Thomas Freller

Adlige auf Tour

Die Erfindung der Bildungsreise

Jan Thorbecke Verlag

INHALT

Der Aufbruch in die FREMDE – Motive, Hintergründe und Entwicklungen

Bildung und Frömmigkeit – Humanismus und Gegenreformation

Ein Protestant im Heiligen Land

Bernhards von Hirschfeld Touren in Ägäis und Levante

»Edelfest und gestreng«

Hans Johanns von Hürnheim Reise nach Italien, Kreta, Zypern und Palästina

Zwischen Pilgerfahrt, Abenteuerlust und »weltmännischer« Erziehung

Hans Ludwig von Lichtenstein in Italien, Malta, Palästina und Ägypten

Auf den Spuren eines Rätsels

Rekonstruktion der Palästinareise des Karl Ferdinand von Rechberg im Jahr 1587

Sklave in Tunis

Die tragische Tour des Georg Albrecht von Erbach

»Die wundersamen Wege eines Pilgers«

Friedrich Eckher von Käpfing in Ägypten, Palästina und Syrien

Kavaliere, Generäle und Korsaren – Die Suche nach Ruhm und Ehre

Ahasverus von Lehndorff und seine zehnjährige »Tour d’Europe«

Die geheimnisvollen Touren des Christian August von Holstein-Norburg

Wenn Reisen zur Passion wird

»Der Wunderliche« durchstreift Europa

Ein märkischer Weltmann und die Früchte einer »wissenschaftlichen und feinern Ausbildung«

Hans Adam von Schöning in Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, England und Ungarn

Die Sorgen eines Hofmeisters

Die Europareise des Siegfried Innocenz von Lüttichau

Ein Brandenburger auf Korsarenschiffen

Otto Friedrich von der Gröben im Mittelmeer und an der Goldküste

Galanterie und klassische Spuren – Die mediterrane Welt im Spiegel von Beobachtungen des 18. Jahrhunderts

Der Graf von Trausnitz in Italien

Ein zukünftiger deutscher Kaiser und sein »Reisediarium«

Eine Musentochter auf den Spuren des klassischen Altertums

Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth in Frankreich und Italien

Johann Hermann von Riedesel

Der Mentor Goethes in Italien, Griechenland, Ägypten, Spanien und England

Romantik, Tourismus und Exotik – Aufbruch in die Moderne

Eine Gräfin durchforscht Italien

Die Touren der Elisa von der Recke

Ein Fürst in Eile

Herzog Wilhelm zu Nassau in Wien, Rom und Neapel

Geschichten aus Tausendundeiner Nacht

Der »tolle Pückler« in Afrika und im Orient

Bibliographie (Auswahl)

Bildnachweis

Der Aufbruch in die Fremde – Motive, Hintergründe und Entwicklungen

Versklavt in den Gefängnissen nordafrikanischer Beys, als Volontär auf christlichen Korsarenschiffen türkische Handelssegler jagend, die faszinierenden Metropolen des Orients – Konstantinopel, Damaskus, Kairo oder Smyrna – durchstreifend oder die Flagge Brandenburgs an der westafrikanischen Goldküste aufrichtend, das waren die Schicksale und Aktivitäten von Mitgliedern deutscher Adelsgeschlechter der Frühen Neuzeit, die sich durch ihre Reisen und Abenteuer in entfernten und exotischen Ländern einen Namen machten. Auf umfangreichem Quellenstudium basierend, präsentiert dieses Buch eine Galerie der farbigsten und schillerndsten Reisenden.

Das Leben und die Karriere dieser Männer waren untrennbar verknüpft mit einigen kulturhistorischen Phänomenen, die uns heute fremd anmuten: Da ist zum einen die sogenannte Kavaliersreise des europäischen Ancien Régime. Diese Form des Reisens war Erziehungsreise, Lehrfahrt und Eintritt in die »berufliche« Welt des Adels gleichermaßen. Nur derjenige, der diese Tour erfolgreich absolviert hatte, galt im Ancien Régime als Mann von Welt, als »honnête homme«, um in der frankophilen Diktion der Zeit zu sprechen. Im allgemeinen wurden die jungen Aristokraten von einem Hofmann oder sogenannten Mentor begleitet. Dieser war ein erfahrener Reisender, häufig hatte er ein Universitätsstudium absolviert. Er diente als Erzieher, Reiseführer und väterlicher Berater. Ziele des Reisens waren die mondänen Zentren des Abendlands: das kulturell und politisch sich immer mehr zur europäischen Hauptstadt entwickelnde Paris, die prosperierenden Handelsstädte Amsterdam und London sowie Rom, die Ewige Stadt. Hinzu kamen die Herzogshöfe von Norditalien, die Metropole Neapel und als südlichster Punkt der Tour Malta, die Residenz des Johanniterordens. Ein Studium auf einer der sogenannten Ritterakademien in Frankreich und Norditalien, häufig auf der berühmten Akademie von Turin, rundete die Kavaliersreise ab.

Der Hofmeister und Mentor hatte auf ein gründliches Studium der Zivil- und Militärwissenschaften zu achten. Die für den jungen Kavalier im 17. Jahrhundert entwickelte Reisetheorie forderte nicht die gründliche Beherrschung einer Einzeldisziplin, sondern die weitgefächerte Kenntnis verschiedener Wissenschaften. Als sogenannte »Kavaliersfächer« galten Rechtswissenschaft, Geschichte, Genealogie, Mathematik, Architektur, Geometrie, Militär- und Festungswesen. Als unabdingbar für den künftigen Funktionsträger am Hof und im Staat galten die »Exercitien« Fechten, Tanzen, Reiten, Jagen, Musizieren und Zeichnen. Sehr wichtig war die Wissenschaft der »Conduite«, worunter man das Beherrschen von protokollarischen Abläufen, Komplimente, Dispute, Besuche und Gegenbesuche, das Auftreten und repräsentative Einkleiden verstand. Zu den nützlichen Rechts- und Staatswissenschaften, zu Politik, Naturrecht und Moral kam das Studium von Heraldik, Statistik und Geographie. Körperliche Fähigkeiten und geistige Bildung sollten ein harmonisches Miteinander ergeben. Mit der Klientel der Kavaliersreisenden senkte sich das Durchschnittsalter der jungen aristokratischen Reisenden auf etwa zwanzig Jahre.

Politischer und geistesgeschichtlicher Hintergrund dieser Entwicklung war die Etablierung des absolutistischen Gesellschafts- und Verfassungsgefüges. Im 16. Jahrhundert hatten humanistische Gelehrte die Funktionen der fürstlichen Verwaltung und des Rechtswesens vorgeprägt. Mit der vermehrten Einbeziehung des Adels in den »Fürstendienst« und die Ämter des Hofes, der staatlichen Verwaltung und Diplomatie musste dieser sein ständerechtlich verbürgtes herrschaftliches Ansehen jenen Leistungsanforderungen anpassen, das heißt eine akademische Grundausbildung erwerben und durch Kontakte zur internationalen Adelsgesellschaft höfisch-weltläufige Verhaltensweisen erlernen. Orte des Studiums und Praktizierens all dieser Künste und Wissensgebiete waren die Ritterakademien und die Reisen in die führnehmsten Länder, Städte, Schlösser … Europae – wie der Titel eines zeitgenössischen Handbuches bezeichnenderweise lautet.

Im Allgemeinen dauerte eine derartige Tour mehrere Jahre. Zurückgekehrt galt der adelige Zögling als fähig, eine Karriere in Militär, Diplomatie oder Verwaltung zu beginnen. Um es modern und provokativ zu formulieren: Die Adelsgesellschaft des 17. und 18. Jahrhundert war einem vereinten Europa sehr viel näher, als es die dürftigen Erfolge der Brüsseler Technokraten für unsere Zeit versprechen. Man muss sich erinnern: Das Ancien Régime war keine Welt der Nationalstaaten, sondern der Dynastien. Neben den dynastischen Verbindungen und einer französisch orientierten Kultur war es vor allem die Kavalierstour, welche diese im 17. und 18. Jahrhundert bereits fragil gewordene Welt zwischen Paris, Kopenhagen, Warschau und Neapel verband. Aus kultur- und kunsthistorischer Perspektive sind die einschlägigen Berichte eine Fundgrube vielfach verlorenen Wissens: Wie in den Reiseanleitungen, den sogenannten Apodemiken, und den Reiseführern gefordert, enthalten auch viele hier ausgewählte Reisebeschreibungen mehr oder weniger ausführliche Schilderungen über Besuche von Raritäten Cabinets und deren Sammlungen, von Gemälden und von Antiquitäten, natürliche[n] und künstliche[n] Raritäten, wie 1785 Karl von Zinzendorf im »Teutschen Merkur«, der von Wieland herausgegebenen, bekanntesten und erfolgreichsten literarisch-kulturellen deutschen Zeitschrift des späten 18. Jahrhunderts, notiert.

Der Beginn dieser Entwicklung lag im 16. Jahrhundert. Bernhard von Hirschfeld, Hans Ludwig von Lichtenstein oder Hans Johann von Hürnheim, die Protagonisten des sich mit den Reisen in der Epoche des Humanismus beschäftigenden Abschnitts, wurden in eine Zeit des Übergangs hineingeboren. Ungeachtet ihres militärischen und politischen Zerfalls im späten Mittelalter blieben verschiedene ritterliche Lebensformen und Haltungen auch in der Epoche der Frühen Neuzeit erhalten und lebendig. Sie wirkten massiv auf das in Frankreich, England und Italien entwickelte Adelsideal des 16., 17. und 18. Jahrhunderts, wie auf den neuen Typen des honnête homme, cortegiano oder gentleman. In diesem Konzept des Adels als vera nobilitas erscheint das richtige Handeln nicht nur als das im Leben und Wirken demonstrierte moralisch Gute beziehungsweise Gerechte und Rechtschaffene, sondern vor allem als wissens- und kenntnisgeleitet. Zur methodischen Einübung der Rollenmerkmale der adeligen Standespersonen, der habitualisierten »Tugendübungen« und der Verpflichtung zu ruhmwürdigen Taten gehörte nun auch unabdingbar eine »Gelehrsamkeit« beziehungsweise nobilitas erudita. Der mehr und mehr in den absolutistischen Staatsdienst Eingebundene kann auf diese nobilitas erudita je nach Schwerpunkt weder in Form von Gesetzeskunde (in der verwaltenden Herrschaftsausübung), Staatenkunde (im diplomatischen beziehungsweise auswärtigen Dienst) noch militärischem Fachwissen (als Offizier) verzichten. Gerade die Kavaliersreise bot eine der bevorzugten Gelegenheiten, das theoretisch Erworbene mit Erfahrungswissen zu bereichern. Von Anbeginn war diese Form des Reisens als zutiefst »soziale« Erfahrung konzipiert. Der Gelehrte Peter Ambrosius Lehmann empfiehlt 1736: Die Curiosität eines Reisenden aber muß sich nicht nur begnügen lassen, die Raritäten der leblosen Dinge zu untersuchen. Er muß auch den gelehrten Leuten Visiten geben, und solche Personen besuchen, die in einer Kunst oder Wissenschaft excelliren.

Von einem übergeordneten historischen Blickwinkel aus betrachtet, stehen die im ersten Abschnitt dieses Buches präsentierten Abenteuer an der Wende zum allmächtigen, Verwaltung und Leben seiner Bürger streng ordnenden Nationalstaat und zu einem die Welt nach seinen Vorstellungen formenden Europa. Als die Reisenden dieser Epoche geboren wurden, waren die Reichsstände im gesamten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und die alte Ordnung bereits durch aufstrebendes Bürgertum, neue merkantile Konzepte, Luthers Reformation und die schwindende Kraft des Kaisertums geschwächt. Es ist die Periode, in der gerade der süddeutsche Raum durch die Aktivitäten der Fugger, Welser, Tucher, Baumgartner oder Hochstetter durch die sich anbahnenden Glaubenskriege und die habsburgische Weltmachtpolitik einschneidende religiöse, ökonomische und politische Veränderungen erlebte. Die Formen und Ziele des aristokratischen Reisens sind dafür kulturhistorisch und mentalitätsgeschichtlich eindrucksvolle Dokumente. Eine nähere Betrachtung dieser Aufenthalte an den italienischen Universitäten und Akademien, dem spanischen und dem französischen Hof, in den merkantilen niederländischen und englischen Metropolen, der Johanniterresidenz Malta, eine Untersuchung der Wahrnehmung der Ungläubigen im Osmanischen Reich und der heiligen Stätten des Christentums im Nahen Ostens lohnt sich also nicht allein aus der Sicht biographischer Recherche, sondern auch im Rahmen einer allgemeinen kulturhistorischen Erforschung dieser entscheidenden Übergangsperiode vom Heiligen Römischen Reich deutscher Nation zum Absolutismus und in die Neuzeit.

Von den starren Reglementierungen der späteren streng absolutistisch und zentralistisch regierten Staaten waren diese Formen der Fremderfahrung allerdings noch weit entfernt. Auch im 17. Jahrhundert bot ein Aufbruch in das Ausland noch einen gewissen Freiraum. Wie an den in diesem Buch präsentierten Reisen eines Ahasverus von Lehndorf, Hans Adam von Schöning, Christian August von Holstein-Norburg oder Georg Albrecht von Erbach dokumentiert, konnte es noch zum Ausleben persönlicher Interessen und Sehnsüchte kommen. Bereits eine Generation später hatten die deutschen Landesfürsten des Absolutismus auch das Reisen und Studieren im Ausland reglementiert. Schon während der Kriege mit Frankreich in den 1680er Jahren hatten einzelne Reichskreise und Reichsstände das vom Kaiser erlassene vorübergehende Reiseverbot als willkommenen Akt im Sinne ihrer eigenen merkantilistischen und bildungspolitischen Vorbehalte begrüßt. Selbst als der Frieden im Vertrag von Rijswijk wiederhergestellt war, widerrief etwa Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg das 1689 für seine Untertanen ausgerufene Reiseverbot nicht. Besonders König Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der sogenannte Soldatenkönig, widersetzte sich heftig den Reise- und Studienplänen seines Adels. In bester merkantilistischer Tradition sollte es zu keinerlei Kapitalabfluss ins Ausland kommen. Erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts kam es mit den veränderten Modellen des aufgeklärten Absolutismus und staatlich geförderter Wissenschafts- und Forschungsreisen wieder zu einer Liberalisierung des Reisens.

Mit den Reisen Herzog Ferdinand Albrechts von Braunschweig-Lüneburg, des unter dem Pseudonym »Graf von Trausnitz« tourenden bayerischen Kurprinzen Karl Albrecht von Wittelsbach – des späteren Kaisers Karl VII. – oder der Wilhelmine von Bayreuth liegen uns sogenannte Fürstenreisen vor. Diese weisen einige Elemente auf, die bei den Touren »gewöhnlicher« Aristokraten nicht zu beobachten sind. Häufig legten sich die reisenden Mitglieder der Hocharistokratie ein »offizielles« Inkognito zu. In einem stillschweigenden Übereinkommen wurden auf diese Weise der wahre Status des Reisenden inoffiziell angezeigt und so die Annehmlichkeiten der Kontaktaufnahme zu den ausländischen Würdenträgern ermöglicht, gleichzeitig aber auf den Verhaltenskodex und die damit verbundenen Kosten einer offiziellen Fürstenreise verzichtet. Entsprechend wurden auch die Gastgeber der Pflicht enthoben, die hochgestellten Gäste mit vollem Zeremoniell zu begrüßen und zu betreuen. Der Kulturwissenschaftler Jochen Bepler schreibt zusammenfassend: »Im Prinzip war das Inkognito ein Spiel, das davon lebte, dass die Gesprächspartner die Regeln des Inkognito anerkannten, auch wenn ihnen die wahre Identität des Reisenden durchaus bewusst war.«

Im allgemeinen gilt für das Phänomen der Fürstenreisen oder der Erziehungsreisen von Prinzen, was auch bei der allgemeinen Kavaliersreise zu beobachten ist: In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts näherte sich diese Form des Reisens im mittel- und nordeuropäischen Raum ihrem Ende. In den auf ökonomischem und staatspolitischem Feld noch an traditionellen, feudalen Formen festhaltenden Ländern des katholischen Südens setzten sie sich noch einige Jahrzehnte weiter fort. Gründe für das Ende dieser Form des Reisens nach West- und Südeuropa waren zum einen der Wandel des Bildungsideals und die Verbesserung der einheimischen Universitäten und Akademien, zum anderen das Bestreben der Souveräne der Frühaufklärung, derartige kostenintensive Reisen wegen dem mit ihnen verbundenen bedeutenden Kapitalabfluss in das Ausland einzuschränken.

Mit den im dritten und vierten Abschnitt dieses Buches vorgestellten Reisen eines Johann Hermann von Riedesel oder der Elisabeth von der Recke begeben wir uns nun nicht nur in ein anderes Jahrhundert, sondern nähern uns auch einer anderen Form des Reisens. Der Adelige des späten 18. Jahrhunderts tourt nicht mehr durch Frankreich, England und Italien, um seine weltmännische Erziehung zu vollenden und mit den im Ausland gesammelten Erfahrungen und Kenntnissen seine Karriere in Staatsdienst und Gesellschaft zu beginnen. Das Jahrhundert Voltaires, Rousseaus und Friedrichs des Großen kennt den Adeligen und betuchten Großbürgersohn, der sich aus ganz subjektiven und persönlichen Gründen in die Fremde begibt. Die Reise wird damit zum genießerischen Erleben der Fremde. Vorreiter dieser Bewegung waren die reichen englischen Aristokraten und Kaufmannssöhne, doch Franzosen und Deutsche folgten bald. Ein verbindendes Element gab es: die neu erwachende Faszination der klassischen Antike. So verschieden die Interessen der englischen, französischen, deutschen oder russischen Mittelmeerreisenden der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch waren, fast alle versuchten die neu ausgegrabenen Monumente von Herculaneum und Pompeji und andere bekannte Stätten der römischen und griechischen Kultur in Italien zu besichtigen. Damit gerieten auch die antiken und zuvor kaum besuchten Stätten Siziliens und Griechenlands in das Blickfeld.

Diese neue Form des Reisens beinhaltete jedoch auch politischen Sprengstoff. Nicht wenige Reisende standen in engem Kontakt mit jenen Kreisen, die über Staats- und Regierungsformen der Republiken in der Antike diskutierten, und kannten die staats- und erziehungstheoretischen Studien Montesquieus und Rousseaus. Angeregt von Montesquieus Überlegungen über den Zusammenhang von Volkscharakter und Klima formulierten die Reisenden Beobachtungen über Erscheinung und Mentalität der in der Fremde angetroffenen Frauen und Männer. Es sind diese an den Physiokraten und französischen philosophes sowie an den Überlegungen Winckelmanns geschulten Beobachtungen über das Leben und Schaffen der mediterranen Bevölkerung, an denen sich die Kritik an Institution und Herrschaft der Kirche und am Verhalten der eigenen Kaste entzündete. Reisende wie Johann Hermann von Riedesel reduzierten ihre Rolle während der Sizilien-, Griechenland- und Levantereisen niemals auf die von gewissenhaften Sachwaltern Winckelmanns. Hier macht sich bereits die Sprengkraft der mit der Faszination der Ästhetik antiker Kunst einhergehende Diskussion griechischer und römischer Rechts- und Staatskonzepte für die Betrachtung aktueller Zustände bemerkbar. Bei Riedesel deutet sich bereits an, was sich wenige Jahrzehnte später auf politischer und gesellschaftlicher Ebene gerade in Frankreich und Italien teilweise gewaltsam entladen sollte. Die Kritik entzündet sich vor allem am Vergleich der aktuellen Situation in Italien und Sizilien – mit indirektem Bezug auf die Situation in den deutschen Ländern – mit der antiken Größe und der angeblich reinen demokratischen Staatsform der römischen und griechischen Republiken.

Das 18. Jahrhundert sah also das allmähliche Ende der traditionellen Kavaliersreise. Mit dem veränderten Umfeld der Nationalstaaten des frühen 19. Jahrhunderts hatte sich diese Form des Reisens überlebt. Eigene Landesuniversitäten, starre Verwaltungen, die napoleonischen Kriege und spezifischere Karriereanforderungen ließen den Idealtyp des umfassend gebildeten honnête homme früherer Jahrhunderte zum Anachronismus werden. Viele hier vorgestellten Protagonisten, etwa Ahasverus von Lehndorff oder Otto Friedrich von der Gröben, zählten kaum achtzehn Jahre, als sie zu ihren mehrjährigen Bildungsreisen nach Frankreich, England und Italien aufbrachen. Der Aristokrat des frühen 19. Jahrhunderts benötigt das Reisen nicht mehr, um Grundlagen einer umfassenden Bildung zu erwerben und damit die Voraussetzungen für eine Karriere in Armee oder Verwaltung – er reist zum Pläsier, aus Fachinteresse oder um den Pflichten der Mode und des guten Tons zu entsprechen. Die Reisen beinhalteten nicht mehr Universitäts- oder Akademiebesuche und einen breitgefächerten Kanon der Beobachtung der Bildungs-, Verwaltungs- oder Wirtschaftssysteme des jeweils besuchten Landes, sie konzentrierten sich vielmehr auf das Bestaunen historischer Monumente, auf ästhetische Schauspiele und die Folklore der fremden Regionen. Die Touren des Adels und der Bourgeoisie beinhalteten damit mehr und mehr moderne, »touristische« Elemente. Äußeres Zeichen dafür sind eine merkliche Verkürzung der Reisezeit und die Aufhebung der Unterschiede zwischen den Touren begüterter Vertreter der Bourgeoisie und jenen des Adels. Die hier vorgestellten Reisen der Elisabeth von der Recke, des Herzogs Wilhelm zu Nassau und des Fürsten Hermann von Pückler-Muskau zeigen die verschiedenen Facetten dieser neuen Formen der Annäherung an die Fremde.

Die Kavaliers- oder adelige Bildungstour war natürlich nicht die einzige Form des frühneuzeitlichen Reisens. Mit der Tradition der Pilgerreise existierte ein weiteres Phänomen, das Bürger und Aristokraten gleichermaßen zu einem Aufbruch in die Fremde motivierte. Wie einige der in diesem Buch vorgestellten Beispiele bezeugen, wurden im 16. und 17. Jahrhundert beide Formen nicht selten kombiniert. Auch die Entwicklung der Pilgerreisen war stark von politischen und sozialen Umständen abhängig. Die hier ausgewählten Reisen eines Hans Ludwig von Lichtenstein, Karl Ferdinand von Rechberg oder Hans Johann von Hürnheim nach Italien, Palästina und Ägypten dokumentieren beispielhaft das Aufeinandertreffen des Alten mit dem Neuen: des säkular motivierten Aufbruchs zu einem Erziehungs- und Studienaufenthalt in der Fremde und einer mittelalterlichen Traditionen folgenden Pilgerreise zum Heiligen Grab. Die hier geschilderten Touren ins Heilige Land stehen daher erkennbar im Spannungsfeld der Zeitenwende vom Humanismus zu den allmählich sich etablierenden Paradigmen der Gegenreformation und Formen barocker Frömmigkeit.

Die reine Pilgerreise nach Palästina in mittelalterlicher Tradition begann nach 1500 merklich zurückzugehen. Der Herausgeber der Reiseaufzeichnungen des nahezu zeitgleich mit Hans Ludwig von Lichtenstein oder Karl Ferdinand von Rechberg den Nahen Osten bereisenden Nürnberger Patriziers Karl Nützel, Anton Ernstberger, notiert für die Reichsstadt Nürnberg: »Schon gegen Ende des 15. Jahrhunderts nahm die Zahl der aus Nürnberg ins Heilige Land ziehenden Pilger stark ab. Als die Reichsstadt dann lutherisch geworden war, verschwanden die Fahrten, die bisher nur von altkirchlich frommen Gläubigen unternommen wurden, für einige Zeit aus dem Bereich des religiösen Geschehens gänzlich. Erst nach der Mitte des 16. Jahrhunderts tauchte wieder der eine oder andere Nürnberger unter den deutschen Jerusalem- und Orientpilgern auf.«

Die Aufzeichnungen des Nürnberger Hl. Kreuz-Spitals bestätigen diesen allgemeinen Rückgang der Pilgerbewegung. In den Anweisungen des Jahres 1582 für den Spitalmeister wird betont, dass die Hl. Kreuz-Stiftung eigentlich für Pilger bestimmt sei, dieweil aber anjetzo deren wenig mehr vorhanden, mögen arme frembde durchreisende Priester und sonsten arme unverdechtige mans und Weibs Personen … eingelassen werden; jedoch nicht lenger dan ein nacht beherberigen und dass dieselben innerhalb eines monats nicht widerumb ansuchen sollen. Am Ende des Jahrhunderts nimmt die Zahl der deutschen Jerusalempilger – nicht zuletzt als Auswirkung der Gegenreformation – wieder zu.

Auf den ersten Blick erinnern die im ersten Abschnitt des Buches vorgestellten Touren der Herren von Lichtenstein, Hürnheim, Hirschfeld, Rechberg oder Eckher von Käpfing mit den Stationen Venedig, Ragusa (Dubrovnik), Konstantinopel (Istanbul), Tripoli, Damaskus und Palästina an das Muster einer spätmittelalterlichen Pilgerreise in das Heilige Land. Im Allgemeinen hatte eine derartige Reise ihren Ausgangspunkt in Venedig, dem Tor zur Levante. Die gut organisierte Route der Pilgerschiffe hatte sich dabei seit dem hohen Mittelalter kaum verändert und folgte der östlichen Adriaküste nach Kreta und Zypern und endete in den Häfen Jaffa oder Tripoli. Der Landweg über den Balkan und Konstantinopel wurde zwar von manchen Pilgerführern empfohlen, jedoch selten benutzt. Besagter Weg führte von Ragusa landeinwärts über die Balkanhalbinsel nach Konstantinopel und von dort mit dem Schiff zu den Häfen Syriens und Palästinas. Doch waren die Unternehmungen Lichtensteins, Hürnheims, Hirschfelds oder Rechbergs weit mehr als Pilgerreisen. Als Söhne des humanistischen Zeitalters hatten sich die deutschen Ritter von den alten Vorgaben längst emanzipiert. Zwar bereisten sie auch das Heilige Land, doch ging das Spektrum ihrer Beobachtungen weit über Religiös-Biblisches hinaus. Sie interessierten sich für Sitten und Gebräuche der Ungläubigen genauso wie für die fremde Architektur, die Landschaft und das Gewerbe. Humanismus bedeutet immer auch Wissensdurst. Anders sind die häufig dem Besuch der heiligen Stätten vor- und nachgeordneten Reisen durch Italien, den Balkan, die Türkei und die Levante nicht zu erklären. Dass diese Touren auch als Beitrag zur weltmännischen Erziehung begriffen wurden, ist naheliegend.

Nun wäre es wenig unterhaltsam, einem größeren Publikum den Regelfall dieser Kavaliers- und Pilgerreisen vorzustellen. Einige der reisenden Kavaliere und Adelszöglinge durchbrachen die Kreise und Schemata dieser Routen. Wissensdurst, Abenteuerlust und karrieristische Gründe führten sie bis an das Schwarze Meer, nach Nordafrika, Guinea und an die Goldküste. Die in diesem Buch vorgestellten Beispiele sind in ihrer Abenteuerlichkeit und ihrem Radius daher die Ausnahmen von der Regel. Im Vordergrund steht dabei, die Augenzeugenberichte und authentischen Quellen für sich sprechen zu lassen. Gleichzeitig wird versucht, die persönlichen Aufzeichnungen der Reisenden und ihrer Begleiter sowie die Ansichten späterer Kommentatoren auf Fakten und Authentizität hin zu überprüfen. Die Einteilung des Buches in vier Abschnitte beruht auf thematischen Gesichtspunkten und den einzelnen Epochen. Die Reihenfolge der Reisenden innerhalb der Abschnitte folgt der Chronologie ihres Aufbruchs in die Fremde.

Grundlagen dieses Buches ist neben den bereits edierten Quellen das Material aus verschiedenen Familienarchiven und den Archiven von Potsdam (Brandenburgisches Landeshauptarchiv), Göttingen (Niedersächsische Landesbibliothek), Berlin (Deutsche Staatsbibliothek), Wolfenbüttel (Niedersächsisches Staatsarchiv und Herzog-August-Bibliothek), Gießen (Universitätsbibliothek), Wiesbaden (Hessische Landesbibliothek und Hessisches Hauptstaatsarchiv), München (Bayerisches Hauptstaatsarchiv), Nürnberg (Stadtarchiv und Germanisches Nationalmuseum), Madrid (Biblioteca Nacional), Malta (National Library of Malta, Archive of the Order of Malta) und London (Public Record Office, British Museum, British Library).

Bildung und Frömmigkeit – Humanismus und Gegenreformation

Ein Protestant im Heiligen Land

Bernhards von Hirschfeld Touren in Ägäis und Levante

Versteht man das Ancien Régime als die Zeit der absolutistischen Feudalstaaten, so liegen die im Folgenden behandelten Reisen und Abenteuer am Beginn dieser Epoche. Der Protagonist dieses Kapitels wird in die Zeit des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit hineingeboren. Bernhard von Hirschfelds Leben ist auf das Engste mit den Umwälzungen dieser Epoche verknüpft. Mit seiner nach der Rückkehr aus der Levante erfolgten Anlehnung an Luthers Lehre stand er für einige Zeit sogar direkt im Lichtkegel deutscher Geschichte. Bereits Hirschfelds Notizen von seiner Reise nach Italien, Zypern, Palästina und Rhodos dokumentieren beispielhaft das Aufeinandertreffen des Alten mit dem Neuen. Es ist der Bericht über eine Pilgerreise zum Heiligen Grab – erzählt mit dem wachen, kritischen, fast säkularen Blick eines Humanisten. Auszüge der handschriftlichen Notizen wurden 1856 in den »Mitteilungen der deutschen Gesellschaft zu Erforschung vaterländischer Sprache und Alterthümer« und 1879 in mehreren Folgen im »Wochenblatt der Johanniter-Ordens-Balley Brandenburg« publiziert. Weitere Angaben zu seiner Person und Familie können den Aufzeichnungen seines Schwiegersohns Hans Christoph von Bernstein und der von dem sächsischen Hofprediger Georg Spalatin verfassten Geschichte derer von Hirschfeld entnommen werden. Teile von Bernsteins Bericht wurden 1856 im siebten Band von Friedrich Bülaus Werk »Geheime Geschichten und Rätselhafte Menschen. Sammlung verborgener oder vergessener Merkwürdigkeiten« veröffentlicht. Weitere Hinweise auf Hirschfelds Erlebnisse in der Fremde finden sich in Reinhold Röhrichts und Heinrich Meisners 1880 erschienener Monographie »Deutsche Pilgerreisen nach dem Heiligen Lande«.

Wer war der Autor des im Mittelpunkt dieses Kapitels stehenden Reiseberichts? Bernhard von Hirschfeld wurde 1490 als ältester Sohn des Georg von Hirschfeld, Herr auf Otterwisch, in ein altes sächsisches Adelsgeschlecht geboren. Seine Mutter Barbara war eine geborene von Einsiedel. Über seine Jugend ist wenig bekannt. 1503 kam er als Edelknabe an den Hof von Kurfürst Friedrich dem Weisen, wo er sich als begabt und tüchtig erwiesen haben muss. Für seine guten Dienste erhielt er 1512 vom Kurfürsten das Lehnsgut Kamitz. In den Jahren bis zu seinem Aufbruch ins Heilige Land im Jahr 1517 versah Hirschfeld das Amt eines Kämmerers. Nach der Rückkehr von seiner Reise im Frühjahr 1518 nahm er dieses Amt wieder auf und wurde im Folgenden direkt in die turbulenten Ereignisse um Martin Luther und dessen sich in Sachsen verbreitende Lehre hineingezogen. Zusammen mit einem Vertrauten, dem als Chronisten der Familiengeschichte bereits erwähnten sächsischen Hofprediger Georg Spalatin, wurde der inzwischen zum kurfürstlichen Rat aufgestiegene Hirschfeld ein Vorkämpfer des Protestantismus in Sachsen. 1524 heiratete er Katharina von Ende, Tochter des Ehrenfried von Ende auf Kayna, Amtmann von Crimmitschau.

Hirschfeld blieb auch nach Friedrichs des Weisen Tod im Jahr 1525 kurfürstlicher Rat. Unter Friedrichs Nachfolger, Kurfürst Johann, wurde er zusätzlich Amtmann von Schlieben. 1533 fungierte Hirschfeld zusammen mit Martin Luther als einer der Visitatoren der Schulen und Kirchen Sachsens. Im sogenannten Schmalkaldischen Krieg (1546/47) zwischen Kaiser Karl V. und Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen agierte Hirschfeld als Rat und Mitkommandant von Wittenberg. Vor der für den sächsischen Kurfürsten so unglücklich verlaufenden Schlacht von Mühlberg am 24. April 1547 geriet Bernhard von Hirschfeld in kaiserliche Gefangenschaft. Seine Karriere war damit jedoch nicht beendet. Nachdem auf dem Reichstag zu Augsburg 1548 die sächsische Kurwürde dem albertinischen Herzog Moritz zugesprochen worden war, erinnerte sich dieser der Qualitäten des inzwischen aus der Gefangenschaft entlassenen Hirschfeld und berief ihn wieder in sein früheres Amt als kurfürstlicher Rat. Drei Jahre später starb Bernhard von Hirschfeld am kursächsischen Hof in Dresden und wurde gemäß den von Adolf von Minckwitz in den »Mitteilungen der deutschen Gesellschaft zu Erforschung vaterländischer Sprache und Alterthümer« publizierten Quellen in der Liebfrauenkirche (Frauenkirche) von Dresden beigesetzt.

Wenden wir uns nun der Reise Hirschfelds nach Palästina zu. Seine Notizen befassen sich keineswegs allein mit religiösen Aspekten, sondern beinhalten ein breites Spektrum an Beobachtungen und Kommentaren zur kulturellen, geographischen und landeskundlichen Situation sowie zur Flora und Fauna der von ihm bereisten Länder. Demzufolge dürfen wir bei seinen Motiven, eine derartige Reise anzutreten, durchaus »weltliche« Gründe, das heißt Neugierde und Abenteuerlust vermuten. Offiziell stand jedoch sein Wunsch, in Jerusalem zum Ritter vom Heiligen Grab geschlagen zu werden, im Vordergrund. Eine derart weite Reise wurde damals aus Kostengründen und zwecks Minderung von Gefahren zumeist in einer größeren Gruppe unternommen. Nachdem er am 15. März 1517 mit seinem Diener das heimatliche Schloss Otterwisch Richtung Coburg verlassen hatte, schloss er sich dort mit anderen Palästina-Reisenden – namentlich Hans Schott von Oberlindt, Konrad und Georg von Wolffersdorff, Andreas von Rosenau, Hermann von Neustadt, Heinrich von Bünau, Hans von Minckwitz, Christoph von Taubenheim und den Brüdern Hans, Georg und Rudolph von Planitz – zu einer Reisegruppe zusammen. Auch auf der nächsten Station der Reise, der alten Bischofsstadt Bamberg, stießen weitere Adelige zu der Gruppe.

Am 24. März erreichte man Nürnberg, am 29. März Augsburg. Die Alpen wurden über die alte Brennerstraße passiert. Bereits am 9. April wurde Venedig erreicht, wo man sich in der deutschen Herberge »Hyppolyta« einquartierte. Während sich die übrigen Reisenden um die Vorbereitung der Seereise nach Palästina kümmerten, sollten Bernhard von Hirschfeld und ein weiterer Mitreisender, Hans von der Planitz, nach Rom reisen und, wie es damals Tradition war, die offizielle Erlaubnis der Kurie für die Pilgerreise einholen. Hirschfeld und Planitz planten ferner einen Abstecher zum Wallfahrtsort Loreto. Nach einer nicht ungefährlichen Seereise mit Stationen in Ravenna, Pesaro und Senigallia – wo sie von Wachmannschaften der dort stationierten päpstlichen Truppen beschossen wurden – trafen sie in Ancona ein. In dieser damals prosperierenden Handelsstadt wurden Pferde gemietet und nach Loreto geritten. An diesem bedeutenden Wallfahrtsort besuchten Hirschfeld und Planitz die Kirche »Unserer lieben Frau« und hörten die Messe in der einst angeblich als Geburtsort Marias dienenden Kammer, die gemäß der christlichen Legende von Engeln aus Nazaret nach Loreto gebracht worden war. Von Loreto ritt man auf direktem Weg nach Rom. In der Ewigen Stadt gelang es Hirschfeld und Planitz, eine Papstaudienz zu erhalten. Mit der Erlaubnis und dem Segen für die Wallfahrt nach Jerusalem reisten die beiden deutschen Adeligen über Viterbo, Siena, Florenz, Bologna und Ferrara nach Venedig zurück, wo sie am 18. Mai eintrafen.

Mittlerweile hatten die übrigen Wallfahrer mit dem Patron eines Schiffes einen Vertrag für die Überfahrt nach Palästina abgeschlossen. Dieser Vertrag gab den Reisenden unter anderem das Recht auf alle Morgen guten Malvasier, morgens und abends gut zubereitetes Fleisch, gesotten und gebraten und namentlich gute Hühner [sic!], gutes frisches Brot nebst schwarzem und weißem Wein vom Besten«, sowie an den Tagen, »an denen man kein Fleisch zu essen pflegt, [auf] gute frische oder gesalzene oder getrocknete Fische, und Eier, Gemüse, Obst und gute(n) Käse. Es war ferner festgeschrieben, dass der Patron ohne der Pilger Erlaubnis in keinen Hafen fahren darf, und wenn er, um Lebensmittel, Holz, Wasser und dergleichen einzunehmen, anlegen muß, darf er sich nicht länger als einen Tag daselbst aufhalten. Nach der Ankunft in Palästina war er verpflichtet, die Pilger an alle Orte, welche sie besuchen wollen, [zu] führen, überall auf sie [zu] warten, und alles, was von ihnen daselbst an Tribut, Zoll, Schatzung, Eselgeld gefordert wird, [zu] zahlen. Ferner war festgelegt: Glauben die Pilger Ursache zur Klage gegen den Patron zu haben, so sind sie befugt, ihn überall, wo sie anfahren, vor der Gerichtsbehörde des Landes zu belangen, deren Urteil er sich zu unterwerfen hat. Der Preis für die Überfahrt und die im Heiligen Land in Anspruch genommenen Dienste betrug 48 venezianische Gulden pro Pilger. Als Kaution für die im Vertrag übernommenen Verpflichtungen hatte der Patron 4000 Dukaten bei einer venezianischen Bank zu hinterlegen. Sollten die im Vertrag fixierten Vereinbarungen nicht erfüllt werden, fiel dieses Geld an die Pilger. Ursprünglich war die Abreise für den 2. Juni geplant, doch dringende Reparaturarbeiten am Schiff verzögerten das Ablegen bis zum 17. Juni. Dennoch wurde den Reisenden die Zeit in der Lagunenstadt nicht lang. So nahm man zum Beispiel zusammen mit dem Markgrafen von Mantua am 23. Mai an einem der Hauptfeste der Serenissima, der prunkvollen »Vermählung Venedigs mit dem Meer«, teil.

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1  Ein mediterranes Handelsschiff aus dem 15. Jahrhundert, »Barcia« genannt, das oft auch für Pilgertransporte benutzt wurde.

Die Reise der deutschen Wallfahrer entlang den Küsten von Istrien, Dalmatien und Korfu verlief ohne ungewöhnliche Ereignisse. Mit gutem Wind erreichte man bereits am 3. Juli die kretische Hafenstadt Candia (Iráklion). Im damals venezianischen Candia wurden Proviant und Wasser geladen. Am 7. Juli erfolgte die Weiterreise nach Zypern. Von dem ursprünglich geplanten Besuch von Rhodos wurde wegen der damals latenten Kriegsgefahr zwischen dem die Insel beherrschenden Johanniterorden und dem Osmanischen Reich abgesehen. Von einem mitreisenden Johanniterritter erfuhr Hirschfeld Interessantes über verschiedene Orte der Levante: Die Insel Cerigo gelte für den Geburtsort der schönen Helena, welche Paris von dort entführt habe. Auf der Stätte des alten Troja befanden sich zur Zeit etliche Dörfer, und sei daselbst noch viel kostbares altes Gemäuer aus Marmor vorhanden. Am 11. Juli ankerte das Pilgerschiff im Hafen von Limassol auf Zypern, und Hirschfeld benutzte die Zeit des Aufenthalts für eine Besichtigung der dortigen venezianischen Festungen. Nach einer kurzen Überfahrt trafen die deutschen Pilger am 16. Juli im Hafen von Jaffa ein, wo sie auf ein weiteres venezianisches Schiff mit englischen, französischen und flämischen Pilgern trafen. Ein Vikar des damals die meisten heiligen christlichen Stätten Palästinas betreuenden Franziskanerordens klärte die Ankömmlinge über das weitere Prozedere auf. Hirschfeld notiert: Wer ohne Genehmigung des Papstes diese Reise unternommen, sei in den Bann geraten, aber der Guardian [des Franziskanerordens] hätte Macht, davon zu absolviren. Die Pilger dürften im heiligen Lande keine Wehr und Waffen tragen, und sollten sich, um schwerer Ahndung zu entgehen, hüten, gegen die Türken oder deren Glauben etwas zu äußern, da viele derselben fremde Sprachen verständen.

Der Vikar fügte die Ermahnung hinzu, die Reisenden sollten ihre Sünden bereuen und sich freuen, daß ihnen verstattet sei, die heil. Stadt Jerusalem zu besuchen; denn sobald man mit reuigem Herzen das heil. Land betrete, erlange man Vergebung der Sünden und Auslöschung aller dereinst zu leidenden Pein; darum solle sich ein Jeder aufs Beste dazu schicken und sich zur Andacht reizen, damit er so großen Ablasses theilhaftig werde und eine so gefahrvolle Reise nicht umsonst gemacht habe. Mit der Erlaubnis des osmanischen Gouverneurs von Jaffa zur Weiterreise bestiegen Hirschfeld und die deutschen Wallfahrer am 19. Juli ihre gemieteten Esel und machten sich auf den Weg nach Ramla, damals eine verarmte und großteils in Ruinen liegende Stadt, wo sich die Pilger lediglich mit Wasser und Brot verköstigen konnten. Nach einem Ritt durch die sengende Sonne wurde schließlich Jerusalem erreicht, in das man unter Singen des Te Deums durch das Damaskus-Tor einzog. Bernhard von Hirschfeld begab sich zunächst zur Grabeskirche und verrichtete dort ein Dankgebet für seine glückliche Ankunft. Danach zog er mit seinen Reisegefährten zum Franziskanerkloster auf dem Berg Zion. Dort wurden sie vom Franziskaner-Guardian Nicolas de Tausignan zuvorkommend empfangen und bewirtet. Am nächsten Tag erfolgte die Einquartierung der deutschen Wallfahrer im Palast des griechischen Patriarchen, einem damals häufig als Pilgerherberge dienenden Gebäude. Erneut wurde – diesmal von allen Reisenden – der Grabeskirche ein Besuch abgestattet. Wie die Pilger bemerkten, versuchte der osmanische Stadthalter den Christen so viel Geld wie möglich abzupressen. Jeder Besuch der Grabeskirche kostete sieben Dukaten. Wie Hirschfeld in seinen Reisenotizen bemerkt, verlangten die jeweiligen Türhüter noch einmal einen Dukaten.

Im Vergleich zur bisherigen Situation hatte sich das Klima für christliche Pilger im Heiligen Land nach der Eroberung Syriens und Palästinas 1516 durch den Osmanensultan Selim eindeutig verschlechtert. Die Willkür der muslimischen Behörden hatte beträchtlich zugenommen, und kaum ein christlicher Pilger kam ohne die zusätzliche Entrichtung eines reichhaltigen Bakschisch aus. Die folgenden Besuche des Ölbergs, von Bethlehem und Nazaret sowie der übrigen heiligen Stätten durch Hirschfelds Reisegruppe und seine Erhebung zum Ritter vom Heiligen Grab soll hier weitgehend übergangen werden. Hirschfelds Bericht bietet hier nur relativ kursorische Auflistungen der Sehenswürdigkeiten und folgt in seiner Schematik weitgehend dem Kanon anderer in diesem Buch vorgestellter Kommentare deutscher Adeliger. Literarisch und inhaltlich eindrucksvollere Schilderungen werden daher in anderem Zusammenhang diskutiert.

Kulturhistorisch weitaus interessanter ist Hirschfelds Rückreise. Verlief diese doch nicht wie allgemein üblich über Zypern, Rhodos, Kreta und die Adria direkt zurück nach Venedig, sondern schloss einen längeren Abstecher über Süditalien und die Metropole Neapel ein. Bemerkenswert ist das breitgefächerte Interesse, das Hirschfeld dem Gesehenen entgegen bringt. All dies hat nur noch wenig mit den spätmittelalterlichen Traditionen einer Palästina-Wallfahrt gemeinsam.

Folgen wir nun wieder der Chronologie der Ereignisse. Nach dem Besuch der heiligen Stätten und der mühsamen Rückreise an die syrische Küste schifften sich die deutschen Adeligen am 1. August wieder Richtung Zypern ein. Am 7. August wurde Larnaka erreicht, von wo sich in den folgenden Tagen der Großteil der Pilger nach Nikosia begab und dort vom neuen venezianischen Stadthalter Frontini – wie Hirschfeld lobend erwähnt – sehr zuvorkommend empfangen wurde – auf welsche Manier mit großem Gepränge. Vermehrte Krankheitsfälle unter den deutschen Wallfahrern verzögerten allerdings die Weiterfahrt. Bernhard von Hirschfeld und einige seiner Landsleute nutzten die Zeit und besuchten Famagusta, Geburts- und Taufort der heiligen Katharina, und den Wallfahrtsberg zum Heiligen Kreuz. In Famagusta wurden sie vom Bürgermeister, »Meister Antonius«, einem gebürtigen Freiburger (sic!), bewirtet.

Nachdem der Großteil der Kranken genesen war, lichtete Hirschfelds Pilgerschiff am 26. August den Anker und segelte Richtung Rhodos, wo man nach einer aufgrund widriger Winde unruhigen Seefahrt erst am 25. September eintraf. Hier muss es zu einem folgenschweren Missverständnis bezüglich der Abfahrtszeit gekommen sein. Als sich Bernhard von Hirschfeld und einige seiner Reisegenossen – unter ihnen die Herren von Rosenau und von Schwarzburg – nach einer Besichtigungstour durch die stark befestigte Johanniterresidenz von Rhodos-Stadt und einige umliegende Orte am 29. September wieder einschiffen wollten, hatte ihr Schiff bereits abgelegt. Auch eine eilends vom Johanniter-Großmeister Fabrizio del Caretto zur Verfügung gestellte Barke konnte das Schiff nicht mehr einholen. In den folgenden Tagen logierten die Zurückgebliebenen in einem ihnen vom Großmeister zur Verfügung gestellten Haus in der Nähe der Katharinenkirche von Rhodos-Stadt. Ungeachtet des Missverständnisses gab es für die Reisenden nichts über die Bewirtung und sonst viel mehr gnädigen Erzeigungen zu klagen.

Die nächsten Tage verbrachten die Reisenden mit der Suche nach einer Passage nach Italien. Als sich am 12. Oktober für die kleine Pilgergruppe für fünf Dukaten pro Kopf eine Mitfahrgelegenheit auf einem italienischen Schiff nach dem apulischen Tarento ergab, wurde diese dankend angenommen. Trotz heraufziehender Herbststürme verlief die Seereise außergewöhnlich rasch und unkompliziert. Als das Schiff am Abend des 28. Oktober im Hafen von Gallipoli ankerte, gingen Hirschfeld und seine Genossen an Land und setzten am nächsten Tag ihre Reise auf gemieteten Pferden fort. Zunächst ging es der Küste entlang nordwärts nach Lecce und Bari, von wo sich die Reisenden landeinwärts wandten und am 10. November in Neapel, der Hauptstadt des unter der Herrschaft der Krone Aragons stehenden Süditalien, eintrafen. Hirschfeld widmet der Metropole des Königreichs, ihren drei Festungen, zahlreichen Klöstern und Kirchen eine ausführliche Beschreibung. Wegen des gerade stattfindenden Einzugs von Bona Sforza (1494–1557), der Braut König Sigismunds I. von Polen, einer Tochter des Herzogs von Mailand und der Königin von Neapel, des Gesandten Kaiser Maximilians I. und anderer geistlicher und weltlicher Würdenträger und der anlässlich der bevorstehenden Hochzeit stattfindenden Feierlichkeiten, verschob der neugierige Hirschfeld seine Abreise. Während der prunkvollen Feste kamen die deutschen Palästina-Pilger in Kontakt mit weiteren deutschsprechenden Reisenden, namentlich mit den mährischen Rittern Wilhelm von Constadt und Johann von Haubitz und dem Kanzler des Bischofs von Mähren. Man beschloss, gemeinsam nach Rom zu reisen.

Anlässlich der am 2. Dezember angetretenen Reise durch die Campagna und Latium nach Rom berichtet Hirschfeld als einer der ersten ausführlich von den damals noch sichtbaren römischen Relikten und Monumenten entlang der alten Römerstraßen. Besonders beeindruckten ihn die Solfataren bei Neapel und der Vesuv. Unbehelligt von den in dieser Gegend so zahlreichen Wegelagerern traf die Reisegruppe am 6. Dezember in Veletri ein. Bereits am folgenden Tag erreichten die Reisenden Rom. Hirschfeld hatte nun Gelegenheit zu ausgiebigeren Besichtigungen in der Ewigen Stadt und zum Besuch von Orten, die er während seines ersten kurzen Romaufenthalts nicht hatte sehen können. Einer der Höhepunkte des Aufenthalts war die Gelegenheit zu einem Besuch der Schatz- im Werthe von 25 000 Dukaten, ein Geschenk der Familie Fugger