Hans-Dieter Otto

»Für Einigkeit und Recht und Freiheit«

Die deutschen Befreiungskriege gegen Napoleon 1806–1815

Jan Thorbecke Verlag

Für André und Alexander

»Der Sand, der durch die Uhr der Zeit läuft, ist aus unserer Asche gemacht. Was wir einst waren, heute sind und einmal sein werden, diese Folge von Geschlechtern und Schicksalen, die aus weit zurückliegendem Dunkel auftaucht, durch den flüchtigen Lichtstreif der Gegenwart wandert und den Weg in die Undurchdringlichkeit der Zukunft nimmt, das alles wäre nur gestaltloser Stoff, wenn es nicht den Geist der Geschichte gäbe, der sich gern herbeirufen lässt, um den Weg zu deuten.«

Friedrich Sieburg, »Napoleon«

INHALT

PREUSSEN AM TIEFPUNKT SEINER ERNIEDRIGUNG
Juli 1806–August 1807

Preußen steht allein – Der Rheinbund als französischer »cordon sanitaire« – Franz I. legt die Kaiserkrone nieder – »Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung«, der Fall Palm – Jena und Auerstedt – Flucht der Königsfamilie nach Ostpreußen – Berlin wird besetzt – Napoleons Einzug durch das Brandenburger Tor – Harte Kontributionen – Berliner »Wendehälse« – Gneisenaus Widerstand in Kolberg – Frieden von Tilsit – »Unser Todesurteil ist gesprochen!« – Kontinentalsperre gegen England – Alle linksrheinischen Gebiete werden französische Departements – Preußen nach dem Friedensschluss – Not und Stimmung im Lande

PREUSSISCHE REFORMER UND PATRIOTEN
September 1807–April 1808

Hoffnungsschimmer am Horizont: Scharnhorst und der Freiherr vom Stein – Königin Luise wird aktiv – Reformen »von oben nach unten« – Steins »Bauernbefreiung« – Opposition des Adels – Neuorganisation der Verwaltung – Auch das Königshaus muss sparen – Preußen soll 120 Millionen Francs zahlen – Scharnhorst und Gneisenau reformieren das Heer – Maßregelung der preußischen Offiziere – Der »Bürger in Uniform« – Gneisenau plant den Befreiungskrieg – Scharnhorst führt das »Krümpersystem« ein – Die Gebildeten tragen den Geist der Freiheit und der Selbstbestimmung in alle Volksklassen – Fichtes »Reden an die deutsche Nation« – Der nationalrevolutionäre »Tugendbund« wird verboten – Ernst Moritz Arndts gesamtdeutsche Appelle und Friedrich Jahns »Turnbewegung«

»STEHST DU AUF, GERMANIA?«
Mai 1808–April 1809

Aufstand in Spanien – Steins kompromittierender Brief – Österreichs Außenminister Graf Stadion plant den Krieg – Napoleon will ein Bündnis mit Russland – Erfurter Fürstenkongress – Napoleon spricht in Weimar mit Goethe – Talleyrands Verrat – Hasenjagd auf dem Schlachtfeld von Jena – Minister Stein wird entlassen – Die Franzosen räumen Berlin – Proklamation an die österreichischen Soldaten: »Eure deutschen Brüder harren ihrer Erlösung!« – Friedrich Wilhelm III. will keinen neuen Krieg gegen Napoleon – Österreich schlägt allein los – Tiroler Volksaufstand unter Andreas Hofer – Blücher will seinen Austritt aus der preußischen Armee erklären – Preußische Offiziere meutern – »Kameraden, es geht gegen Napoleon!«, der Aufstand des Majors Schill – Die erhoffte allgemeine Revolte bleibt aus – Das Schillsche Freikorps kämpft bei Dodendorf gegen die Franzosen – Schills Tod im Kampf um Stralsund – Elf seiner gefangenen Offiziere werden hingerichtet – Erzherzog Karl verliert in Bayern sechs Gefechte – In Preußen agitiert Heinrich von Kleist gegen Napoleon – Die »Hermannsschlacht« als Vorbild des Befreiungskampfes – »Ruf der Germania an ihre Kinder « – Die radikalen Aufrufe bleiben in Deutschland ungehört

ÖSTERREICH KÄMPFT – UND PREUSSEN?
Mai 1809–November 1810

Napoleon in Wien – Das Massaker von Schwaz – Schlacht bei Aspern – Kleists kämpferisches Wochenblatt »Germania« – Kaiser Franz erbittet ein Schutz- und Trutzbündnis – Friedrich Wilhelm III. scheut das Risiko – Schlacht bei Wagram – Andreas Hofer wird verraten – Metternich und der Friede von Schönbrunn – Napoleon heiratet die Tochter von Kaiser Franz – Das preußische Königspaar kehrt in die Hauptstadt zurück – Patriotische Stimmung in Berlin, Eichendorff und Kleist – Hardenberg wird Staatskanzler – Tod der Königin Luise – Hardenbergs Maßnahmen und Reformen – Steuergesetze und Gewerbeordnung – Frankreichfeindliche Berliner Salons – Wilhelm von Humboldt gründet die Berliner Universität – »Turnvater« Jahn und der neue Geist der Vaterlandsliebe

FREIHEIT ODER UNTERWERFUNG
Dezember 1810–April 1812

Zar Alexander durchbricht die Wirtschaftsblockade gegen England – Napoleon annektiert die Hansestädte, Ostfriesland und Oldenburg – Offener Konflikt zwischen Frankreich und Russland – Preußen sitzt zwischen zwei Stühlen – Gneisenaus Denkschrift zum Schicksal Gesamtdeutschlands – In den Rheinbundstaaten verändert sich die Einstellung der Bewohner zu den Franzosen – Auswirkungen der Kontinentalsperre in Preußen – Arbeitslosigkeit und Armut in Berlin – Strenge Zensur der Besatzer – »Ganz Europa werde ich hinter mir herschleifen!« – Napoleon plant den Russlandfeldzug – Heinrich von Kleist resigniert – Tragischer Doppelselbstmord am Kleinen Wannsee – Steins gesamtdeutsches Glaubensbekenntnis – Jérôme warnt seinen Bruder – Napoleons Bündnis mit Preußen und Österreich – 20.000 preußische Soldaten lernen die Marseillaise – Scharnhorst und Gneisenau reichen ihren Abschied ein – Das Bekenntnis von Clausewitz

DIE KONVENTION VON TAUROGGEN
Mai 1812–Februar 1813

Napoleon überschreitet den Njemen – Russische Taktik der »verbrannten Erde« – Schlacht von Borodino – Moskau brennt – Katastrophe an der Beresina – Untergang der »Grande Armée« – Reaktion der deutschen Bevölkerung – Ernst Moritz Arndts Appell an eine deutsche Nation in Einheit und Freiheit – General Yorcks preußisches Korps erklärt sich für neutral – Der preußische König erkennt die Konvention von Tauroggen nicht an – Ostpreußen macht mobil – Friedrich Wilhelm III. flieht ins unbesetzte Breslau – Bündnis mit Russland – Der offene Befreiungskampf steht unmittelbar bevor

»AN MEIN VOLK!«
März 1813–April 1813

Blücher wird Oberbefehlshaber der preußischen Armee – Einführung der preußischen Nationalkokarde – Angespannte Lage in Berlin – Die Kosaken kommen – Revolte der Hamburger Bürger – Die Franzosen räumen die Hansestädte – Russische Truppen in Hamburg – Friedrich Wilhelm III. stiftet das Eiserne Kreuz – Preußen erklärt Frankreich den Krieg – Proklamation des preußischen Königs – Bildung von Freikorps – »Gold gab ich für Eisen« – Patriotische Frauenvereine – Das Idealbild deutscher Weiblichkeit verändert sich – Luisenkult und Luisenorden – Das »Schwarze Korps« des Majors von Lützow – Theodor Körner, der »Sänger des deutschen Befreiungskampfes« – Heine und Goethe missbilligen die Kriegslieder – Napoleon will das Haus Hohenzollern absetzen

FOLGENSCHWERER FRÜHJAHRSFELDZUG
April 1813–Juni 1813

Napoleons Strafgericht über die norddeutschen Hansestädte – Der preußisch-russische Operationsplan – Marschall Kutusow hält sich nicht daran – Blüchers Gefecht bei Möckern – Gneisenaus Proklamation an die Sachsen – Körners Aufruf – »Bewaffnete Neutralität« zwischen Österreich und Sachsen – Schlacht bei Großgörschen (Lützen) – Wer hat gewonnen? – Der russische Oberbefehlshaber ist überfordert – Schlacht bei Bautzen – Napoleon residiert in Breslau – Waffenstillstand – Körners Verwundung im Gefecht bei Kitzen – Tod Scharnhorsts – Preußen schwebt erneut zwischen Leben und Tod

EINE NEUE ALLIANZ
Juni 1813–September 1813

Napoleon verhandelt mit Metternich – Österreich erklärt Frankreich den Krieg – Fürst Schwarzenberg wird neuer alliierter Oberbefehlshaber – Marschall Bernadotte wechselt die Seiten – Der neue Kriegsplan ist defensiv – Blüchers Probleme mit seinen Korpsgenerälen – Die preußische Armee zieht sich zurück – Schlacht an der Katzbach – General Bülow siegt bei Großbeeren und rettet Berlin – Schlacht um Dresden – Rückzug der alliierten Hauptarmee nach Böhmen – Schlacht bei Kulm – Alliierte Uneinigkeit über die Strategie

DIE »VÖLKERSCHLACHT«
September 1813–Oktober 1813

Zustand und Lage der französischen »Herbstarmee« – Probleme der alliierten Heeresleitung – Theodor Körner fällt im Gefecht bei Gadebusch – Tod der Eleonore Prochaska beim Kampf in der Göhrde – Eichendorff verlässt die Landwehr – Bayern sagt sich vom Rheinbund los – General Yorck siegt bei Wartenburg – In Schwarzenbergs Hauptquartier weiß man nicht, wo der Feind steht – Napoleon plant in Leipzig die Entscheidungsschlacht – Die Not der Bürger und das Elend der Verwundeten – Leipzig bereitet sich auf die Verteidigung vor – Angriff von allen Seiten – Napoleon durchbricht bei Wachau das österreichische Zentrum – Schwarzenberg setzt alle Reserven ein – Blüchers Angriff bei Möckern – Wo bleibt Marschall Ney? – Napoleons Lage wird kritisch – Keine Antwort auf das Angebot zum Waffenstillstand – Ruhetag in Leipzig – Napoleon bereitet den Rückzug vor – Drei alliierte Armeen greifen erneut an – Französische Schlüsselstellung bei Probstheida – Verrat der Sachsen – Der Rückzug nach Westen beginnt

DEUTSCHLAND WIRD FREI
Oktober 1813–Mai 1814

1000 alliierte Kanonen beschießen Leipzig – Katastrophe an der Elsterbrücke – Straßenkampf im Stadtinneren – Drei Monarchen auf dem Marktplatz – Blücher wird Generalfeldmarschall – Opfer der Schlacht – Schlimme Zustände in den Lazaretten – Siegesfeier in Berlin – Französische Rückzugsgefechte – Napoleon flüchtet nach Paris – Der Rheinbund löst sich auf – Metternich will das Gleichgewicht in Europa erhalten – In Hamburg setzt Marschall Davout sein Schreckensregiment fort – Alliierte Offensive über den Rhein – Preußische Soldaten in Frankreich – 200.000 Freiwillige stoßen zu Napoleon – Blüchers zersplitterte Korps verlieren mehrere Schlachten – Angriff auf Paris – Blüchers Kanonen auf dem Montmartre – Marschall Marmont verrät seinen Kaiser – Feierlicher Einzug der alliierten Gardetruppen in Paris – Talleyrand kehrt zurück – Der neue Bourbonenkönig heißt Ludwig XVIII. – Napoleon dankt ab – Lebenslanges Exil auf Elba

WIENER KONGRESS UND WATERLOO
Mai 1814–September 1815

Pariser Friedensvertrag – In Wien tritt ein Kongress zusammen – Wie soll die Beute verteilt werden? – »Der Kongress tanzt, aber kommt nicht voran« – Napoleon landet in Südfrankreich – Die französischen Truppen laufen zu ihm über – Napoleon ist wieder in Paris – Der »Feind der Menschheit« – Preußens Territorialgewinne – Blüchers Armee sammelt sich in Südbelgien – Revolte der sächsischen Regimenter – 100.000 englische Soldaten landen in Belgien – Drohende Vereinigung beider Feindarmeen – Schlacht bei Ligny – Schlacht bei Waterloo – Wellington hält Stand – Die Preußen treffen auf dem Schlachtfeld ein – Napoleon ist geschlagen – Erneute Abdankung und Verbannung nach St. Helena – Preußen ist wieder Großmacht – Ein vereintes Deutschland rückt in weite Ferne – Partikularismus und Restauration gewinnen die Oberhand – Flickenteppich Deutscher Bund – »Wo ist jetzt das Deutschland, dem unser Kampf galt?«

ZEITTAFEL

QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS

PREUSSEN AM TIEFPUNKT SEINER ERNIEDRIGUNG

Juli 1806–August 1807

Er ist 1777 in Frankfurt an der Oder geboren und entstammt dem pommerschen Uradel, ein waschechter Preuße also. Anders als seine Vorfahren ist er weder Gutsbesitzer, hoher Diplomat oder Gelehrter noch General oder gar Feldmarschall. Heinrich von Kleist ist »nur« ein Dichter. Und dazu noch einer, der sich in seinem literarischen Schaffen jenseits der Weimarer Klassik und der Romantik bewegt, fernab von allen etablierten Lagern. Er ist ein zu Unbeständigkeit, Maßlosigkeit und Melancholie neigender Außenseiter mit psychopathischen Zügen. Manchmal stottert und stammelt er; er errötet oft und wirkt äußerlich eher kindlich, fast mädchenhaft. Aber er ist ein genialer Schriftsteller, der in seinen Werken auch politisch Stellung bezieht. Wie wir noch sehen werden, ist er ein hasserfüllter Feind des acht Jahre älteren Napoleon Bonaparte. Anders als die Napoleonverehrer Goethe, Wieland oder Hölderlin, für den Napoleon sogar »der Herrlichste« ist, dämonisiert Kleist ihn in seinem »Katechismus der Deutschen« zu einem »verabscheuungswürdigen Menschen«, zu einem »Erzfeind« und »bösen Geist«. Während sich insbesondere das Zitat des zeitgenössischen deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel von Napoleon als »Weltseele«, den nicht zu bewundern einfach unmöglich sei, im kulturellen Gedächtnis der Deutschen fortgepflanzt hat, sieht Kleist in Napoleon einen »Höllensohn«, die Inkarnation des Bösen schlechthin. In seinem extremen Denken und Handeln steht Heinrich von Kleist ziemlich allein, ähnlich allein wie auch Preußen.

Der preußische Staat ist durch seine rücksichtslose Politik unbeliebt und politisch isoliert. Am 16. Juli 1806 unterzeichnen 16 süddeutsche Staaten, allen voran Bayern und Württemberg, in Paris den »Rheinbundvertrag« und bekennen sich damit ausdrücklich zu Frankreich als Schutzmacht. Alle bisherigen Reichsgesetze werden durch die Rheinbundakte für nichtig erklärt. Alle Mitglieder müssen für immer mit Frankreich verbündet bleiben und für Napoleons europäische Kriege Hilfstruppen stellen, Kanonenfutter für seinen Imperialismus. Jetzt kann er nicht nur seine Armee auf 280.000 Mann vergrößern, wovon rund ein Viertel Deutsche sind, sondern er verfügt auch über den lang ersehnten »cordon sanitaire«, eine Sicherheitszone Frankreichs nach Osten. Mit diesem Rheinbund, der bis 1808 auf 36 Mitglieder anwachsen wird, hört das »Heilige Römische Reich Deutscher Nation« praktisch auf zu existieren. Am 1. August 1806 verweigert Napoleon dem Reich die diplomatische Anerkennung und verlangt unverblümt von Kaiser Franz I. von Österreich die Abdankung als Oberhaupt des Reiches. Franz fügt sich und entsagt am 6. August 1806 der Krone. Damit findet die mehr als tausendjährige Reichsgeschichte ein klägliches Ende.

Kaum jemand in den deutschen Landen protestiert dagegen oder zeigt sich empört. Die Zeitungen schreiben zwar darüber, aber die lesen nur die Gebildeten. Goethe, der gerade auf Reisen ist, schreibt: »Viel wichtiger an diesem Tage war mir der Streit meines Kutschers mit einem Bediensteten.« Das einfache deutsche Volk erfährt kaum etwas vom Untergang seines Reiches. Nur hier und da regt sich Widerstand. Ein unbekannter Verfasser, wahrscheinlich ein Student, publiziert im Verlag des Buchhändlers Johann Philipp Palm im seit März 1806 von französischen Truppen besetzten Nürnberg eine 144 Seiten umfassende Schrift mit dem Titel »Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung«. Palm bietet das Pamphlet, in dem zum Widerstand gegen die Franzosen und ihre bayrischen Verbündeten aufgerufen wird, in seiner Nürnberger Buchhandlung zum Verkauf an. Es gerät in die Hände eines Deutsch sprechenden französischen Offiziers, der sofort Anzeige erstattet. Obwohl er als bayrischer Staatsbürger und Privatperson unter die bayrische Gesetzgebung fällt, wird Palm wegen Verbreitung verbotener, ehrenrühriger Schriften gegen Frankreich verhaftet und in der französischen Festung Braunau am Inn vor ein französisches Kriegsgericht gestellt. Den Namen des Verfassers gibt er nicht preis. Auf persönlichen Befehl Napoleons verurteilen ihn am 25. August französische Offiziere zum Tode. Napoleon will ein Exempel statuieren und die Deutschen einschüchtern. Schon einen Tag später wird Palm erschossen. Die ersten beiden Gewehrkugeln verwunden ihn nur, erst beim dritten Versuch bereitet ein gezielter Pistolenschuss seinem Leben ein Ende.

Auch Preußen ist mit Napoleon verbündet. Doch hier werden die Stimmen immer lauter, die dem nach Macht und Ruhm strebenden französischen »Empereur« endlich Einhalt gebieten wollen. Auch Kleist zählt dazu. Die Siegeszuversicht ist trügerisch, als Preußen Ende September 1806 Napoleon den Krieg erklärt, nicht zuletzt als Folge einer ungerechtfertigten Selbstüberschätzung durch einige preußische Militärs. Das von allen Großmächten isolierte Preußen will einem kriegserfahrenen, starken und siegreichen Gegner allein die Stirn bieten. Seine Armee ist dem Gegner zwar zahlenmäßig überlegen, in punkto Kampfkraft und operativer Führung gegen das moderne französische Revolutionsheer jedoch ohne Chance. Seit den Schlesischen Kriegen Friedrichs des Großen hat sie sich nicht wesentlich weiterentwickelt. Die Niederlage Preußens gegen die überlegenen napoleonischen Truppen in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 kommt einer Katastrophe gleich. Der Staat bricht vollkommen zusammen. Nie zuvor in der Geschichte ist eine erstrangige und durch ihre militärischen Traditionen berühmte europäische Macht innerhalb von nur sieben Tagen so total geschlagen worden. Deprimiert schreibt Heinrich von Kleist am 24. Oktober aus Königsberg an seine Schwester Ulrike: »40.000 Mann gefallen auf dem Schlachtfelde, und doch kein Sieg! Es ist entsetzlich … Nur ein sehr kleiner Teil der Menschen begreift, was für ein Verderben es ist, unter seine (Napoleons) Herrschaft zu kommen …. Es ist (sic!) auf eine Ausplünderung von Europa abgesehen, um Frankreich reich zu machen. Doch, wer weiß, wie es die Vorsehung lenkt.« Nach der verlorenen Schlacht kapitulieren die preußischen Truppen fast überall im Lande nahezu kampflos und übergeben den Siegern stark ausgebaute und gut versorgte Festungen und Städte wie Spandau, Küstrin, Stettin und Erfurt. Auch die mit riesigen Vorräten ausgestattete Festung Magdeburg, in der allein 23.000 preußische Soldaten mit 800 Kanonen stationiert sind, hisst ohne jeglichen Widerstand bereits die weiße Fahne, als die ersten drei französischen Geschütze auf den Wällen auffahren.

Der friedensliebende preußische König Friedrich Wilhelm III. hat sich lange gegen diesen Krieg gesträubt. Er widersetzte sich zunächst dem Drängen seiner Militärs und seiner patriotisch gesinnten Gemahlin, der Königin Luise, die sich mit Nachdruck auf die Seite der Kriegspartei schlug und zum Mittelpunkt derjenigen Gruppe geworden war, die den Krieg gegen Frankreich wollte. Letztlich verzieh der König aber Napoleon nicht, dass er ihn gezwungen hatte, ein Bündnis mit ihm einzugehen. So stolperte er, schreibt Sebastian Haffner, aus gekränkter Friedensliebe in den Krieg und auch beleidigt durch die Missachtung, mit der französische Truppen schon vorher in Ansbach ohne Erlaubnis durch preußisches Gebiet marschiert waren. Jetzt steht Friedrich Wilhelm III. in Berlin vor einem Scherbenhaufen. Die Einwohner erfahren zunächst überhaupt nichts von der totalen Niederlage der preußischen Armeen bei Jena und Auerstedt. Erst als drei Tage später viele Verwundete in der Hauptstadt eintreffen, verkündet der Gouverneur von Berlin lapidar: »Der König hat eine Bataille verloren. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!« Das ist alles. Kein Wort des Bedauerns und Mitleids für die vielen toten und verwundeten Soldaten, kein Wort des Trostes und der Ermutigung für die nun der Willkür des Feindes preisgegebenen Landsleute. Eiligst verlässt der König seine Hauptstadt und flieht mit Gattin und Familie nach Ostpreußen. Am 10. Dezember 1806 quartiert er sich im alten Königsberger Schloss ein. Der Hofstaat sowie die meisten reichen adligen Familien folgen ihm auf hochbepackten Wagen nach. Auch der Gouverneur der Stadt sucht das Weite, ohne das im Zeughaus gelagerte Kriegsmaterial mitzunehmen. Alle Kanonen und 40.000 Gewehre fallen in die Hände der Franzosen. Die Berliner fühlen sich im Stich gelassen. Aus einer Tagebucheintragung des bayrischen Gesandten in Berlin François de Bray vom 19. Oktober geht hervor, dass die Polizei durch die Straßen und Lokale zieht, »um vor Zwietracht und Verlautbarung von Reden und Handlungen zu warnen, die die Franzosen beleidigen und für die Stadt von nachteiligen Folgen sein könnten. Die Wirtshäuser sollen um 21.00 Uhr schließen … Der Kaiser soll seiner Armee die Plünderung Berlins versprochen haben … Männer und Frauen vergießen heiße Tränen und brechen in Klagen aus … Man hat den Eindruck, als solle in Worten und Gebärden um die Wette gejammert werden.«

Heinrich von Kleists glühender Hass gegen Napoleon steigert sich noch, als der Usurpator am 27. Oktober 1806 um 15.00 Uhr unter Geschützdonner und feierlichem Geläute der Kirchturmglocken an der Spitze eines glanzvollen Reiterzuges hochrangiger Marschälle und Generäle mit allen entfalteten Fahnen der Kaisergarde, dem Kürassierkorps und der Artillerie bei prächtigem Wetter durch das Brandenburger Tor in die preußische Hauptstadt einzieht. Zu den schmissigen Klängen der Marseillaise wird er von Vivat-Rufen und einer beinahe wohlwollenden Neugier der Berliner Bevölkerung empfangen. Sie ist zwar seit den Zeiten Friedrichs des Großen von französischer Kultur, Sprache und Literatur beeinflusst. Dennoch ist ihr Verhalten erstaunlich, denn Napoleon kommt ja nicht als Befreier, sondern als Eroberer, dem man untertänig die Schlüssel der Stadt überreicht. Der französische General Savary, der die Schlacht bei Jena und Auerstedt mitgemacht hat, ist besonders von der tiefen Trauer in den Gesichtern der vielen schönen Frauen beeindruckt, die aus den Fenstern ihrer Wohnungen schauen. »Dieses patriotische Gefühl erhob sie … zu einem Gegenstand unserer Achtung«, schreibt er, »und flößte jedem von uns das lebhafte Verlangen ein, sie zu trösten«.

Nun weht die französische Trikolore über der Stadt. Und das wird einige Jahre so bleiben. Besatzungstruppen machen sich in der Stadt breit und plündern sie aus. Oberst Hulin, ein Veteran der Garde, der schon bei der Erstürmung der Bastille dabei gewesen war, wird zum Kommandanten der Festung Berlin ernannt. Während der Wochen, die Napoleon im Berliner Schloss verweilt, lässt er keine Gelegenheit aus, sich als unumschränkter Herrscher des preußischen Staates aufzuführen. Königin Luise bricht in Tränen aus, als sie erfährt, dass Napoleon seinen Adjutanten in ihrem Bett schlafen lässt. Die Quadriga des Brandenburger Tores wird abgebaut und nach Paris überführt. Wertvolle Gemälde, Skulpturen und Kunstschätze einschließlich Säbel, Schärpe und Orden Friedrichs des Großen wandern als Beute in das Pariser Invalidenhaus. Kleist schäumt vor Wut, als er in Königsberg davon erfährt. In dieser Stadt ist er seit Mai 1805 auf Empfehlung des Freiherrn vom Stein vorübergehend als Beamter im Staatsdienst tätig. Sein Zorn ist groß, als bekannt wird, dass sieben Minister des preußischen Königs sofort den Treueschwur gegenüber Napoleon abgelegt haben. Und dass Pfarrer und Pastoren, die noch vor Kurzem den Krieg und den König gesegnet haben, jetzt ihre Gläubigen dazu aufrufen, mit den Besatzern vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. All das geschieht, obwohl Napoleons Waffenstillstandsbedingungen geradezu unverschämt und unannehmbar sind: Preußen muss sofort mit Russland brechen, sich dem Rheinbund anschließen und die unglaublich hohe Summe von 150 Millionen Francs Entschädigung zahlen. Napoleon hegt sogar Pläne, Preußen vollständig aufzulösen und die Dynastie Hohenzollern zu entthronen.

Was tut Friedrich Wilhelm III., als ihm diese Forderungen im Königsberger Exil überbracht werden? Er schreibt an Napoleon: »Es ist mein lebhaftester Wunsch, dass Ew. Majestät in meinen Schlössern so aufgenommen werden, dass Sie damit zufrieden sind.« Es ist nicht bekannt, ob Kleist, der dem König wenigstens räumlich jetzt nahe ist, diese Worte jemals zu Ohren gekommen sind. Sollte das der Fall gewesen sein, wird er zumindest heftig mit dem Kopf geschüttelt haben. Napoleon dagegen nimmt sie mit Freude und zugleich mit Verachtung zur Kenntnis. In einem Gespräch mit dem preußischen Erbprinzen Georg von Mecklenburg-Strelitz sagt er über den König: »Er ist weder Militär noch Politiker, ich setze nicht das geringste Vertrauen in ihn.« Mit Verachtung reagiert Napoleon auch auf das Verhalten einiger Berliner Bürger. Unaufgefordert haben sie den französischen Besatzungstruppen verraten, an welcher Stelle sich noch königliches Eigentum befindet, das requiriert werden kann. Charakterlose, schäbige Opportunisten, die zuvor am lautesten zum Krieg gegen die Franzosen aufgerufen hatten, drängen sich ihnen nun auf und wetteifern in Kollaboration mit den Landesfeinden. Ähnlich wie Jahrzehnte später nach dem Ende der Diktatur der Nazis 1945 und der Diktatur der Kommunisten 1989 wimmelt es 1806 in Berlin, wie es Wolfgang Venohr treffend formuliert hat, nur so von »Wendehälsen«. Einer der prominentesten ist der bekannte Historiker Johannes von Müller, ein Schweizer, der seit zwei Jahren in Berlin als Geheimer Kriegsrat gearbeitet und in seinen Briefen an den befreundeten Friedrich von Gentz in Wien mit besonderem Nachdruck den Krieg gegen Napoleon gefordert hat. Napoleon sei ein kleiner Mensch, hat er Gentz geschrieben, der nur durch die »Niedergeworfenheit« der Anderen groß erscheine. Jetzt schmeichelt er Napoleon so sehr, dass dieser ihn in Berlin sogar zu einer Audienz empfängt, mit dem Erfolg, dass Müller von einer Einquartierung verschont bleibt. Der preußische Kriegsrat Gentz, der Berlin bereits 1802 wegen seiner immer stärker gewordenen antifranzösischen Haltung verlassen musste, wird nun von Müller belehrt: »Man darf seine Kräfte nicht mehr an den morsch gewordenen alten Preußischen Staat verschwenden, sondern man muss sich umdrehen und der neu aufgegangenen französischen Sonne zuwenden.«

In all der Schande des Zusammenbruchs, der Feigheit und der Skrupellosigkeit charakterloser Wendehälse gibt es Anfang März 1807 in Preußen jedoch eine Stadt, die an der pommerschen Ostseeküste vier Monate lang heldenhaften Widerstand gegen die französischen Truppen leistet: Kolberg. Nachdem die Franzosen Stettin und auch Danzig erobert hatten, bleibt Kolberg der einzige kleine Hafen, über den noch englische Warenlieferungen ins Land gelangen können. Deshalb erteilt Napoleon seinem Marschall Mortier den Befehl, die zur Festung ausgebaute Stadt mit seinem Armeekorps einzunehmen, das zuvor die Hansestädte, im November 1806 auch Hamburg, erobert und besetzt hatte. Aber Mortiers Soldaten versuchen vergeblich, die Festung Kolberg zu stürmen. Es ist fast ein Wunder, dass die tapfere Besatzung 111 Tage gegen eine dreifache Übermacht Stand halten kann. Doch das »Wunder von Kolberg« hat einen Namen: Neidhardt von Gneisenau. Der gebürtige Sachse trat 1786 als Oberleutnant in preußische Dienste. 1806 nahm er an der Schlacht bei Jena und Auerstedt teil und notierte nach der Niederlage verbittert: »Kein Zutrauen von unten, keine Willenskraft und keine Fähigkeiten von oben … Jeder will nur sich und seine Genüsse retten, und dem Ehrliebenden bleibt nichts übrig, als diejenigen zu beneiden, die auf dem Schlachtfelde geblieben sind.« Als der 46-jährige Major am 10. April 1807 Kommandant von Kolberg wird, beginnt er sogleich damit, Garnison und Bürgerschaft zu einer Einheit zusammenzuschmieden. Mit seinem glühenden Nationalismus und seinem unermüdlichen Kampfgeist entfacht er, unterstützt von dem 68-jährigen Bürgerrechtsrepräsentanten Joachim von Nettelbeck und der von ihm geschaffenen Bürgerwehr, einen Volkskrieg gegen die Belagerer. Mit taktisch überlegener Führung organisiert Gneisenau mit seinen rund 5600 Soldaten eine äußerst effektive Verteidigung. Gegen alle bisherigen Regeln der Kriegskunst stellt er die Belagerer schon im Vorfeld, das mit seinen sumpfigen Niederungen jede Annäherung des Feindes, insbesondere der Artillerie, erschwert. Anfangs kann sie nur in ziemlicher Entfernung aufgestellt werden. Aus der Festung heraus macht Gneisenau mit seinen Soldaten ständig Ausfälle, besetzt immer wieder neu aufgeschüttete Abwehrstellungen und verteidigt sie mit Ausdauer und Tapferkeit. Auf dem der Stadt im Osten vorgelagerten Wolfsberg hält er 26 Tage lang die dort errichteten Schanzen. Erst als Mortiers schwere Geschütze die Erdwerke mit mehr als 8000 Granaten gänzlich zerstört haben, erklärt sich Gneisenau am 11. Juni 1807 bereit, das von ihm selbst als »wahres Mordloch« bezeichnete Bollwerk aufzugeben, wenn die Franzosen ihm freien Abzug mitsamt seinen Kanonen hinter die Stadtmauern gewähren. Um überhaupt voranzukommen, willigt Mortier ein. Seit dem 1. Juli lässt er Kolberg zwar mit seinen Batterien in Brand schießen, aber er kann die Stadt mit seinen sechs, überwiegend aus Thüringern und Württembergern bestehenden Brigaden trotzdem nicht einnehmen. Die Franzosen bieten eine ehrenvolle Kapitulation an, andernfalls werde Kolberg zu einem »Aschehaufen«. Die gesamte preußische Artillerie ist zwar ausgefallen, aber da der Hafen und seine Verbindung zur Stadt noch intakt sind, lehnt Gneisenau ab. Er hat schon über die Hälfte seiner Männer verloren, darunter 55 Offiziere. Aber er hält weiterhin Stand.

Da trifft am 3. Juli ein königlicher Bote mit zwei Kabinettsdepeschen ein. Mit der einen wird Gneisenau mitgeteilt, dass Preußen einen Tag zuvor mit Frankreich einen Waffenstillstand abgeschlossen hat. Mit der anderen wird ihm die Beförderung zum Oberstleutnant verkündet sowie die Verleihung des Ordens Pour le mérite, der höchsten preußischen Tapferkeitsauszeichnung. Als Gneisenau Kolberg verlässt, salutieren die französischen Offiziere in Hochachtung mit dem Hut in der Hand. Die Verluste der Franzosen werden auf etwas mehr als das Dreifache der preußischen geschätzt. Offiziell werden sie nie bekannt gegeben. Wahrscheinlich hat Napoleon selbst dies aus Groll darüber angeordnet, dass ein ganzes Armeekorps nicht in der Lage war, eine kleine preußische Küstenfestung einzunehmen. Vielleicht hat er sich sogar den Namen des tapferen Kommandanten gemerkt. Er wird ihm in den späteren kriegerischen Auseinandersetzungen noch schwer zu schaffen machen und 1815 bei Waterloo erheblich zu Napoleons Untergang beitragen. Die Nationalsozialisten werden 1944 mit ihrem Durchhaltefilm »Kolberg« – zwischenzeitlich Sinnbild für eine Wendung in aussichtsloser Lage – vor allem Nettelbecks Bürgerbataillon glorifizieren und für ihre Propaganda nutzen wollen. Doch tatsächlich beträgt 1807 der Blutzoll der Kolberger Bürgerschaft nur 1,5 Prozent der Einwohner.

Für Heinrich von Kleist und alle anderen preußischen Patrioten wirkt die Nachricht vom erfolgreichen Widerstand Kolbergs wie ein Fanal. Er erhält sie in einem Kriegsgefangenenlager. Denn die französischen Behörden haben ihn im Januar 1807 unter dem Vorwurf der Spionage verhaftet. Aber schon wenige Tage später ist Kleist wieder zutiefst deprimiert, als er erfährt, dass Napoleon dem preußischen Staat am 9. Juli 1807 in Tilsit trotz der kniefälligen Bitten von Königin Luise einen Diktatfrieden auferlegt hat. Nicht nur Kleist empfindet ihn umso bitterer, als das Gefühl hinzutritt, vom wichtigsten Bundesgenossen Russland verraten worden zu sein. Viele Preußen sehen das so. Selbst der französische Außenminister Talleyrand, der wegen der ständigen Kritik an den Plänen Napoleons noch im selben Jahr entlassen wird, bezeichnet die Art des Friedensschlusses als unklug. Nur durch das nachträgliche Eingreifen von Zar Alexander I. von Russland wird Preußens staatliche Existenz gerettet. Aber es verliert die Hälfte seines Landes und hat nun nur noch etwa fünf Millionen Einwohner. Alle linkselbischen, niederrheinischen und westfälischen Gebiete und auch die Gewinne aus der polnischen Teilung muss es abtreten. Preußen wird auf seine Kernprovinzen Brandenburg, Pommern, Schlesien, Alt-Ostpreußen und ein Stück Westpreußen reduziert.

Die französischen Garnisonen sollen in »Restpreußen« so lange stationiert bleiben, bis alle Reparationen bezahlt sind. Das kann Jahrzehnte dauern, wenn es angesichts der horrenden Summe überhaupt jemals möglich sein wird. Die Soldaten besetzen Häuser, plündern die Vorräte, requirieren Vieh und Wertsachen und verhalten sich insbesondere Frauen gegenüber nicht gerade galant. Die wirtschaftliche Lage des Landes ist katastrophal, die an Frankreich zu leistenden Zahlungen saugen es aus. Die Bürger sind deprimiert. Auch in der Hauptstadt sind Unzufriedenheit und Zukunftsangst zu spüren. Königin Luise notiert in ihren Aufzeichnungen, das Land werde einer Wüste immer ähnlicher. »Unser Todesurteil ist gesprochen!« Der verschlossene und in sich gekehrte, stocksteife Friedrich Wilhelm III., der nach dem Urteil seiner Frau »hinter einer scheinbar kalten Hülle ein gefühlvolles Herz« verbirgt, fällt nach dem Tilsiter Diktatfrieden in tiefe Depression. Er glaubt ernsthaft, der Himmel habe eine göttliche Strafe über ihn und das Haus Hohenzollern verhängt. Preußen muss auch der »Kontinentalsperre« beitreten, einer gegen England gerichteten Wirtschaftsblockade, die Napoleon am 21. November 1806 von Berlin aus verkündet. Vornehmlich aus dem Herzogtum Braunschweig und dem Kurfürstentum Hessen sowie hannoverschen und preußischen Gebietsteilen zimmert er ein »Königreich Westfalen« zusammen und vertraut es seinem jüngeren Bruder Jérôme an. Im zur Hauptstadt ernannten Kassel residiert Jérôme von 1807 bis 1813 als König. Die Kasseler Bürger nennen ihn »König Lustik«, weil sich seine deutschen Sprachkenntnisse hauptsächlich auf den Satz »Morgen wieder lustik!« beschränken.

Im Zuge seiner Expansionspolitik krempelt Napoleon die alten Herrschaftsverhältnisse gründlich um. Sämtliche linksrheinischen Gebiete werden französische Départements. In ihnen gilt fortan der Code Civile, das französische Zivilgesetzbuch. In Aachen, Koblenz, Mainz und Trier schalten und walten nun französische Präfekturen, was zu einer zunehmenden Französisierung führt. Auch in den Rheinbundstaaten schreitet sie voran, gefördert durch Heiratsverbindungen mit Angehörigen der napoleonischen Familie. Eine staatliche Souveränität haben diese Länder nicht mehr, auch Bayern nicht. Deshalb ist es von der deutsch-nationalen Gesinnung des 19. Jahrhunderts als opportunistisch und würdelos gebrandmarkt worden. Auch Kleist zählt zu diesen Kritikern. Die politischen Sachzwänge, wie zum Beispiel auch die Furcht vor anhaltenden österreichischen Annexionsgelüsten, hat er dabei ebenso außer Acht gelassen wie die Tatsache, dass die weitgehende Annäherung an Napoleon überwiegend dem Wunsch der bayrischen Bevölkerung entsprach.

Nach seiner Freilassung reist Kleist Ende August 1807 nach Dresden und trifft dort mit Theodor Körner zusammen, einem Freund Schillers und politisch gleichgesinnten jungen Dichter. Er wird sich im preußischen Befreiungskampf noch hervortun. Beide hoffen, dass nach der Demütigung Preußens nun ein Aufschrei der Empörung und des Entsetzens durch die deutschen Länder geht und sich das Volk in wütendem Protest einmütig erhebt. Doch weit gefehlt, nichts dergleichen geschieht. Bestürzt und verzweifelt über die politische Trägheit und Unbeweglichkeit der Deutschen und in der tiefen Überzeugung, dass mit Napoleon und seinem despotischen Imperialismus kein dauerhafter Frieden möglich ist, greift Kleist zur Feder. Er will seiner patriotischen Gesinnung Ausdruck verleihen und seine Mitbürger zu nationalem und revolutionärem Denken aufstacheln. Und auch zum kriegerischen Handeln, an dessen Ende die totale Befreiung stehen muss. Ein solcher Krieg für Freiheit und Vaterland, gegen Knechtschaft und Unterdrückung, erscheint Kleist notwendig und als »gute Sache« auch moralisch gerechtfertigt.