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Haupttitel

Inhalt

Über die Autorin

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Khola Maryam Hübsch

Unter dem Schleier die Freiheit

Was der Islam zu einem wirklich emanzipierten
Frauenbild beitragen kann

Patmos Verlag

INHALT

Prolog

Das rote Tuch

Drei Thesen

Prämisse: Freiwilligkeit

Was Frauen wollen sollen

Persuasive Sozialisation

Ein postfeministischer Albtraum

Der männliche Blick

Die sexualisierte Massenkultur

Die versklavte Göttin

Frau als Geschlecht

Das Menschenbild im Islam

Das Paradies der Necla Kelek

Das Ideal der Liebe

Die Rahmenbedingungen der Liebe

Die Muster der modernen Partnerwahl

Konkurrenzlose Liebe

Die eigene Ästhetik störend

Der Kopftuch-Hipster

Wenn der Körper zur Ware wird

Die emotionale Vorherrschaft der Männer

Problemfall Mann

Der Islam – eine Männerreligion?

Der romantische Kern arrangierter Ehevermittlungen

Der Bärendienst der Ex-Familienministerin

Das Kopftuch als Zeichen der Demut

Überlegenheitsgefühle

Weg mit dem Kopftuchverbot!

Postaufgeklärte Zustände?

Aufgeklärte Anerkennung

Der Mythos der unterdrückten Frau

Das vorislamische Arabien und die Arabellion

Die Muslimifizierung des Gewaltproblems

Projektionen der eigenen Widersprüche

Epilog

Anmerkungen

In Erinnerung an meinen geliebten Vater
»Dass wir zu Wachhunden werden
Inmitten der Schlafenden,
Die nicht wissen,
Was Liebe bewirken kann.«
H.H.

Prolog

»Richtest du aber, so richte zwischen ihnen nach Gerechtigkeit. Wahrlich, Allah liebt die Gerechten.« Koran, 5:43

Liebe fragt nicht:

»Wie alt bist du?«

Liebe fragt:

»Wann stirbst

du endlich?«

Liebe fordert nicht:

»Gib dich mir hin!«

Liebe sagt:

»Ich verzeihe dir, dass du bist!«

Liebe fragt nicht:

»Wie schön bist du?«

Liebe fragt:

»Wann verlässt du deinen Spiegel?«

Hadayatullah Hübsch

Warum scheitert Liebe? Während die meisten Menschen nach wie vor an die große Liebe glauben1 , wird jede dritte Ehe in Deutschland geschieden, und Trennungen gehören zum Alltag. Wenn die Kluft zwischen dem Ideal der großen Liebe und der gesellschaftlich erlebten Realität immer weiter wächst, führt das zu einer kollektiven Dissonanz. Die metaphysische Vorstellung von der ewigen, romantischen Liebe existiert noch, liegt jedoch auf dem Krankenbett der Moderne und kämpft ums Überleben. Die lebenslange Liebe scheint unrealistisch, etwas für verklärte Romantiker, die die Realität nicht wahrhaben wollen und der Zweifel an dem Ideal einer Liebe für´s Leben wächst. In einem Sprichwort heißt es dazu treffend: »Wer nicht lebt, wie er denkt, wird bald so denken, wie er lebt.« Die Tatsache, dass immer weniger Paare für immer zusammenbleiben und einander treu sind, führt in der Konsequenz dazu, dass sich die Vorstellung durchsetzt, dies sei auch nicht wirklich erstrebenswert.

Doch wieso gelingt Liebe oft nicht? Fragt man nach den Gründen für das Zerbrechen von Liebesbeziehungen, sind die häufigsten Antworten: Man habe sich auseinandergelebt, man sei zu unterschiedlich, die Beziehung sei nicht ausgeglichen, sie rentiere sich nicht (mehr), und in vielen Fällen geht der Trennung eine außereheliche Beziehung voraus. Eine derartige Umorientierung wird oft als Folge interpretiert: Weil die Partnerschaft nicht erfüllend war, kam es zur Untreue und Trennung. Kurzum, das Scheitern soll etwas mit den betroffenen Individuen zu tun zu haben. Studien und Paarratgeber thematisieren die Persönlichkeitsmerkmale der Partner, den Umgang mit Stress und die Kommunikationsfähigkeit als Risikofaktoren für eine Scheidung, und sie suchen in den Beziehungsmustern der Herkunftsfamilien Erklärungsansätze, die relevant sein mögen und eine gewissen Rolle spielen.

Ich behaupte jedoch, dass die Hauptgründe für das Scheitern von Beziehungen nicht bei den Einzelnen allein liegen. Ich glaube, Liebe funktioniert vor allem deswegen nicht mehr, weil sie nicht geschützt wird. Es gibt einen egozentrischen, tyrannischen Markt, der im Namen der Freiheit wütet. Die moderne Liebe ist dabei trotz augenscheinlicher sexueller Autonomie so wenig frei wie noch nie, gehorcht sie doch einem ungezügelten Markt, an dem sie zu zerbrechen droht.

Die Thesen, die ich in diesem Buch verfolge, sind folgende: Die Kriterien der Partnerwahl haben sich, beeinflusst von einer aggressiv sexualisierten Massenkultur, ungünstig verschoben. Der Wille zur Liebe und die Entscheidung für sie fallen angesichts der endlosen Wahlmöglichkeiten in einer hypersexualisierten Gesellschaft immer schwerer. Ich gehe in diesem Buch davon aus, dass sich unsere Einstellung bezüglich der Liebe grundlegend gewandelt hat. Wir investieren nicht mehr in die Liebe, wir haben vergessen, dass der Weg der Liebe ein anstrengender, aber schöner ist. Liebe verkommt immer mehr zur Ware, die auf dem gewaltigen Markt der Wahlmöglichkeiten ihren inneren Kern verloren hat. Es geht schon lange nicht mehr um Qualität, in die nachhaltig investiert werden muss – über Jahrzehnte hinweg! –, sondern um Quantität und eine schnelle Rendite. Das jedoch führt zu einer Akkumulation von belastenden Erfahrungen und zu einer Reizüberflutung, die die Liebe seelenlos werden lässt. Liebe gehorcht den Gesetzen des kapitalistischen Marktes, der die Ego-Befriedigung zur Maxime des Handelns erklärt hat.

Ich denke, der wesentliche Grund, warum Liebe heutzutage scheitert, ist, dass der Wille und die Einsicht fehlen, Liebe möglich zu machen, indem man für sie kämpft und sie schützt. »Trink, was in dem Glas ist«, sagte der islamische Mystiker Rumi einmal, um darauf hinzuweisen, dass der innere Kern der Dinge wesentlich ist. Wenn im Glas Liebe ist, so benötigen wir doch den schützenden Rahmen, die Form, das Glas, um die Liebe kosten zu können, möchte sie uns nicht wie Wasser in den Händen zerrinnen. Der moderne Mensch sieht jedoch keine Notwendigkeit, die Liebe zu schützen oder einen Rahmen zu schaffen, der es möglich macht, sie zu lernen und ein Leben lang zu erleben.

Meine Hauptthese in diesem Buch lautet, dass die Rahmenbedingungen der Liebe heute stärker denn je destruktiv sind. Wir haben das Glas abgeschafft und meinen, die Liebe fliegt uns von selbst in die Seele. Es ist schwer, Inhalt ohne Form zu genießen. Es gelingt in Ausnahmefällen, aber das Kollektiv scheitert. Ich behaupte, dass der heutige Mensch nicht mehr in die Liebe investiert, dass er sich von Ersatzbefriedigungen ablenken lässt, weil die fehlenden Rahmenbedingungen der Liebe ihm das Gefühl geben, es lohne sich nicht, für die Liebe zu kämpfen, weil sie zum Scheitern verurteilt sei. Der wahrgenommene sexuelle Überfluss und die schiere Anzahl von Wahlmöglichkeiten und Gelegenheiten in unserer Multioptionsgesellschaft geben ein Liebesversprechen ab, das sie gleichzeitig torpedieren. In einer vom kapitalistischen Ethos umgebenen Leistungsgesellschaft wird auch in Liebesdingen eine sofortige Steigerung erwartet, eine Maximierung des Glücksgefühls mit schneller Gewinnerzielung – doch ethische Regeln und nachhaltiges Denken zahlen sich auch hier aus. »Moral ist weniger ein Gegenspieler, als ein Mitspieler des Glücks«, weiß der Philosoph und Glücksforscher Tilo Wesche.

Das Problem unserer Zeit ist jedoch, dass wir immer stärker daran zweifeln, dass Liebe gelingen kann. Wir sind nicht bereit, den mühseligen Weg der Liebe zu gehen, weil uns vorgegaukelt wird, es gebe pragmatisch gesehen kaum Aussicht auf Erfolg; Liebe müsse ja nicht, ja, sie könne gar nicht ein Leben lang halten –, es lohne sich also nicht, in sie zu investieren. Und darin ähnelt der Glaube an die Liebe dem Glauben an Gott. Denn im Kern liegt dieser Denkweise eine bestimmte Wahrnehmung der Dinge zu Grunde, eine Einstellung, die sich besonders gut entwickelt, wenn Gott keine Prämisse mehr ist, also nicht mehr vorausgesetzt wird oder zumindest keine tragende Rolle mehr spielt. Und das ist das Besondere unserer Zeit: Die metaphysische und spirituelle Dimension des Menschen wird immer häufiger verleugnet. Das ist in der Tat ein Bruch mit der bisherigen abendländischen Kulturgeschichte, bei der bisher stets die Vervollkommnung der unsterblichen Seele angestrebt wurde. Der Glaube an Gott gilt heutzutage jedoch zunehmend als reaktionär, altmodisch und vormodern. Der Mensch glaubt immer seltener daran, in einen höheren, kosmologischen Zusammenhang eingebettet zu sein: Er glaubt immer seltener an einen lebendigen Schöpfer, der spricht und sich offenbart. Er glaubt nicht mehr, in erster Linie ein spirituelles Wesen zu sein. Er glaubt vor allem an seinen Körper, an sich, an das Hier und Jetzt. Diese Form des gelebten Atheismus ist in Europa längst mehrheitsfähig, auch wenn der diffuse und abstrakte Glaube an eine höhere Macht noch existieren sollte – und auch das immer seltener –, erscheint alles religiös Behaftete ein Nischenprodukt für naive Esoteriker zu sein. Wissenschaftler wie Darwin oder Freud, Philosophen wie Marx und Nietzsche waren Wegbereiter für den heutigen Mainstream, der zu einer in der Geschichte der Menschheit beispiellosen Konzentration auf das Materielle und Körperliche geführt hat.

Doch was passiert, wenn der Mensch sich nicht mehr als Wesen mit spiritueller Dimension und metaphysischer Tiefe begreift? Was passiert, wenn das Vollkommenheitsideal einer Kultur sich nicht mehr auf den Geist bezieht? Wenn der Geist nicht mehr für unsterblich gehalten wird? Es kommt zu einer unverhältnismäßigen Fixierung auf das, was ist: den Körper. Die Optimierung des eigenen äußeren Erscheinungsbildes, der Wunsch, sich selbst ästhetisch zu designen und größtmöglichen »Spaß« und Lust über den Körper zu erzielen, zeigen, dass der Mensch alles versucht, sich vordergründig auf der körperlichen Ebene zu »vervollkommnen«. Wenn es kein Jenseits mehr gibt, dann muss das Optimum im Diesseits erreicht werden. Glück hängt dann in erster Linie vom diesseitigen Körper, vom Hier und Jetzt ab und muss schnell erreicht werden können. Es bleibt ein krampfhafter Versuch, ein Stückchen unsterblich zu werden, seine Sterblichkeit zu reduzieren, indem man sein Leben zu intensivieren glaubt. Es ist die Angst des Menschen vor dem Tod, die ihn dazu antreibt, das kurze und vergängliche Leben so eindringlich wie möglich auskosten zu wollen und die ihn damit zu einem Spielball seines Körpers auf der Suche nach Glück macht.

Mit dem Glauben an Gott ist auch der Glaube an die Liebe bedroht. Denn auch für die Liebe gilt, dass sie immer mehr verdinglicht wird und ihre metaphysische, ur-romantische Dimension verleugnet wird – in einer säkularisierten Welt war ihre Entzauberung die Konsequenz. Ihr Auftreten und Verschwinden wird wissenschaftlich erklärt als ein Zusammenspiel chemischer Hormoncocktails, die evolutionsbedingt mit der Zeit wieder abflauen. Liebe hat ihre Erhabenheit verloren, sie wird profan begründet. Die Entzauberung der Welt durch die Wissenschaft, die Tatsache, dass unser Denken von Rationalismus, Materialismus, Utilitarismus und Kapitalismus geprägt wird, nagt an der Wunschvorstellung von der echten, großen Liebe.

»Monogamie, Monotheismus und grand amour sind Wahlverwandte«2 , schreibt Eva Illouz, auf deren soziologische Erklärung über das Scheitern der Liebe in Zeiten des Kapitalismus sich dieses Buch stützt. 3 Illouz wurde von der deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT nicht ohne Grund zu einer der zwölf Intellektuellen gezählt, die das Denken der Zukunft verändern werden. Ihr Buch »Warum Liebe weh tut« beschreibt grundlegende Mechanismen über die Transformation der Liebe in der Moderne.

Ich glaube nicht, dass Liebe nur deswegen häufiger scheitert, weil wir heutzutage freier geworden sind hinsichtlich der Möglichkeiten, sie scheitern zu lassen. Das mag eine Rolle spielen, vor allem bei leichtfertig beendeten Beziehungen. Wir haben heutzutage glücklicherweise die Wahl, uns frei für einen Partner entscheiden zu können, zu dem wir uns hingezogen fühlen. Warum gelingt Liebe dann bei freier Partnerwahl nicht viel besser als zu Zeiten, in denen arrangierte Ehen noch üblich waren? Natürlich spielen veränderte Normen eine Rolle, denn es ist nicht nur leichter geworden, sich scheiden zu lassen, es ist auch gesellschaftlich akzeptiert, niemand muss sich mehr vor sozialer Ächtung fürchten. Wesentlich ist jedoch, dass immer öfter vergessen wird, dass Liebe etwas mit Hingabe zu tun hat und ein Akt des Willens ist, der uns herausfordert und Anstrengung abverlangt.

Auch ohne Anstrengung ist Glück erfahrbar: Es ist eine plötzliche Veränderung der eigenen Situation, die intensive Gefühlsveränderungen mit sich bringen kann. Eine völlig neue Erfahrung wird möglich. Diese Form des Glücks ist von neuen, wechselnden, äußeren Reizen abhängig; sie ist nicht beständig. Anders ausgedrückt ist es das Glücksgefühl, das durch einen plötzlichen Lotto-Gewinn, durch Drogenerfahrungen oder ein erotisches Abenteuer ausgelöst werden kann. Das Problem bei dieser Form von äußerlich ausgelösten Glückserfahrungen ist, dass das Glücksempfinden nicht von Dauer ist, sondern abhängig bleibt vom äußeren Reiz, der jedoch durch Wiederholung immer weniger wirksam ist. Erreicht wird eben nicht unbegrenzt eine Besserung des Zustandes, vielmehr verliert der Reiz durch Gewöhnung an Faszination und wird fade. Der Mensch begibt sich dann auf die Suche nach einem neuen, stärkeren Reiz, um wieder ein ähnliches Glücksempfinden wie anfänglich zu erfahren. Die Suche nach dem »Kick« wird jedoch immer schwerer, die Ansprüche immer höher. Vor allem wird der Zustand zwischen dem Erfahren der kurz-kickenden Reizeinwirkungen als trostlos und niederschlagend erlebt. Diese Mechanismen spielen auch eine Rolle, wenn Menschen dazu neigen, ihren Partner häufig zu wechseln und nicht an der inneren Qualität der Beziehung arbeiten.

Letztlich wird der Mensch damit zu einem unfreien Spielball auf der Suche nach der Befriedigung bestimmter Triebe, die ausgelöst durch äußere Reize illusionäre Sehnsüchte erzeugen. Der Koran warnt vor einem solchen vergänglichen, kurzfristigen Genuss, der Menschen langfristig unzufrieden macht, wenn sie sich ihr »eigen Gelüst zum Gott« nehmen (45:24) mit folgenden Worten: »Und richte deine Blicke nicht auf das, was Wir einigen von ihnen zu (kurzem) Genuss gewährten – den Glanz des irdischen Lebens –, um sie dadurch zu prüfen. Denn deines Herrn Versorgung ist besser und bleibender.« (20:132) »Allahs Wohlgefallen aber ist das größte. Das ist die höchste Glückseligkeit.« (9:72)

Wenn ich in diesem Buch vom Islam spreche, meine ich damit nicht eine starre Gesetzesreligion, die einzig und allein aus Ge- und Verboten besteht. Der Islam ist eine Religion, der es in erster Linie darum geht, den Menschen zu seinem Schöpfer zu führen und ihm eine lebendige Beziehung zu Gott zu ermöglichen. Der Koran gilt als eine Offenbarung über die Natur und Psyche des Menschen, der den Einzelnen als Individuum und die Gesellschaft als Ganze zum Frieden führen möchte. Alle Gebote und Weisheiten, die im Koran erwähnt sind, haben das Ziel, den Menschen zu vervollkommnen, indem er die Attribute Gottes in sich verwirklicht und Gott erkennt. Öffnet sich der Mensch für Gott und befreit sich von egoistischen Motiven, wirkt der Wille Gottes durch ihn. Dann manifestiert sich die Liebe und Barmherzigkeit des Schöpfers im Menschen und er wird zu einem Gottergebenen (arabisch: Muslim) und in der Konsequenz zu einem Diener der Schöpfung Gottes. Der Prophet Muhammad erklärte einmal: »Bei Ihm, in dessen Hand meine Seele ruht. Niemals werdet ihr das Paradies erlangen, solange ihr nicht wahrhaft glaubt. Und niemals werdet ihr wahrhafte Gläubige sein, solange ihr Euch nicht liebt.« Es geht also im Islam nicht darum, erstarrten Ritualen blind zu folgen und sich in geistloser Obsession mit Äußerlichkeiten aufzuhalten, um dann einer buchstabengläubigen Lesart zufolge im Paradies von 72 Jungfrauen erwartet zu werden.

Der Islam beschreibt vielmehr einen Weg nach Innen jenseits von äußerlicher Bedürfnisbefriedigung und postuliert, dass Liebe ohne den Ich-Tod nicht vollkommen ist. Dass wahre Zufriedenheit erst durch vollständige Hingabe in der Liebe zu Gott erfahren wird. Der größte Jehad ist der Kampf gegen das niedere Selbst, erklärte der Prophet Muhammad (Hadith: Al-Bayhaqi). Mit Jehad beschreibt der Islam eine Anstrengung, ein Streben auf dem Wege Allahs, auf dem Wege der Liebe. Es werden unzählige Liebesbeweise von uns abverlangt, die der moderne, säkulare Mensch aus den Augen verloren hat. Im Koran heißt es: »Wahrlich, Wir werden euch prüfen mit ein wenig Furcht und Hunger und Verlust an Gut und Leben und Früchten; doch gib frohe Botschaft den Geduldigen.« (2:156) Wer Gottes Liebe erlangen will, wird hinsichtlich seiner Treue und seines Vertrauens geprüft – die Geschichte um den Stammvater der monotheistischen Religionen, den Prophet Abraham, thematisiert dies. Dasselbe gilt für die Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau. Gerechtigkeit, Geduld, Standhaftigkeit, Opferbereitschaft und Dankbarkeit sind Eigenschaften, von denen es im Koran immer wieder heißt, dass Allah sie liebt. Diese Grundtugenden sind wichtige Kernkompetenzen, wenn Liebe gelingen soll. Sie sind Mittel, um Liebe erlernen zu können. Die schönste Form der Liebe erlangt derjenige, der den Zustand der unio mystica erfährt, dem es gelingt, sich zu vereinigen mit dem Objekt der Liebe: »Mithin wird deutlich, dass der Mensch seine höchste Vollkommenheit darin erlangt, dass er eins wird mit Gott. Das wahre Ziel des menschlichen Lebens liegt also darin, dass sich das Fenster seines Herzens gegen Gott öffnet«4 , erklärte der Messias, Mahdi und Reformer im Islam, Hazrat Mirza Ghulam Ahmad.

Der Weg dahin ist kein leichter Weg. Dem modernen Menschen fehlt jedoch immer häufiger die Motivation, diesen Weg zu gehen. Denn wenn es kein Ziel zu geben scheint, wenn es keinen Gott gibt, kein Leben nach dem Tod, dann geht es eher darum, den schnellen, maximalen Glücksfaktor rauszuholen, denn morgen könnte es vorbei sein. Konsumwelten lullen ihn ein und halten ihn davon ab, sich ernsthaft auf die Suche und auf den Weg zu machen. Der moderne Mensch glaubt, intensive Glückserfahrungen erleben zu können, ohne sich spirituell anstrengen zu müssen. Er sieht nicht ein, warum er den scheinbar trockenen Weg zu Gott auf sich nehmen sollte. Doch wie geht man diesen Weg überhaupt? Hazrat Mirza Ghulam Ahmad erklärt dazu in seinem bahnbrechenden Werk »Die Philosophie der Lehren des Islams«: »Es geziemt uns daher, den Weg der Entwicklung und des Fortschritts unseres Geistes zu suchen, so wie wir uns Tag und Nacht mit dem beschäftigen, was unseren körperlichen und materiellen Wohlstand fördert. Aber die Frage ist, ob wir diesen Weg bloß durch die schwachen Bestrebungen unseres Verstandes entdecken können und ob wir lediglich durch die Kraft unseres Scharfsinns eine erfolgreiche Vereinigung mit Gott erzielen können. Ist es möglich, dass nur unsere Logik und Philosophie uns die Türen aufmachen können, die nur durch die mächtige Hand Gottes geöffnet werden? Wisset mit Sicherheit, dass dies nicht stimmt. Menschliche Vorrichtungen können uns niemals zu dem Lebendigen und Ewigen führen. Der einzige gerade Weg zu Erlangung dieses Zieles besteht darin, dass wir vor allem unser Leben samt unseren Fähigkeiten und Kräften völlig der Sache Gottes widmen und dann unaufhörlich und unerschütterlich die Verbindung mit Ihm erflehen, um so Gott durch Ihn selbst zu finden … Die Wahrheit ist, dass wir den lebendigen Gott unmöglich sehen können, ehe nicht eine Art Tod uns ereilt. Der Tag des Sterbens unserer körperlichen Begierden ist der Tag der Manifestation Gottes.«

Ahmad betont die Wichtigkeit des Handelns und der spirituellen Praxis. Die menschliche Vernunft und ethische Überlegungen sind Mittel, die ohne eine Umsetzung im guten Tun öde Theorie bleiben, denn Gott erlangt man nicht durch Lippenbekenntnisse und theologische Erkenntnisse, sondern nur durch die spirituelle Praxis, durch die vollkommene Hingabe in den Willen Gottes, indem das Ego überwunden wird. Das ist und bleibt die Grundvoraussetzung – auch für die Liebe zwischen Mann und Frau.


In diesem Buch wird es nun darum gehen, die Rahmenbedingungen der Liebe zu beschreiben und dabei gleichzeitig für mehr Geschlechtergerechtigkeit zu plädieren. Die Leserinnen und Leser bitte ich um Unvoreingenommenheit, vor allem wenn sie zu der Mehrheit der Deutschen gehören, die im Islam eine bedrohliche Religion sehen.

Zu den Rahmenbedingungen der Liebe gehört das »Prinzip Kopftuch«, das für Mann und Frau gleichermaßen gilt. Vergessen Sie jedoch alles, was Sie bisher über das Kopftuch gehört haben. Wenn ein Mensch, ein Mann, eine Mode oder eine politische Ideologie der Grund für das Tragen eines Kopftuchs ist, dann ist es nicht das Kopftuch, das ich meine. Ich rede vom Kopftuch, das für Freiheit, Emanzipation und Liebe steht. Mit dem »Prinzip Kopftuch« beschreibe ich eine Haltung, die die Einzigartigkeit der Liebe festigt. Wenn in diesem Buch vom »Kopftuch« die Rede ist, meine ich meistens die dahinter stehende Philosophie, die einen würdevollen und gerechten Umgang der Geschlechter zueinander betrifft. Mit dem »Prinzip Kopftuch«, das eine innere und äußerliche Dimension hat und das für Mann und Frau gleichermaßen gilt, beschreibe ich dabei Folgendes:

Das »Prinzip Kopftuch« meint den Jehad der Liebe, das heißt, es geht um eine Einstellung, die das Überwinden des Egos als Voraussetzung für die Liebe begreift. In erster Linie betrifft das die Beziehung zu Gott und den Wunsch, seine Liebe zu erlangen. Doch für die Beziehung zum Partner heißt dies, dass Liebe erlernt werden muss, in dem man sich selbst zurückstellt und in Hingabe daran arbeitet, frei davon zu werden, vor allem an sich zu denken. Es ist diese Form der Freiheit, die liebesfähig macht.

Das »innere Kopftuch« meint eine Einstellung, die gedankliche und praktische Treue als Wert begreift, der angestrebt wird und als umsetzbar gilt. Das »innere Kopftuch« besteht darin, sich innerlich von Gedanken und Gelegenheiten zu befreien, die die Liebe zerstören können und gleichzeitig gesellschaftlich Verantwortung zu übernehmen. Alles, was dazu führen kann, dass wir uns von unserem Liebesobjekt entfernen, wird gemieden. Auch und gerade dann, wenn die Liebesbeziehung besonders schwierig ist.

Das »äußere Kopftuch« bezeichnet eine Form des äußeren Erscheinens, das die innere Haltung ausdrückt und bekräftigt. Darunter wird unter anderem ein Auftreten und ein Kleidungsstil begriffen, der reizfrei oder zumindest so reizarm wie möglich ist. Auch dies gilt für beide Geschlechter gleichermaßen. Es ist allerdings die Frau, die in weitaus größerem Maße sexualisiert und zum Objekt degradiert wird. Die Dimensionen sind völlig andere als bei der Sexualisierung des Mannes. Die Wahrnehmung der Frau als Objekt korreliert mit der zunehmenden Enthüllung der Frau, wohingegen leicht bekleidete Männer nicht als Objekt wahrgenommen werden, wie Studien zeigen.5 Eine reizarme Kleidung verhindert dies und ermöglicht Geschlechtergerechtigkeit.

Sexueller Überfluss mindert den Wert der Liebe; das »Prinzip Kopftuch« stellt diesen Wert wieder her, indem es die Knappheit und Exklusivität der Liebe betont und der gierigen Suche nach »mehr« und »besser« den Respekt vor der Einzigartigkeit der »großen Liebe« entgegensetzt. Das Kopftuch kann ein Symbol der Liebe sein, das aus Liebe zu Gott getragen wird. Wer an Gott nicht glaubt, wird diese Liebe nicht verstehen können und damit auch nicht alle Beweggründe, das Kopftuch zu tragen.

»Der, der es nicht erlebt, der wird es nicht erfahren«, dichtete der Mystiker Rumi. Erst ein Muslim, der an Gott glaubt und ihn erfahren hat, kann soweit gehen, die religiöse Dimension des Kopftuchs und die dahinter stehende Philosophie für sich zu akzeptieren. Derjenige, der wirklich an Gott glaubt, ist jemand, der nicht mehr an ihn glaubt. Es ist jemand, der Gott bereits erfahren hat, der ihn gesehen hat, der ihn kennt –, der weiß, dass Gott existiert, spricht und lebendig ist. Es ist die erlebte Vereinigung mit Gott, die keinen Raum mehr lässt für Zweifel und die alle anderen Formen der Befriedigungen schal und öde erscheinen lässt, angesichts der Zufriedenheit und des Genusses, den eine lebendige Beziehung zu Gott möglich macht.

Allah betont im Koran auch die Wichtigkeit der Vernunft (10:101). Das ist für manche Muslime ein Grund zu denken, die spirituelle Praxis diene lediglich dem eigenen Wohlfühlfaktor und die Beziehung zu Gott sei auf die Bearbeitung emotionaler Zustände wie Trauer, Tod oder Dankbarkeit reduziert. Rahmenbedingungen, die im Koran beschrieben und auf den ersten Blick womöglich als unangenehm empfunden werden, werden dann historisierend als reaktionär abgetan. Das Kopftuch sei heutzutage obsolet und nur historisch bedingt im Koran erwähnt, heißt es. Ich behaupte, dass das »Prinzip Kopftuch« gerade heutzutage eine wichtige Rolle spielt und womöglich eine bedeutendere Funktion hat als zur Zeit der Offenbarung des Korans. Ich behaupte, dass es eine Vielzahl an rationalen Gründen dafür gibt, das Kopftuch und die dahinter stehende Philosophie im 21. Jahrhundert mitzutragen. Der Grund für das Tragen eines Kopftuchs wird immer eine Herzensentscheidung bleiben, die auf der Liebe zu Gott basiert. Aber Liebe beißt sich nicht mit Vernunft, und Glaube steht nicht im Widerspruch zur Ratio und einem aufgeklärten Denken. Im Gegenteil. Mir geht es darum aufzuzeigen, warum die muslimische Haltung des Kopftuchs, die für Männer und Frauen gleichermaßen gilt, moderner ist denn je. Freiheit und Emanzipation können da verborgen sein, wo der erste Blick nicht hinlangt. Es mag Liebe auf den zweiten Blick werden.

Das rote Tuch

»Legt das Kopftuch ab«, fordert die Soziologin Necla Kelek regelmäßig mit großem Tamtam in den überregionalen Medien. Das Kopftuch unterdrücke die Frau, sei wahlweise vergleichbar mit dem »Judenstern« (Alice Schwarzer) oder einem »Konzentrationslager« (Alexandra Schewtschenko, Mitbegründerin der Feministinnen-Gruppe »Femen«). Kein Vergleich scheint zu hoch gegriffen, wenn es darum geht, das Kopftuch als ein Symbol der Unterdrückung und Sklaverei der Frau auszumachen. Von »Geschlechterapartheid« ist die Rede (Necla Kelek), von Zwang sowieso. Kopftuchtragende Frauen können noch so häufig beteuern, sie trügen das zum roten Tuch gewordene Stück Stoff freiwillig: keine Chance. Was nicht sein soll und darf, kann nicht sein. Das Kopftuch wird gedeutet als ein Symbol für Intoleranz und für die Herabsetzung der Frau und ist damit gesellschaftlich geächtet. Fast alle Bundesländer mit einem nennenswerten Anteil an muslimischer Bevölkerung haben mittlerweile das Kopftuchverbot für Lehrerinnen erlassen und immer wieder fordern Alice Schwarzer und Konsorten mit großer Vehemenz ein Kopftuchverbot auch für Schülerinnen, ohne sich dabei vor rhetorischem Extremismus zu scheuen. Schließlich gehe es um ein »politisches Symbol«, das in einem Zug mit der Burka genannt wird. Unterstellt wird beiden Kleidungsstücken, sie stünden für ein Menschenbild, nach dem die Frau dem Mann nachgeordnet und unrein sei. Eine unverschleierte Frau gelte Muslimen als prinzipiell »würdelos«, eine Frau müsse den Schleier tragen, um ihre Würde wiederzuerlangen. Der Schleier ist im öffentlichen Diskurs nicht nur ein Zeichen für die Unterdrückung der Frau und ein frauenverachtendes Menschenbild, nein es steht auch für eine unterstellte religiöse Arroganz und herablassende Umgangsweise mit Andersgläubigen. Was glauben muslimische Frauen eigentlich, wer sie sind? Der Vorwurf, sich für die besseren, »anständigeren« Frauen zu halten, liegt nicht selten in der Luft. Besitzt eine Frau, die kein Kopftuch trägt, etwa weniger Würde? Hat ein Mann etwa eher das Recht, eine leicht bekleidete Frau zu belästigen, als eine Kopftuchtragende? Wenn dann noch der Kopftuchzwang in einigen sogenannten islamischen Ländern thematisiert wird und von den dort verhängten barbarischen Strafen für ein verrutschtes oder nachlässig gebundenes Kopftuch die Rede ist, wird der Schleier vollends zum »Vorposten der weltweiten Gewalt gegen Frauen«6 . Wer das Kopftuch erlaubt, so die Logik, der beschädigt das Recht auf Gleichheit und ignoriert die Menschenrechte, ja er gefährdet sogar die Demokratie. Es ist verständlich, dass angesichts dramatisch geschilderter Fälle von Zwangsverschleierung muslimischer Mädchen, angesichts von Ehrenmorden und Zwangsehen das Kopftuch zum Schreckgespenst schlechthin avanciert ist. Aber, mit Verlaub, die radikalen und außergewöhnlich emotionalen Reaktionen auf dieses Kleidungsstück dürften tiefergehende Ursachen haben. Während die Schwarzers, Keleks und Ates’ der Nation die Endlosschleife von der Unterdrückung der Frau durch das Kopftuch abspielen und die Mehrheit der Gesellschaft die teilweise absurde Argumentationsweise der Kopftuchgegner als konstantes Hintergrundrauschen gar nicht mehr wahrnimmt, scheint der Kampf um Deutungshoheit abgeschlossen zu sein. Wenn etwas oft genug wiederholt wird, sind laut Thomas-Theorem zumindest die Konsequenzen real – unabhängig davon, wie irreal die Situationsdefinition war. Wir haben mittlerweile Gesetze in unserem Land, die der verqueren Interpretation des Kopftuchs durch Islamkritiker folgen und das Kopftuch zumindest für Lehrerinnen verbieten. Der Kampf um Deutungshoheit sei hiermit wieder eröffnet. Schwarzer, Kelek und Co. haben sich lange genug ohne nennenswerte Gegnerschaft ausgetobt, es wird Zeit, dass muslimische Frauen in Deutschland den Kampfplatz betreten und sich die paternalistischen Dreistigkeiten ihrer selbsternannten Befreierinnen nicht mehr gefallen lassen. Es wird Zeit, dem Stier das rote Tuch zu zeigen.

Drei Thesen

Dieses Buch beschäftigt sich im Kern mit drei Thesen, die ich im Laufe der Kapitel eingehend zu belegen versuchen werde:

  1. Das Kopftuch ist ein Symbol der Emanzipation der Frau. Die Kopftuchträgerin wehrt sich gegen die Sexualisierung einer Gesellschaft, in der Frauen zum verfügbaren Sexualobjekt erzogen werden und Männer die emotionale Vorherrschaft einnehmen.

  2. Das Kopftuch ist das Symbol der Liebe schlechthin. Es steht für die allesüberragende Liebe des Menschen zu Gott und für die exklusive Liebe zwischen Mann und Frau. Es ist ein Symbol der romantischen Liebe und der praktischen Treue.

  3. Eine Kopftuchträgerin in Deutschland ist oft eine selbstbestimmte, charakterstarke Persönlichkeit, die nicht abhängig ist von der Anerkennung anderer. Das Kopftuch steht für die Freiheit des Geistes und das Selbstbestimmungsrecht des Körpers. Es steht für eine spirituelle Haltung der Demut und drückt die Liebe zu Gott aus.

Ich vermute, dass die Leserinnen und Leser mir nicht folgen können. Nach jahrelangem Kopftuchbashing dürfte es ziemlich schwierig sein, diesem Kleidungsstück etwas Positives abzugewinnen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Mir geht es nicht darum, Sie davon zu überzeugen, dass jede Frau ein Kopftuch tragen sollte, um Gottes Willen! Das Kopftuchgebot ist auch im Koran nur für muslimische Frauen formuliert worden. Ich hoffe jedoch, es gelingt Ihnen, die Perspektive zu wechseln und die Thematik mit den Augen muslimischer Frauen in Deutschland zu sehen – und vielleicht ist auch die eine oder andere interessante Erkenntnis für Sie mit dabei.

Ein Großteil der kopftuchtragenden Frauen dürfte alles andere als erfreut sein über den Bärendienst der kopftuchkritischen Frauenbefreierinnen. Vielen hängt die Diskussion um das Kopftuch längst zum Hals heraus. Diejenigen, die sich versuchen einzumischen, stolpern regelmäßig über die stark anti-islamisch getönte Brille nicht-muslimischer Rezipienten. Islamisten haben Hand in Hand mit Islamkritikern ganze Arbeit geleistet, wenn es darum ging, die Deutungshoheit an sich zu reißen: Welche Stellung die muslimische Frau habe und warum das Kopftuch getragen werde, wussten sie nur allzu gut. Auf die angebliche Nachordnung der Frau im Islam werden wir noch ausführlich zu sprechen kommen. Lassen Sie uns zunächst beim Kopftuch bleiben. Ich versuche meine drei Kopftuch-Thesen zu präzisieren. Aber bevor ich das tun kann, sei die unbedingte Vorbedingung für die Gültigkeit der Thesen genannt. Absolute Prämisse ist: Freiwilligkeit.

Prämisse: Freiwilligkeit

Wenn das Kopftuch freiwillig getragen wird, kann es die in den Thesen beschriebene Wirkungen entfalten (falls diese beabsichtigt sind) und nur dann hat die kopftuchtragende Frau möglicherweise die oben beschriebene Motivation, das Kopftuch zu tragen. Betont sei: Es gibt viele, sehr unterschiedliche Gründe, warum das Kopftuch getragen wird. Wir werden später darauf eingehen. Mittlerweile gibt es repräsentative Studien, die die Motive kopftuchtragender Frauen umfassend analysiert haben. Eines ist deutlich geworden: Die überwältigende Mehrheit der kopftuchtragenden Frauen in Deutschland gibt an, das Kopftuch aus religiösen Gründen zu tragen (92 Prozent), so das Ergebnis der repräsentativen Studie »Muslimisches Leben in Deutschland«, die erst 2009, also sechs (!) Jahre nach dem sogenannten Kopftuchurteil, veröffentlicht wurde. Nur um die sechs Prozent der Musliminnen erklären, sie würden das Kopftuch tragen, um den Erwartungen ihres Partners, ihrer Familie oder ihrer Umwelt zu entsprechen. Denjenigen Muslimen, die offen oder subtil Formen von (physischem oder physischen) Zwang oder Druck ausüben, sei aus islamischer Perspektive gesagt: Sie begehen damit womöglich einen Fehler, indem sie Menschen in die Heuchelei treiben. Was nützt es einer Frau, ein Kopftuch zu tragen, wenn sie die damit einhergehende Motivation nicht in ihrem Herzen trägt? Sie wird jede Gelegenheit nutzen, die gewünschte Wirkung zu unterwandern, weil sie nicht dahintersteht. Der Glaube ist grundsätzlich eine Angelegenheit zwischen Mensch und Gott. Was bringt etwa ein formal erfülltes rituelles Gebet, wenn es nur verrichtet wird, um den Erwartungen der Gemeinschaft gerecht zu werden oder wenn es gar erzwungen ist? Es ist nichts als Heuchelei, die im Gewand einer Gymnastikübung für den Körper daherkommt. Der Koran warnt: »So wehe denen, die Gebete sprechen/ Doch ihres Gebetes uneingedenk sind,/ Die nur gesehen sein wollen/ Und die kleinen Dienste nicht erweisen.« (Koran, Sure 107, Verse 5–8). Der Koran warnt immer wieder vor Heuchelei und betont wiederholt den übergeordneten Wert der Glaubensfreiheit. Berühmte Verse wie »Es soll kein Zwang sein im Glauben!« (2:257) oder »Lass den gläubig sein, der will und den ungläubig sein, der will« (18:30) verweisen auf dieses allgemeingültige Prinzip. Besonders eindrücklich wird es, wenn Gott selbst erklärt: »Und hätte dein Herr Seinen Willen erzwungen, wahrlich, alle, die auf der Erde sind, würden geglaubt haben insgesamt. Willst du also die Menschen dazu zwingen, dass sie Gläubige werden?« (10:100) Wenn Gott als Allmächtiger seinen Willen nicht erzwingt und Pluralität akzeptiert, wie kann dann der Mensch sich dazu erdreisten, andere Menschen in Glaubensdingen zu zwingen? Kurzum, es gibt keinerlei Grundlage im Koran, in der Wahl des Glaubens Zwang anwenden zu dürfen – jeder kann laut islamischer Lehre aus dem Islam austreten und in eine andere Religion eintreten oder zum Atheisten werden, wenn er dies für richtig hält. Entscheidet sich jemand jedoch aus freien Stücken dafür, dem Islam beizutreten, wird von ihm selbstverständlich erwartet, die Gebote des Korans zu befolgen und seine Lehre mitzutragen. Jeder Verein hat schließlich eine Satzung, deren Regeln gelten, wenn man Mitglied werden möchte. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass die Umsetzung der Gebote bei Muslimen zwangsweise durchgesetzt werden darf.

Ein häufig angeführtes Argument für die Unvereinbarkeit der UN-Menschenrechtserklärung mit dem Islam ist die verbreitete Vorstellung, der Islam schränke die Religionsfreiheit ein, weil er die Todesstrafe für Apostasie vorschreibe. Tatsächlich wird diese Ansicht innerhalb der islamischen Welt vertreten, wobei in der Praxis manchmal auch die Meinungsfreiheit für Nicht-Muslime dadurch eingeschränkt wird, weil Kritik am Islam gleichgesetzt wird mit der Anstachelung zur Apostasie und Nicht-Muslimen das offene Missionieren aus diesem Grunde verboten wird. Der Gelehrte und vierte Khalif der islamischen Reformbewegung Ahmadiyya Muslim Jamaat, Hazrat Mirza Tahir Ahmad hat sich dazu schon früh positioniert: Er verfasste eine ausführliche Argumentationsstruktur basierend auf einer Analyse des Korans und der Überlieferungen des Propheten, die ihn zum Ergebnis führt, dass Apostasie und Blasphemie im Koran mit keinerlei weltlichen Strafen sanktioniert werden dürfen.7 Ahmad resümiert, dass es keinen einzigen Hinweis auf eine diesseitige Strafe für Apostasie im Koran gebe. Er ist mit dieser Meinung mittlerweile nicht mehr allein, auch wenn es ein konservatives Gelehrtenestablishment in der sogenannten islamischen Welt gibt, das eine andere Auslegung des Korans propagiert.

Prinzipiell kann ich es angesichts solcher Ansichten innerhalb des heutigen Mainstream-Islam verstehen, wenn das Argument der Freiwilligkeit zu emotionalen Reaktionen bei Nicht-Muslimen führt. Vor dem Hintergrund des Kopftuchzwangs in einigen sogenannten islamischen Ländern dieser Welt klingt das wie Hohn auf Kosten unterdrückter Frauen. Aber lassen Sie uns gerecht bleiben. Bloß weil Frauen im Iran oder in Saudi-Arabien aus nicht plausibel islamisch legitimierbaren Gründen zum Kopftuch gezwungen werden, ist das noch lange kein Grund, Frauen in Deutschland dazu zu zwingen, das Kopftuch abzulegen. »Zwangsbefreiung« führt unter Umständen zu derselben Reaktionen wie »Zwangsbedeckung«. Ein Schleierverbot ist ebenso eine Menschenrechtsverletzung wie ein Schleierzwang. Das Verbot der einen, das Kopftuch abzulegen, rechtfertigt noch lange nicht ein Verbot, das Kopftuch anzulegen. Mit diesem Einwand werden Kopftuchkritiker immer wieder konfrontiert. Was antworten sie darauf? »Der freie Wille ist eine komplizierte Angelegenheit«, entgegnet Femen-Aktivistin Schewtschenko: »Mich irritiert, dass man von Kopftuchträgerinnen dieses Argument akzeptiert, obwohl jeder einigermaßen politisch bewusste Mensch weiß, dass der freie Wille gerade unter orthodoxen religiösen Gruppierungen weder gewollt noch gefördert wird.« Kopftuchtragende Frauen seien demzufolge fremdbestimmt, weil von klein auf indoktriniert. Die Islamkritikerin Seyran Ates führt aus: »Ich finde es besorgniserregend, wenn immer mehr Mädchen das Kopftuch anlegen. Angeblich freiwillig. So einfach ist das aber nicht. Werden diese Mädchen dazu angehalten, einen freien Willen zu entwickeln? Oder wird ihnen gesagt, was sie wollen sollen?«8

Was Frauen wollen sollen

Ganz abgesehen davon, dass Studien9 zeigen, dass nicht »immer mehr Mädchen das Kopftuch anlegen«, sondern die Zahlen für Deutschland rückläufig sind und solche Behauptungen lediglich dazu dienen, durch das konstruierte Bedrohungsszenario einer schleichenden Islamisierung Deutschlands rassistisch angelegte Ängste zu aktivieren, geht es hier um etwas anderes. Es geht um den freien Willen von Mädchen. Es geht darum, dass ihnen gesagt wird, was sie wollen sollen!

Das ist ein Verhalten, das mich dann doch verdächtig stark an Lord Cromer erinnert. Kennen Sie Lord Cromer? Er lebte von 1841 bis 1917. Der erste britische Generalkonsul in Ägypten hat es dank Leila Ahmed, der Autorin des Buches »Women and Gender in Islam«, zu zweifelhafter Berühmtheit gebracht.

Die islamische Feministin Ahmed argumentiert, dass die Unterdrückung der Frau im Orient nicht auf den Islam zurückzuführen sei, sondern mit der patriarchalen Interpretationen des Islam zu tun habe. Lord Cromer dient ihr schließlich als köstliches Beispiel für Kolonialisten, die den Schleier ägyptischer Frauen mit aller Gewalt abzuschaffen versuchten, indem sie ihn zum Symbol der Rückständigkeit und Frauenunterdrückung erklärten –, wobei er ägyptischen Frauen gleichzeitig den Zugang zu höherer Bildung erschwerte. Cromer instrumentalisierte dabei den feministischen Diskurs, der in seinem Heimatland geführte wurde, um im Namen einer eigens definierten »Frauenbefreiung« Zwangsentschleierungen zu rechtfertigen. Interessant an der Geschichte ist nun, dass dieselben Kolonialisten, namentlich Lord Cromer, nicht im Traum daran dachten, feministische Forderungen in Großbritannien zu unterstützen. Im Gegenteil: Lord Cromer war Gründungsmitglied und Präsident der »Männerliga gegen das Frauenwahlrecht«. Er bekämpfte mit allen Mitteln eine zentrale Forderung der Frauenbewegung seiner Zeit, während er sich in Ägypten zum Frauenbefreier aufspielen durfte. Was mag Lord Cromer zu diesem heuchlerischen Verhalten bewogen haben? Es dürfte zum einen eine koloniale Arroganz sein, die die muslimische Zivilisation im Zuge der damals üblichen Kolonialzeitrhetorik als Negativfolie nutzte. »Über die Geschlechterstellung wurden und werden … in hohem Maße kulturelle Identitäten, mehr aber noch kulturelle Hierarchien verhandelt«, schreibt die Islamwissenschaftlerin Irene Schneider.10 Dem Anderen und Fremden werden Rückständigkeit und unzivilisierte Primitivität attestiert, um ihnen dann hin »im Gestus des pädagogischen Wohlmeinens« (Navid Kermani) bekämpfen zu können und sich selbst in Abgrenzung dazu als höherwertig definieren zu können.