INHALT

Dank

Übersichtskarte: Männer und Gefühle

Kapitel 1 
Reisevorbereitungen – Die Gefühle müssen mit!

Ohne Gefühlswahrnehmung keine Bedürfnisbefriedigung

Ohne Gefühlswahrnehmung keine Handlungsplanung

Ohne Gefühlswahrnehmung keine psychische Gesundheit

Kapitel 2 
Geschichtliches – Die Entwicklung der männlichen Identität

Anlage oder Umwelt? Anlage und Umwelt!

Der Weg zur männlichen Identität – eine Wanderkarte

1. Etappe: Die Entfremdung von der eigenen Innenwelt

2. Etappe: Die männliche Außenorientierung (Externalisierung)

3. Etappe: Dogmatismus und Hilflosigkeit

4. Etappe: Das männliche Dilemma, die Hassliebe gegenüber Frauen und die männliche Depression

Kapitel 3 
Gespaltenes Land – Zwischen Bedürftigkeit und Gefühlsabwehr

Gefühlsabwehr ist nicht gleich Unsensibilität

Gefühlsabwehr lohnt sich nicht

Die »zwei Seiten« des Mannes

Die Aufrechterhaltung des männlichen Dilemmas von außen

Die Doppel-Rolle moderner Männlichkeit

Die Auseinandersetzung mit dem männlichen Dilemma

Kapitel 4 
Sitten und Gebräuche – Die männlichen Arten der Gefühlsabwehr

Schweigen und Alleinsein (Männliche Distanzierung, Teil 1): »Da muss man alleine durch!«

Selbstdarstellung:  »Mein Haus, meine Yacht, mein Pferd«

Rationalität:  Die Liebe zu Zahlen, Listen, Statistiken und Systemen

Handlungsorientierung:  »Ich sprech’ nicht gern, ich mache lieber«

Ergebnis- statt Prozessorientierung:  »Entscheidend ist, was hinten rauskommt«

Konkurrenz und Leistungsdruck: »Wir müssen gewinnen, alles andere ist primär«

Gewalt: »Und bin ich nicht fähig, so brauch’ ich Gewalt«

Kapitel 5 
Touristische Highlights – Die Stärken der Männer

Humor und Emotionsregulation (Männliche Distanzierung, Teil 2)

Selbstbehauptung

Rationalität

Handlungsorientierung

Ergebnis- statt Prozessorientierung

Kapitel 6 
Einheimischen-Kontakt – Eine Lösung für das männliche Dilemma

Der Weg zu sich selbst – eine Wanderkarte

1. Etappe: Das Erkennen der Beziehungsprobleme

2. Etappe: Die liebevolle Konfrontation

3. Etappe: Das Entdecken der Gefühle in der beschützten Hilflosigkeit

4. Etappe: Lösung – Die Entwicklung gefühlsorientierter Lebensbewältigungsstrategien

Kapitel 7 
Sehenswürdigkeiten und Geheimtipps – Die (un)heimlichen Gefühle der Männer

Angst

Hilflosigkeit

Trauer

Ärger/Wut

Schuldgefühle

Scham

Sehnsüchte

Liebe und Lust

Ausblick

Anhang

Anmerkungen

Literatur

Quellennachweis

Glossar


Kapitel 1
Reisevorbereitungen – Die Gefühle müssen mit!

Wir beginnen unsere Reise durch die männliche Psyche im »Männer-Medium« Internet. Dort las ich kürzlich auf einer dieser lustig-unterhaltsamen Männer-Frauen-Seiten sinngemäß die folgende Antwort auf die Klassiker-Frage, warum Männer nicht über Gefühle sprechen: »Männer sprechen in emotional intensiven Momenten durchaus über Gefühle, wenn etwa der Motor streikt oder das Bier alle ist. Aber wenn solche Momente nicht gegeben sind, fühlen sie einfach nichts – und sind deswegen irritiert, wenn sie über dieses Nichts sprechen sollen!« Aha!

Am anderen Ende der Ernsthaftigkeitsskala steht die Wissenschaft, in diesem Falle die klinische Psychologie. Sie hat für die Unfähigkeit, eigene Gefühle wahrnehmen zu können, einen eigenen Begriff kreiert: Alexithymie. Solche Begrifflichkeiten bergen immer die Gefahr, dass ein gesellschaftliches Phänomen beziehungsweise gesellschaftliche Ursachen für persönliche Probleme kurzerhand individualisiert werden: Nicht die Gesellschaft hat dann das Problem (verursacht), nein, das Individuum, in diesem Fall der einzelne Mann, hat das Defizit, die Krankheit. Nach dem Motto »Herrje, endlich weiß ich, warum meine Ehe nicht funktioniert: Mein Mann leidet unter Alexithymie!« – »Oh ja, meiner auch, gibt es vielleicht Medikamente dagegen?« Dieser Dialog stammt wohlgemerkt nicht von der lustigen Internet-Seite, sondern aus dem Chat einer Online-Beratungsstelle!

Die Schwierigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen, ist für viele Männer ein ernstzunehmendes Problem, welches aber keineswegs individuell zu pathologisieren ist. Vielmehr kann der mangelnde Zugang zu eigenen Gefühlen als Grundproblem der männlichen Identität generell betrachtet werden.

Bevor nun das Augenmerk auf die Entstehungsgeschichte und die Konsequenzen dieser Kern-Problematik gelenkt wird, muss zunächst einmal Einigkeit darüber herrschen, dass der mangelnde Zugang zu eigenen Gefühlen überhaupt ein Problem darstellt. Viele Männer (und vielleicht auch einige Frauen) stehen nämlich auf dem Standpunkt, dass dies durchaus nicht so sei, dass es im Gegenteil eher eine Qualität sei, »nicht ständig rumzuheulen«, wie es ein Mann in dem angesprochenen Beratungs-Chat formulierte.

Ohne Gefühlswahrnehmung keine Bedürfnisbefriedigung

Es erscheint relativ naheliegend und plausibel, dass das Lebensglück eines Menschen unmittelbar davon abhängt, ob seine grundlegenden Bedürfnisse befriedigt werden. Der bekannte Psychotherapieforscher Klaus Grawe hat diesen Zusammenhang systematisch und konsequent in den Fokus gerückt.2 Grawe unterscheidet dabei – neben den physiologischen Grundbedürfnissen des Körpers nach Nahrung, Wasser, Schlaf und Wärme – vier psychologische Grundbedürfnisse:

1. das Bedürfnis nach Bindung,

2. das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle,

3. das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und

4. das Bedürfnis nach Lustgewinn.

Diese vier psychologischen Grundbedürfnisse können in Millionen von verschiedenen Gewändern auftauchen. So kann zum Beispiel das Bedürfnis nach Bindung durch eine Heirat, beim persönlichen Gespräch mit dem Vater, beim Spielen mit der kleinen Tochter oder beim Internet-Chat befriedigt werden. Ein- und dieselbe Handlung wiederum kann ihrerseits mehrere Grundbedürfnisse erfüllen: Das gemeinsame Herumbasteln an einem Auto mit einem Freund dürfte die Bedürfnisse nach Bindung, Selbstwerterhöhung und Lustgewinn gleichzeitig ansprechen. Jeder Mensch hat eine Fülle von verschiedenen Bedürfnissen, deren spezifische Kombination jeweils einzigartig ist: uralte und gerade neu entstandene Bedürfnisse, Alltagswünsche und Lebensprojekte, erfüllbare Sehnsüchte und unerfüllbare Träume. Nicht nur sein psychisches, sondern auch sein körperliches Wohlergehen hängt ganz entscheidend davon ab, inwieweit er diese vielfältigen Bedürfnisse befriedigen kann.

Was aber hat all das nun speziell mit Männern zu tun? Unter unbefriedigten Bedürfnissen leiden schließlich Frauen genauso wie Männer: zu wenig wahrhaftige Bindungen, ein Manko an Kontrolle über das eigene Leben, ein fragiles Selbstwertgefühl oder mangelnde Lebenslust. (Genau genommen haben Frauen vielleicht ein gewisses Plus in puncto Bindungen, aber angesichts weiterhin bestehender gesellschaftlicher Benachteiligungen eher ein Minus hinsichtlich Kontrolle.) Dass dieser Aspekt hier dennoch angeführt wird, liegt daran, dass Männern oftmals die zentrale Grundvoraussetzung für die Befriedigung eigener Wünsche und Bedürfnisse fehlt: die bewusste Wahrnehmung von Gefühlen. Gefühle nämlich liefern Hinweise auf die eigenen Bedürfnisse. Eine konkrete Angst deutet darauf hin, dass ein spezielles Grundbedürfnis bedroht ist. Wut zeigt an, dass eines der Bedürfnisse schwer verletzt worden ist. Trauer weist auf den Verlust oder den dauerhaften Mangel einer Bedürfnisbefriedigung hin. Wo es keine adäquate und differenzierte Gefühlswahrnehmung gibt, kann es keine Wahrnehmung der jeweiligen eigenen Bedürfnisse geben – und damit keine Bedürfnisbefriedigung. Die These, die sich durch dieses Buch ziehen wird, lautet daher:

Männern fällt die bewusste Wahrnehmung eigener Gefühle und damit auch eigener Bedürfnisse häufig schwer. Eine positive Art des Gefühlsausdrucks und -umgangs, der Befriedigung von Bedürfnissen sowie der Erfüllung von Sehnsüchten ist so kaum möglich.

Ohne Gefühlswahrnehmung keine Handlungsplanung

Darüber hinaus sind Gefühle Handlungsrichtlinien. Sie zeigen uns an, wo es langgeht, was wir tun, wie wir uns verhalten sollten – etwa in Bezug auf die grundlegende Befriedigung unserer Bedürfnisse und Lebenswünsche. Oder aber wenn es darum geht, eine der aktuellen Situation angemessene Reaktion zu finden. In einer gefährlichen Lage Angst oder bei einer massiven Einengung Ärger empfinden und bewusst wahrnehmen zu können, ist (überlebens-)wichtig, um diese Situationen positiv zu bewältigen.

Diese Ausführungen scheinen im Widerspruch zu der Alltagsweisheit zu stehen, dass es gerade in kritischen Situationen gilt, einen »kühlen Kopf zu bewahren«, nicht »von den Emotionen überschwemmt zu werden«. So bewundern wir etwa Leonardo DiCaprio, wie er im Film »Titanic« trotz der lebensbedrohlichen Umstände immer das genau Richtige und Kluge tut und so das Leben seiner Geliebten rettet – wobei er selbst leider draufgeht, aber das ist wieder ein anderes Männerthema … Aus psychologischer Sicht ist dieser Alltagsweisheit teilweise auch zuzustimmen. In der Tat ist es nicht hilfreich, von einem Gefühl so vollkommen eingenommen zu werden, dass über einen längeren Zeitraum gar kein anderes Gefühl wahrnehmbar und kein rationaler Gedanke mehr fassbar ist. Eine solche psychische Fixierung ist allerdings keineswegs der Regelfall. Wir alle kennen zwar solche Zustände über einen kürzeren Zeitraum: der Moment der Verliebtheit, in dem man seinen Zug verpasst, oder der kurze Augenblick der Gelähmtheit, wenn eine Gefahr auftaucht. Ein Andauern über einen längeren Zeitraum ist aber die Ausnahme und deutet auf eine schwerwiegende psychische Problematik hin. Insofern müsste die Alltagsweisheit wie folgt erweitert werden:

Es erschwert das Leben, von Gefühlen »überschwemmt« zu werden. Es erschwert das Leben aber ebenso, diese Gefühle gar nicht oder kaum wahrzunehmen, weil dann die Handlungsrichtlinie fehlt.

Dieser Sachverhalt kann ebenfalls am Beispiel des heldenhaften Leonardo DiCaprio beim Sinken der »Titanic« verdeutlicht werden. Zunächst einmal muss er Angst empfinden, um die Gefahr richtig einschätzen zu können – anders als die vielen anderen Passagiere, die diese angemessene Angst durch einen naiven Fortschrittsglauben verdrängen: »Dieses hochmoderne Schiff kann gar nicht sinken!« Er muss Liebe und Fürsorge spüren können, um nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das der Geliebten retten zu wollen. Er muss Ärger empfinden können, um sich in jenen Situationen, in denen die Passagiere der 3. Klasse an ihrer Befreiung aus den Unterdecks gehindert werden sollen, energisch zur Wehr zu setzen. Wäre ihm der Zugang zu nur einem dieser Gefühle versperrt gewesen, wäre er entweder resigniert im Bauch des Schiffes ertrunken oder cognacschwenkend an Deck.

Ohne Gefühlswahrnehmung keine psychische Gesundheit

Die bewusste Wahrnehmung eigener Gefühle ermöglicht aber nicht nur eine bedürfnisbefriedigende und situationsadäquate Handlungsplanung. Vielmehr gilt darüber hinaus:

Ein guter Kontakt zu den eigenen inneren Impulsen verbessert per se die psychische Gesundheit.

Da bisher stets von Gefühlen und Bedürfnissen, nicht aber von »Impulsen« die Rede war, ist zunächst eine kurze Begriffsdefinition notwendig:

Mit »Impulsen« ist die Gesamtheit aller »Botschaften« gemeint, die aus unserer Innenwelt (wahlweise auch: unserem Herzen, unserer Seele, unserem Selbst) kommen, also Gefühle, Bedürfnisse, Sehnsüchte, Hoffnungen, Träume, Körperempfindungen, Wünsche etc.

Es ist für das eigene psychische Wohlergehen also positiv, beispielsweise eine bislang verborgene eigene Sehnsucht zu entdecken, selbst wenn eine unmittelbare Befriedigung des Bedürfnisses gar nicht möglich ist. Diese Aussage widerspricht nun vollkommen dem, was viele Männer an Vorstellungen über die menschliche/männliche Psyche mitbringen. Die meisten Männer begegnen der Äußerung dieser These dementsprechend mit der Frage: »Wozu bitte soll es denn gut sein, tiefe Trauer zu empfinden oder ein Bedürfnis zu spüren, welches man nicht befriedigen kann? Das tut doch nur weh! Da wäre es doch besser gewesen, es gar nicht erst zu spüren!«

Die Anwort auf diese Frage liefert Carl Rogers, der Begründer der Gesprächspsychotherapie. Rogers hat schon vor über einem halben Jahrhundert herausgefunden, dass es der psychischen Gesundheit zuträglich ist, wenn sich das Bewusstsein in einem Zustand der Übereinstimmung mit den eigenen Impulsen befindet.3 Diesen Ideal-Zustand nennt Rogers »Kongruenz«. Umgekehrt bedeutet der Begriff »Inkongruenz«, dass die tatsächlichen Gefühle und Bedürfnisse des Menschen dem Bewusstsein nicht zugänglich sind, also verdrängt, vermieden oder abgewehrt werden.

Bestehen nun bei einem Menschen über einen längeren Zeitraum vielfache Inkongruenzen, führt dies zu psychischer Krankheit, zumindest aber zu stärkeren psychischen Schwierigkeiten: Depressionen, Angststörungen, Süchten, Gewaltverhalten, Lebensunlust, Energielosigkeit, innerer Leere. Dabei ist zu berücksichtigen, dass starke Inkongruenzen nicht immer automatisch zu einer deutlich wahrnehmbaren psychischen Problematik führen. Gerade bei Männern entwickeln sich häufig psychotherapeutisch und medizinisch unbehandelte Schwierigkeiten wie Gewaltverhalten, gesellschaftlich geduldeter Alkoholismus, Arbeits- oder Sexsucht. Oder sie gelangen in jenen Zustand, den der Psychotherapeut Terrence Real so treffend mit »männlicher Depression« umschreibt: ein »Funktionieren« in der Gesellschaft, der Familie, der Arbeitswelt bei weitgehender innerer Leere sowie erfahrenem Sinnverlust und allgemeiner Lustlosigkeit.4

Herr Bielmann, 41 Jahre alt, beeilt sich im Erstgespräch zu versichern, dass er »ein ganz normaler Mann« sei: Er arbeite seit 15 Jahren als Ingenieur bei einer Baufirma, sei genauso lange verheiratet, habe 3 Kinder. »Eine psychische Störung oder Krankheit oder so habe ich nicht«, sagt er und fügt dann schnell hinzu: »Und verbrochen habe ich auch nichts!« Vermutlich hat er im Wartebereich unserer Beratungsstelle das Infomaterial zur Arbeit mit Gewalttätern gelesen. »Nicht mal so einen klitzekleinen Fehler oder ein ganz, ganz schwaches Leiden?«, frage ich, um Herrn Bielmann ein wenig zu locken. »Schade, dann kann ich Ihnen ja so gar nicht helfen.« Er lächelt kurz, wechselt dann aber schnell das Thema und spricht recht langatmig über die mangelnden Parkgelegenheiten vor dem Haus und den Bielefelder Verkehr im Allgemeinen. Ich beginne mich schon etwas zu langweilen, da sagt Herr Bielmann plötzlich: »Wissen Sie, ich bin nämlich heimlich hier, da wollte ich nicht beim Betreten der Beratungsstelle gesehen werden!« »Ach«, sage ich, »ein heimlicher Besuch? Vor wem wollen Sie es denn verheimlichen, dass Sie hier sind?« »Vor meiner Frau«, sagt Herr Bielmann und schweigt. »Dann bin ich jetzt so was wie eine heimliche Geliebte?«, frage ich. Wieder huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Herr Bielmann ist mir gleich sympathisch, er hat so etwas Veschmitztes, das ab und zu durchblitzt. Man könnte mit ihm sicher gut Äpfel klauen gehen, denke ich.

Aber Herr Bielmann ist bereits wieder in seinen etwas emotionslosen Erzählstil verfallen und berichtet viele kleine Begebenheiten aus dem Alltagsleben mit seiner Frau, die alle eine starke Entfremdung erkennen lassen: »Meine Frau sagt oft, unser Leben wäre langweilig. Ich wäre langweilig. Depressiv, sagt sie!« Ich erzähle ihm von meinem Gefühl von vorhin, dass er etwas Sympathisch-Verschmitztes an sich hätte, dass ich mir gut vorstellen könnte, mit ihm Äpfel klauen zu gehen. Herr Bielmann wird plötzlich puterrot. Man merkt deutlich, dass meine Äußerung ihn erschreckt, aber er geht schnell darüber hinweg und breitet weitere Beispiele der Beziehungslosigkeit zwischen ihm und seiner Frau aus. Als er eine Pause macht, nutze ich die Gelegenheit, um ihn zu fragen, was ihn gerade so erschreckt hätte. Herr Bielmann druckst herum, ringt nach Worten, vielleicht nach Ausflüchten, um schließlich ganz zu verstummen. Ich sage zu ihm, dass ich gut verstehen könne, wenn er mir noch nicht erzählen wolle, was ihn gerade so berührt hätte. Schließlich würden wir uns ja noch kaum kennen. »Mein Vater«, schießt es da aus Herrn Bielmann hervor, »ich musste an meinen Vater denken, als Sie das mit dem Äpfel-Klauen sagten. Obwohl es Kirschen waren …« Herr Bielmann verstummt wieder. »Kirschen?«, frage ich. Stockend beginnt er zu erzählen: »Ja, mein kleiner Bruder und ich, wir hatten einmal Kirschen geklaut beim Nachbarn, und mein Vater ist dahintergekommen und hat uns, also mich, fürchterlich … naja!« »Verprügelt?«, frage ich. Herr Bielmann nickt ernst und bedächtig: »Danach habe ich immer versucht, bloß nichts Verbotenes zu tun, alles richtig zu machen. Ich habe auch immer die Dummheiten meines kleinen Bruders vertuscht.«

Herr Bielmann ist jetzt ganz anders im Kontakt, er schaut mich an beim Sprechen, Gefühle werden spürbarer. »Und so versuchen Sie heute noch, immer alles richtig zu machen, bloß keine Fehler?«, frage ich. »Stimmt«, sagt er, »ich manage immer alles perfekt. 15 Jahre im Häuserbau und kein einziger Fehler!« »Und 15 Jahre Ehe und kein einziger Fehler?«, frage ich. Herr Bielmann grinst: »Tja! Keine Fehler und keine Freude. Die Kinder sind alle prima geraten, die Älteste …« Ich unterbreche ihn, um ihn nicht wieder über das Thema der eigenen Freude, der eigenen Sehnsüchte hinwegreden zu lassen: »Und wenn Sie jetzt einmal etwas so richtig Verbotenes tun würden, was wäre das?« Herr Bielmann stutzt, guckt mich mit großen Augen an und sagt dann ganz klar und ernst: »Dann würde ich bei der Arbeit mal so richtig krankfeiern, zum allerersten Mal! Die Kinder zu Oma und Opa und ich mit meiner Frau in den Schwarzwald, in meine Heimat, vielleicht in so eine klitzekleine Pension …« »Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd’! Oder etwa doch, Herr Bielmann?« »Na, na, na«, droht er mir lächelnd mit erhobenem Zeigefinger, »aber Sie haben Recht, das ist auch so ein Thema zwischen meiner Frau und mir – oder vielmehr kein Thema …« »Was denn?«, tue ich unschuldig und wir lachen beide. Das gute Äpfel-Klauen-Gefühl ist wieder da.

Ein guter Zugang zu den eigenen Impulsen ist also von entscheidender Bedeutung im Leben. Warum aber ist dieser Zustand der Kongruenz gerade für Männer so schwer zu erlangen? Mit anderen Worten: Warum fällt Männern der Zugang zu eigenen Gefühlen und Bedürfnissen so schwer?

NAVIGATION

Björn Süfke

Männerseelen

Ein psychologischer Reiseführer

Patmos Verlag

LANDKARTESUEFKE.tif


Dank

Ich danke Corinna Kraze, Anke Reinisch, Stefan Reinisch, Hermann-Josef Roder und Detlef Vetter, die Teile des Manuskripts Korrektur gelesen und mit ihren Gedanken bereichert haben. Wolfgang Neumann danke ich für das gemeinsame Brainstorming zum Thema »Männer und Gefühle« sowie für ein schönes Fallbeispiel, welches ich übernehmen durfte. Sehr dankbar bin ich auch Sandra Münstermann, Hans Pfeifer und Andrea Roder, die das gesamte Manuskript durchgearbeitet haben und mich immer noch mögen. Mein ganz besonderer Dank gilt meinen Eltern Brigitte und Hans-Peter Süfke, die nicht nur die allererste Version des Manuskripts in gute Bahnen gelenkt haben, sondern auch mich.

Übersichtskarte: Männer und Gefühle

Vor einiger Zeit stolperte ich in meiner Lieblingsbuchhandlung über ein Büchlein, welches Frauen erklären wollte, »wie Männer ticken«. Nach nur 5-minütiger Lektüre wurde die Kernaussage des Autors bereits überdeutlich: Männer sind gefühllose, sexbesessene und geistig zurückgebliebene Trottel – und Frauen sollten sie so akzeptieren, wie sie sind! Das war der Moment, in dem ich beschloss, ein Buch über Männer zu schreiben. Denn als Mann und Männertherapeut weiß ich durchaus, dass wir Männer manchmal unsensible Trottel sind. Aber, bitte schön, doch nicht nur! Da gibt es schon noch ein wenig mehr, das erwähnenswert wäre. Außerdem ist manchmal auch das Gegenteil wahr: Da sind wir sensibel, klug und haben Angst vor Sex – oder schlichtweg keine Lust.

Diese Ängste und Lüste aber, unsere Sorgen und Sehnsüchte bleiben in der öffentlichen Diskussion zumeist ausgeklammert. Was kein Wunder ist, wenn davon ausgegangen wird, dass es solche tiefergehenden Regungen bei Männern kaum gibt. So bleibt weitgehend im Dunkeln, wie es uns Männern tatsächlich geht, was wir fühlen im Inneren, manchmal ganz tief verborgen im Inneren, was wir lieben und worunter wir wirklich leiden, was unsere Sehnsüchte sind und woran wir verzagen, was uns überfordert und was uns begeistert, was uns ängstigt und was uns (auch im nicht-sexuellen Sinne) anmacht. Dieses Buch dreht sich also um jene Frage, deren ehrliche Beantwortung uns Männern in der Regel schwer fällt. Ich spreche von der Frage »Wie geht es dir?«.

Wie geht es dir?

Für Männer, die das Glück haben, mit einer Frau zusammenzuleben, ist dies Alltag: Man kommt gerade von der Arbeit nach Hause, hat sich kaum hingesetzt, und schon nach dem ersten Schluck Kaffee fragt die Dame des Herzens: »Wie geht es dir?« Oder aber sie fragt: »Wie war dein Tag?«, oder: »Wie war es bei der Arbeit?«, was allerdings nur Variationen der Frage »Wie geht es dir?« sind. Denn sie will ja nicht hören, wie viele Akten wir erledigt oder wie viele Wände wir angestrichen haben, sondern wie wir uns fühlen. Sie meint das nicht böse, sie will einen damit nicht in die Enge treiben. Sie glaubt schlichtweg, dass dies eine einfach zu beantwortende Frage wäre wie etwa: »Wie bedient man den DVD-Recorder?«

Auf jeden Fall sitzt man nun da, nimmt vielleicht noch einen Schluck Kaffee, um Zeit zu gewinnen, aber man muss sich jetzt entscheiden:

1. Ignorieren und Thema wechseln: »Sag mal, wollen wir heute vielleicht essen gehen?«

2. Unverständliches murmeln, in der Hoffnung, dass sie selber einen Sinn darin findet: »Uhmm!«

3. Allgemeine Floskeln benutzen: »Gut!«, »Geht schon!«, »Muss ja!«

4. Oder aber man nimmt die Frage ernst, denkt darüber nach, horcht in sich hinein und stellt dabei unter Umständen fest, dass keine klare Regung auftaucht, kein deutliches Gefühl, dass man in den letzten 6 bis 10 Stunden voll und ganz Arbeitsmensch war und kein Privatmann. Kurzum: Dass man schlichtweg keine wirkliche Antwort hat auf die Frage »Wie geht es dir?«. Und wenn man so weit in sich selber hineinhorchen kann, dann stellt sich in diesem Moment vielleicht ein Gefühl von Traurigkeit darüber ein, dass man keine Antwort hat auf so eine irgendwie auch wichtige Frage. Oder etwas Hilflosigkeit und Ärger, da man doch sonst immer eine Antwort hat. Vielleicht entsteht auch ein bisschen Neid auf die Partnerin, die vermutlich alle wissenschaftlich erforschten Grundemotionen an diesem Tag drei- bis viermal erlebt hat und davon flüssig berichten könnte.

In so einer Situation, meine Herren, liebe Männer, seien wir ehrlich, wer von uns wählt da Option #4 und zieht sie dann noch konsequent durch, indem er etwa sagt: »Ich weiß es nicht, ich weiß gerade nicht wirklich, wie es mir geht!«, oder sogar: »Jetzt, wo du fragst, bin ich etwas hilflos, weil ich keine rechte Antwort habe!« Wer von uns zieht sich nicht letztlich wieder mit einer der Optionen #1 bis #3 aus der Affäre? Womit wir bereits bei der Grundthese dieses Buches angelangt wären:

Die Frage, wie es uns geht, wie wir uns fühlen, ist für uns Männer eine besonders schwierige, da uns in Kindheit und Jugend der Zugang zu eigenen Gefühlen und Bedürfnissen immer mehr erschwert worden ist. Und dieser mangelnde Bezug zur eigenen Innenwelt bleibt im Erwachsenenalter weitgehend aufrechterhalten.

Wie es dazu kommt und welche Konsequenzen dieser Prozess der Entfernung von den eigenen Gefühlen für erwachsene Männer hat, darum soll es in diesem Buch gehen.

Für Männer …

Es ist das primäre Anliegen dieses Buches, Männer dabei zu unterstützen, sich mit dieser Frage »Wie geht es mir?« auseinanderzusetzen. Dabei geht es natürlich nicht nur um den Augenblick. Es gilt, in übergreifender Form zu klären, welche spezifischen Empfindungen oder Sehnsüchte bei jedem Einzelnen in welchem Zusammenhang vorhanden sind: »Was wünsche ich mir im Leben?«, »Was befriedigt mich?«, »Worunter leide ich?«, »Wovor habe ich Angst?« Danach erst folgt die Frage, wie man einen guten Umgang mit diesen Gefühlen finden kann, einen, der mehr Probleme und Konflikte löst als neue schafft. Denn:

Die Wahrnehmung eigener Besonderheiten und Gefühle ist die Grundlage dafür, persönliche Schwierigkeiten konstruktiv zu lösen, sich individuelle Wünsche zu erfüllen sowie die eigenen Potenziale effektiv zu nutzen.

Das Hauptaugenmerk dieses Buches liegt also stets darauf, wie Männer sich fühlen, welche Gefühlsqualitäten und inneren Erlebensweisen männertypisch sind. Das Buch soll dabei helfen, sich selbst besser verstehen zu lernen, sich eventuell wiederzuerkennen in den vielen Fallbeispielen, davon berührt zu werden, sich solidarisch zu fühlen – aber auch zu sehen, wo man selber vielleicht anders ist als hier beschrieben.

Es wird daher in diesem Buch keine missionarischen Aufrufe geben, die »wahre Männlichkeit« oder die »weibliche Seite« in sich wiederzuentdecken. Sie werden keine Forderungen hören nach »neuen Männern« oder der »Metrosexualität« eines David Beckham, die jetzt so in ist – oder schon wieder out? Kurz: Es wird nichts darüber gesagt werden, wie man sich fühlen, verhalten oder sein sollte. Es werden keine Urteile darüber gefällt, welche Gefühle oder Bedürfnisse richtig oder falsch, gut oder schlecht, welche Verhaltens- und Lebensweisen angemessen sind und welche nicht. Es wird auch kein grundsätzliches Votum darüber abgegeben, welche Verhaltensweisen verändert werden sollten (solange sie keine aktiven Gewalthandlungen beinhalten). Dies ist immer nur im jeweiligen Einzelfall beurteilbar und muss schon von dem betreffenden Mann selbst entschieden werden.

Dennoch wird meine persönliche Grundhaltung in diesem Buch immer wieder einmal durchscheinen. Wie könnte es auch anders sein, wenn man über ein Thema schreibt, welches einem so am Herzen liegt? Wenn es aber keine hundertprozentige Objektivität in den Ausführungen gibt, ist es nur fair, die eigene Grundhaltung explizit zu machen. Dann wissen Sie wenigstens, woran Sie sind.

Kurz gefasst bin ich der Auffassung, dass beide Geschlechter in ihren jeweiligen psychischen Strukturen gewissen Einschränkungen unterliegen, da sie tendenziell einseitig auf spezifische Erlebens- und Verhaltensweisen ausgerichtet sind. Über die Hintergründe dessen möchte in an dieser Stelle noch nichts sagen, da sie im Folgenden, insbesondere in Kapitel 2 »Geschichtliches«, eingehend erläutert werden. Ich gehe aber davon aus, dass alle diese spezifischen Erlebens- und Verhaltensweisen sowohl prinzipiell menschlich sind, also keinem Geschlecht »gehören«, als auch prinzipiell sinnvoll. Daraus resultiert nun unmittelbar die Zielsetzung, die bestehenden psychischen Einschränkungen möglichst zu überwinden, d.h. das eigene Erlebens- und Verhaltensspektrum um die tendenziell abgespaltenen und häufig dem anderen Geschlecht zugeschriebenen Aspekte zu erweitern. Das Resultat wäre ein Mehr an menschlichen Gefühlsqualitäten sowie ein größeres Handlungsrepertoire, aus dem man schöpfen kann.

Natürlich ist diese Zielsetzung sehr hochgegriffen und individuell schwer zu erfüllen. Solange dies so ist, solange also die beschriebenen psychischen Einschränkungen bei den meisten Männern und Frauen zumindest teilweise bestehen bleiben, sollten wir wenigstens auf undifferenzierte Bewertungen von »Weiblichkeit« und »Männlichkeit« verzichten. Die bekannte Abwertung von Frauen und von als weiblich erachteten Eigenheiten ist genauso dumm wie die in jüngster Zeit modern gewordene Verunglimpfung von Männern als soziale Idioten und Defizitwesen. Wenn in diesem Buch von männlichen Macken und Schwächen die Rede ist, wenn diese beizeiten ironisch kommentiert werden, dann geschieht dies stets, um auf damit einhergehende Leiden und persönliche Schwierigkeiten aufmerksam zu machen. Auf keinen Fall sollen Männer hier missioniert, verhöhnt oder erniedrigt werden. Sollte dieses Gefühl jemals bei der Lektüre auftreten, bitte ich ausdrücklich um Entschuldigung, dann wäre ich schlichtweg zu weit gegangen. Meine Idealvorstellung ist der selbstkritische, bisweilen selbstironische, aber immer liebevolle Blick in den Spiegel.

Auch sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass bei allen in diesem Buch dargelegten Meinungen, Erklärungen, Thesen und Beobachtungen über Männer sowie bei allen Begriffen wie »männliches Dilemma« oder »männliche Macken« niemals grundsätzlich alle Männer gemeint sind. Jeder einzelne männliche Leser wird früher oder später Aspekte finden, in denen er sich so gar nicht wiederfinden kann. Und jede weibliche Leserin wird gelegentlich denken: »Hey, dieses Gefühl, dieses Verhalten kenne ich nur allzu gut von mir selbst!« Die Verhaltens- und Erlebensunterschiede zwischen Frauen und Männern sind selbstverständlich fließend, nicht kategorisch. Im Großen und Ganzen jedoch werden alle hier genannten Punkte auf deutlich mehr Männer als Frauen zutreffen. Es gilt wie immer im Leben: Ausnahmen bestätigen die Regel, und Bücher leben von Verallgemeinerungen.

Wo wir schon bei Begrifflichkeiten sind, darf eine Bemerkung zum Thema des »Unbewussten« nicht fehlen: Wenn in diesem Buch die Rede ist von bestimmten Verhaltensweisen der Männer oder von inneren Prozessen, die bei ihnen ablaufen, soll damit nicht gesagt sein, dass diese immer bewusst oder sogar willentlich ablaufen. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verzichte ich aber darauf, jedem einzelnen Aspekt den Zusatz »bewusst oder unbewusst« anzuhängen – wenngleich natürlich ein Großteil dessen, was hier beschrieben wird, auf einer unbewussten Ebene geschieht. Gerade dem männlichen Leser würde ich ja nicht viel Neues bieten, wenn ich nur das zusammenfassen und systematisieren würde, was ihm ohnehin schon bewusst ist. Ich erwähne dies dennoch so explizit, weil manche Psychotherapie-Klienten Rückmeldungen oder Erklärungen mit der Bemerkung von sich weisen, dass sie dieses oder jenes Verhalten »nicht bewusst« an den Tag gelegt hätten.

… und für Frauen

Dieses Buch ist in erster Linie »von Männern, über Männer und für Männer« geschrieben. Es basiert auf den Gedanken und Erfahrungen eines Männertherapeuten und zahlreicher Männerklienten, die immer wieder zu Wort kommen werden. Allerdings habe ich in letzter Zeit die Erfahrung gemacht, dass auch Frauen sich sehr intensiv mit dem »Männer-Thema« beschäftigen. Mein Kollege Wolfgang Neumann und ich haben vor einigen Jahren ein Fachbuch über Männerpsychotherapie geschrieben (»Den Mann zur Sprache bringen – Psychotherapie mit Männern«) und waren erstaunt, wie viele Frauen sich dafür interessierten. In erster Linie natürlich Psychotherapeutinnen, die Hilfe im Umgang mit ihren männlichen Klienten suchten. Aber auch viele »normale« Frauen fühlten sich einerseits hinsichtlich eigener Schwierigkeiten in ihrer Partnerschaft verstanden und waren andererseits zu etwas mehr Verständnis gegenüber »ihren« Männern gelangt.

Eine Frau etwa, so erzählte sie mir im Anschluss an eine Lesung, hatte nach der Lektüre unseres Buches ihrem Mann psychologische Beratung empfohlen. Nach der Rückkehr des folgsamen Gatten vom ersten Besuch beim Therapeuten suchte sie dann sofort das Gespräch: »Und, wie war für dich die erste Stunde bei dem Psychologen, erzähl mal?!« Sie erhielt darauf die »männlich-ergebnisorientierte« Antwort: »Och, ganz gut gelaufen!« Diese Antwort ließ sie weiter (und wieder einmal) allein. Sie fühlte sich gekränkt, empört, resigniert. Dann aber erinnerte sie sich an unsere »humorvolle Hartnäckigkeit«, wie sie es nannte, nahm ihren Mann in den Arm und sagte freundlich: »So schnell gebe ich nicht auf!« Da musste er lachen, und es entwickelte sich ein für beide sehr bewegendes Gespräch, das den ganzen Abend andauerte. »Obwohl er nicht alles aus dem Erstgespräch erzählen wollte!«, fügte sie ihrer Erzählung mit gespielter Entrüstung hinzu, worauf mir ein spontanes »Gut so!« herausrutschte.

Aufgrund solcher Rückmeldungen wollte ich das vorliegende Buch so schreiben, dass es auch für jene Frauen interessant sein könnte, die gerne mehr wüssten vom Innenleben der Männer, aber selten etwas davon erfahren. Wobei es für die jeweilige Frau wahrscheinlich noch interessanter ist, etwas über das Innenleben ihres Mannes zu erfahren – so wie es für manchen Mann befriedigend sein könnte, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse stärker in den Blick zu nehmen und eventuell auch etwas davon zu berichten. Damit diese sehr umfassenden Zielvorstellungen verwirklicht werden können, muss das äußerst komplexe Thema »Männlichkeit« komprimiert und in überschaubare Einzelaspekte gegliedert werden. Wie bei einem Reiseführer, der die enorme Vielfalt eines Landes für eine nur zwei- oder dreiwöchige Rundreise aufbereitet. Und so wie man sich in einem Reiseführer während des Urlaubs manchmal Notizen macht, Ergänzungen, Hervorhebungen, Berichtigungen, so können auch die Einzelteile dieses »psychologischen Reiseführers« immer um persönliche Anmerkungen des männlichen Lesers erweitert werden.

Die Reise ins Innere

Ich möchte Sie, lieber Leser, liebe Leserin, also mitnehmen auf eine Rundreise durch die männliche Seele, will Sie wegweisend begleiten, Ihnen erklärend und unterhaltend zur Seite stehen. Allerdings wird auf dieser Rundreise mehr von gemeinhin als negativ erachteten Gefühlen die Sprache sein als etwa von Freude, Stolz, Liebe und Leidenschaft. Es wird eher eine Entdeckungsreise werden als ein Strandurlaub. Wir werden uns häufig auf schwieriges Terrain begeben, innere Regionen betreten, die wir sonst gerne umschiffen, weil wir uns nicht so sicher darin bewegen können: Schuld, Angst, Hilflosigkeit, Einsamkeit. Dies soll keineswegs suggerieren, dass Männer grundsätzlich mehr von negativen Gefühlen bestimmt sind als von positiven. Es ist nur einfach so, dass die meisten als angenehm erlebten Gefühle offensichtlich sind. Freude, Begehren oder Begeisterung liegen in der Regel gut sichtbar an der Oberfläche, weil Männer nur wenig Probleme damit haben, sie zu erkennen und auszudrücken. Es braucht keinen Wegweiser und keinen Reiseführer, um sie zu finden und mit ihnen zurechtzukommen. Die anderen Gefühle aber, die »schwachen«, zwiespältigen, schmerzlichen und auch die sehnsüchtigen Gefühle, die verborgenen Wünsche und Bedürfnisse, sie alle bedürfen der Nachhilfe, um gesehen, ernst genommen und nicht gleich wieder weggeschoben zu werden. Hier braucht es eine systematische Ermutigung von außen, zum Beispiel durch das psychotherapeutische Gespräch.

Herr Arnaud1 hat Medizin und Psychologie studiert und arbeitet als Berater in einem Gesundheitsladen. Er ist 47 Jahre alt, lang, dünn, mimisch starr und blass. Er berichtet, dass er in die Männerberatungsstelle komme, weil er »Glück im Unglück« gehabt habe. Vor zwei Wochen nämlich habe er einen Herzinfarkt erlitten, den er nur gerade so überlebt habe. Und das, obwohl er doch sonst immer der medizinische und psychologische Experte sei. »Vielleicht nur für die Herzensangelegenheiten anderer«, überlege ich laut. »Könnte stimmen«, sagt er und wiegt seinen Kopf hin und her. Herr Arnaud ist ein sehr besonnener Mann, der sich schwer tut mit Entscheidungen. »Das ist gut im Beruf, aber schlecht im Privaten«, sagt er, »da bin ich wie mein Vater.« »Hat das mit dem Unglück etwa auch Tradition in Ihrer Familie?«, frage ich. Er nickt langsam, sein Vater sei in der Résistance gewesen, habe deshalb nicht studieren können und sei aufgrund finanzieller Nöte auch nach dem Krieg nicht zum Studieren gekommen. Er habe dann Zeit seines Berufslebens unglücklich als einfacher Angestellter im Straßenbauamt gearbeitet. »Ihr Herz hat noch einmal Glück gehabt, nun soll Ihr Glück wohl ganz werden, sonst wären Sie nicht beim Therapeuten?«, mutmaße ich. Herr Arnaud nickt: »Obwohl meine Frau mir immer vorwirft, ich sei ein klassischer Schulmediziner, glaube ich dennoch an psychosoziale Faktoren wie Stress und Unglück bei der Genese von Herzerkrankungen.« »Wie bei Vater ist bei Ihnen das Glück an die Erfüllung Ihrer Wünsche gekoppelt«, doziere ich zurück, »und, Herr Arnaud, was wären denn so Ihre unerfüllten Herzenswünsche?« Er schweigt eine Weile betroffen, dann sagt er: »Ich weiß nicht, ob ich nach Frankreich zurückkehren soll und ob ich meine Ehe weiterführen soll!« »Vom Sollen zum Wollen!«, sage ich. »Das klingt nach einer Entscheidungsoperation am offenen Herzen.« Herr Arnaud grinst, wobei er plötzlich aussieht wie ein Lausbub, gar nicht mehr so blass und erschöpft.

Zu Beginn der nächsten Stunde macht Herr Arnaud allerdings wieder einen ziemlich herzkranken Eindruck. Ich spreche ihn auf diesen Lausbub-Gesichtsausdruck vom letzten Mal an und frage ihn, wo der denn geblieben wäre. Herr Arnaud nickt wieder auf seine besonnene Art und berichtet schließlich aus seiner Kindheit. Mit 11 Jahren sei er von seiner geliebten Mutter verlassen worden. Sie sei nach Frankreich zurückgegangen, und er habe schrecklich unter dem Verlust gelitten. Daraufhin sei er sehr ernst geworden und hätte sich zurückgezogen. »Sie haben Ihre Herzensgefühle unterdrücken müssen, um nicht unterzugehen?«, frage ich. Herr Arnaud schluckt und fängt schließlich an zu weinen. »Jetzt, wo ich fast 50 Jahre alt bin, merke ich es immer noch.« Nach einer Pause sagt er: »Aber jetzt kann ich weinen!«, und atmet schwer. »Als ob es noch nicht überwunden ist«, sage ich. »Was kann man da noch tun?«, fragt er mit dünner Stimme. »Sie könnten an Ihre Mutter als 11-jähriger Junge einen Brief schreiben, mit dem Inhalt, wie es Ihnen damals mit Ihrem Herzen ging«, schlage ich vor. Er lächelt, willigt ein und verlässt das Therapiezimmer, um den Brief sofort in einem nahen Café zu verfassen.

Als ich am Nachmittag nach draußen gehe, um etwas Luft zu schnappen, sehe ich im Briefkasten einen großen Briefumschlag, an mich adressiert. Der Umschlag enthält eine Kopie des zutiefst bewegenden »Mutterbriefes« von Herrn Arnaud, einer unendlich traurigen und ebenso liebevollen Beschreibung der Gefühlswelt des 11-jährigen Jungen sowie seines weiteren Werdegangs. Ich lese den Brief sofort an Ort und Stelle und muss mir am Ende die Tränen der Rührung aus den Augenwinkeln wischen, da ich meinen nächsten Klienten über den Hof kommen sehe. Behutsam stecke ich den Brief in den Umschlag zurück – auf der Rückseite steht in großen Lettern: »Tränen der Freiheit. Bis nächste Woche, François Arnaud.«

Schritt für Schritt

Weil diese schmerzlichen oder sehnsüchtigen Gefühle von Männern oftmals nicht wahrgenommen und schon gar nicht ausgedrückt werden, wird ihnen hier so viel Aufmerksamkeit zuteil – ganz so wie in einer Psychotherapie. So ähnelt auch der Aufbau des Buches, also der Reise, in grundlegender Hinsicht dem therapeutischen Prozess:

1. »Reisevorbereitungen«: Die Männer kommen häufig in die Therapie mit einer großen Angst vor und einer starken Abwehr von Gefühlen. Ein wahrhaftiger, ein durch und durch ehrlicher Blick auf die eigenen Schwierigkeiten ist so noch nicht möglich. In der Anfangsphase der Therapie beschäftigen wir uns daher zwangsläufig viel mit der Frage der Bedeutsamkeit von Gefühlen. Denn ohne die Gefühle führt die Reise ins Nichts.

2. »Geschichtliches«: Die Suche nach Erklärungen, nach Wurzeln der Schwierigkeiten in der eigenen Lebensgeschichte spielt gerade zu Therapiebeginn ebenfalls eine herausragende Rolle.

3. »Gespaltenes Land«: Früher oder später wird so das »männliche Dilemma« des Klienten, also die Hin- und Hergerissenheit zwischen Gefühlsabwehr und Gefühlssehnsucht, sicht- und spürbar.

4. »Sitten und Gebräuche«: Logischerweise stehen auch die typischen Männerthemen (Leistung, Konkurrenz, manchmal Gewalt) auf der therapeutischen Tagesordnung, da dies die Aspekte sind, die die Männer von sich aus ins Gespräch einbringen. Die jeweiligen männlichen Macken und Lebensbewältigungsprinzipien werden nach und nach immer deutlicher und vom Therapeuten thematisiert.

5. »Touristische Highlights«: Dabei werden ebenso die individuellen Stärken des Mannes hervorgehoben, auch die typisch männlichen, wenn sie denn hilfreich sind und nicht dem Ziel der Annäherung an die eigene Innenwelt im Wege stehen.

6. und 7. »Einheimischen-Kontakt« und »Sehenswürdigkeiten und Geheimtipps«: Schon während der Therapie-Anfangsphase wurden immer wieder individuelle Gefühle und Bedürfnisse angesprochen und ins Bewusstsein gerückt. Diese Gefühle sowie gute Umgehensweisen damit stehen schließlich und endlich im Mittelpunkt der therapeutischen Arbeit. Positive und effektive Lösungen für die eigenen Schwierigkeiten zu finden ist dann meistens, wenn alle Phasen erfolgreich durchlaufen wurden, gar nicht mehr das größte Problem.

In der Therapie, ebenso wie in diesem Buch, steht also das am Anfang, was den Männern leicht fällt und ihnen vertraut ist, nämlich eine eher analytische Herangehensweise. Eine solche rationale Beschäftigung mit dem Thema »Männlichkeit« wird in den beiden ersten, an theoretischen Erklärungen orientierten Kapiteln vorrangig sein. Schritt für Schritt wird diese theoretische Darstellung immer mehr angereichert werden mit einer eher subjektiven, gefühlsorientierten Betrachtungsweise, welche dann letztlich vorherrschend sein wird. Wenn Sie sich selbst eher als Praxis-Mensch denn als TheoretikerIn betrachten, könnten Sie jetzt natürlich diese etwas sachlicheren Kapitel überspringen und die Reise im »Gespaltenen Land« beginnen. Als Ihr Reiseleiter möchte ich Ihnen allerdings dazu raten, es einfach einmal mit der Theorie zu versuchen. Sie werden erleben, dass die gesamte Reise dadurch erheblich erleichtert und bereichert wird. Denn für ein tieferes Verständnis der innerpsychischen Situation von Männern sind diese beiden »Theorie-Kapitel« unabdingbar. Als kleine Unterstützung bei der Lektüre gibt es im Anhang des Buches ein Glossar, in dem Fachbegriffe (im Text in fett gesetzt) allgemeinverständlich erklärt werden. Zudem werden die zahlreichen Fallbeispiele aus dem therapeutischen Alltag die betreffenden Themen veranschaulichen – und auch immer schon Ansätze aufzeigen, wie mit dem jeweiligen Gefühl oder Konflikt positiv umgegangen werden kann.

Kapitel 2
Geschichtliches – Die Entwicklung der männlichen Identität

Die Reise in die Vergangenheit, also die Frage danach, warum Männer einen im Vergleich zu Frauen erschwerten Zugang zu den eigenen Gefühlen haben, führt uns zunächst unweigerlich zu dem riesigen Thema der Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Seit eh und je wird diese Frage im Spannungsfeld zwischen Soziologie und Soziobiologie intensiv be- und verhandelt. Unter dem Begriff »Anlage-Umwelt-Debatte« hat sie längst Einzug in den normalen Sprachgebrauch sowie eine Vielzahl von Sachbüchern gefunden.

Anlage oder Umwelt? Anlage und Umwelt!

Ich möchte die Debatte an dieser Stelle weder erklärend aufgreifen noch inhaltlich weiterführen. Es sei lediglich erwähnt, dass es natürlich gewisse anlagebedingte biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Auch wenn alle Menschen zu etwa 99 Prozent genetisch identisch sind, bleibt ein gewisser Spielraum für Variationen. Dass die Natur diesen durchaus genutzt hat, ist angesichts der Verschiedenheit des einen Geschlechtschromosoms (XX bei Frauen, XY bei Männern) und den daraus resultierenden Unterschieden offensichtlich. Problematisch ist jedoch, was im pseudo-wissenschaftlichen Diskurs aus dieser einen chromosomalen Unterschiedlichkeit gemacht wird. Übertreibungen, Festschreibungen und schlichte Fehlinterpretationen sind hier an der Tagesordnung.

So wird etwa in populärwissenschaftlichen Ausführungen oft aus einem quantitativen Unterschied ein qualitativer gemacht. Das bedeutet, dass eine Geschlechtsdifferenz bezüglich des Ausmaßes eines bestimmten Verhaltens einfach zu einem prinzipiellen Geschlechterunterschied erklärt wird. Aus der Beobachtung, dass Jungen in Konfliktsituationen etwas mehr aggressives Verhalten zeigen als Mädchen, wird so die plakative, aber vollkommen falsche Aussage: »Jungen sind aggressiv, Mädchen sind vermeidend.« Unter Berufung auf die teilweise unterschiedlichen Erbanlagen von Frauen und Männern werden so einzelne Fähigkeiten oder Verhaltensweisen grundsätzlich mit einem Geschlecht verknüpft. Das mag provokativ und prägnant sein. Wissenschaftlich gesehen ist es allerdings Unsinn.

Gen-Analysen fossiler Überreste unserer Vorfahren haben ergeben, dass sich das menschliche Erbgut seit etwa 100 000 Jahren kaum verändert hat. Wenn die genetische Ausstattung also allein (oder auch nur überwiegend) verhaltens- und erlebenssteuernd wäre, würden Sie jetzt nicht dieses Buch lesen, sondern ein paar Faustkeile herstellen, Beeren sammeln oder einfach ein bisschen auf einem Baum herumhängen. Ich überlasse Ihnen selbst zu entscheiden, welche dieser Alternativen die attraktivste ist. Auf jeden Fall illustriert dieser kurze Verweis auf die Menschheitsgeschichte die enorme Bedeutung der Umweltbedingungen für die individuelle Entwicklung des Menschen. Dies gilt sogar für solche Aspekte, die unzweifelhaft eine biologische Grundlage haben Denn wie mit solchen biologischen Gegebenheiten umgegangen wird, ist ein kulturelles Phänomen.eine