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Ulrich Hemel

Die Wirtschaft ist für den Menschen da

Vom Sinn und der Seele des Kapitals

Patmos Verlag

INHALT

Einleitung

I. Traum und soziale Welt

1. Die »kapitalistische Transformation« und der Beziehungscharakter von Kapital

2. Die Zeitliche und räumliche Struktur des Kapitals

3. Kapital und Lebensträume: Die kapitalistische Transformation und der ideelle Gestaltungsdrang

4. Wirtschaftsanthropologie, Vermögen und die Kritik menschlicher Bedürfnisse

5. Wirtschaften ohne Geld: Formen monetärer und nicht-monetärer Wertschöpfung

6. Die Rationalität und Irrationalität von Geld und Kapital

7. Kapital als symbolische Form der Weltwahrnehmung

8. Kapital als Symbol des Selbstausdrucks und als Prinzip sozialer Organisation

II. Symbolkapital – das Kapital des Kapitals

1. Die Vielschichtigkeit, Widersprüchlichkeit und Ungreifbarkeit von Kapital

2. Die Logik der Potenzialität

3. Kapital als Manifestation sozialer Verhältnisse

4. Kapital und die psychologische Form sozialer Ordnung

5. Die zeitliche Strukturierung des Kapitals

6. Kapital und die Durchsetzung geltender Spielregeln

7. Markenwelten und Persönlichkeitsmarken als Formen des symbolischen Kapitals

8. Symbolkapital und Mythenbildung

III. Die helle Seite des Kapitals

1. Kapital und Vermögen als Agenten der Freiheit

2. Kapital und Vermögen als Mittel zur Steigerung der Lebenssicherheit

3. Kapital, soziale Geltung, Anerkennung und Macht

4. Kapital als Katalysator von Gestaltungsräumen und als Persönlichkeitsprothese

5. Kapital und Sinnstiftung

IV. Die dunkle Seite des Kapitals

1. Der Imperativ der Steigerung

2. Kapital als Ausdruck kollektiver Illusion

3. Der Imperativ des Vergleichs

4. Kapital als Suchtmittel und als Illusionstheater

5. Kapital als Waffe

6. Kapital als Gott der Zerstörung

7. Kapital als symbolische Ersatzbefriedigung und kommunikative Last

8. Kapital als Katalysator pervertierter Werte und als Bedrohung personaler Integrität

V. Die Logik der Ambivalenz

1. Die soziale und die individuelle Ambivalenz des Kapitals

2. Die sprachliche und zeitliche Ambivalenz des Kapitals

3. Kapital als mentale Lebensform

4. Die Psychodynamik des Kapitals als Auslöser für ethische Desensibilisierung

5. Reputationskapital und Risikomanagement: Die praktische Bedeutung von Symbolkapital

6. Der Werkzeugcharakter des Kapitals und seine Rückwirkung auf Person und Identität

7. Praktische Ambivalenz: Ethische Kapitalanlage und wertrationale Handlungsgrenzen

8. Inverse Ambivalenz I: Das Paradox von Entstehung und Verwendung von Kapital

9. Inverse Ambivalenz II: Schmerz und Einsamkeit des Habens

VI. Kapital im Licht theologischer Reflexion

1. Gott und das Kapital: Die Logik von Alles oder Nichts

2. Kapitalistische Religion als Lebensprogramm

3. Kapitalverachtung und Dämonisierung des Kapitals als moralisierender Irrweg

4. Kapital als anthropologischer Spiegel der Transzendenz

5. Gottes Kapital als Talent zur Menschlichkeit

VII. Der Sinn des Kapitals und die Logik der Geschichte

1. Neun wesentliche Eigenschaften des Kapitals

2. Risikofaktoren im Umgang mit Kapital

3. Die Logik der Verführung und die Logik des Scheiterns: Hybris und Nemesis

4. Kapital und die Logik der Geschichte: Anamnesis und das Talent zur Versöhnung

VIII. Die Vision: Menschenwürdiges Wirtschaften in der globalen Zivilgesellschaft

1. Aufgaben und Herausforderungen der globalen Zivilgesellschaft

2. Auf der Suche nach einer neuen Wirtschaftsanthropologie

3. Spielregeln der globalen Zivilgesellschaft: Der Imperativ der Entfaltung statt blinder Wachstumsorientierung

4. Menschenwürde als Maßstab unternehmerischen Handelns: Der Wert der Werteorientierung

5. Menschenwürdiges Wirtschaften und soziale Innovation

6. Die Bedeutung einer langfristigen Zukunftsstrategie

7. Ökosoziale Marktwirtschaft: Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit weltweit als Aufgabe der globalen Zivilgesellschaft im 21. Jahrhundert

Danksagung

Literatur

Einleitung

Geld regiert die Welt. So einfach sagt es das Sprichwort, und so einfach scheint es uns im Alltag immer wieder zu sein. Wir beobachten krasse Unterschiede beim verfügbaren Einkommen: Die einen prassen, die anderen darben.

Liest man Zeitungen, kann man nur den Kopf schütteln: Da werden Banken mit Milliarden Steuerzahlergeld gerettet, aber in den Kommunen vor Ort fehlt das Geld.

Vertieft man sich in die Einzelheiten, ist man sofort einem vielstimmigen Chor ausgesetzt. Denn auch die Experten widersprechen einander, wollen die Märkte mit noch mehr Geld fluten oder aber auf einen restriktiveren Kurs setzen. Die einen stehen für eine strikte Sanierung der Staatsfinanzen, die anderen wollen Wachstum auf Pump ankurbeln. Wieder andere schütteln den Kopf und beharren auf den ehernen Gesetzen des Marktes, der für jede Handlung eine klare, aus den Gesetzen von Angebot und Nachfrage abgeleitete Konsequenz kennt.

Als ich Anfang der 90er-Jahre als Berater zur Boston Consulting Group kam, wollte ich wissen, wie Geld funktioniert, und meldete mich freiwillig bei der Beratung von Banken. Das war damals nicht ganz so beliebt, weil es sich um große, bisweilen nicht sonderlich entscheidungsfreudige und schnelle Organisationen handelte. Da ich nach dem Doppelstudium Wirtschaft und Theologie zunächst einige Jahre an der Universität verbracht hatte und dort theologische Seminare anbot, war die Bankenberatung ein guter erster Schritt. Ganz generell war damals der Wechsel aus einer Welt in die andere weniger üblich als heute.

So tief ich die Feierlichkeit großer Bankhäuser und das Selbstbewusstsein der dort Handelnden einatmen durfte, so klar wurde mir im Lauf der Zeit, dass die Verfügung über Geld und Kapital eine Verführung darstellen kann, die Allmachtsphantasien weckt. Wer über Geld verfügt, spielt Schicksal – gleich ob es um Schiffsfinanzierungen geht, große Immobilienkredite, die Gewährung oder die Kündigung eines Darlehens. Die Auswirkungen auf alle Beteiligten sind massiv.

Diese Beobachtungen gingen über wirtschaftswissenschaftliche Theorien hinaus. Mir war aber nicht klar, wie ich eine sinnvolle Brücke zu meiner philosophischen und theologischen Ausbildung schlagen konnte. Wobei schon die Frage nach einer solchen Brücke etwas ungewöhnlich war, denn in den 90er-Jahren, gewissermaßen der Blütezeit des Neoliberalismus, galten die verschiedenen gesellschaftlichen Welten als ziemlich klar voneinander abgegrenzt. Finanzwirtschaft, Realwirtschaft, Politik und Gesellschaft berührten sich nur punktuell; das wechselseitige Verständnis war begrenzt. Finanzwirtschaftliche Praktiken wurden – leicht übersteigert – in Anlehnung an Naturgesetze gesehen. Die Illusion der Beherrschbarkeit der Märkte war weit verbreitet. Politik wurde bisweilen nur noch als Erfüllungsgehilfin marktwirtschaftlicher Imperative angesehen.

Aus der Bankenwelt wechselte ich später in die Beratung, anschließend in die Führung und Leitung von Industrieunternehmen. Ich lernte, was Kostenstrukturen sind, wie Globalisierung funktioniert und welch immense Bedeutung eine klare Strategie haben kann. Mein Vertrauen in die Erkennbarkeit zukünftiger Entwicklungen und die Planbarkeit von Unternehmen wurde erst dann massiv erschüttert, als kurz nach einer persönlichen Investition in ein spanisches Unternehmen der Bauindustrie der Markt dort massiv einbrach. Statt 700.000 Wohnungen wurden in Spanien nur noch 100.000 Einheiten pro Jahr gebaut. Das war im Business-Plan leider nicht vorgesehen! Umgekehrt lernte ich einmal mehr den Wahrheitsgehalt des Sprichworts kennen: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Denn hinterher hatte es eigentlich jeder gewusst, dass in Spanien – dem Boomland Europas zu Beginn der Jahrtausendwende – eine riesige Krise ausbrechen würde!

Man könnte natürlich auch sagen, dass ich für die Recherchen zu diesem Buch weder Kosten noch Mühen gescheut habe. So einfach ist es aber nicht, denn auch an den ursprünglichen Entscheidungen nahmen ja zahlreiche andere Menschen und Institutionen teil: Berater, Anwälte, Banken, Manager.

Wie also kommt es zu unternehmerischen Fehlentscheidungen? Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Kurskorrektur, auch mit Verlusten? – In meinem eigenen Fall gelang ein Verkauf des Unternehmens, allerdings klar unterhalb des ursprünglichen Kaufpreises. Daher kann man fragen: Wer trägt letzten Endes tatsächlich das Risiko?

Der soziale Charakter von Geld und Kapital hat ja nicht unbedingt mit der Verteilung von Chancen und Risiken zu tun. Großbanken erhielten in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 das Prädikat »systemrelevant«, einfach weil man nach den Erschütterungen durch die Insolvenz des Bankhauses »Lehman Brothers« am 15 . September 2008 die Folgen einer unkontrollierten Bankenpleite fürchtete. Mittelständler dagegen, denen die Banken die Kreditlinien strichen, mussten die Segel streichen.

Solche Beispiele zeigen, dass unser Empfinden für Gerechtigkeit mit der Logik von Entscheidungen in einem wirtschaftlichen und politischen System oft nicht übereinstimmt. Da aber intuitiv »gerechte« Entscheidungen oft unerwartete Nebenwirkungen auslösen, ist der Streit der Meinungen absolut vorprogrammiert: Kurz gesagt, so lässt sich schlussfolgern, stimmt weder »grundsätzlich« unser intuitives Verständnis von Gerechtigkeit noch »grundsätzlich« die Systemlogik von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

Wie aber können und sollen wir dann mit der Welt der Wirtschaft und der Finanzen, mit der Logik von Geld und Kapital umgehen?

Viele Menschen beschränken sich auf den Horizont ihrer alltäglichen Pflichten und Bedürfnisse: Die Miete wird bezahlt, über den Benzinpreis beim Tanken geschimpft, der Urlaub wird gebucht. Wie aber hängen die Dinge zusammen? Wie weit können wir der zweckrationalen Theorie des Homo oeconomicus, des nach rein rationalen Argumenten zum eigenen Vorteil entscheidenden Menschen, trauen? Wo und wie ist sie zu ergänzen?

2009 hatte ich in Laichingen, Jena und Berlin das »Institut für Sozialstrategie« (www.institut-fuer-sozialstrategie.org) zur Erforschung der globalen Zivilgesellschaft gegründet. Und in diesem Zusammenhang fand am 1. Februar 2013 in Tübingen gemeinsam mit dem von Hans Küng gegründeten Weltethos-Institut sowie dem Forschungsinstitut für Philosophie in Hannover (www.fiph.de) ein Symposium zum Thema »Wirtschaftsanthropologie« statt, d. h. zur Frage »Wer ist der Mensch, wenn er denn wirtschaftet?«

In dieser Fragestellung kommt erneut die Suche nach einer Brücke zwischen wirtschaftswissenschaftlichen, sozialwissenschaftlichen und philosophischen Theorien zum Ausdruck. Und es war einfach zu erkennen, dass die wirtschaftliche Tätigkeit des Menschen von der Steinzeit bis heute, von der bäuerlichen Subsistenzwirtschaft bis zum Großstadtbewohner des 21. Jahrhunderts eben nicht immer nur von Geld und Kapital bestimmt war. Wer vom Apfelbaum in seinem Garten einen Apfel zum eigenen Verzehr pflückt, handelt wirtschaftlich, aber außerhalb der Sphäre des monetär bewerteten Bruttosozialprodukts. Denn er zahlt niemanden einen Preis für den eigenwirtschaftlich angebauten Apfel. Wie aber hängen dann nicht-monetäre und monetäre wirtschaftliche Leistungen zusammen?

Im Hintergrund der folgenden Überlegungen steht die Frage nach einer Logik, Phänomenologie und Hermeneutik von Geld und Kapital. Gesucht wird nach einer Verbindung des Kapitals mit der sozialen und institutionellen Sphäre, die das Leben des modernen Menschen ausmacht. Anders gesagt: Das Verstehen der Erscheinungsformen, der spannungsreichen Verknüpfungen, aber auch der Widersprüche des Kapitals ist Ausgangspunkt, Ziel und Motiv dieses Buches.

Dass Geld die Fließgröße von Kapital und dass Kapital ein Speicherungsmedium von Geld, indirekt von Arbeit und Leistung darstellt, ist kein neuer Gedanke. Neu ist aber die konsequent anthropologische Betrachtung des Phänomens von Geld und Kapital. Dies hat dann auf dem Weg zu diesem Buch zu seiner zentralen These geführt, die auf wunderbare Art und Weise die Verknüpfung der finanzwirtschaftlichen Welt mit den psychologisch, politisch und historisch interessanten Handlungen und Strebungen von Menschen schafft.

Diese These lautet: Die grundlegende kapitalistische Transaktion ist der Tausch von Geld gegen Träume. Nicht die Frage nach einem sozialistischen oder kapitalistischen Wirtschaftssystem ist in diesem Zusammenhang entscheidend, sondern eher die Frage, um welche Träume es geht ...

In dieser Einleitung will ich nicht wesentliche Gedanken schon vorwegnehmen, aber die grundlegende These des Buchs doch etwas verständlicher ausformulieren.

Da wirtschaftliche Handlungen grundsätzlich von Menschen ausgeübt werden (selbst bei so indirekten Transaktionen wie dem computergestützten Präsenzhandel auf den internationalen Börsen), muss eine Definition des wirtschaftlichen Handelns im Umgang mit Geld und Kapital diese menschliche Dimension von vornherein berücksichtigen. Und über die allseits bekannte Dimension des Tauschs hinaus geht es dabei um Träume – kleine, mittlere, große, verrückte oder vernünftige Träume.

Die Verwirklichung von Träumen richtet sich auf die Zukunft. Träume sind aber mehr als Erwartungen, auch wenn in vielen Fällen – beim Kauf einer Zahnpasta beispielsweise – der »Traum« im Grunde mit der Erwartung eines gut funktionierenden Produkts zusammenfällt. Interessanterweise richtet sich aber selbst die Werbung für Zahncreme eher an Traumwelten, die von Schönheit, Attraktivität und Gesundheit bestimmt sind als an die nur »funktionale« Erwartung sauber geputzter Zähne!

Jeder Kauf, jede Investition kann unter dem Gesichtspunkt analysiert werden, welche Träume dahinterstecken. Träume bewegen den Menschen, weil sie rationale und emotionale Motive miteinander verweben. Der Tadj Mahal, eines der bedeutendsten Bauwerke der Menschheit, ist dem Traum geschuldet, der eigenen Frau ein Schloss zu bauen – und damit natürlich auch die eigene soziale Bedeutung zu inszenieren.

Träume sind einerseits höchst persönlich, andererseits Teil eines gegebenen kulturellen Kontexts. Wenn man Menschen danach fragt, was sie mit 1 Million Euro anfangen würden, hört man durchaus einige eher konventionelle und kollektive Träume: Angestrebt wird die Weltreise, das schöne Haus, das flotte Auto, Hilfe für Familienangehörige und vieles mehr.

Richtig ist aber auch, dass aus Träumen Albträume werden können: Investitionen können scheitern, Kaufentscheidungen erweisen sich als fehlerhaft, die tatsächliche Realität weicht erheblich von der ursprünglich imaginierten ab ...

Für die Verbindung von wirtschaftlicher Welt und anthropologischer Analyse ist es dennoch von erheblicher Bedeutung, die Logik von Kapital und Geld auf die für alle Menschen geltenden Strebungen zurückzubeziehen: auf die Strebungen, die Menschen zu ihren Träumen, Zielen und Erwartungen führen. Denn Träume, Ziele und Erwartungen lassen sich in einer offenen Gesellschaft diskutieren, verändern, kritisieren, anpassen, aber auch realisieren. Wirtschaftliches Leben und Handeln werden damit in die Mitte der Gesellschaft geholt und bleiben keinem exklusiven Club von Wissensträgern vorbehalten.

Der Tausch von »Kapital gegen Träume« verweist auf die ursprüngliche Menschlichkeit jeder Form des Wirtschaftens, mit den klassischen Konflikten, Chancen und Dilemmata, denen Menschen ein Leben lang ausgesetzt sind. Es ist ja gerade die Kombination aus enormer Verletzlichkeit und enormer Schöpferkraft, die den Menschen auszeichnet. Und genau diese Facetten des Menschlichen spiegeln sich auch in unserem Umgang mit Geld und Kapital.

Dabei wird zunächst die Beziehung zwischen Kapital und sozialer Welt untersucht (1. Kapitel) und der Beziehungscharakter von Kapital aufgewiesen. Das 2. Kapitel ist der Suche nach der Quintessenz des Kapitals gewidmet. Es verweist auf das »Symbolkapital« als dem »Kapital des Kapitals«. Im 3.Kapitel geht es um die erstrebenswerte, »helle« Seite des Kapitals, dem im Folgeabschnitt (4. Kapitel) die »dunkle Seite« des Kapitals mit seinem impliziten Imperativ der Steigerung gegenübergestellt wird. Beide Perspektiven zusammen werden in einer Betrachtung der »Logik der Ambivalenz« (5. Kapitel) kombiniert. Diese Zweideutigkeit oder Ambivalenz ist ein selbstverständlicher Teil des Umgangs mit Geld und Kapital.

In einem weiteren Kapitel (6. Kapitel) untersuche ich, allerdings in knapper Form, die Beziehungen zwischen Kapital und theologischer Reflexion. Schließlich sind religiöse Denkformen und kapitalistische Handlungsweisen enger aufeinander bezogen, als Vertreter beider Welten es sich normalerweise eingestehen wollen!

Anschließend wird systematisch nach den festen Parametern in der Logik des Kapitals gesucht und die Frage nach dem Sinn des Kapitals und der Logik der Geschichte gestellt (7. Kapitel). Dabei werden auch die Risikofaktoren beim Umgang mit Kapital einer eingehenden Betrachtung unterzogen.

Im Schlusskapitel (8. Kapitel) geht es um die Vision eines menschenwürdigen Wirtschaftens in der globalen Zivilgesellschaft. Theoretische Überlegungen und praktische Anregungen werden dabei miteinander verknüpft. Wenn die kapitalistische Transaktion im Tausch von Kapital gegen Träume besteht, dann ist es eine unbedingte Zukunftsaufgabe, über Formen menschenfreundlichen Wirtschaftens nachzudenken. Der Kontext dafür ist die Welt, in der wir leben, also die globale Zivilgesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Wirtschaftliches Handeln wird damit in den Kontext eines konkreten historischen Geschehens hineingestellt, das uns Zeitgenossen aufgegeben ist: die Welt trotz großer Herausforderungen wie Klimawandel, kriegerischer Auseinandersetzungen und Hunger so zu gestalten, dass sie für die kommende Generation zumindest kein schlechterer Ort zum Leben ist als heute.

Wenn das gelingt, gilt wirklich: Die Wirtschaft ist für den Menschen da – nicht nur als normative Aussage, sondern als erlebbare Realität. Das aber ist ein großer Traum!


Ich widme dieses Buch meiner Frau Amparo Lucia Hemel, die mich immer zum Schreiben dieses Buches ermutigt und die unter erschwerenden gesundheitlichen Randbedingungen in den letzten Jahren mehr erlebt hat, als sie und ich es jemals erwartet hätten.

I. Traum und soziale Welt

Kapital ist ein wesentlicher Rohstoff aller fortgeschrittenen Gesellschaften.

Technisch gesehen handelt es sich um die Speicherungsform von Geld oder Vermögen. Und weil der Speicherung eine Geschichte vorausgeht, steht Kapital immer im Zusammenhang von individuellen, sozialen und politischen Vorgeschichten. Die »Akkumulation« von Wert, die im Kapital stattfindet, fällt ja nicht vom Himmel. Sie hat ihren Ursprung in Arbeit, in Spekulation, in Ausbeutung, in einer Erbschaft, in einem Geschenk oder in anderen Formen sozialen Handelns, so edel oder kritikwürdig sie dem einen oder anderen scheinen mögen.

Karl Marx (1818–1883), der nach wie vor weltweit bekannteste deutsche Autor, analysierte in »Das Kapital« (1867) verschiedene Facetten des Gebrauchs- und Tauschwerts von Waren und Gütern, die Bedeutung des Geldes für die Bewertung und den Tausch von Gütern, aber auch die Hervorbringung eines Mehrwerts durch Arbeit unter den Bedingungen einer kapitalistischen Produktion. Er kritisierte die kapitalistische Aneignung der Arbeitskraft von Arbeitern und beschäftigte sich sowohl mit der Entstehung eines Mehrwerts im Produktionsprozess als auch mit der Verwandlung von Geld in Kapital.

Heute ist Karl Marx ein Klassiker des wirtschaftlichen Denkens des 19. Jahrhunderts. Wir sind aber inzwischen im 21. Jahrhundert angekommen, haben andere technische Möglichkeiten, neue Einsichten, aber sicher auch neue Denkblockaden. Trotz weiterhin bestehender großer sozialer Ungleichheit ist es nicht der Klassengegensatz zwischen Arbeitern und Kapitalisten, der das gesellschaftliche Leben in den entwickelten Ländern, in Afrika oder Lateinamerika bestimmt. Soziale Gegensätze und Spannungen sind vielschichtiger, vielleicht auch unübersichtlicher geworden.

Gleichzeitig hat sich in praktisch allen Ländern eine eigene Rechtsprechung rund um Kapitalgesellschaften herausgebildet. Da wird zwischen Personengesellschaften und Aktiengesellschaften, zwischen Kommanditgesellschaften und anderen Formen der Zuschreibung von Eigentumsrechten an einem Unternehmen unterschieden. Regeln guter Unternehmensführung wie auch sehr spezielle steuerliche Gesetze unterscheiden sich teilweise erheblich voneinander, je nach Rechtsform einer solchen Kapitalgesellschaft (vgl. R. Dillerup/R. Stoi 2006; Th. v. Danwitz/O. Depenheuer/C. Engel 2002; N. Pfitzer/P. Oser 2003; A. Habisch/R. Schmidpeter/M. Neureiter 2008).

Auch diejenigen, die sich nicht von Berufs wegen mit Fragen des Kapitalmarkts oder mit Finanzierungsfragen auseinandersetzen, wissen aus eigener Anschauung, dass ohne Eigenkapital der Kauf einer Wohnung oder eines Hauses praktisch unmöglich ist und dass ein Auto nur kaufen kann, wer das dafür nötige Kapital zur Verfügung hat.

Wenn das Kapital zwar nicht zur Verfügung steht, wenn aber mit hinreichender Wahrscheinlichkeit ein stetiger Fluss von liquiden Mitteln aus dem laufenden Einkommen zu erwarten ist, dann ist eine Kreditfinanzierung des Autos eine häufig praktizierte Alternative. Die Eigenkapital- und die Kreditfinanzierung eines Autos sind völlig unspektakuläre Vorgänge, können aber die Wirkweise von Kapital gut veranschaulichen. Betrachten wir hierzu ein einfaches Beispiel.

Nehmen wir an, Hans und Lisa möchten ein Auto im Wert von 20.000 Euro kaufen. Lisa hat 10.000 Euro von ihrem Großvater geerbt, der vor drei Monaten verstarb. Hans hat über mehr als vier Jahre monatlich 200 Euro gespart, so dass auch ihm ein Eigenkapital in Höhe von 10.000 Euro zur Verfügung steht.

Selbst ein solch alltäglicher Vorfall im Umgang mit Kapital wirft Fragen auf und regt zum Weiterdenken an. In unserer Geschichte stellen wir uns vor, dass Hans und Lisa frisch verheiratet sind und sich nun das erste gemeinsame Auto kaufen. Wir lassen nun sämtliche, gut nachvollziehbaren Diskussionen um Details der Ausstattung und der Nutzung beiseite, halten aber fest: Auch in sehr engen menschlichen Beziehungen wie etwa in einer Partnerschaft wird die paritätische Finanzierung eines gemeinsamen Autos dazu führen, dass Erwartungen geklärt, Ansprüche verhandelt, Rechte und Pflichte geregelt werden.

Und die Wahl des Fahrzeugs – von der Marke bis zur Farbe, vom Gebrauchtfahrzeug zum Neuwagen – wird unweigerlich zu einem gewissen Teil Selbstausdruck für das Leben dieses Paares werden: Eine auffällige Modefarbe (»Neongrün« oder »Cappuccino«) wirkt anders als ein konventionelles Grau, ein solides Blau oder ein knalliges Rot. Kapital ist farblos, aber es gewinnt Farbe, Geruch und Geschmack, sobald es zum Gegenstand des praktischen Lebens wird.

Anders gesagt: Im praktischen Leben wird Kapital im Rahmen dessen wirksam, was ich eine »kapitalistische Transformation« nenne und was auf den grundlegenden Beziehungscharakter von Kapital verweist.

1. Die »kapitalistische Transformation« und der Beziehungscharakter von Kapital

Mit dem Begriff der kapitalistischen Transformation ist hier der Akt des Tauschs von Kapital in etwas anderes gemeint, insbesondere in anderes aus dem Bereich der Realwirtschaft wie etwa ein Auto. Ob der Tauschwert später dem Nutzwert entspricht, soll hier nicht betrachtet werden, denn ob die ursprünglich bestehenden Erwartungen später erfüllt werden, weiß man vorher niemals: Man kann es nur hoffen und nach bestem Wissen und Gewissen abschätzen. Das gilt für den professionellen und den privatwirtschaftlichen Bereich.

Und man kann sich irren: Bei einem Auto, das ich im Rahmen einer Geschäftsführungstätigkeit bekam, musste innerhalb von 14 Monaten zweimal der Motor ausgetauscht werden. Beim Ausscheiden aus der Firma gab ich das Fahrzeug zurück. Anders lagen die Verhältnisse, als ich ein Firmenfahrzeug der gleichen Automarke später privat übernahm und es mehrere Hunderttausend Kilometer mit dem ersten Motor fahren konnte.

Der Erkenntniswert solcher Beispiele liegt in der Veranschaulichung einiger Wesenszüge dessen, was Kapital ist und was sehr deutlich über die wirtschaftliche Sphäre hinaus geht. Die ökonomische Rationalität sieht im Kapital einen Nutzwert, der sich durch hohe Fungibilität auszeichnet.

Mit »Fungibilität« wird ausgedrückt, dass Kapital ohne großen Aufwand getauscht werden kann, also »fungibel« ist. Fungibles Kapital kann mit anderen Worten relativ leicht bewegt und in andere Werte getauscht werden: Es hat einen universellen Charakter. Denn grundsätzlich ist es möglich, alles (und wirklich alles) mit einem Kapitalwert zu belegen. Daher ist es leicht, die Universalität des Kapitals mit seiner potenziellen Allmacht zu verwechseln und in das Feld kapitalistischer Allmachtsphantasien zu gelangen.

Für eine anthropologische Betrachtung des Kapitals reicht schon aus diesem Blickwinkel die rein ökonomische Perspektive nicht aus. Das Beispiel des Autokaufs zeigt bereits, dass Kapital tief in die Qualität und Ausgestaltung menschlicher Beziehungen eingreift, gleich ob es sich um die Intimität einer Paarbeziehung oder die Anonymität der Gesellschafter großer Aktiengesellschaften handelt. Kapital definiert Beziehungen, ob wir es wollen oder nicht.

Die Verfügungsmacht über Kapital zieht in vielen Fällen Verfügungsmacht über soziale Verhältnisse, ja über Leben und Tod nach sich. Dürrenmatts Besuch der alten Dame ist hier ein Extrembeispiel: Eine reich und alt gewordene frühere Klassenkameradin kommt an den Ort ihrer Kindheit zurück und verspricht der Gemeinde großen Reichtum, wenn eine einzige Bedingung erfüllt wird: dass der Mann getötet wird, der der alten Dame in ihrer Jugend grobes Unrecht getan hat.

Die beziehungsgestaltende Sozialität und erwartungsgeladene Symbolik von Kapital stellen die andere Seite seiner abstrakten Potenzialität dar, d. h. seiner Eignung zu allen möglichen Formen der kapitalistischen Transformation. Der Ur-Akt der kapitalistischen Transformation ist das Kaufen, das Umwandeln von Geld in Ware, der Tausch von kapitalistischer Potenzialität in Realsymbole, in Waren und Dienstleistungen.

2. Die Zeitliche und räumliche Struktur des Kapitals

Die kapitalistische Transformation geschieht freilich nicht ohne Zeit und nicht ohne Ort. Die universelle Einsetzbarkeit von Kapital bedeutet zugleich auch, dass wir immer wieder geneigt sind, Kapital als ort- und zeitlos zu betrachten. Dies ist aber niemals der Fall, wie sich aus einer einfachen Beleuchtung der finanzwirtschaftlichen Sphäre von Kapital zeigt. Kapital wird nämlich in aller Regel in Form gültiger Währungen ausgedrückt, in Euro, Dollar, Yen oder Schweizer Franken. Es zeigt somit bei aller Flüchtigkeit eine Referenz zum Wert der jeweiligen Währung auf, die sich konkreten, historisch gewachsenen Gesellschaften mit ihren agierenden Zentralbanken und Institutionen verdankt.

Und Währungen gelten in ihrem Währungsraum zu einer gegebenen Zeit. Reichsmark dienen in Deutschland allenfalls der historischen Veranschaulichung. Gleiches gilt in Zeiten des Euro für die Deutsche Mark, den französischen Franc, die italienische Lira und den österreichischen Schilling. Das mag man bedauern oder nicht, aber Kapital ist ohne Lokalität und Temporalität nicht zu haben.

Kapital spiegelt freilich höchst unterschiedliche Rollen von Ort und Zeit. Die kollektive Referenz oder Bindung an einen Währungsraum und eine gegebene Zeit ist das eine, die individuelle Genese von Kapital das andere. Im Beispiel von Hans und Lisa ist die Herkunft des Eigenkapitalanteils von Lisa eine Erbschaft. Die Kapitalherkunft aus einer Erbschaft verweist auf die Sozialität von Kapital, denn Vererbung ist ein soziales Konstrukt, das sich nach den je individuellen Gesetzen jedes Landes richtet. Vererbung verweist auf eine »Familienzugehörigkeit« von Kapital, die nicht auf Leistung aufbaut, sondern auf Abstammung. Dies ist ein keineswegs selbstverständlicher Widerspruch gegen das oft so hoch gehaltene Prinzip der Leistungsgesellschaft!

Genese und Sozialität von Erbschaftskapital führen im nächsten Schritt zum geschichtlichen Charakter, zur Historizität von Kapital. Wir wissen nicht, wie Lisas Großvater zu Kapital gekommen ist: Hat er im Lotto gewonnen? Hat er ein Leben lang gespart? Hat er seinerseits geerbt? Hat er krumme oder saubere Geschäfte gemacht? Wir wissen es nicht, und das Nichtwissen über die historische Genese von Kapital ist Teil seiner universellen Verwendbarkeit und Potenzialität. Die Erforschung der Kapitalherkunft ist allerdings nicht einfach ein Hobby für unterbeschäftigte Historiker, sondern eine Frage, die im weiteren Verlauf dieses Buches unter verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten ist. Da Kapital im sozialen und politischen Zusammenhang nicht ohne Herkunft und Geschichte zu haben ist, gehört die »Anamnese« oder »Herkunfts-Erinnerung« grundsätzlich zu jeder gesellschaftlichen Kritik des Kapitals.

Wie auch immer der Ursprung eines bestimmten Kapitals ist, eins ist immer klar: Kapital ist eine Speicherungsform von Vermögen, es hat den Charakter der Akkumulation von Kraft, Arbeit und materiellen Gütern. Und es wirkt in Form der kapitalistischen Transformation, d. h. des Tauschs von Kapital gegen etwas anderes, dem ein bestimmter Nutz- oder Tauschwert beigelegt wird.

So weit reicht nun auch die ökonomische Theorie. Da diese sich an der Quantifizierung des Tausch- und Nutzwerts, des Gegenwarts- und Zukunftswerts von Kapital ausrichtet, gerät ihr freilich ein wesentliches Element der kapitalistischen Transformation aus dem Blick: Es ist der Traum, die Imagination und die Hoffnung auf ein besseres Leben. Denn Kapital wird niemals eingesetzt ohne Hoffnung auf einen »Return on Investment«, eine zukunftsbezogene Belohnung, die häufig eben nicht nur auf die Nacktheit einer bezifferbaren Rendite, sondern auf die Realisierung von Träumen bezogen ist: gleich ob es sich um Träume im Sinn des Dolce vita, der sozialen Geltung und Reputation oder der ideellen Gestaltung handelt.

3. Kapital und Lebensträume: Die kapitalistische Transformation und der ideelle Gestaltungsdrang

Kapitalistische Transformation und ideeller Gestaltungsdrang liegen nicht so weit auseinander, wie es Ökonomen gelegentlich zu glauben scheinen. Dafür spricht beispielsweise die lange Tradition von Spendern und Mäzenen, von Philanthropen, Unternehmern und Idealisten, die mit ihrem Geld teilweise sehr spezielle Träume verwirklichten.

Ein Beispiel kann man an der Stadt Piriápolis in Uruguay besichtigen, wo im Jahr 1893 Francisco Piria (1847–1933), ein reich gewordener Geschäftsmann, sich an einem der schönsten Strände des Landes den Traum einer idealen Stadt mit einem der modernsten Hotels seiner Zeit und manchen eher esoterischen Gestaltungsmarken erfüllt hat. Heute ist der Ort für den Tourismus in Uruguay bedeutend und zählt rund 9000 Einwohner.

Ein anderes Beispiel für die Materialisierung eines Traums ist das Hearst Castle in Kalifornien, das äußerst eigenwillige Schloss eines der mächtigsten Zeitungsmagnaten des 20. Jahrhunderts, William Randolph Hearst (1863–1951). Von dort bis nach Neuschwanstein, dem Traum des legendären Bayernkönigs Ludwig II., ist es gedanklich nicht weit. Zu differenzieren ist hier lediglich zwischen dem Einsatz eigenen Vermögens im Fall des Zeitungsmanns und der Verfügungsgewalt über die bayerischen Staatsfinanzen, auch wenn diese notleidend wurden.

Es mag überraschen, den Geist der kapitalistischen Transformation in der Welt des Traums, der Imagination und des Selbstausdrucks zu suchen und zu finden. Dabei geht es nicht um psychoanalytische Traumdeutung nach Sigmund Freud oder um die Psychologisierung des wirtschaftlichen Handelns. Es geht vielmehr um die Wiederentdeckung der Produktivkraft der menschlichen Imagination. Sie ist eine treibende Größe menschlichen Handelns und »materialisiert« sich im künstlerischen, sozialen, aber auch im wirtschaftlichen Handeln. Die menschliche Imagination ist das Bindeglied zwischen verschiedenen Bereichen der Gesellschaft. Die Welt des Geldes und des Kapitals ist hier nicht ausgenommen. Schon 1999 veröffentlichte der dänische Autor Rolf Jensen ein Buch mit dem Titel The Dream Society (R. Jensen 1999). Dabei bezieht er die Produktivkraft der Imagination konsequent auf die Geschäftswelt und ihre Märkte: Den Markt für Geschichten, den Markt für Freundschaft und Liebe, den Markt für Familie, für Überzeugungen oder für Seelenfrieden (51–113, 149–188). Abgesehen davon ist es allseits bekannt, dass Werbung auf Traumwelten zielt ...

Selbst in Zeiten des Internets ist es in unseren westlichen Gesellschaften fast unmöglich, ganz ohne Fernsehen aufzuwachsen. An die Unterbrechung von Spielfilmen durch Werbung hat sich das Publikum längst gewöhnt. Und die Übersetzung oder »Decodierung« des Leistungsversprechens solcher Werbung hat immer und grundsätzlich mit den großen menschlichen Träumen zu tun: Schönheit, Besitz, soziale Geltung und Macht. Je besser es einer Marke gelingt, die Brücke von ihrem Produkt zu einem der grundlegenden Träume der Menschen zu schlagen, desto erfolgreicher wird sie sein.

Kapital ist das Werkzeug und der Rohstoff der kapitalistischen Transformation, und deren Urformel lautet »Tausche Geld gegen Träume«.

Dieser Zusammenhang wurde in seinem symbolischen Gehalt in den Wirtschaftswissenschaften vermutlich deshalb unterschätzt, weil die Mathematisierbarkeit der kapitalistischen Nutzenfunktion den Blick von der wirtschaftsanthropologischen Betrachtung ablenkte. Es fehlte also die hier gestellte Frage: Wer ist der Mensch, wenn er wirtschaftlich handelt? Und die Antwort lautet: Er ist – eben – ein Mensch, mit seinen Bedürfnissen, Träumen und Hoffnungen, mit rationalen und irrationalen Anteilen.

Wirtschaftsanthropologische Betrachtungen gehen über die Proklamation des zweckrationalen Homo oeconomicus, des am eigenen Nutzen orientierten, in diesem Sinn rationalen Menschen hinaus. Sie holen das wirtschaftliche Geschehen in die Sphäre des Gesellschaftlichen zurück.

Gerade die Abkopplung der globalen Finanzwirtschaft von den realen materiellen und spirituellen Gegebenheiten moderner, entwickelter oder weniger entwickelter Volkswirtschaften spielt ja der scheinbaren Heimatlosigkeit und Ungreifbarkeit des Kapitals in die Hände. Kapital wirkt dann als ahistorische, überwiegend mathematisch analysierbare Größe. Vergessen wird dabei, dass auch der versierteste Investmentbanker essen und trinken muss (wenn auch häufig Pizza aus Pappkartons und Cola aus dem Automaten).

Vergessen wird aber auch der Rückbezug von Kapital auf menschliche Bedürfnisse, die aberwitzig sein mögen, irrational, unsinnig oder moralisch verwerflich. Gerade insoweit, als es sich eben doch um menschliche Bedürfnisse handelt, öffnet sich ein Fenster auf die grundlegende Kritik an menschlichem Handeln und den mit ihm verbundenen Bedürfnissen. Anders gesagt: Kapital ist nicht der Leviathan, die dunkle Macht, das ganz andere, sondern ein Spiegel menschlicher Träume und Albträume.

4. Wirtschaftsanthropologie, Vermögen und die Kritik menschlicher Bedürfnisse

Die wirtschaftsanthropologische Kritik menschlicher Bedürfnisse, die im Rahmen einer kapitalistischen Transformation im Sinn von »Geld gegen Träume« realisiert werden sollen, spricht in keiner Weise gegen den rationalen Kern von Nutzen- und Tauschfunktionen. Kapital ist Motor der Wirtschaft, weil es Investitionen ermöglicht, Märkte erschließen, Rohstoffe gewinnen, Fabriken bauen und Infrastruktur realisieren hilft. Kapital ist geronnenes Geld, ein Aggregatzustand menschlicher Energie. Die Tauschfähigkeit des Geldes beruht auf dem sozialen Vertrauen in das Leistungsversprechen der Notenbank, die den realen Tauschwert des Geldes zu erhalten sucht und als eine von Menschen geschaffene Institution gegebene soziale, politische und ökonomische Zwecke verfolgt.

Der Unterschied zwischen Geld und Kapital ist im Wesentlichen eine Frage des Betrachtungswinkels: Geld wird eher als fließende Größe angesehen, während Kapital den Blick auf schon geronnene Aggregationsformen richtet, so etwa auf das »Stammkapital« einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung oder einer Aktiengesellschaft, auf das Eigenkapital des Hauskäufers, auf das Haftungskapital einer Einlage oder das Investitionskapital für eine unternehmerische Entscheidung.

Ähnliches gilt für den Begriff des Vermögens, zumindest im geldwirtschaftlichen Gebrauch. Selbstverständlich ist es von hohem anthropologischen Interesse, dass der Begriff des Vermögens häufig spezifische menschliche Fähigkeiten und Fertigkeiten aufgreift, etwa das Denkvermögen eines Schülers, das Leistungsvermögen eines Sportlers oder das Talent einer Künstlerin. Geht es um Geldvermögen, dann handelt es sich in vielen Fällen um ein Synonym für Kapital. Aber selbst im ökonomischen Verständnis ist zwischen liquidem und gebundenem, zwischen frei verfügbarem und verfügungsbeschränktem Vermögen zu unterscheiden.

So hat der minderjährige Erbe eines Millionenkapitals zwar ein hohes Vermögen, ist aber verfügungsbeschränkt: Er kommt also nicht an sein Geld heran, etwa weil im Testament eine Altersgrenze bestimmt wurde, ab der er frei verfügen darf. Verfügungsbeschränkungen gelten auch für denjenigen, der wegen der Aufnahme eines Kredits Vermögensgegenstände wie etwa sein Haus mit einer Hypothek oder einem Pfandrecht belastet: Er hat Vermögen, ist in seinem Gebrauch aber verfügungsbeschränkt. Das Kapital der Kunstschätze des Vatikans mag außerordentlich hoch sein, und man mag auch den Gedanken verfolgen, es unterliege der freien Verfügung eines Papstes: Dennoch ist es, technisch gesehen, in Sachwerten gebunden, also gerade nicht frei verfügbar und auch nicht »zinstragend«.

Im Gegenteil: Wer Vermögen in der Form geronnenen Kapitals hat, so etwa ein mir bekannter Schlossherr, stöhnt nicht selten unter der Zahllast für den Unterhalt seines Vermögens. Die Kosten für den Unterhalt eines Schlosses sind nämlich Monat für Monat, Jahr für Jahr aufzubringen. Den realisierten Gegenwert beim Verkauf eines Schlosses erhält man dagegen nur einmal – und idealerweise nie, denn alte Familien legen großen Wert darauf, ihr Vermögen an die nächste Generation weiterzugeben.

So steht der Begriff des Vermögens zwar grundsätzlich für kumuliertes Kapital jenseits aktueller Bedarfe. In nicht wenigen Fällen wird solches Vermögen allerdings – wie oben beschrieben – durchaus zur Last, etwa wenn aus familiären und psychologischen Gründen oder aufgrund ungünstiger Marktbedingungen eine Veräußerung von Vermögenswerten nicht in Frage kommt, die laufenden Kosten für seinen Unterhalt aber Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr aufgebracht werden müssen.

Vermögen im Sinn der Sachanlage kann daher vom Traum zum Albtraum werden. Gerade das macht frei verfügbares, »fungibles« Finanzkapital ja so verführerisch. Wer Geld in Finanzanlagen anlegt, muss sich normalerweise nicht kümmern: Es wird Zinsen tragen, Dividenden abwerfen, Veräußerungsgewinne ermöglichen und dergleichen mehr.

Doch auch hier gilt die Dialektik von Traum und Albtraum: Renditeerwartungen können sich zerschlagen. Bestimmte Anlageformen – wie etwa im Fall einer Kommanditgesellschaft – ermöglichen den Rückgriff auf die Anteilseigner bis hin zur Nachschusspflicht, also zur häufig übersehenen Verpflichtung, gerade dann weiteres Geld »nachzuschießen«, wenn die Geschäfte schlecht laufen.

Auch Aktiengesellschaften können von einem Tag auf den anderen dramatisch an Wert verlieren. Man denke etwa an den Wert der EnBW, der Energieversorgung Baden-Württemberg, die bis zur Katastrophe von Fukushima 50 Prozent ihres Stroms aus Atomenergie erwirtschaftete und deren Geschäftsmodell nach dem Atomausstieg der deutschen Bundesregierung 2011 völlig unter die Räder kam. Auch eine grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg konnte daran mit einer Neuausrichtung der Geschäftspolitik kurzfristig nichts ändern.

5. Wirtschaften ohne Geld: Formen monetärer und nicht-monetärer Wertschöpfung

Die große Wirtschafts- und Finanzkrise seit 2008 hat viele Menschen veranlasst, sich eine Welt ohne Geld, speziell ohne Banken und Finanzwirtschaft vorzustellen. Wie das genau gehen soll, ist unklar und umstritten. Klar ist aber, dass die Herausbildung der Spezies Mensch nicht zugleich die Geburtsstunde des Geldes sein konnte. Selbst der Übergang vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern, wie er beispielsweise im Konflikt zwischen Kain und Abel beschrieben ist, dürfte noch vor der Erfindung der Geldwirtschaft liegen.

Damit ist zumindest eines klar: Wirtschaften ohne Geld ist möglich. Denn jedes Wirtschaften lässt sich definieren als zweckrationales Handeln unter Bedingungen der Knappheit.

Von Geld ist hier nicht unbedingt die Rede, denn auch das Jagen und Sammeln von Kalorien oder das Säen und das Ernten von Nutzpflanzen ist zweifelsohne eine Form des Wirtschaftens. Die Wirtschaft der Steinzeit, die beginnende Tauschwirtschaft und selbst die bäuerliche Subsistenzwirtschaft bis weit ins Mittelalter hinein kommen weitgehend ohne Geld aus. Mit bäuerlicher Subsistenzwirtschaft ist eine in ärmeren Ländern immer noch weit verbreitete bäuerliche Lebensweise gemeint, bei der auf dem Feld und im Stall für den Eigenbedarf produziert wird. Nur ein Teil der Ernte wird vermarktet und damit dem Tausch »Ware gegen Geld« zugeführt.

Geld als Ausdruck für geronnene Arbeit und materialisierte Erinnerung ist allerdings so unglaublich zweckmäßig, dass komplexe Massengesellschaften, wie wir sie heute erleben, ohne Geld kaum mehr vorstellbar sind.

Jede Familie, die einen Apfelbaum im Garten hegt und im Herbst Äpfel erntet, wird diese Früchte genießen, ohne am Geldkreislauf teilzuhaben. Gleiches gilt für großstädtische Mieter, die gern eine oder zwei Tomatenstauden auf dem Balkon züchten, um eben die »eigenen Tomaten« zu essen. Selbst im 21. Jahrhundert gibt es also noch Reservate geldlosen Wirtschaftens, denn der Apfel aus der eigenen Ernte und die Tomate vom Balkon werden gewissermaßen der monetär ausgestalteten Tauschwirtschaft entzogen.

Wahr ist allerdings auch, dass die Monetarisierung des Wirtschaftslebens in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer stärker zugenommen hat. Dienstleistungen, die früher in der Familie oder unter Nachbarn und Freunden erbracht wurden, sind nun marktförmig ausgestaltet. Dies gilt nicht nur für die Pflege alter und kranker Menschen, sondern auch für ein psychologisches Beratungsgespräch oder eine Form der Nachbarschaftshilfe, für die heute professionelle Handwerker gerufen werden.

Die immer stärkere Monetarisierung des Wirtschaftslebens darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch in der kapitalistischen Geldwirtschaft Handlungsformen gibt, deren primäres Motiv gerade nicht durch finanzielle Erwägungen bestimmt ist. Wenn Kirchen oder politische Parteien Tagungshäuser unterhalten, dann wird den Teilnehmern an Kursen und Veranstaltungen sehr wohl ein finanzieller Beitrag für Übernachtung und Verpflegung abverlangt. Dennoch ist der Zweck solcher Einrichtungen ein eher kirchlicher oder politischer: Die Abbildung von Leistungen durch Geld ist an dieser Stelle von untergeordneter Bedeutung.

Gleiches gilt für Stiftungen, Nicht-Regierungs-Organisationen, zivilgesellschaftliche Bewegungen, religiöse Gemeinschaften und vieles mehr. Die Absicht, sich von der Geldwirtschaft abzukoppeln, steht hier nicht im Vordergrund – genauso wenig allerdings das Ziel, im Rahmen der entsprechenden Aktivitäten Gewinn zu erwirtschaften oder besonders reich zu werden.

Geld und Kapital können also im Vordergrund stehen oder gegenüber anderen Zwecken und Zielen im Hintergrund bleiben. In vielen Fällen vereinfachen sie das soziale Leben, weil sie den Tausch von Leistung und Gegenleistung einfacher als alle anderen Systeme regeln. Wenn jemand als Landwirt Schweine mästet und Korn anbaut, also Schinken und Getreide produziert, gegen wie viele Handwerkerstunden soll er dann wie viele Schinkenstücke und Getreidekörbe aufwiegen? Geld macht die Sache leichter; Geld funktioniert als Treibstoff und Schmiermittel, das den Austausch von Waren und Dienstleistungen weniger kompliziert von der Hand gehen lässt.

6. Die Rationalität und Irrationalität von Geld und Kapital

Selbst wenn wir den praktischen Wert des Geldes anerkennen, ist noch nicht klar, wie die Preisbildung zustande kommen soll. Dabei geht es um die Frage nach der Bewertung von Gütern und Dienstleistungen, aber auch um den Unterschied zwischen Geld und Kapital. Wie viel Geld ist ein Kilogramm Schinken wert? Oder eine Klavierstunde? Oder die Teilnahme an einem Opernabend, der Besuch eines Kinos und das Abendessen im Restaurant?

Der gesellschaftliche Charakter des Geldes verweist hier auf eine Reihe von Funktionen, beispielsweise die Anerkennung und Wertschätzung bestimmter Formen von Arbeit. Dabei geht es nicht nur um Menge, Aufwand und Kunstfertigkeit, und nicht immer um »Verfügbarkeit« und »Knappheit«, sondern eben sehr wohl um historisch überlieferte, gesellschaftlich markierte Formen sozialer Wertschätzung. Weil aber Gesellschaften aus sehr vielen Individuen und Gruppen bestehen, wird es immer Ärgernisse über die Höhe der Vergütung einer bestimmten Arbeit und Leistung geben. Wie viel ist die Stunde eines Lehrers wert? Eines Goldschmieds? Einer Krankenschwester? Eines Managers? Eines Bankers?

Geld ist, so gesehen, nicht nur Ausdruck für gespeicherte Arbeit, sondern auch für soziale Wertschätzung. Rationale und irrationale Elemente gehen dabei Hand in Hand. Manchmal werden lange Ausbildungszeiten angemessen entlohnt, manchmal so gut wie gar nicht. Manchmal zählt der Wert der Erfahrung, manchmal überhaupt nicht. Im besten Fall ist die Wertzumessung in Geldeinheiten wie Euro oder Dollar ein Ausdruck für das rationale Wirken von Märkten, die Knappheit belohnen und Überfluss gering schätzen. Das Finden eines Marktwerts kann auf transparenten Märkten durchaus bestimmten Formen der Wahrheitssuche und der Wahrheitsfindung ähneln. Unter gegebenen Verhältnissen gibt es so etwas wie den »richtigen« Preis, nämlich dann, wenn dieser zu einem Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage führt.

Preis und Wert sind allerdings zweierlei. Historische Erinnerungsstücke, künstlerische Unikate oder persönliche Beziehungen zu einem an sich unscheinbaren Objekt können dann zu auffälligen Besonderheiten führen, etwa wenn bei einer Auktion an sich kaum bemerkenswerte Gegenstände aus dem Eigentum berühmter Menschen zu horrenden Preisen versteigert werden.

Wir kommen hier in den Bereich, der die zugleich rationale und irrationale Doppelstruktur von Geld und Kapital sichtbar werden lässt. Der Unterschied zwischen Geld und Kapital soll hier nicht überbetont, aber kurz angesprochen werden. Denn eine Sache ist es, wenn jemand sagt »Ich habe kein Geld«, eine ganz andere steckt hinter der Äußerung »Ich habe kein Kapital«.

Kapital wird in der Regel als größere Menge verfügbaren Geldes gedeutet, als Akkumulationsform von Geld. Wird angelegtes Kapital flüssig gemacht, verwandelt sich der gespeicherte Wert wieder zurück in Geld. Nicht zu vergessen ist freilich, dass Kapital eben nicht immer liquide ist, also flüssig gemacht werden kann. Es kann »immobil« sein wie – eben – eine Immobilie; es kann in verschiedensten Formen gebunden sein. In Krisenzeiten flüchten nicht wenige Zeitgenossen in besonders fungible, also leicht in Geld eintauschbare Formen von Kapital wie etwa Goldmünzen oder Diamanten.

sozialen Akt der Wertzuschreibung