der Wolf die Angst besiegten

Von Broten und von Rosen – Elisabeth ist nicht aufzuhalten!

Martin macht es warm – mitten im Winter

Christopherus ist nichts zu schwer

Nikolaus hat ein Geheimnis

Barbara blüht auf

Wie Georg, der beinah Furchtlose, dem Drachen zeigte, wo es lang geht

Mit Lucia geht die Sonne auf

Warum Meinrad alle Menschen gern hatte – auch die falschen …

Klara teilt aus

Wie Hubertus seine Trauer verjagte

Was Antonius nur den Fischen erzählte

Florian ist Feuer und Flamme

Wie Franziskus und der Wolf die Angst besiegten

Franziskus war auf dem Weg in die Stadt, nach Gubbio. Wie beinahe jeden Tag war er gut gelaunt und pfiff fröhlich ein Liedchen vor sich hin. Er blieb hier stehen, um an einer Blume zu schnuppern, und dort, um einer Katze über das Fell zu streicheln. Normalerweise hielt er auch immer ein Schwätzchen mit den Menschen, die ihm unterwegs begegneten, aber heute kam ihm niemand entgegen. „Komisch“, dachte er, „wo sind nur alle? Die Straßen sind ja wie ausgestorben!“

Franziskus lebte mit ein paar Brüdern unweit der Stadt in einem kleinen Kloster. Das hatte er selbst aufgebaut. Die Leute lachten manchmal heimlich über ihn. Sie fanden ihn ein bisschen komisch, weil er immer so fröhlich durch die Straßen ging, obwohl er arm war wie eine Kirchenmaus. Das sah Franziskus ganz anders! „Ich bin so reich beschenkt“, erklärte er, „die Welt ist voller Schönheit, man muss sie nur sehen können! Schaut, Bruder Mond, der uns die Nacht schenkt und den Schlaf, damit wir uns erholen. Und Schwester Sonne, die uns Wärme und Licht gibt, damit wir fröhlich sind. Auf den Feldern wächst alles, was wir zum Leben brauchen, und wenn wir es teilen, reicht es auch für alle, die Hunger haben.“ Und weil Franziskus und seine Brüder sich ganz besonders um die Menschen kümmerten, die krank waren und denen es schlecht ging, hatten ihn alle herzlich gern und teilten ihr Essen und ihre Vorräte mit ihm.

Als Franziskus nun beinahe am Stadttor von Gubbio angekommen war, sah er die Wachen oben auf der Mauer stehen. Sie waren kreideweiß im Gesicht und winkten ihm hektisch zu. „He, Brüder, was ist heute los mit euch? Die Sonne scheint, es ist herrlich und ihr versteckt euch in der Stadt?“, rief Franziskus von unten. „Franziskus, bist du wahnsinnig? Komm sofort herein, du bist in Lebensgefahr!“, brüllten sie zurück. Schnell schlüpfte Franziskus durch die Tür im Stadttor, die eilig hinter ihm zugeschlagen wurde. Als Franziskus sich umsah, schaute er in viele ängstliche Gesichter. Hinter der Stadtmauer hatte sich eine große Menschenmenge zusammengedrängt.

„Jetzt mal ganz mit der Ruhe“, sagte Franziskus und legte dem Wachmann, der vor ihm stand, die Hand auf die Schulter. „Was macht euch solche Angst?“ „Hast du es noch nicht gehört, Franziskus?“, fragte der zurück. „Der Wolf, er hat heute wieder zugeschlagen und zwei Reisende kurz vor der Stadt getötet! Das sind für diese Woche schon die fünften Toten! So kann das doch nicht weitergehen. Wir können nicht mehr aus der Stadt gehen! Alle Hirten sind hinter die Stadtmauer geflüchtet, keiner traut sich mehr hinaus auf die Felder!“

Franziskus nahm den zitternden Mann in den Arm. „Fürchte dich nicht, Bruder! Ich werde mit dem Wolf reden. Er ist auch unser Bruder!“ Der Wachmann war entsetzt und auch die Menschen hinter ihm fingen an, durcheinander zu rufen: „Nein, nicht, Franziskus!“ „Er ist eine Bestie!“ „Er wird dich zerfleischen!“ „Sei vernünftig und bleib bei uns!“ „Geh lieber und bete für uns!“

Franziskus schaute sie aus traurigen Augen an. „Ihr habt solche Angst in dieser Welt. Und Bruder Wolf hat dieselbe Angst vor euch. Ich werde sie ihm nehmen.“ Und damit schlüpfte er wieder aus der Tür, zu der er eben erst hereingekommen war.

Draußen schaute Franziskus sich um. Dann nahm er den Weg, der von der Stadt durch den Wald in das nächste Dorf führte. Am Waldrand saß eine struppige Gestalt, die ihn beobachtete. „Da bist du ja, Bruder Wolf“, sagte Franziskus leise. Er ging etwas langsamer und blieb dann einen Wolfssatz weit vor dem Tier stehen. Der Wolf hatte sich zum Sprung bereit gemacht. Er knurrte und starrte Franziskus aus gelben Augen an.

„Bruder Wolf, wovor hast du solche Angst?“, flüsterte Franziskus. „Ich tue dir nichts. Ich möchte nur mit dir reden.“ Der Wolf hörte auf zu knurren und schaute Franziskus fragend an. „Schau, ich bin hergekommen, um dich zu bitten, mit dem Morden aufzuhören“, fuhr Franziskus fort. Der Wolf spitze die Ohren und legte den Kopf schief. „Weißt du, die Menschen haben vor dir noch viel mehr Angst als du vor ihnen. Du musst sie nicht töten, damit sie dir nichts tun. Und eines verspreche ich dir“, sagte Franziskus und kniete sich hin. Jetzt konnte er dem Wolf direkt in die großen gelben Augen schauen. „Ich passe auf dich auf, dass dir nichts geschieht.“ Dann war es eine Weile still zwischen den beiden. Endlich streckte Franziskus die Hand aus. „Komm her, Bruder Wolf, du bist wunderschön. Sei mein Freund, dann werde ich deiner sein.“ Und plötzlich gab der Wolf sich einen Ruck und tappte zu Franziskus. Der fuhr ihm mit der Hand über den Kopf und kraulte ihn hinter den Ohren. „Spürst du, wie schön das ist?“, flüsterte Franziskus. Und ob der Wolf das spürte! Da legte er tatsächlich Franziskus seine Pfote auf die Schulter und sah ihm tief in die Augen. Franziskus lächelte und nahm den Wolf fest in den Arm. Dann sagte er: „Komm, Bruder Wolf, wir zeigen den Menschen in der Stadt, dass sie keine Angst mehr vor dir haben müssen – und du wirst sehen, du brauchst sie auch nicht zu fürchten!“ Franziskus stand auf und ging denselben Weg zurück in die Stadt, den er gekommen war. Der Wolf sprang neben ihm her wie ein junger Hund, und Franziskus streichelte ihm immer wieder sanft über den Kopf.

Die Menschen in der Stadt hatten alles genau von der Stadtmauer aus beobachtet und den Atem angehalten. Sie konnten fast nicht glauben, was sie da sahen! Als Franziskus vor dem Stadttor ankam, öffneten sie vorsichtig die Tür und schauten ängstlich auf Franziskus und den Wolf. „Liebe Einwohner von Gubbio, ihr braucht keine Angst mehr zu haben. Bruder Wolf wird euch nichts mehr tun. Ihr müsst mir aber versprechen, dass auch ihr ihm nichts mehr tut! Er ist mein Freund, und ich werde auf ihn aufpassen.“ „Franziskus, wie hast du das gemacht?“, fragten ihn die Menschen. „Du kannst mit den Tieren reden und sie verstehen dich!“ Ungläubig schauten sie ihn an.

„Nun steht nicht da wie die Ölgötzen“, rief Franziskus fröhlich, „ihr seid befreit, befreit von der Angst voreinander, ist das nicht ein Grund, sich zu freuen?“ Da stimmten alle in sein Gelächter ein und nahmen ihn und den Wolf in ihre Mitte. Seit dieser Zeit waren Franziskus und sein Bruder Wolf unzertrennlich. Und wo er auch hinging, folgte ihm der Wolf. Die Nachricht, dass Franziskus sogar mit den Tieren sprechen kann, verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Gegend. Und wenn die Menschen Franziskus vorher schon sehr gern hatten, so bewunderten sie ihn jetzt heimlich sogar und lachten nicht mehr über ihn.


Namenstag:

4. Oktober

Von Broten und von Rosen – Elisabeth ist nicht aufzuhalten!

Elisabeth war schrecklich traurig. „Warum kann ich den Armen im Dorf nichts mehr bringen, sonst hattest du doch auch nie etwas dagegen?“, fragte sie ihren Mann und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. „Weil …“, Ludwig machte eine Pause. „Weil wir sonst irgendwann selbst nichts mehr haben, deshalb“, sagte er bestimmt. „Du weißt, dass wir noch immer mehr als genug haben, Ludwig. Bis wir verhungern, muss schon ein ganzes Kreuzzugsheer in unserer Vorratskammer wüten!“ „Es ist mir egal, ich möchte einfach nicht, dass du gehst, und damit basta!“ Ludwig schaute seine Frau wütend an. Und Elisabeth schaute ebenso wütend zurück. Dann drehte sie sich ohne ein weiteres Wort um und verschwand in ihrem Zimmer.

Elisabeth war eine Königstocher und schon mit vierzehn Jahren mit Ludwig, dem Landgrafen von Thüringen, verheiratet worden. Das war ganz normal damals und allen Freundinnen von Elisabeth ging es nicht anders. Aber einen Unterschied gab es doch zu ihnen: Elisabeth hatte ihren Mann wirklich sehr lieb, lieber als alle Menschen, die sie sonst kannte.

Umso weniger verstand sie, was jetzt in ihn gefahren war! Ludwig hatte sie von dem Tag an unterstützt, als Elisabeth völlig verwirrt aus der Stadt gekommen war. Heimlich hatte sie sich von der Wartburg, in der sie mit Ludwig wohnte, hinunter nach Eisenach geschlichen. Elisabeth war noch nie allein dort gewesen, immer hatte sie irgendwer von den Leuten begleitet, die auf der Burg wohnten und den ganzen Tag um sie herumwuselten. Das ging ihr auf die Nerven! Nie konnte sie mal allein sein. Und nie konnte sie mal wirklich den Menschen begegnen, die sie doch eigentlich regieren sollte. Also war sie heimlich gegangen. Was sie dann aber in den Gassen zu sehen bekam, tat ihr in der Seele weh: Kinder mit spindeldürren Armen und riesigen Augen, die an einem Stück verschimmeltem Brot nagten. Frauen, die kaum gehen konnten vor Schmerzen und trotzdem auf der Straße bettelten. Alte, die vor ihren Häusern saßen und sich nicht mehr bewegen konnten, um die sich aber niemand kümmerte.

Nach ein paar Stunden war Elisabeth den ganzen Weg zur Burg zurückgerannt und mitten in ein Diktat ihres Mannes an seinen Schreiber gestürzt. „Du musst etwas tun, Ludwig! Die Leute leiden schrecklich! Sie sterben und haben keine einzige glückliche Minute in ihrem Leben gehabt!“ „Elli, nun beruhige dich doch erst einmal“, hatte Ludwig gesagt und sie sanft in einen Sessel gedrückt. „Und nun erzähl mal der Reihe nach.“ Ludwig hörte ihr aufmerksam zu. Und auch, wenn er selbst das vielleicht ein bisschen anders sah, so konnte er seiner Frau doch keinen Wunsch abschlagen. Er erlaubte also Elisabeth, den Menschen zu helfen. Und das tat sie dann auch! Sie packte Brot und Getreide, Öl, Wein und Leinen in ihre Körbe und brachte sie den Armen. Sie pflegte die Kranken und verkaufte so manches Silber aus der Burg, um eine Arznei für sie davon zu besorgen. Am Ende überredete sie ihren Mann sogar dazu, ein Haus zu eröffnen, in das die Kranken kommen konnten, um sich pflegen zu lassen – und das ganz umsonst! Und jetzt wollte er sie nicht mehr zu „ihren“ Menschen gehen lassen, ihnen nichts mehr abgeben? Was war bloß los mit ihm?