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Hans-Dieter Otto

Unser König ist wahnsinnig!

Verrückte Herrscher von Caligula bis Ludwig II.

Jan Thorbecke Verlag

INHALT

Der Wahnsinn im Wandel der Zeiten – ein Vorwort

Der »rasende Wüterich« auf dem Kaiserthron Caligula (12–41 n. Chr.)

Ein wahnsinniger Möchtegernkünstler als Brandstifter? Nero (37–68 n. Chr.)

Der irre »Vielgeliebte« Karl VI. von Frankreich (3. Dezember 1368– 21. Oktober 1422)

»Oh Gott, wie rast der Menschen krankes Hirn!« Heinrich VI. von England (6. Dezember 1421–21. Mai 1471)

»La loca de amor« – die Wahnsinnige aus Liebe Johanna von Kastilien (6. November 1479– 12. April 1555)

Der blonde Verrückte aus dem hohen Norden Erik XIV. von Schweden (13. Dezember 1533– 26. Februar 1577)

»Unser König ist wahnsinnig!« Georg III. von England (4. Juni 1738–29. Januar 1820)

Dänische Tragödie Christian VII. von Dänemark (29. Januar 174 9– 13. März 1808)

»Ein ewiges Rätsel bleiben will ich mir und anderen!« Ludwig II. von Bayern (25. August 1845– 13. Juni 1886)

Quellen- und Literaturverzeichnis

Buchveröffentlichungen

Zeitungen und Zeitschriften

Internetquellen sowie elektronische Zeitungs- und Buchversionen

Bildnachweis

Allen bedauernswerten Opfern gewidmet,
denen das Schicksal nicht erspart hat,
in den Klauen einer Demenz
dahindämmern zu müssen.

»Der Tag verging, das Dunkel brach herein,
und Nacht entzog die Wesen auf der Erden
all ihren Müh’n.«

Dante Alighieri (1265–1321)
Divina commedia, zweiter Gesang

Der Wahnsinn im Wandel der Zeiten – ein Vorwort

Auf Zeichnungen oder Gemälden von »Tollhäusern« früherer Jahrhunderte können wir sehen, wie angekettete, geistig umnachtete Gefangene unter menschenunwürdigen Bedingungen und unter der Aufsicht von »Zuchtmeistern« wie Vieh gehalten werden. Mit verzerrtem Gesicht und weit geöffneten oder verdrehten Augen dämmern sie teilnahmslos dahin, ein schauriger Anblick des Jammers, den man nicht so schnell vergessen kann. Überall auf der Welt hat es zu den unterschiedlichsten Zeiten Wahnsinnige gegeben, in der Antike ebenso wie in der Neuzeit. Bereits in der antiken Mythologie finden sich Beispiele dafür. Medea erdolcht ihre eigenen Söhne, und auch Herkules tötet im Wahnsinn seine Kinder, ebenso wie König Lykurg in Thrakien, der seinen Sohn für einen Weinstock hält und ihm alle Glieder abhackt.

Einige von diesen Verrückten sind bekannte und mächtige Herrscher gewesen. Diesen historischen Gestalten aus dem Römischen Reich, England, Frankreich, Spanien, Schweden, Dänemark und Deutschland werden wir in chronologischer Reihenfolge begegnen. So können wir genau verfolgen, was man zu verschiedenen Zeiten unter Wahnsinn verstanden und wie sich der Umgang mit Wahnsinnigen, speziell ihre ärztliche Betreuung und Versorgung, gewandelt hat.

Genie und Wahnsinn liegen oft dicht beieinander. Schon der griechische Philosoph Demokrit behauptet etwa 400 Jahre vor Christus, kein großer Dichter sei ohne Wahnsinn. Ein paar Jahrzehnte nach Christus erweitert der römische Philosoph Seneca diese Feststellung zu der Erkenntnis, es habe überhaupt noch keinen großen Geist ohne einen Schuss Wahnsinn gegeben. Doch damit ist nicht das gemeint, was unsere heutige Psychiatrie unter dem Begriff versteht. Die griechischen und römischen Philosophen sahen im Wahnsinn einen Zustand der Besessenheit (von einer Gottheit), einen Zustand der Erregtheit und Ekstase, der Entrücktheit und Inspiration. Die Herrscherpersönlichkeiten, auf die wir treffen werden, sind nicht in diesem Sinne geistig entrückt. Sie sind vielmehr wahnsinnig im klinischen Sinn.

Der Begriff Wahnsinn ist nicht nur sprachlich unscharf. Die Psychiater unserer Tage befassen sich nicht mehr mit ihm. Sie sprechen von Geisteskrankheiten, Gemütsleiden oder Psychosen, speziell von Schizophrenie. Sie wird als ein »Spaltungsirresein« definiert. Der »Duden medizinischer Fachausdrücke« beschreibt diese Gruppe von chronischen, meist erblichen, progressiven und oft im jüngeren Lebensalter beginnenden Leiden mit Denkzerfall, Sinnestäuschungen, Wahnideen und absonderlichem Verhalten. Ältere Bezeichnungen wie Dementia praecox (»Jugendirresein«) werden nicht mehr verwandt, weil sie nicht treffend sind. Im Lateinischen bedeutet »demens« so viel wie »unvernünftig«, »wahnsinnig«, »blöd«. Im heutigen Sprachgebrauch versteht man unter Demenz ganz allgemein den krankheitsbedingten Abbau der Leistungsfähigkeit des Gehirns. Von den Schizophrenen abzugrenzen sind die Schizoiden. Der »Pschyrembel«, das klassische deutsche klinische Wörterbuch, das 2013 bereits seine 264. Auflage erreicht hat, klassifiziert sie als eigenartige, ungesellige, überempfindliche, oft stumpfe Persönlichkeiten, die meist auch »autistisch« von der Welt abgesondert sind. In der Form »bleibender psychopathischer Dauerverfassungen« sind sie als »prämorbide Form« der Schizophrenen anzusehen, als eine Art Vorstufe.

Die Juristen wiederum haben einen ganz anderen Sprachgebrauch. Sie reden von Unzurechnungsfähigkeit, nach heutiger Terminologie von Schuldunfähigkeit. Wer ohne Schuld handelt, kann nicht bestraft werden. Nach § 20 unseres deutschen Strafgesetzbuchs handelt ohne Schuld, »wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln«. Die genannten Merkmale sind in der allgemeinen Medizin und Psychologie nicht gebräuchlich. Sie werden allenfalls von der Forensik verwandt, der Gerichtsmedizin. Das macht die Sache noch komplizierter. Auch kulturgeschichtlich ist der Begriff des »Wahnsinns« nicht leicht einzugrenzen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bestimmen nämlich fast ausschließlich die gesellschaftlichen Konventionen, wer als verrückt zu gelten hat und wer nicht. Ob eine Abweichung von dieser Norm noch als bloßes seltsames, verschrobenes Verhalten hingenommen oder bereits als wahnsinnig eingestuft wird, hängt von diesen Bräuchen ab. Und die sind wiederum abhängig von der jeweiligen Zeit, dem Ort sowie den sozialen Gegebenheiten. Aus welcher Perspektive wollen wir folglich beurteilen und nach welchen Kriterien wollen wir entscheiden, welche Herrscher verrückt waren oder nicht? In den zurückliegenden Jahrtausenden und Jahrhunderten hat es sicherlich eine ganze Reihe von sehr sonderbaren Menschen gegeben, die man anhand der verfügbaren Fakten und Quellen aus heutiger Sicht mit einer gewissen medizinischen Berechtigung als geisteskrank bezeichnen könnte. Wenn ihre Zeitgenossen sie nun aber nicht als wahnsinnig betrachtet haben, was dann?

Ein gutes Beispiel dafür ist der ägyptische Pharao Amenophis IV. , der von 1375 bis 1358 vor Christus gelebt hat und unter dem Namen Echnaton bekannt geworden ist. Der unkriegerische, kränkliche und körperlich schwächliche junge Mann ist so weich und zart, dass einige Forscher vermutet haben, er sei eine Frau gewesen. Er erhebt den Sonnengott Aton zum obersten Gott. Dieser wird als blanke Sonnenscheibe mit menschlichen Händen am Ende der Sonnenstrahlen dargestellt und verehrt. Da Echnaton felsenfest davon überzeugt ist, er sei der Sohn Atons, lässt er sich selbst als Gott anbeten. Diesen Kult setzt er mit brachialen Methoden durch. Seine Herrschaft wird deshalb auch als schwarze Periode in der Geschichte Ägyptens bezeichnet. Als Echnatons Mutter stirbt, bestattet er sie, getrennt vom Vater, in seinem eigenen späteren Grab. Damit will er, als Atons Spiegelbild, den Vater gänzlich ausschalten und seinen Mitmenschen eine Selbstzeugung suggerieren. Nach heutigen Vorstellungen ist dieses Verhalten nicht normal. Es deutet auf eine schwere Psychose hin, spricht aber zumindest für eine schizoide Persönlichkeit. In den Augen der Zeitgenossen war dieses Verhalten jedoch durchaus normal. Sie glaubten tatsächlich, er sei der Sohn des neuen obersten Sonnengottes.

Zur Problematik der richtigen Einordnung Wahnsinniger kommt noch eine schwierige Frage hinzu. Soll sich die Darstellung in diesem Buch auf die pathologischen Züge der ausgewählten Persönlichkeiten beschränken? Die Antwort lautet: »Nein«. Reine Pathografien sind eine recht heikle Sache. Eine Beschränkung auf die bloße Schilderung der Fakten und Umstände, die mit der Krankheit zusammenhängen, wäre einseitig. Sie würde das Bild verzerren. Der Achtung und dem Respekt gegenüber den betroffenen Personen sind wir es schuldig zu versuchen, jeweils den ganzen Menschen darzustellen, die ganze Persönlichkeit zu erfassen, wenn auch nur in der knappen Form einer Fallstudie. Dabei müssen wir versuchen, uns möglichst auf Tatsachen zu stützen, auf Fakten, die für den Leser nachprüfbar sind. Wenn der wahnsinnige Herrscher allerdings schon seit Jahrtausenden tot ist, ist das so gut wie unmöglich. Selbst wenn nur Jahrhunderte dazwischen liegen, ist dies je nach Quellenlage schwierig. Voltaire ging sogar so weit zu behaupten, nur ein Scharlatan könne sich anmaßen, einen Menschen zu schildern, mit dem er nicht zusammengelebt hat. Da es keiner biografischen Darstellung gelingen kann, einen Toten wieder zum Leben zu erwecken, müssen sich die Charakterskizzen der toten Herrscher darauf beschränken herauszufinden, was für Menschen sie gewesen sind und wie sich ihr Wahnsinn geäußert hat.

Ein weiteres Anliegen dieses Buches ist es aber auch, den Blick freizugeben auf unterschiedliche Epochen der Geschichte und bemerkenswerte Gestalten aus dem Umfeld der wahnsinnigen Könige und Kaiser sowie auf dramatische Geschehnisse, die mit ihnen verbunden sind. In nicht wenigen Fällen bedeutet die Geisteskrankheit eines Herrschers weit mehr als eine persönliche Katastrophe. Das ganze Land kommt in Bedrängnis, Not und Elend machen sich breit, und es drohen Bürgerkriege oder Invasionen feindlicher Mächte. Wir werden auch sehen, wie die von Misstrauen, Intrigen und Rivalitäten geprägte Atmosphäre eines Königshofes den geistigen Zusammenbruch eines jungen und leicht zu beeinflussenden Königs fördern kann und der auf ihm lastende große politische Druck gute Bedingungen für den Ausbruch von Wahnsinn schafft. Das Buch will kein wissenschaftliches Fachbuch sein, sondern es will den Leser in erster Linie in leicht lesbarer Form unterhalten und ihm mit interessanten Informationen ein buntes Panorama öffnen. Bei der Spurensuche werden manche weniger bekannte Details zutage treten.

In den einzelnen Zeitepochen, in die dieses Buch führt, haben die Mediziner auf die Frage, wodurch der Wahnsinn hervorgerufen wird sowie ob und wie er geheilt werden kann, verschiedene Antworten gefunden. Bereits um 400 vor Christus erklärt der berühmteste und schon zu Lebzeiten hochverehrte Mediziner der Antike, der auf der Insel Kos lebende griechische Arzt Hippokrates, die Entstehung von Krankheiten aus dem Ungleichgewicht der vier Körpersäfte: Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle, zum Teil auch Wasser. Deshalb behandelt er die Krankheiten vorwiegend durch Lebensumstellung und Diät, aber auch durch Arzneien und operative Eingriffe. Auf dieser hippokratischen Saftlehre beruht bis in die frühe Neuzeit hinein auch die übliche Behandlungsmethode des Wahnsinns: Abführmittel, Klistiere, Aderlässe und Schröpfen durch erhitzte, direkt auf die Haut gesetzte Schröpfgläser. Rund 600 Jahre später nimmt der griechische Arzt Galenos (Galen) von Pergamon an, dass unausgewogene Mischungsverhältnisse der Säfte auch zu Geistesstörungen führen können, die durch Wutanfälle, aber auch durch Angstzustände, Apathie und tiefe Traurigkeit gekennzeichnet sind. Galenos glaubt, dass bei zu lange anhaltender Unausgewogenheit der Säfte eine körperfremde Masse entsteht, die verbrannte schwarze Galle, die er »melancholia adusta« nennt. Sie steigt ins Gehirn und führt zu Halluzinationen, Tobsuchtsanfällen, Weinkrämpfen und allgemeinem Wahnsinn.

An diesen Behandlungsmethoden des Wahnsinns, der in der Vorstellung der meisten Menschen des Mittelalters durch den Teufel verursacht oder von Hexen gebracht wird, halten die akademisch ausgebildeten Ärzte bis ins 16. Jahrhundert hinein fest. Zudem versuchen sie, mit Reliquien zu heilen. Der Schweizer Gelehrte Theophrast von Hohenheim, genannt Paracelsus , stellt dies in Frage. Seine auf der Basis von Alchemie und Astrologie entwickelte, bewusst christliche Medizin läuft in der Behandlung des Körpers mit chemischen Substanzen der Vorstellung vom Gleichgewicht der Körpersäfte zuwider. Aber auch für ihn sind Wahnsinnige keine dem Menschsein entrückte Wesen, sondern kranke Menschen, die der Hilfe bedürfen.

Das ändert sich ab 1650 mit dem Beginn der Aufklärung. Im Zeitalter der Vernunft werden alle noch stärker als zuvor ausgegrenzt, die als unvernünftig angesehen werden und außerhalb dessen stehen, was nach dem Weltbild der Aufklärung unter Anstand, Sittlichkeit und Menschlichkeit im Sinne von Gleichheit und Würde verstanden wurde: Bettler, Erwerbslose und Vagabunden ebenso wie Dirnen, Geschlechtskranke und behinderte Menschen. Und eben auch die Wahnsinnigen. Sie werden von der Gesellschaft separiert wie im Mittelalter die Leprakranken. Der französische Historiker, Philosoph, Psychologe und Soziologe Michel Foucault hat diese Problematik in seinem 1961 erschienenen grundlegenden Standardwerk »Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft« explizit und im Detail dargestellt. Er schildert, wie der Wahnsinn als das »Andere der Vernunft« von der Gesellschaft systematisch ausgeschlossen und durch »komplexe Prozeduren rationaler Kontrolle und Disziplinierung« zum Schweigen gebracht wurde. Man sperrt die Wahnsinnigen zusammen mit Sträflingen und anderen aus der Gesellschaft Verbannten ohne Unterschied in einen gemeinsamen Raum ein und quält sie mit Folterwerkzeugen, um ihnen ihre Tollheiten auszutreiben und sie auf diese Weise wieder zur Vernunft zu bringen. Man glaubt, sie seien unempfindlich gegenüber Hunger, Durst, Hitze und Kälte, gibt ihnen deshalb nur wenig zu essen und zu trinken, hält sie fast nackt und stellt sie bisweilen gegen ein Entgelt sogar zur Schau. Der englische Arzt Thomas Willis schreibt 1684: »In der Tat gibt es für die Heilung von Irrsinnigen nichts Wirksameres oder Notwendigeres als ihre ehrerbietige heilige Furcht vor denen, die sie für ihre Peiniger halten … Rasende Irrsinnige werden eher und sicherer durch Bestrafung und harte Behandlung in einem eingeengten Raum geheilt als durch Arznei oder Medizin.« Wie wir noch sehen werden, bleiben auch gekrönte Häupter von diesen brutalen Methoden nicht verschont.

Als der französische Arzt Philippe Pinel, seit 1794 leitender Arzt im Pariser Hospital Salpêtrière und Begründer der Psychiatrie, seinen Patienten die Ketten abnimmt und sie an die frische Luft führt, tritt ein allgemeiner Umschwung ein. Pinel gesteht den Geisteskranken zu, dass sie als Kranke einen Rechtsanspruch auf ärztliche Hilfe haben. Die neuen Erkenntnisse zum Verständnis von Geisteskrankheiten, die Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Aufkommen der Psychiatrie gewonnen werden, sollen uns nicht weiter interessieren, denn der letzte wahnsinnige König, dem in diesem Buch ein biografisches Porträt gewidmet ist, stirbt 1886. Stattdessen machen wir nun einen weiten Sprung zurück in die ferne Vergangenheit, um im antiken Rom dem ersten wahnsinnigen Herrscher dieses Buches zu begegnen.

Der »rasende Wüterich« auf dem Kaiserthron Caligula (12–41 n. Chr.)

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Gaius Julius Callistus schüttelt verwundert den Kopf. Der zurzeit einflussreichste und mächtigste Beamte am römischen Cäsarenhof hat eine Einladung des Kaisers Caligula erhalten, mit ihm zusammen an seiner festlichen Tafel zu speisen. Als ehemaliger Sklave hat er es weit gebracht. Das lag sicherlich auch daran, dass seine hübsche Tochter Nymphidia eine der Geliebten des Kaisers gewesen ist. Aber die schriftliche Einladung ist nicht der Grund, warum sich Callistus und einige andere hochrangige Adlige und Senatoren, die sie etwa um das Jahr 40 nach Christus herum ebenfalls bekommen haben, erstaunt die Augen reiben. Der Grund ist die Unterschrift. Da steht statt Caligula der Name Incitatus, was so viel bedeutet wie »Heißsporn«. So heißt das Lieblingspferd des Kaisers. Er hat ihm in seinem Palast einen Stall aus Marmor errichtet mit einer Krippe aus Elfenbein. Das Zaumzeug ist mit Edelsteinen besetzt und die Pferdedecken bestehen aus kostbaren purpurnen Stoffen. Die geladenen Gäste sind sich einig: Das ist nicht mehr normal! Und als sie während des üppigen Festgelages mit ansehen müssen, wie Incitatus aus goldenen Schüsseln Hafer serviert wird und der Kaiser verlauten lässt, er werde Incitatus demnächst zum Konsul machen, kommen sie nicht auf den Gedanken, dass er sich vielleicht nur über sie lustig machen will. Für sie steht es fest: Caligula ist wahnsinnig geworden.

Diesen Incitatus-Vorfall können wir bei Gaius Suetonius Tranquillus nachlesen, einem der bedeutendsten römischen Geschichtsschreiber, im Deutschen meist kurz Sueton genannt. Er berichtet darüber in seinem Hauptwerk »De vita caesarum«, einer nach 120 nach Christus erschienenen und fast vollständig erhalten gebliebenen Sammlung von zwölf Biografien römischer Alleinherrscher, die von Gaius Julius Caesar bis Domitian reicht. Sueton lebte rund 100 Jahre nach Caligula und bekleidete einen hochrangigen Sekretärsposten am Hofe des Kaisers Trajan. In dieser privilegierten Stellung hatte er sehr wahrscheinlich Zugang zu den Staatsarchiven. Aber es war nicht seine Absicht, der Nachwelt eine möglichst genaue Schilderung der Epoche zu hinterlassen. Sueton war kein Geschichtswissenschaftler im heutigen Sinne. Er sah sich mehr als Schriftsteller, der seine Zeitgenossen in erster Linie mit guter Rhetorik und einer besonderen literarischen Komposition unterhalten wollte. Deshalb streute er geschickt auch viel an Klatsch und Gerüchten in seine Beschreibungen hinein, so dass sich heute kaum noch exakt ermitteln lässt, was Wahrheit ist oder was Anekdote. Obwohl die moderne Geschichtswissenschaft Suetons Berichte seit einigen Jahrzehnten einer intensiven Quellenkritik unterzogen und ihnen eine Tendenz zur Denunziation unterstellt hat, gelten sie im Allgemeinen als zuverlässig. Für den Zeitraum, der uns hier interessiert, wollen wir daher Sueton folgen und ihm auch die Schilderung des Incitatus-Vorfalls abnehmen. Dies umso mehr, als auch andere antike Berichterstatter den »rasenden Wüterich«, wie Sueton den Kaiser genannt hat, als wahnsinnig geschildert haben. Der römische Philosoph Seneca, ein Zeitgenosse Caligulas, der ihn sogar persönlich gekannt hat, bezeichnet ihn als »irrsinnige Bestie«. Die Autoren Plinius der Ältere und Flavius Josephus berichten einige Jahrzehnte später ebenfalls über seinen »Wahn« und seinen »verwirrten Geist«. Auch Tacitus, der berühmteste Historiker der römischen Kaiserzeit, dessen Aufzeichnungen über die Regierungszeit Caligulas leider verloren gegangen sind, spricht Anfang des zweiten Jahrhunderts nach Christi in seinen »Annalen« vom »verwirrten Verstand« des Kaisers, fügt allerdings hinzu, »dass es ihm gleichwohl nicht an Redekraft mangelte«. Und Anfang des 3. Jahrhunderts verfasst Cassius Dio eine umfangreiche »Römische Geschichte«, in der er erwähnt, Caligula habe »den Verstand verloren«. Bis heute hat sich in der Geschichtsschreibung dafür der Begriff »Caesarenwahnsinn« erhalten. Caligula ist der erste römische Kaiser, der als Verrückter in die Geschichte eingegangen sowie als Monster beschimpft und gehasst worden ist.

Sein Leben beginnt mitten im Krieg. Seine Mutter Agrippina (die Ältere), eine Enkelin des Kaisers Augustus, bringt ihn, wie Sueton berichtet, am 31. August 12 nach Christus im 40 Kilometer südlich von Rom gelegenen Antium, dem heutigen Anzio, zur Welt und nennt ihn Gaius. Im Gedenken an den großen römischen Feldherrn und Staatsmann werden die Namen Julius Caesar hinzugefügt und schließlich auch noch der Name Germanicus. So heißt sein Vater. Dieser ist ein Neffe des Kaisers Tiberius , der ihn auf Geheiß von Augustus als Sohn adoptieren musste. Als der kleine Gaius zwei Jahre alt ist, nehmen ihn seine Eltern mit ins ferne Germanien in ein Feldlager am Rhein. Hier ist Germanicus Oberbefehlshaber der römischen Legionen. Im Kampf gegen die rechtsrheinischen Germanenstämme, die wenige Jahre zuvor unweit des Teutoburger Waldes unter Führung des Cheruskerfürsten Arminius drei römische Legionen vernichtend geschlagen hatten, ist Germanicus bereits zu beträchtlichem Ruhm gelangt. Aufgrund seiner stattlichen Erscheinung sowie seiner Leutseligkeit und Offenheit erfreut er sich bei allen Bevölkerungsgruppen größter Beliebtheit und Popularität. Er gilt als Held und wird insbesondere von seinen Soldaten verehrt. Im Jahr 14 wollen sie ihn anstelle des unbeliebten Tiberius sogar zum neuen Kaiser ausrufen. Es kommt zu einer Meuterei, die Germanicus nur mit Mühe niederschlagen kann. Als der kleine Gaius zusammen mit seiner Mutter aus dem Feldlager in Sicherheit gebracht werden soll, nehmen einige Soldaten beide als Geiseln. Zur Belustigung der Offiziere ziehen sie dem weinenden Knaben kleine Militärstiefel an. Ein solcher Nagelschuh heißt »caliga« und wird von allen Legionären bis hin zum Offizierrang getragen. Fortan hat der kleine Gaius den Spitznamen »Caligula«, was so viel bedeutet wie »Stiefelchen«. Er wird zum Maskottchen des Legionslagers und gewinnt die Zuneigung und Gunst der Soldaten. Seine ganze Kindheit über läuft er nur noch in Soldatenkleidung herum. Aber er hasst den Namen Caligula, unter dem er in der Geschichte berühmt geworden ist, und lässt später jeden bestrafen, der ihn benutzt.

Als Germanicus im Frühsommer des Jahres 17 nach Rom zurückkehrt, kann der fünfjährige Caligula zusammen mit seinen vier Geschwistern auf einem mitfahrenden Wagen aus nächster Nähe verfolgen, wie sein Vater am 26. Mai mit einem außergewöhnlich pompösen Triumphzug für seine Feldzüge in Germanien geehrt wird. Schon im Herbst desselben Jahres darf er seine Eltern in die Provinz Syrien, begleiten, wo Germanicus die Verwaltung neu organisieren soll. Mit sieben Jahren steht Caligula erneut im Zentrum bedeutender Ereignisse. Diesmal sind sie allerdings trauriger Natur. Denn Germanicus erkrankt plötzlich und stirbt völlig überraschend am 10. Oktober des Jahres 19 im Alter von nur 34 Jahren unter geheimnisumwitterten Umständen. Noch auf dem Krankenlager beschuldigt Germanicus den mit ihm verfeindeten Statthalter von Syrien, Calpurnius Piso, er habe ihn vergiftet. Daraus erwachsen wilde Gerüchte. Hinter dem Mordkomplott stecke der misstrauische Kaiser Tiberius , heißt es in Rom. Er habe seinen Adoptivsohn beseitigen wollen, weil dieser im Volk und vor allem bei den Soldaten beliebter gewesen sei als er selbst. Der frühe Tod seines Vaters ist ein schwerer Schicksalsschlag für den Knaben und auch ein gravierender Einschnitt in seinem Leben. Bisher hatte er unter der Obhut seiner Eltern erfahren, wie sich die Verehrung für den beliebten Germanicus auch auf ihn, das »Soldatenstiefelchen«, übertrug. Jetzt muss er im aristokratischen Milieu Roms die Gewaltmaßnahmen des verhassten Kaisers Tiberius miterleben, der in ständiger Angst vor Verschwörungen auch vor Morden und Hinrichtungen nicht zurückschreckt.

Dem zehnjährigen Caligula wird bewusst, dass auch seine Mutter Agrippina und seine beiden 16- und 17-jährigen Brüder in die Machtkämpfe um die Nachfolge auf dem Kaiserthron verstrickt sind. Wie Tacitus uns mitgeteilt hat, ist Agrippina tatsächlich darauf aus gewesen, einen ihrer Söhne als leibliche Nachkommen des Augustus vorzeitig zur Herrschaft zu bringen. Der von seinem Amt überforderte und die Öffentlichkeit scheuende Tiberius, den Tacitus als glatzköpfig, arrogant und heimtückisch schildert, hat sich mittlerweile resigniert in seine Villa auf der Insel Capri zurückgezogen und dem mächtigen Prätorianerpräfekt Lucius Seianus – im Deutschen kurz Sejan genannt – die täglichen Staatsgeschäfte übertragen. Der intrigante Sejan redet auf den Kaiser ein, die Germanicusfamilie sei eine akute Bedrohung für ihn. Es sei der Wunsch des Volkes und der Soldaten, dass Agrippinas ältester Sohn Nero (nicht zu verwechseln mit dem späteren Kaiser) so schnell wie möglich den Thron besteige. Daraufhin lässt Tiberius im Jahr 27 Agrippina und Nero verhaften und unter Arrest stellen. Auf den Straßen Roms läuft das Volk zusammen, hält die Bilder der beiden empor und verlangt vergeblich ihre sofortige Freilassung. Im anschließenden Prozess vor dem Senat wird Nero zum Feind des römischen Staates erklärt und zusammen mit seiner Mutter Agrippina auf die Inseln Pandataria und Pontia verbannt. Es ist bis heute nicht geklärt, ob sein Tod im Jahr 30 darauf zurückzuführen ist, dass man ihn verhungern ließ, oder ob er sich selbst das Leben nahm, nachdem ihm der Henker, wie Sueton berichtet, Stricke und Haken für seine Hinrichtung gezeigt hatte. Seine Mutter hält noch drei Jahre in der Verbannung aus. Dann begeht sie Selbstmord, als sie erfährt, dass auch ihr Sohn Drusus der Verschwörung bezichtigt und in Rom in ein Gefängnis geworfen worden war, wo man ihn elendig verhungern ließ.

Jetzt ist von der Familie des Germanicus nur noch Caligula übrig. Die brutalen Ereignisse hat er hautnah miterleben müssen. Sie sind ganz sicher nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Nach der Verhaftung seiner Mutter wird der Fünfzehnjährige jäh aus seinem familiären Umfeld gerissen. Man steckt ihn zusammen mit seinen beiden jüngsten Schwestern Drusilla und Livilla, die in seinem Leben noch eine bedeutsame Rolle spielen werden, in den Haushalt seiner 84-jährigen Urgroßmutter Livia, der Ehefrau des ersten Kaisers Augustus und Mutter seines Nachfolgers Tiberius . Als sie zwei Jahre später stirbt, kommt Caligula in den Haushalt seiner Großmutter Antonia Minor, der Mutter des Germanicus. In beiden Häusern ist er nur noch von Frauen umgeben. Es spricht Einiges dafür, dass die schweren Belastungen und traumatischen Erlebnisse bereits in dieser Zeit zu einer psychischen Erkrankung Caligulas beigetragen haben. Sueton spricht zwar nur davon, Caligula habe in seiner Kindheit an Epilepsie und ständiger Schlaflosigkeit gelitten. Aber auch diese Symptome können an der Entstehung der späteren schweren Psychose – ein Begriff, der in der damaligen Medizin noch völlig unbekannt war – mitgewirkt haben. Der lang aufgeschossene Jüngling mit den spindeldünnen Beinen und dem dicken Bauch ist hypernervös und überaus ängstlich. Wenn ein Gewitter heranzieht und es donnert, verkriecht er sich unter seinem Bett. Schon in der Jugend wirkt sein extrem blasses Gesicht wegen der eingefallenen Schläfen und tief liegenden Augen sowie der breiten, finsteren Stirn etwas unheimlich. Caligula fürchtet um sein Leben. Denn er weiß, dass nun auch er ins Visier des Prätorianerpräfekten Sejan geraten ist und vermutlich auch gegen ihn als letzten verbliebenen Thronfolgekandidaten ein Prozess vorbereitet wird. Da erscheint es ihm wie eine Rettung, als er Ende des Jahres 30 völlig überraschend vom Kaiser Tiberius den Befehl erhält, Rom sofort zu verlassen und zu ihm auf die Insel Capri zu kommen.

Hier verleiht ihm Tiberius als Erstes die Toga Virilis aus weißer Wolle. Damit gilt der achtzehnjährige Caligula offiziell als Erwachsener. Dieser feierliche Akt vermittelt zugleich den Eindruck, Caligula sei in der Gunst des Kaisers gestiegen und von ihm als Nachfolger auserkoren. Tatsächlich ist seine Einstellung gegenüber Caligula jedoch nach wie vor gespalten und eher negativ. Er bevorzugt seinen leiblichen Enkel Tiberius Gemellus, den er ebenfalls zu sich nach Capri geholt hat. Gemellus ist zwar sechs Jahre jünger als Caligula, aber das fällt für eine mögliche Nachfolge auf dem Thron noch nicht ins Gewicht. Denn abgesehen von unansehnlichen Furunkeln, die Gesicht und Körper bedecken, ist der 72-jährige Tiberius gesund und noch recht rüstig. Während auf seinen Befehl in Rom die Prozesse und nachfolgenden Hinrichtungen wegen Majestätsbeleidigung sprunghaft ansteigen und jedermann sogar angeklagt werden kann, wenn er auf dem Abort oder im Bordell eine Kaisermünze bei sich hat, gibt sich der Kaiser in seiner Villa Jovis ständig sexuellen Ausschweifungen hin. Dabei treten seine pädophilen, homosexuellen und sadistischen Neigungen deutlich zutage. Es steht fest, dass Caligula an diesen Exzessen teilgenommen hat. Anfangs wohl nur, weil Tiberius es so wollte, später hauptsächlich, weil er selbst Gefallen daran fand. Sueton schreibt, Caligula habe schon in dieser Zeit seinen grausamen und lasterhaften Charakter nicht verbergen können. »So schaute er mit größtem Vergnügen bei Folterungen und Hinrichtungen der zum Tode Verurteilten zu, besuchte in den Nächten, mit einer Perücke vermummt und in einem langen Kleid unkenntlich gemacht, Kneipen und Stätten der Unzucht und begeisterte sich für Theater, Tanz und Gesang.« Der römisch-jüdische, noch zu Lebzeiten Caligulas geborene Historiker Flavius Josephus ergänzt das mit dem Hinweis, Caligula habe, allerdings wohl erst später in Rom, »gewisse geheimnisvolle Zusammenkünfte angeordnet, wo er Weiberkleider anlegte, sich das Haar auf eine besondere, von ihm ersonnene Art kräuselte und auch in allem Übrigen das Gebaren eines Weibes nachahmte«. Diese Bemerkungen sind – neben einigen weiteren Aussagen – von der modernen Geschichtsforschung als unwahr und reine Denunziation abgetan worden. So heißt es in der 2003 erschienenen, viel beachteten Biografie des deutschen Althistorikers Aloys Winterling schlichtweg, über Hinrichtungen auf Capri sei »ansonsten nichts bekannt«. Und über Kneipen, Bordelle und Theater auf Capri gäbe es »weder schriftliche noch archäologische Zeugnisse«. Die Frage sei erlaubt, warum sich der in der Regel bestens unterrichtete Sueton dem Vorwurf einer aus der Luft gegriffenen Behauptung hätte aussetzen sollen, oder ob er es nur wenige Jahrzehnte nach dem aktuellen Geschehen nicht doch besser gewusst hat und der Wahrheit näher gekommen ist als die heutige Geschichtswissenschaft. Kneipen und Bordelle hat es im Römischen Reich zu dieser Zeit fast überall gegeben, warum nicht auch auf Capri? Außerdem ist aus der zitierten Passage Suetons nicht zu entnehmen, dass die geschilderten nächtlichen Zügellosigkeiten Caligulas tatsächlich auf Capri stattgefunden haben. Sueton kann ebensogut Rom gemeint haben, wohin sich Caligula während seines mehrjährigen Capriaufenthalts mehrfach begeben hat. Für diese Version spricht auch, dass er in der Hauptstadt sicherlich bekannter war als auf der kleinen Insel, weshalb es ihm geraten erschien, an den Orgien inkognito teilzunehmen. Und über seine bisexuelle Veranlagung besteht auch unter den heutigen Historikern und Psychologen weitgehend Einigkeit.

Aus diesem Geschehen können wir entnehmen, dass der Aufenthalt des jungen Caligula in der abgelegenen Residenz des Kaisers seiner weiteren charakterlichen und geistigen Entwicklung keineswegs zuträglich war. Hier nehmen die psychischen Belastungen Caligulas noch zu und steigern sich ins Extreme. Denn er muss in der Nähe des unberechenbaren Kaisers in einem Kreis ihm feindlich gesonnener Personen leben, die schon an der Verfolgung seiner Familie beteiligt waren. Er muss ständig auf der Hut sein. Sein ganzes Denken und Handeln ist darauf ausgerichtet zu überleben. Caligula heuchelt, verstellt sich und passt sich an bis hin zur Selbstverleugnung, sechs lange Jahre lang. Allem und jedem misstraut er. Seine wahren Gefühle, Gedanken und Absichten hält er verborgen. Er gibt sich bescheiden und vor allem unterwürfig gegenüber dem Kaiser und redet ihm nach dem Mund. Sueton beschreibt das so: »Hier auf Capri erprobte man an ihm alle nur erdenklichen Intrigen, suchte, ihn aus sich herauszulocken und zu Beschwerden hinzureißen. Doch lieferte er ihnen niemals eine Handhabe, sondern schien das Schicksal der Seinen so vergessen zu haben, als wäre niemandem etwas geschehen. Das aber, was ihm selbst widerfuhr, überging er mit unglaublichem Stillschweigen und legte seinem Großvater und dessen Umgebung eine solche Unterwürfigkeit an den Tag, dass nicht ohne Berechtigung gesagt wurde, es habe nie einen besseren Sklaven und einen schlechteren Herrn gegeben.« Wahrscheinlich hat ihn der hochbetagte Tiberius dennoch durchschaut und geahnt, dass er seinen Untergang plante. Denn wie Sueton überliefert hat, behauptete der Kaiser in seiner Umgebung mehrfach, er erziehe dem römischen Volk eine Natter. Durch seine hohe Verstellungskunst gelingt es Caligula, seine Position zu behaupten. Denn wäre er ehrlich gewesen, hätte das seinen sicheren Tod bedeutet. In der heutigen Psychologie ist bekannt, dass ein derart hoher seelischer Druck, ein derart angespanntes, fortdauerndes und im Gegensatz zur Realität stehendes Verhalten zu einer Persönlichkeitsspaltung führen kann, zur Schizophrenie. Es lässt sich nicht ausschließen, dass diese großen seelischen Belastungen dazu beigetragen haben, Caligulas Schritte in den Wahnsinn zu beschleunigen.

Da Caligula auf Capri vornehmlich darauf bedacht ist, das zu tun, was der Kaiser will, kann Tiberius nicht umhin, dies auch zu honorieren. So wird Caligula im Jahr 33 das unterste politische Ehrenamt übertragen, die Quästur, und zwar vier Jahre vor dem von Augustus dafür festgesetzten Mindestalter von 25 Jahren. Der Aufgabenbereich eines Quästors ist vielfältig. Als Gehilfe des jeweiligen Konsuls hat er die Staatskasse zu verwalten und muss Steuern und Pachten eintreiben. Aber er wird auch als Untersuchungsrichter tätig und ist für die Ausrichtung der Gladiatorenspiele verantwortlich, was Caligula besonders freut. Er findet großen Gefallen an den grausamen Kämpfen. Außerdem hat das Quästorenamt die Aufnahme in den Senat zur Folge. Vermutlich hat Caligula hier schon früh sein wohl größtes Talent zeigen können. Nur wenige Jahre später schreibt der römisch-jüdische Historiker Flavius Josephus: »Er war ein ausgezeichneter Redner und sprach ebenso geschickt griechisch wie lateinisch. Außerdem hatte er eine lebendige Auffassungsgabe, und da er alles, was andere einstudiert und mühsam vorbereitet hatten, aus dem Stehgreif widerlegen konnte, vermochte es ihm nicht leicht ein Redner gleichzutun, zumal er seine von Natur aus schon vorhandene Befähigung durch energische Übung ausgebildet hatte.« Nun sei es an der Zeit, dass Caligula heiratet, befindet der Kaiser und sucht ihm die Frau aus. Sie heißt Junia Claudilla, die adlige Tochter eines seiner engsten Vertrauten. Caligula gehorcht und heiratet sie noch im selben Jahr in Antium. Sie wird auch sogleich schwanger, stirbt aber im Kindbett. Er wird zum Oberpriester befördert und erklimmt damit die nächste Stufe in der Laufbahn eines römischen Senators. Die Nachfolgefrage bleibt jedoch weiterhin offen. In dem schriftlichen Testament, das Tiberius im Jahr 35 verfasst, werden Caligula und Gemellus zu gleichen Teilen als Erben eingesetzt. Tacitus kommt der Wahrheit wohl am nächsten, wenn er schreibt, dem Kaiser habe die Kraft zu einer Entscheidung gefehlt.

Caligula ist wahrlich kein schöner Mann. Während sein ungeschlachter, disharmonisch wirkender Körper mit dem dicken Leib, den dünnen Beinen und den sehr großen Füßen stark behaart ist, gehen ihm, wie Sueton zu berichten weiß, auf dem Kopf schon früh die Haare aus. Der Nacken sei mit Borsten besetzt gewesen, schreibt Seneca, und sein Gesicht sei hässlich und schreckenerregend gewesen. Man habe ihn nur ansehen müssen, um zu erkennen, dass er wahnsinnig gewesen sei. Auf Büsten und Statuen, von denen einige erhalten geblieben sind, ist das – wie damals üblich – im Interesse einer guten Propaganda nicht wiedergegeben. Sie zeigen durchweg einen schönen Caligula. Anstelle der Glatze kräuseln sich Haarlocken bis auf die Stirn.

Trotz seines abstoßenden Äußeren scheint Caligula eine gewisse Faszination auf Frauen ausgeübt zu haben. Im Jahr 34 nähert sich ihm Ennia Thrasylla, die Ehefrau von Quintus Macro, dem Kommandeur der kaiserlichen Prätorianergarde, und steigt, anscheinend sogar mit dem Einverständnis ihres Gatten, zu Caligula ins Bett. Er verspricht ihr, sie zu heiraten, sobald er an der Macht sei. Laut Sueton hat er dies sogar durch einen Schwur und eine eigenhändige schriftliche Erklärung bekräftigt. Ennia möchte gern Kaiserin werden und bringt ihren Mann dazu, Caligula auf dem Weg zum Thron zu unterstützen. Als sich Tiberius im hohen Alter von 79 Jahren noch einmal in die Nähe seiner Heimatstadt Rom begibt, ohne sie zu betreten, wird er am 16. März 37 in Misenum, dem Flottenstützpunkt der Hauptstadt, ermordet. Über die einzelnen Umstände gibt es verschiedene Versionen. Wahrscheinlich ist Macro in das kaiserliche Schlafgemach gegangen – als ehemaliger Kommandeur der Nachtwachen nichts Ungewöhnliches – und hat Tiberius durch Niederdrücken eines Kissens erstickt. Wenn wir Sueton Glauben schenken wollen, hat Caligula selbst den Kaiser zunächst vergiftet. »Dann ließ er ihm, als er noch atmete, den Ring vom Finger ziehen, und weil es schien, als würde dieser versuchen ihn festzuhalten, ließ er ein Kissen auf ihn werfen und drückte ihm sogar mit eigener Hand die Kehle zu. Einen Freigelassenen, der über die Grässlichkeit dieser Tat laut aufschrie, ließ er auf der Stelle kreuzigen.« Noch am selben Tag wird Caligula von den Prätorianern, die Tiberius nach Misenum begleitet haben, zum neuen Imperator ausgerufen. Und in Rom sorgt Macro dafür, dass der Senat Caligula einstimmig als neuen Kaiser anerkennt. Am 18. März wird Tiberius posthum für unzurechnungsfähig und sein Testament für ungültig erklärt.

»So gelangte Caligula auf den Thron und erfüllte damit den Wunsch des römischen Volkes«, resümiert Sueton. Insbesondere die Soldaten, die ihn schon als Kind kannten, hätten ihn im Andenken an seinen Vater Germanicus und aus Mitleid mit seiner fast ganz ausgerotteten Familie herbeigesehnt. Als Caligula im Trauergewand den Leichenzug des Tiberius nach Rom begleitet, ist der ganze Weg mit Altären, Opfertieren und brennenden Fackeln gesäumt und »eine dichtgedrängte Schar ungemein fröhlicher Menschen strömte ihm entgegen, die ihm alle möglichen Glückwünsche zuriefen«. Nach seiner Ankunft in Rom wird ihm am 28. März vom Senat »das Recht und die Entscheidungsgewalt in allen Angelegenheiten« übertragen. Im Alter von nur 24 Jahren ist Caligula nun der neue Herrscher über das römische Weltreich, das von Spanien bis Kleinasien, von Syrien bis zur Kanalküste und von Nordafrika bis zur Donau und zum Rhein fast die ganze antike Welt umfasst. Das Volk jubelt. Der neue junge Kaiser scheint all die Hoffnungen zu erfüllen, die sein Vater Germanicus, schon zu Augustus’ Zeiten Wunschnachfolger, verkörpert hat. Die Menschen in Rom sind erleichtert und voller Zuversicht. Die Freude sei so groß gewesen, berichtet Sueton, dass die Feierlichkeiten fast drei Monate dauerten und über 160.000 Opfertiere geschlachtet wurden. In diesen Tagen gilt Caligula als der exoptatissimus princeps, »der allerwillkommenste Kaiser«.

In den ersten Monaten seiner Regierung scheinen sich die auf einen neuen Augustus gesetzten Hoffnungen der Menschen auch tatsächlich zu erfüllen. Alles ist gespannt auf Caligulas erste Rede im Senat, dessen Urteile gegen seine Mutter und seine Brüder noch nicht lange zurückliegen. Wird der neue Kaiser dies nun den Senatoren vorwerfen und sie in scharfer Form zur Rechenschaft ziehen? Ganz und gar nicht. Cassius Dio schreibt, er habe ihnen geschmeichelt und versprochen, die Herrschaft mit ihnen zu teilen. Er verkündet die Beendigung der Majestätsprozesse und lässt die unter seinem Vorgänger Verurteilten und Verbannten frei. Noch laufende Verfahren werden niedergeschlagen und die Prozessakten öffentlich auf dem Forum Romanum verbrannt. Zuvor lässt sich Caligula allerdings Abschriften für sein Privatarchiv anfertigen. In der Leichenrede auf dem Forum Romanum, die er im Anschluss an das prunkvolle öffentliche Begräbnis des Tiberius im Mausoleum des Augustus hält, stellt er sich ganz in die Tradition des Augustus und des Germanicus, nach dem ab sofort der Monat September benannt wird. Der neue Kaiser gibt sich ganz liberal. Er ruft seinen Zuhörern zu, nun könne jeder in Rom wie in alten republikanischen Tagen wieder frei seine Meinung äußern. Verbotene Schriften von Regimekritikern dürfen wieder erscheinen. Und auf Ehrungen und Zurschaustellungen seiner eigenen Person soll künftig verzichtet werden und auch Statuen von ihm dürfen nicht aufgestellt werden. Für alle italienischen Provinzen erlässt er die von Augustus eingeführte allgemeine Verkaufssteuer, was hauptsächlich den einfacheren Bevölkerungsschichten zugute kommt. Und die Magistratswahlen überträgt er wieder dem Volk. In einem demonstrativen Akt, der die Zuneigung der Bürger noch steigert, segelt Caligula sodann trotz schlechten Wetters und stürmischer See an den Verbannungsort seiner Mutter Agrippina, überführt deren Asche nach Rom und lässt sie ebenfalls im Augustusmausoleum auf dem Marsfeld beisetzen. In seinem Testament hatte Tiberius seinen Prätorianern pro Mann 1000 Sesterzen versprochen, etwa der Jahresold eines normalen Soldaten. Obwohl Caligula das Testament zuvor für ungültig erklärt hatte, zahlt er nun sogar jedem das Doppelte aus. Und er geht noch einen Schritt weiter: Jeder römische Bürgersoldat und jeder Familienvorstand erhält jeweils 300 Sesterzen. Das sind ungefähr 45 Millionen für das römische Volk. Diese ungewöhnliche Großzügigkeit verblüfft alle. Nur einige wenige Skeptiker fragen sich besorgt, wohin das führen soll. Meint es der neue Kaiser wirklich ernst mit seinen vielen Ankündigungen und Versprechungen, oder ist das alles nur eine gut durchdachte und meisterhaft inszenierte Selbstdarstellung, um sich bei Volk und Soldaten beliebt zu machen?

Sein Konsulat tritt Caligula erst am 1. Juli 37 an, mit dreimonatiger Verspätung. Er nutzt seine Antrittsrede im Senat, um sich deutlich von Tiberius zu distanzieren und dessen Taten zu kritisieren. Und was er hinsichtlich seiner eigenen Herrschaftsausübung sagt, kommt der Aristokratie so sehr entgegen, dass der Senat, wie bei Cassius Dio nachzulesen ist, »aus Furcht vor einer Sinnesänderung beschließt, die Rede solle jedes Jahr verlesen werden«. Fortan jagt eine Festveranstaltung die andere. Als der fertiggestellte Augustustempel feierlich eingeweiht wird, sind nicht nur die Senatoren und ihre Ehefrauen zu einem riesigen Gastmahl in der Stadt eingeladen, sondern auch das Volk von Rom. Die dabei abgehaltenen Spiele sind so aufwendig wie nie zuvor. Bei den Reiterspielen fährt Caligula selbst einen prachtvollen sechsspännigen Triumphwagen. Und bei der Tierhatz werden Hunderte von Bären und afrikanische Raubtiere erlegt. Ein solches Ereignis hatte man »noch nie zuvor erlebt«, schwärmt Cassius Dio. Aber vermutlich sind bei einigen Aristokraten bereits die ersten Sorgenfalten auf der Stirn zu sehen gewesen. Denn der neue Herrscher wirft mit dem Geld nur so um sich. Binnen Kurzem sind die 3,3 Milliarden Sesterzen, die Tiberius als Staatsschatz hinterlassen hat, ausgegeben. Caligula verbreitet ungeheuren Luxus um sich. Er kleidet sich in kostbare Seide, schmückt sich mit wertvollen Edelsteinen und trägt selbst an seinen Schuhen Juwelen. Die maßlose Verschwendungssucht, die Leidenschaft für Pferderennen, Theater und Zirkusspiele sowie seine Vorliebe für Künstler oder Wagenlenker aus niederem Stand, die zunehmend an der kaiserlichen Tafel Platz nehmen dürfen und mit großzügigen Geschenken überhäuft werden, entsprechen nicht den aristokratischen Vorstellungen und Verhaltensnormen. Einige Senatoren schütteln bereits den Kopf, als bekannt wird, dass der junge Kaiser in Parfüm badet, mit Blattgold belegten Spinat isst und in Essig gelöste Perlen schlürft.

Vielleicht hat der eine oder andere der Senatoren in diesem Verhalten schon erste Anzeichen von Größenwahn und geistiger Gestörtheit erblickt. Der hoch angesehene Gaius Calpurnius Piso hat vielleicht besonderen Anlass, das zu glauben. Er ist mit der jungen bildhübschen Livia Orestilla verlobt und will sie heiraten. Wie Sueton erzählt, ist auch Caligula zum Hochzeitsmahl eingeladen. Er nimmt die begehrenswerte Braut bei der Hand, entführt sie in ein Gemach und vergewaltigt sie. Danach beansprucht der junge Kaiser mit der ihm nachgesagten unstillbaren Libido Livia Orestilla für sich und heiratet sie selbst. Aber schon nach zwei Monaten ist er ihrer überdrüssig und lässt sich wieder scheiden. Seine ganze Liebe gilt seiner vier Jahre jüngeren, in Abitarvium, dem heutigen Koblenz, geborenen Schwester Drusilla. Schon als Knabe soll er sie entjungfert haben. Angeblich wurden beide dabei von der Großmutter Antonia überrascht. Seitdem ist Drusilla seine Geliebte. Auch als sie im Jahr 33 mit Lucius Longinus vermählt wird, hält das Caligula nicht davon ab, sich weiterhin von ihr mit ausgefallenen Liebesspielen verwöhnen zu lassen. Sueton sagt ihm darüber hinaus nach, er hätte mit seinen beiden anderen Schwestern Agrippina und Livilla ebenfalls Unzucht getrieben und sie auch seinen Lustknaben preisgegeben. Nach seiner Darstellung gleicht der Kaiserpalast einem Bordell, in dem Blutschande und Ehebruch an der Tagesordnung sind. Caligula fordert Jung und Alt auf, von dem Angebot in seinem Palast Gebrauch zu machen und die eigene Lust zu befriedigen. Ständig hält er Ausschau nach hübschen, wohlgeformten Frauen, um mit ihnen zu schlafen. Dabei macht er auch weiterhin vor den Ehegattinnen der Senatoren nicht halt.

Ende Oktober 37 wird Caligula schwer krank. Schon in seiner Jugend hatten ihn epileptische Anfälle so geschwächt, dass er danach kaum gehen konnte und Mühe hatte, seinen Kopf aufrecht zu halten. Jetzt bricht die Krankheit, die er von seinem Vater geerbt hat, derart heftig aus, dass die Vertrauten in seiner Umgebung fürchten, er werde sie nicht überleben. In den Nächten liegt er wach und wird von grässlichen Albträumen und Panikattacken geplagt. Er hört Stimmen und glaubt, der Geist des Ozeans spräche mit ihm. Verstört sowie voller Unruhe und Angst irrt er in den Fluren und Hallen seines Palastes umher und fleht das Tageslicht herbei. Der jüdische Gelehrte und Philosoph Philon von Alexandra, der Caligula persönlich gekannt hat, meint, die Krankheit habe mit Caligulas zügellosem und ausschweifendem Lebenswandel in Zusammenhang gestanden, mit seinem exzessiven Sexualleben, einem Übermaß an Speisen und Getränken, der Einnahme von Brechmitteln nach opulenten Gastmählern und heißen Bädern mit vollem Magen. Aber das ist ebenso abwegig wie Suetons Annahme, seine Frau habe ihm übermäßig starkes Aphrodisiakum gegeben, sowie einige andere Theorien. In ihrem 2005 erschienenen Buch »The Madness of Kings« kommt die englische Historikerin Vivian H. Green zu dem einleuchtenden Ergebnis, die Ursache für Caligulas Wahnsinn sei eine hirnorganische Erkrankung gewesen. Die Symptome einer Temporallappenepilepsie, eines chronischen Gehirnsyndroms, ähneln durchaus denen der Schizophrenie oder der Enzephalitis, einer Gehirnentzündung. Doch letztlich bleibt auch diese Erkenntnis lediglich eine These. Denn das erhaltene Material reicht bei weitem nicht für eine exakte Diagnose aus.

Während der schweren Erkrankung im Oktober 37 hat Caligula offenbar selbst mit seinem Tod gerechnet. Noch auf dem Krankenlager bestimmt er seine Lieblingsschwester Drusilla zur »Erbin des kaiserlichen Vermögens und der Herrschaft«, wie uns Sueton mitteilt. Aber auch seine engsten Berater, der Präfekt der kaiserlichen Garde Macro und sein ehemaliger Schwiegervater Junius Silanus, treffen Vorsorge für den Fall seines Todes. »Halt dich bereit!«, sagen sie zu Tiberius Gemellus, dem 20-jährigen leiblichen Enkel des Tiberius, den eine ganze Reihe hochrangiger Senatoren bei seinen Thronfolgebestrebungen unterstützt. Das ist verfrüht. Wider Erwarten erholt sich Caligula nach einigen Wochen wieder. Seine geistige Verwirrung scheint jetzt zwar stärker zu sein als zuvor, aber er ist in Rom wieder präsent. Das zeigt er auch sofort mit außergewöhnlicher Brutalität. Er wittert einen Putsch und schickt zwei ergebene Soldaten zu Tiberius Gemellus. Sie überreichen ihm ein Schwert und zwingen ihn zum Selbstmord. Kurz darauf wird Macro