Karl Gebauer

Klug wird niemand von allein

Kinder fördern durch Liebe

Patmos Verlag

»Man meint immer, man müsse alt werden um gescheit zu sein; im Grunde aber hat man bei zunehmenden Jahren zu tun, sich so klug zu verhalten, als man gewesen ist.« (Johann Wolfgang von Goethe)

Für
Beatrix

Inhalt

Dank

Einleitung

Kapitel 1: Die Wurzeln des Erfolgs

Von der Zauberkraft des Spiels

Spiel und Hirnentwicklung

Geborgenheit als Grundausstattung

So funktioniert unser Gehirn

Kapitel 2: Die Bedeutung der Eltern für gelingendes Lernen

Eltern müssen die richtige Balance finden

Sichere Bindung: Wenn Eltern Halt geben und Zuwendung schenken

Der Einfluss von Beziehungserfahrungen in der Familie

Kapitel 3: Elementare Bildung im Kindergartenalter

Klugwerden im Kindergarten

Beobachtung und Reflexion des kindlichen Verhaltens

Wie Eltern in die Arbeit des Kindergartens einbezogen werden können

»Bald bist du ein Schulkind«

Kapitel 4: Bildungsdampfer Schule

Innovation – Motivation: Bedingungen für das Klugwerden

Auf die Beziehung kommt es an

Die zerstörerische Kraft von Stress

Klugheit und Gesundheit im Dialog

Auf dem Weg zu emotional-sozialer Kompetenz

Vision

Kapitel 5: Klugwerden durch tragende Beziehungen

Komplexe Herausforderungen für Familie und Schule

Wenn die familiäre Erziehung unzureichend ist

Keine Klugheit ohne Zuwendung und Unterstützung

Kapitel 6: Klugheit entdecken

Strukturen von Klugheit

Der Weg ist entscheidend – Wissen allein genügt nicht

Ausblick

Anhang

Literatur

Zitatnachweise

Dank

Ich danke den vielen Schülerinnen, Schülern und Eltern, die mir in vertrauensvollen Gesprächen wichtige Einblicke in ihre Vorstellungen vom Klugwerden gegeben haben.

Besonders danke ich den Kolleginnen und Kollegen aus Gymnasien, Hauptschulen, Realschulen, Berufsbildenden Schulen, Gesamtschulen und Grundschulen, die mich bei meiner Arbeit unterstützt haben. Dieser Dank richtet sich auch an die Erzieherinnen, die mir Einblicke in ihre Arbeit in Kindertagesstätten gewährt und von ihren Erfahrungen berichtet haben. Ebenso danke ich den in Schulen, Kindertagesstätten oder Kinderheimen tätigen Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen dafür, dass sie mich an ihren wichtigen Einsichten haben teilhaben lassen. Die Möglichkeit, mit ihnen allen ins Gespräch zu kommen und mit ihrer Hilfe zentrale Aussagen zu erfolgreichen Lernprozessen kritisch zu prüfen, hat meine Sicht über das Klugwerden sehr erweitert.

Danken möchte ich auch Prof. Dr. Christina Krause für wertvolle Hinweise bei der Interpretation meiner Erhebungen und Frau Dr. Christiane Neuen vom Patmos Verlagshaus für hilfreiche Anregungen bei der Manuskriptbearbeitung.

Ein herzlicher Dank gilt meiner Frau Beatrix für den anregenden Gedankenaustausch bei der Entstehung des Buches.

Einleitung

Gesund, lebensfroh und klug sollte ein Kind sein. Das wünschen sich viele Eltern. Was Klugsein bedeutet, wissen Kinder oft schon in einem sehr jungen Alter. Aber nicht alle kennen Wege, die zum Erfolg führen. Es gelingt ihnen nicht, die Quelle ihres Lernens zum Sprudeln zu bringen. Oft leiden sie darunter, sie resignieren und sagen Sätze wie: »Ich hab mich angestrengt, aber hab’s nicht geschafft. Nun bin ich auf der Hauptschule, bin abgestürzt, hab keine Chance.« Ganz anders reden fünfzehnjährige Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums: »Klug ist, wer viel Allgemeinwissen hat, aber auch alltägliche Sachen beherrscht, wie Kochen, Nähen, Rasenmähen. Klugsein kann man aber nicht lernen wie Kochen und man wird auf keinen Fall von heute auf morgen klug.« Dahinter ist die Wahrnehmung verborgen, dass man Strategien und einen langen Atem braucht, um klug zu werden.

Die Bedingungen müssen stimmen

Die Bedingungen für gelingende Lernprozesse sind äußerst vielfältig. So gilt als gesichert, dass eine ausreichende materielle Sicherheit der Familien sowie ein gutes Familienklima mit regelmäßigen gemeinsamen familiären Aktivitäten als bedeutsam für das Wohlergehen und für die Zukunftschancen eines Kindes anzusehen sind. Eine ungünstige Konstellation für die Entwicklung eines Kindes liegt dann vor, wenn zur Armut in der Familie noch geringe Zuwendung hinzukommt.

Ein gewisser Ausgleich kann in Kindergarten und Schule geschaffen werden, wenn Erzieherinnen, Lehrerinnen und Lehrer ihren Kindern und Schülern eine emotionale Beziehung anbieten. Nur dann können sich unsichere Bindungserfahrungen umwandeln. So kann eine neue Grundlage für Vertrauen geschaffen werden.

Sehr ausführlich wurden diese Prozesse in den letzten Jahren in Entwicklungspsychologie, Säuglings-, Bindungs-, Hirn- und Schulforschung untersucht und beschrieben. Wir wissen heute viel über gelingende Entwicklungsprozesse. Dennoch ist die individuelle Entwicklung eines Menschen immer noch ein Geheimnis. Wir sollten uns darüber freuen, wenn ein Kind mit Eifer bei der Sache ist und einen gesunden Lernwillen entfaltet, und es vor ungünstigen Einflüssen schützen. Vor allem aber sollten wir nicht dem Trugschluss verfallen, dass die Weichen für eine günstige Entwicklung bereits gestellt wären, wenn wir nur genügend Daten über ein Kind sammelten.

Bildungsdampfer in Schieflage

Neben der individuellen Ausgangslage und der Einbettung in die jeweilige familiäre Situation spielen vor allem institutionelle und gesellschaftliche Rahmenbedingungen bei der Entwicklung eines Kindes eine große Rolle. Bereits in den letzten Jahren hat – nicht zuletzt durch die Ergebnisse der PISA-Studien – eine intensive Diskussion über Bildungsfragen eingesetzt. Bildungsstandards wurden formuliert und neue Rahmenrichtlinien entwickelt. Es gibt eine Fülle kluger Abhandlungen zu erforderlichen Veränderungen in der Bildungspolitik. Die Notwendigkeit von Ganztagsschulen, Ganztagskindergärten und der Ausbau von Hortplätzen für Grundschulkinder wird gesehen und deren Realisierung auch vorangetrieben. Gleichzeitig machen Schlagworte wie Vergleichbarkeit von Schulabschlüssen, Intelligenz, Disziplin, Zentralabitur von sich reden. Übersehen wird dabei leicht, dass Kompetenzen, die eine reife Persönlichkeit ausmachen, zugunsten von überprüfbaren Fähigkeiten und Fertigkeiten ausgeblendet werden.

Durch diese einseitige Blickrichtung ist der Bildungsdampfer in eine gefährliche Schieflage geraten. Die hohen Erwartungen gegenüber der jungen Generation, oft verbunden mit Hinweisen, sie würde die geforderten Voraussetzungen für den Einstieg ins Studium oder in die Berufsausbildung nicht schaffen oder nur bedingt dafür geeignet sein, erzeugen einen starken Druck. Dieser wird noch dadurch verstärkt, dass er von vielen Erwachsenen entweder geleugnet oder kleingeredet wird. Die Schülerinnen und Schüler müssten sich nur mehr anstrengen oder es müsse in der Schule wieder stärker auf Disziplin geachtet werden, heißt es in zahlreichen Veröffentlichungen und offiziellen Stellungnahmen. Es drückt sich darin eine unzulässige Schuldzuweisung an die Kinder und Jugendlichen aus, die eine Entwicklung der jungen Menschen zu reifen Persönlichkeiten erschwert.

Eine Gesellschaft, die meint, nur über eine ständige Überprüfung ihren Nachwuchs angemessen für Zukunftsaufgaben vorbereiten zu können, begeht einen ungeheuerlichen Fehler: Sie schenkt den Kindern und Jugendlichen kein Vertrauen und nimmt der nachwachsenden Generation damit die Chance, selbst Vertrauen zu entwickeln. Damit hat sie das potenzielle Versagen ihres Nachwuchses im System etabliert.

Was ist mit »klug« gemeint?

Ich habe für meine Ausführungen den Begriff »klug« gewählt, weil er in der aktuellen Diskussion kaum eine Rolle spielt. Er ist unverbraucht, obwohl er in der Geschichte – nicht nur des pädagogischen Denkens – immer eine Bedeutung hatte. So zählt die Klugheit neben Mäßigung, Tapferkeit und Gerechtigkeit schon bei Platon zu den vier Kardinaltugenden.

Der Begriff Klugheit hat viele Facetten. Er meint nicht nur einen Zustand, sondern auch den individuellen Entwicklungsprozess eines Menschen, seine Bestrebungen zum Klugwerden. Dabei braucht ein Kind auf seinem Weg zugewandte Erwachsene (Eltern, Großeltern, Freunde, Geschwister, Erzieherinnen, Lehrer), die Interesse an seiner Entwicklung haben, seine Eigenaktivitäten unterstützen und auch wertschätzen. Auf diese Weise entwickelt ein Kind Interesse an sich und seiner Umwelt. Es sammelt durch konkretes Tun Erfahrungen, die als Wissen gespeichert werden. Dabei setzt es immer differenziertere Formen der Selbst- und Welterkenntnis ein. Wissen, Denken, Fühlen und Handeln stehen in diesem Prozess in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander. Wissen umfasst vielfältige Inhalte aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen. Denken bezeichnet Strategien des Erkenntnisgewinns und der Reflexion, z. B. Sachverhalte beschreiben, Probleme erkennen und nach Lösungen suchen, Situationen interpretieren und Handlungen planen.

Klugheit beschreibt die Fähigkeit, im konkreten Einzelfall angemessen zu handeln. Dabei sollten möglichst alle für die Situation relevanten Faktoren berücksichtigt werden. Neben elementaren Fähigkeiten wie die Beherrschung der Kulturtechniken gehören auch Kreativität, Urteils- und Kritikfähigkeit dazu.

Damit diese Prozesse gelingen können, müssen Kinder und Jugendliche ihre Gedanken, Ideen und Absichten anderen transparent machen können. Dazu müssen sie sich eine Kommunikationskompetenz aneignen. Und schließlich gehören emotionale und soziale Fähigkeiten wie Toleranz, Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft dazu. Zur Klugheit gehört es auch, sich in die Gedankenwelt anderer hineinversetzen zu können (Empathie). Gesundheitsbewusstsein ist in diesem Zusammenhang ebenfalls wichtig. Klugheit meint den verantwortungsbewussten Umgang mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit der Natur. Ein kluger Mensch hat die Fähigkeit zu einem selbstbestimmten und solidarischen Handeln entwickelt. Er ist in der Lage, Anteil am kulturellen und politischen Leben zu nehmen. »Klugheit« ist in diesem Sinne als umfassende psychosoziale und kognitive Kompetenz anzusehen.

Ein anderer Blick auf Bildung ist notwendig

Vor diesem Hintergrund kommt es auf einen Perspektivwechsel sowohl in der Bildungspolitik als auch in der täglichen pädagogischen Arbeit mit Kindern an. Es geht darum, dass Erzieherinnen und Lehrkräfte Interesse an den Lernbemühungen jedes einzelnen Kindes und Jugendlichen entwickeln. Der Blick auf die Ergebnisse ist wichtig, viel wichtiger aber ist das Interesse für die Lernbemühungen der Kinder.

Wie die Wege zum Klugwerden aussehen und welche Orientierungen dabei die modernen Wissenschaften geben können, darum geht es in diesem Buch.

Es dürfte sich lohnen, bei den Kindern und Jugendlichen selbst nachzufragen, was es mit dem Klugsein auf sich hat. Ausschnitte aus Gesprächen mit ihnen werden daher die Ausführungen in den einzelnen Kapiteln unterstützen.

Alle Namen im Buch sind aus Gründen der Anonymität verändert. Die ausgewählten Beispiele sind charakteristisch für bestimmte Situationen. Es ist daher vorstellbar, dass Leserinnen und Leser irrtümlich den Eindruck gewinnen, es sei genau ihr Fall beschrieben. Die Beispiele sollen aber lediglich eine typische Problematik verdeutlichen.

Kapitel 1: Die Wurzeln des Erfolgs

Die wichtigste Form des Lernens in den ersten Lebensjahren beruht auf der Eigenaktivität der Kinder, die durch Anregungen der Eltern angemessen unterstützt werden sollte. Das Kind braucht die Anregung und den Umgang mit vertrauten Personen, um sich sozial, sprachlich und auch geistig entwickeln zu können. Es hat einen starken inneren Drang, selbstständig zu werden. Kenntnisse über seine Umwelt erwirbt ein Kind in der spielerischen Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Gegenständen. Durch die achtsame Anwesenheit, das Zuschauen oder Mitspielen der Erwachsenen erleben Kinder ein Gefühl von Gemeinsamkeit, Geborgenheit und Bedeutsamkeit.

Von der Zauberkraft des Spiels

»Zweierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist – Geborgenheit und Freiheit. […] in unseren Spielen waren wir herrlich frei und nicht überwacht.« (Astrid Lindgren)

Allein dadurch, dass Eltern sich Zeit nehmen, Interesse für das Spiel ihrer Kinder aufbringen und gelegentlich auch mitspielen, signalisieren sie ihrem Kind, dass es ihnen etwas bedeutet. Das gilt z. B. auch für das gemeinsame Betrachten von Bilderbüchern, für das Vorlesen und Erzählen. Das abendliche Ritual vor dem Einschlafen gehört bei kleineren Kindern zu den wichtigsten Zeiten im Tagesablauf, in denen sie die Erfahrung von Geborgenheit brauchen und auch erleben können.

Aktiv im Spiel die Welt gestalten

Spielen ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Im Spiel macht sich das Kind mit seiner sozialen und materiellen Umwelt vertraut, sucht sie zu begreifen und auf sie einzuwirken. Die treibenden Kräfte sind seine Neugier und Eigenaktivität. Ein grundlegendes Interesse an der eigenen Person und der Welt entwickelt sich, wenn das Kind von den Eltern Anregungen erhält und mit ihnen kommunizieren kann. Das Spielen erlaubt ihm, neue Fertigkeiten zu erproben, Lösungen und Strategien für immer komplexere Probleme zu finden und schließlich auch emotionale Konflikte zu bewältigen. Der Ernst, die Freude und Begeisterung im Spiel spiegeln die innere Motivation wider, die belebte und unbelebte Umwelt zu erkunden, Regeln und Zusammenhänge zu entdecken und selbst etwas zu bewirken. Im Spiel kann das Gewinnen und Verlieren gelernt werden. Hier erfolgt auch der Aufbau von Frustrationstoleranz. So wird das Spiel zu einer unersetzbaren Quelle von Zufriedenheit, Selbstsicherheit und positivem Selbstwertgefühl.

Weitaus wichtiger als die Auswahl von Spielzeug und Förderaktivitäten ist die Kommunikation, die Verständigung mit dem Kind. Das Spiel schafft einen Rahmen, in dem Eltern und Kind ihre Aufmerksamkeit gemeinsam auf einen Gegenstand lenken. Sie teilen Anspannung, Aufregung und Freude miteinander und tauschen sich darüber aus. Im Spiel erschaffen sich Eltern und Kind ihre gemeinsame Erfahrungswelt und Sprache. Sie regen so – das muss ihnen beim Spiel natürlich nicht bewusst sein – die strukturbildenden Elemente im kindlichen Gehirn an und schaffen dadurch die Voraussetzungen sowohl für die spätere Konzentrationsfähigkeit als auch für die Fähigkeit, komplexe Strukturen zu durchschauen und handlungsfähig zu bleiben.

Allerdings scheint die Fähigkeit zu spielen sowohl bei vielen Kindern als auch bei Eltern in beunruhigendem Maße verloren zu gehen. Säuglingsforscher beobachten schon bei vielen noch ganz jungen Kindern eine Spiel-Unlust. Viele Eltern spielen ungern. Die Folge ist, dass viele Kinder nicht mehr über ausreichende positive Erfahrungen ihrer Selbstwirksamkeit verfügen.

Spiel – eine Quelle der Klugheit

16-jährige Schülerinnen und Schülern eines Gymnasiums antworteten auf die Frage, welche Situationen in ihrem Leben ihre Lernmotivation und Lernfreude entscheidend beeinflusst hätten, mit der Schilderung von Spielsituationen aus ihrer Kindheit.

Ina (16): »Wenn es regnete, dann saß ich oft mit meinem Papa und meinem Onkel am Tisch und wir bauten gemeinsam mit Legosteinen. Ich sehe die Situation heute noch vor mir. Die beiden haben sich gefreut. Ich glaube, sie haben sich noch einmal als Kinder erlebt. Mit Barbis habe ich auch gespielt.«

Katharina (16): »Ein Ponyhof, ein Zirkus, ein Zoo – mit Playmobil war alles möglich. Mit meinen fünf Freundinnen haben wir uns stundenlang über Tage hinweg in unseren Fantasieräumen bewegt. Das war alles sehr kreativ. Wir haben nicht nur diese Dinge konstruiert, wir haben uns auch Geschichten dazu ausgedacht.«

Jacob (16): »Mit meinen Geschwistern und meinem Vater haben wir nach Weihnachten mit Lego gespielt. Das Eigenartige dabei ist, dass wir gebaut und gebaut haben. Manchmal hatten wir das ganze Zimmer zugebaut. Da gab es einen Bereich für Eskimos und dann war da eine große Eisenbahnanlage. Und wenn wir damit fertig waren, dann war das Projekt auch zu Ende. Gespielt haben wir dann nicht mehr damit. Das Entscheidende bestand in der Konstruktion.«

Anne (17): »Ich sehe eine Verkleidungskiste. Es gab nichts, was wir nicht gespielt haben. Oft haben wir Schule gespielt.«

Wenn wir diese Aussagen von Jugendlichen mit Ergebnissen und Interpretationen der Säuglingsforschung in Beziehung setzen, dann findet sich in ihnen eine Bestätigung der dort geäußerten Annahmen: Man fand heraus, dass das ausgiebige Spiel in der Kindheit die Grundlage für Motivation, Konzentration und Lernlust bildet. Die Säuglingsforschung legt die Vermutung nahe, dass eine der Ursachen für spätere Unkonzentriertheit u. a. im Rückgang der Spiellust bei kleinen Kindern zu suchen ist. In der Schule fallen Kinder, die keine Chance hatten, das ruhige Spielen zu lernen, oft durch Verhaltens- und Lernprobleme auf. Sie können sich nicht auf Unterrichtsinhalte konzentrieren, Lerninhalte nicht im Gedächtnis behalten und sie daher auch nicht in neuen Zusammenhängen anwenden. Es fehlt die Motivation, sich konzentriert und über einen längeren Zeitraum der Lösung eines Problems zu widmen. Die Ursache dafür könnte sein, dass sich diese Kinder bei wichtigen Entwicklungsschritten nicht angemessen auf die Lösung des jeweiligen Problems konzentrieren konnten. Anders ergeht es Kindern, die eine wohlwollende Begleitung ihrer Eltern haben. Es gilt daher, das Spiel als unersetzbare Ressource der frühkindlichen Entwicklung zu schützen.

Druck zerstört die Spielfreude

Manche Eltern haben hohe Erwartungen an sich selbst und ihr Kind. Sie wollen nichts versäumen, was ihr Kind fördern könnte, und setzen damit sich selbst und ihr Kind unter Druck. In einem Klima überhöhter Erwartungen und einem Überangebot von Spielzeug und Förderinitiativen können jedoch Neugier und Eigeninitiative des Kindes nicht gedeihen.

Das Haupterfahrungsfeld für Babys und Kinder ist das Spiel. Voraussetzung für Spielfähigkeit ist körperliches und seelisches Wohlbefinden. Im Spiel setzt sich ein Kind durch permanente Gestaltung mit sich selbst und der Welt auseinander. Seine Selbstentwicklung basiert auf unendlich vielen Interaktionserfahrungen mit anderen Menschen in der jeweiligen Umwelt. Eltern, die sich in das Spiel ihrer Kinder einfühlen können, tragen daher nicht nur zu einer stabilen Bindung und zur Erfahrung von Geborgenheit bei, sie eröffnen den Kindern die Möglichkeit, ihre Erfahrungen in inneren Bildern, Geschichten und Erzählungen anzulegen und zu speichern. Damit tragen sie entscheidend zur kognitiven Entwicklung bei, denn unser Gehirn enthält nicht Erinnerungen an einzelne Objekte, sondern an die emotionale Einbettung dieser Objekte in eine als bedeutsam erlebte Situation. Es sind die Szenen, die Erzählungen, die persönlichen Erlebnisse, die als erste Repräsentanten so etwas wie eine Grund-Matrix ausbilden, auf der sich später abstrakte Gedanken und Erinnerungen abbilden. Hier werden die Grundlagen für die im Leben so wichtige Lernmotivation gelegt.

»Ich genieße die Zeit mit meinen Kindern«

Ein Kind will, wenn es nicht daran gehindert wird, seine Umwelt entdecken und gestalten. Es verfügt allerdings noch nicht über genügend Erfahrungen, um diese Anforderungen auch zu bewältigen. Damit gehen Ängste einher. Das Kind ist auf Schutz, Hilfe und Anregungen durch Erwachsene angewiesen. Seine Umwelterkundungen, die auch entscheidend für die spätere Lernmotivation sind, brauchen einen sicheren Hort, zu dem das Kind immer wieder zurückkehren kann.

Der Erwerb dieser Grundlagen ist abhängig von erwachsenen Vorbildern. Wobei dieser Begriff die innere Haltung und das konkrete Verhalten der Eltern zu ihren Kindern meint. Eine Mutter erzählt:

»Ich habe Freude an meinen Kindern, Freude an ihrer Entwicklung. An die Zeit, als sie anfingen zu sprechen, erinnere ich mich noch gut. Plötzlich merkt man, was denen so alles durch den Kopf geht. Einmal habe ich mit meiner dreijährigen Tochter ein Bilderbuch angeschaut. Dort ging es um zwei Freunde. Plötzlich erzählt sie von einem Freund aus ihrer Kindergartengruppe. Es ist schön zu erleben, wie Kinder solche Zusammenhänge erkennen und dann darüber reden. Ich verhalte mich intuitiv, versuche zu erfassen, was meine Kinder meinen, und reagiere darauf. Ich schaue gerne zu, wie sie miteinander spielen. Wenn ich dann sehe, welchen Spaß sie dabei haben, kann ich meine Freude darüber kaum in Worte fassen. Einen Erziehungsratgeber habe ich nie gelesen.

Meinem Mann fällt es nicht so leicht, sich auf die Kinder – wir haben einen einjährigen Sohn und eine dreijährige Tochter – einzustellen. Er erwartet Dinge, die sie noch nicht können.

Ich finde wichtig, dass sie Interesse zeigen, dass sie es frühzeitig lernen, Fragen zu stellen, und sich selbstständig entwickeln. Es ist nicht so, dass ich nur reagiere, ich bringe auch etwas ein. Ich lese gerne vor und betrachte zusammen mit ihnen Bilderbücher. Für mich ist es wichtig, dass mir das Buch auch gefällt.

Ich habe auch klare Vorstellungen darüber, wie sich meine Kinder anderen Menschen gegenüber verhalten sollen. Mich stört es zum Beispiel sehr, wenn ich sehe, dass andere Kinder aggressiv sind und die Eltern das einfach so zulassen. Kinder müssen lernen, auch auf andere Rücksicht zu nehmen.

Für meine Eltern stand klassische Bildung ganz oben. Sie hatten genaue Erwartungen an meine ältere Schwester und mich. Von ihr habe ich viel übernommen. Das Lernen ging fast von allein. In meiner ganzen Schulgeschichte gab es vielleicht zwei Lehrer, die mir was Neues erschlossen haben. Es gab sehr viele seltsame Gestalten unter ihnen. Wir haben sie trotzdem als ›Autoritäten‹ anerkannt.

Meine Motivation zum Lernen ist aus dem Zusammensein mit meiner Schwester entstanden. Wir waren beide gut in der Schule, von unseren Eltern erhielten wir viel Anerkennung. Eine kritische Haltung habe ich allerdings während meiner Schulzeit nicht entwickelt. Auch nicht während meiner Studienjahre. Ich habe einen Diplomabschluss. Erst während einer weiteren Ausbildung zu einem praktischen Beruf habe ich mir meine Kritikfähigkeit erarbeitet. Ich habe einen anderen und weiteren Blick für die Dinge des Lebens entwickelt, der weit über das hinausgeht, was man so unter Allgemeinwissen versteht. Ja – und mit diesem neuen und erweiterten Blick sehe ich unser gegenwärtiges Leben, sehe ich, wie unsere Kinder heranwachsen, und genieße die Zeit mit ihnen.«

Eigene Bildungs- und Lernerfahrungen und deren Reflexion werden an diesem Beispiel sichtbar.

Schätze der Kindheit

Gerade im Spiel mit anderen Personen (Eltern, Geschwistern, Freunden) kann ein Kind immer wieder die Erfahrung machen, dass eine bestimmte Spielentwicklung etwas mit seiner Entscheidung zu tun hat. Hinzu kommt die Aufregung, ob diese Entscheidung nun zu einem Erfolg oder Misserfolg führt. Das Kind erfährt sich als Urheber des weiteren Spielverlaufs. Hinzu kommt die große Freude beim Gewinnen. Aber auch die Fähigkeit, eine Niederlage einzustecken und damit eine Toleranzerfahrung für sich zu verbuchen, kann als positives Grundgefühl verinnerlicht werden.

Vor diesem Hintergrund ist Astrid Lindgrens Erfahrung, die sie kurz vor ihrem Tod einem Journalisten gegenüber geäußert hat, besonders gut nachvollziehbar: »Kinder sollten mehr spielen, als viele es heutzutage tun. Denn wenn man genügend spielt, solange man klein ist – dann trägt man Schätze mit sich herum, aus denen man später ein Leben lang schöpfen kann. Dann weiß man, was es heißt, in sich eine warme Welt zu haben, die einem Kraft gibt, wenn das Leben schwer wird.« (2002, S. 35)

Mit anderen Worten: Wer in seiner Kindheit und Jugend genügend Erfahrungen von Urheberschaft gemacht hat, dessen Leben birgt den Schatz einer ständigen Motivation. Wenn dieser Schatz in der frühen Kindheit nicht gefunden werden konnte, ist es dennoch nie zu spät, ihn zu entdecken. Das ist dann allerdings nur möglich, wenn es Menschen gibt, die eine zugewandte Haltung gegenüber einem vernachlässigten oder gar emotional und sozial verwahrlosten Kind entwickeln und pflegen.

Spiel und Hirnentwicklung

Kinder müssen fast alles, worauf es in ihrem späteren Leben ankommt, durch eigene Erfahrungen lernen. Die für diese Fähigkeiten verantwortlichen hochkomplizierten Nervenzellverschaltungen in ihrem Hirn stabilisieren sich jedoch nicht von allein. Sie müssen durch eigene Erfahrungen herausgeformt und gefestigt werden. Fördern lässt sich dieser Prozess nur dadurch, dass man Räume und Gelegenheiten schafft, wo Kinder sich selbst erproben können. Am besten gelingt das im Spiel. »Und wir spielten und spielten und spielten, sodass es das reine Wunder ist, dass wir uns nicht tot gespielt haben«, hält Astrid Lindgren in ihren Erinnerungen fest.

Zu den bahnbrechenden Erkenntnissen der Hirnforschung gehört die Entdeckung eines gehirneigenen Belohnungssystems. Kindliche Neugier, Entdeckerfreude und die damit verbundenen Glückserlebnisse führen zur Aktivierung des dopaminergen Systems. Dieses System verleiht den Dingen und Ereignissen um uns herum eine Bedeutung. Bedeutsam ist, was auch von den Eltern und Erzieherinnen als wichtig angesehen wird. Wird dem Spiel eine hohe Bedeutung beigemessen, dann werden nicht nur die oben genannten Fähigkeiten wie Konzentration, Fantasie, Ausdauer neuronal gebahnt, sondern es wird gleichzeitig die im Spiel erfahrene Freude und Begeisterung mit diesen Fähigkeiten gekoppelt. Hier werden die grundlegenden Bahnungsprozesse im kindlichen Gehirn angelegt, die auch später mit darüber entscheiden, ob sich ein Kind gerne neuen Aufgaben zuwendet und konzentriert lernen kann.

Was hat ein Mobile mit Lernfreude zu tun?

Stellen Sie sich ein Baby in seinem Körbchen vor. Über dem Körbchen ist ein Mobile befestigt. Das Kind greift danach, bringt das Objekt in Bewegung, freut sich daran. Zunächst sind es zufällige Bewegungen, die zum Antreiben des Mobiles führen, später werden sie gezielt eingesetzt, und das Kind macht die Erfahrung, dass das Ereignis etwas mit ihm zu tun hat. Es macht die Erfahrung der sogenannten Selbstwirksamkeit. Wenn dann Mutter und/oder Vater in der Nähe sind und die Freude mit ihrem Kind an dessen Tun teilen, dann erhält die Aktivität eine umfassende emotionale Komponente, sie gewinnt Bedeutung.

Entscheidend ist nun, dass ein Kind immer wieder diese oder ähnliche »Mobile-Erfahrungen« machen kann. Es braucht immer wieder die Bestätigung, dass ein Ereignis etwas mit ihm zu tun hat. So beginnt die Entwicklung des Selbst und die Motivation, aktiv auf die Suche nach diesen und anderen Erfahrungen zu gehen.

Im Spiel setzt sich ein Kind durch permanente Gestaltung mit sich selbst und der Welt auseinander. Hier werden die Grundlagen für die später so wichtige Motivation gelegt. Wird dieses Erfahrungsfeld eingeschränkt, versiegt nicht nur eine unerschöpfliche Quelle kindlicher Selbstwirksamkeitserfahrungen, sondern es kommt auch nicht zu einer differenzierten Ausbildung von Selbst- und Fremdwahrnehmungsprozessen. Die Selbstentwicklung eines Menschen basiert auf unendlich vielen Interaktionserfahrungen mit anderen Menschen und der sie umgebenden Umwelt. Das Haupterfahrungsfeld für Babys und Kinder ist und bleibt das Spiel. Wird diese Betätigungsmöglichkeit eingeschränkt, kommt es in der Folge zu Entwicklungsdefiziten im gesamten Bereich der Wahrnehmungsfähigkeit.

Voraussetzung für Spielfähigkeit ist ein körperliches und seelisches Wohlbefinden, das abhängig ist von Geborgenheits- und Sicherheitserfahrungen. Hier liegt die Hauptaufgabe von Eltern, Erzieherinnen und Lehrern, wenn es darum geht, die Grundlagen für eine erfolgreiche Bildung zu legen. Diese Phase wird auch für die hirnorganische Entwicklung eines Kindes als besonders wichtig angesehen. Die möglichst lange Aufrechterhaltung der kindlichen spielerischen Neugier, der vorbehaltlosen Begeisterungsfähigkeit, der enormen Entdeckerfreude und Offenheit für alles Neue ist die entscheidende Voraussetzung für eine zunehmend bessere Nutzung der genetischen Potenziale zur Ausbildung eines so komplex verschalteten und zeitlebens lernfähigen Gehirns, wie es nur wir Menschen besitzen. Den Erwachsenen kommt vor allem die Aufgabe zu, die Lebenswelt der Kinder so zu gestalten, dass sie dem Kind entwicklungsspezifische Erfahrungen ermöglicht.

Fantasieräume eröffnen

Lassen sich Eltern, Erzieherinnen und Lehrer auf das Spiel der Kinder ein, so haben sie eine unvergleichliche Chance, an der inneren Erfahrungswelt des Kindes teilzuhaben. Für die Kinder wiederum liegt in den vielfältigen Möglichkeiten des Spiels eine Ausweitung ihrer konkreten Erfahrungen in die unendlichen Welten der Fantasie. Diese vorgestellten und in der Vorstellung begehbaren Räume, das Erschaffen von Figuren und das Entwerfen von Handlungsabläufen fördern nicht nur die Fantasie, sondern über diese die differenzierte Ausbildung des kindlichen Gehirns. In der Rückschau erzählen Kinder:

Stefan (16): »Mit meinem älteren Cousin habe ich den ganzen Tag mit Lego gebaut. Wir haben ziemlich komplexe Sachen konstruiert. Das Spiel mit diesen Steinen hat mich die ganze Kindheit hindurch fasziniert. Es gab so viele Möglichkeiten jenseits der Festlegungen. Ich konnte meine Fantasien im Spiel umsetzen. Meine Eltern und mein Opa haben mich immer unterstützt. Sie haben mich zu einem selbstständigen Denken und Handeln angeregt.« Ein grundlegendes Interesse an sich selbst und der Welt ist auf die Anregung durch Eltern und auf Kommunikation mit ihnen angewiesen. Wenn Eltern diese Form der Zuwendung und die Ruhe zum Spielen nicht mitbringen, hat dies erhebliche Einflüsse auf die Motivation oder auf das Desinteresse an künftigen Entdeckungs- und Lernprozessen. Oft werden die Kinder solcher Eltern sehr unruhig und können sich nicht angemessen konzentrieren. Manchmal werden sie gegen sich oder andere Menschen aggressiv. Dies sind alarmierende Zeichen früher Störungen und sie haben erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklung des kindlichen Gehirns, denn wichtige Prozesse finden nicht oder nur eingeschränkt statt. Für das Lernverhalten der Kinder kann dies ein Rückgang an Motivation, Verstehen, Behalten, Erinnern, Erkennen von Zusammenhängen und eine eingeschränkte Fähigkeit beim Erkennen und Lösen von Konflikten bedeuten. Bei ihrer Suche nach emotionaler Sicherheit kreisen sie immer mehr um sich selbst, bis sie keinen Ausweg mehr sehen und schließlich ganz aufgeben.

Geborgenheit als Grundausstattung

Zu den wichtigsten Ergebnissen der Entwicklungsforschung gehört die Erkenntnis, dass ein Kind mit seiner Geburt aktiv beginnt, sein Leben zu gestalten. Seine Motivation zum aktiven Tun, seine Suche nach einem eigenen Selbst- und Weltverständnis setzen unmittelbar ein. Damit sie sich weiter entfalten können, brauchen Kinder liebevolle Zuwendung durch ihre Eltern. Die Erfahrung von Geborgenheit ist die entscheidende Grundlage aller späteren Lernprozesse. Hinzukommen muss eine wertschätzende Resonanz durch die ersten Bezugspersonen eines Kindes. Es braucht den körperlichen Kontakt. Das wissen und beachten die meisten Eltern.

Der Handlungsraum eines Kindes ist zunächst begrenzt, und so hat der Augenkontakt zwischen Mutter und Kind (die Mutter steht hier stellvertretend für die erste Bezugsperson) eine entscheidende Bedeutung. Ein Kind spiegelt sich in den Augen der Mutter. Das bedeutet, dass es neben dem direkten körperlichen Kontakt über den Blick der Mutter erfährt, ob es erwünscht ist und geliebt wird. Freude, Interesse, aber auch Desinteresse und Ablehnung nimmt ein Kind über den Augenkontakt zu seinen ersten Bezugspersonen wahr. Hier ist die Quelle für das später so wichtige Vertrauen, das Kinder brauchen, um sich und ihre Welt zu entdecken.