Thomas Merton

Meditationen eines Einsiedlers

Über den Sinn von Meditation und Einsamkeit

Patmos Verlag

INHALT

Einleitung

Die Meditation

Was ist Meditation?

Die Meditation in der Heiligen Schrift

Die Meditation als Weg und Vereinigung

Wie meditieren wir?

Veranlagung und inneres Gebet

Zusammenfassung und Schluss

Gedanken eines Einsiedlers

Blickpunkte des geistlichen Lebens

Die Liebe zur Einsamkeit

Einleitung

Der meinen Veröffentlichungen gegenüber aufgeschlossene Leser, der in den Büchern »Verheißungen der Stille« und »Keiner ist eine Insel« manches von Belang zu entdecken vermochte, findet vielleicht an den auf den folgenden Seiten zusammengetragenen Gedanken einigen Gefallen. Selbst wenn sie keine Aussage enthielten, dann haben sie doch zumindest den Vorteil, dass sie einiges von dem erwähnen, was der Verfasser immer wieder sich selbst und denen gegenüber betont, die seine Ansichten mehr oder weniger teilen. Das gilt vor allem für den zweiten Teil, der von der »Einsamkeit« handelt. Wer das an Aussagen so reiche Buch »Die Welt des Schweigens« von Max Picard gelesen hat, wird an vielen Stellen meiner Meditationen den Spuren des Schweizer Philosophen wieder begegnen.

Dem ersten Teil dieses Bändchens liegen Aufzeichnungen über die Meditation zugrunde, die im Laufe des Jahres 1951 angefertigt wurden und als Vorarbeit zu der Broschüre »What Is Contemplation« gedacht waren. Nachdem diese Notizen in die Schreibmaschine übertragen worden waren, wurden sie beiseitegelegt und gerieten in Vergessenheit. Sie werden nunmehr, mit einigen Überarbeitungen und Vervollständigungen versehen, der Leserschaft im Druck vorgelegt.

Die Meditation lässt sich nicht mit Hilfe eines Buches erlernen. Nur wenn sie konsequent geübt, »gelebt« wird, lässt sich ein Zugang zu ihr finden. Zweifellos können jedoch auch nur einige wenige, zur rechten Zeit und auf eine ansprechende Weise erteilte Hinweise manch einem ihr Verständnis wesentlich erleichtern.

Die vorliegenden Seiten erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit oder erschöpfende wissenschaftliche Gründlichkeit. Sie haben lediglich die Absicht, in aller Einfachheit auf einige wesentliche Tatbestände hinzuweisen, deren Verständnis für jeden erforderlich ist, der bereit ist, sich mit der Meditation intensiv und ernsthaft zu beschäftigen. An keiner Stelle meiner Darlegungen habe ich darauf bestanden, dass die Übung der Betrachtung unentbehrlich sei. Außerdem lag es mir fern, den Versuch zu unternehmen, meinen Lesern ein fertiges Rezept für die Meditation und ihre Technik zu liefern. Ich durfte es ja wohl als selbstverständlich voraussetzen, dass jemand, der keinerlei Interesse für die Meditation mitbringt, dieses Buch niemals zur Hand nehmen wird. Mit diesen Ausführungen sollen vielmehr jene angesprochen werden, denen die Meditation bereits zu einem persönlichen Anliegen geworden ist und die die Absicht haben, sie regelmäßig zu üben. Das bereits bestehende Verlangen nach Vertiefung bedeutet natürlich eine wesentliche Vorbedingung für die Ansprechbarkeit des Lesers. Warum viele, die eine größere Vertrautheit mit der Meditation erlangen möchten, dabei keinerlei Fortschritte zu verzeichnen haben, liegt wohl hauptsächlich daran, dass sie sich nicht eingehend, nicht nachdrücklich genug um ein intensiveres Eindringen bemühen. Wem die Betrachtung kein echtes Herzensanliegen bedeutet, sollte hier keineswegs mit Erfolgen rechnen. Es trifft auf den Weg der Meditation wie auf keinen anderen Weg unseres Lebens so sehr zu, dass wir uns, mit Gottes Hilfe, selbst zu mühen und zu bemühen haben! Und niemandem ist es gegeben, diesen Weg für uns zu gehen!

Die Aufzeichnungen im zweiten Teil stammen aus den Jahren 1953 und 1954, aus einer Zeit, da es dem Verfasser durch Gottes Beistand und infolge einer gütigen Erlaubnis der Oberen vergönnt war, sich häufiger in die Abgeschiedenheit zurückzuziehen, um dort intensiver zu meditieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Ausführungen subjektiven oder autobiografischen Charakter haben. Sie beabsichtigen keineswegs, einen Bericht über geistliche Abenteuer zu liefern. Der Verfasser kann nur sagen, dass in dieser Zeitspanne keine außergewöhnlichen geistlichen Erlebnisse vorlagen. Und wäre dies wirklich der Fall gewesen, so hätte er derartige Dinge wohl kaum zu Papier gebracht. Hier soll nur in aller Einfachheit über das beschauliche Leben nachgedacht werden. Grundlegende Erwägungen werden aufgespürt, die dem Autor damals als durchaus wesentlich erschienen sind.

Hier bedarf es aber wohl doch einer klareren Formulierung. Es kann durchaus möglich sein, dass die dem Verfasser als so wesentlich erscheinenden Überlegungen anderen Menschen, die nicht in die gleiche Berufung wie der Autor gestellt sind, nur wenig zu sagen haben. So gesehen, handelt es sich bei diesen Ausführungen letztlich doch um ein ganz persönliches Zeugnis. Zuweilen sind die Erwägungen ganz allgemeiner Natur. Andere Stellen wiederum bieten Gemeinplätzen nicht ganz unähnliche kurze Streiflichter. Doch nirgendwo können diese Aufzeichnungen als esoterisch empfunden werden. In der Hauptsache jedoch haben diese Reflexionen über die Einsamkeit des Menschen vor Gott, über das Zwiegespräch des Menschen mit Gott im Schweigen und über die gegenseitige Beziehung der Menschen mit ihrem Recht auf Personsein, Einmaligkeit und Einsamkeit ihre Wurzel im inneren Wesenskern der ganz eigenen Lebensweise des Verfassers. Am Rande sei bemerkt, dass die Art, die Dinge zu sehen und zu erleben, nicht unbedingt das Ideal des monastischen Ordens wiedergibt, dem der Verfasser nun einmal angehört. Trotzdem geht es jedoch letztlich um ein monastisches Ideal.

Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, dass seit den Jahren, da diese Aufzeichnungen zu Papier gebracht wurden, nicht vieles im Leben des Verfassers beim Alten geblieben ist und dass den hier angeritzten Gedankengängen eine Weiterentwicklung in die verschiedensten Richtungen beschieden war.

In einem Zeitalter, da der Totalitarismus pausenlos bestrebt ist, den Menschen als Person in jeder Beziehung zu entwerten und zu degradieren, halten wir es für angebracht, einem ausgewogenen, vernünftigen Eintreten zugunsten der inneren Freiheit und der unveräußerlichen Unantastbarkeit der menschlichen Persönlichkeit Gehör zu verschaffen. Dem mörderischen Lärm unseres Materialismus darf es nicht gelingen, die unabhängigen Stimmen zum Schweigen zu bringen, die niemals verstummen werden: Seien es nun die Stimmen der christlichen Heiligen oder der orientalischen Weisen, die Stimmen eines Lao-Tses oder der Zen-Buddhisten, die Stimmen eines Thoreaus, eines Martin Bubers oder eines Max Picards. Ohne Frage ist es richtig, zu betonen, dass der Mensch ein »auf die Gemeinschaft hingeordnetes Wesen« ist; diese Tatsache lässt sich wohl kaum bestreiten. Doch berechtigt dies in keiner Weise dazu, aus ihm ein bloßes Rädchen in einer totalitären Maschine – oder auch in einem religiösen Apparat, um dies auch einmal am Rande zu erwähnen – zu machen!

In der Tat beruht das Wohl der Gesellschaft auf dem inneren, unantastbaren Recht auf Personsein eines jeden ihrer Träger. Um würdig zu sein, Gesellschaft genannt zu werden, darf sie nicht aus Nummern oder mechanischen Aggregaten »zusammengesetzt« sein, sondern sie muss aus Personen bestehen. Personsein bedeutet Verantwortung und Freiheit, und diese wiederum setzen innere Unantastbarkeit, letztliche Unverletzlichkeit der Person sowie ein Bewusstsein eigener Wirklichkeit und Entscheidungsfähigkeit voraus, sich in den Dienst der Gesellschaft zu stellen – oder sich ihr zu versagen.

Wenn der Mensch ohne Weiteres in einer Masse menschlicher, von automatischen Kräften angetriebenen Wesen untertaucht, wenn er in der Anonymität untergeht, verliert er seine echte Menschlichkeit, seine unveräußerliche innere Substanz, seine Fähigkeit zur Liebe und zur eigenen Entscheidung. Wenn die Gesellschaft von Menschen getragen wird, die das wahre Personsein eingebüßt haben, kann auch die Liebe sie nicht mehr zusammenhalten. Damit fällt jedoch diese Aufgabe jenen zu, die sie nur unter Anwendung von Gewalt und unter Missbrauch ihrer Macht zu lösen vermögen. Wird jedoch der Mensch dazu gezwungen, sein Recht auf die ihm zustehende Unantastbarkeit der Person und auf Freiheit preiszugeben, dann wird die Gesellschaft, in der er lebt, zersetzt und vom Gift des Kriechertums, der Missgunst und des Hasses angefressen.

Keinem noch so bemerkenswerten technischen Fortschritt wird es je gelingen, die materialistische Gesellschaft von ihrem Hass zu heilen, der, einer geistigen Krebsgeschwulst nicht unähnlich, die Substanz ihrer gesunden Zellen abschnürt. Das alleinige Heilmittel ist und kann nur geistlicher Natur sein. Es hat wenig Sinn, den Menschen von Gott und von der Liebe zu sprechen, wenn sie des Hörens unfähig geworden sind. Die Ohren, mit denen wir die Frohbotschaft vernehmen, sind im Herzen des Menschen verborgen und sie vermögen nichts zu hören, wenn ihnen nicht Abgeschiedenheit, das Bei-sich-Sein und Stille zu Hilfe kommen.

Mit anderen Worten heißt das: Da der Glaube auf Freiheit und eigene Entscheidung hingeordnet ist – auf die freiwillige Annahme der in Freiheit geschenkten Gnade –, kann sich der Mensch nicht im Einklang mit einer geistlichen Verkündigung befinden, solange sein Geist und sein Herz in den Fesseln des Automatismus liegen. Wenn er in der Masse anderer Roboter ohne Persönlichkeit und ohne die ihnen zustehende individuelle Unverletzlichkeit untergeht, vermag er nicht, die Ketten der Knechtschaft abzuwerfen.

Was hier von der inneren Einsamkeit, von dem Bei-sich-Sein gesagt ist, will nicht nur ein Rezept für Einsiedler sein. Es hat Gültigkeit für die gesamte Zukunft des Menschen und seiner Welt, besonders natürlich für sein zukünftiges religiöses Leben.

Die Meditation

Was ist Meditation?

Wenn der menschliche Geist sich in konzentriertes Nachdenken versenkt, bezeichnen wir diesen Vorgang mit Meditation, wobei wir diesen Begriff so weit wie möglich fassen. In dieser Sinngebung beschränkt sich die Bezeichnung nicht auf das rein religiöse Reflektieren, sondern umgreift im Wesentlichen eine ernsthafte geistige Tätigkeit sowie eine Art Versenkung oder Konzentration, die ein planloses Abirren der Gedanken verhindert und sie vor einer verschwommenen Ziellosigkeit bewahrt.

Hier muss jedoch von vornherein klargestellt werden, dass sich der Denkvorgang, wie wir ihn im Folgenden verstehen, nicht auf eine rein geistige Betätigung und noch viel weniger auf bloßes logisches Denken bezieht. Die Meditation, die Reflexion oder die Betrachtung umfassen nicht nur den Geist, sondern auch das Herz, ja, den ganzen Menschen. Wer ernsthaft meditiert, denkt nicht nur nach, sondern er liebt auch. Aufgrund dieser seiner Liebe, zumindest aber aufgrund seiner teilnehmenden Erkenntnis der Wirklichkeit, über die er reflektiert, dringt der Mensch in diese Wirklichkeit ein.

Thomas von Aquin und Bernhard von Clairvaux stellen die Meditation (»Consideratio«) als »Suchen nach der Wahrheit« dar. Und doch unterscheidet sich ihre Art der »Meditation« grundlegend von dem, was wir mit Studium bezeichnen, wobei darauf geachtet werden muss, dass auch das Studium ein »Suchen nach der Wahrheit« ist. Gewiss können Meditation und Studium eng zusammenhängen. Tatsächlich bleibt das Studium in seiner geistlichen Sinngebung unfruchtbar, wenn es den Menschen nicht zu einer Art des Nachdenkens führt, das seine ganze innere Einheit umfasst. Beim Studium forschen wir mit Hilfe von Büchern und anderen Quellen, also von außen her, nach der Wahrheit. In der Meditation versuchen wir, uns in das, was wir uns geistig zu eigen gemacht haben, zu versenken. Wir denken über Grundsätzliches nach, das uns im Verlauf unseres Studiums begegnet ist, und wenden es auf unser eigenes Leben an.

Beim Studium können wir uns mit einer Idee, einer Konzeption, die wahr ist, begnügen. Das Wissen »von« der Wahrheit reicht in diesem Fall aus. Die Meditation hingegen spricht diejenigen an, denen ein objektives, begriffliches Wissen »vom« Leben, »von« Gott – »von« den letzten Dingen – nicht genügt. Sie suchen eine innige, unmittelbare Begegnung mit der Wahrheit selbst: mit Gott. Sie trachten danach, die tiefsten, wesentlichsten Wirklichkeiten des Lebens zu erfahren, indem sie sie »leben«. Die Meditation ist ein Weg, auf dem man dieses Ziel erreichen kann.

Obwohl die Definition des Begriffs Meditation als »Suchen nach der Wahrheit«, »Inquisitio Veritatis«, die Tatsache erhellt, dass es sich hier vorwiegend um einen rein geistigen Vorgang handelt, sagt »Meditation« in ihrer eigentlichen Sinngebung viel mehr aus. Thomas und Bernhard sprachen von einer Meditation, deren Grundausrichtung religiöser oder zumindest philosophischer Natur ist, und die darauf hinzielt, unser ganzes Sein mit einer letztlichen, außerhalb unseres Ichs liegenden und über uns hinausgehenden Wirklichkeit in Verbindung zu bringen. Dieses zur Vereinigung strebende, liebende Erkennen beginnt in der Meditation, entfaltet sich jedoch zu seiner vollen Blüte erst im kontemplativen Gebet.

Dieser Punkt ist für uns sehr wesentlich. Im engen Sinn handelt es sich auch bei der religiösen Meditation in erster Linie um einen geistigen Vorgang, dessen Ziel jedoch außerhalb des rein Geistigen liegt. Meditierendes Denken ist ganz einfach der Beginn eines Vorgangs, der zum inneren Gebet führt und der, wie angenommen wird, gewöhnlich im Schauen und in der affektiven Vereinigung mit Gott gipfelt. Diese gesamte Entwicklungsphase (in der die Meditation in die Beschauung übergeht) können wir mit dem Begriff »inneres Gebet« bezeichnen. Tatsächlich bezeichnet man im praktischen Sprachgebrauch das »innere Gebet« häufig mit dem Ausdruck »Meditation«. Wenn wir jedoch den Begriff »Meditation« einmal näher analysieren, dann ergibt sich ganz eindeutig, dass die Meditation nur einen kleinen Ausschnitt des ausgedehnten Gebietes innerer Betätigungen darstellt, aus deren Gesamtheit das innere Gebet entsteht. Mit Meditation bezeichnen wir eine frühe Entwicklungsstufe im Rahmen des inneren Lebens, wo sich Herz und Geist auf eine Reihe innerer Betätigungen konzentrieren, die uns auf die Vereinigung mit Gott vorbereiten sollen.

Wenn dem Nachdenken keine affektive Zielrichtung zugrunde liegt, wenn sein Anfang und sein Ende ausschließlich im Verstandesbereich zu suchen sind, führt es nicht zum Gebet, zur Liebe oder zu jener innigen Teilhabe an Gott. Deshalb gehört es auch nicht zum eigentlichen Gebiet des inneren Gebets. Ein solches Nachdenken ist im Grunde kein Meditieren. Es bleibt außerhalb des von Glauben und Beten bestimmten Bereiches. Aus diesem Grund beziehen wir diese Art des Nachdenkens auch nicht in unsere Untersuchungen ein. Schließlich steht es ja auch in keinerlei Zusammenhang mit unserem Thema. Deshalb genügt es hier, in aller Kürze und Klarheit zu betonen, dass jemand, der annimmt, sein Bedürfnis nach Meditation mit einem reinen Verstandesdenken befriedigen zu können, seine Zeit verschwendet. – Es geht bei der Meditation auch nicht darum, die Dinge eingehend zu »durchdenken«, wodurch einwandfreie ethische Entscheidungen zustande kommen. Die Meditation ist mehr als ein rein praktisches Denken.

Das Unterscheidungsmerkmal der Meditation lässt sich wohl am besten folgendermaßen einfangen: Die Meditation ist ein aus der Liebe entspringendes Suchen nach der Wahrheit, das den Besitz der Wahrheit nicht nur im Wissen, sondern auch in der Liebe erstrebt. Aus diesem Grunde ist die Meditation eine Betätigung des Verstandes, die sich nicht von einer intensiven geistigen Konzentration und einer Willensbetätigung trennen lässt. Die »Gegenwart der Liebe« in der Meditation vertieft und verklärt unser Denken, wodurch ihm ein stark affektiver Charakter verliehen wird. Unser Meditieren wird erfüllt von einer bereiten, liebenden Hinwendung zu jenem »Gut«, das, in der höchsten Wahrheit verborgen, das Suchen des Verstandes bestimmt. Dieser affektive Willenstrieb, der nach der Wahrheit als dem höchsten Gut der Seele trachtet, hebt die Seele aus der spekulativen Dimension heraus und macht unser Suchen nach der Wahrheit zu einem von liebender Ehrfurcht und Anbetung getragenen Gebet, das versucht, die dunkle, zwischen Gottes Thron und uns stehende Wolke zu durchdringen. Die Flügel unseres Flehens schlagen gegen diese Wolke. Schmerzlich bekennen wir unsere Armseligkeit und Hilflosigkeit. Anbetend fallen wir nieder vor Gottes Barmherzigkeit und höchster Vollkommenheit. Seiner Anbetung geben wir uns völlig hin.

Wir können das innere Gebet gut mit einer Feuerwerk-Rakete vergleichen. Vom Funken göttlicher Liebe entfacht, fliegt die Seele himmelwärts in einem Verstandesakt, der so geradlinig und so zielgerichtet wie die feurige Spur der Rakete ist. Die Gnade hat unsere verborgensten geistigen Kräfte geweckt und verleiht uns bei unserem Aufstieg zu neuen, unerwarteten Höhen ihren Beistand. Trotzdem erschöpfen sich unsere eigenen Fähigkeiten zusehends. Dem Verstand ist ein höherer Flug himmelwärts nicht vergönnt. Der Geist gelangt an einen Punkt, wo er im Bewusstsein seiner Begrenzung die unendliche Größe des unerreichbaren Gottes anerkennt und bezeugt.

Hier nun erreicht die Meditation den Gipfel. Wiederum übernimmt die Liebe die Führung, und die Rakete »explodiert« in einem Funkenregen glühend dargebrachter Gottespreisungen und -huldigungen. So sendet die Liebe eine Vielzahl brennender Sterne empor, eine Fülle des Handelns und Wollens, das zum Besten des menschlichen Geistes gehört. Und die Seele verzehrt sich in immer stärker um sich greifenden Flammen, die Gottes Namen preisen, während sie auf die Erde niederstürzen und dort im Nachtwind erlöschen.

Uns wird nun verständlich, warum Albert der Große, der Lehrer des Aquinaten, der diesem in Köln und Paris das theologische Rüstzeug mitgab, zwei Arten der Kontemplation unterscheidet: die eines Philosophen und die eines Heiligen.

Die Beschauung des Philosophen trachtet einzig und allein nach der Vollendung des Beschauers. Sie reicht nicht weiter als der Verstand. Die Beschauung des Heiligen hingegen wird durch die Liebe zum Beschauten, durch die Liebe zu Gott, entfacht. Darum bildet auch nicht der Verstandesakt ihr letztliches Ziel; mittels der Liebe geht sie vielmehr in den Willen über.

In diesem Zusammenhang bemerkt Thomas von Aquin, der Schüler Alberts des Großen, dass die Gotteserfahrung eines Beschauenden hier auf Erden durch das Licht brennender Liebe erzeugt wird. »Per ardorem caritatis datur cognitio veritatis« (Kommentar zum 5. Kapitel des Johannes-Evangeliums).

Die »Beschauung des Philosophen«, die sich auf eine rein verstandesmäßige Spekulation über die göttliche Natur aus der Perspektive ihrer Offenbarung in den Wesen beschränkt, könnte deshalb auch mit einer Feuerwerk-Rakete verglichen werden, die zwar himmelwärts fliegt, jedoch niemals »explodiert«. Der Glanz der Rakete zeigt sich erst, wenn sie »zerspringt«, d. h. wenn sie »stirbt«. So liegt die Schönheit des inneren Gebets und der mystischen Schau in der völligen Selbsthingabe der Seele, die sich ganz dem Lob des Herrn weiht und sich hier gänzlich verzehrt, um für das alles überstrahlende Gutsein des unendlichen Gottes Zeugnis abzulegen.

Der Rest ist Schweigen.

Wir wollen nicht übersehen, dass das fruchtbringende Schweigen, in dem die Worte ihre Gewalt verlieren und die Begriffe sich unserem Zugriff entziehen, vielleicht die Vollendung der Meditation bedeutet. Wir sollten uns auf keinen Fall ängstigen oder beunruhigen, wenn wir bemerken, dass es uns kaum gelingen will, den »Akt« der Meditation zu »setzen«. Dann täten wir besser daran, uns zu freuen und in der hellen Dunkelheit des Glaubens zu verharren. Dieses stille Ausruhen ist eine höhere Stufe des Betens.

Die Meditation in der Heiligen Schrift

Die Heilige Schrift sagt, dass Isaak am Abend aufs Feld hinausgegangen war, »um mit seinen Gedanken allein zu sein« (Gen 24,63). Worüber dachte er nach? Die Erzväter lebten in einer großen Gottesnähe. Es waren Männer, mit denen Gott vertrauten Umgang pflegte. Noah, Abraham, Isaak und Jakob wussten sich in Gottes unmittelbarer Nähe. Wenn die Juden den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs anriefen, flehten sie zu dem, den ihre Väter »kannten«, zu jenem, der ihnen durch die Worte der Väter das Heil verheißen hatte. Obwohl der Schrift zufolge die ersten Menschen aus dem Paradies vertrieben worden waren, gab es doch noch einige wenige Auserwählte, denen etwas von dem vertrauten Verhältnis zu Gott verblieben war, das in jenen vergangenen Zeiten bestanden hatte, als Adam und Eva Seine Stimme vernahmen, da Er am frühen Abend durch den Garten Eden wandelte. Einer der Gründe, warum Mose auf dem Berg Sinai das Gesetz erhielt, beruhte auf der Tatsache, dass das auserwählte Volk sich fürchtete, unmittelbar mit Gott zu reden oder von Ihm angeredet zu werden. »Als aber das ganze Volk die Donnerschläge und die flammenden Blitze, den Posaunenschall und den rauchenden Berg wahrnahm, da zitterten sie und blieben in der Ferne stehen und sagten zu Mose: ›Rede du mit uns, dann wollen wir zuhören; Gott aber möge nicht mit uns reden, sonst müssen wir sterben‹ (Ex 20,18 f).« Das Nachdenken über das Gesetz des Herrn war nun zu einem gültigen Ersatz für den innigen Umgang mit Gott geworden, der den Patriarchen Licht und Freude bedeutet hatte. Dies konnte jedoch nur geschehen, wenn das Nachsinnen über die Satzungen Gottes zu einer geistigen und willensmäßigen Vereinigung mit dem Geist und dem Willen des Herrn führte und wenn das Nachdenken in einem heiligen, übernatürlichen Austausch mit Gott gipfelte, den kindlich-liebende Furcht heiligte und dem Ehrfurcht, Gehorsam und die Liebe der Selbsthingabe eine besondere Weihe verliehen. Der Lohn für eine solche Versenkung war das Licht übernatürlicher Erkenntnis, eine Weisheit, die den Sinn der