Inhalt

Vorwort

1. Stille und Schweigen muss sein, wo das Wort vernommen werden soll.

2. Das ist das Jetzt der Ewigkeit, wo die Seele in Gott alle Dinge neu macht.

3. Lass los von allem, da findest du wahren Frieden.

4. Gäbe es nichts Neues – so würde nichts Altes.

5. Der gesamten Natur ist es unmöglich, etwas zu verändern, ohne damit etwas Besseres anzustreben.

6. Alle Zufälle stiften ein Warum.

7. Liebe kennt kein Warum.

8. Alles, was geschaffen ist, das ist Nichts.

9. Als ich geboren wurde, da wurden alle Dinge geboren.

10. Solange ich Knecht bin, bin ich dem eingeborenen Sohn sehr fern.

11. Ich lebe darum, dass ich lebe.

12. Ihr tragt doch alle Wahrheit wesenhaft in euch selbst.

13. Was nimmst du alles in Kauf – für einen kleinen und ungewissen Nutzen.

14. Richte dein Augenmerk auf dich selbst, und wo du dich findest, da lass ab von dir.

15. Die Menschen sollten besser nicht so viel darüber nachdenken, was sie tun sollen, sondern beachten, was sie sind.

16. Gott ist weder gut noch vollkommen.

17. Die Neigung zur Sünde ist nicht Sünde, aber sündigen wollen, das ist Sünde.

18. Mit dem Willen vermag ich alles.

19. Gott ist ein Gott der Gegenwart.

20. Nimm dich selber wahr.

21. Wer sich selbst einen Augenblick lang völlig lassen könnte, dem würde alles gegeben.

22. Gelingt dir das Sehnen nicht, so habe doch wenigstens Sehnsucht nach der Sehnsucht.

23. Alles Leid und alle Freude kommen von der Liebe.

24. Bist du gerecht, so sind auch deine Werke gerecht.

25. Gott und ich, wir sind eins.

26. Die Kraft der Seele reicht weiter als der Himmel.

27. Eins als Eins ergibt keine Liebe, zwei als eins aber ergibt natürliche, heiße Liebe.

28. Folge der ersten Eingebung – und geh dann einfach weiter.

29. Das Leben schenkt die edelsten Erkenntnisse.

30. Wenn du den Kern haben willst, musst du die Schale aufbrechen.

31. Willst du Freude und Trost finden, so sieh zu, dass du frei bist..

32. Das, was wir tun, macht nicht uns heilig, vielmehr sollen wir unsere Werke heilig machen.

33. Vernunft ist der Tempel Gottes.

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Paul J. Kohtes

Meister Eckhart – 33 Tore zum guten Leben

Patmos Verlag

Vorwort

Das uns erhaltene Werk von Meister Eckhart ist nicht besonders groß, wenn man bedenkt, dass er ein ganzes Leben lang gepredigt und geschrieben hat. Der Grund dafür liegt in der Verurteilung durch den damaligen Papst Johannes XXII. in Avignon. Die daraus resultierende Vernichtung seiner schriftlichen Unterlagen, Mitschriften und Abschriften ist jedoch glücklicherweise nicht vollständig gewesen, sodass eine Fülle von spannenden Texten dennoch vorliegt.

Die hier vorgestellten Zitate fußen auf der Ausgabe von Josef Quint, sind aber in modernes Deutsch übertragen, so weit es mir notwendig und dem Textverständnis zuträglich schien. Das dürfte durchaus ganz im Sinne des Meisters sein. Als man ihm vorwarf, die »Dummen« völlig unnötigerweise auf Deutsch und nicht auf Latein über die wahre Bedeutung der biblischen Botschaft zu informieren, da antwortete er auf seine unnachahmliche direkte Weise: Wenn wir nicht die Unwissenden belehren, wen dann? Die Wissenden brauchen doch keine Unterweisung. Eckharts Unterweisung zielt immer direkt auf den Menschen im Hier und Jetzt. Dabei gibt es durchaus sehr verschiedene Ebenen im Denken und in den Texten von Meister Eckhart, nämlich theologische, philosophische und lebenspraktisch-psychologische. Entsprechend kann man diese Sammlung in drei Felder aufgliedern:

1. Meister Eckhart spricht sehr häufig von Gott, und er greift dabei auf das theologische Gedankengut der damals gut 1000 Jahre alten Christenheit zurück. Wenn Eckhart sagt: »Gott und ich, wir sind eins«, dann zeigt dieser schlichte Satz allerdings auch, wie weit er sich aus dem patriarchalen Gottesbild der christlichen Theologie herauswagt.

2. Das klassische philosophische Gedankengut, griechisch-römisch geprägt, ist dem Meister sehr präsent. Sein berühmter Satz »Nimm din Selbes wahr« entspricht eins zu eins dem Spruch über dem Eingang des Tempels von Delphi: »Erkenne dich selbst.«

3. Ganz praktische Lebenshilfe für den Alltag hat bei Meister Eckhart hohe Priorität. Auch damit hebt er sich wohltuend von der verquasten Kirchensprache ab, die Menschen nicht aufklären oder gar befreien will, sondern in Abhängigkeit halten möchte von den elitären Strukturen der jeweils Mächtigen. Man soll, sagt er, »der ersten Eingebung folgen – und dann einfach weitergehen« (Predigt 62). Heute würden wir in der modernen Psychologie von emotionaler Intelligenz und von der Kraft der Intuition sprechen. Meister Eckhart wusste das schon 750 Jahre früher.

Hier noch einige Empfehlungen zum Umgang mit diesem Buch. Es ist eine Art Stunden-Buch geworden, das heißt, es ist nicht zum Durchlesen, sondern zum Innehalten. Es ist wie bei einer Weinprobe oder beim Parfüm testen: Nach drei oder vier Proben verliert sich der Geschmack. Wie wir alle wissen, verlieren sich viele gute Gedanken Ideen und Vorsätze, solange wir sie nicht konkret in unser Leben integrieren. Das geht nur durch Übung. Deshalb gibt es zu jedem der 33 Impulse eine konkrete Übungsidee, ein Tor zum guten Leben. Auch das entspräche dem Lebenswerk von Meister Eckhart, das nicht nur auf einen radikalen mentalen Perspektivwechsel zielt, sondern uns immer wieder ganz konkret zu einem guten, gelungenen Leben in dieser Zeit führen will.

Paul. J. Kohtes

33 x Meister Eckhart

1

Stille und Schweigen muss sein, wo das Wort vernommen werden soll.

Predigten

Ist es nicht so, dass wir sehr häufig schnell dabei sind, etwas, das wir gehört haben, in ein vorgefertigtes Urteil zu packen? Weil wir ja wissen, wie das ist. Diese automatische Reaktion unserer Gedanken ist im alltäglichen Leben eine große Hilfe. Müssen wir doch nicht jedes Mal darüber nachdenken, was es mit dem, was wir gehört oder erfahren haben, auf sich hat. Der Nachteil ist natürlich, dass sie auf diese Weise alle unsere Erfahrungen vorschnell fixieren, sie mit einem Etikett versehen und damit ihnen die Lebendigkeit nehmen.

»Stille und Schweigen« gehören nicht unbedingt zu den Favo­riten unserer Zeit – ganz im Gegenteil! Unsere Zeit ist zu 90 Pro­zent auf äußere Werke ausgerichtet. Diese Einseitigkeit – wie jede – ist nicht besonders gesund. Deshalb spricht Meister Eckhart auch von einem Menschen, der sein inneres Werk vollbringen will. Und er meint nicht ein inneres Werk. Will sagen, jeder von uns hat sein eigenes inneres Werk zu vollbringen. Erst dann können wir mit der äußeren Welt in einen lebendigen Dialog kommen. Und dieses innere Werk funktioniert völlig anders als die äußeren Werke, nämlich ohne Wissen! Ohne Bilder und ohne Vorstellungen! Erst in dem Moment, wo es uns gelingt, uns von all den alten Prägungen, Vorurteilen und Gewissheiten zu befreien, da öffnet sich die Weite des inneren Raumes, die das logische Gegengewicht zum äußeren Raum ist. Die Dominanz und die Sogwirkung der äußeren Welt ist jedoch bekanntlich enorm. Deshalb kommt uns die innere Welt, – wenn wir uns überhaupt einmal dort hinein trauen – so fremd, ja unheimlich vor. In den Märchen und Mythen sind es der dunkle Wald, die Nacht oder die Höhlen, die uns bildhaften Zugang zu dieser anderen Welt zu ermöglichen versuchen. Allerdings, und davor warnt Eckhart ausdrücklich, bleiben wir dann vielfach in diesen äußerlichen Bildern stecken. Erst wenn wir bereit sind, in die ganze Dunkelheit, in das ganze Nichts einzutauchen, erst dann »mag es wirken«. In diesem Moment ist nichts zu tun, wie wir das von der äußeren Welt her kennen, sondern es ist ein Geschehen-Lassen. Ohne Übung ist das nicht immer leicht zu ertragen. Aber es lohnt sich. Denn das gute Leben besteht schließlich darin, in Balance zu sein.

Tor zum guten Leben

Ob Sie eine Sekunde oder eine Stunde in die Übung der »Stille und des Schweigens« gehen, ist letztlich gleich. Es kommt nur auf die Erfahrung an, sich einmal von den äußeren Dingen lösen zu können. Das gelingt am besten durch Innehalten. Den Fluss der automatischen Gedanken und Bewertungen zu unterbrechen, ist eine Übung, die es wert ist, mehrfach am Tag zu erfahren. Innehalten, das meint, radikal Stopp zu sagen zu den vollautomatisch laufenden Gedankengängen. Dazu muss man erst einmal bereit sein, wahrzunehmen, was da im eigenen Hirn abläuft. Zum Beispiel jetzt in diesem Augenblick, indem Sie das lesen: Was denkt sich das Hirn dazu noch? Welche Bewertungen tauchen einfach so auf, zustimmende oder ablehnende? Erst wenn es möglich ist, in diese Selbstdistanz zu kommen, öffnet sich die Türe zur inneren Welt. Das nennt man übrigens Meditation.

2

Das ist das Jetzt der Ewigkeit, wo die Seele in Gott alle Dinge neu macht.

Reden der Unterweisung

Erinnern Sie sich noch, wie Sie als Kind die Zeit »totschlagen« wollten, weil Sie das Gefühl hatten, sie würde nie vergehen? Und jetzt, als erwachsener Mensch, werden Sie vermutlich die Erfahrung machen, dass die Zeit immer schneller davonrennt – und wir hinterher. Wie könnten wir da jemals in der Gegenwart ankommen? Und wozu sollte das gut sein? Nun, das »Jetzt der Ewigkeit« klingt in der Tat ziemlich schräg. Denn entweder ist etwas jetzt – oder es ist ewig. Für Eckhart allerdings gibt es diesen Widerspruch nicht. Dabei geht es niemals um ein Fliehen in vergangene Zeiten oder künftige Welten. 6000 Jahre waren die damals überschaubare Menschheitsgeschichte, die mit dem Mythos vom Paradies und von Adam und Eva als erste Menschen begann. Diese gesamte Menschheitsgeschichte, die ja, wie wir inzwischen wissen, viele 1000 Jahre länger ist, ist Teil unseres Zeitbewusstseins geworden. Damit tragen wir die gesamte Schwere dieser langen Vergangenheit in uns. Auch wenn wir nach vorne blicken, in die Zukunft, die wir als unendlich wahrnehmen, weil sie niemals endet, löst sich das Dilemma der Zeit nicht auf. Wir bleiben stecken im Blick zurück – oder verlieren uns im Blick nach vorn. Alles das hindert uns, frisch und gegenwärtig zu sein und Lust am Hier und Jetzt zu entwickeln. Ganz einfach gesagt, im Jetzt gibt es keine Zeit. Denn Zeit besteht immer aus Vergangenheit oder Zukunft.

Bei Eckhart geht es niemals nur um eine fromme oder esoterische Übung. Es geht ihm um die Übertragung in das normale, praktische Leben. Der »Lohn« dieser Übung sind die Frische und die Lust am gegenwärtigen Leben. Wir alle kennen dieses im Hier-und-Jetzt-Sein und beschreiben es mit einem einfachen Begriff: Glück. Ein Glücksgefühl entsteht immer dann, wenn wir zeitlos sind, nur in diesem Augenblick, in der Gegenwart. Jeder kann sich an entsprechende Erfahrungen im Leben erinnern. Aber die sind leider schon nicht mehr Gegenwart, sondern eben nur Erinnerungen. »Glückliche Momente« sind uns meistens nicht sofort bewusst, sondern wir erinnern uns erst wieder daran, wenn wir »auftauchen«, zurückkehren in das Zeit-Bewusstsein. Deshalb meinen wir, das Glück kommt völlig unberechenbar daher, und wir können uns nicht vorstellen, dass Glück nichts anderes ist als der gegenwärtige Augenblick.

Tor zum guten Leben

Was ist jetzt? In diesem Augenblick? Wirklich, jetzt? Bis Sie über die Antwort nachgedacht haben, ist dieser Augenblick längst vergangen. Durch Nachdenken ist noch niemand glücklich geworden. Wir denken über das nach, was bereits vergangen ist. Das ist niemals das Jetzt der Ewigkeit. Das Jetzt ist nichts anderes als eine Form des Bewusstseins, ein Bewusstsein, das nicht nachdenkt, sondern ist. Also probieren wir es noch einmal: Wir nehmen einfach einmal wahr, was jetzt in diesem Augenblick ist. Vermutlich wird das eine Fülle von unterschiedlichen Wahrnehmungen sein, nämlich körperliche, gedankliche und gefühlte. All diese in ihrer Gesamtheit und Gegenwärtigkeit wahrnehmen zu können, gelingt am leichtesten, wenn ich mich selbst vollkommen offen mache. Wenn alles einmal so sein kann, wie es ist, ohne endgültige Bewertung, dann sind wir in der Gegenwärtigkeit angekommen. Oft haben wir Widerstand, in diese vollkommen offene Gegenwärtigkeit hineinzugehen, weil wir befürchten, dass wir dabei uns selbst (und dieses Selbst definiert sich immer nur über die Vergangenheit!) verlieren. Wann immer Sie ins Grübeln geraten, schlechte Gefühle bei sich selbst wahrnehmen, sollten alle Alarmglocken schrillen, die zeigen, dass Sie nicht in der Gegenwart sind. Die Gegenwart ist immer frei – erst die Furcht vor der Zukunft oder der Ballast unserer Vergangenheit machen uns unfrei.