Reiner Bahr

Igel-Kinder

Kinder und Jugendliche mit Asperger-Syndrom verstehen

Patmos Verlag

INHALT

Einleitung

1. Das Asperger-Syndrom – eine Form des Autismus

Wie Hans Asperger das Syndrom beschrieb

Merkmale des Asperger-Syndroms aus heutiger Sicht

Ursachen und Häufigkeit des Asperger-Syndroms

Die Folgen des Asperger-Syndroms für die kindliche Entwicklung

2. Das Asperger-Syndrom im Kleinkind- und Vorschulalter – frühe Diagnostik und Förderung

Was bereits im Kleinkindalter auffällig ist

Spiel, Kommunikation und Kontakt im Kindergarten fördern

Pädagogische und therapeutische Ansätze

Was Eltern tun können

3.  Das Asperger-Syndrom im Schulalter

Welche Schulformen infrage kommen

CLASS – eine Checkliste für die Schule

Wie man einen individuellen Förderplan erstellt

Was in der Klasse und im Unterricht wichtig ist

Wie Eltern ihre Kinder unterstützen können

4. Den ganzen Menschen sehen – eine pädagogische Perspektive

Gleich und doch verschieden

Erziehung – Begegnung mit dem anderen

Ausblick: Niemand ist vollkommen

Anhang

Anmerkungen

Literatur

»Man muss nicht behindert sein,

um anders zu sein, denn jeder ist anders.«

DANIEL TAMMET, ELF IST FREUNDLICH UND FÜNF IST LAUT.

EIN GENIALER AUTIST ERKLÄRT SEINE WELT

Einleitung

Dieses Buch handelt von Kindern und Jugendlichen, die durch eine ganz eigene Art des Kontakts auffallen. Sie haben das Asperger-Syndrom, eine Störung aus dem autistischen Spektrum. Nach nun mehr als 25-jähriger Tätigkeit in verschiedenen Einrichtungen arbeite ich als Leiter einer Förderschule für Jungen und Mädchen mit Sprach- und Kommunikationsbeeinträchtigungen. Jeden Tag begegnen mir dort Kinder und Jugendliche, die vom Asperger-Syndrom betroffen sind, und jede dieser Begegnungen ist eine neue Herausforderung für mich. Bevor ich Schulleiter wurde, habe ich als Sprachtherapeut mit Kindern im Kindergartenalter und danach viele Jahre als Förderschullehrer mit Kindern im Grundschulalter gearbeitet. Heute stelle ich fest: Im Laufe meiner Berufsjahre ist mir in allen Tätigkeitsfeldern die persönliche Begegnung mit dem Einzelnen und das Verstehen seiner persönlichen Befindlichkeit immer wichtiger geworden. Einfühlung oder, wie es in der Pädagogik und Psychologie heißt: Empathie ist eine entscheidende Voraussetzung für erfolgreiches Arbeiten in pädagogischen Einrichtungen.

Menschen mit Asperger-Syndrom sind oft bereits im Kindergarten auffällig. Später besuchen sie die verschiedensten Schulformen, darunter auch Förderschulen für Menschen mit sprachlichen Beeinträchtigungen (»Sprachheilschulen«). Dies erscheint zunächst erstaunlich, denn sie können oftmals sehr gut sprechen. Aber bei ihnen besteht eine Kommunikationsbehinderung, also eine Beeinträchtigung des Sprachgebrauchs im Zusammensein mit anderen. Obwohl es wünschenswert wäre, können manche Kinder und Jugendliche mit Asperger-Syndrom unter den Bedingungen der Regelschule nicht gut lernen, sodass sie in eine Förderschule geschickt werden. Hier lernen sie dann unter besonderen Bedingungen und können – sofern die Voraussetzungen gegeben sind – einen normalen Schulabschluss machen oder nach einer gewissen Zeit auch wieder in ihre ursprüngliche Schule zurückkehren.

Als ich Kindern und Jugendlichen mit Asperger-Syndrom erstmals begegnete, wurden sie zumeist als Asperger-Autisten bezeichnet. Die ersten Kontakte ließen Zweifel in mir aufkommen, ob der Begriff »Autismus« in diesem Zusammenhang wirklich passend ist. »Autismus« kommt vom griechischen »autos«, d. h. »selbst«, und steht gemeinhin für Selbstbezogenheit und für größte Schwierigkeiten, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Ich begegnete aber Menschen, die sich von mir ansprechen ließen, die willig meine Fragen beantworteten, die in der Schule manchmal sogar wichtige Stützen des Unterrichts waren, weil sie mit ihren wortgewandten Beiträgen manchen Denkanstoß gaben. Das sollten »Autisten« sein? Auffällig war aber, dass viele Mitschülerinnen und Mitschüler diese Jungen und Mädchen wegen ihrer zahlreichen Redebeiträge nicht schätzten oder sogar offen ablehnten. Es fiel so mancher Kommentar, wie etwa: »David, sei doch endlich still«, oder: »Kann die nicht endlich mal den Mund halten?« Mit anderen Worten: Die Schülerinnen und Schüler mit Asperger-Syndrom nahmen sehr wohl am Unterrichtsgeschehen teil, ihre zahlreichen Wortbeiträge fanden in der Klasse aber oftmals keine Resonanz, sodass sie in gewisser Weise isoliert blieben.

Bei meinen Recherchen über das Asperger-Syndrom stieß ich schon bald auf den Originaltext von Hans Asperger, in dem er 1944 erstmals ausführlich das später nach ihm benannte Syndrom beschrieb. So wurde mir schnell klar, warum dieses Störungsbild eben doch eine Form des Autismus ist. Ich werde den Originaltext im folgenden Kapitel zunächst vorstellen und danach aufzeigen, wie das Asperger-Syndrom heute gesehen wird. Es geht mir dabei nicht um wissenschaftliche Vollständigkeit, sondern darum, allen, die mit dem Asperger-Syndrom zu tun haben, eine Orientierung zu geben, ob sie nun im Kindergarten, in der Schule, in einer Beratungsstelle oder in einer anderen Einrichtung arbeiten oder ob sie Eltern eines betroffenen Kindes sind. Wichtig für die Orientierung erscheint mir auch, Abgrenzungen zu den anderen Auffälligkeiten des autistischen Spektrums vorzunehmen.

Einen Schwerpunkt des Buches bilden die Praxis-Kapitel zum Umgang mit den Kindern und Jugendlichen, in denen ich ihre typischen Verhaltensweisen aufzeigen werde. Zentraler Gedanke wird dabei sein, die Kommunikation mit ihnen und für sie möglich zu machen, denn darum geht es beim Asperger-Syndrom ganz besonders: mit Menschen in Kontakt zu treten, denen genau dies von früher Kindheit an schwerfällt. Ich werde Hilfen aufzeigen, die so früh wie möglich dazu beitragen sollen, den Kindern einen Weg in die Gemeinschaft zu ebnen. Des Weiteren möchte ich zeigen, wie sie die Schule meistern können und dass es bei aller Anstrengung gewinnbringend ist, mit ihnen zu arbeiten. Hierbei gibt es aber nichts zu beschönigen, denn Kinder und Jugendliche mit Asperger-Syndrom sind mit ihrem eigenwilligen Verhalten letztlich immer auch eine Herausforderung für jeden, der mit ihnen zu tun hat. Sie sind in gewisser Weise »stachelige Einzelgänger«, eben »Igel-Kinder«, an die man nicht so einfach herankommt. Damit dies trotzdem gelingt, bedarf es einer pädagogischen Grundhaltung, die von Akzeptanz, Wertschätzung und dem Willen zur Ermutigung getragen ist.

Wer sich auf die Gefühls- und Gedankenwelt der Betroffenen einlässt, wird vermutlich nicht selten bei sich selbst feststellen, dass ihm die eine oder andere Erfahrung der Kinder und Jugendlichen mit Asperger-Syndrom bekannt vorkommt: Wie war das in meiner eigenen Kindheit und Jugend, wenn ich nicht verstanden wurde, wenn ich einfach nur meine Ruhe haben und mich einigeln wollte oder wenn es mir schlichtweg auf die Nerven ging, dass andere immer besser wissen wollten, was für mich gut sein sollte? Es geht also darum, Parallelen zu den eigenen Empfindungen und Erfahrungen herzustellen. Ich bin der Überzeugung, dass es durch den Bezug auf sich selbst einfacher wird, die Betroffenen zu verstehen. Denn wenn die persönlichen Empfindungen angesprochen werden, wird damit die Innenseite eines Menschen in den Blick gerückt, also das, was hinter dem auffälligen Verhalten liegt, das wir immer zuerst wahrnehmen.

Ich halte die Berücksichtigung dieser Innenseite für sehr wichtig. Dennoch werden wir oft auf der Ebene des äußerlich sichtbaren Verhaltens ansetzen müssen, um die betroffenen Kinder und Jugendlichen zu fördern. Und das ist auch nötig, denn es fehlt ihnen an Verhaltensalternativen. Das Asperger-Syndrom ist keine bloße Variante des Verhaltens, mit der man so einfach fertigwerden kann. Eltern und Erziehende stehen in der Pflicht, den Kindern und Jugendlichen dabei zu helfen, sich weiterzuentwickeln, damit sie ihr Leben so selbstbestimmt wie möglich gestalten können. Wir befinden uns dabei stets in einem Spannungsfeld zwischen Akzeptanz auf der einen und Unterstützungsbedarf auf der anderen Seite. Wenn wir dieses Spannungsfeld erkennen und lernen, uns sicher darin zu bewegen, ist die Begegnung mit den Betroffenen spannend und durchaus bereichernd. Schließlich liegt darin stets auch die Chance zu einer Begegnung mit sich selbst.

1. Das Asperger-Syndrom – eine Form des Autismus

Wie Hans Asperger das Syndrom beschrieb

Hans Asperger lebte von 1906 bis 1980 und war ein österreichischer Kinderarzt. Nach seinen Anfangsjahren an den Universitäts-Kinderkliniken in Wien und Innsbruck wurde er in den letzten Jahren seiner Berufstätigkeit ab 1962 Professor für Kinderheilkunde und Leiter der Universitäts-Kinderklinik in Wien. Der Aufsatz, in dem er erstmals das später nach ihm benannte Asperger-Syndrom ausführlich beschrieb, erschien 1944 in der Zeitschrift Archiv für Psychiatrie und Nervenheilkunde und umfasste 60 Seiten. Sein Titel: »Die ›autistischen Psychopathen‹ im Kindesalter«1. Davor hatte Asperger den Begriff »autistische Psychopathen« bereits 1938 einmal in einem Aufsatz über das »psychisch abnorme Kind« erwähnt, und die russische Professorin für Kinderpsychiatrie Grunja Ssucharewa aus Moskau hatte schon im Jahr 1926 Kinder beschrieben, die heute als »Asperger-Autisten« bezeichnet würden.2 Etwa zur gleichen Zeit wie Hans Asperger beschrieb der Kinderpsychiater Leo Kanner in den USA ebenfalls Kinder mit autistischen Symptomen.3

Nun war der Informationsfluss und Datenaustausch in den Zeiten vor der Erfindung des Internets erheblich schwerfälliger als heute, und so blieben die beiden Störungsbilder – der Autismus nach Asperger und der Autismus nach Kanner – lange Zeit nur der Fachwelt bekannt. Da Asperger auf Deutsch schrieb, war es für ihn überdies schwierig, international beachtet zu werden. Erst in den sechziger und siebziger Jahren stellte der Niederländer D. A. van Krevelen in mehreren auf Englisch verfassten Beiträgen die beiden Varianten des Autismus einander gegenüber.4 Richtig bekannt wurde das von Asperger beschriebene Störungsbild aber erst, als die Psychiaterin Lorna Wing, selbst Mutter eines autistischen Kindes, in England eine klinische Studie veröffentlichte, in der sie 34 Fälle beschrieb. Diese Studie aus dem Jahr 1981 trug den Titel »Asperger’s syndrome«. Erst von nun an, also ein Jahr nach dem Tod Hans Aspergers, wurde international vom Asperger-Syndrom gesprochen.

Als Hans Asperger seine Erstbeschreibung vorlegte, bezeichnete er das Störungsbild als »autistische Psychopathie«. Wesensmerkmal dieser Auffälligkeit sei eine »Einengung der Beziehungen«, eine »Störung der sozialen Einordnung«, wobei die Betroffenen aber nicht im Zentrum der Persönlichkeit gestört seien, so wie dies bei Menschen mit Schizophrenie der Fall ist. Menschen mit »autistischer Psychopathie« haben den Kontakt zur Wirklichkeit nicht vollends verloren.

Asperger beschrieb sein Syndrom anschaulich und beispielhaft anhand von vier Fallstudien, sämtlich an Jungen. Sie waren bei der Erstuntersuchung in der Klinik 6, 7, 8 und 11 Jahre alt. Alle wurden von der Schule zur Untersuchung geschickt, weil sie sich dort nicht einordnen konnten bzw. als »unbeschulbar« galten. Insgesamt hat Asperger im Verlauf von 10 Jahren mehr als 200 Kinder beobachtet, anhand derer er zu seiner Beschreibung kam. Er betonte, dass die einzelnen Kinder zwar gleiche Auffälligkeiten hatten, also einen »Typus« darstellten, dass diese Auffälligkeiten aber keinesfalls gleich stark ausgeprägt waren. Auch waren die Kinder sehr unterschiedlich intelligent. Asperger sah den von ihm beschriebenen Autismus als eine anlagemäßig vorhandene Störung an, als eine Störung also, die das Kind bereits mit auf die Welt bringt, mit einer starken erbbiologischen Komponente. Er nahm damit eine Abgrenzung zu erworbenen Störungen des Gehirns vor, stellte aber heraus, dass die Auffälligkeiten autistischer Kinder durchaus sehr ähnlich wie die von Kindern mit Hirnschädigungen sein können. Dies zeigte er an seinem vierten Fallbeispiel, dem des 11-jährigen Jungen.

Was ist nun das Typische am Autismus, wie Asperger ihn beschrieb? Zusammenfassend, stellte er neun zentrale Merkmale heraus, nämlich

Was bedeutet das im Einzelnen?

Dauerhaftigkeit

Der Autismus wird schon im Kleinkindalter erstmals erkennbar und besteht bis ins Erwachsenenalter fort.

Gestörter Kontakt

Auffällig sind der ins Leere gehende Blick und die Unfähigkeit, gemeinsam mit einer Bezugsperson die Aufmerksamkeit auf eine Sache zu richten. Dennoch beobachten die Betroffenen sich selbst und andere genau. Hans Asperger erklärt das mit dem für Autisten typischen Abstand von den Dingen, der ihnen dazu verhilft, vieles besonders intensiv wahrnehmen zu können.

Sprachliche Besonderheiten

Auch die Sprache, das Sprechen und die Stimme sind auffällig, aber keinesfalls bei jedem Autisten gleich: Die Stimme ist manchmal eher leise, manchmal aber auch schrill und unangepasst laut; das Sprechen kann monoton oder übertrieben betont sein. Es geht oft am Gesprächspartner vorbei.

Der Inhalt der Sprache ist durchaus originell. So werden z. B. ungewöhnliche Wörter benutzt, die sonst im Kindesalter nicht oder noch nicht vorkommen oder komplette Erfindungen sind. Asperger gibt dazu einige anschauliche Beispiele:

Asperger erklärt solche eigenwilligen Ausdrücke mit der Originalität des Erlebens der Autisten. Eine große Erschwernis im sprachlichen Kontakt ergibt sich schließlich auch daraus, dass die Kinder Humor nicht im üblichen Sinne verstehen können. Des Weiteren fehlt es an Gesichtsausdruck (Mimik) und an Ausdrucksbewegungen (Gestik).

Schulische Lernstörungen

Die Eigenwilligkeit der Weltauffassung bedingt, dass die betroffenen Kinder in der Schule nicht auf die Art und Weise lernen, wie es im Allgemeinen von ihnen erwartet wird. Sie wählen oft originelle Wege beim Lernen des Lesens, des Rechtschreibens und des Rechnens. Zwar lernen einige Autisten dies alles sehr schnell, ihr Hang zur Originalität führt jedoch nicht selten zu schulischen Konflikten und in der Folge zu Lernstörungen.

Motorische Ungeschicklichkeit

Motorische Ungeschicklichkeiten zeigen sich schon früh, z. B. dadurch, dass die Kinder verspätet zu laufen beginnen. In der Schule kann das Erlernen der Schreibmotorik für die Betroffenen zur Qual werden, sodass sie darauf mit Ablehnung und Aggressivität reagieren.

Disziplinschwierigkeiten

Autisten haben aufgrund ihres besonderen Verhaltens von klein auf Konflikte im Umgang mit anderen. Asperger bezeichnet sie als spontan, impulsiv und »negativistisch«. Für ihre Eltern und, soweit vorhanden, Geschwister ist es schwierig zu verstehen, dass die »Igel-Kinder« sich isolieren und selbst die alltäglichsten Dinge (z. B. das Waschen und Anziehen) nicht oder nur auf die ihnen eigene Art und Weise verrichten wollen. Da die Kinder oft motorisch ungeschickt sind und nicht einfach nachahmen können, müssen sie Selbstverständliches mühsam durch den Verstand und durch Regeln lernen. So kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den Eltern, bei denen die Kinder dann aggressiv reagieren können.

Ungehorsam wird von den Bezugspersonen als Respektlosigkeit interpretiert; das Umfeld versteht nicht, dass die Kinder sich schlichtweg nicht in andere Personen einfühlen können. Andere sind für sie manchmal mehr wie eine Sache, die sie meinen, einfach anfassen zu können. Sie verhalten sich distanzlos und verursachen dadurch immer wieder Zurechtweisungen, die sie aber nicht verstehen können.

Stereotypien und Sammelleidenschaft

Stereotypien sind einfache, andauernde Wiederholungen. Asperger beschreibt dies so: »Die Beschäftigung der autistischen Kleinkinder ist oft ein ganz stereotypes Hantieren, manchmal einfachste Bewegungsstereotypien, etwa rhythmisches Wackeln, ein stundenlanges einförmiges Spielen mit einem Schuhband, mit einem bestimmten Spielzeug […]; die Kinder klopfen und schlagen und genießen sichtlich den Rhythmus, sie bilden mit ihrem Spielzeug Reihen, z. B. ordnen die Bausteine, statt mit ihnen wirklich zu bauen, nach Farben, Formen oder nach Größe oder nach anderen unerfindlichen Gesetzen.«6

Des Weiteren berichtet Asperger von der Sammelleidenschaft vieler Menschen mit Autismus. Dieses Sammeln, z. B. von Streichholzschachteln oder Bindfäden, geschieht um des Sammelns willen, um die Dinge zu besitzen oder sie immer wieder neu zu ordnen, aber nicht, um kreativ damit umzugehen.

Überempfindlichkeiten und/oder krasse Unempfindlichkeiten

Asperger fand heraus, dass die Empfindungen seiner jungen Patienten sehr übersteigert sein können. So beobachtete er häufig eine besondere Vorliebe für stark saure oder gewürzte Speisen, aber auch eine nicht zu überwindende Abneigung gegen Gemüse und Milchspeisen. Ähnlich steht es mit dem Tastsinn: Bestimmte Berührungsempfindungen, wie etwa bei Watte, Samt oder Seide, können unerträglich sein, genauso wie das Schneiden der Fingernägel und anderes. Auch das Gehör kann in einzelnen Situationen äußerst überempfindlich sein, manchmal scheinen die Kinder den Lärm um sich herum aber gar nicht wahrzunehmen.

Disharmonisches Gefühlsleben

Die starke Aufmerksamkeit für Gegenstände könnte schnell zu dem Trugschluss führen, die Kinder wären zu intensiven Gefühlen für Lebendiges kaum in der Lage. Das ist aber, so Asperger, nicht der Fall. In seiner Klinik beobachtete er gerade bei den Autisten intensivste Heimwehreaktionen oder die rührende Pflege von Haustieren. Das Gefühlsleben scheint sehr widersprüchlich zu sein. Die Kinder fühlen sich sehr intensiv an ihre nächsten Bezugspersonen gebunden, wenn sie von diesen entfernt sind. Sie zeigen diese Gefühle aber nicht, wenn sie mit ihnen zusammen sind. Somit sind die Kinder keinesfalls »gefühlsarm«, sondern es besteht eine »Disharmonie an Gefühl«7.

Da aus heutiger Sicht die Frage der Intelligenz ein wichtiges Kriterium für die Abgrenzung zum frühkindlichen Autismus nach Kanner ist, möchte ich auf Aspergers Sicht dazu noch etwas näher eingehen. Asperger hatte keinesfalls ausschließlich durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligente Kinder und Jugendliche im Blick. So heißt es in seiner Fallbeschreibung über den 7-jährigen Ernst K.: »So gut manche seiner Bemerkungen klangen und so treffend sie tatsächlich manchmal waren, so sprach doch aus seinem ganzen Verhalten eine derartige Störung der Anpassung an die Anforderungen der Welt, dass man sich von vornherein keine guten Intelligenzleistungen erwartete. Das traf denn auch zu.«8 Da die »autistischen Psychopathen« ihrer eigenen Logik folgen, ist die Durchführung eines regulären Intelligenztests mit ihnen schwierig. Auch werden die Tests nicht unbedingt der Persönlichkeit gerecht. Der Intelligenzquotient (IQ-Wert) war jedenfalls für Asperger kein eindeutiges Kriterium für das von ihm beschriebene Syndrom.

Im folgenden Abschnitt wird das Asperger-Syndrom aus heutiger Sicht vorgestellt. Dabei wird sich zeigen, dass es einige Veränderungen in der Sichtweise seit der ausführlichen Erstbeschreibung im Jahr 1944 gibt.

Merkmale des Asperger-Syndroms aus heutiger Sicht

Hans Asperger war der Meinung, dass man die »autistischen Psychopathen« relativ leicht und eindeutig erkennen könnte, wenn man die typischen Symptome nur richtig beobachten würde. Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat die Forschung verschiedene Schwerpunkte bei der Einschätzung des Störungsbildes gesetzt, und der von Asperger beschriebene Autismus wurde immer deutlicher vom frühkindlichen Autismus nach Kanner unterschieden. Leo Kanner (1894–1981) war ein in die USA emigrierter Kinderpsychiater und hatte 1943, also kurz vor Hans Asperger, einen Aufsatz mit dem Titel »Autistic disturbances of affective contact«9 (sinngemäß: »Autistische Störungen des gefühlsmäßigen Kontakts«) veröffentlicht. Die Symptome, die von beiden Autoren herausgestellt wurden, waren sich vielfach sehr ähnlich. Ich werde weiter unten aufzeigen, worin heute die wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden Störungsbildern gesehen werden.

Zuvor möchte ich aber noch folgenden wichtigen Hinweis geben: Jenseits der wissenschaftlichen Erforschung des Asperger-Syndroms und des frühkindlichen Autismus ist heutzutage in der breiteren Öffentlichkeit auch ein großes Interesse an weiteren, besonderen Formen des Autismus zu beobachten, die mit den klinischen Beschreibungen von Hans Asperger und Leo Kanner nur bedingt etwas zu tun haben. So erzählt z. B. der amerikanische Spielfilm Rain Man aus dem Jahr 1988 die Geschichte eines Autisten, der eine schwere Kontaktstörung hat, aber daneben auch ein fotografisches Gedächtnis und überragende mathematische Fähigkeiten. Große Beachtung fand auch das Buch Elf ist freundlich und Fünf ist laut10 des Autisten Daniel Tammet. Der junge britische Autor erzählt darin seine bewegenden Erfahrungen als Mensch mit besonderen Begabungen, z. B. über seine Fähigkeiten, Sprachen in kürzester Zeit zu lernen. Die populären Darstellungen haben den Blick auf einzelne, besondere Merkmale gelenkt, und zwar vorwiegend auf die sogenannten Inselbegabungen. Der amerikanische Neurologe Oliver Sacks hat dazu einige lesenswerte Beispiele veröffentlicht.11 Von solchen Inselbegabungen sind jedoch nur sehr wenige, außergewöhnliche Personen (sog. »Savants«) betroffen. Ich halte es für wichtig, diese seltenen Phänomene von den weitaus häufiger vorkommenden Formen des Autismus nach Asperger und Kanner deutlich zu unterscheiden, denn sonst kann es im Alltag schnell zu Fehldiagnosen kommen, die dann zu Fehleinschätzungen der Leistungsfähigkeit führen.

Im Folgenden werde ich nun die zentralen Störungsbilder des autistischen Spektrums aus heutiger Sicht näher vorstellen. Als Orientierung gilt mir dabei die allgemein anerkannte »ICD-10« der Weltgesundheitsorganisation (WHO), also die »Internationale Klassifikation der Krankheiten« in ihrer zehnten Fassung aus dem Jahr 1991. Die ICD-10 ist im Internet unter www.dimdi.de abrufbar. Des Weiteren beziehe ich mich hauptsächlich auf zwei wissenschaftliche Standardwerke, Asperger-Syndrom12 sowie Autismus-Spektrum-Störungen. Ein integratives Lehrbuch für die Praxis13, und auf die darin zitierten Fachbeiträge. Diese beiden Bücher werden den auch wissenschaftlich interessierten Leserinnen und Lesern als vertiefende Lektüre nachdrücklich empfohlen.

Wenn es um die einzelnen Formen des Autismus geht, wird heute allgemein zumeist von »Autismus-Spektrum-Störungen«, abgekürzt »ASS«, gesprochen. Es werden also einzelne, umschriebene Störungsbilder in einer Gruppe zusammengefasst, um auf deren Ähnlichkeiten hinzuweisen. Man geht davon aus, dass die einzelnen Störungsbilder die gleiche Ursache haben und einheitlich erklärt werden können. Die drei zentralen Störungsbilder des Autismus-Spektrums sind nach der ICD-10

Sie gehören zur Gruppe der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen.

Kurz erwähnt sei hier noch der heutzutage immer häufiger verwendete Begriff des »High Functioning Autismus« (»hochfunktionaler Autismus«), abgekürzt HFA. HFA ist keine eigenständige Kategorie in der ICD-10. Gemeint ist damit entweder ein frühkindlicher Autismus mit durchschnittlicher Intelligenz, oder aber das Asperger-Syndrom wird grundsätzlich als »hochfunktionaler Autismus« beschrieben.

Störungsbilder des Autismus-Spektrums

Frühkindlicher Autismus

Grundlegendes Merkmal des Autismus nach Kanner ist die Unfähigkeit schon von der Geburt an, auf herkömmliche Weise Beziehungen zu Personen und Situationen herstellen zu können. Die Kinder sind also in gewisser Weise von Anfang an »allein«; die gefühlsmäßige Kontaktaufnahme ist gestört. Auffälligkeiten in der sozialen Interaktion und in der Kommunikation gehören somit zu den Kernsymptomen, des Weiteren Stereotypien, Spezialinteressen und Auffälligkeiten im Spiel. Das Spiel ist vor allem durch einen Mangel an »So-tun-als-ob«-Aktivitäten gekennzeichnet (die Kinder tun im Spiel z. B. nicht so, als ob ein Bauklotz ein Auto wäre). Sehr auffällig ist die Sprache. Beim frühkindlichen Autismus wird Sprache nicht wie üblich kommunikativ verwendet, und die gesprochene Sprache wird verspätet oder nur eingeschränkt erworben. Sprachlich auffällig sind z. B. simple Wiederholungen einzelner Wörter (»Echolalien«) und die Vertauschung von Pronomen (Betroffene sprechen von sich selbst als »du« anstatt von »ich«).

Zusammengefasst weist das gleichzeitige Vorkommen mehrerer der nachfolgend genannten typischen Auffälligkeiten auf einen frühkindlichen Autismus hin:14

Die Übersicht macht deutlich, dass die Symptome des frühkindlichen Autismus nach Kanner in vielerlei Hinsicht ähnlich, wenn nicht gar die gleichen wie diejenigen sind, die Asperger beschrieben hat. Für beide Störungsbilder gilt auch, dass der Autismus von frühester Kindheit an vorhanden ist. Die wesentlichen Unterschiede bestehen nun aus heutiger Sicht im Bereich der Intelligenz und der Sprache:

Atypischer Autismus