Annerose Sieck

Mystikerinnen

Biographien visionärer Frauen

Jan Thorbecke Verlag

INHALT

VORWORT

FRAUEN, DIE DIE WELT VERÄNDERTEN – MYSTIKERINNEN DES MITTELALTERS UND DER FRÜHEN NEUZEIT

HILDEGARD VON BINGEN
(UM 1098–1179)

ELISABETH VON SCHÖNAU
(1129–1164)

MARIA VON OIGNIES
(UM 1177–1213)

JULIANA VON LÜTTICH
(1192–1258)

KLARA VON ASSISI
(1193/94–1253)

BEATRIJS VON NAZARETH
(1200–1268)

MECHTHILD VON MAGDEBURG
(UM 1207–1282)

HADEWIJCH VON ANTWERPEN
(ETWA 1220–1260)

MECHTHILD VON HACKEBORN
(1241–1299)

ANGELA VON FOLIGNO
(1248–1309)

GERTRUD VON HELFTA
(1256–1302)

MARGUERITE PORÈTE
(1250/60–1310)

MARGUERITE D’OINGT
(GEST. 1310)

BIRGITTA VON SCHWEDEN
(1303–1373)

JULIANA VON NORWICH
(UM 1343–UM 1416)

KATHARINA VON SIENA
(1347–1380)

TERESA VON AVILA
(1515–1582)

FASZINATION MYSTIK – EIN NACHWORT

LITERATUR UND QUELLEN

Vorwort

Es gibt viele Wege, um das Göttliche zu erkunden; einer der bekanntesten ist sicher der mystische bzw. spirituelle Pfad. Obwohl oder gerade weil niemand so recht weiß, was eigentlich ganz genau darunter zu verstehen ist, übt diese religiöse Strömung seit Langem eine ungebrochene Faszination auf Menschen aus. Vor allem, wenn sie Erfahrungen über jene Dinge sammeln wollen, die über das normale Alltagsempfinden hinausgehen. In einer Gesellschaft, die in Konsum, Neid, Habgier und Oberflächlichkeiten zu versinken droht, kann die Mystik mögliche Alternativen bei der Sinnsuche bieten. »Ein wichtiger Grund für das Interesse, das die Mystik gegenwärtig findet, dürfte«, so Joseph Schumacher, »nicht zuletzt die Unsicherheit sein, die aus der Fragwürdigkeit oder besser: aus der Sprachlosigkeit von Kirche, Christentum und Religion überhaupt resultiert. Der Mensch braucht eine Antwort auf die Frage: Wer bist du eigentlich«?

Für die Theologin Dorothee Sölle ist Mystik »die Geschichte der Gottesliebe, die sich erlaubt, in ein Menschenleben einzubrechen, wann immer es ihr gefällt. Und sie ist die Geschichte der Menschen, die auf diese Offenheit Gottes antworten, indem sie ihr Herz für Gott öffnen«. Und weil Mystiker auf der Suche nach einem erfahrbaren Gott ihr Herz öffnen, bezeichnet sie Marion Küstenmacher im »Sonntagsblatt« 09/2010 auch als die »Tiefseetaucher« des Glaubens, die es wagen, »selbst zu den verborgensten Kammern der Seele vorzudringen«, um dort, wie Paulus sagt, geleitet vom »Geist aus Gott« die »Tiefen der Gottheit« zu erforschen (1 Kor 2,10). »Der Mystiker jeder Religion«, so der Religionswissenschaftler Carl A. Keller, »ist ein Wegbeschreiter. Er befindet sich auf einem Wege. Der Mystiker ist nicht einer, der in erhabenen mystischen Gefühlen schwelgt. Er schreitet. Er weiß, woher er kommt, wo er jetzt steht und wohin er geht. (…) Die Grundeinstellung der Mystiker ist in allen Traditionen dieselbe, nämlich Wille und Bereitschaft, das Ich zugunsten der letztgültigen Wirklichkeit preiszugeben und zu verleugnen.

In der christlichen Tradition spielte diese Art der religiösen Sinnfindung nur eine untergeordnete Rolle; dennoch hat auch das Christentum eine Reihe bemerkenswerter Visionäre und Visionärinnen hervorgebracht. Ihre Blütezeit erlebte die christliche Mystik zur Zeit der Ordensbewegung im 12. und 13. Jahrhundert. Eine neue Frömmigkeitsbewegung, die die Stärkung des persönlichen religiösen Bewusstseins als Ziel hatte, rückte die persönliche Beziehung zwischen Individuum und Gott in den Fokus und grenzte sich dadurch von der Institution Kirche ab. Als wichtiges Beispiel sei hier die Armutsbewegung genannt, die durch die Mahnung zur strikten Abkehr von weltlichen Gütern zwangsläufig mit dem reichen und mächtigen Klerus in Konflikt geraten musste. Nicht zuletzt muss in diesem Zusammenhang die »Frauenbewegung« angesprochen werden.

Im Mittelpunkt meiner Betrachtung stehen fromme, mutige Frauen – Mystikerinnen, Prophetinnen und Visionärinnen, die es schafften, sich in der patriarchalischen Gesellschaft des Mittelalters und in der Frühen Neuzeit eine Lebensform zu erobern, die dem weiblichen Geschlecht ansonsten verschlossen war. Ihre Religiosität, ihr Mut und auch ihr politisches Engagement sollen genauso gewürdigt werden wie ihre Schriften, in denen sie das persönlich Erfahrene, ihre Visionen und Begegnungen mit Gott, für die Nachwelt niederschrieben. Sie alle strebten nach moralischer Vollkommenheit. Zum besseren Verständnis der damaligen Zeit werfe ich in der Einleitung »Streiflichter« auf die mittelalterliche Theologie und die Gesellschaft, die das Erscheinungsbild der Mystikerinnen erst möglich machte oder – wie ich meine – zwingend hervorbrachte.

Frauen, die die Welt veränderten – Mystikerinnen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit

»Die Natur hat die Frauen mit ebenso vielen körperlichen und geistigen Gaben ausgestattet wie die weisesten und erfahrensten Männer.«

(Christine de Pizan)

Aufruhr in der Männerwelt des Mittelalters

Paris, 1390: Ein erträgliches und auskömmliches Leben von Frauen außerhalb der Ehe ist hier wie im Rest des mittelalterlichen Europas unvorstellbar. Wer ohne Ehemann und Familie lebt, ist verletzlich und sein Ruf schnell mit einem Makel behaftet. Alleinstehende Witwen, die nicht wieder heiraten oder ins Kloster gehen wollen, werden oft der Prostitution oder anderer liederlicher »Vergehen« bezichtigt. Das erfährt auch die erst 25-jährige Christine de Pizan (1365–nach 1430) am eigenen Leib. »Mein Gott, wie viele Belästigungen und widerliche Blicke, wie viel Häme aus dem Munde fetter betrunkener Männer musste ich mir gefallen lassen!«, schreibt sie auf. Sie hat gerade ihren Ehemann Etienne de Castel, den sie entgegen allgemeiner Ehepraxis damaliger Zeit aus tiefer Zuneigung geheiratet hatte, zu Grabe tragen müssen und trauert um ihn in einer Ballade.

»Mich dünkt, hundert Jahre ist’s schon her, seit mein Liebster von mir ging. Verwitwet bin ich, einsam, schwarz gekleidet. Mein Gesicht ist traurig. Ganz allein bin ich, ohne Gefährten, ohne Geleit.«

Doch die Not zwingt sie zum Handeln und bewahrt sie vor düsterer Grübelei. Für die in Venedig geborene Tochter eines angesehenen Astrologen und Mediziners kommt allerdings eine neue Ehe nicht in Frage. Sie weigert sich, den für eine Frau gesellschaftlich vorgesehenen und einzig gebilligten Weg einzuschlagen. Auch als Nonne hinter dicken Klostermauern möchte sie nicht enden. Stattdessen wagt sie es, gegen die Schuldner ihres verstorbenen Mannes zu prozessieren und beschließt zu kämpfen. Schließlich muss sie als neues Familienoberhaupt für ihre drei Kinder, ihre Mutter und die zwei jüngeren Brüder sorgen. 21 Jahre sollen vergehen, bis sie das ausstehende Gehalt ihres Mannes endlich bekommt. Um ihre Familie in der langen Zwischenzeit über Wasser halten zu können, verdient sie ihren Lebensunterhalt zunächst, indem sie Manuskripte kopiert. Doch schon bald beginnt sie, die schon in ihrer Kindheit das Spinnrad hasste und stattdessen lieber Bücher las, selbst die Feder in die Hand zu nehmen und zu schreiben.

In einer Zeit, in der Männer unangefochten ihre gesellschaftliche Vormachtstellung rechtfertigen und manifestieren, setzt sich Christine de Pizan daran, sich und damit alle Frauen gegen die verleumderische, frauenverachtende Nachrede im populären Rosenroman des Pariser Universitätsprofessors Jean de Meun zu verteidigen. In den rund 22.000 Versen des damals von der gelehrten Männerwelt überaus geschätzten und gefeierten Kultbuches wird ein Frauenbild voller Zynismus und Verachtung gezeichnet:

»Eine Frau ist nichts weiter als durchtrieben und kokett. Ihre Schönheit? Alles nur Aufmachung. Ihr Lebensinhalt? Intrigen, Betrug, Eifersucht, Spitzfindigkeiten, Bosheit und Unfrieden. Die Frau hat kein Gewissen. Sie will den Mann nur ruinieren. Es genügt dem Mann, sein Vergnügen mit ihr zu haben. Ein Tor, der an die Liebe glaubt. Man muss auf die Natur hören, man braucht nur zu beachten, wie es die Kühe und Stiere, die Schafe und Hammel auf den Wiesen treiben.«

Christine fühlt sich angegriffen und räumt empört mit dem Vorurteil auf, die Frau sei moralisch und geistig unterlegen und entgegnet:

»Wenn jemand sagt, dass wir Büchern Glauben schenken sollen, die von berühmten Männern geschrieben wurden, welche noch niemals die Unwahrheit gesagt hätten, und die gleichwohl immer nur die Schwächen der Frauen herausstellen, so sage ich darauf, dass solche Autoren niemals etwas anderes im Sinn hatten, als die Frauen zu verleumden und zu betrügen.«

Mit Elementen aus der religiösen Mystik und der von ihr aus der Schöpfungsgeschichte abgeleiteten Gleichheit von Mann und Frau widerlegt Christine unter Verweis auf Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit, die sie als Frauenfiguren auftreten lässt, frauenfeindliche Einstellungen. Denn eine Frau tauge nicht nur zum Kinderkriegen und Spinnen, davon ist sie überzeugt.

Eine Frau, die nach den Konventionen der Zeit von der Wissenschaft ausgeschlossen ist, wagt es, eine bis dahin unangetastete männliche Autorität anzugreifen. Man weiß es nicht besser und wirft ihr Geistesschwäche und Torheit vor, denunziert sie und fordert sie auf, ihren Irrtum einzugestehen. Doch Christine gibt nicht auf. Über ein Jahr zieht sich die Auseinandersetzung hin, viele Briefe gehen hin und her, bis selbst Christine keine Lust mehr verspürt, auf die Anfeindungen aus den Reihen der Männerwelt zu antworten: »Was mich angeht, so gedenke ich in dieser Angelegenheit kein weiteres Schreiben mehr zu verfassen, denn genauso gut könnte ich auch die Seine austrinken.« Immerhin kann die rhetorisch brillante Visionärin und Schriftstellerin einen ersten Erfolg verbuchen. Denn kein Geringerer als Jean Gerson, Kanzler der Pariser Universität, stellt sich auf ihre Seite und verurteilt im Namen der christlichen Moral die Anhänger Jeans de Meun.

In Christine wächst der Mut zum Widerstand, und die Frauenfrage rückt zusehends in den Mittelpunkt ihres Interesses. Mit ihrem Werk »Le Livre de la Cité des Dames« (»Das Buch von der Stadt der Frauen«), das für das 14. Jahrhundert erstaunlich mutig ist, entwirft sie das Bild einer humanen, vernünftigen, von Frauen geprägten Welt und bedient sich dabei des damals gängigen Musters der idealen Traumstadt. Durch Christine de Pizan wird zum ersten Mal die jahrtausendelange Unterdrückung und Benachteiligung der Frauen angeprangert; in einer Zeit, in der die wenigsten Frauen lesen und schreiben können, scheut sie sich nicht, wie Judith Mathes formuliert, in »Wespennester« zu stechen, frauenfeindliches Schrifttum und sogar die Frauenfeinde selbst zu attackieren. »Es ist ihr Anliegen«, so Sonja Lenz, »darzulegen, warum das weibliche Geschlecht keine geringere Wertschätzung erfahren sollte als das männliche, vor allem aber das Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein ihrer Leserinnen zu stärken. So versucht sie ihre Zeitgenossinnen darin zu bestärken, sich gegen die Verfehlungen des weiblichen Geschlechts zur Wehr zu setzen, und gibt ihnen zahlreiche Beweisführungen und Argumentationsweisen vor, nennt Beispiele weiblicher Vorbilder, deren Leben und Taten im Gegensatz zum vermittelten Frauenbild stehen.« Die erste Feministin hat man sie deshalb genannt; sicher ist, dass der Gedanke, Frauen müssten eigene Vorstellungen über sich und ihr Leben entwickeln, Christine ihr Leben lang beschäftigt. Von Natur aus, dessen ist Christine sich vollkommen sicher, sind Frauen nicht unterlegen, ihnen werden lediglich nicht die gleichen Chancen eingeräumt:

»(…) wenn es üblich wäre, die kleinen Mädchen eine Schule besuchen und sie im Anschluss daran, genau wie die Söhne, die Wissenschaften erlernen zu lassen, dann würden sie genauso gut lernen und die letzten Feinheiten aller Künste und Wissenschaften ebenso mühelos begreifen wie jene. Zudem gibt es ja solche Frauen (…).«

Die Institution Kirche klagt sie an, die frauenfeindliche Haltung noch zu forcieren, und erinnert daran, dass im frühen Christentum die Mitarbeit der Frauen in der Gemeinde hoch geschätzt war. Wenn einige Männer überzeugt seien, auf die Wohltätigkeit frommer Frauen verzichten zu können, täuschten sie sich.

»In den heiligen Legenden und Geschichten um Jesus Christus und seine Apostel wirst du selten auf Frauentadel stoßen. Ähnliches gilt für die Geschichten der Heiligen; dort findest du viel mehr Beispiele erstaunlicher Standhaftigkeit und unzähliger Tugenden, mit denen Frauen dank der Gnade Gottes gesegnet sind. Oh, wie wohltätig, barmherzig, unerschrocken, wie umsichtig und freundschaftlich handelten die Frauen im Umgang mit den Dienern Gottes! Auch wenn einige Narren männlichen Geschlechts diese als völlig unbedeutend betrachten, so kann doch niemand bestreiten, dass in unserer Religion solche Werke Leitern sind, die in den Himmel führen.«

Am Gefüge der Gesellschaft selbst wollte Christine nicht wirklich etwas ändern, ihr Wunsch war es vielmehr, dass innerhalb der Gesellschaft mehr Vernunft herrsche. Ihr Ideal war nicht die Gleichberechtigung, sondern eine Welt, die von Frauen mitgestaltet und von daher für alle Menschen besser wäre. Christine schrieb für ihre Geschlechtsgenossinnen, um diesen innerhalb ihrer sozialen Grenzen Mut zu machen – und der Erfolg gab ihr recht. Vor dem Hintergrund, dass es Frauen im Mittelalter nicht erlaubt war, sich zu Themen zu äußern, die außerhalb ihres häuslichen Aufgabenbereichs lagen, geschweige denn, sich literarisch zu betätigen, präsentierte sie sich bewusst als schreibende Frau. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte die Visionärin, die 15 Bücher und mehrere hundert Gedichte, Essays und andere Schriften hinterließ, zurückgezogen in einem Kloster bei Paris. Ihr letztes schriftliches Zeugnis ist eine Huldigung an Johanna von Orléans, die als »Jungfrau von Orléans« für ihr Vaterland in die Schlacht gegen England zog und auf dem Scheiterhaufen endete.

»Nach deinem Tode wird ein charaktervoller, weiser Fürst kommen, der aufgrund seiner Vertrautheit mit deinen Werken sich wünschen wird, zu deiner Zeit gelebt und dich mit eigenen Augen erblickt zu haben.«

Die wohl bedeutendste Schriftstellerin des 15. Jahrhunderts starb um 1430 in Poissy. 100 Jahre davor mussten sich Frauen fast ausnahmslos noch hinter Klostermauern verschanzen, um als fromme und spirituelle Frauen schreiben zu dürfen.

»Wenn sie müde werden oder sogar sterben, so macht das nichts aus. Lasst sie im Kindbett sterben, dafür sind sie da.«

(Thomas von Aquin)

Die Schuld Evas

Das Christentum, seit 380 n. Chr. Staatsreligion im Römischen Reich, prägte Denken, Fühlen und Handeln der Menschen aller Schichten. Kirchliche und weltliche Ordnung waren aufs Engste miteinander verwoben. Was »Wesen« und Aufgabenfeld des weiblichen Geschlechts betraf, knüpften die Kleriker an die griechische Philosophie an. So schlich sich im Laufe der Entwicklung der ursprünglich frauenfreundlichen christlichen Lehre nach und nach die Misogynie (Frauenfeindlichkeit) ein, ein Erbe der Antike, speziell der aristotelischen Denkweise. Für Aristoteles (384–322 v. Chr.) waren Frauen einfach nur »verstümmelte Männer« ohne Seele. Die logische Konsequenz: Frauen waren Untergebene. Die alttestamentarische Basis für die mittelalterliche Gesellschaft und ihre Strukturen liefert der jahwistische Schöpfungsbericht:

»Da formte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen. (…) Dann sprach Gott, der Herr: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. (…) Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf über den Menschen fallen, so dass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch. Gott, der Herr, baute aus der Rippe eine Frau und führte sie dem Menschen zu. Und der Mensch sprach: Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie heißen, denn vom Mann ist sie genommen.«

(Gen 2,7.18–23)

Der Schöpfungsbericht prägte das Frauenbild in der jüdisch-christlichen Tradition. Frauen galten als zweitrangig, waren weniger wert und hatten allenfalls als Dienerin des Mannes und als Mutter eine Daseinsberechtigung. Augustinus belegte sie mit Attributen wie »die Ärmsten im Geiste«, »die Einfältigen«, »die gebrechlichen Gefäße«, »die Törichten«, »die Unwissenden und Niedrigen«. Ein frauenfreundlicher zweiter Schöpfungsbericht wurde von den Theologen schlichtweg »übersehen«. Hier ist von keiner Nachrangigkeit der Frau die Rede, sondern von der Gleichheit zwischen Mann und Frau.

»Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich.

Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels,

über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land.

Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn.

Als Mann und Frau schuf er sie.«

(Gen 1,26f.)

Die christliche Idee ging ursprünglich von der Gleichheit zwischen Mann und Frau aus. Jesus von Nazareth übernahm keines der gängigen Vorurteile seiner Zeit; er setzte sich über die Sitten und Konventionen jüdischer Traditionen hinweg. Viele Frauen fühlten sich deshalb von ihm angesprochen, unterstützten ihn materiell und schlossen sich dem Kreis seiner Jünger an.

»In der Folge durchwanderte er nacheinander die Städte und Dörfer, um zu predigen und die Heilsbotschaft vom Reiche Gottes zu verkünden. Es begleiteten ihn die Zwölf und einige Frauen, die von bösen Geistern und Krankheiten geheilt worden waren: Maria mit dem Beinamen Magdalena, aus der sieben Geister ausgefahren waren, Johanna, die Frau des Chusa, eines Verwalters im Dienste des Herodes, nebst Susanna und vielen anderen, die ihnen mit ihrem Vermögen zu Diensten waren.«

(Lk 8,1–3)

Mit seiner Haltung Maria Magdalena gegenüber demonstrierte Jesus sein Missfallen gegenüber der allgemeinen Einstellung, Frauen seien nicht für eine religiöse Ausbildung geeignet. Martha war verärgert, als ihre Schwester sich zu Füßen Jesu setzte, um ihm zuzuhören, statt ihr bei den häuslichen Aufgaben zu helfen, aber Jesus wies Martha sanft zurecht und förderte die Wissbegierde Marias (Lk 10,38–42). Glaubt man der neutestamentarischen Überlieferung, sprach Jesus zu keinem Zeitpunkt geringschätzig über Frauen, er begegnete ihnen – wie auch den Männern – mit großer Unbefangenheit auf Augenhöhe. Er kritisierte die damals durchaus übliche Polygamie und die Scheidungspraxis und verteidigte die eheliche Gleichberechtigung von Mann und Frau. Im Angesicht seiner Passion waren es seine Jüngerinnen, die nicht die Flucht ergriffen; sie folgten ihm zur Richtstätte, blieben bei ihm, als er gekreuzigt wurde, und nahmen Anteil an seinem Schicksal. Sie erfuhren auch als Erste von seiner Auferstehung.

»Jesus aber, da er auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er am ersten der Maria Magdalena, von welcher er sieben Teufel ausgetrieben hatte. Und sie ging hin und verkündigte es denen, die mit ihm gewesen waren, die da Leid trugen und weinten. Und diese, da sie es hörten, dass er lebte und wäre ihr erschienen, glaubten sie nicht.«

(Mt 16,9–11)

Die frühchristlichen Gemeinden hielten zunächst am Grundsatz der Geschlechtergleichheit fest. Dafür gibt es vielfältige Zeugnisse im Neuen Testament. Die Anhängerinnen Jesu schlossen sich der Urgemeinde Jerusalems an. Innerhalb der heiligen Mysterien besaßen sie die gleichen Rechte wie die Männer, sie ordinierten am Altar, sie zogen als Missionarinnen durchs Land, sie starben den Tod als Märtyrerinnen. Sie lösten sich wie Männer aus ihrem Familienverband, weil sie an die unmittelbare Erwartung des Gottesreiches glaubten. Familiäre Beziehungen wurden nebensächlich.

Der eigentliche Begründer der christlichen Kirche ist Paulus, der im Gegensatz zu den Jüngern nicht Juden, sondern Heiden missionierte, die jüdisches Brauchtum (z.B. die Beschneidung) nicht übernehmen wollten. Paulus sah sich, so Gerd Lüdemann in der »Frankfurter Rundschau« (14.8.2010) »vom auferstandenen Jesus persönlich dazu berufen, das Evangelium in die Heidenwelt zu tragen«. Obwohl er selbst Jude war, trug er wesentlich dazu bei, dass die neue Lehre sich schließlich vom Judentum löste und verselbstständigte. Die Lehre von der Erbsünde, der Schuld eines jeden Menschen, und die daraus folgende Heilsbedürftigkeit geht genauso auf ihn zurück wie die Auffassung, Jesu Kreuzestod sei die Sühne für die Sünden der Menschheit. Nur durch die Liebe zu Christus, der sich seinerseits aus Liebe zu den Menschen geopfert habe, und dank der Gnade Gottes könne der Mensch Erlösung finden – nicht durch die Befolgung ritueller Vorschriften, wie es im Judentum üblich war. Auf Paulus geht der Beschluss des Apostelkonzils zurück, dass nicht nur Juden, sondern alle Menschen Christen werden können. An seinen Missionsreisen im Römischen Reich waren Frauen beteiligt: Sie durften predigen und lehren, und sie leiteten die christlichen Gemeinden. In einigen Briefen des Paulus gibt es Hinweise auf Phoebe, Prisca, Thekla, Junia und andere, die sich aktiv an der Christianisierung beteiligten und in den Gemeinden sogar Leitungsfunktionen innehatten. Doch schon bald wendete sich das Blatt. In späteren Paulusbriefen entdeckt man Aussagen, die von Kirchenvätern jahrhundertelang herangezogen wurden, um die Minderwertigkeit der Frau zu untermauern und sie zum Schweigen in der Gemeinde zu verurteilen.

»Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, so wie ihr euch dem Herrn unterordnet. Denn der Mann steht über der Frau, so wie Christus über der Gemeinde steht.«

(Eph 5,22f.)

»Wie es in allen Gemeinden der Heiligen ist, sollen eure Frauen in den Gemeinden schweigen, denn es wird ihnen nicht erlaubt zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie aber etwas lernen wollen, so sollen sie daheim ihre eigenen Männer fragen; denn es ist schändlich für eine Frau, in der Gemeinde zu reden.«

(1 Kor 14,34f.)

Ein sozialer Revolutionär war Paulus nicht, aber auch kein Gegner der Frauen. Mittlerweile gehen Theologen davon aus, dass die Worte »Die Frau schweige in der Gemeinde« nachträglich eingefügt wurden.

Mittelalterliche Theologen leiteten die Minderwertigkeit der Frau aus Bibelstellen ab. Hauptaugenmerk war für sie, dass Eva aus der Rippe Adams und nicht aus seinem Kopf oder seinem Herzen geschaffen worden war. Die wenig wertvolle Rippe gebe Auskunft über die Wertigkeit der Frau als Gespielin und Dienerin des Mannes. Thomas von Aquin (um 1225–1274), einer der bedeutendsten mittelalterlichen Theologen, trieb es auf die Spitze: Er sah in der Frau lediglich die Gehilfin des Mannes, wenn es um die Fortpflanzung ging. Für die Priesterweihe sei sie als »unvollkommener Mann« nicht geeignet.

»Die Frau ist ein Missgriff der Natur (…) mit ihrem Feuchtigkeitsüberschuss und ihrer Untertemperatur körperlich und geistig minderwertiger (…) eine Art verstümmelter, verfehlter, misslungener Mann (…) die volle Verwirklichung der menschlichen Art ist nur der Mann. Der wesentliche Wert der Frau liegt in ihrer Gebärfähigkeit und in ihrem hauswirtschaftlichen Nutzen.«

»Fatal war für das Frauenbild des Mittelalters«, so Helga Unger in ihrer Untersuchung über die Beginenbewegung, »auch die negative Bewertung der Sexualität durch die Kirchenväter. Nach Tertullian, Augustinus und anderen Theologen werden die mit der Sexualität einhergehende Begierde und Lust als Folge des Sündenfalls gesehen.« Das Bild Evas als Verführerin zog die gesamte jüdisch-christliche Tradition hindurch äußerst negative Folgen für die Frau nach sich. Da nach diesem Denkmuster das Böse durch eine sexuelle Handlung in die Welt gekommen war, musste alles, was mit Sexualität zu tun hat, folgerichtig böse und schlecht sein. Deshalb wurden Schönheit, Begierde und Verführung als gefährlich und unheilbringend gedeutet. Frauen, die sich schmückten und selbstbewusst auftraten, wurden als Verführerinnen gesehen, welche die Männer ins Verderben stürzen wollten. Schon bald folgerte man, so Helga Unger, dass »alle Frauen so seien wie Eva und stellte die Gleichung auf: Frau = Sexualität = Böses«. Enthaltsamkeit wurde deshalb eine fundamentale christliche Tugend. Das galt auch für Frauen. Nur durch ein möglichst asketisches, bußfertiges Leben konnten sie ihre Schuld sühnen. Dazu Ulrike Stölting in ihrer umfangreichen Abhandlung über die christliche Mystik: »So wurden Frauen – dies gilt vor allem für die gehobenen Stände – mit einer Fülle von Einschränkungen und Verboten bedacht. Dies ging so weit, dass durch das ganze Mittelalter hindurch selbst von Ehefrauen verlangt wurde, zwar auf Wunsch ihrer Männer ihre eheliche Pflicht zu erfüllen, dabei aber eigene Gefühlsregungen oder gar Liebe gar nicht erst aufkommen zu lassen und diese auf Gott bzw. Jesus Christus zu richten. Diese den Ehefrauen abverlangte primäre Liebe zu Gott ließ die fleischliche Seite ihrer ehelichen Existenz allenfalls als eine Sache erscheinen, die im Gehorsam hinzunehmen und durch Askese zu büßen sei. Dies mag erklären, warum fromme Frauen – Vorbild war die jungfräuliche Mutter Maria – selbst in der Ehe dem höheren Virginitätsideal anhingen.«

Das mittelalterliche Christentum, so Klaus van Eickels, »betrachtete als einzige der drei großen Buchreligionen das sexuelle Begehren als problematischen, wenn möglich zu unterdrückenden Teil der menschlichen Natur«. Im Katholizismus ist das teilweise noch heute der Fall. Der christliche Standpunkt lief darauf hinaus, dass der Mensch sich möglichst wenig sexuell betätigen solle, »am besten überhaupt nicht, da die geschlechtliche Lust wie kaum eine andere Empfindung des Menschen geeignet sei, seinen Verstand und damit den auf Gott hin gerichteten Teil des Menschen auszuschalten«. Wenn überhaupt, war sexuelles Handeln nur in der Ehe erlaubt, einerseits, um den Nachwuchs zu sichern, andererseits, um Unzucht zu vermeiden. Menschen, die nicht enthaltsam leben könnten, sollten also heiraten. Die frauenfeindlichen Ansichten der mittelalterlichen Theologie beeinflussten maßgeblich die rechtliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung der Frau in der patriarchalischen Gesellschaft des Mittelalters.

Und das hatte sich das weibliche Geschlecht – so schallte es unisono aus der Männerwelt – selbst eingebrockt. Denn alles hätte so wunderschön sein können, wäre im Garten Eden nicht diese listige Schlange gewesen, die Eva verspricht, sie werde wie Gott sein und von nun an unterscheiden können, was gut und böse ist, wenn sie die Früchte vom Baum der Erkenntnis esse. Eva ist beeindruckt und greift beherzt zu. Sie überredet Adam, es ihr gleichzutun. Doch der Biss in die Frucht der Erkenntnis geht für beide schlecht aus: Adam und Eva verlieren ihre Unschuld und müssen das Paradies verlassen. Sie werden zu lebenslanger Mühsal verurteilt. Der Mann wird im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen, die Frau unter Schmerzen gebären müssen.

»Die mittelalterliche Ehe war ja nach allen Rechtsquellen ein Unterwerfungsverhältnis, das einem Mann gestattete, seine Frau schlichtweg mit körperlicher Gewalt zu einer gehorsamen Kreatur ohne Eigenwillen zu machen.«

(Peter Dinzelbacher)

Unter der Vorherrschaft des Mannes

Die von Gott geschaffene Ordnung, in der Menschen einen bestimmten, ihnen von Gott zugewiesenen Platz einnehmen, prägte das gesellschaftliche Miteinander im Mittelalter. Wer ausscherte, musste mit Schwierigkeiten rechnen. Eine Heirat aus gegenseitiger Zuneigung war selten; man heiratete aus sozialer Notwendigkeit. In der Praxis verband die Ehe nicht zwei Partner, sondern zwei Familien. Absprachen zwischen den Familienvorständen erfolgten – zumindest im Adel und im gehobenen Bürgertum, aber auch auf dem Lande – oft schon lange, bevor Junge und Mädchen das heiratsfähige Alter erreicht hatten. Bewegung in die archaische Verheiratungspraxis brachte erst das Eindringen christlicher Ehevorstellungen: Die Kirche beharrte seit Ende des 11. Jahrhunderts energisch auf der Notwendigkeit, die gebührende und ordentliche Zustimmung beider Partner einzuholen und diese nicht schon in einem Alter zu verheiraten, in dem ihr Jawort wertlos sei. Bestimmungen des Kirchenrechts forderten die Einwilligung der Braut – sie sollte nicht mehr wie eine willenlose Ware verschachert werden können. Von da an war der Schritt zur Einsicht nicht mehr weit, dass eine Ehe nicht zwischen Familien, sondern zwischen Braut und Bräutigam geschlossen werde. Die gewaltvolle Aneignung von Frauen trat in der Folge nicht mehr so oft in Erscheinung. Doch um die Zustimmung der Familien zur Ehe zu erzwingen, wurden Frauen weiterhin entführt. Ihr Schweigen – was sollten sie auch anderes tun – deutete man als schüchterne Zustimmung. Der primäre Zweck der Ehe war die Zeugung von Nachkommenschaft, so dass meist eine große Zahl von Schwangerschaften und Geburten sowie die damit einhergehenden gesundheitlichen Probleme und oft ein früher Tod das Los der Frauen war. Eine Perspektive, die dazu führte, dass nicht wenige Frauen die Ehe ablehnten und sich der ehelichen Rolle verweigerten. Der einzige Weg, der ihnen dabei offenstand, führte direkt in ein Kloster. Nur dort konnten sie dem Los zahlloser Schwangerschaften entgehen.

Mit der Trauung ging die Braut aus der Munt (Schutzherrschaft) des Vaters in die des Ehemannes über. Mit Unterstützung der Kirche wurde jahrhundertelang nicht an der Dominanz des Mannes gerüttelt. Das galt selbst für bäuerliche Haushalte, in denen Frauen sich genauso schwer abplagten wie ihre Männer, um den Lebensunterhalt zu sichern. Allerdings war ihre Mitarbeit so bedeutend, dass ihnen zumindest eine gewisse Achtung entgegengebracht wurde. Ähnlich verhielt es sich bei den Handwerkerfrauen, die ihren Männern wie selbstverständlich in der Werkstatt zur Seite standen. »Das weltliche Modell der Ehe im Mittelalter zielte«, so Klaus van Eickels, »auf die Ehe als Wirtschafts- und Fortpflanzungsgemeinschaft«.

Um die Bildung von Frauen war es im Mittelalter nicht gerade gut bestellt. Mädchen erhielten, wenn sie nicht gerade adliger Abstammung waren und ihnen Privatunterricht erteilt wurde, keine geistige Ausbildung. Das mittelalterliche Bildungssystem basierte auf der lateinischen Sprache und war eng mit den Inhalten und Lehren der Kirche verbunden. Es war hauptsächlich Männern vorbehalten. Die wenigen gebildeten Frauen fanden sich vorwiegend in kirchlichen Kreisen.

»Sorge dafür, dass er (der Junge) mit sechs oder sieben lesen lernt, und lass ihn entweder studieren oder das Gewerbe erlernen, das ihm die meiste Freude macht. Handelt es sich um ein Mädchen, so setze sie in die Küche und nicht hinter das Lesebuch, denn es schickt sich nicht für Mädchen, lesen zu lernen, es sei denn, du willst, dass sie eine Nonne wird.«

So wie hier der italienische Kaufmann Paolo da Certaldo im 14. Jahrhundert seine Meinung über die Erziehung von Mädchen kundtat, konnte er sich der Zustimmung seiner männlichen Zeitgenossen sicher sein. Den Mädchen sollte man – so waren ihre Väter und Mütter im Mittelalter sich einig – von Beginn an die einzig wahre Tugend einprägen: den absoluten Gehorsam gegenüber den Eltern und dem zukünftigen Gatten. Mit Ausnahme der zukünftigen Nonnen wäre es – so die Meinung führender Geistlicher – nicht notwendig, Mädchen im Lesen und Schreiben zu unterrichten, denn zahlreiche Übel entstünden, wenn Frauen gebildet seien. Dagegen wäre die Unterweisung im Nähen und Weben auch für reiche Mädchen wünschenswert. Information und Wissen nein, Handarbeit ja.

»Vom zartesten Alter an spinnen, weben, nähen und sticken sie pausenlos; sie haben umso weniger Zeit zum Spielen, Lachen und Tanzen, je wohlgeborener sie sind und je mehr sie auf ihre Ehre bedacht sein müssen. Sogar Adelstöchter beschäftigen von daher ihre Hände und ihren flatterhaften Verstand mit feinen Stickereien auf Messgewändern oder Altardecken: sie erlangen wenigstens Ablass auf das Fegefeuer als Lohn ihrer endlosen Arbeit.«

(Christiane Klapisch-Zuber)

Das Mittelalter war eine strenge Ständegesellschaft. Wer von niederem Stand war, arm und ohne mächtige bzw. wohlhabende Verwandte, dem blieb ein Aufstieg zumeist versagt. Minderbemittelte alleinstehende Frauen und Witwen hatten es schwer, sich durchs Leben zu schlagen. Ihnen blieb oft nichts anderes übrig, als sich als Marketenderin zu verdingen. Frauen vom Land arbeiteten zumeist in Schankwirtschaften oder als Magd oder Prostituierte. Frauen aus adligem Haushalt konnten als Erzieherin oder Kammerjungfer ein kümmerliches »Auskommen« finden. In den Städten, die sich seit dem 12. Jahrhundert rasant entwickelten, war die berufstätige Frau keine Besonderheit mehr. Frauen konnten sich z.B. als Handwerkerinnen, Kauffrauen, weise Frauen, als Hebammen und »Ärztinnen« betätigten. Sie hatten allerdings keinen Zugang zu den Universitäten und mussten sich ihr Wissen selbst aneignen. Berufstätige Frauen, etwa Handwerkerinnen, waren teilweise auch Mitglied in den entsprechenden Zünften. Frauen, die in frauenspezifischen Berufen arbeiteten, z.B. im Textilbereich, gründeten sogar eigene Zünfte. Im Früh- und Hochmittelalter war es durchaus üblich, dass unverheiratete Frauen als Händlerinnen ihr Brot verdienten. In Frankfurt beispielsweise hat man für das Mittelalter 65 Frauenberufe gezählt, darunter auch so männliche Handwerke wie das des Dachdeckers oder Schmiedes (aus: Die Stellung der Frau, in: DIE ZEIT, 19.10.1990). Da nicht alle Handwerkerinnen den Betrieb ihres verstorbenen Mannes übernehmen konnten und nur wenige Lehrmädchen das notwendige Kapital für einen eigenen Betrieb hatten, verkauften viele Frauen ihre Arbeitskraft als Lohn- oder Hilfsarbeiterinnen. Sie konnten jederzeit entlassen werden und wurden noch schlechter bezahlt als Männer. In der fest gefügten Gesellschaft des Mittelalters hatten sie wenig Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Lebenssituation. Obwohl die patriarchalische Gesellschaft Frauen extrem unterdrückte, schafften es immer wieder starke, mutige Frauen, sich aus dieser Vorherrschaft zu befreien und Schritte in Richtung Emanzipation zu gehen.

Trotula beispielsweise, die erste große Ärztin des Mittelalters, stammte aus einer vornehmen Medizinerfamilie und war mit dem Arzt Plaetarius Johannes verheiratet. Beide lebten im 11. Jahrhundert in Salerno, das damals für seine medizinische Schule bekannt war. Trotula verfasste das gynäkologische Lehrbuch »De passionibus mulierum« über Frauenleiden, das in der Frauenheilkunde lange Zeit als Standardwerk galt. Mit ihrer medizinischen Lehre verstieß die selbstbewusste Frau in vielfältiger Hinsicht offen gegen die Auffassung der Kirche. So vertrat sie die Ansicht, dass die Kinderlosigkeit einer Frau in bestimmten Fällen auch auf gesundheitliche Probleme des Mannes zurückgeführt werden könne. In damaliger Zeit ein absoluter Affront, der Diffamierungen der Ärztin zur Folge hatte. Darüber hinaus setzte sie sich dafür ein, dass Frauen bei der Geburt schmerzstillende Mittel bekämen. Die kirchliche Doktrin dagegen beharrte strikt darauf, dass Frauen bei der Geburt zu leiden hätten – als Strafe für den Sündenfall. Trotula scherte sich nicht um die Meinung der Männerwelt und ging zielstrebig ihren Weg – an ihrer Seite ein Mann, der sie voll und ganz unterstützte. Auch unter den weisen Frauen, die auf Märkten ihre Salben und Tinkturen verkauften, gab es einige geschäftstüchtige Baderinnen. Sie zogen von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt und waren meist hoch geachtet. Für Frauen jedenfalls waren sie die einzigen Ansprechpartnerinnen, wenn es um gesundheitliche Probleme ging.

Frauen, die dem Adelsstand angehörten, hatten kaum Chancen auf eine Berufstätigkeit. Sie waren in die Familie eingebunden und für die Erziehung der Kinder und die Führung des Haushaltes, zu dem Personal gehörte, verantwortlich. Einige schafften es, auf der politischen Ebene Einfluss zu nehmen, etwa Theophanu (gest. 991), die nach dem Tod ihres Ehemannes Otto II. Regentin wurde. Als Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches betrieb Theophanu eine kluge Machtpolitik. Auch Eleonore von Aquitanien (geb. um 1120), die in zweiter Ehe mit dem König von England verheiratet war, übte in Abwesenheit ihres Sohnes Richard Löwenherz die Regierungsgeschäfte aus – und auch das mit Erfolg. Gleiches galt für Blanche von Kastilien (geb. 1188), die als Königin von Frankreich weitreichenden Einfluss geltend machte. Doch diese »politische« Tätigkeit bzw. Einflussnahme war nur den wenigsten Frauen von Adel vergönnt. Blieben sie ehelos, war der Weg in ein Kloster oft die einzige Alternative. Viele Frauen, die im Mittelalter als fromme Frauen lebten, um dem »Gefängnis« Ehe zu entkommen oder weil sie keine andere Möglichkeit hatten, blieben nicht tatenlos. Sie nutzten ihre Einflussmöglichkeiten. Auch Mystikerinnen – die in diesem Buch vorgestellt werden – brachen aus den vorgeschriebenen gesellschaftlichen Bahnen aus und leisteten Großes für die Nachwelt.

Fromme Frauen im Frühchristentum

Wer nach den Ursachen für die Frauenfeindlichkeit sucht, muss bis an die Anfänge des Christentums zurückkehren, zum Teil sogar noch weiter zurück. Eine der Wurzeln ist sicher, so die katholische Theologin Anastasia Bernet, »der Raum und die Zeit, in der das Christentum entstand«. Die spätantike Gesellschaft des Römischen Reiches war durch und durch patriarchalischorganisiert. Die junge Kirche entwickelte sich in diesen Strukturen und, so Anastasia Bernet, »glaubte sich veranlasst, sich an das bestehende System anpassen und mit den Machthabern arrangieren zu müssen. So lässt sich anhand der neutestamentarischen Briefliteratur gut erkennen, wie das römische Herrschaftsmodell bereits in den ersten christlichen Generationen auf die innerkirchliche Organisationsstruktur übertragen wurde«. Eine der Folgen für Frauen bestand darin, dass ihre aktive Mitarbeit in den christlichen Urgemeinden zusehends eingeschränkt wurde. Die Botschaft Jesu, der Frauen gleichermaßen in seine Nachfolge berief, geriet in Vergessenheit. Der Verdrängung und Unterdrückung von Frauen wirkte man nicht entgegen, sondern förderte sie sogar. Obwohl Jesus den Aufzeichnungen zufolge auch in Frauenfragen durchaus fortschrittlich dachte, wurden Frauen, die öffentlich auftraten und Verantwortung übernahmen, zusehends in Sekten abgedrängt. Ob Gemeindeleiterin, Missionarin oder Märtyrerin: In der späteren Zeit des Christentums hören wir nichts mehr von ihnen. In der katholischen Kirche sind Frauen bis heute amtsunwürdig. Dazu Anastasia Bernet: »Bis heute sind Frauen aufgrund einer von Männern festgelegten Tradition und Kirchenstruktur von Entscheidungs- und Leitungspositionen ausgeschlossen.«

In den ersten drei Jahrhunderten wurden Christen in unregelmäßigen Wellen verfolgt. Das hörte erst auf, als die Kaiser Konstantin und Licinius 313 das Christentum unter ihren Schutz stellten. Römische Kaiser nährten das Christentum, und einige Bischofskonzile wurden im 4. Jahrhundert abgehalten, um Lehrstreitigkeiten ins Reine zu bringen und Verhaltensregeln festzulegen. Konstantins Aktivitäten brachten ihm die Unterstützung der Kirche ein, was schließlich in ihrer kaiserlichen Legitimation endete. Der christliche Glaube fand viele Anhänger und wurde im gesamten Mittelmeerraum zur vorherrschenden Religion, aber deren Charakter verkehrte sich für die Frauen bald ins Negative. Die institutionalisierte Kirche wurde mehr und mehr ein Machtinstrument; sie löste sich von ihrem Begründer. Doktrinelle Aspekte waren vorrangig, und Uneinigkeiten zwischen den Schulen wurden als Konflikte zwischen Orthodoxie und Häresie ausgetragen. Die wohl bemerkenswerteste Konfrontation gab es zwischen der orthodoxen Trinitätslehre und dem Arianismus. Das Konzil von Nicäa verurteilte 325 den Arianismus, und unter der Regierung des Kaisers Theodosius I. (378–395) wurde erlaubt, diesen mit dem Bann zu belegen. In einem Brief des Arius an Eusebius von Nikomedia, Patriarch von Konstantinopel (339–342), heißt es: »Wir werden verfolgt, weil wir sagen, dass der Sohn einen Anfang hat, aber Gott ohne Anfang ist.« Das Konzil von Nicäa formulierte das Nicäische Glaubensbekenntnis, das noch heute bei der römisch-katholischen, orthodoxen und anglikanischen Kirche Bestand hat und auch in einigen protestantischen Richtungen.

»Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt. Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater (…).«

Die nicäische Christenheit spaltete sich, was die Teilung des römischen Imperiums in ein West- und Ostreich spiegelt. Für die Westchristen war der Papst in Rom die Autorität, er selbst beanspruchte diese über alle Christen und bezeichnete den Glauben als katholisch (universell). Die Ostchristen lehnten einen derartigen Anspruch ab und sahen im byzantinischen Herrscher und den Patriarchen von Konstantinopel ihre Autorität. Diese Teilung zwischen Katholiken und den östlichen orthodoxen Christen entwickelte sich über mehrere Jahrhunderte, doch das Jahr 1054 gilt gemeinhin als Datum für das Schisma zwischen West und Ost. Papst Leo IX. (1049–1054) und Patriarch Michael Cerularius (1043–1058) exkommunizierten sich gegenseitig.

In der frühen Phase des Christentums gingen Gläubige für ihre Religion in den Tod. Unter ihnen auch Frauen, wie beispielsweise Katha