Inhalt

Nicht Asche bewahren, sondern das Feuer weitergeben

Die letzte Sitzung

Zur Situation von Gemeinden heute

Behinderungen heutiger Gemeindepastoral

Hoffnungszeichen in heutigen Gemeinden

Zusammenlegungen gehen nur auf dem Friedhof

Was ist eigentlich Kirche?

Kirche im Neuen Testament

Von der Jüngergemeinschaft Jesu zu Kirche heute

Das Kirchenbild des Zweiten Vatikanischen Konzils

Nochmal: Was ist eigentlich Kirche?

Der Kreis der Aufrechten

Was macht eigentlich Gemeinde aus? – Eine Zielbestimmung

Der Gott, der Leben schenkt und erhält – Aspekt Glaube

Der Gott, der auf dem Weg begegnet – Aspekt Hoffnung

Der Gott, der aus der Not befreit – Aspekt Liebe

Leib Christi in Einheit und Vielfalt – Aspekt Gemeinschaft

Glaube, Hoffnung, Liebe, Gemeinschaft – Gemeinde ist für die Menschen bestellt

Ach, was war das früher schön

Nicht Kirchenschafe, sondern Mutchristen

Von der Verantwortung aller

Die Laien in der Kirche

Kleriker und Laien

Das Zweite Vatikanische Konzil – ein Aufbruch

Für die Menschen bestellt

Das Ziel: eine menschenfreundliche Kirche

Eine sich ständig reformierende Kirche

Die Praxis Jesu und die Praxis der Kirche

Begegnung

Annahme

Heilung

Miteinander Christen sein

Gemeinde – vielfältig und gemeinsam

Gottesdienst – das Volk Gottes auf dem Weg

Nächstendienst – Anwalt der Menschen sein

Heimat des Glaubens – Glauben lernen in Gruppen

Eine Vielzahl von Kontakten

Miteinander als Volk Gottes auf dem Weg

Gemeinde – feiernd und betend

Die sonntägliche Eucharistiefeier

Zur Problematik der Eucharistie in »priesterlosen« Gemeinden

Miteinander Anwalt der Menschen sein

Gemeinde – helfend und solidarisch

Strukturelle Diakonie

Diakonische Solidarität mit Einzelnen

Miteinander Heimat des Glaubens

Gemeinde – bezeugend und überzeugend

Gemeinde ist Heimat des Glaubens

Gemeindekatechese

Einzelseelsorge

Andere Felder der Verkündigung in einer Gemeinde

Widerstand und Aufbruch

Von Konflikt und Versöhnung

Propheten in unserer Welt

Von neuen Herausforderungen

Seht, ich schaffe Neues – die Botschaft des Jesaja

Und wir heute?

Noch einmal: Nicht Asche bewahren, sondern das Feuer weitergeben

Zehn-Punkte-Plan für Karl Borromäus

Nicht Asche bewahren, sondern das Feuer weitergeben

Die letzte Sitzung

Zur Situation von Gemeinden heute

Die Stimmung der anwesenden Pfarrgemeinderatsmitglieder von Sankt Karl Borromäus war dunkel und gedrückt, so düster wie der dunkle Novemberabend draußen vor dem Pfarrsaal. Wie gelähmt saßen die 14 Frauen und Männer in der Runde und schauten den alten, ebenso bedrückt wirkenden Mann an, der ihnen gerade die schlechte Nachricht ausgerichtet hatte. Das hatte Pfarrer Helmut Wanke ihnen verkündet:

»Mit nunmehr 72 Jahren war ja damit zu rechnen, dass ich den Dienst in dieser Gemeinde nicht mehr lange tun kann. Aber nun ist ein gesundheitlicher Einbruch erfolgt, ich spreche ganz offen von Krebs, der mich zum Rückzug aus dieser Gemeinde bereits in sechs Wochen, also zum Jahresende, zwingt. Auch kann ich nicht mehr hier wohnen bleiben, sondern muss in ein Pflegeheim in Duresheim wechseln. Ich weiß, dass diese Nachricht für Sie und für unsere Gemeinde schockierend ist, denn eigentlich wollte ich ja noch ein paar Jahre hier leben und arbeiten. Und ich hätte dies gern getan, denn ich habe mich in den fast zwanzig Jahren, in denen ich hier die Gemeinde leite, wohlgefühlt. Ich weiß auch, dass nun für uns alle die große Sorge da ist, wie es mit unserer Gemeinde weitergehen wird. Doch ich möchte hier zuerst einmal danken für Ihre Mitarbeit und ich möchte den Wunsch äußern, dass Sie sich als die Verantwortlichen dieser Gemeinde auch in Zukunft unter veränderten und sicher schwierigeren Bedingungen weiterhin für das Wohl der Menschen hier einsetzen. Lassen Sie sich nicht beirren, bleiben Sie sich selbst treu, bleiben Sie der Gemeinde treu – na ja, und über einen Besuch bei mir in Duresheim freue ich mich natürlich auch.«

Es dauerte eine ganze Weile, bis Roland Gatz, der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates, ein kräftiger Mann Ende Fünfzig, aufstand: »Wir sind tief betroffen. zuerst, was Ihre Gesundheit angeht, lieber Pfarrer Wanke. Und wir sind Ihnen zutiefst dankbar, weil Sie so lange Zeit mit uns zusammen gearbeitet, gelebt und gefeiert haben. Sie haben uns Mut gemacht, uns in unsere Gemeinde einzubringen. Sie haben offen und bereitwilig mit uns zusammen für eine lebendige Gemeinde gesorgt. Wir sind Ihnen zu Dank verpflichtet. Nun wird sich vieles für uns ändern. Ich bitte alle, sich bereitzuhalten für ein weiteres Engagement. Denn das ist unverzichtbar – die Veränderungen werden groß sein. Zum erstenmal in der über vierhundertjährigen Geschichte unserer Pfarrgemeinde werden wir in Zukunft keinen eigenen Pfarrer mehr haben. Das Bistum kann uns niemanden mehr schicken, weil viel zu wenige Priester da sind. Pfarrer Wolfgang Keller von Sankt Bonifatius wird beauftragt, zum 1. Januar des nächsten Jahres unsere Gemeinde mitzuversorgen. Dabei hat er neben Bonifatius schon zwei weitere Pfarreien und sein Pfarrvikar ist ja im letzten Monat abgezogen worden, sodass er mit dem alten und oft kranken Prälaten Peter Lemmer alleine ist. Wie er nun noch mehr Gottesdienste halten soll, ist mir ein Rätsel. Ich fürchte, es wird für uns tiefe Einschnitte geben.«

Raunen und Gemurmel im Kreis: ungläubiges »Das-kann-doch-nicht-wahr-sein«, ohnmächtiges »Alles-geht-zu-Ende«, wü­tendes »Die-Kirche-macht-sich-selbst-kaputt«, fragendes »Was-sollen-wir-nur-machen?«, beharrendes »Aber-wir-brauchen-doch-einen-Priester-hier«, raunzendes »Das-können-wir-nicht-zulassen«, resignierendes »Das-hat-doch-alles-keinen-Sinn-mehr«, protestierendes »Da-müssen-wir-eine-Demonstration-vor-dem-Bischofspalast-machen« und schließlich die entscheidende Frage: »Was können wir tun?«

»Zuerst einmal«, so Herr Gatz, »müssen wir für den Bischof und auch für den neuen Pfarrer eine Art Bestandsaufnahme machen: Wie ist die Struktur in unserer Gemeinde, was ist bei uns los, welche Gruppierungen gibt es, wie sind die Gottesdienstzeiten, welche besonderen Ereignisse finden statt und so weiter. Das kann dann die Grundlage sein für die künftige Arbeit. Es wäre schwer, wenn alle an einem solchen Papier arbeiten, deshalb schlage ich vor, dass eine kleine Gruppe von fünf, sechs Personen diese Aufgabe übernimmt.«

Ein wenig Diskussion gab es schon, dazu Wut, Trauer, Empörung, Resignation, Hilflosigkeit und Sarkasmus – die unterschiedlichen Reaktionen von Menschen auf eine schlechte Nachricht. Doch dann entstand eine kleine Gruppe, die sich schon zwei Tage später bei Herrn Gatz treffen wollte: Neben dem Vorsitzenden Roland Gatz, einem ruhigen und strukturiert handelnden Mann, auch Lektor und Kommunionhelfer in der Gemeinde, waren dies: Irina Czytkowski, die Vorsitzende der Frauengemeinschaft, eine kluge und engagierte Frau, die sich so schnell durch nichts erschüttern ließ, Sebastian Zander, der lange die Jugendarbeit der Gemeinde geleitet hatte und jetzt Sozialarbeiter in der Zivilgemeinde war, Petra Schmickler, eine manchmal etwas aufbrausende Frau, aber in der Caritas-Arbeit der Gemeinde unersetzlich und unermüdlich, Kai Neumann, ein Religionslehrer des Gymnasiums, der immer gefragt wurde, wenn es um theologische Sachfragen ging, und schließlich Romana Groll, eine ältere verwitwete Frau, die neben vielen anderen Aufgaben in der Gemeinde im Vorstand des Kirchenchores war. Das »Fähnlein der sechs Aufrechten« – so nannten sich die sechs bereits bei ihrer ersten Besprechung.

Noch vor Weihnachten war ihr Positionspapier zur Situation der Gemeinde fertig, wurde an Bischof, Dekan und den Nachbarpfarrer gesandt, aber auch in einem Sonderdruck der Pfarrnachrichten veröffentlicht – »Wir müssen die Gemeinde bei den Veränderungen mitnehmen und über alles informieren«, so hatte es Herr Gatz gesagt.

Die wesentlichen Aussagen des Positionspapiers, das der »Kreis der Aufrechten« verfasst hat, lautete:

Unsere Gemeinde Sankt Karl liegt in einer Kleinstadt des Mittelgebirges. Sie wurde im Zuge der Gegenreformation vor etwa vierhundert Jahres wiedererrichtet, nachdem eine Vorgängergemeinde im 16. Jahrhundert reformiert worden war. Es gibt in unserer Stadt mit ca. 30000 Einwohnern auch zwei große evangelische Gemeinden; unsere katholische Gemeinde ist mit etwas über 3000 Mitgliedern nicht sehr groß und in einer Diasporasituation. Vor allem gehören zu unserer Gemeinde viele Flüchtlinge und Umsiedler, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Osten kamen.

Das Engagement der Menschen für unsere Gemeinde und auch die Gemeindebindung ist vergleichsweise hoch. Dies zeigt sich in vielen Gruppierungen: von Jugendgruppen bis zum Seniorenkreis, vom Kirchenchor bis zur Frauengemeinschaft, von einem Taizé-Kreis, der besinnliche Abendgottesdienste vorbereitet und durchführt, bis zu einem sehr aktiven Caritas-Kreis, der sich besondern um die in der letzten Zeit verstärkt in unsere Stadt kommenden Flüchtlinge kümmert.

Der Gottesdienstbesuch am Sonntag liegt bei – im Vergleich zum Bistum – doch recht guten zehn Prozent, an besonderen Festtagen sind es weit mehr. Natürlich haben wir auch mit den üblichen Problemen zu kämpfen: Verdruss über die Kirche bei vielen Getauften, Kirchenaustritte, Mangel an Mitarbeitern in verschiedenen Bereichen (etwa in der Katechese der Kommunionkinder) und anderes mehr. Sorge macht uns die abnehmende Zahl der Taufen, auch der Zustand unserer Kirche und des Pfarrheims, die beide einer Renovierung bedürfen, dazu die Überalterung im Kirchenchor und die leider abnehmende Zahl der Ministranten.

In den letzten Jahren hat unser scheidender Pfarrer Helmut Wanke sehr viel Wert auf eine gute Ausbildung der Laienkräfte gelegt: Pfarrgemeinderat, Lektorenkreis, Familiengottesdienstkreis, aber auch Mitglieder anderer Gruppen werden regelmäßig zu inhaltlichen Fortbildungen oder zu einem geistlichen Tag eingeladen – viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nehmen dieses Angebot gerne an. Es gibt eine Kerngruppe von engagierten Frauen und Männern, die den Motor der Gemeinde bilden. Leider aber ist die Zahl der Engagierten für die anstehenden Aufgaben insgesamt bei Weiten nicht ausreichend.

Somit brauchen wir auch in Zukunft einen inspirierenden und uns spirituell wie sachlich befähigenden Menschen, wir brauchen einen Pfarrer, der sich voll und ganz um die Menschen unserer Gemeinde kümmert. Dass dies nicht mehr möglich sein soll, macht uns ratlos und besorgt um die Zukunft der Gemeinde, die uns am Herzen liegt.

Wie soll es mit Sankt Karl Borromäus weitergehen?

Zur Situation von Gemeinden heute

Christliche Gemeinden in der heutigen Gesellschaft kennen wie die vorgestellte Gemeinde St. Karl Borromäus vielfältige Behinderungen ihres Lebens, sie kennen aber auch Hoffnungszeichen:

Behinderungen heutiger Gemeindepastoral

Immer mehr Menschen halten Religion und christlichen Glauben für belanglos und für ihr Leben irrelevant. Ja, mehr noch: Religion und christlicher Glaube sind für viele Menschen negativ belegt, viele haben geradezu eine Allergie gegen das Christentum. Wo früher in einer christentümlich geprägten Gesellschaft religiöses Leben das Denken und Handeln der Menschen prägte, finden sich heute nur noch Relikte einer Bindung an den Glauben, meist im Zusammenhang mit den Lebenswenden oder mit besonderen Krisensituationen. Solche Aversionen sind oft weniger im Glauben selbst und in der Beziehung zu Gott begründet als in einer von Ängsten und Zwängen beeinflussten religiösen Erziehung und in schlechten Erfahrungen mit Kirche und ihren Vertretern. Die Abneigung vieler richtet sich gegen echte oder vermeintliche Fehlformen des Glaubens in dem kirchlichen Umfeld, das sie erlebt haben. Deshalb sagen sie der Kirche Lebwohl. Oft bedarf es nur eines geringen Anlasses (Unmut über die Kirchensteuer, kirchlichen Prunk und Protz, Ärger mit dem Pfarrer wegen einer kirchlichen Dienstleistung, etwa Gestaltung einer Trauung oder Beerdigung …), um den bereits erfolgten inneren Abschied vom Glauben auch in einen äußeren (Kirchenaustritt) umzuwandeln.

Führt der Weg vieler Menschen weg von Religion und christlichem Glauben, so wird diese Entfremdung in der Beziehung zur Kirche noch deutlicher. Menschen heute unterscheiden zwischen christlichem Glauben und der Kirche; 80 % der Bevölkerung glauben, dass man Christ sein kann, ohne der Kirche anzugehören. Das hat zutiefst Auswirkungen auf christliche Gemeinden: Wenn man die Kirche als unwichtig oder gar störend empfindet, ist die Beziehung zur Gemeinde am Ort bei den wenigen Kontaktpunkten, die dann noch bleiben (etwa Erstkommunion), kaum positiv. Man wählt gewisse kirchliche Dienste aus und nimmt sie im Bewusstsein in Anspruch, dass man ja schließlich genug dafür bezahlt, um entsprechend den eigenen Vorstellungen bedient zu werden. Mitverantwortung und Mitmachen in der Kirche kommen für die meisten Getauften nicht in Frage.

Was für Erwachsene gilt, gilt für die nachwachsende Generation in besonderem Maße: Kinder und Jugendliche haben immer weniger Erfahrungen mit religiösem Leben und mit ihrer Gemeinde. Dies beginnt bereits damit, dass in den Großstädten nur ein Teil der Kinder getauft werden, bei denen ein Elternteil christlich ist. Aber auch darüber hinaus ist unsere Gesellschaft geprägt von einem erschreckenden Rückgang religiöser, besonders christlicher und kirchlicher Sozialisation. Weder Familie noch Schule noch Gemeinde scheinen diesen Prozess aufhalten zu können. In ihrem Umfeld erleben die Kinder kaum noch Beispiele gelebten Glaubens, und wenn, nur bei der älteren Generation. Oft ist der Glaube zu einem Tabuthema geworden, über das man nicht mehr spricht. Selbst in der Gemeinde bleibt die Weitergabe des Glaubens weithin ohne dauerhafte Auswirkungen.

Waren früher bis auf eine winzige Minderheit alle Mitglieder der Gesellschaft getauft, so befinden wir uns heute in einer nachchristlichen Gesellschaft. Die bestehenden Kontaktpunkte zwischen Staat und Kirche dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Einfluss der Kirchen schwindet. Zudem wird auch die Zahl der Ungetauften bei uns immer größer und bildet inzwischen auf ganz Deutschland gesehen die stärkste Gruppe (35 %) noch vor der katholischen und evangelischen Kirche mit je knapp 30 %. In den neuen Bundesländern ist die Zahl der Getauften, besonders in den jüngeren Generationen, erheblich geringer; in den meisten Schulklassen etwa liegt die Zahl der getauften Kinder unter 10 %. Immer deutlicher werden auch andere religiöse Einflüsse außerhalb des Chris­tentums. Der Islam, aber auch andere Religionsformen sind immer mehr präsent.

Religion und Glaube werden immer mehr zu einer Privatsache. Naturgemäß stellt der Glaube die inners­te Entscheidung eines Menschen dar und ist unlösbar mit dem Individuum und seinem freien Willen verbunden. Auf der anderen Seite aber besitzt der Glaube eine soziale Dimension, christlicher Glaube geht nicht ohne Anbindung an Gemeinschaft. Die heute festzustellende Individualisierung des Glaubens und die mangelnde Rückkoppelung an andere Glaubende und an die Glaubensgemeinschaft behindert das Leben der Gemeinden in tiefer Weise.

Dies meint den Trend, aus dem Gesamt christlichen Glaubens und christlicher Lebensgestaltung das auszuwählen, was zum eigenen Lebensweg passt, worin man sich bestätigt fühlt, was einen nicht zum Umdenken zwingt. Auf der anderen Seite wird all das aus dem Gesamt christlichen Glaubens beiseitegelegt, was stört oder die eigene Lebensgestaltung verändern könnte. Wie man in einem Kaufhaus Waren auswählt, so sucht man sich aus den Angeboten der Kirche das aus, was gefällt, wozu man »Lust« hat. Die prophetische Sprengkraft christlichen Glaubens, die kritische Unterbrechung heutigen Lebens durch den Zuspruch und Anspruch Gottes werden nicht erkannt.

Die Konsum- und Freizeitgesellschaft bewirkt eine Veränderung der Lebensgewohnheiten. Die Mobilität der Menschen wird größer und damit die Bindung an die Heimatgemeinde schwächer. Die Gestaltung des Wochenendes wandelt sich zunehmend, der Sonntag verliert das Besondere unter den Wochentagen. Die Grundhaltung einer Konsumgesellschaft mit der Erwartung einer sofortigen Verfügbarkeit aller Dinge entsprechend den eigenen Wünschen wirkt sich auf das Verhältnis zu Kirche und Gemeinde aus. Die Kirche, speziell die Gemeinde am Ort, dient dazu, eventuell aufkommende religiöse Bedürfnisse zu befriedigen, mehr erwartet man nicht, mit mehr möchte man auch nicht belastet werden.

Das Image der Kirche, besonders der Amtskirche, ist heute weithin negativ geprägt. Das liegt nicht allein an gewissen Vorurteilen, die es sicherlich auch gibt. Es liegt vor allem daran, wie sich die Kirche und ihre Amtsträger in der Öffentlichkeit darstellen. Konflikte um Bischofsbesetzungen, um Kirchensteuer und die Verwendung kirchlicher Gelder, um Lebensweise und Verhalten von Klerikern und anderes mehr summieren sich zu einem Bündel von Kritik an der Kirche und ihren Vertretern. Das alles wirkt sich auf die einzelne Gemeinde aus: Wenn das Image von Kirche insgesamt – berechtigterweise oder nicht – schlecht ist, so leidet darunter die Gemeinde vor Ort. Dies umso mehr, als in ihr ähnliche Konfliktsitua­tionen auf niedrigerer Ebene stattfinden.

Viele Vorstellungen der Kirche werden als weltfremd und nicht länger unserer Zeit gemäß betrachtet. Sie helfen nicht in einer dem Evangelium gemäßen befreienden Weise dem Leben von Menschen auf, sondern belasten es. Solche Einstellungen gelten besonders für sensible Bereiche wie die Sexual- und Ehemoral. Hier hat gesamtgesellschaftlich in den letzten Jahrzehnten ein Paradigmenwechsel stattgefunden, dem die Kirche in ihren Äußerungen keineswegs gerecht wird. Die Folge ist eine zunehmende Distanz vieler: Kirche hat in solchen Bereichen nichts mehr zu sagen, ihre Äußerungen werden belanglos. Dies wirkt sich ebenfalls auf die Gemeinden aus: Die sich in einer Gemeinde engagierenden Christen sind dann im Blick ihrer Nachbarn und oft ihrer Familienangehörigen diejenigen, die zu einem »rückständigen Verein« gehören – keine gute Motivation für weiteren Einsatz.

Die kirchliche Organisation tendiert auf allen Ebenen zu Bürokratisierung und Zentralisierung. Die Gefahr wächst, dass sich auch dadurch die Kirche den Menschen am Ort entfremdet. Sie wird zu einer Verwaltungsorganisation, ist jedoch nicht länger – ihrem eigentlichen Anspruch gemäß – die Glaubensgemeinschaft des Volkes Gottes vor Ort.

Ein besonderes Problem, das hausgemacht ist und Gemeinden zunehmend behindert, ja ihre Existenz in Frage stellt, ist der dramatische Personalmangel. Die Zahl der in Gemeinden eingesetzten Pries­ter wird sich weiter erheblich verringern. Kaum noch eine Gemeinde wird künftig einen Priester für sich allein haben, besonders in den ländlichen Gebieten werden Priester mehrere Gemeinden oder einen aus vielen Gemeinden fusionierten »pastoralen Großraum« betreuen müssen. Schon jetzt zeichnen sich ab, dass die Priester überfordert sind, dass sie in Kasualien (Taufen, Trauungen, Beerdigungen …) ersticken, dass sie zu reinen Zelebrationspries­tern werden und eine persönliche Seelsorge nicht mehr geleistet werden kann: Der Priestermangel bedeutet den Tod der bisher gewohnten Seelsorge. Eine Veränderung ist unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht zu erwarten, eher lassen die Studentenzahlen auf einen weiteren Rückgang der Priesterweihen schließen – der Beruf des Priesters wird zunehmend unattraktiv für junge Leute. Die Lösung, die immer mehr gefordert wird, liegt in einer Veränderung der Zugangskriterien zum priesterlichen Dienst, also in der Frage des Zölibates und der Weihe von Frauen. Doch hier wird von den Verantwortlichen blockiert.

Dem Personalmangel sucht man durch den Einsatz von Laienpastoralkräften zu begegnen. Gewiss gibt es heute mehr Laien im hauptamtlichen pastoralen Einsatz als früher. Ihre Zahl reicht jedoch keineswegs aus. Hinzu kommt, dass eine große Rollenunsicherheit in Bezug auf das Einsatzfeld von Laien in der Seelsorge besteht; Rollenkonflikte zwischen Priestern und Laien in einer Gemeinde kommen hinzu. Die Zahl derjenigen, die sich zu Laienpastoralkräften ausbilden lassen und die von den Diözesen eingestellt werden, sinkt seit Jahren. Dies verschärft den Personalmangel.

Wenn auch die durch das Zweite Vatikanische Konzil ausgelösten Veränderungen eine Welle des Engagements in den Gemeinden auslösten, so wird immer deutlicher, dass die Zahl der Ehrenamtlichen für die gestiegenen Anforderungen an Gemeindearbeit nicht ausreicht, ja dass an vielen Orten eine Ermüdung der Ehrenamtlichen und ein Rückgang ihrer Zahl zu verzeichnen sind. Das liegt nicht allein an der Überforderung durch eine veränderte gesellschaftliche und kirchliche Situation. Es liegt oft genug auch daran, dass sie für ihre Aufgabe nicht ausreichend qualifiziert bzw. begleitet werden – eine Folge des Mangels an hauptamtlichen Seelsorgskräften.

In vielen Gemeinden wird die Verantwortung aller Getauften nicht ernst genug genommen. So ist man zwar froh über Hilfe, gibt jedoch nicht ausreichenden Raum zur Mitentscheidung und zu einem qualifizierten Mittragen der gemeindlichen Aufgaben. Die Folgen sind Resignation und Ausweichen engagierter Menschen zu anderen gesellschaftlichen Aufgaben, in die sie sich mehr einbringen und in denen sie besser mitentscheiden können. Mündigkeit und Freiheit des Menschen in einer demokratischen Gesellschaft sind in der Kirche und in vielen Gemeinden noch lange nicht verstanden worden.

Solche und andere Faktoren behindern die Arbeit der einzelnen Gemeinde in hohem Maße. Doch es gibt ebenso Hoffnungszeichen für Gemeinden heute:

Hoffnungszeichen in heutigen Gemeinden

Zunehmend gibt es gesellschaftliche Gruppen, die andere Werte als die materiellen betonen. Man überlegt, was menschliches Leben wirklich gelingen lässt. Eine solche Ausrichtung auf »neue« Werte kann ein guter Ansatzpunkt für christliche Gemeinden sein, die befreiende Botschaft des Evangeliums in unsere Gesellschaft einzubringen. Das allerdings wird nur gelingen, wenn Berührungsängste überwunden werden, die den Kontakt zu den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen oft erschweren, und wenn die Botschaft des Glaubens in einer den heutigen Menschen gemäßen und ihrem Leben aufhelfenden Sprache dargestellt wird.

Auch wenn die hergebrachten Formen von Religion und Christentum für viele Menschen immer problematischer werden, so bleibt doch die Frage nach Religion überhaupt, die Frage nach dem, was unbedingt angeht, was dem Leben einen tieferen Sinn und eine letzte Ausrichtung gibt. Solche Religiosität vagabundiert heute, sie schließt sich an teilweise exotische Religionsformen an: Esoterik, Astrologie und für Europa gewandelte asiatische Religiosität (etwa Buddhismus) gewinnen an Boden. Nicht Religion schlechthin stirbt also in der modernen Gesellschaft, sondern die bislang christlich-kirchlich verfasste Religion. Wo aber die Frage nach einer letzten Ausrichtung des Menschen bleibt, haben auch christlicher Glaube und Gemeinden eine Chance: Sie können ihre Botschaft nicht mehr als für die ganze Gesellschaft verbindlich aussagen, aber sie bieten Wege zu einem sinnvollen und erfüllten Leben an.

Wenn auch manche kirchlichen Amtsträger die Mündigkeit der Christen zwar betonen, ihr in der Praxis aber nur wenig Raum geben, so lässt sich doch eine Bewegung nicht verkennen, die durch das Zweite Vatikanische Konzil bestätigt wurde: die Verantwortung der Chris­ten für Kirche und Welt durch Taufe und Firmung. Jeder Christ ist nicht nur berechtigt, sondern beauftragt, am Aufbau der Kirche und an der Weitergabe des Glaubens mitzuwirken. Viele Laien haben in den letzten Jahren hierzu ein verändertes Bewusstsein erlangt und nehmen ihr »Chris­tenrecht auf Mitverantwortung« mit großem Engagement ernst. Sie sind von unmündigen »Kirchenschafen« zu mündigen »Mutchris­ten« geworde­n.

geschichte:

War das Leben in den Gemeinden früher stark von einer Vereinheitlichung der persönlichen Glaubensgeschichten geprägt, von festgelegten Schritten für jede Altersstufe, so wird heute anerkannt, dass jede einzelne Person eine unterschiedliche Geschichte besitzt. Das gilt für die persönlichen Lebensumstände, das Beziehungsnetz eines Menschen und für seine Lebenserfahrungen, eine Verschiedenheit der Lebensgeschichten also, die stärker ausgeprägt ist als zu früheren Zeiten mit ihren Vorgaben durch Familientraditionen, Klassenunterschiede, Berufs- oder gar Partnervorgaben. Der individuellen Lebensgeschichte entspricht eine individuelle Glaubensgeschichte: Menschen machen unterschiedliche Glaubenserfahrungen, die ihren weiteren Weg prägen. Solche Erkenntnisse müssen sich in der Gemeindepraxis künftig stärker in eine individualisierte Pastoral umsetzen, damit Menschen unserer Zeit erreicht werden.

Das vom Zweiten Vatikanischen Konzil neu betonte Kirchenbild vom Volk Gottes, das miteinander auf dem Weg ist, stellt einen wichtigen Impuls für das Leben der Gemeinden dar. Kirche, das ist nicht Kirche der Amtsträger, der Kleriker, sondern Kirche, das sind alle Getauften. Leider gibt es dagegen restaurative Gruppen, die sich eine autoritäre und klerikale Struktur zurückwünschen und die in den letzten drei Jahrzehnten durch die Amtskirche in Rom und in manchen Bistümern stark gefördert wurden. Dennoch verstehen Gemeinden immer mehr, was es heißt, als Volk Gottes miteinander und in eigener Verantwortung auf dem Weg zu sein.

Ein solches Kirchenbild führt notwendigerweise zu einer Umgestaltung gemeindlicher Strukturen und gemeindlicher Dienste. In der Folge dieses Wandels entstanden neue Dienste wie Kommunionhelfer, Katechetinnen und Katecheten der Sakramentenkurse … Vor allem jedoch entstand der Pfarrgemeinderat – er ist »Kind des Zweiten Vatikanischen Konzils«. Er gewinnt nicht nur aufgrund des Priestermangels, sondern vor allem aufgrund der gewandelten Anforderungen an die Gemeinden eine immer größere Bedeutung. Zunehmend kann er zum Leitungsgremium werden, das zusammen mit Hauptamtlichen (Priestern wie Laien) das Schicksal der Gemeinde prägt. Eine solche Entwicklung ist in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen, wenn auch die rechtliche Situation des Pfarrgemeinderates (etwa in Fragen der Entscheidungsbefugnis) weit hinter den Notwendigkeiten zurückbleibt.

Die veränderte gesellschaftliche Situation führt notgedrungen dazu, dass sich auch der Glaube, seine Sprache und Ausdrucksformen, seine Riten und Bräuche verändern. Wenn christlicher Glaube das Leben in der Welt von heute auf ein letztes Ziel hin ausrichten und so gelingen lassen soll, dann geht das nur in einer Wechselwirkung (Korrelation) von Glauben und Leben, die beide Seiten verändert. Christlicher Glaube und damit das Leben der Gemeinden können nicht länger in einer sakralen Sonderwelt angesiedelt sein. Die Botschaft vom in Jesus menschgewordenen Gott muss in jede Zeit und Kultur hinein neu ausgesagt werden, also auch in unsere gesellschaftliche Situation mit ihren eigenen Bedingungen. Wenn Kirche und Gemeinde Verantwortung für heutige Menschen tragen wollen, dann müssen sie von deren jeweiligen Lebenssituationen ausgehen. Leben und Glauben müssen neu verbunden werden. Das jedoch ist eine entscheidende Chance für die Glaubwürdigkeit christlicher Botschaft und christlicher Gemeinden und damit ein Hoffnungszeichen.

Behinderungen heutigen Gemeindelebens stehen Hoffnungszeichen für heutige Gemeinden gegenüber. Die Zukunft bleibt deshalb offen – es wird an den Verantwortlichen, vor allem an den Laien in den Gemeinden, liegen, ob die Kirche in unserem Land Zukunft hat. Dies aber stellt uns die Frage nach der Kirche und ihrem Wesen.