Paulus

Lieber Bruder Benedikt

Patmos Verlag

INHALT

Heiliger Vater oder Bruder?

Lehrer oder Apostel?

Gesetz oder Freiheit?

Buchstabe oder Geist?

Sicherheit oder Wagnis?

Christus an sich oder für uns?

Religiöse Organisation oder Leib Christi?

Herren des Glaubens oder Diener der Freude?

Mann oder Frau?

Hierarchie oder Diakonie?

Opferritual oder Herrenmahl?

Einheit oder Einheitlichkeit?

Griechen oder Juden?

Rückschritt oder Aufbruch?

Heiliger Vater oder Bruder?

Paulus,

Knecht Christi Jesu,
berufen zum Apostel,
nicht von Menschen,
sondern durch Jesus Christus und durch Gott, den Vater,
auserwählt, das Evangelium Gottes zu verkündigen,
das Evangelium von Jesus Christus, unserem Herrn.
Durch ihn habe ich Gnade und Apostelamt empfangen,
um in seinem Namen alle zum Glauben zu führen.

an Benedikt,

meinen Bruder in Christus,
von Gott geliebten und berufenen Heiligen,
berufen mit allen, die den Namen Jesu Christi anrufen,
und an die Gemeinde in Deinem Haus:

Gnade sei mit dir und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem Herrn Jesus Christus,
ihm sei Ehre in alle Ewigkeit.

Schon oft habe ich mir vorgenommen, Dir zu schreiben, aber bis heute hat mich meine Arbeit daran gehindert. Doch nun ist es an der Zeit.

Dabei habe ich bereits am Anfang eine Schwierigkeit. Ich nenne Dich »meinen Bruder in Christus«, aber ich weiß nicht, ob diese Anrede deinen Wünschen entspricht. Denn wie ich höre, musst Du laut vatikanischem Protokoll mit »Heiliger Vater« angeredet werden. Zudem wirst Du betitelt mit »Papst«, was ja auch von nichts Anderem als dem Wort »Vater, Papa« hergeleitet wird. Das alleine verwundert mich bereits, wie ich Dir gleich erklären werde. Umso mehr erstaunt mich aber, was Du alles an Titeln mit Dir herumträgst, wenn man auf eine Liste schaut, die im Jahrbuch Deines Vatikanstaates steht. Demnach bist Du

Bischof von Rom,

Stellvertreter Jesu Christi,

Nachfolger des Apostelfürsten Petrus,

Oberster Priester (Papst) der Weltkirche,

Primas von Italien,

Erzbischof und Metropolit der Kirchenprovinz Rom,

Souverän des Staates der Vatikanstadt.

Hinzu kommen Titel wie »Pontifex Maximus«, »Oberster Brückenbauer«; »Episcopus Ecclesiae Catholicae«, »Bischof der katholischen Kirche«; »Pastor Pastorum«, »Hirt der Hirten« – mit der Abkürzung dieses letzten Titel unterzeichnest Du Deine Briefe und Dokumente: »P.P.«. Schließlich, nach all dem, nennst Du Dich auch noch:

Diener der Diener Gottes.

Mal ehrlich, verehrter Bruder Benedikt, so viel auf einmal? Geht es nicht eine Nummer kleiner? Wie soll das alles in einem Menschen zusammenkommen? Wie soll einer alleine solche Titellast tragen – von den damit verbundenen Aufgaben ganz abgesehen? Hat das alles noch einen menschlichen Rahmen? Bei so viel »Vater« und »Primas, Erster« sträuben sich mir die Nackenhaare.

Sehen wir vom letzten Titel ab, klingen alle anderen für mich in hohem Maße nach Macht und Herrschaft, nach »Heiliger Herrschaft, Hierarchie« im Namen Gottes; Machthaber über einen, wenn auch inzwischen winzigen Staat; Episkopos, Aufseher über ein die ganze Stadt Rom umfassendes Bistum; Erster aller kirchlichen Würdenträger, aller Bischöfe in Italien und darüber hinaus auch noch der ganzen Weltkirche, die sich heute anders als zu meiner Zeit über alle Kontinente erstreckt – mir ist dies nicht fassbar, es übersteigt jedes Vorstellungsvermögen.

Und dann: »Nachfolger des Apostelfürsten Petrus«! Das amüsiert mich doch ein wenig. Ausgerechnet der soll Apostelfürst sein, dieser ungebildete und ängstliche Fischer vom See Gennesaret, der schwankend wie ein Schilfrohr war und mit dem ich so manchen Strauß zu fechten hatte – der soll »Apostelfürst« sein und Du sein Nachfolger! Doch auf Petrus komme ich ein anderes Mal zu sprechen.

Und dann: »Stellvertreter Jesu Christi«. Mir schwindelt bei diesem Anspruch. Muss ich das so verstehen, dass Du Dich als »Stellvertreter« an die »Stelle« Jesu Christi setzt? Sollst Du von den Christen in allen Völkern verkündet werden oder Jesus, der Auferweckte, dem ich vor Damaskus begegnet bin? Was würde wohl der Christus Jesus selbst dazu sagen, hörte er von diesem Titel und einem solchen Anspruch?

Was mir jedenfalls von diesem Jesus überliefert wurde, was somit auch zu meiner Botschaft geworden ist, zu der ich als sein, nicht Dein Apostel in die Welt gesandt wurde, weist in eine völlig andere Richtung. Nach Matthäus – sein Evangelium entstand einige Jahre nach meiner Zeit – hat Jesus folgende Auffassung:

Ihr aber sollt euch nicht Rabbi (Meister) nennen lassen;

denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder.

Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen;

denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel.

Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen,

denn nur einer ist euer Lehrer, Christus.

Diese Worte sind völlig eindeutig. Unter den Schwestern und Brüdern in unseren Gemeinden, lieber Bruder Benedikt, darf es keine abgehobenen Meister geben, denn wir alle unterstellen uns dem Wort Jesu – der der Gesalbte, der Messias, der Christus ist. Unter den Schwestern und Brüdern in unseren Gemeinden, darf es keinen allen übergeordneten Vater geben.

So habe ich schon an meine Gemeinde in Korinth geschrieben: Was uns zusammenhält ist der eine Glaube an den einen Gott, den wir von Jesus her den »Vater aller« nennen, ist der eine Geist, der uns mit seinen Gaben beschenkt, ist der eine Herr Jesus, dem wir zugeordnet sind. So viele verschiedene Menschen in der Kirche, aber alle unter dem einen Herrn Jesus Christus, im Bekenntnis zu dem einen Gott und Vater aller, eine Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern in einem Geist.

Wenn man das ernst nimmt – und ich tue es –, dann hat das Konsequenzen. Dann darf es in der Kirche keine Macht ausübenden »Väter« geben und auch keinen »Heiligen Vater«, sondern nur Schwestern und Brüder in einem Geist, der die Familie Gottes zusammenführt und zusammenhält.

Matthäus schreibt dann weiter in seinem Evangelium über Jesus, den Christus Gottes:

Der Größte von euch soll euer Diener sein.

Das hat Matthäus in vielen Texten über Jesus dargelegt: Jesus ist der von Gott gesandte Diener, der den Menschen in Wort und helfender Tat zur Seite steht und ihre Herzen weit macht für das Kommen des Reiches Gottes. Dann hat die Not ein Ende, weil eine neue Gemeinschaft von Menschen da ist, die ohne Rangstreit, ohne Machtanspruch, ohne den Ehrgeiz, der Größte, Erste, Beste zu sein, auskommen wollen. Nicht um »Heilige Herrschaft«, um Hierarchie, ging es Jesus – er war ein heftiger Kritiker der Mächte seiner Zeit –, sondern um Dienst aneinander, so wie ein Diener den Gästen seines Herrn die Füße wäscht. Diakonie, Dienst statt Macht und Herrschaft – das ist der Geist Jesu. Und aus diesem Geist sollen wir, lieber Bruder Benedikt, unser Leben und Glauben gestalten.

Ich will mich nicht rühmen, denn der Ruhm gebührt allein dem Herrn Jesus. Doch ich habe nicht nach dem Vorsitz in meinen Gemeinden gestrebt, nicht den Leitungsdienst übernommen, gehörte nie zu den Ältesten in meinen Gemeinden. Vielmehr habe ich mich abgemüht ohne Begrenzung, habe meine eigene Ohnmacht und Schwachheit, aber auch die Verfolgungen und Misshandlungen der Mächtigen ertragen für Christus und sein Evangelium von der Auferweckung. Ich bin zum »Diener der Diener« geworden, zum niedrigsten Knecht, der jede schwere Last auf sich genommen hat. Aber Christus hat meine Schwachheit zur Stärke gewandelt.

So freue ich mich, lieber Bruder Benedikt, dass zumindest der letzte Deiner vielen Titel und würdevollen Ehrennamen etwas von dem Geist Jesu Christus ausstrahlt, dass auch Du Dich als »Diener der Diener Gottes« verstehst. In diesem Dienst sind wir verbunden, ich, der Jude aus Tarsus, dem der Herr vor Damaskus erschien, ich, der Geringste aller, die Missgeburt, die gewürdigt wurde, dass Gott mir in seiner Güte seinen Sohn offenbarte, damit ich ihn unter den Völkern verkündige. Und Du, der Mann aus Marktl am Inn, der Gelehrte, der Du in Deutschland und Italien gewirkt hast und nun ebenfalls zum Apostel aller Völker bestimmt bist.

Lasse Dich in allem vom Geist des Dienstes leiten. Erliege nicht den Verführungen der Macht, die nur zu Unterdrückung, Angst und Zorn, zu Streit und Uneinigkeit, zu Feindschaft und Spaltungen führen. Sei Diener der Diener Gottes, damit so Christus verkündet wird als der Herr aller.

Aus dem Geist des Herrn, der zum Diener aller wurde, solltest Du handeln: Lege deshalb alle anderen Titel ab, so alt und ehrwürdig sie auch erscheinen mögen – sie entsprechen nicht dem Willen des Herrn, der sich erniedrigte bis zum Tod am Kreuz. Und lass Dich nicht Vater nennen, sondern verweise auf den, der unser aller Vater ist, barmherzig und gütig, voll Treue und Fürsorge für sein Volk.

Verzeih, dass ich Dir dies so unverblümt sage, aber so bin ich nun einmal, ich, Paulus, wie Du Diener der Diener Gottes. Ich habe dazu eine Vision. Ich erinnere daran, dass einer Deiner Vorgänger, Paul VI., im Jahr 1964 die Tiara abgelegt hat, die Papstkrone mit dem doppelten Anspruch geistlicher und weltlicher Macht: die Krone versehen mit dem Symbol der drei Ringe als Zeichen für die Priester-, Hirtenund Lehrgewalt (welch unpassendes Wort im Zusammenhang mit Deinem Dienst – Gewalt und Machtausübung passen nicht zum Willen Jesu und zum Leben und Dienen seiner Jüngerinnen und Jünger!) und dem Reichsapfel als Symbol für weltliche Macht (wieso braucht ein Papst das?). Du, lieber Benedikt, hast diesen Schritt Deines Vorgängers dadurch fortgeführt, dass Du die Tiara, die dreifache Papstkrone, auch aus Deinem Papstwappen entfernt hast und dort »nur« eine Bischofsmitra mit drei Ringen zeigst.

Könntest Du nicht mutig und entschlossen auch in anderer Weise ein Zeichen setzen? Wie wäre es, wenn Du in einer großen Feier auf dem gewaltigen Platz vor dem Petersdom in Rom auch alle Ehrentitel, die Deinem Dienst im Laufe der Jahrhunderte zugewachsen sind, ablegst? Wie wäre es, wenn Du Dich allein als »Bruder Benedikt« benennst, als Bruder all der Schwestern und Brüder, die wie Du auf dem Weg des Glaubens sind? Wie wäre es, wenn Du mit allen die eine Familie bildest, die allein von Gott als gutem Vater spricht und so ein Geist ist in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn?

Ich weiß, dass ein solcher Entschluss viel von Dir verlangt. Aber er würde in der Welt eine Welle der Zustimmung hervorrufen und unser gemeinsames Bemühen verstärken, den Glauben an den einen Gott, das Bekenntnis zu dem einen Herrn Jesus Christus und das Leben in dem einen Geist weiterzutragen bis an die Grenzen der Erde. Es wäre ein überzeugendes Zeichen, wie Christen sich in dieser Welt verstehen – als Diener zum Wohl aller, als »Licht für die Welt«, als »Salz der Erde«, wie es unser Mitbruder, der Evangelist Matthäus, ausgedrückt hat. Es wäre auch eine Brücke zu den evangelischen und orthodoxen Christen, eine ausgestreckte Hand für die Kirchen, die ja gerade mit Deinem Amt und den damit verbundenen Ansprüchen samt Gepränge und Hofstaat ihre Schwierigkeiten haben – wie ich auch.

Ich habe mir vorgenommen, in weiteren Briefen einiges genauer auszuführen. Doch für den Augenblick gilt: Gleich, wie Du Dich meinem Vorschlag gegenüber stellt, ich weiß nun bei meinen weiteren Briefen, wie ich Dich anreden werde: allein mit »Bruder in Christus«. Das ist entscheidend für unser Verhältnis, nichts sonst.

Die Gnade Jesu Christi, unseres Herrn, sei mit Dir, lieber Bruder Benedikt.

Lehrer oder Apostel?

Paulus,

Diener und Apostel Christi Jesu,
gesandt zu den Völkern der Heiden,

an seinen lieben Bruder Benedikt,

Diener der Diener Gottes,
gesandt zu den Menschen aller Völker:

Gnade und Friede sei mit dir
von Gott, unserem Vater,
der das Heil aller Menschen will,
und dem Herrn Jesus Christus,
von Gott in Macht eingesetzt
als der Auferweckte von den Toten.

Lieber Bruder Benedikt, nachdem ich nun weiß, wie ich Dich anrede, möchte ich in einem zweiten Brief meiner inneren Verbindung mit Dir Ausdruck geben, aber auch auf gewisse Unterschiede zwischen uns hinweisen. Denn wir beide sind Apostel, aber ich bin der ältere und habe deshalb das Recht, Stellung zu nehmen. Was uns verbindet, lässt sich mit dem benennen, was uns als Christen Orientierung ist:

Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe.

– Uns verbindet das gemeinsame Bekenntnis zu Gott, der ein Gott der Liebe und des Erbarmens ist, der sich den Menschen in Jesus, seinem Christus, liebevoll zugewandt hat. Auf diese Liebe habe ich in meinen Briefen wiederholt hingewiesen. Und auch Du hast Deine erste päpstliche Enzyklika »Deus caritas« genannt, »Gott ist Liebe«. Dies stellte sich Dir wohl gleichsam als Programm Deiner Aufgabe als Papst dar: den liebenden Gott zu verkünden. – Uns verbindet die gemeinsame Hoffnung, dass der Auferweckte, der Christus Gottes, uns vorangegangen ist und uns durch das Erbarmen Gottes zu unserer eigenen Auferweckung führen wird. Das ist die Hoffnung der Christen, über die ich an Korinther und Thessalonicher, an Römer und Philipper geschrieben habe. Und Du hast Deine zweite Enzyklika »Spe salvi« genannt, »In der Hoffnung gerettet«. – Liebe und Hoffnung, das Dritte ist der Glaube, der uns gemeinsam ist und den wir beide in Wort und Schrift oft bekannt haben. Gemeinsam setzen wir uns für das Evangelium ein – doch, um ehrlich zu sein, wir tun es auf unterschiedliche Weise.

So sehr wir in Glaube, Hoffnung und Liebe geeint sind, so sehr unterscheiden wir uns doch in vielem. Es ist gut, wenn uns das bewusst wird; auf diese Weise können wir uns mit den je eigenen Lebenswegen gegenseitig bereichern.

Was uns unterscheidet, ist zuerst einmal die Wurzel, aus der unser Leben erwachsen ist. Ich habe meine Wurzeln ganz und gar im jüdischen Volk. An die Gemeinde in Philippi habe ich dies in meinem Brief deutlich gemacht:

Ich wurde am achten Tag beschnitten,

bin aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin,

ein Hebräer von Hebräern,

lebte als Pharisäer nach dem Gesetz

und war untadelig in der Gerechtigkeit,

wie sie das Gesetz vorschreibt.

Ich wurde bereits als Kind in meinen jüdischen Glauben eingeführt, erhielt eine Ausbildung als Lehrer der Tora – Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, erwähnt mich sogar in Verbindung mit dem großen rabbinischen Lehrer Gamaliel in Jerusalem. Ich wuchs auf in der tiefen Kenntnis der Heiligen Schriften unseres Volkes, in jüdischen Traditionen und Bräuchen, lernte die Auslegung des jüdischen Gesetzes bis in alle Einzelheiten. Das ist und bleibt meine Wurzel.

Du, lieber Benedikt, hast Deine Wurzeln an ganz anderer Stelle: in Marktl, Aschau und Hufschlag bei Traunstein, kleinen bayerischen Orten mit über tausendjähriger und dadurch selbstverständlicher christlicher Tradition. Trotz der schwierigen politischen Verhältnisse Deiner Kindheit und einer damals in Deutschland herrschenden Diktatur, trotz Krieg und dadurch bedingtem Schulwechsel – Deine Einbindung in christlichen Glauben und christliche Tradition war nie in Frage gestellt. Hier fandest du eine für Dich absolut sichere Wurzel, die Dich getragen hat bis auf den heutigen Tag.

Genau das aber macht einen ersten großen Unterschied zwischen uns beiden aus: Du bist aus Deiner Wurzel ein Leben lang herausgewachsen, wie selbstverständlich mit ihr verbunden, in Deiner Kindheitstradition und Kindheitsreligion geborgen. Du hast Deine Wurzel ein Leben lang stärken und vertiefen können. So ergibt sich – trotz mancher Veränderungen im Laufe der Jahre – eine kontinuierliche Linie Deines Lebens und Glaubens: vom Kind, das Messdiener in Aschau und Traunstein war, und der Zeit in der erzbischöflichen Schule St. Michael in Traunstein über die kirchlichen Seminare und die Studienzeit an der Theologischen Hochschule in Freising hin zur Priesterweihe im Jahr 1951 – ein zumindest nach außen hin glatter und ungebrochener Weg.

Und so ging es dann auch weiter: die kurzen Kaplanszeiten in München, die Promotion über den Kirchenvater Aurelius Augustinus, die Habilitation über den Kirchenvater Bonaventura. Zielstrebig wurdest Du zum theologischen Lehrer – und zu einem so ausgezeichneten Lehrer, dass Du schon bald an den Hochschulen Freising, Bonn und Münster wirken durftest. Mehr noch, wegen Deiner Theologie und Deiner Aufgeschlossenheit für kirchliche Reformen wurdest Du in der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Berater des Kölner Erzbischofs Josef Frings. Unvergessen dessen weithin von Dir verfasste Rede gegen die Missstände in der Römischen Kurie und gegen die Erstarrung römischen Denkens. Zusammen mit anderen jungen Theologen wie etwa Hans Küng standest Du damals für Aufbruch und Neubeginn in der Kirche – für viele war dies Grund zur Hoffnung. Ein gerader Weg zum Lehrer in der Kirche – so bist Du aus der Wurzel Deiner bayerischen Heimat und Deines katholischen Glaubens herausgewachsen.

Bei mir war alles anders. Zuerst sah es ähnlich aus. Auch ich war geborgen in meinem Glauben, auch ich fand meine Heimat in meinem Volk und meiner Religion. Ja, ich wollte es besonders gut machen und dem jüdischen Gesetz in meiner Heimat zum Sieg verhelfen. In der Treue zum jüdischen Gesetz übertraf ich die meisten Altersgenossen in meinem Volk und mit dem größten Eifer setzte ich mich für die Überlieferungen meiner Väter ein. So verfolgte ich voll Eifer für das Gesetz meines jüdischen Glaubens die Kirche. Ich wollte die Abtrünnigen, die vom wahren Glauben an den einen Gott Abgefallenen, die Abweichler und Ketzer verfolgen und vernichten. Denn schließlich, so dachte ich damals, muss der Wahrheit zum Sieg verholfen werden – notfalls auch mit Steinigung und Schwert. So wie ich haben in der Geschichte der Menschheit immer wieder fanatische Menschen gedacht und tun dies auch heute noch – nichts als Blut und Verderben erwächst daraus.

Doch mich hat der Gott des Erbarmens ausgewählt und mir in seiner Güte seinen Sohn geoffenbart. Vor den Toren von Damaskus fand ich zu meiner Lebenswende, die alles Bisherige umstürzte, mir jede Sicherheit nahm, alles bisher als selbstverständlich Verstandene über den Haufen warf, mir aber einen neuen Horizont eröffnete, einen, der alles Ermessen übersteigt: Christus, der Auferweckte, der Herr, der gekreuzigt wurde und begraben wurde, erschien auch mir. Ausgerechnet mir, der ich seine Anhänger blutig verfolgt hatte, wurde die Gnade der Begegnung mit ihm zuteil. Diese radikale Lebenswende hat mein Leben völlig verändert.

Ich habe – eher stammelnd als sprechend – das später in meinem Brief an die Galater so auszudrücken versucht: Alles Bisherige ist für mich gestorben, mit Christus gekreuzigt worden, das jüdische Gesetz, die jüdischen Bräuche, die Einbindung in jüdische Traditionen. Dafür ist etwas Neues in mir geboren worden, der Glaube an Christus Jesus.

Nicht mehr ich lebe,

sondern Christus lebt in mir.

An dieser Stelle unterscheiden wir uns: Dein Werdegang verlief in der ersten Hälfte Deines Lebens geradlinig und wie selbstverständlich (natürlich hattest Du sicher auch manche Schwierigkeiten zu überwinden). Mein Lebensweg dagegen kam schon als junger Mann, ich war damals Mitte zwanzig, an eine entscheidende Lebenswende, die alles umformte, Altes zurücktreten und mich Neues gewinnen ließ. Ich vermute, dass ich durch dieses so einschneidende Erlebnis eine viel größere Beweglichkeit gewonnen habe, eine viel größere Offenheit für Neues, eine Nähe zu Aufbruch und Neubeginn, als es Dir bei Deinem Lebenslauf möglich war. Das gilt, obwohl Du während des Konzils der reformorientierten Richtung zuzuordnen warst. Aber warst Du wirklich so offen, so aufbruchbereit, so voller Vertrauen in das Wirken des Geistes Gottes? Hat Dir Dein Lebenslauf, haben Dir Deine Studien der alten Kirchenväter wirklich die Augen geöffnet für den Auftrag der Kirche in Deiner Zeit, in der Zeit des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts?

Ich habe da meine Zweifel. Denn auch Du hast eine gewissen Lebenswende gehabt, obwohl sie nur äußerlich als Wende sichtbar geworden ist. Die alten Prägungen Deines Denkens und Lehrens blieben jedenfalls unverändert. Als 41-jähriger Professor, nunmehr an der Universität Tübingen mit ihren kritischen und experimentierfreudigen Studenten, wurdest Du in die Unruhen der 68er Jahre hineingezogen. Da gab es keine ruhige, beschauliche Vorlesung über die lateinischen Kirchenväter mehr, sondern Studenden zogen mit Protestgeschrei durch die Hörsäle und forderten vehement eine Veränderung der universitären Lehre und auch der gesamten Gesellschaft. (Dem Vernehmen nach sollen dabei sogar Tomaten geflogen sein.) Einer ihrer Rufe lautete: »Unter den Talaren Muff von tausend Jahren!« Und Theologiestudenten sollen dies im Blick auf die Kirche umgeformt haben: »Unter den Talaren Muff von zweitausend Jahren!« Ein wenig muss ich schmunzeln, denn da ist etwas dran.

Doch Du warst solchen Protest nicht gewohnt. Dies warf Deine Vorstellungen vom Verhältnis von Lehrer und Schülern durcheinander, verursachte Unsicherheit und, Du kannst es ruhig zugeben, auch Angst. Wo konnte es denn noch Sicherheit geben, wenn selbst an einer Universität, und dazu noch in einer katholisch-theologischen Fakultät, alles in Frage gestellt wurde? Ist denn die Wahrheit nicht unveränderlich? Stimmte denn der Glaube nicht mehr? Waren die alten Traditionen und Bräuche christlichen Glaubens in seiner katholischbayerischen Ausprägung nichts mehr wert? Was galt dann eigentlich noch?

Hier, in diesen unruhigen Tagen in Tübingen, begann Deine Lebens»wende«. Schon im Folgejahr zogst Du Dich von Tübingen an die neu gegründete Regensburger Universität zurück – dort gab es keine protestierenden Studenten. Dort konntest Du Dich in der Ruhe Deines Schreib- und Studierzimmers und auch im Vortrag Deiner Vorlesungen zurückbegeben in die Sicherheit des Gewohnten. Nicht um Aufbruch, um Neubeginn, um ein neues Denken und Handeln in der Kirche, um das Abwerfen des Ballasts vieler Jahrhunderte ging es Dir, sondern um das Bewahren und Sichern dessen, was durch die Jahrhunderte in der Kirche gewachsen war und was Dir selber auch Sicherheit gegeben hat.

Du wurdest vom zaghaften Reformer in den Tagen des Konzils zum Bewahrer des Glaubens, der die christliche Botschaft in all ihren Ausprägungen und Festlegungen vor jeder Beliebigkeit bewahren wollte. Das wurde nunmehr die Linie Deines Lebens. Deine Charismen, theologisches Denken, klare Ausdrucksweise, hohe Kenntnis der Theologiegeschichte (Du warst bereits auf dem Gymnasium ein Einser-Schüler), setztest Du nunmehr für die Bewahrung des aus Deiner Sicht rechten Glaubens ein.

So ging nach einigen Jahren auch Deine Zeit als theologischer Lehrer zu Ende, Du wurdest 1977 Erzbischof von München und Freising und nur einen Monat nach Deiner Bischofsweihe in das Kardinalskollegium aufgenommen, in das Gremium, das nach dem Papst am meisten Einfluss in der Kirche hat. Und nur weitere vier Jahre später wurdest Du endgültig nach Rom gerufen, nunmehr als Präfekt, als Leiter der Kongregation für die Glaubenslehre.

Mir fehlen für solch eine Karriere ein wenig die Worte, lieber Bruder Benedikt. Ich habe, das weißt Du bereits, meine Probleme mit einer kirchlichen Hierarchie. Noch unverständlicher ist mir allerdings eine Kongregation für die Glaubenslehre. Wie kann man dort über den Glauben anderer Menschen entscheiden? Wie kann man dort mit Druck- und Zwangsmitteln versuchen, den Glauben unterschiedlicher Menschen in unterschiedlichen Ländern auf eine Linie zu zwingen? Den Korinthern habe ich geschrieben:

Warum soll meine Freiheit

vom Gewissensurteil eines anderen abhängig sein?

Von der unheilvollen Geschichte dieser Kongregation, die früher »Heilige Inquisition« hieß (die Verbindung der Worte »Inquisition« und »heilig« empört mich zutiefst), von all dem Blutvergießen und den Scheiterhaufen für Ketzer will ich hier schweigen.