Paul M. Zulehner
Eckehard Roßberg
Anna Hennersperger

Mit Freuden ernten

Biblisches Saatgut für Zeiten und Prozesse des Übergangs

Schwabenverlag

INHALT

Vorwort

Hinführung

Wie geht Veränderung?

Bibel und Organisationsentwicklung

Die Bibeltexte

Das Beste liegt noch vor uns

Und unsere Kirchen heute?

Wegführung

Heimweh nach dem Vergangenen

Die »hinweggeführte Kirche«

An der Schwelle zum neuen Land

Knapp vor der Erfüllung der Verheißung

Eine lehrreiche Erzählung

Die zweite Chance

Schritte in ein neues Land

Vor dem Übergang – Zum Ersten

Vor dem Übergang – Zum Zweiten

Aufbruch

Im neuen Land zwischen Lust und Gefahr

Übergang

Meilenstein auf dem Weg

Widerstand

Balancen

Alte Versprechen

Ressourcen

Die Teile und das Ganze

»Genug bekommen« – Fairness und Gerechtigkeit

Keine Konfliktlösung durch Vernichtung

Territorialkonflikte

Gerechtigkeit durch faire Beteiligung

Vom Segen der Umwege

Auf schnellstem Weg ans Ziel

Lernschleifen

Sukkot und Etam

Die Zukunft nicht in der Vergangenheit suchen

Wer (nur) zurückblickt, erstarrt

Das Land des Lebens liegt immer vor uns

Interventionen

Am dritten Brunnen

Die »alten« Brunnen

Der Brunnen »Zank«

Der Brunnen »Streit«

Der dritte Brunnen »Weiter Raum«

Konsolidierung und Stabilität

Die Ressource Gottvertrauen

Gottloses Zählen

Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?

Gott in den Strukturplänen?

Untergang verwalten oder Übergang gestalten

Wenn Strukturreformen anstehen

Mehrere Perspektivenwechsel

Vom Schicksal zur Wahl

Kirchenberufung

Verbuntung

Schritte auf dem Weg zu einer angemessenen Kirchengestalt

Die einzelnen Kapitel haben folgende Erstautorin, folgenden Erstautor – die Texte wurden gemeinsam endredigiert:

Vorwort

Den christlichen Kirchen in Europa und ihren engagierten Mitgliedern und Führungskräften ist in unseren Tagen viel zugemutet. Die Zeit des durchmissionierten Europas geht zu Ende. Die Kirche wird nicht vergehen, wohl aber die uns vertraute Gestalt. Die Zeichen stehen auf Veränderung und Übergang. In wenigen Jahrzehnten wird die Gestalt der christlichen Kirchen eine andere sein, als wir sie heute kennen.

Auf zugemuteten Übergang reagieren die meisten mit Abwehr. Euphorie ist selten. Viele jammern, was den Gemeinschaften, Gemeinden und Einrichtungen viel Kraft kostet. Das macht Ermutigung so wichtig. Diese soll nicht durch frommes Zureden erfolgen, obgleich Frömmigkeit eine der wertvollsten Ressourcen in Übergangszeiten ist und bleibt. Als überaus ermutigend haben sich biblische Texte zumal aus dem Ersten Testament erwiesen. Diese atmen einen ähnlich aufbauenden Geist wie das, was Organisationsentwicklung und Gemeindeberatung in den letzten Jahrzehnten in ihrer Praxis an Wissen um Veränderung gesammelt haben.

Drei haben sich zusammengetan, um ihre Erfahrungen in der Begleitung von Gemeinschaften, (Pfarr- und Kirchen-)Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen (Krankenhäusern, Schulen, Orden) in kurzen meditativen Reflexionen/reflektierenden Meditationen für jene zusammenzustellen, die an Veränderungsprozessen beteiligt sind oder für diese Verantwortung tragen. Es sind dies die Leiterin des Instituts für Theologische und Pastorale Fortbildung der Freisinger Bischofskonferenz, Anna Hennersperger, Eckehard Roßberg, Studienleiter an der Evangelischen Gemeindeakademie in Rummelsberg, sowie Paul M. Zulehner, emeritierter Pastoraltheologe in Wien. Wir drei haben in unterschiedlichen Konstellationen an verschiedenen einschlägigen Projekten zusammengearbeitet.

In Gedanken und seiner gedenkend ist auch Horst Bracks dabei. Er hat als Freund und Kollege in der Evangelischen Gemeindeakademie Beratungen im kirchlichen Kontext als spirituellen Weg verstanden und gestaltet. Seine schwere Krankheit machte es unmöglich, in diesem Buch zu Wort zu kommen. So geben wir manchen seiner Gedanken Sprache.

Die einzelnen Texte lassen sich unabhängig voneinander gut lesen. Sie verfolgen ein gemeinsames Grundanliegen. Sie sind bunte Mosaiksteine, die sich beim Lesen mit den Erfahrungen des Lesenden verbinden können und sich so zu einem Bild zusammenfügen.

In den vorgelegten Texten schreiben wir einerseits von unseren eigenen Erfahrungen mit der gegenwärtigen kirchlichen Entwicklung, mit den biblischen Traditionen, mit dem Fachwissen aus Organisationentwicklung und Gemeindeberatung und im Hintergrund mit Exegese und Pastoraltheologie/Praktischer Theologie. Wir haben dieses Wissen in die Beratung und Fortbildung vieler Engagierter in kirchlichen Gemeinschaften, Gemeinden und Einrichtungen investiert. Eben diese Engagierten waren aber nicht nur Lernende, sondern auch uns Lehrende. Sie haben uns an ihren eigenen Erfahrungen teilhaben lassen. Das hat uns, die Lehrenden, zu Lernenden gemacht. Es war ein wechselseitiges Geben und Nehmen. Auf gleicher Augenhöhe. Wo so kommuniziert und gelernt wird, wächst das Reich Gottes und mit ihm auch die Kirche. Ihnen gilt unser Dank.

Anna Hennersperger, Freising
Eckehard Roßberg, Rummelsberg
Paul M. Zulehner, Wien

Im Juli 2013

Hinführung

Man schreibt das Jahr 2013. In katholischen Pfarrgemeinderäten und evangelischen Kirchenvorständen wird überlegt und geplant, wie es mit den Kirchengemeinden weitergehen kann. Bei vielen dominiert das Gefühl: Wir Christen werden weniger, es fehlt an Geld, wir haben zu viele Immobilien und zu wenig Personal. Die Verbindung von Ort und Pfarrei wird loser. Verbünde entstehen und Kooperation wird gefordert, wo bisher Koexistenz mit den Nachbarn der Normalfall war.

Wie geht Veränderung?

Wenn rasante gesellschaftliche Umbrüche den Takt bestimmen, wird diese Frage zentral. Gewohnheitswissen und der Rückgriff auf bewährte Vorgehensweisen reichen nicht mehr aus.

Wie erzählen wir anderen von dem, was da passiert? Ist es eine Geschichte des Verlustes und Niedergangs? Oder bewegen uns Veränderung, Neubeginn und Aufbruch? Und wer spielt in dieser Geschichte eine Rolle? Sind es Schicksal, Mächte und Gewalten, denen wir ausgeliefert sind, also die Verhältnisse und gesellschaftlichen Bedingungen, auf die wir wenig Einfluss haben und von denen wir verändert werden?

Welche Aufgaben kommen uns Menschen zu? Gestalten kann, wer versteht, was um ihn passiert, eine Aufgabe für bewältigbar hält und Sinn in dem sieht, was zu tun ist. Wenn in Veränderungsprozessen solche Haltungen bedeutsam sind, dann geht es auch um die Frage, was hält, trägt und durchträgt.

Darum: Welche Rolle spielt Gott? Kann sich das aktuelle Geschehen in die großen Geschichten mit seinem Volk einzeichnen und wo ist ER am Werk? Was hat er uns vor die Füße gelegt, um es anzunehmen, zu gestalten, zu verändern?

Wer in solchen Geschichten der Veränderung steht, dem hilft es, sich Veränderungsgeschichten des Volkes Gottes erzählen zu lassen.

Veränderung ist die Grundmelodie biblischer Erzählungen. Gott führt Menschen auf vielfältigen Wegen. Das wandernde Gottesvolk ist ein zentrales Leitmotiv biblischer Erzählung - wohin Gott führt, die wichtigste Frage.

Bibel und Organisationsentwicklung

Fragen wie die bisher genannten werden in einem intensiven Gespräch zwischen den in der Bibel erzählten Erfahrungen des Volkes Gottes und moderner Organisationsentwicklung diskutiert. Dabei vertrauen wir darauf, dass beim Lesen der Heiligen Schrift Gott uns für unsere heutige Zeit anregt. Wir werden daher die Heilige Schrift geistlich lesen. Das schließt das Wissen um Befunde aus der historisch-kritischen Exegese nicht aus, sondern ein. Wir lesen in den folgenden Meditationen/Reflexionen die biblischen Texte vorzüglich allegorisch.

Zudem werden wir Texte herausgreifen, die sich in unserer Arbeit bei der Begleitung und Beratung von Gemeinschaften und Gemeinden bewährt haben. Es sind Texte, die von Erfahrungen erzählen, die auch unsere sein könnten – oder noch mehr: Sie regen uns an, in ähnlicher Weise heute zu deuten, zu fühlen und zu handeln.

Es ist eine Zeit des Umbauens

Die in diesem Buch vorgelegten Texte haben mit Veränderung zu tun. Genau das macht sie topaktuell. Denn das Volk Gottes erlebt heute in Europa eine tiefe Umbauzeit. Veränderung steht auf dem Programm. Morgen wird vieles nicht mehr sein wie heute. Aufbruch steht auf der Agenda der christlichen Kirchen. Die Gestalt, welche die Kirche in einem durchmissionierten Europa gewonnen und die sich nach der Reformation konfessionell eingefärbt hat, ist am Vergehen.

In einer solchen Zeit ist es zu wenig, lediglich die vergehende Gestalt den verknappten Finanzen und dem weniger werdenden Personal anzupassen. Downsizing allein, so rät die Organisationsentwicklung, reicht nicht zum Meistern der andrängenden Zeit. Es gilt, von einer bewährten und liebgewonnenen Zeit Abschied zu nehmen.

Abschied nehmen

Abschied nehmen heißt es schon länger von einer Zeit, in der Religion Schicksal war und in der die zum Glauben in einer der christlichen Konfessionen genötigten Menschen von einem lückenlosen (Pfarr-)Gemeindenetz erfasst worden sind. Heute sind die Menschen frei, zu wählen; sie bestimmen selbst Nähe und Distanz, die Form der Beteiligung, das Ausmaß ihres Commitments, ihres Engagements.

Daraus folgt nicht das Ende der Pfarrgemeinden. Aber auch sie erleben einen tiefgreifenden Umbau. Sie sind dabei, aus Institutionen, welche in einem Gebiet die Leute erfassen, zu ortsgebundenen Personalgemeinden zu werden, welche eine (diakonale) Verantwortung für einen rechtlich abgesteckten Raum übernehmen.

Das Ziel erahnen

Wer aufbricht, sollte wissen, wohin die Reise geht. Es braucht ein verlockendes Ziel. Dieses gibt verlässliche Orientierung. Mit seiner Hilfe kann erkannt werden, was zur »vergehenden Gestalt« gehört und was daher getrost zurückgelassen werden kann. Ein verlockendes Ziel setzt Motivation frei und damit Phantasie und Veränderungsenergie. Wollen nicht viele in ihrem persönlichen, aber auch im gemeindlichen Leben beides: festhalten und aufbrechen? Aber kann man, so fragte einmal Meister Eckhart, ein Glas, das mit Wasser voll ist, mit Wein füllen? Kann man ohne Verlassen Neuland gewinnen?

Solches ist leicht gesagt, aber schwer getan. Dafür gibt es auch gute Gründe. Denn die Weggemeinschaft einer Kirche, einer Gemeinde beherbergt im Normalfall mehrere Gruppen. Da ist die ungeduldige Vorhut. Es sind die Kundschafter der ankommenden Gestalt, die Visionäre, die Kritiker. Dann aber pilgert immer auch eine Nachhut mit. Oft suchen sie in der Kirche das, was sie als Kinder eingeübt und schätzen gelernt haben. Es sind die Nostalgiker, die »Retrochristen«. Und schließlich gibt es den Haupttross. Er sammelt die große offene Mitte der Kirchen. Wenn die, die ihr zuzuzählen sind, an der alten Gestalt hinreichend leiden; wenn ihnen die Kundschafter von einer guten Zukunft erzählen; wenn sie eine gute und ermutigende Führung haben, dann sind sie diejenigen, die den Aufbruch tragen. Sie sind auch zumeist stark genug, um die Ungeduld der Vorhut ebenso zu integrieren wie die Traurigkeit und Langsamkeit der Nachhut. Das gelingt, weil eine Hauptkunst der Führung »pontifikal« heißt: Sie können in dem einen Kirchentross die unterschiedlichen Positionen so überbrücken, dass letztlich alle mutig und tapfer den Weg in die Zukunft wagen.

Die Rolle Gottes

Dieses Wagnis lebt von einem tragfähigen Vertrauen in den »unbeirrbar treuen Gott« (Dtn 32,4). Die Rolle, die Gott spielt, kann nicht hoch genug bewertet werden. An mehreren Stellen dieses Buches wird mit Hilfe von biblischen Erfahrungen die Rolle Gottes in den zugemuteten Veränderungen meditiert werden. »Dass er etwas Neues macht – nur wir merken es nicht«, dass er sein Volk selbst in die Verbannung nach Babylon »hinweggeführt hat«, dass er es für überflüssig, ja für ein Zeichen des Misstrauens hält, wenn David seine Leute zählt, um zu wissen, was er ohne Gottes Hilfe aus eigener Kraft schafft.

Die Veränderungen betreffen beide großen Kirchen. Das vorliegende Buch ist deshalb ein »ökumenisches Projekt«. Es ist entstanden aus gegenseitiger Wertschätzung der Stärken der jeweiligen Konfession.

Die Bibeltexte

Aus dem reichen Schatz des Alten, Ersten Testaments wurde für die hier vorgelegten Meditationen/Reflexionen eine überschaubare Anzahl von für uns heute lehrreichen Begebenheiten ausgewählt. Es sind die Einigung Lots mit Abraham (1. Mose/Gen 13,1–2.5–12.14–18), Lots Flucht aus Sodom (1. Mose/Gen 19,15–17.23–26), der Brunnenstreit (1. Mose/Gen 26,12–21); der Auszug Israels aus Ägypten (2. Mose/Ex 3,7–10), der Umweg des Volkes durch die Wüste (2. Mose/Ex 13,17–18.20–22; 2. Mose/Ex 16,3; 2. Mose/Ex 17,1), die Volkszählung unter Mose (4. Mose/Num 3,1–43), Israel an der Grenze zu Kanaan, der gescheiterte Einzugsversuch unter Mose (4. Mose/Num 13,1–14.34), der gelungene Einzug in Kanaan unter Josua (Josua 1–22), weitere Volkszählungen (David, Salomo, Amazja) (1 Chr 21,2–4; 2 Chr 2,16; 2 Chr 25,5), die Wegführung und die Heimführung Israels (Jer 29,1–23), Heimweh, Trauer (Ps 137) und Jubel (Ps 126), Jeremias Ackerkauf in Anatot (Jer 32,1–15), das Lehrgedicht vom Ackermann (Jes 28,23–26), die Sensibilisierung für das Neue durch Deuterojesaja (Jes 43,18f.).

Der Überblick zeigt, dass als »Lehrtexte« für uns Heutigen die großen Erzählungen von tiefgreifenden Veränderungen in der Geschichte des Volkes Israel ausgewählt wurden. Zentral sind die beiden Berichte über die turbulente Meisterung des Einzugs Israels in das von Gott verheißene Land. Der erste Versuch unter Mose scheitert, der zweite unter Josua gelingt. Der Bericht über die drei Brunnen »Zank«, »Streit« und »Weiter Raum« sind lehrreich für die Bearbeitung von Konflikten, die in Zeiten der Veränderung erwartbar sind. Wichtig ist die vom Propheten Jeremia vorgenommene Deutung, dass die Deportation Israels von Jerusalem nach Babylon Gottes Handschrift trägt: Er selbst hat sie dorthin »hinweggeführt«. Aufschlussreich ist, wie derselbe Prophet in der Zeit des Exils des Volks, in Jerusalem verblieben, hoffnungsvoll einen Acker kauft. »Das Beste liegt vor uns«, so die Überschrift der ersten nun folgenden Meditation/Reflexion.

Das Beste liegt noch vor uns

Wenn Sie diese Überschrift lesen: glauben Sie das? Ist unsere Zeit des kirchlichen Übergangs von einer vertrauten Kirchengestalt, die über viele Jahrhunderte getragen hat, hin zu einer neuen Gestalt, die noch im Werden ist, getränkt mit Zuversicht und Zukunftshoffnung? Oder dominiert eher das Gefühl, dass die Aufbrüche der Vergangenheit angehören und es nie wieder (so bewegend und belebend) werden wird, wie es zum Beispiel in der katholischen Kirche im Umkreis der geschichtlichen Erfahrung des Zweiten Vatikanischen Konzils bis hinein in die frühen 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts war? Ist das Beste nicht längst verbraucht und alt geworden? Und wenn es irgendwo noch sein sollte: Wie wäre es aufzuspüren? Woher aus der Zukunft könnte es uns entgegenkommen?

Das Wort, das vom Herrn an Jeremia erging im zehnten Jahr Zidkijas, des Königs von Juda – das ist das achtzehnte Jahr Nebukadnezzars.

Damals belagerte das Heer des Königs von Babel Jerusalem. Der Prophet Jeremia befand sich im Wachhof am Palast des Königs von Juda in Haft.

Dort hatte ihn Zidkija, der König von Juda, gefangen gesetzt mit der Begründung: Warum hast du geweissagt: So spricht der Herr: Ich gebe diese Stadt in die Hand des Königs von Babel und er wird sie erobern.

Auch Zidkija, der König von Juda, wird der Hand der Chaldäer nicht entrinnen, sondern in die Hand des Königs von Babel gegeben werden, sodass er von Mund zu Mund mit ihm reden und ihn Auge in Auge sehen wird.

Er wird Zidkija nach Babel bringen; dort wird er bleiben, bis ich ihn zur Rechenschaft ziehe – Spruch des Herrn. Wenn ihr mit den Chaldäern Krieg führt, werdet ihr kein Glück haben.

Jeremia sagte: Das Wort des Herrn erging an mich:

Hanamel, der Sohn deines Onkels Schallum, wird zu dir kommen und sagen: Kauf dir meinen Acker in Anatot; denn dir steht es nach dem Einlösungsrecht zu, ihn zu kaufen.

Tatsächlich kam Hanamel, der Sohn meines Onkels, dem Wort des Herrn gemäß zu mir in den Wachhof und sagte zu mir: Kauf doch meinen Acker in Anatot [im Land Benjamin]; denn du hast das Erwerbs- und Einlösungsrecht. Kauf ihn dir! Da erkannte ich, dass es das Wort des Herrn war. So kaufte ich von Hanamel, dem Sohn meines Onkels, den Acker in Anatot und wog ihm das Geld ab; siebzehn Silberschekel betrug die Summe.

Ich schrieb die Kaufurkunde, versiegelte sie, nahm auch Zeugen hinzu und wog das Silber auf der Waage ab, alles nach Gesetz und Vorschrift.

Dann nahm ich die Kaufurkunde, die versiegelte und die offene.

Ich übergab die Urkunde Baruch, dem Sohn Nerijas, des Sohnes Machsejas, in Gegenwart Hanamels, des Sohnes meines Onkels, und vor den Zeugen, die die Kaufurkunde unterschrieben hatten, sowie in Gegenwart aller Judäer, die sich im Wachhof aufhielten.

In ihrer Gegenwart gab ich Baruch den Auftrag:

[So spricht der Herr der Heere, der Gott Israels:] Nimm diese Urkunden, die versiegelte Kaufurkunde und auch die offene, und leg sie in ein Tongefäß, damit sie lange Zeit erhalten bleiben.

Denn so spricht der Herr der Heere, der Gott Israels: Man wird wieder Häuser, Äcker und Weinberge kaufen in diesem Land.

(Jer 32,1–15)

Der Schrifttext führt geschichtlich weit zurück. Wie in den folgenden Texten dieses Buches wird das Jahr 597 vor Christus noch öfter genannt werden. Es ist eine Jahreszahl, die sich tief in das Gedächtnis des Volkes Israel eingeprägt hat. Mit ihr verbindet sich Ähnliches an Erfahrung wie für uns Europäer mit dem 28. Juli 1914, dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs oder – geschichtlich näher – dem 1. September 1939. Da begann mit dem Überfall der Deutschen auf Polen der verheerende Zweite Weltkrieg.

Hinsichtlich des Zeitpunkts des biblischen Textes meinen manche, es sei der 6. März 597 v. Chr. gewesen. Im beginnenden Frühling brach damals über die Stadt Jerusalem eine folgenschwere Katastrophe herein.

Der mächtige Nebukadnezzar war König von Babylon. Babylon galt auf der damaligen weltpolitischen Bühne als Großmacht. Vergleichbar heute mit den USA, dem wirtschaftlich aufstrebenden China oder der früheren UdSSR. Nebukadnezzar zog von Babylon aus mit seinem Heer gegen Jerusalem und belagerte die Stadt. Der König von Juda ergab sich nach einiger Zeit kampflos und übergab die Stadt den Babyloniern. Diese machten reiche Beute und zogen sich mit einer großen Anzahl von Gefangenen wieder zurück. Gefangen genommen wurde die Elite, diejenigen, die für Stadt und Land wirtschaftlich und kulturell Bedeutung hatten. Auch der König befand sich unter ihnen. Wenn in Kriegszeiten »Beute gemacht wurde«, heißt das, dass sich dahinter unvorstellbare Gräuel abgespielt haben: an Menschen und an dem, was sie sich geschaffen, erarbeitet und erbaut hatten. Die Infrastruktur von Wirtschaft und Verwaltung war zerstört. Die Stadt und die Menschen verkamen.

Zehn Jahre später kam dann das endgültige Aus. Der von Nebukadnezzar als Statthalter in Jerusalem eingesetzte König paktierte gegen ihn. Nun machte der König von Babylon kurzen Prozess. Jerusalem wurde neuerlich belagert. Man