Franz von Assisi

Lieber Bruder Franziskus

Patmos Verlag

INHALT

Bruder  nicht Herr und Oberer

Schwestern und Brüder  nicht heilige Herrschaft

Freude  nicht Zwang und Druck

Armut  nicht Prunk und Herrlichkeit

Teilen  nicht Besitzenwollen

Volk Gottes  nicht Rangordnung

Das Kind in der Krippe  nicht Macht

Geschwister  nicht Ausgrenzung

Einheit  nicht Einheitlichkeit

Dialog  nicht Konflikt

Brücken bauen  nicht verurteilen

Wagnis  nicht Beharrung

Respekt vor dem Leben  nicht Ausbeutung

Aufbruch  nicht Angst

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Ich, der kleine Franz von Assisi, war schon immer ein fleißiger Briefschreiber. An Bruder Leo und Schwester Klara habe ich geschrieben, aber auch an den gesamten Orden, dazu an einen Minister und an die Lenker der Völker. Ich war Mahner und Mutmacher: Ich mahnte zur Umkehr und zur Reform in Kirche und Gesellschaft, ich machte Mut zu einem Neubeginn. Und genau deshalb schreibe ich auch in eurer Zeit. Ich schreibe an den Mann, der in der Kirche an herausragender Position steht, an den Papst. Nach seiner Wahl hat er meinen Namen gewählt – so kann ich ihm einiges sagen, was mir wichtig erscheint. Aber lest selbst.

Bruder
nicht Herr und Oberer

Lieber Bruder Franziskus,

ich, der kleine Bruder Franz, der Poverello – der kleine Arme, schreibe dir, Jorge Mario Bergoglio, Papst Franziskus, zu Beginn deines Amtes als Bischof der Stadt Rom und als Bischof für den ganzen Erdkreis. Ich tue dies mit übergroßer Freude und in tiefer Verbundenheit.

Denn deine Wahl hat mich in mehrfacher Hinsicht überrascht. Natürlich war schon seit Jahren die Rede davon, dass einmal ein Papst aus einem Land außerhalb Europas gewählt werden müsse, schließlich leben inzwischen die meisten Katholiken in Lateinamerika und Afrika; Europa hat an Bedeutung verloren. Aber zwischen einem Gedanken oder einem Wunsch und der Verwirklichung ist doch noch ein großer Schritt zu tun. Ich bin überzeugt, der Heilige Geist, der gute Geist Gottes, hat geführt und die wählenden Kardinäle geleitet: Eine Kirche nun, die offen ist für alle Kontinente, für alle Völker, für alle Menschen – das ist ein erster Grund zu meiner Freude. Und du weißt ja, dass ich offen war für die Menschen in anderen Kontinenten, dass ich nach Asien und nach Afrika gereist bin; dazu schreibe ich dir in einem späteren Brief mehr.

Freude erfüllte mich auch, als ich deinen einfachen und bescheidenen Auftritt nach der Wahl erlebte. Da hast du das gezeigt, was bereits dein Wirken als Bischof in Argentinien prägte: nicht Macht und Prunk, sondern Bescheidenheit und Zurückhaltung, kein Auftrumpfen mit den Insignien päpstlicher Macht, sondern die Bitte an die versammelten Gläubigen, um Gottes Segen für dich zu bitten. Damit hast du die Herzen vieler gewonnen – auch mein Herz. Zur Frage von Macht oder Armut werde ich dir noch mehr schreiben, das liegt mir am Herzen.

Die größte Freude aber hast du mir mit der Wahl deines Papstnamens gemacht. Wenige Tage danach hast du den versammelten Journalisten erzählt, wie die Wahl des Namens Franziskus zustande gekommen ist: Einer der Kardinäle sei nach der Wahl im Konklave zu dir gekommen und habe dich erinnert: »Die Kirche der Armen, die Kirche der Armen ...« Da sei dir spontan meine Person eingefallen. Und von mir, von Franz von Assisi, vom kleinen Bruder Franz, leitest du deinen Namen Franziskus her.

Ich bin gleichsam überwältigt vor Freude. Zum ersten Mal hat sich ein Papst in der Erinnerung an mich und an mein bescheidenes Leben für den Namen Franziskus entschieden. Und die Namenswahl eines Papstes ist ja nicht irgendeine Wahl, sondern sie ist ein Programm für ein ganzes Pontifikat. Ich bin so froh, dass wir in unserem Denken übereinstimmen, dass wir eine gemeinsame Grundlage unseres Glaubens haben: den Gott Israels und den Gott Jesu Christi, der sein barmherziges Gesicht den Armen zeigt und ihnen in Güte und Freundlichkeit zugewandt ist. Dieser Glaube an einen menschenfreundlichen Gott, einen Freund des Lebens, ist uns, so darf ich annehmen, Ansporn und Ermunterung, auch unser eigenes kleines Leben einzusetzen im Dienst an den anderen, im Dienst an der Kirche, im Dienst aber vor allem der Menschen, die in vielfältiger Weise »die Armen im Volk Gottes« sind. Weil mich gerade dieses Thema der Armut so sehr bewegt – ich habe mein Leben den Armen geweiht –, werde ich in weiteren Briefen darauf zurückkommen.

Doch heute, in meinem ersten Schreiben an dich, liegt mir etwas anderes auf dem Herzen: Denn ich nenne dich »meinen Bruder«, doch ich fürchte, dass diese Anrede nicht den Gepflogenheiten in Rom entspricht. Denn wie ich höre, musst du laut vatikanischem Protokoll stets mit »Heiliger Vater« angeredet werden. Zudem wirst du betitelt mit »Papst«, was ja auch nichts anderes als »Vater, Papa« bedeutet. Und im Hofzeremoniell der vatikanischen Kurie gibt es noch eine Fülle anderer Titel für dich. Demnach bist du

Bischof von Rom,

Stellvertreter Jesu Christi,

Nachfolger des Apostelfürsten Petrus,

Oberster Priester (Papst) der Weltkirche,

Primas von Italien,

Erzbischof und Metropolit der Kirchenprovinz Rom,

Souverän des Staates der Vatikanstadt.

Hinzu kommen Titel wie »Pontifex Maximus« (Oberster Brückenbauer); »Episcopus Ecclesiae Catholicae« (Bischof der katholischen Kirche); »Pastor Pastorum« (Hirt der Hirten). Schließlich, nach all dem, gibt es unter allen anderen Titeln auch noch diesen:

»Servus Servorum Dei« – Diener der Diener Gottes.

Mal ehrlich, lieber Bruder Franziskus, kannst du mit solchen Titeln wirklich etwas anfangen? Ist das nicht alles zu groß, zu prunkvoll, zu machtbesessen? Heben dich solche Titel nicht weit empor über die Menschen, für die du bestellt bist, deren Diener du sein sollst? Erheben dich solche Titel nicht in Höhen, die jedes menschliche Maß übersteigen? Und stehst du mit solchen Titeln nicht unter einem unmenschlichen Erwartungsdruck: ein »heiliger« Vater zu sein – geht so was? Ist nicht allein der letzte Titel »Diener der Diener Gottes« ein Programm, das dem Willen Jesu entspricht? Bei all den anderen, bei so viel »Vater« und »Primas, Erster« sträuben sich mir die Nackenhaare.

Denn das alles klingt für mich in hohem Maße nach Macht und Herrschaft, nach »Heiliger Herrschaft, Hierarchie« im Namen Gottes; Machthaber über einen wenn auch inzwischen winzigen Staat; Episkopos, Aufseher über ein Bistum, das die ganze Stadt Rom umfasst; Erster aller kirchlichen Würdenträger, aller Bischöfe in Italien und darüber hinaus auch noch der ganzen Weltkirche, die sich heute über alle Kontinente erstreckt – dies übersteigt mein Vorstellungsvermögen.

Und dann: »Stellvertreter Jesu Christi«. Mir schwindelt bei diesem Anspruch. Muss ich das so verstehen, dass du dich als »Stellvertreter« an die »Stelle« Jesu Christi setzen sollst? Sollst du von den Christen in allen Völkern verkündet werden oder Jesus, der Gekreuzigte und Auferweckte? Was würde wohl Jesus selbst dazu sagen, hörte er von diesem Titel und einem solchen Anspruch?

Was ich jedenfalls von diesem Jesus verstanden habe, weist in eine völlig andere Richtung. Hat nicht Jesus gesagt:

Ihr aber sollt euch nicht Rabbi (Meister) nennen lassen;

denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder.

Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen;

denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel.

Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen,

denn nur einer ist euer Lehrer, Christus.

Diese Worte sind völlig eindeutig. Unter den Schwestern und Brüdern in unseren Gemeinden, lieber Bruder Franziskus, darf es keine abgehobenen Meister geben, denn wir alle unterstellen uns dem Wort Jesu. Unter den Schwestern und Brüdern in unseren Gemeinden darf es keinen allen übergeordneten Vater geben, alle sind Diener der Diener Gottes, nichts anderes. Dies habe ich mit meinen Brüdern zu leben versucht und in meiner ursprünglichen Regel auch so schriftlich gefasst. Erst später – und gegen meinen Willen – wurde leider auch in meinem Orden wieder eine Über- und Unterordnung eingeführt; ich konnte mich wegen meiner Schwachheit und Krankheit nicht dagegen wehren.

Dennoch gilt: Wenn man die Worte Jesu ernst nimmt – und ich tue es –, so hat das Konsequenzen. Dann darf es in der Kirche keine Macht ausübenden »Väter« geben und auch keinen »Heiligen Vater«, sondern nur Schwestern und Brüder in einem Geist, der die Familie Gottes zusammenführt und zusammenhält.

Matthäus schreibt in seinem Evangelium ein entscheidendes Wort Jesu:

Der Größte von euch soll euer Diener sein.

In seinem ganzen Evangelium hat Matthäus genau dies von Jesus aufgezeigt: Er ist der von Gott gesandte Diener, der den Menschen in Wort und helfender Tat zur Seite steht und ihre Herzen weit macht für das Kommen des Reiches Gottes. Dann hat die Not ein Ende, weil eine neue Gemeinschaft von Menschen da ist, die ohne Rangstreit, ohne Machtanspruch, ohne den Ehrgeiz, der Größte, Erste, Beste zu sein, auskommen wollen. Nicht um »Heilige Herrschaft«, um Hierarchie, ging es Jesus – er war ein heftiger Kritiker der Mächte seiner Zeit –, sondern um Dienst aneinander, so wie ein Diener den Gästen seines Herrn die Füße wäscht. Diakonie, Dienst statt Macht und Herrschaft – das ist der Geist Jesu. Und aus diesem Geist sollen wir, lieber Bruder Franziskus, unser Leben und Glauben gestalten. Dieser Geist des Dienstes und der Geschwisterlichkeit muss auch die Gestalt unserer Kirche prägen – und dies in der Welt und Zeit, in der ihr lebt, mehr als je zuvor. Wie hat schon einer der Bischöfe eurer Zeit gesagt: »Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.« Ich mahne dich, ja, ich beschwöre dich, den Papst, der meinen Namen trägt: Führe die Kirche zurück auf einen Weg des unbedingten Dienstes, sei den Menschen Bruder statt Vater, Diener statt Herr!

Lass dich also in allem vom Geist des Dienstes leiten. Erliege nicht den Verführungen der Macht, die nur zu Unterdrückung, Angst und Zorn, zu Streit und Uneinigkeit, zu Feindschaft und Spaltungen führen. Sei Diener der Diener Gottes, damit so Christus verkündet wird als der Herr aller.

Aus dem Geist des Herrn, der zum Diener aller wurde, solltest du handeln: Lege deshalb alle anderen Titel ab, so alt und ehrwürdig sie auch erscheinen mögen – sie entsprechen nicht dem Willen des Herrn, der sich erniedrigte bis zum Tod am Kreuz. Und lass dich nicht Vater nennen, sondern verweise auf den, der unser aller Vater ist, barmherzig und gütig, voll Treue und Fürsorge für sein Volk.

Verzeih, dass ich dir dies so unverblümt sage, aber so bin ich nun einmal, der kleine Diener Franz. Ich habe dazu eine Vision. Ich erinnere daran, dass einer deiner Vorgänger, Paul VI., im Jahr 1964 die Tiara abgelegt hat, die Papstkrone mit dem doppelten Anspruch geistlicher und weltlicher Macht: die Krone versehen mit dem Symbol der drei Ringe als Zeichen für die Priester-, Hirten- und Lehrgewalt (welch unpassendes Wort im Zusammenhang mit deinem Dienst – Gewalt und Machtausübung passen nicht zum Willen Jesu und zum Leben und Dienen seiner Jüngerinnen und Jünger!) und dem Reichsapfel als Symbol für weltliche Macht (wieso braucht ein Papst das?).

Könntest du nicht mutig und entschlossen auch in anderer Weise ein Zeichen setzen? Wie wäre es, wenn du in einer großen Feier auf dem gewaltigen Platz vor dem Petersdom in Rom auch alle Ehrentitel, die dem Bischof von Rom im Laufe der Jahrhunderte zugewachsen sind, ablegst? Wie wäre es, wenn du dich allein als »Bruder Franziskus« benennst, als Bruder all der Schwestern und Brüder, die wie du auf dem Weg des Glaubens sind? Wie wäre es, wenn du mit allen die eine Familie bildest, die allein von Gott als gutem Vater spricht und so ein Geist ist in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn?

Ich weiß, dass ein solcher Entschluss viel von dir verlangt. Aber er würde in der Welt nicht nur bei den Glaubenden eine Welle der Zustimmung hervorrufen. Es würde helfen, den Glauben an den einen Gott, das Bekenntnis zu dem einen Herrn Jesus Christus und das Leben in dem einen Geist weiterzutragen bis an die Grenzen der Erde. Es wäre ein überzeugendes Zeichen, wie Christen sich in dieser Welt verstehen – als Diener zum Wohl aller, als »Licht für die Welt«, als »Salz der Erde«, wie es unser Mitbruder, der Evangelist Matthäus, ausgedrückt hat. Es wäre auch eine Brücke zu den evangelischen und orthodoxen Christen, eine ausgestreckte Hand für die Kirchen, die ja gerade mit deinem Amt und den damit verbundenen Ansprüchen samt Gepränge und Hofstaat ihre Schwierigkeiten haben – wie ich auch. Es wäre auch eine Brücke zu den Menschen anderer Religionen, die wie wir auf der Suche nach dem Heil sind, aber auch zu den Menschen, die keinen Glauben als wichtig erachten: Du kannst dich allen als Bruder erweisen, nicht als ein so kleiner Bruder wie ich in Assisi, sondern als ein »großer« Bruder, der die Herzen der Menschen gewinnt.

Bruder Franziskus in Rom, dein Bruder Franz in Assisi wünscht dir Heil und Frieden. Geh deinen Weg als Bruder der Armen und aller Menschen mit dem Segen Gottes! Sei getröstet im Anblick der großen Aufgabe, die vor dir liegt!

Dies schreibt dir

dein kleiner Bruder Franz

Schwestern und Brüder
nicht heilige Herrschaft

Lieber Bruder Franziskus,

ich, der kleine Bruder Franz, der Poverello – der kleine Arme, schreibe dir, Papst Franziskus, einen zweiten Brief. Denn Christus hat mich zum Diener berufen, er, der zum Diener aller wurde. So sehe ich meinen Dienst in der Kirche nicht allein im unmittelbaren Umgang mit den Armen, mit den Kranken, mit den Menschen am Rande der Gesellschaft. Ebenso verstehe ich meinen Dienst als einen prophetischen Dienst des Mahnens und der ständigen Erinnerung an Christus und sein Evangelium für die Armen. Und weiter verstehe ich meinen Dienst in der Kirche als Aufgabe, Menschen zu ermuntern, sich selber auf einen Weg des Dienstes zu begeben. So mahne und ermuntere ich nun dich, den neuen Papst Franziskus, denn Gott hat dich ebenso wie mich fähig gemacht, Diener der Diener Gottes zu werden. Der große und barmherzige Gott stärke dich also in deinem Dienst, wie er mich immer begleitet und gestärkt hat.

Nach dem ersten Brief, in dem ich dir von meiner großen Freude über deine Wahl berichtete, schreibe ich nun einen zweiten Brief, der eher von Sorge geprägt ist – von der Sorge nämlich, dass die Kirche in ihrer augenblicklichen Verfassung einen Irrweg geht. Von der Sorge, dass sie sich durch ihre innere Verfasstheit immer mehr von den Menschen der modernen Zeit und Kultur entfernt und ihren Wünschen und Hoffnungen nicht gerecht wird. Von der Sorge, dass das Haus der Kirche nicht nur baufällig ist, sondern einsturzgefährdet. Was ich damit meine, fragst du?

Ihr versteht die Kirche als eine Pyramide geistlicher Herrschaft, als »Hierarchie«, heilige Herrschaft, von oben nach unten. Zuerst kommt der Papst, dann kommen die Kardinäle, dann die Bischöfe, dann die Priester und Diakone und vielleicht ganz zum Schluss – wenn überhaupt – noch die Laien, die sich aber in Ehrfurcht und Gehorsam den Klerikern, den Geistlichen unterwerfen sollen, so wie die Schafe unter einem Hirten stehen. Nun, ganz sicher ist Jesus der gute Hirte, wie auch Gott im Lied des Psalms als der gute Hirte bezeichnet wird, der beschützt und Zuversicht gibt. Aber wird nicht ein unüberlegtes Übertragen des Hirtenbildes (und mehr als ein Bild ist es ja nicht) auf das Miteinander in der Kirche ganz schnell instrumentalisiert und in ein Machtgefüge umgewandelt? Hat nicht das Sprechen von Hirten und Schafen in der Kirche oft dazu geführt, dass Menschen klein gemacht wurden? Lass mich dies verdeutlichen:

Bereits in den Hochgebeten des Herrenmahls wird zuerst für den Papst, also für dich, gebetet, dann für den jeweiligen Bischof, dann für die Priester und Diakone, dann für alle, die zum Dienst in der Kirche bestellt sind, und ganz am Ende schließlich auch noch für das ganze Volk der Erlösten (na endlich!). Das Gebet denkt streng hierarchisch von der Kirche. An der Spitze beginnt es und arbeitet sich langsam bis zur Basis durch, streng auf eine Rangordnung von Oben und Unten bezogen. Diese Pyramide der Hierarchie möchte ich gleichsam vom Kopf auf die Füße stellen, sie wieder erden und bodenständig machen, also im ganzen Volk Gottes wurzeln lassen. Das Volk Gottes nämlich, so hat das große Konzil des letzten Jahrhunderts sehr zu Recht befunden, ist die Grundlage, auf der die Gemeinschaft aller Getauften aufgebaut ist. Alle »Ämter« aber in der Kirche sind Dienst am Volk Gottes, nichts anderes. Das Volk Gottes ist also eine Gemeinschaft von gleichberechtigten Schwestern und Brüdern, die sich aber in unterschiedlicher Weise mit ihren Fähigkeiten (Paulus sagt »Charismen« dazu) in die Kirche einbringen. Wer ein besonderes Amt in der Kirche ausübt – und sei es dein Amt als Papst und Bruder aller in Christus –, der ist damit nicht über die anderen erhoben, sondern steht gleichsam als Diener unter ihnen – so wie der Herr selbst bei der Fußwaschung unter seinen Aposteln stand.

Doch bei euch prägt – in krassem Gegensatz zum Willen Jesu und auch zum Leben der ersten Gemeinden, die der Apostel Paulus gegründet hat – ein hierarchisches Denken das gesamte Leben der Kirche. So wird zum Beispiel im Codex des kanonischen Rechts – was es in deiner Kirche nicht alles gibt! – über das Volk Gottes gesprochen. Doch schon nach wenigen Paragraphen wird deutlich zwischen Laien und Klerikern unterschieden. Zu den Laien nehmen kurze sieben Kanones Stellung, zu den Klerikern schon einundsechzig! Und es geht noch weiter, denn schon bald folgt in diesem Gesetzbuch ein umfangreicher Teil: 243 Kanones über die hierarchische Verfassung der Kirche. Darin wird wieder von oben herunter abgehandelt: vom Papst, von der Römischen Kurie, von den Gesandten des Papstes, den Nuntien, von den Bischöfen und Metropoliten, von der Diözesankurie mit Generalvikar und Bischofsvikaren, vom Vermögensverwaltungsrat und Ökonomen (wie wichtig euch Besitz ist – ich komme noch darauf zurück!), von den Pfarrern, Dechanten oder Erzpriestern, Kirchenrektoren und Kaplänen.

Aus all diesen Vorgaben folgt, dass das Volk Gottes »ganz unten« kaum etwas zu entscheiden hat. Entscheidungen treffen vielmehr die geweihten Kleriker in ihrer Rangordnung. Dazu kommt, dass jeder in dieser Rangordnung den Weisungen des Höheren in »Ehrfurcht und Gehorsam« zu folgen hat. In der Regel darf er keine Kritik an Entscheidungen üben, und wenn, dann in »Ehrfurcht und Gehorsam«, das heißt, vor allem nicht öffentlich widersprechen – so zumindest die Erwartung der meisten eurer Amtsträger. Und wenn der Obere meint, dieser Gehorsam werde nicht ausreichend befolgt, gibt es Disziplinarmaßnahmen bis hin zum Ausschluss aus der Kirche.

Natürlich weiß ich, dass der erste Anfang einer hierarchischen Verfassung der Kirche schon aus recht alter Zeit stammt. Bereits in den späten Schriften der christlichen Bibel gibt es Hinweise auf ein Bischofsamt, bei dem der Bischof wie ein Monarch seine Gemeinde leitet. Ich weiß aber auch, dass vorab in den Gemeinden des Paulus gemeinsame Entscheidungen der ganzen Gemeinde standen, dass es einen Rat der Ältesten, der gleichberechtigten Presbyter gab. Die Entwicklung hin zur Entscheidung eines der Gemeinde übergeordneten Bischofs hatte ihre Parallele in den staatlichen Strukturen des Römischen Reiches mit staatlichen Aufsehern (episcopoi) in jeder Stadt – und da alle Menschen Kinder ihrer Zeit sind, wurde dies übernommen und immer weiter ausgestaltet. Über die ganzen Jahrhunderte hinweg, die ihr das Mittelalter nennt, wuchs die hierarchische Gliederung und erreichte in der Neuzeit ihren Höhepunkt. Das genannte Gesetzbuch in seiner letzten Fassung vom Ende des 20. Jahrhunderts ist nur der Gipfel dieser Entwicklung. Aber dies alles – die Konzentration von Macht in den Händen Einzelner – halte ich für einen Irrweg und einen Widerspruch zum Gedanken des Volkes Gottes, das miteinander auf dem Weg ist und in dem alle Schwestern und Brüder Jesu sind, Geschwister, die füreinander da sein sollen, deren Grundsatz der Dienst aneinander sein muss, nicht die Herrschaft übereinander.

Darum ist meine Kritik notwendig. Wenn auch vieles in den Kulturen und damit auch in der Kirche geschichtlich bedingt ist und von seiner Entstehungsgeschichte her verstanden werden kann, so muss man dies alles in einer veränderten Zeit und unter veränderten Bedingungen noch lange nicht billigen und beibehalten. Eure Zeit, die von Mitbestimmung und Demokratie, von Wahlen und einem Ausgleich von Interessen (zum Beispiel auch zwischen Herr und Sklave, oder wie ihr es sagt, Arbeitgeber und Arbeitnehmer) bestimmt ist, muss euch in der Kirche zu einem Umdenken veranlassen. Auch hier muss es eine Mitbestimmung des ganzen Volkes Gottes geben – und zwar nicht nur in banalen Randfragen. In allen, auch in wesentlichen Fragen geht es um Mitwirken, Mitberaten, Mitbestimmen, Mitentscheiden.

So bitte, ermahne und ermuntere ich dich, den Bruder und Diener Franziskus: Greife ein und tu dein Möglichstes, um die Kirche zu Umkehr und Neubeginn zu führen! Wende dich zusammen mit dem ganzen Volk Gottes von einer Kirche der Macht und der Unterordnung, des Zwangs und der daraus erwachsenden Angst ab und führe die Menschen zu einer Kirche der Freiheit. Wer sonst, wenn nicht die Kirche unseres Herrn Jesus, kann denn ein Ort der Freiheit, Gerechtigkeit und des Friedens werden? Wer sonst kann genau in diesen lebenswichtigen Punkten ein »Licht der Welt« und »Salz der Erde« sein, ein gutes Vorbild und zugleich eine Mahnung für alle gesellschaftlichen Gruppen, für die Völker und Nationen. Wer sonst kann durch Freiheit und Dienst Hoffnung und Zuversicht schenken und die Menschheit zu einer besseren Zukunft führen? Geh also, lieber Bruder Franziskus, voran auf diesem Weg.