Nicolette Bohn

Florence Nightingale

Nur Taten verändern die Welt

Mit einem Vorwort von Annett Büttner

Patmos Verlag

ÜBER DIE AUTORIN

© Thomas Stelzmann

Dr. phil. Nicolette Bohn ist freiberufliche Autorin von Sach- und Drehbüchern, Romanen und Jugendliteratur. Sie ist zudem Studienleiterin an der Hamburger »Schule des Schreibens«. Studiert hat sie Germanistik, Sprachwissenschaft und Medienpädagogik. Sie lebt in Düsseldorf, also ganz in der Nähe des Diakonissen-Mutterhauses Kaiserswerth, wo Florence Nightingale wichtige Impulse für ihr Leben und ihr Werk erhielt.

ÜBER DAS BUCH

Florence Nightingale (1820–1910) ist weltberühmt, aber wenig bekannt. Um ihren Namen ranken sich vor allem Legenden und Stereotype. Doch wer war diese Frau, der ungezählte Menschen ihr Leben verdanken? Mit ihren innovativen Methoden revolutionierte sie die Krankenpflege. Kaum jemand weiß, welche Widerstände sie dafür überwinden musste.

Dieses Lebensbild zeichnet anschaulich ihre äußere und innere Entwicklung nach. Wie sie ihre Berufung erkannte und lernte, zu ihr zu stehen. Und wie sie trotz Rückschlägen die Kraft fand, gerade als Frau das Korsett der gesellschaftlichen Erwartungen zu sprengen und ihre Berufung zu leben. In zahlreichen Quellentexten kommt Florence Nightingale selbst zu Wort.

Auch als Printausgabe erhältlich.

www.patmos.de/ISBN978-3-8436-1225-8

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in der Schwabenverlag AG, Ostfildern

Umschlaggestaltung: Finken & Bumiller, Stuttgart

Umschlagabbildung: shutterstock / Prachaya Roekdeethaweesab

ISBN 978-3-8436-1225-8 (Hardcover)

ISBN 978-3-8436-1241-8 (eBook)

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Inhalt

Vorwort

Einleitung

FRÜHE EINFLÜSSE

Florence’ Eltern

Die Wohnsitze der Familie Nightingale

Zwei grundverschiedene Charaktere

Eine ungewöhnliche Bildung

»Gott rief mich in seinen Dienst«

DIE JAHRELANGE SUCHE NACH DER BERUFUNG

»Was soll ich tun?«

Begegnung mit Mary Clarke

Die Jahre 1839–1844

Liebe und Ehe als größte Versuchung

Krankenpflege setzt Wissen voraus

»Ich studierte Krankenhäuser«

Entscheidung gegen die Ehe

Sidney und Elizabeth Herbert

Rückkehr nach England

Die Reise nach Ägypten

Der erste Besuch in Kaiserswerth

Wachsende Probleme mit der Familie

Lösung von der Familie

Wieder in Kaiserswerth

In der Harley Street Nr. 1

DER KRIMKRIEG

Die Auswahl der Pflegerinnen

Die Reise in die Türkei

In der Hölle von Skutari

Die beste Strategie – Geduld und Gehorsam

Die britische Armee und ihre Dienststellen

Das Blatt beginnt sich zu wenden

Mary Stanley sorgt für Konflikte

Das Fiasko von Kulali

Am Krimfieber erkrankt

Missgunst und Gerüchte

Mr. Bracebridge redet zu viel

Florence wird zur Legende

Der Ruf der Soldaten wandelt sich

DIE JAHRE NACH DEM KRIMKRIEG

Das Ende des Krimkrieges

Florence’ Kampf um Reformen

Statistiken für Reformen

Das Royal Victoria Hospital in Netley

Sidney Herbert stirbt

Der Sepoy-Aufstand in Indien

Die Sanitätskommission für Indien

Bemerkungen über Krankenhäuser

Florence und die Gründung des Roten Kreuzes

Das Nightingale’sche System

Freundschaft mit Benjamin Jowett

Errichtung einer Hebammenschule

Die Armenrechtsreform

Florence und die Frauenemanzipation

Sommer 1872 – Rückkehr nach Embley

Letzte Lebensjahre und Tod

ANHANG

Ehrungen

Der Nachlass

Lebensstationen

Personenverzeichnis

Verwendete Quellen und Literatur

Bildnachweis

Danksagung



Über die Autorin

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Danksagung

Mein Dank gilt ganz besonders der Historikerin Dr. Annett Büttner von der Fliedner Kulturstiftung Kaiserswerth für das große Engagement und die überaus kompetente und hilfreiche Unterstützung. Ohne ihr fundiertes Fachwissen hätte ich dieses Buch zum 200. Geburtstag von Florence Nightingale nicht schreiben können. Es war eine interessante Zeit und eine sehr schöne Zusammenarbeit.

Der Fliedner Kulturstiftung möchte ich herzlich für die Literatur danken, die ich in der umfangreichen Fachbibliothek zu diesem Thema ausleihen durfte.

Ich danke meiner Autorengruppe Sabine Kruber, Dr. Christian Fleischhauer und Utz R. Kaufmann für die große Unterstützung und das unermüdliche Lesen und Verbessern des Manuskriptes in all den Jahren des Schaffensprozesses. Ihr seid einfach klasse!

Die Lektorinnen aus dem Patmos Verlag, Annina Bauder und Claudia Lueg, haben mir Mut gemacht, das Projekt zu beginnen und weiterzuschreiben. Herzlichen Dank für den Platz, den es im Verlagsprogramm erhalten hat! Besonderen Dank an Burkhard Menke, den Lektor des Buches. Und all den vielen lieben Menschen, die mich in dieser arbeitsreichen Zeit unterstützt und mich ermutigt haben, sage ich von ganzem Herzen: Danke schön! Ohne euch würde es dieses Buch nicht geben.

Nicolette Bohn

Vorwort

Fällt in der Öffentlichkeit der Name Florence Nightingale, so ist er oft mit Zuschreibungen wie »die berühmteste Krankenschwester der Welt«, »Pionierin der Krankenpflege« oder »the lady with the lamp« verbunden. Wer aber war die reale Frau hinter den Legenden? Dieser Frage geht das vorliegende Buch nach, das ihren Lebensweg in einem Stil, der an einen Entwicklungsroman erinnert, einer breiten Öffentlichkeit nahebringen soll.

Geboren in einer sehr wohlhabenden britischen Familie, die am Hof von Queen Victoria verkehrte, strebte sie entgegen den Konventionen der damaligen Zeit nach beruflicher Selbstständigkeit und schlug Heiratsanträge aus, die sie zur Untätigkeit verdammt hätten. Untypisch für ihre Gesellschaftskreise, interessierte sie sich bereits in ihrer frühen Jugend für Fragen der Krankenpflege und deren Organisation. Führt man sich vor Augen, dass das öffentliche Bild der Pflegerin zu dieser Zeit von »Mrs. Gamp«, einer literarischen Figur von Charles Dickens, geprägt war, die er als ungebildet, unsauber, stets alkoholisiert und von verkommener äußerer Erscheinung dargestellt hatte, so wird das geradezu Revolutionäre an der Beschäftigung einer Angehörigen des Großbürgertums mit diesem Berufsfeld deutlich. In der Öffentlichkeit ihrer Zeit wurde Nightingale insbesondere durch ihre bahnbrechende Tätigkeit in den Lazaretten des Krimkrieges (1854–1856) bekannt.

Bis heute am wirkmächtigsten ist jedoch ihre Reform der Krankenpflege. Wesentliche Impulse dafür empfing sie vom weltweit ersten Diakonissen-Mutterhaus in Kaiserswerth bei Düsseldorf, das sie zweimal besuchte. Bald emanzipierte sie sich jedoch von diesem kirchlichen Vorbild und etablierte die Pflege an der Krankenpflegeschule, die sie 1860 gegründet hatte, als ­einen weltlichen Beruf.

Krankenpflege ist eine Kunst, und wenn sie zu einer Kunst gemacht werden soll, bedarf sie exklusiver Hingabe und genauso harter Vorbereitung wie die Arbeit jedes Malers oder Bildhauers.

Mit dieser Ansicht brachte Florence Nightingale ein neues Verständnis des Pflegeberufes zum Ausdruck, der nun nicht mehr nur aus Berufung, sondern erst nach einer gründlichen Ausbildung ausgeübt werden sollte.

Unter ihrer Leitung hat er sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England von einer verachteten Beschäftigung ungebildeter Vertreter der untersten Bevölkerungsschichten zu einem gesellschaftlich anerkannten qualifizierten Beruf auch für bürgerliche Frauen entwickelt. Das von ihr etablierte »Nightingale-System« beinhaltete eine fundierte theoretische und praktische Ausbildung junger Schwestern durch erfahrene Oberinnen an weltlichen Schulen und in der Krankenhauspraxis. Damit löste sie die Pflege aus der Bevormundung durch Ärzte und Kirchen und schuf ein völlig neues Berufsverständnis. Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft konnten sich so – nicht zuletzt durch die von ihr verfassten Bücher »Notes on Hospitals« und »Notes on Nursing« – eigenständig entwickeln. Die Aufnahme der Absolventinnen in den »Nightingale Fund« beförderte eine zentrale Registrierung der in der Krankenpflege tätigen Personen und damit die Selbstverwaltung der Pflege.

Nach ihrem System wurde bald in vielen Krankenhäusern des anglo-amerikanischen Raumes ausgebildet. Dies führte zu einer frühen Professionalisierung, die unter anderem in der Einrichtung des ersten Universitätslehrstuhls für Krankenpflege im Jahr 1907 an der Columbia University in New York zum Ausdruck kam. Durch die Vorherrschaft konfessioneller Schwesternschaften, die die Krankenpflege stets ausschließlich als christliche Berufung und nicht als einen weltlichen Beruf ansahen, setzte die Akademisierung in Deutschland ca. 100 Jahre später ein. Von einigen frühen Ausnahmen abgesehen, entstanden erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts Bachelor-Studiengänge an Fachhochschulen. Es wird noch dauern, diesen Rückstand aufzuholen.

Die Würdigung der Verdienste Florence Nightingales um die Professionalisierung der Krankenpflege sollte jedoch nicht den Blick auf weitere Betätigungsfelder verstellen. So erwarb sie sich bleibende Verdienste um die Modernisierung des britischen Militärsanitätswesens, das erst durch ihre Vorschläge auf einen Stand gebracht wurde, der einer zivilisierten Gesellschaft würdig war. Darüber hinaus war sie wegweisend für den Einzug statistischer Erhebungen in das Gesundheitswesen. So wandte sie das 1801 von dem schottischen Ingenieur William Playfair entwickelte Kreis- oder Tortendiagramm erstmals auf medizinische Belange an. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer publizistischen Tätigkeit waren die Zustände in der indischen Kolonie, sowohl innerhalb der britischen Armee als auch in der Zivilbevölkerung.

Dass sie dennoch ein »Kind ihrer Zeit« war, soll nicht verschwiegen werden. So äußerte sie in ihrem Krankenpflegelehrbuch die zeittypische Ansicht: »Jede Frau ist eine Krankenschwester.« Das demonstriert ihr generelles Einverständnis mit den Geschlechterrollen des 19. Jahrhunderts, und auch ihr hier­archisches Dienstverständnis erinnert zuweilen an militärische Strukturen.

Die englischsprachige Literatur über Florence Nightingale füllt ganze Bibliotheken, die deutschen Veröffentlichungen haben dagegen nur einen bescheidenen Umfang. Umso verdienstvoller ist diese Publikation anlässlich ihres 200. Geburtstages, die sicher einen Beitrag dazu leisten wird, nicht nur ihrer Persönlichkeit, sondern der Pflege generell auch in Deutschland die Anerkennung zu verschaffen, die ihrer gesellschaftlichen Bedeutung entspricht.

Der Geburtstag Florence Nightingales am 12. Mai, der international als »Tag der Krankenpflege« begangen wird, bietet eine gute Gelegenheit, dies öffentlichkeitswirksam einzufordern.

Annett Büttner

Einleitung

Es macht viel aus, wenn man die Großen zu Freunden hat.

Als Florence Nightingale am 13. August 1910 im Alter von stolzen 90 Jahren verstirbt, schreibt die »New York Times« in einem Nachruf: »Kaum ein Leben verlief nutzbringender als das ihre.« Am 12. Mai 2020 jährt sich ihr Geburtstag zum 200. Mal. »Die Dame mit der Lampe« / »Der Engel der Krim« / »Heldin des Dienstes« / »Wegbereiterin des Roten Kreuzes« / »Verfechterin für mehr Menschlichkeit« – die Liste der Beinamen, die die Pionierin der modernen Krankenpflege im Lauf der Jahrhunderte erhalten hat, ist lang. Zahlreiche Legenden und Mythen ranken sich um die Frau aus England, die es sich bereits in jungen Jahren zur Aufgabe gemacht hatte, Armen und Kranken zu helfen, und der es gelang, der modernen Krankenpflege in der westlichen Welt den Grund zu legen.

Das »Florence Nightingale Krankenhaus« in der Kaiserswerther Diakonie in Düsseldorf erinnert bis in die Gegenwart an das Wirken seiner berühmten Namensgeberin. Im Burggarten von Kaiserswerth, nahe der Ruine der alten Kaiserpfalz, stehen die bronzenen Denkmäler von Florence Nightingale und Theodor Fliedner. Die Wege dieser im christlichen Glauben und Humanismus tief verwurzelten Menschen sollten sich im Verlauf ihres Lebens kreuzen und zu weitreichenden Verbesserungen des Krankenhauswesens und zu Sozialreformen führen.

Florence Nightingale ist es gegen alle Widerstände gelungen, die Krankenpflege zu reformieren und zu einem in der Gesellschaft anerkannten Beruf zu entwickeln, von dem sich vor allem alleinstehende, unverheiratete Frauen angesprochen fühlten.

Doch welche Einflüsse und Bedingungen führten dazu, dass es Florence Nightingale gelang, als junge Frau in der Regency-Epoche und später im viktorianischen England des 19. Jahrhunderts ihren Weg mit dieser Zielstrebigkeit zu verfolgen? Wer war Englands »lady with the lamp« fernab von Mythen und verklärender Legendenbildung? Wie ist sie aufgewachsen? Wie hat sie gelebt und gearbeitet? Und in welcher Form prägten ihr starker christlicher Glaube, die Familie sowie einflussreiche Freunde und Bekannte ihr Werk und ihren Lebensweg?

Florence Nightingale auf das warmherzige, helfende und von christ­licher Nächstenliebe geprägte Frauenbild des 19. Jahrhunderts zu begrenzen, hieße, diejenigen Persönlichkeitsmerkmale auszuklammern, die ­ihren Weg in die Krankenpflege überhaupt erst möglich machten – Eigenschaften, die für eine Frau im viktorianischen England ungewöhnlich und unerwünscht zugleich waren, da sie ausschließlich Männern zugesprochen wurden: Durchsetzungsvermögen, ein außergewöhnlicher und kritischer Intellekt und eine umfangreiche Bildung, gepaart mit Härte, Dominanz und Willensstärke. Florence hätte ohne diese Eigenschaften den jahrelangen Kampf um ihr Berufsziel, dem sich Familie und Gesellschaft in den Weg stellten, nicht gewinnen können. Die Zeitspanne zwischen dem ersten »Ruf Gottes«, den Florence im Alter von 17 Jahren vernommen zu haben glaubte, und ihrer endgültigen Gewissheit, Kranke pflegen zu wollen, erstreckte sich bis zu ihrem 33. Lebensjahr. 16 Jahre lang war sie familiären und inneren Konflikten ausgesetzt, die dazu führten, dass sie sich im Alter von 31 Jahren ihren eigenen Tod herbeiwünschte.

Beharrlich und mit schier grenzenloser Kraft hielt sie fest an der Vorstellung, von Gott berufen worden zu sein, und nutzte jede auch noch so kleine Möglichkeit, ihrem Ziel näherzukommen. Heimlich begann sie Studien über englische Krankenhäuser zu betreiben und Statistiken zu entwickeln, wobei ihr vor allem ihre mathematischen Fähigkeiten zugutekamen. Unterstützt von gesellschaftlich und politisch einflussreichen Persönlichkeiten, konnte sie im Alter von 32 Jahren schließlich nach Deutschland in die Kaiserswerther Diakonissenanstalt reisen, um die Pflege von Kranken und Bedürftigen unter christlichen Gesichtspunkten zu erleben und zu erlernen.

Der Aufenthalt in Kaiserswerth wurde nicht nur wegbestimmend für Florence Nightingales Werk, sondern auch zu einem entscheidenden Wendepunkt für ihr weiteres Leben. Sie konnte sich dort ihrer Bestimmung endgültig bewusst werden und begann, sich nach ihrer Rückkehr in die Familie gegen die Untätigkeit, die ihr nach wie vor aufgezwungen wurde, zur Wehr zu setzen. Ihr Vater sprach ihr schließlich – zum Leidwesen der Mutter – eine Leibrente von jährlich 500 Pfund zu, um ihre Selbstständigkeit und ihren beruflichen Weg zu unterstützen.

Als 1854 der Krimkrieg ausbrach, nutzte Kriegsminister Sidney Herbert seine jahrelange Freundschaft zur Familie Nightingale dazu, Florence um Hilfe zu bitten. Sie sollte mit zahlreichen Helferinnen in ein Militärkrankenhaus nach Skutari (Osmanisches Reich) gesandt werden. Sidney Herbert räumte ihr die alleinige Befehlsgewalt ein. Dadurch war es Florence möglich, für diesen Einsatz von vornherein nur Pflegerinnen auszuwählen, die strengen moralischen und christlichen Maßstäben entsprachen.

Nach dem Krimkrieg wandelte sich das gesellschaftliche Ansehen der Pflegerinnen. Hatten sie bisher gemeinhin als »betrunkene, lüsterne Weiber« aus untersten Gesellschaftsschichten gegolten, so sah man in ihnen nun achtbare und von christlicher Nächstenliebe geprägte Frauen. Auch ist es Florence Nightingale und ihren Pflegerinnen zu verdanken, dass das Bild der einfachen britischen Soldaten, die als »rohe Monster«, »Tiere« und »Abschaum der Gesellschaft« galten, einem grundlegenden Wandel unterzogen wurde.

Bis in unsere Gegenwart hinein ist der Einsatz Florence Nightingales während des Krimkrieges beispielhaft geblieben. Obwohl sie und die Pflegerinnen, die sie zu diesem Einsatz begleiteten, im Lazarett in Skutari nicht erwünscht waren und dort katastrophale hygienische Zustände herrschten, setzte sich Florence gegen alle Widerstände durch. Sie und ihre Pflegerinnen trotzten der Ablehnung von Armeeführung und Ärzten, die Frauen in einem Militärhospital zunächst nicht akzeptieren wollten. Florence leitete die Pflegerinnen an und unterwies sie in den Grundbegriffen von Hygiene und Pflege. In erster Linie war sie – wie man aus heutiger Sicht sagen würde – in der Pflegedienstleitung tätig. Ihr unermüdlicher Einsatz rettete unzähligen Soldaten das Leben. Die im Krimkrieg verwundeten und im Sterben liegenden Soldaten erblickten in ihr das Urbild der christlich-liebenden Mutter. Sie pflegten ihren Schatten zu küssen, wenn sie an ihren Betten vorüberging.

1856 neigte sich der Krimkrieg seinem Ende zu. Florence Nightingale war als »lady with the lamp«, »Retterin der Soldaten« und »Engel der Barmherzigkeit« zur Legende geworden. Auf zeitgenössischen Zeichnungen ist zu sehen, wie sie mit einer Lampe in der Hand des Nachts durch die dunklen, langen Gänge des Militärkrankenhauses in Skutari wandelt.

*

Leben und Werk von Florence Nightingale sind vor allem von drei gesellschaftlichen Bereichen geprägt: von der industriellen Revolution in England, von den Zuständen in den Spitälern und von der Stellung der Frau in der viktorianischen Gesellschaft.

Die industrielle Revolution, die sich in England zwischen 1750 und 1850 vollzog, löste mit ihrem technischen Fortschritt und dem schnellen Wechsel der Produktionstechniken einen tiefgreifenden Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft aus. Während das verelendete Proletariat als neue Klasse entstand, wurde das Bürgertum zunehmend reich und gewann politisch an Einfluss. In dieser Zeit der sozialen Gegensätze, der »hungrigen 40er-Jahre«, die der junge Friedrich Engels während eines Aufenthalts in England als »sozialen Krieg« bezeichnete, schrieb Florence Nightingale:

Mein Geist ist ganz ausgefüllt von dem Gedanken an die Leiden der Menschheit … alles, was die Dichter von der Herrlichkeit der Welt singen, kommt mir erlogen vor. Alle Menschen, die ich sehe, werden aufgezehrt von Sorge, Armut und Krankheit.

Sie kam mit den Auswirkungen, die die industrielle Revolution auf die Bevölkerung hatte, zum ersten Mal im Dorf Holloway in Berührung, das sich in unmittelbarer Nähe des Nightingale’schen Wohnsitzes Lea Hurst in der Grafschaft Derbyshire befand. In bitterer Armut lebten dort Weber, deren handgefertigte Produkte von den Erzeugnissen des mechanischen Webstuhles verdrängt worden waren. Holloway und das Elend, dem sie dort begegnete, sollten das humanistische Denken und das Werk von Florence Nightingale entscheidend prägen.

Als 1834 ein neues Armengesetz beschlossen wurde, weil das elisabethanische Armengesetz den Entwicklungen des 19. Jahrhunderts nicht mehr standhielt, wurden aus Gründen der Kosten­ersparnis Unterstützungen in Form von Geld und Lebensmitteln abgeschafft; stattdessen wurde die Einweisung ins Arbeitshaus vorgeschrieben. Zu dieser Zeit war Florence 14 Jahre alt. Während ihre Mutter in diesem Ungleichgewicht der Güterverteilung eine von Gott gegebene und festgelegte Weltordnung sah, in die der Mensch nicht eigenmächtig eingreifen dürfe, suchte Florence die Hungernden und Sterbenden persönlich in ihren ärmlichen Hütten auf. Sie schrieb an Mary Clarke:

Wenn man bedenkt, dass es Hunderte und Tausende von Leuten gibt, die leiden … wenn man sieht, wie es in jeder Hütte eine Sorge gibt, die kein Verständnis beheben kann, und jedermann schlüpft trotzdem allmorgendlich in seine Strümpfe und Schuhe, und die schweifende Erde durchläuft unverändert die Bahn zwischen den kalten, fühllosen Sternen, in ewigem Schweigen, als wenn nichts wäre – der Tod scheint mir weniger traurig als ein Leben unter diesen Umständen.

Zeitlebens war Florence Nightingale nicht zum »meditierenden Mystizismus« geschaffen; der Glaube war für sie kein Selbstzweck, sondern Anlass humanitären Handelns. Glaube durfte in ihren Augen nicht dazu führen, dass man vor dem Elend die Augen verschloss:

Ich möchte lieber leben als schreiben.

Ich bin nicht dafür, dass man mit Worten seine Gefühle verschwendet, sie sollten sich zu Taten verdichten, zu Taten, bei denen etwas herauskommt.

Doch genau an dieser Stelle setzte der Konflikt ein, in dem sich Florence Nightingale im Regency befand. Als Angehörige einer gehobenen Gesellschaftsschicht, zumal als Frau, war sie zum Müßiggang, zur Untätigkeit, regelrecht verurteilt. Die Rolle einer Dame der Gesellschaft sah zwar vor, dass sie schöne Kleider anziehen, auf Bällen tanzen und ein angenehmes Leben führen durfte, doch hatten Frauen keinerlei Rechte. Überall in Europa, außer in Russland und in der Schweiz, wurde ihnen das Recht auf universitäre Bildung abgesprochen. Der Sinn im Leben einer Frau bestand darin, Ehefrau und Mutter, der »Engel des Hauses«, zu werden.

Die Stabilität der Gesellschaft beruhte vor allem auf der Annahme, dass Mann und Frau ihre Rollen erfüllten. Eine Frau, die dies nicht konnte oder sich weigerte, brachte in der damals herrschenden Vorstellung das soziale Gefüge ins Wanken. Schon früh wurde Florence deshalb von ihrer Mutter als »schwieriges« Kind wahrgenommen, das sich den herrschenden Regeln offenbar nicht anpassen wollte. Florence Nightingales Wunsch, die Pflege von Kranken zu erlernen und sich um Arme zu kümmern, wurde von ihrer Familie zunächst als »pubertäre Flause«, die sich im Lauf der Zeit auswachsen würde, betrachtet. Es erschien den Nightingales unvorstellbar, dass ihre Tochter, die doch aus gehobenen Kreisen stammte, freiwillig in ein Spital gehen wollte. »Vergiss nie, dass du eine Nightingale bist«, lautete die ständige Ermahnung.

Tatsächlich herrschten in englischen Spitälern Anfang des 19. Jahrhunderts schier unvorstellbar unhygienische Zustände, die Florence Nightingale wie folgt beschrieb:

Die Böden waren aus gewöhnlichem Holz. Weil sie fast nie gereinigt wurden und die notwendigen sanitären Einrichtungen für die Patienten fehlten, waren sie mit einer Schicht von Unrat bedeckt, und wenn sie tatsächlich einmal geschrubbt wurden, strömten sie einen Geruch aus, der keineswegs von Wasser und Seife kam. Wände und Decken waren nur roh verputzt und von Schmutz durchtränkt. Geheizt wurde durch ein einziges Feuer am Ende jedes Saales, und um der Wärme willen wurden die Fenster im Winter geschlossen gehalten. In manchen Spitälern waren die Fenster zur Hälfte mit Brettern vernagelt. Nach einer Weile war der Geruch zum Erbrechen, die Feuchtigkeit floss an den Wänden herunter, und es bildete sich winziges, pflanzliches Leben darauf. Nichts wurde dagegen unternommen; die Wände wurden immer nur abgeschabt und gekalkt. Sogar die Arbeiter, die dazu gezwungen wurden, erkrankten häufig schwer.

Wen erstaunt es also, dass Florence Nightingales’ Familie über den Wunsch der Tochter, die Bedingungen in den Spitälern zu verbessern, mehr als erschrocken war und sich eine solche Tätigkeit nicht einmal in den schlimmsten Träumen vorstellen konnte? Vor allem die Rolle der Pflegerinnen in englischen Spitälern galt als abgründig und verrucht. Das abschreckendste Beispiel aus der Literaturgeschichte stammt von Charles Dickens, der in seinem sozialkritischen Roman »Martin Chuzzlewit« (erschienen 1843/44) das charakteristische Bild der Wärterin in der Gestalt von Sarah Gamp beschreibt: ein »verkommenes Weib«, das »der Trunksucht und der Unsittlichkeit« verfallen war. Pflegerinnen wurden auch als »Lohnwartepersonal« bezeichnet, da sie diesen Dienst allein des Geldes wegen ausübten. Sie besaßen keinerlei Ausbildung oder Wissen, das ihnen die sachgemäße Pflege der Kranken ermöglicht hätte. In der Regel kamen Arme und Schwerkranke in ein Spital zum Sterben und nicht, um gesundgepflegt zu werden. Die Quäkerin Elizabeth Fry, die mit der Familie Night­ingale eng befreundet war, versuchte das Ansehen der Pflegerinnen zu verbessern. Sie gründete das »Institute of Nursing«, um wohlhabende und gläubige Frauen in praktischer häuslicher Krankenpflege zu unterrichten.

Florence Nightingales Ansicht nach durfte eine Krankenpflegerin

keine Klatschbase, keine leere Schwätzerin sein; sie sollte bezüglich ihrer Kranken gottesfürchtig und hingebungsvoll sein … ein Geschöpf mit Achtung vor ihrem Beruf, ein Weib von zartem und züchtigem Gefühl, pünktlich und dem Kranken zugewandt.

Elizabeth Blackwell, die in den Vereinigten Staaten einen Hochschulabschluss in Medizin erworben hatte, bildete an der »London School of Medicine for Women« nach den Richtlinien von Florence Nightingale Krankenschwestern und Ärztinnen aus. Sie schrieb, sie habe noch nie eine Frau so viel leisten sehen wie Florence Night­ingale. Elizabeth Blackwell starb 1910 in Schottland. Im selben Jahr, am 13. August, verstarb auch Florence Nightingale.

*

In dieser Biografie, die sich in vier Teile gliedert, werden vor allem die Einflüsse, die das Leben und Werk von Florence Nightingale prägten, umfassend dargestellt: ihre Geburt am 12. Mai 1820 in Florenz; ihre Kindheit und Jugend im Regency; ihre jahrelange, verzweifelte Suche nach dem Weg, den Gott für sie vorgesehen hat; die Jahre während des Krimkrieges und danach; die Ehrungen, die ihr im späteren Leben oder posthum zuteil wurden.

Zeitlebens hat Florence akribisch Tagebücher, Notizen und Briefe verfasst, die bis in die Gegenwart Zeugnis geben von ihren Gedanken, Gefühlen und Erlebnissen. Auf dieser Grundlage kann ein umfassendes Bild von Leben und Werk der legendären »lady with the lamp« entstehen.