Klaus Nagorni

Geborgen
wunderbar

Geschichten, die trösten

Matthias Grünewald Verlag

INHALT

Einleitung 

UNVERLIERBAR GEBORGEN

Unter deinen Schirmen

Trostpflaster

Mit offenen Armen

Mensch unter Menschen

Zufall oder Fügung?

Anlass zum Staunen

Ein Apfelbäumchen

Umgang mit Verlusten

Jeder Tag eine Wunde

Unter dem Schatten deiner Flügel

Ressource Wertschätzung

Verwandlungen

FARBEN DES TROSTES

Alles neu

Schlusschoral

Rückzugsorte

Miteinander verbunden

Für andere eintreten  

Auf der Schwelle  

Geben und Nehmen  

Auf der Lebensschaukel

Hälfte des Lebens

Nicht ganz bei Trost

Vom Recht auf Untröstlichkeit

TRÖSTLICHE AUSSICHTEN

Gezeiten des Lebens 

Heilende Kräfte  

Drei Fragen  

Wieder zu Atem kommen 

Vom Maß und von Maßstäben 

Krokodile unterm Bett 

Lob des Schlafes  

Leben mit dem Knacks 

Wüstenerfahrung 

DEN HIMMEL SCHAUEN

Ein tröstlicher Gedanke  

Es gibt was Bess’res  

Freundschaftlich zugetan 

Licht im Finstern  

Sorge um die Seele  

Gehen lernen  

Heimat  

Was bleibt? 

Tröstliches Ende  

Nachweise

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.

Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke

Einleitung

Jeder Mensch braucht Trost. Kinder weinen, wenn sie sich wehgetan haben oder wenn sie traurig sind. Als Erwachsene ist unsere Verletzbarkeit nicht mehr so offensichtlich, unser Trostbedürfnis dennoch nicht weniger stark. Immer wieder reiben wir uns an den Klippen und Widrigkeiten unseres Lebens. Ziehen uns Verwundungen zu und müssen mit Krankheiten und Kränkungen leben lernen.

Wer in einem Lexikon oder im Internet unter dem Stichwort Trost nachschaut, stößt auf Begriffe wie Trauer, Tränen, Weinen. Trost hat es demnach mit Situationen zu tun, in denen Menschen einen bitteren Schmerz oder herben Verlust erleiden. Das ist sicher nicht unzutreffend. Aber das ursprüngliche Bedeutungsfeld von Trost ist weiter und geht tiefer: Trost ist der Wortbedeutung nach verwandt mit Treue und Vertrauen. Trost spendet demnach, was in allen Lebenssituationen, in guten wie in schlechten Zeiten, wahrhaft und vertrauenswürdig ist.

Wenn ich mich mit dem beschäftige, was tröstet, geht es mir um die Frage: Worauf kann ich mich letzten Endes verlassen? In einer Gesellschaft wie der unseren, die Menschen ein hohes Maß an Veränderungsbereitschaft und Beweglichkeit zumutet, ist das eine zentrale Frage.

Sie ist aber auch für den Einzelnen von Gewicht, der nicht mehr ohne Weiteres in Traditionen eingebettet ist und sich in einer Gesellschaft, die vieles bietet, aber auch vieles verlangt, ständig neu erfinden muss.

Auf was kann ich mich verlassen? Wem kann ich trauen? Was bleibt? Solche Fragen brechen angesichts von Tod und Verlust unmittelbar auf. Aber sie gehen weit über solche Extremsituationen hinaus. Sie reichen hinein in den konkreten Lebensalltag.

So vielgestaltig unser Leben geworden ist, so vielgestaltig sieht auch aus, was Menschen tröstet. Es beginnt mit den kleinen Tröstungen des Alltags, die einen Menschen in herausfordernden Lebenslagen stabilisieren und ihm seine Balance erhalten. Das mag die Lektüre eines Buches sein, zu der man sich zurückzieht. Die gesellige Atmosphäre im Kreis von Freunden. Die spirituellen Wege des Gebets und des inneren Rückzugs. Die kleinen Fluchten zu alltäglichen Freuden. Aber auch die vielen Dinge, die einem im Laufe der Jahre lieb geworden sind und die man in bestimmten Situationen gerne wieder in die Hand nimmt.

Eine bedeutende Rolle in Fragen des Trostes haben von jeher Religion und Philosophie gespielt. Sie verfügen über einen – heute nicht mehr unbestrittenen – Schatz an Antworten bei der Suche nach dem, worin man gründen und worauf man bauen kann.

Wenn ich ein Bild finden müsste, für das, was Trost heißt, dann wäre das für mich der Schirm. »Du bist mein Schirm, du wirst mich vor Angst behüten«, so wird Gott in einem Psalm angesprochen. Und in einem bekannten Kirchenlied heißt es: »Unter deinen Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei.«

Trost ist, was einen Menschen in Angst machenden und Enge erzeugenden Lebenssituationen beschirmt. Was ihm Geborgenheit schenkt und ein geistiges Dach, unter das er schlüpfen kann. Was das im Einzelnen ist, kann allerdings nicht im Voraus gesagt und schon gar nicht allgemeingültig festgelegt werden.

Es muss für jeden Menschen und für jede Situation neu gesucht und gefunden werden. Darin besteht die Kunst des Tröstens, die nie allgemein, sondern immer konkret ist. Dass dabei die kleinen Tröstungen des Alltags mit dem großen Trost christlichen Glaubens gut zusammengehen, das zeigt sich, wie ich meine, auf den folgenden Seiten immer wieder.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie beim Lesen und Blättern den Trost finden, den Sie gerade brauchen – für sich selbst oder für jemand anderen.

Klaus Nagorni

Unverlierbar geborgen

Unter deinen Schirmen

Sie kennen das. Man ist irgendwo unterwegs und hat den Schirm zu Hause vergessen. Der zunächst noch heitere Himmel hat sich mehr und mehr verdunkelt. Wenig später regnet es so richtig. Gottlob gibt es da jemanden, der denselben Weg hat. Und im Besitz eines Schirmes ist. Man wird eingeladen, sich unter den weiten Schirm zu begeben und genießt jetzt beides: die sympathische Nähe eines freundlichen Menschen wie auch die schützende Wirkung des Schirmes.

Wenn ich beschreiben sollte, was Trost ist, dann fiele mir dieses Bild ein. Drohendes Unwetter. Das Gefühl der Schutzlosigkeit. Dann die freundliche Einladung an die Seite eines aufmerksamen Menschen. Und schließlich der geteilte Schirm, der beiden Schutz bietet.

»Unter deinen Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei«, heißt es in der Motette von Johann Sebastian Bach »Jesu, meine Freude«. Sie stammt aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Darin ist die Erfahrung der Schutzlosigkeit ausgedrückt. Aber auch eine andere Erfahrung: dass es jemanden gibt, der einem Schutz und Schirm vor den Unwettern des Lebens anbietet.

Trösten heißt, einen Menschen nicht im Regen stehen zu lassen. Wie das geschehen kann, dafür gibt es kein Rezept. Schon gar keine Standardantworten, kämen sie auch noch so fromm daher. Als es Hiob im Alten Testament so richtig schlecht geht, versuchen seine Freunde, ihn wieder aufzurichten. Mit guten Ratschlägen und Kopf-hoch-Parolen. Mit Hinweisen darauf, dass er vielleicht auch selbst ein bisschen Schuld ist an seinem Unglück.

Hiob überzeugt das nicht. Er nennt seine Freunde »leidige Tröster«. Leute, die ihn mit ein paar klugen Worten und Gedanken über sein Unglück hinwegzutrösten versuchen. Er hält das für billige Vertröstung, die seinem persönlichen Elend in keiner Weise gerecht wird.

Was in einer ausweglos scheinenden Lage wirklich helfen kann, dafür gibt es kein Patentrezept. Aber ein aufgespannter Schirm tut in jedem Fall gut. Und jemand, der die nächsten Schritte mitgeht. Jemand, der den Abgrund kennt, der sich unter einem geöffnet hat – und die Kraft, die einen wieder herauszieht.

»Tobe, Welt, und springe«, hat Bach seiner Zeit entgegengerufen, »ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh. Gottes Macht hält mich in acht, Erd und Abgrund muss verstummen, ob sie noch so brummen«. Irgendwie muss er erlebt haben, dass es jemanden an seiner Seite gab, der einen Schirm über ihm ausspannte. Bis der Himmel über ihm wieder hell war.

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Trostpflaster

Trostpflaster. Ein Wort, das an Kinderzeiten erinnert. Ein zerschrammtes Knie. Tränen fließen. Die Mutter eilt mit einem Pflaster herbei. Die Wunde wird versorgt. Das Kind genießt die mütterliche Zuwendung. Das Pflaster verschließt den Schmerz des Körpers und der Seele. Ein Trostpflaster.

Im späteren Leben wird man noch manchen Schmerz erleiden, noch manche Wunde davontragen. Irgendwann ist es kein Schmerz mehr, über den man einfach ein Pflaster kleben könnte. Sondern eine bleibende Wunde. Ein unwiderruflicher Abschied.

Wo bleibt da das Trostpflaster? »Weinen Sie ruhig, es ist keine Schande, sich nicht trösten zu lassen mit Krims und Krams«, hat die Theologin Dorothee Sölle einmal geschrieben. Und damit gemeint: Es ist furchtbar, wenn der Trost zu schnell kommt. Lass dir also ruhig Zeit für Tränen!

Denn Trost, der zu schnell kommt, der sich dem Schmerz nicht stellt, ist Vertröstung. Dicke Watte, unter der nichts heilen kann. Was tröstet, lässt sich auch nicht im Voraus sagen. Niemand ist Herr über den Trost.

Und doch, davon bin ich überzeugt, irgendwann stellt er sich ein. Nicht so einfach wie das Pflaster, das die Mutter ihrem Kind auf das verschrammte Knie klebt. Aber doch so, dass der Schmerz gestillt ist und die wunde Seele zur Ruhe kommt. Trost holt einen Menschen wieder zurück ins Leben.

Ich glaube, dass das Geheimnis des Trostes Anwesenheit ist. Die Anwesenheit und Nähe eines Menschen, die einfach nur da ist – ohne sich selbst einen Zweck oder eine Absicht zuzuschreiben. Die erfahrene Anwesenheit und Nähe Gottes, der in der Bibel Tröster genannt wird und dessen Name heißt: Ich bin da.

Ich glaube, dass sich der Schmerz eines Abschieds oder eines Verlustes nur so bewältigen lässt, dass die Anwesenheit von etwas erfahren wird, das diesem Verlust gewachsen ist. Nicht, dass die entstandene Lücke ausgefüllt oder überbrückt wird. Eher so, dass in sie eintritt, was heilsam ist.

In der Einsamkeit einer Gefängniszelle, getrennt von seiner Familie und in Erwartung seiner Hinrichtung hat Dietrich Bonhoeffer ein tröstliches Lied geschrieben: »Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag, Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.« Das ist kein Trostpflaster. Aber ein Lied, dass getragen ist vom Urvertrauen in ein unzerstörbares Leben.

Weinen Sie ruhig, es ist keine Schande, sich nicht trösten zu lassen mit Krims und Krams ...

Dorothee Sölle

Mit offenen Armen

Wenn wir Menschen uns miteinander verständigen wollen, haben wir dafür in erster Linie das Mittel der Sprache. Das funktioniert meistens. Wir reden miteinander, um uns auszudrücken, um mitzuteilen, was uns am Herzen liegt. Wir fassen in Worte, was uns bewegt. Und wir hoffen, unser Gegenüber versteht uns.

Worte sind ein wichtiges Mittel der Verständigung. Sie helfen uns, die Brücke zum anderen zu bauen. Und doch gibt es eine Weise sich mitzuteilen, die noch stärker ist, als es Worte sind.

Das ist die Sprache der Gesten und Gebärden. Mehr als Worte sagt eine Hand, die zum Trost gedrückt wird, das Kreuz als Segenszeichen, eine Rose, die jemand verschenkt.

Ohne Worte, aber mit einer Geste signalisiere ich: Du bist mir willkommen! Ich fühle mich wohl an deiner Seite. Ich möchte dich gerne näher kennenlernen!

In einer Kirche in Kärnten zog das Altarbild mit der Christusdarstellung meine Aufmerksamkeit auf sich. Es war die besondere Haltung des Christus, die freundliche Gebärde der geöffneten Arme, die mich faszinierte; der starke Ausdruck in der Körperhaltung, die jeden freundlich begrüßt und empfängt, der sich dem Bild nähert. Die Gebärde der offenen Arme im Mittelpunkt dieser Kirche – das ist etwas ganz Besonderes!

Woher kennen wir diese Gebärde? Mir fällt das Kind ein, das gerade laufen gelernt hat und dies stolz seinem Vater zeigen möchte. Der Vater öffnet die Arme: »Komm in meine Arme«, ruft er, und zeigt seinem Kind, wohin es laufen soll. Und das Kind weiß, es kann mit aller Kraft loslaufen. Es wird nicht fallen. Denn sein Vater wird es auffangen.

Jeder kennt diese Gebärde aus der eigenen Kindheit. Und später, als man erwachsen wurde? Können Sie sich daran erinnern, dass Sie in Ihrem Leben irgendwann einmal »mit offenen Armen empfangen« worden sind? Ich bin sicher, ein solches Erlebnis werden Sie nie vergessen! Vielleicht war es eine Familie, die Sie herzlich aufgenommen hat? Vielleicht war es ein neuer Arbeitgeber, der froh war, Sie gefunden zu haben?

Mit offenen Armen empfangen zu werden, das gehört zu den beglückendsten Momenten in einem Menschenleben. Einfach zu wissen, hier freut man sich darüber, dass ich da bin.

Im Neuen Testament finden wir diese Gebärde im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Mit offenen Armen empfängt der Vater den Sohn, den er bereits für tot gehalten hat. Plötzlich und unerwartet steht er vor ihm. Er hat einiges hinter sich an üblen Erfahrungen. Der Sohn hat im Leben verspielt, was der Vater ihm als Erbteil mitgegeben hatte. Er hat sich mit den falschen Freunden eingelassen, ist ausgenutzt worden bis aufs Hemd. Am Schluss ist er bei den Schweinen gelandet, um überhaupt noch etwas zu essen zu bekommen.