Mechthild Schroeter-Rupieper

Geschichten, die das Leben erzählt, weil der Tod sie geschrieben hat

Patmos Verlag

Und das noch …

Gerade ist der siebenjährige Leo da. Weil er direkt von der Schule kommt, hat er Hunger. Während er in meiner Praxis eine Notration erhält – einen warmen Kakao trinkt und ein Würstchen isst – sagt er kauend: »Frau Rupieper, du bist eine wirklich gute Frau!« Und als er nach eineinhalb Stunden von seinem Vater abgeholt wird und schon im Treppenhaus steht, kommt er noch einmal die Treppen hoch, schiebt die Praxistüre auf und sagt bedauernd: »Schade, dass du jetzt wieder alleine bist. Bis bald, ich komme wieder!«

Leo, was würde mir in meinem Alltag als Trauerbegleiterin alles fehlen, wenn ich euch kleinen Jungs nicht begegnen würde!

ÜBER DIE AUTORIN

© Autorenbild

Mechthild Schroeter-Rupieper ist Trauerbegleiterin. Ihr Institut »Lavia« bietet Familien die Möglichkeit, mit der eigenen Trauer leben zu lernen und zurück ins Leben zu finden. Darüber hinaus ist sie als Dozentin für Trauerbegleiterkurse und für SeelsorgerInnen und Lehrkräfte eine gefragte Lehrende. Sie ist verheiratet, hat drei Söhne und lebt in Gelsenkirchen.

ÜBER DAS BUCH

„Wie halten Sie das aus, die ganze Traurigkeit in Ihrem Job?“, wird die Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper oft gefragt. Dabei geht es oft sehr fröhlich zu in ihrer Arbeit, auch wenn die Trauer deshalb nicht wegzudenken ist. Und das zeigt sie in diesen lustigen und traurigen, tiefen und alltäglichen, schönen und manchmal skurrilen Geschichten aus ihrem ganz normalen Arbeitsalltag. „Leben und Tod, Lachen und Weinen gehören einfach zusammen“, sagt sie. Und vielleicht können diese Geschichten daher helfen, dem Tod wieder einen Platz in unserem Leben zu geben.

Ein buntes und tiefes Buch über das Leben und den Tod und dass das eine ohne das andere nicht zu haben ist.

Auch als Printausgabe erhältlich.

www.patmos.de/ISBN978-3-8436-0882-4

IMPRESSUM

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© 2017 Patmos Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern

Umschlaggestaltung: Finken & Bumiller, Stuttgart

ISBN 978-3-8436-0882-4 (Print)

ISBN 978-3-8436-0927-2 (eBook)

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Inhalt

Logik

Geschichten, die das Leben erzählt, weil der Tod sie geschrieben hat

Noch ein Vorwort


Dem Tod ins Auge sehen

Ein Nachmittag in der »Universum-Klinik«

Leib und Seele

Lohnt es sich?

Alte Geschwisterliebe

Hilflose Männer

Ich hätte später gerne Besuch!

Eine Erinnerung an Heiligabend

Schlimmer als der Tod?

Wenn Miteinander-Reden wie ein kleines Wunder ist

Glück im Unglück

Mit Kindern über das Sterben reden

»Wir wollen ihn lebendig in Erinnerung behalten« oder: »Fürchtet euch nicht!«

»Bye-bye, Papa«

»Wie fühlt sich Sterben an?« – Fragestunde in einer Grundschule

Demenz und Trauer

Abschiedstränen an der Startbahn

Erfahrungsaustausch

Ganzheitlich


Dann kam der Tod.
Und alles war für immer anders

Schön wie eine Fee

Beileidswünsche im Ruhrgebiet oder: »Du arme Socke«

Bubis vorletzte Ruhestätte

Das gebügelte Hemd

»Ich wusste doch nicht, was ›tot‹ bedeutet!«

Wäre es mein Kind gewesen …

Die letzte Ehre – wie öffentlich darf der Tod sein?

»Ich glaube an die Auferstehung der Toten«

Halloween, Allerheiligen, Allerseelen und Totensonntag

Der Tod hält sich an keinen Plan

Weihwasser

Türöffner

Was kostet der Tod?

»Tobias wollte nicht mehr leben«

Wohin mit der Fantasie im Kopf?


Wie lange dauert Traurigsein?

Himmlisch

Beneidenswert

Überraschungsmomente

»Du blöder Sitzkissenpupsmistkerl!«

Verschluckt

Ganz einfach

Sehnsucht ist unbescheiden

»Es fehlt einfach ganz viel!«

Angelina

»Leichenwasser«

»Mama, weinst du?« »Nein, mein Schatz …«

»Wohin mit meiner Liebe?«

Sorge um das Vergessen – ein Gespräch in der Kindertrauergruppe

Bodyguard oder »Das sage ich meinem großen Bruder!«

»Mutter, nun wein doch nicht. Und zieh‘ mal was anderes an!« – Trauernde aushalten lernen

Pfützenspringen – Fröhlichkeit erleben,
auch in der Trauer

Wer bestimmt eigentlich, was normal ist? –
Trauern und (neu) lieben

»… und deshalb hat Papa sich selbst umgebracht«

»Ich hätte niemals gedacht, dass ich ohne Mama weiterleben kann«

»Danke, dass sie geholfen haben, dass Lena nach dem Tod ihrer Mutter nicht mehr traurig ist«

Mamaduft

Gegen das Vergessen

Manchmal ist es so schwer, Eltern zu sein und sich selbst nicht zu verlieren

»Wer von euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein …«

Ein Raum voller Düfte

»Ich mache das wie mein Vater«

Was ist »normal«?

Alles Scheiße oder was?

Wie schön du bist!

Und das noch …


Über die Autorin


Über das Buch


Impressum


Hinweise des Verlags

Logik

Da sagt gestern der achtjährige Lorenz, dessen Opa gestorben ist: »Mechthild, ich glaube, das ist so: Wenn ein alter Mensch stirbt, dann ist das für die Familie ganz traurig. Aber dann wird für den alten Menschen wieder ein Baby geboren und das ist dann wieder in der Familie gut. Also, verstehst du? Das ist so, wie wenn am Auto ein Reifen alt und kaputt ist. Wenn der dann ab ist, kommt ein neuer Reifen drauf und dann ist das Auto wieder ganz. Und immer so weiter, so ist das doch irgendwie, wie wenn man tot ist, oder …?«

Geschichten, die das Leben erzählt, weil der Tod sie geschrieben hat

Als ich ein kleines Kind war, hatten wir zu Hause keinen Fernseher. In meiner Erinnerung saß mein Vater jeden Abend an unserem Doppelstockbett im Kinderzimmer, wo wir gespannt seinen Geschichten über das Eichsfeld lauschten. Er erzählte von meiner Urgroßmutter, ihrer Familie, vom Dorfpolizisten und dem frechen Adam, der dem Hofhund Nero eine Scheibe Feldkieker anbot, die er auf der Unterseite mit scharfem Senf bestrichen hatte. Er erzählte uns aufregende Dinge über das Leben, über Gut und Böse, über Gerissenheit oder Bosheit. Er ließ uns lachen, erstaunen, erstarren, empört sein, nachdenken und mitreden. Er war ein guter Geschichtenerzähler.

Meine Mutter erzählte keine Geschichten. Sie ließ sie uns erleben. Durch Bücher, den Duft von Christstollen, die Schallplatten von Heinrich Waggerl, das Kreuzchen auf der Stirn beim Gutenacht-Sagen, den toten Großvater auf der Bank in der Küche. Tatsächlich habe ich als Kind keinen Fernseher vermisst. Das Leben zu Hause, in Kindergarten und Schule bot Aufregung genug.

Vor vielen Jahren lernte ich Thomas kennen. Seine Frau starb kurz nach Mitternacht am achten Geburtstag ihrer Tochter. Morgens um sechs Uhr telefonierten wir beide miteinander, suchten erste Antworten auf die Frage: »Warum heute?« Gemeinsam mit den Kindern fand er eine Erklärung, warum es so geschehen war, und schrieb damit Familiengeschichte.

»Mama musste sterben, weil sie so krank war«, sagte die damals achtjährige Tochter. »Aber vielleicht dachte Mama, sie will nicht einfach so zwischendurch sterben, und hat sich für ihren Tod einen Familientag ausgesucht. Und weil mein Geburtstag das nächste Fest bei uns zu Hause war, hat sie sich den Tag genommen.« Ihr kleiner Bruder wollte ihr nicht nachstehen: »Warum ist Mama nicht auf meinen Geburtstag gestorben?«, fragte er mit verschränkten Armen. Er war erst fünf und verstand noch nicht, was es bedeutet, wenn eine Mutter stirbt. Er verstand nur: »Meine Schwester hat von Mama etwas bekommen, was ich nicht habe.«

Diese Begebenheit ist der Rede wert. Denn die Welt dieser Familie geriet durch die Erkrankung und das Sterben am Geburtstag der Tochter in eine Schieflage. Gleichzeitig begannen alle Familienmitglieder, sie durch ihre Sicht- und Erzählweisen Stück für Stück wieder ins Lot zu bringen.

Einige Wochen nach dem Tod von Thomas’ Frau traf ich einen ehemaligen Schulkollegen. »Trauerbegleitung, das habe ich noch nicht gehört, was bedeutet das?«, fragte er mich. Ich erklärte es ihm am Beispiel von Thomas’ Familie. »O, ich verstehe«, meinte er. »Meine Mutter starb Heiligabend an einem Herzinfarkt, ich war damals acht Jahre alt. Wir sprachen einfach nicht mehr über sie und den Todestag. Trauerbegleitung, so etwas gab es damals nicht. Aber jedes Jahr wurde das Weihnachtsfest anstrengender. Vater, der keine Träne zuließ, wurde immer unnahbarer. Wir alle waren froh, wenn das Fest vorüber war. Noch heute mag ich den ganzen Dezember nicht.« Und so kamen wir miteinander ins Gespräch, wir redeten über Weihnachten und über Trauerwunden, die von der Zeit allein nicht geheilt werden können. Der Schulkollege verabschiedete sich später mit den Worten: »Verrückt! Ich habe da noch nie drüber gesprochen, und die Geburtstagsgeschichte gab mir gerade die Idee, meiner Mutter zu Weihnachten ein Andenken zu setzen, vielleicht mit einer Christbaumkugel in ihrer Lieblingsfarbe.«

Fast ein Vierteljahrhundert lang biete ich nun Trauerbegleitung für Familien an. Dabei ist mir immer mehr bewusst geworden, dass insbesondere Kinder und Jugendliche Botschafter für Trauerbegleitung, sprich: für ein gesundes Gefühlsleben sind. Wir dürfen Trauernde nicht zu Patienten, nicht zu Opfern und nicht zu Zähnezusammenbeißern erklären. Trauernde, die sich mit ihrer veränderten Lebenssituation auseinandersetzen, sind Lebenskünstler. Sie schaffen immer wieder neue Perspektiven, um auf Krisen zu blicken. Sie sind Vorbilder für andere Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrer, weil sie aufzeigen, wie sie ihre Lebensgeschichte weitergeschrieben und weitergelebt haben.

Ich erzähle gerne von ihnen. Es macht mich stolz, sie zu kennen. Wir machen uns gegenseitig Mut, dem Leben und dem Tod ins Auge zu schauen.

Spätestens in Thomas Familie begriff ich, dass wir aus den unterschiedlichen Brocken Schicksal, die uns das Leben vor die Füße wirft, eine Geschichte bauen müssen. Jeder für sich. Eine Lebensgeschichte, mit der wir weiterleben müssen, weil wir weiterleben möchten.

Dabei gilt das Prinzip: Ist für mich das Glas halb voll oder halb leer? Nein, es geht nicht darum, sich das Traurige schönzureden. Es geht vielmehr darum, das Beste aus dem Schlimmsten zu machen, damit wir nicht Opfer unseres Schicksals werden.

Dieses Buch ist in drei große Abschnitte unterteilt: »Dem Tod ins Auge sehen« (Geschichten, die von der Zeit vor dem Tod erzählen), »Dann kam der Tod. Und es war für immer anders« (Geschichten, die um die Zeit unmittelbar nach dem Tod kreisen) und »Wie lange dauert Traurigsein?« (Geschichten, die davon erzählen, wie Menschen mit dem Verlust weiterleben). Im wirklichen Leben greifen diese Kapitel ineinander, im Buch stehen sie getrennt voneinander. Denn so haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, die Chance, sich das herauszugreifen, was Sie selbst interessiert. Weil es vielleicht gerade Ihr persönliches Leben betrifft, weil Sie als Lehrer mit Ihren Schülern ein bestimmtes Thema aufgreifen möchten, weil Sie als Ärztin Eltern verdeutlichen möchten, warum Information viel mit Sicherheit und Liebe zu tun hat, weil Sie als Hospizmitarbeitende einen Gesprächsabend gestalten möchten, als Seelsorgerin oder Seelsorger eine Katechese. Oder weil Sie sich in einer Geschichte wiedererkennen und vielleicht zum ersten Mal in Ihrem Leben anschließend jemandem davon erzählen werden.

Von den Geschichten in diesem Buch ist keine erfunden. Ich habe sie in meinem Alltag der letzten Jahre genau so erlebt und aus meiner Sichtweise aufgeschrieben. Und sie dürfen auch gerne weitererzählt werden.

Und im besten Fall bringen sie Sie als Leserin und Leser zum Lachen, Staunen, Erstarren, Empörtsein, Nachdenken und Mitreden, so, wie es mein Vater damals mit uns Kindern im Doppelstockbett schaffte.

Noch ein Vorwort

Als wir von diesem neuen Buch hörten, hatten wir, Jorna, Moritz und Eva, plötzlich die Idee, dass wir das Vorwort mit verfassen könnten, und wir freuen uns, dass das wirklich möglich ist.

Wenn Mechthild in unseren Trauergruppen manchmal Geschichten von Menschen, die ein Elternteil oder ein Kind verloren haben, erzählt, hört jeder gespannt zu. Jedes Mal ist es eine andere Geschichte, da jeder Mensch auf unterschiedliche Art stirbt und auch jeder einen Tod unterschiedlich betrauert. Aber es läuft immer auf dasselbe hinaus: Man verliert einen geliebten Menschen. Jedes Mal, wenn Geschichten über Leben oder Tod erzählt werden, erinnert man sich zurück an seine eigene Situation: Wie war es für mich selbst? Wie habe ich, wie hat meine Familie reagiert?

Einige der Geschichten, die Mechthild erzählt, kennt jeder bei uns. Sie handeln auch von uns, denn Mechthild erfindet sie nicht. Sie sind da. Sie sind passiert. Und fast alle Geschichten dürfen erzählt werden, wir werden vorher immer gefragt.

Ich fange mal an: Ich bin Eva, sechzehn Jahre alt, vor achteinhalb Jahren ist meine Mama aufgrund eines Tumors, der von der Leber ausging, gestorben. Als ich sieben war, lag meine Mama im Krankenhaus und sagte mir eines Tages: »Eva, vielleicht lebe ich nur noch eine Woche.« Meine Mutter wusste von Krankheiten ganz viel, weil sie selbst Palliativärztin war. Von dem Moment an hatte ich Angst, ins Krankenhaus zu gehen und meine Mutter zu besuchen. Ich dachte, wenn sie stirbt, würde plötzlich ein Skelett im Bett liegen, und meine Sorge war, dass ich an ihrem Bett stünde und plötzlich nur noch Knochen da wären. Ich kannte Bilder aus Mamas Medizinbüchern oder auch Skelette von Halloween, aber ich hatte ja noch nicht einmal ein Bilderbuch über den Tod im Kindergarten angeschaut. Als Papa fragte: »Eva, willst du etwas von mir wissen?«, sagte ich »Nein«. Ich dachte ja, ich weiß, wie Sterben geht. Und das wollte ich dann von Papa nicht noch einmal hören. Mechthild besuchte mich vor Mamas Tod zu Hause und fragte, ob sie mir und meinem kleinen Bruder einmal erzählen solle, wie Sterben meistens geht und wie Tote meistens aussehen. Sie erklärte das so ruhig, und ich begriff auf einmal, dass das, was ich bisher geglaubt hatte, gar nicht stimmte. Ich war so froh, es nun richtig zu wissen.

Heute weiß ich natürlich, dass im Bett keine Skelette herumliegen, wenn Menschen sterben! Ich habe meine Mutter besucht, nachdem sie gestorben war. Es war traurig, aber nicht gruselig. Es gefällt mir eigentlich schon, dass Mechthild von mir in Deutschland, Österreich, Belgien und in der Schweiz erzählt, wie ich damals als Kind reagiert habe, damit die Leute wissen, was jüngere Kinder vom Sterben denken und dass sie viele Informationen brauchen, damit sie weniger Angst haben müssen.

Genau so könnte ich anfangen zu erzählen. Ich bin Moritz und heute achtzehn Jahre alt. Als meine Mutter vor über einem Jahrzehnt starb, da war ich mit sechs Jahren noch nicht in der Lage, die neue Situation einzuschätzen und zu realisieren. Ich weiß es aber noch heute, dass ich damals ein Gefühl von Unzufriedenheit und Traurigkeit in mir verspürte. Ich weiß auch, dass mir damals schon im ersten Schuljahr das Zeigen von Trauer sehr peinlich war. Wann immer ich an meine Mutter dachte und mir Tränen kamen, schluckte ich sie herunter und überspielte es mit Wut und Witzen, um keine Schwäche zu zeigen. Ich glaube heute, dass ich echt das Glück hatte, fast unmittelbar nach dem Tod meiner Mutter Trauerbegleitung zu erhalten. Mechthild erzählt heute in Familien mit Jungs oft davon, dass ich damals auf ihre Frage: »Kennst du auch Traurigkeit?« antwortete: »Ja. Sie fängt bei mir im Bauch an, dann steigt sie immer höher, so bis zum Hals. Und wenn sie da oben angekommen ist, dann heule ich nicht. Dann ärgere ich jemanden oder mache einen Witz, weil dann die Traurigkeit bei mir wieder weggeht.« Mechthild darf davon erzählen, weil ich erstens heute durch die Trauergruppen gelernt habe, ohne Angst und Scheu über meine Mutter zu sprechen und Traurigkeit zu benennen, und es zweitens cool ist, dass meine Erfahrungen von damals weitergegeben werden, weil dadurch besonders viele Jungs und Männer merken, dass sie mit solchen Gedanken nicht alleine sind. Heute helfe ich in der Minitrauergruppe mit, die Kinder sind dort so alt, wie ich es damals beim Tod meiner Mutter war.

Ich heiße Jorna, und mein Vater starb vor drei Jahren, als ich dreizehn Jahre alt war. Ich beschreibe die Trauer oft wie eine Welle, die mich früher einfach ohne Vorankündigung überrollt hat. Heute spüre ich sie meistens kommen. Manchmal bleibt die Trauerwelle flach und ruhig und manchmal bricht sie aus mir heraus, aber auch das ebbt dann wieder ab. An manchen Tagen kann mich selbst die kleinste Kleinigkeit zum Weinen bringen, und wenn es nur das Lieblingsessen von Papa ist, an anderen Tagen wiederum kann ich über ihn lachen und über alte Erinnerungen reden, ohne in der nächsten Sekunde in Tränen auszubrechen.

Wenn wir, Jorna, Eva und Moritz, zurückblicken, stellen wir fest, dass die Trauer sich verändert hat. Am Anfang denkt man, nichts wird wieder gut, aber dann lernt man einen neuen Alltag zu leben, zusammen mit der Trauer und zusammen mit anderen, die Ähnliches kennen. All das macht dann aus uns die Menschen, die wir heute sind. Wir haben einen wichtigen Menschen verloren und haben trotzdem oder auch deshalb eine Kraft in uns dazugewonnen.

Wir mögen Geschichten, die Mechthild erzählt, auch wenn der Tod darin vorkommt – weil wir darin auch vorkommen. Und wir haben ein gutes Leben. Trotz der Trauer.

Was ein Glück!

Dezember 2016

Eva, Jorna, Moritz

Dem Tod ins Auge
sehen

Ein Nachmittag in der »Universum-Klinik«

Zwei kleine Mädchen, Marla und Antonia, besuchen mit ihrem Vater und mir ihre sterbende Mutter. Marla ist acht, Antonia fünf Jahre alt. Die Mutter liegt im Bett, reagiert nicht mehr, die Mädchen wissen darum. Beide sind etwas aufgeregt. Eigentlich wollten sie nicht mitkommen, die Angst war so groß. »In der ›Universum-Klinik‹«, sagte Marla vorher, »da riecht es nicht gut! Da will ich nicht hin!« »Genau!«, sagte Antonia. Sie orientiert sich an der großen Schwester, obwohl ihr die Besuche bei ihrer Mutter bisher nicht so schwerfielen.

Wir sprachen darüber, warum und wonach es in einer Klinik riechen könnte: nach Desinfektionsmitteln, dem Parfum von Besuchern, nach Medikamenten oder auch nach Wunden. Ich habe den Mädchen ein Stofftaschentuch in die Hosentasche gesteckt, auf das ich mehrere Tropfen ätherisches Zitronenöl geträufelt hatte. Das konnten sie sich bei Bedarf herausholen und sich gegen schlechte Gerüche vor die Nase halten.

Beim Eintritt ins Klinikgebäude halte ich an. »Und? Riecht ihr etwas?«, frage ich die Kinder. Sie schnüffeln. »Nein, heute riecht es nicht«, sagt Marla. »Nein, es riecht nicht«, wiederholt Antonia.

Während der Vater mit der Stationsärztin spricht, überlege ich mit den Kindern im Warteraum, was sie ihrer Mutter zum Abschied noch sagen können. Antonia meint: »Ich sage dann: ›Mama, gute Besserung!‹« Marla weist sie im Ton der großen Schwester zurecht: »Antonia, das mit der Besserung bringt doch nichts mehr. Also, ich sage: ›Mama, alles Gute im Himmel!‹« Die kleine Schwester nickt: »Ich sage ihr dann: ›Viel Glück im Himmel, Mama!‹«

Der Vater kommt mit der Stationsärztin ins Wartezimmer, um uns abzuholen. Wir gehen über den Flur, vor der offenstehenden Tür zum Krankenzimmer bleiben wir stehen. Der Blick fällt auf das Bett der Mutter, die dort intubiert liegt. Gestern habe ich den Kindern erklärt, die Intubierung sei so ähnlich wie ein Schnorchel, der der Mutter hilft, Luft zu bekommen. Der Taucher oder Schnorchler kann das Gerät selbst mit den Zähnen halten. Die Mutter kann das nicht mehr, bei ihr ist es mit hautfreundlichem Pflaster festgeklebt. Eines der Mädchen sagt beim ersten Anblick: »Schau mal, vielleicht träumt Mama wegen dem Schnorchel, dass sie grade in Italien taucht.« Da ist kein Entsetzen, denn sie haben ein Bild bekommen, es übernommen und noch einmal für sich und die Mutter angepasst. Und so trauen sie sich, immer näher an ihre Mutter heranzutreten, bis sie ihr zum Schluss den Arm streicheln, sie liebevoll betrachten.

Die Kinder sagen: » Mama sieht aber trotzdem ganz schön aus.« Sie schauen, sie lachen, weil sie sich gegenseitig ein bisschen schubsen und von lustigen Gedichten erzählen, die ihre Mutter ihnen weitergegeben hat.

Wie gut, dass sie einen mutigen Vater haben, der sich traut, entgegen der Meinung einiger Bekannter, aber auch mit der Unterstützung einiger Verwandter seine Kinder zu seiner sterbenden Frau mitzunehmen. Wie gut, dass da eine Ärztin ist, die den Kindern die medizinische Situation und die Geräte erklärt. Wie gut, dass die Krankenschwester Veronika die Mutter richtig hübsch frisiert hat.

Wir haben auch noch einen Heliumluftballon dabei. In das Band, das am Ballon hängt, haben die Kinder Erinnerungen und Wünsche an und für Mama eingeknotet. Den Ballon hat der Vater nun am Krankenhausbett festgeknotet.

Die Ärztin druckst erst etwas herum und sagt dann: »Hm, wisst ihr, der darf da nicht lange bleiben, den müssen wir nachher fliegen lassen.« Ich denke: »Oje, jetzt werden die Mädchen traurig sein, sie haben ihn doch der Mama gewidmet und geschenkt.« Da sagt die »Große«: »Ja, ok. Ihr lasst ihn nachher fliegen. Und unsere Oma im Himmel, die fängt ihn schon mal auf, und wenn Mama bald oben ankommt, dann gibt die Oma ihr den Ballon ab. Der ist ja für sie.«

Als Schwester Veronika vorbeikommt, sagen die Mädchen: »Danke, dass du die Mama so schön gemacht hast.«

Wie toll, wenn in schweren Zeiten auch Dankbarkeit ihren Platz hat.

Leib und Seele

Eine Mutter ist sterbenskrank. Sie sitzt mit ihrem Mann, Verwandten und Freunden zum ersten Krisengespräch nach der Diagnose zusammen. »Was wird aus unseren beiden Kindern, wenn ich nicht mehr da bin? Sie sind doch noch so klein! Werdet ihr gut für sie sorgen? Wer kocht denn dann frische Sachen für sie?«

Später sitzt sie mit mir zusammen und erzählt von diesem Nachmittag.

»Mechthild«, sagt sie. »Wie verrückt! Da habe ich die Chance, alle meine Lieben am Tisch zusammen zu haben, und was sage ich? Ich sage: ›Sorgt gut für meine Kinder. Passt auf sie auf. Und schaut, dass sie immer was Gesundes zu essen bekommen. Joghurt, Salat und Gemüse, ja?‹ Ist das nicht verrückt?« Sie lacht. Sie weint. »Joghurt! Gemüse! Salat! Als wenn es nichts Wichtigeres gäbe! Was bin ich denn für eine Mutter??«

Wisst ihr was? Das ist so eine tolle Mutter! Eine sorgende Mutter. Denn sie sagt ja nicht: »Einhundert Gramm Rucola, zwei Tomaten, einen Apfel, einen fettarmen Joghurt und immer nur Vollkornbrot pro Tag für jedes meiner Kinder.« Nein, sie sagt im ersten Schrecken von Herzen: »Sorgt gut für meine Kinder. Damit sie gesund an Leib und Seele groß werden können, wenn ich als Mutter nicht mehr hier bin.«

Das hat ganz viel mit Mutterliebe zu tun.

Lohnt es sich?

In der Jugendtrauergruppe erzähle ich von einem vierzehnjährigen Jungen, dessen Vater nach einem Schlaganfall für den Rest seines Lebens ein Pflegefall sein wird. Er kann nicht mehr reden, nicht essen, nicht zur Toilette gehen. Das Einzige, was ihm möglich ist, sind Augenbewegungen. Damit kommuniziert er mit seiner Familie. Der Vater ist nicht tot und dennoch hat der Junge den Vater, den er hatte, zu einem großen Teil verloren.