Frère Emmanuel, Taizé

Gottes Liebe – größer als gedacht

Warum es notwendig ist, unsere Vorstellungen von Gott zu hinterfragen

Aus dem Französischen übersetzt von Claude Fuchs

Patmos Verlag

Vorwort

Schon die Römer wussten: Bücher haben ihre Geschichte. Auch das Buch von Frère Emmanuel hat eine solche Geschichte. Durch sie erst verstehen wir, wie sorgfältig Frère Emmanuel bei seinen Untersuchungen vorgegangen ist und worin das Anliegen dieses Buches besteht.

Der noch junge Mann, der nach dem Absoluten suchte und wünschte, diese Suche im Rahmen einer Gemeinschaft monastischer Art fortsetzen zu können, hatte schon oft Frère Roger zu seinen Brüdern oder zu den Besuchern in Taizé sagen hören: »Gott kann nur lieben.« Mit diesen Worten versuchte Frère Roger immer wieder, Menschen auf der Suche davon zu überzeugen, dass es in Gott nur Liebe geben kann. Von Jugend an muss sich Frère Roger an einem bestimmten Reden über Gott gestoßen haben, das, so gut es gemeint war, das Vertrauen auf Gott auf verschiedenste Weise behinderte und bisweilen sogar Verletzungen und Zweifel hervorrufen konnte.

Frère Emmanuel war sich sehr wohl bewusst, dass in erster Linie ein authentisch gelebtes Leben die Liebe Gottes durchscheinen lässt. Doch er wollte auch auf intellektueller Ebene aus dem Weg räumen, was den Zugang zu einer Liebe erschwert, die größer ist als gedacht. Dies erforderte ein hartnäckiges und rigoroses Vorgehen.

Natürlich hatten sowohl die Nähe zu Frère Roger als auch das Leben mit seinen Brüdern einen großen Einfluss auf seine Gedanken. Weil es aber galt, in wenig erforschte Gebiete vorzudringen, musste seine Arbeit auch recht persönlich werden, es war einfach nicht möglich, jeweils eine ganze Gemeinschaft mit einzubeziehen. Die Schwierigkeit bei der Erarbeitung dieses Buches war folgende: Um zu hinterfragen, wie wir uns Gott spontan vorstellen, war es nötig, ständig von einem Gebiet zum andern zu wechseln, immer wieder mussten vorläufige Schlüsse gezogen werden, um diese dann zu überprüfen und nicht zu meinen, man wäre schon am Ziel.

Die Geschichte dieses Buches ist also nicht zu Ende. Die Erkundung geht weiter. Sachgerecht von Gott zu sprechen wird unsere ­Fähigkeiten immer übersteigen. Wollen wir aber verstanden werden, wenn wir von ihm sprechen, so müssen wir ständig auf die Fragen unserer Zeit hören und uns immer wieder daran erinnern, dass die Erfahrungen, die Menschen seit Jahrhunderten mit Gott gemacht haben, ein Schatz sind, auf den wir zurückgreifen können.

Frère François, Taizé

ÜBER DEN AUTOR

emmanuel_frere.tif

© privat

Frère Emmanuel ist 1989 zur ökumenischen Gemeinschaft von Taizé gestoßen, jenem Zentrum christlicher Spiritualität, das alljährlich Zehntausende junger Erwachsener aus aller Welt empfängt. Er ist auf die wertvolle Hilfe aufmerksam geworden, die der fruchtbaren Begegnung von Psychologie und Theologie entspringt, und vertraut uns in diesem Buch „die wesentlichsten Einsichten und die eindrucksvollsten inneren Erfahrungen“ seines fünfundzwanzigjährigen Klosterlebens an.

ÜBER DAS BUCH

Ob gläubig, nicht gläubig oder auf der Suche – jeder Mensch steht unter dem Einfluss unbewusster Projektionen, welche die spontane Gottesvorstellung und persönliche Überzeugungen bedingen.

Dieses Buch räumt die Hindernisse aus dem Weg, die bei der Suche nach Sinn oder bei spirituellen Erfahrungen aufkommen können: den Zweifel an einem Gott der Liebe angesichts einer Welt, in der das Böse grassiert; versteckte Ängste, die sich aus der Schwierigkeit herleiten, sich als liebenswürdig wahrzunehmen; die Tendenz, sich ein fernes und dominierendes, ausschließlich männliches Wesen vorzustellen; fruchtlose Gegensätze zwischen Wissenschaft und Glaube, Psychologie und Theologie, Sexualität und Spiritualität …

Frère Emmanuel lädt uns ein, die göttliche Liebe zu entdecken, die größer ist als gedacht. In ihr finden wir einen letzten Sinn des Lebens. Seine Theologie der menschlichen wie auch der göttlichen Liebe ermöglicht es uns, eine lebensbejahende Spiritualität zu entwickeln.

Auch als Printausgabe erhältlich.

www.patmos.de/ISBN978-3-8436-0104-7

IMPRESSUM

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© 2016 Patmos Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern

Titel der Originalausgabe: Un amour méconnu

© Bayard éditions, 2008, 3 et 5, rue Bayard, 75008 Paris

Übersetzung: Claude Fuchs, mit freundlicher Unterstützung von Alain Cambourian, Claude Rémus- Cambourian, Christiane Steffens-Dhaussy und Agnes Klais

Umschlaggestaltung: Finken & Bumiller, Stuttgart

Umschlagabbildung: „Voyage intérieur“, Gemälde von Frère Eric, Taizé. © Ateliers et Presses de Taizé, 71250 Taizé, Frankreich

ISBN 978-3-8436-0104-7 (Print)

ISBN 978-3-8436-0508-3 (eBook)

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LESEEMPFEHLUNG

Thomas Merton

Keiner ist eine Insel

Betrachtungen über die Liebe

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Der moderne Mensch ist einsam, obwohl es immer mehr Möglichkeiten gibt, miteinander in Kommunikation zu treten. Thomas Mertons eigene Erfahrungen und Wandlungen weisen Wege aus dieser Isolierung in ein universelles Verbundensein. Er bindet uns in die Schöpfung ein und weist den urreligiösen Weg der Liebe, auf dem wir das »innere Geheimnis der Dinge« erkennen können.

Als Printausgabe erhältlich:

www.patmos.de/ISBN978-3-8436-0574-8

Als eBook-Ausgabe erhältlich:

www.patmos.de/EBOOK978-3-8436-0575-5

Inhalt

Vorwort

Einführung

I. Widerspricht die Existenz des Bösen einem Gott der Liebe?

Unbewusste Projektionen und Vorstellungen
der göttlichen Allmacht

Jenseits unserer Allmachtswünsche

Ein absoluter Respekt vor der Freiheit des Menschen

Ein Gott, der das Böse nicht will und nicht zulässt

Eine grenzenlose und unauslöschliche Liebe

Eine Schöpfung in unumgänglichen Stufen

Die komplexen Zusammenhänge der Evolution

Sollte Gott darauf verzichten, ein liebendes Bewusstsein zu schaffen?

Eine gegenseitige Liebe ohne Ende

II. Schuldgefühl und versteckte Ängste vor Gott

Unbewusste Projektionen und Vorstellungen von Gottes Urteil über uns

Eine schwierige Begegnung mit uns selbst

Ursprünge des Schuldgefühls

Das eigene Über-Ich nicht mehr mit Gott verwechseln

Auf dem Weg zu einer ehrlichen, aber wohlwollenden Sichtweise

»Gott ist größer als unser Herz«

Das Geheimnis einer inneren Schönheit entdecken

Ein Gott, der all unsere Verletzungen kennt

Eine Liebe, aus der niemand ausgeschlossen bleibt

III. Von distanzierter Herablassung zu gegenseitiger Liebe

Unbewusste Projektionen und Vorstellungen über Gottes Transzendenz

Sich verabschieden von einem dominierend großen Gott

Sich verabschieden von einem distanzierten Gott

Eine gegenseitige Liebe um ihrer selbst willen

Ein Gott, der geliebt werden möchte

Im Herzen einer bedingungslosen Liebe

Eine ungeahnte Fähigkeit zu lieben

»Wunderbar hast du mich gestaltet, wunderbar sind deine Werke«

IV. Verkannte Aspekte einer noch größeren Liebe

Unbewusste Projektionen und Vorstellungen von Gottes Zärtlichkeit

Entscheidungen von beträchtlicher Tragweite

Einengende kulturelle Abhängigkeiten hinter sich lassen

Unser Menschsein in die gegenseitige Liebe einbringen

Aktiv die Zuversicht pflegen, dass ich geliebt werde

Ein Geheimnis, das immer neu entdeckt und erforscht werden will

Jenseits der Vatergestalt

Göttliche Vaterschaft und menschliche Mutterschaft

»Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen …«

»Sie ist schöner als die Sonne«

Auf dem Weg zu einer intimen Beziehung zwischen Gott und Mensch

Epilog: Ein Liebesleben zwischen Gott und Mensch

als letzter Sinn der Liebe, als letzter Sinn des Lebens

Anmerkungen

Anmerkungen – römische Ziffern

Einführung

Ganz gleich, ob wir uns als »gläubig« oder als »ungläubig«, als »suchend« oder einfach als »offen« betrachten, – wenn die Frage nach Gott auf den Tisch kommt, stehen wir alle unter dem Einfluss unbewusster psychologischer Projektionen. Bei den einen werden solche Projektionen zu Gottesvorstellungen führen, die Auflehnung, Ablehnung, Angst oder Gleichgültigkeit auslösen. Bei anderen werden sie Bilder hervorrufen, welche den Zugang zu Entdeckungen verhindern oder verzögern, die für die Entfaltung eines Innenlebens jedoch entscheidend wären. Solch unbewusste Vorgänge führen unser Suchen nach Sinn oder unsere spirituellen Erfahrungen sehr häufig auf Abwege. Indem es den unbewussten Einfluss der gängigsten spontanen Gottesvorstellungen aufdeckt, lädt uns dieses Buch ein, existenzielle und spirituelle Fragen, die ja zugleich eine universelle wie auch eine intime Tragweite haben, unter einem neuen Blickwinkel zu betrachten. So können wir vielleicht eine Liebe entdecken oder wieder ent­decken, die größer ist, als wir gedacht hatten.

»Gottes Liebe – größer als gedacht«: Verschiedenste persönliche Erlebnisse können uns dazu bringen, den Glauben an die Existenz einer göttlichen Liebe abzulehnen oder diese zu entstellen. Unzählige Menschen mögen nach einem Schicksalsschlag schon allein das Wort »Gott« nicht mehr hören und viel weniger noch die Rede von einem allmächtigen Gott der Liebe, so unvereinbar scheint ihnen dessen Existenz mit einer Welt, in der das Böse derart wütet. Wie könnte ein allmächtiger Gott der Liebe die verschiedenen Spielarten des Bösen, unter denen Menschen leiden, wollen oder auch nur zulassen? Die Schwierigkeit, ja gar die zeitweise Unmöglichkeit, angesichts des Bösen in dieser Welt an einen Gott der Liebe zu glauben, bleibt eine der Grundlagen des modernen Atheismus und der wichtigste Einwand gegen jede theologische Überlegung. Die Begegnung mit dem Leiden ist auch der wichtigste Grund für die Auflehnung und die Zweifel, die auch in Glaubenden aufkommen, wenn sie Gott eines heimlichen Einverständnisses mit dem Bösen verdächtigen. In beiden Fällen stellt diese Auseinandersetzung eine mögliche Verbindung ­zwischen dem Geheimnis der Liebe und einem eventuellen Gottesgeheimnis ganz grundsätzlich infrage. Jede Suche nach Sinn und jede spirituelle Erfahrung muss sich aber früher oder später dieser Herausforderung stellen: Soll der Weg bewusst und realistisch werden, so ist dies die erste oder zumindest eine unumgängliche Etappe, die zurückzulegen ist. Ihr ist deshalb der erste Teil dieses Buches gewidmet. Dabei werden wir auch jenen Spielarten des Bösen nicht aus dem Weg gehen, die einem Schöpfergott am häufigsten vorgehalten werden: Naturkatastrophen, Krankheiten und schließlich der Tod. Gerne werden wir auch den wertvollen Beitrag hervorheben, den sowohl Geistes- wie auch Naturwissenschaften zu diesen Fragen beisteuern können, und einige Orientierungshilfen bereitstellen, die einer Versöhnung zwischen wissenschaftlicher Beobachtung und theologischer Forschung dienlich sein könnten. In diesem Abschnitt zeigen wir auch den Allmachtswunsch auf, der schon vom frühesten Kindesalter an in jedem Menschen wohnt und dessen persönliche Überzeugungen zur Frage des Bösen von vornherein entscheidend beeinflusst. Im ersten Teil dieses Buches laden wir jeden ein, sei er nun gläubig oder nicht, nicht in der Abhängigkeit derartiger Vorurteile zu verbleiben. Eine solche Befreiung führt dann zu einer tief greifenden Erneuerung unserer Art, die scheinbare Unvereinbarkeit zwischen einem allmächtigen Gott der Liebe und einer Welt, in der das Böse wütet, zu verstehen.

Wenn einmal Zweifel und Auflehnung gegenüber dem Bösen nicht länger unüberwindliche Hindernisse darstellen, dann liegen die wichtigsten Schwierigkeiten bei der Suche nach Sinn oder bei einer spirituellen Erfahrung bei den heimlichen Ängsten, die wir mit Gott in Zusammenhang bringen. Jeder Mensch lebt nämlich mit Ängsten: bewussten oder unbewussten, erkannten oder uneingestandenen, akzeptierten oder verdrängten. Sie reichen von der einfachen Angst vor Enttäuschung und Unverständnis bis hin zur Angst, nicht geliebt oder sogar verlassen zu werden. Am meisten Angst lösen jene aus, die ­direkt oder indirekt mit der Mühe zusammenhängen, die wir alle haben, uns als liebenswert zu betrachten. Sie kommen aus dem bedrängenden Schuldgefühl, das in uns aufsteigt, wenn wir in uns so verwirrende Seiten entdecken wie etwa unsere aggressiven Impulse, seien diese nun sexueller oder anderer Art. Sie rufen in uns ein inneres Unwohlsein hervor, das so weit gehen kann, dass wir uns selbst verurteilen. Nun projizieren wir aber dieses recht harte Urteil aus der schwierigen Begegnung mit uns selbst unbewusst sehr oft auf Gott. Viele Menschen, ob gläubig oder nicht, nehmen Gott dann als jemanden wahr, der sie aufgrund dieser so beunruhigenden Seiten in ihnen gar nicht lieben kann oder der sie sogar verurteilen, bestrafen oder verstoßen könnte. Oft verbergen sich hinter verschiedensten Formen religiöser Gleichgültigkeit in Wirklichkeit solch heimliche Ängste vor Gott. Und bei vielen religiösen Praktiken führen diese Ängste zu einem inneren Leben, das uns mehr lähmt, als dass es unsere Entfaltung begünstigt. Der zweite Teil dieses Buches möchte zu einem besseren Verständnis unserer selbst und insbesondere der wichtigsten Stadien unserer psychischen Entwicklung führen, wo diese manchmal so verwirrenden Impulse entstehen. Damit möchte er zu einer Versöhnung mit uns selbst ermutigen, zu einem Blick auf uns selbst, der sowohl realistisch als auch wohlgesinnt wäre und die Strenge des unbewusst auf unsere spontanen Gottesbilder projizierten Urteils korrigieren könnte. In diesem Teil wird vorerst auf die heimlichen Verletzungen hingewiesen, die wir alle mit uns herumtragen und aus denen so viele der Verhaltensweisen fließen, die wir zu Recht oder zu Unrecht für tadelnswert halten. Dann fragt dieser Teil des Buches, wie wohl ein liebender Gott diese Verletzungen betrachten könnte, und möchte damit den Weg zu einer Vorstellung von Gottes Urteil öffnen, das sehr weit von dem entfernt ist, was wir Menschen aus der schwierigen Begegnung mit uns selbst heraus immer wieder vermuten möchten.

Natürlich möchte keiner mit jemandem, vor dem er sich fürchtet, näheren Kontakt pflegen oder ihn besser kennenlernen. Wenn wir aber unsere heimlichen Ängste vor Gott einmal überwunden haben, so drängt sich die Frage nach einem inneren Leben und spirituellen Erfahrungen viel nachdrücklicher auf. Noch aber steht der Entwicklung und Entfaltung eines inneren Lebens ein beträchtliches Hindernis im Weg: Denkt man an einen transzendenten Gott, so verbindet sich damit meist spontan die Vorstellung eines fernen, dominierenden oder herablassenden Wesens. Solche Gottesvorstellungen bringen viele dazu, ihr Interesse an einer spirituellen Erfahrung zu verlieren. Andere verleiten sie dazu, Gott wie einem Vorgesetzten zu begegnen, oder gar wie ein Sklave seinem Herrn. Derart gravierende Konsequenzen sollten in uns allerdings die Frage aufkommen lassen, weshalb wir so selbstverständlich dazu tendieren, Gottes Transzendenz und Größe auf diese Weise zu verstehen. Im dritten Teil dieses Buches werden wir die verschiedenen Transfers und Projektionen aufzeigen, welche die Vorstellung eines dominierenden und distanzierten Gottes begünstigen. Wir werden dazu einladen, über einen radikalen Per­spektivenwechsel nachzudenken, über einen Gott nämlich, der, wie es die christliche Offenbarung behauptet, im Gegenteil unendlich nahe bei jedem Menschen sein möchte, der seine Geschöpfe unendlich lieb hat und von ihnen auch intensiv geliebt werden möchte. So wie jedes ernsthafte Bitten um Liebe etwas Umwerfendes an sich hat, so verändert auch die Annahme, dass eine solche Bitte vielleicht selbst von Gott an uns gerichtet sein könnte, unser Fragen nach Gott oder nach einem inneren Leben ganz entscheidend und eröffnet gleichzeitig völlig neue Perspektiven auf die Einschätzung unserer eigenen Liebes­fähigkeit. In diesem Kapitel tritt nach und nach zutage, weshalb wir so zuversichtlich sein können, dass jene gegenseitige Liebe zwischen Gott und Mensch tatsächlich Wirklichkeit werden kann, von der die Mystik über die Jahrhunderte hinweg Zeugnis abgelegt hat, jene Liebe, die für die christliche Mystik das Herz und den Höhepunkt allen spirituellen Strebens darstellt.

Sowohl bei denen, die sich schon bewusst auf solch eine gegenseitige Liebe eingelassen haben, als auch bei denen, die jede Art von religiösem Glauben noch ablehnen, lösen die verschiedenen Gottesbilder, die mit dem unvermeidlichen Gebrauch menschlicher Analogien verbunden sind – die Figur des Vaters etwa – unbewusste Projektionen aus, die mit deren ganz persönlicher Geschichte, mit deren Persönlichkeit und Geschlechtsidentität zusammenhängen. Unter dem ständigen Einfluss solch unbewusster Vorgänge werden die einen zu einem Gott auf Distanz gehen, der sie nur allzu sehr an die noch immer nicht vernarbten Wunden ihrer Kindheit oder ihrer Jugend erinnert. Andere werden jede spirituelle Sichtweise systematisch ablehnen, weil Gott für sie zum Sündenbock in einer ganz persönlichen Abrechnung geworden ist. Wieder andere werden ein geistliches Leben führen, das immer noch von der einen Analogie geprägt ist, die sie aus dem Religionsunterricht oder aus der Kultur, in der sie leben, mitbekommen haben. Dies allerdings unter einer doppelten Gefahr: Entweder steht diese Analogie bewusst oder unbewusst mit einer eher negativen Erfahrung aus ihrem Leben in Zusammenhang, was dann ihre Gottesbeziehung daran hindern könnte, über ein bloßes Mindestmaß an Vertrauen und Intimität hinauszukommen; oder diese Analogie wird bewusst oder unbewusst mit einer eher positiven Lebenserfahrung verbunden, was dazu führen kann, dass diese Menschen ihre Gottesvorstellung auf diesen einen Aspekt reduzieren, dies aber auf Kosten weiterer Aspekte, die das Geheimnis Gottes ebenfalls ein Stück weit beschreiben könnten. Jedem Suchen nach Sinn und jeder spirituellen Erfahrung würde es also wohl bekommen, die menschlichen Analogien, die man beim Reden über Gott benützt, sehr bewusst auszuwählen. Vorerst gilt es, Distanz zu schaffen zu den kulturellen, psychologischen und theologischen Vorurteilen, von denen solche Analogien unweigerlich geprägt sind. Dann sollten wir uns über deren Vor- und Nachteile klar werden, um von jenen spontanen Gottesvorstellungen frei zu werden, die uns durch ihre allzu ausschließliche Verbindung zu der einen oder anderen Analogie daran hindern, zu weiteren Seiten des Geheimnisses eines Gottes vorzustoßen, der Liebe ist. Die Bedeutung eines derartigen Vorgangs ist kaum zu überschätzen, so mächtig ist nämlich der Einfluss der geistigen Bilder, die wir mit Gott verbinden, auf unsere Überzeugungen und auf die Gestaltung unseres inneren Lebens. Um dies nachvollziehbar zu machen, genügt es, zwei – gewiss karikierende und etwas provozierende – Analogien nebeneinanderzustellen. Sie haben aber den Vorteil, die Macht geistiger Bilder und ihren Einfluss auf unser Interesse, auf unser Vertrauen, unsere Innigkeit und unsere Bereitschaft zu einer Antwort und einem persönlichen Engagement auf­zuzeigen: All das wird nämlich sehr unterschiedlich ausfallen, je nachdem, ob wir uns einem bärtigen Greis mit strengem Blick und autoritären Gesten oder einer charmanten, einnehmenden und lächelnden jungen Dame gegenüber wähnen! Der vierte Teil dieses Buches will deshalb die schädlichsten der kulturellen, psychologischen und theologischen Vorurteile aufzeigen und dazu einladen, sich nicht mit einem ausschließlich männlichen Zugang zu Gott zu begnügen, sondern zu erkennen, wie auch weibliche Analogien die Schönheit von Gottes Liebe widerspiegeln können. Damit möchte er sowohl jene ansprechen, die sich als ungläubig betrachten, als auch jene, die schon bewusst aus einer spirituellen Erfahrung leben. Erstere möchte er eher dazu ermuntern, ihre religiösen Überzeugungen nicht auf Vorstellungen zu reduzieren, die ihnen in ihrer Jugend eingeflößt wurden oder die als Karikaturen in ihrem gegenwärtigen kulturellen Umfeld gängig sind. Die anderen möchte er vor allem einladen, den Gott der Liebe nicht daran zu hindern, sie noch weiterzuführen auf dem Weg intimer Vertrautheit zu ihm und ihnen seine göttliche Liebe auch unter jenen Facetten und Perspektiven nahezubringen, die er als für sie am angemessensten findet. Erst so werden sie nämlich die Liebe zwischen Mensch und Gott auf die intensivste und schönste nur mögliche Weise erleben können.

Diese Erneuerung unserer Sichtweise auf die zugleich allgemeinsten und intimsten Fragen wird uns bei der Suche nach dem letzten Sinn des Lebens und der Liebe hilfreich sein und sich bis in ganz alltägliche Fragen hinein auswirken, insbesondere in die Art, wie wir unsere Liebe in Worten und Gesten ausdrücken. Ungeachtet ihrer religiösen Überzeugungen ahnen viele Menschen, dass ihre eigenen Liebeserfahrungen auf ein Geheimnis hindeuten, das sie übersteigt und sie indirekt auf einen letztgültigen Sinn verweist, der sie erklären könnte. Seltener hingegen sind jene, die ahnen, dass die Frage nach dem letzten Sinn ihre Liebe Tag für Tag erneuern und intensivieren könnte. In unserer Zeit gewinnt die Qualität der im Alltag ausgetauschten Liebe gegenüber sozialen, familiären und weiteren Überlegungen, die früher so wichtig schienen, immer größere Bedeutung. Umso dringender sind wir herausgefordert, uns zu fragen, wie unsere Liebe nachhaltig intensiviert werden kann. Denn auch für die schönsten Liebesgefühle kann die Zeit zu einem gefährlichen Erosionsfaktor werden. Der Epilog dieses Buches zielt deshalb ins Herz dessen, wovon menschliche Liebe Motivation und innere Kraft empfangen kann, wenn sie sich dem letzten Sinn des Lebens und der Liebe öffnet, so wie die christliche Mystik sie versteht. Entgegen weitverbreiteten Vorurteilen ist die christliche Mystik nämlich durchaus in der Lage, Alltagsleben und Spiritualität, kleine Liebeszeichen und Sehnsucht nach dem Letztgültigen, Sexualität und inneres Leben, erotisches und mystisches Streben zu versöhnen. Mehr noch, sie eröffnet dem Leben und der Liebe einen Sinnhorizont, der weit genug ist, dass jeder daraus Motivation und innere Kraft schöpfen kann, um das zu ermöglichen, wozu der natürliche Trieb allein nicht in der Lage wäre: der Liebe nämlich nicht nur Dauer zu verleihen, sondern sie in der Dauer auch noch wachsen zu lassen. Dieser letztgültige Sinnhorizont verleiht den Worten und Gesten der Liebe eine Bedeutung, die mithelfen kann, das, was in unserem Inneren wirklich zählt, Tag für Tag zu erneuern. Ohne eine solche Erneuerung kann Liebe nicht wirklich lieben lernen, sich entfalten und die Zeit verklären. Dank ihr jedoch kann die Zeit, dieser Feind, der alle Gefühle aushöhlt, zu einem echten Verbündeten werden. Denn erst mit der Zeit kann diese Erneuerung des Wesentlichen in uns zu dem Geschenk werden, das wir in eine gegenseitige Liebe einbringen können, um sie Tag für Tag einem Höchstmaß an Intensität entgegenwachsen zu lassen. Diese abschließenden Seiten tauchen auch ein ins Herz der Liebe zwischen Gott und Mensch, in die unsichtbaren Winkel und verborgenen Trieb­federn des monastischen Ideals. Denn auch der Mönch ist ja zu gegenseitiger Liebe berufen, indem er jene göttliche Gegenwart ernst nimmt, die ihn ständig begleitet, indem er sich bereithält, sich ihrer Liebe zu öffnen und sie im Gegenzug mit jeder Faser seines Wesens wiederzulieben. Hier zeigt sich dann auch, wie wichtig es für ihn ist, immer wieder sein Menschsein, seine Gefühle, seine Sexualität, seine persönliche Art, zu leben und zu lieben, mit einzubringen. Nur so kann sein innigstes Verlangen, geliebt zu werden und zu lieben, zu einem Liebesbekenntnis an Gott werden, zu einem Bekenntnis, in dem der »Eros«, jener mächtige Trieb im Menschen, sich entfalten kann und dessen Gegenwart indirekt des Menschen wahres Wesen und letztgültige Bestimmung offenbart.