HAUPTTITEL

Elena Pirin

Mein Löwenkind

Vom Abenteuer, ein Kind mit Handicap ­großzuziehen

Patmos Verlag

ÜBER DIE AUTORIN

ELENA PIRIN wurde 1969 in Sofia geboren und lebt seit 20 Jahren in Hamburg. Sie ist Streetworkerin, Autorin und Journalistin. Um ihren Sohn Leo kümmert sie sich gemeinsam mit ihrem Mann.

www.elenapirin.de

ÜBER DAS BUCH

Leo ist ein wunderbarer kleiner Mensch. Pfiffig und sensibel. Er macht sich prima, nur nicht in dem Tempo, das die Entwicklungstests und Schulpläne vorgeben. Als Elena Pirin und ihr Mann das Baby adoptieren, ahnen sie nicht, dass ihr Wunschkind ein Handicap – eine globale Entwicklungsverzögerung – hat. Elena Pirin liebt ihren heute zehnjährigen Sohn über alles, doch manchmal verzagt sie an den Schwierigkeiten, die der Alltag mit einem behinderten Kind mit sich bringt.

Mit einer erfrischenden Mischung aus Humor und Ernst beschreibt sie, wie sie ihren Sohn in seiner Andersartigkeit annimmt und ihm hilft, sich selbst anzunehmen

Ein Buch, das berührt, zum Lachen bringt und Mut macht.

Auch als Printausgabe erhältlich.

www.patmos.de/ISBN978-3-8436-0767-4

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© 2016 Patmos Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern

Umschlaggestaltung: Finken & Bumiller, Stuttgart

Umschlagabbildung: iStock/Myrtille Bonnenfant

ISBN 978-3-8436-0767-4 (Print)

ISBN 978-3-8436-0768-1 (eBook)

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Mein Löwenkind

Für meinen Sohn und all die anderen »Löwenkinder«, die ich durch ihn kennenlernen durfte.

 

Und

 

für meinen Mann, ohne den ich die spannendste Safari ­meines Lebens nie gewagt hätte …

In Dank und Verbundenheit an alle, die unser Kind liebevoll begleitet, gefördert und ermutigt haben.

Mein Löwenkind

»Mayday, mayday!«

Botschaften aus der Flasche

Ich habe ein Problem, ein ernsthaftes dazu. Während dieses Buch allmählich Form annimmt, erreicht mich die Nachricht, dass die Schulbegleitung für unseren Sohn ab nächster Woche vorbei sein könnte. Die Behörde verweigert die Finanzierung, obwohl das Schuljahr bereits vor Wochen begonnen hat. Der Brief kommt vom »Trägerverein«, der die pädagogischen Fachkräfte stellt, betroffen sind alle »Inklusions-Kinder« an Leos Grund­schule. Meine Ohren rauschen, vor meinen Augen verschwimmt das Gelesene: Verschleppungstaktik seitens des Amtes, außerordentliches Krisentreffen, Protestaktionen, Vernetzung auf Kreisebene, die Elternschaft ist gefordert zu handeln …

Für einen kurzen Moment verlassen mich die Kräfte: Heute ­haben wir Montag. Soll das heißen, dass unser Drittklässler in einer Woche nach Hause geschickt wird? Oder dass er nicht mehr in diese Schule darf? Obwohl er vor einem Jahr hierher wechseln durfte? Wird ihn überhaupt eine andere »Regelschule« aufnehmen, oder muss er doch in die Einrichtung für »Körperbehinderte«, auch wenn sie derzeit randvoll ist? Muss er gar auf ein Internat, weil in Deutschland häusliche Beschulung nur in extremen Ausnahmefällen erlaubt wird?

Was bedeutet all das für mich persönlich? Werde ich ein weiteres Jahr dafür kämpfen müssen, dass unser wunderbares und einzigartiges Kind eine Schule besucht, in der es angemessen gefördert wird und sich angenommen fühlt? Muss ich ein weiteres Jahr wie ein Detektiv nach Therapien und Sportarten fahnden, die sich mit einer Regelschule vereinbaren lassen? Recherchieren, Netzwerke knüpfen, Telefonate führen, Begründungen schreiben, Begleitanträge stellen, Kind motivieren und fördern, um es inklusionskompatibel zu machen? Schaffe ich das? Wie soll ich nebenher noch Geld verdienen und gar ein Buch fertig schreiben?

Die gute Nachricht: Unsere Familie ist nicht vom Hunger bedroht. Was für ein Glück, dass Leo einen Vater hat, der für uns drei finanziell sorgt und tüchtig Steuern zahlt, aus denen hoffentlich Leos Schulbegleitungen finanziert werden! Wie gut, dass er ordentlich in die gesetzliche Krankenkasse blecht, damit Leos Therapien – und die anderer Kinder – bezahlbar bleiben! Möge mein lieber Mann weiterhin fit bleiben und nicht von einem Burnout in die Knie gezwungen werden!

Und jetzt die schlechte Nachricht: Als Mutter eines behinderten Kindes versuche ich seit über neun Jahren den Spagat zwischen Beruf und liebevoller Pflege. Ich bin dankbar für alles, was bisher möglich war! Aber in diesen Tagen komme ich mir wie ein Seefahrer vor, der auf offener See treibt und umsonst »Mayday, mayday!« funkt. Die Segel sind durchlöchert, der Motor stottert, das Navigationssystem lässt mich im Stich. Während ich versuche, mein Boot mit einfachem Kompass auf Kurs zu halten, lasse ich meine altmodische Flaschenpost durch die Wellen gleiten.

Möge sie irgendwo heil ankommen!

Mein Löwenkind

»Top oder Flop?«

Von der ersten Freude und der ernsten Frage

»Mama, bin ich behindert?«, fragt Leo.

Es trifft mich aus heiterem Himmel. Unser neunjähriger Schatz hat das Talent, die heikelsten Fragen in den unpassendsten ­Momenten zu stellen. Nicht jetzt, denke ich, wo wir gerade zur U-Bahn hecheln. Ich muss zusehen, dass er die Treppe heil ­herunterkommt, weil seine Beine noch schlafen. Sonst ver­passen wir die Bahn, und dann fährt uns der Bus vor der Nase weg, und dann hat der Unterricht wieder ohne Leo begonnen …

Sein Körper ist noch auf Standby, aber sein Geist ist schon auf Hochbetrieb. Mein Sohn lehnt an meiner Hüfte und sieht mich fragend an. Seine Augen kommen mir heute riesig vor. Er will eine Antwort.

»Behindert? Wer sagt denn so was?«, weiche ich aus, eine Spur zu schroff. Ich bin darauf nicht vorbereitet.

»Die Kinder. Alle in der Schule sagen das.«

Klingt er niedergeschlagen? Verzweifelt? Oder nur verärgert?

»Wer ist dieses ›alle‹?«, blöke ich ungehalten.

Ich muss den Schuldigen finden! Keiner darf unser Kind mit dem schlimmen »B-Wort« konfrontieren! Hatte man nicht im Mittelalter die Überbringer der schlechten Nachrichten geköpft? Nun ja. Wir leben zum Glück im 21. Jahrhundert.

An einem Frühlingsmorgen zehn Jahre zuvor:

Hoher Besuch vom Amt. Frau Morgenrot sitzt mit uns am Tisch, in der alten Wohnung. Wir trinken Kräutertee, alle drei. Mein Mann und ich hätten lieber Kaffee geschlürft, aber wir machen alles mit, was der Sache dienlich ist. Wir haben längst unsere Turbo-Lebensläufe eingereicht, unsere Herkünfte in den höchsten Tönen gepriesen, unsere Einkünfte offen gelegt, unsere Wohnung auf Vordermann gebracht. (Hoffentlich ist die Räuberhöhle nicht zu klein!) Kräutertee mit der zuständigen Sozialarbeiterin ist das geringste Übel! Wir wollen alles richtig machen, denn wir wollen vom Staat ein Kind bekommen. Natürlich ein Baby!

Bis jetzt haben wir Glück gehabt. Frau Morgenrot erweist sich als wirklich nett, wir haben sogar eine gemeinsame Lieblingskneipe. Wir senden auf einer Wellenlänge, wenn das kein gutes Omen ist!

Ich habe den Zwang, jeden Menschen mit einem Tier zu vergleichen. Frau Morgenrot erinnert mich an eine gemütliche Kurzhaarkatze, die in sich ruht und doch alles im Blick behält. Bevor sie geht, bittet sie uns um eine letzte Formalie: Wir ­mögen bitte ein paar Fragen beantworten. Eine Art Was-wäre-wenn-Katalog bezüglich des künftigen Kindes. Ihre Miene wird ernst, professionelle Betroffenheit löst den Plauderton ab.

Peinlich berührt gehen wir die einzelnen Punkte durch. Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität, wir nicken alles ab. Weder ich noch mein Mann können feilschen. Wir erstellen ungern Einkaufslisten.

Beim Thema Krankheiten oder »sichtbare Behinderungen« geraten wir ins Stocken. Beim Thema »eventuelle Spätfolgen« stehen wir mit dem Rücken zur Wand. Hätten wir uns bloß besser auf das Gespräch vorbereitet! Würden wir ein Kind annehmen, dessen leibliche Mutter unter einer Psychose litt? Oder eine Mörderin war? Oder ihren Kummer in Alkohol zu ertränken pflegte? Oder sich mit Drogen vollpumpte? Mein Mann, der seine Nächte und Wochenenden den Kranken und Siechen in den Dienst stellt, kommt ins Grübeln. Und was ist mit mir? Als Kind hatte ich an die Gleichheit aller Menschen geglaubt. Die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen? Wo setzt man den Rotstift an?

Augen zu und durch.

Wenn ich Leo beim Einschlafen über den Rücken kraule, damit er zur Ruhe kommt, denke ich oft an seine ersten Stunden bei uns. Ich erinnere mich an die Euphorie des Anfangs. An die überwältigende Freude, einen Wonneproppen in den Armen zu halten. An unser Staunen über das Adoptionswunder, das uns nach kurzer Wartezeit widerfahren war. An die Dankbarkeit, einen eigenen Spross wachsen und gedeihen zu sehen.

An was ich mich heute nicht mehr erinnere: Ob sich damals etwas vom späteren Stolz ankündigte, der die Eltern überkommt, wenn der Sohn das erste Gehalt verdient? Meldete sich bei mir jene alberne Eifersucht beim Gedanken an das Hochzeitskleid seiner Künftigen? Sah ich gar vor meinem inneren Auge die pausbackigen Enkelkinder, die eines Tages natürlich folgen würden?

Vielleicht fühlte ich etwas von allem. Eine Art ontogenetisches Programm, das in mir ablief, der unbewusste Wunsch nach Erhaltung der eigenen Art.

Bei Darwin klingt alles so plausibel, eins baut auf dem anderen auf. Was ist aber, wenn das eigene Kind aus der »Art schlägt« und damit die Pläne der Ontogenese durchkreuzt?

Mama, bin ich behindert, hatte mich unser Sohn vor einem halben Jahr gefragt. Noch konnte ich ausweichen und mich in meine eigene Feigheit verkriechen. Noch konnte ich meine Ängste und Sorgen abkapseln und eine muntere Miene auf­setzen. Doch mir war klar, dass Leo bald mehr wissen wollen würde, und dass ich mich seinen Fragen stellen müsste.

Als er abends gegen den Schlaf kämpfte und ich seine rötliche Mähne mit den Fingern durchkämmte, hatte ich plötzlich einen verstörenden Gedanken. Was wäre aus Leo geworden, wenn er als Löwe geboren wäre? Wahrscheinlich wäre er längst von seinen Artgenossen oder von den Hyänen zerfleischt worden. Oder er wäre schlicht verhungert: Er kann nicht so schnell laufen, also würde er bei der Jagd leer ausgehen, er ängstigt sich vor Geräuschen jeglicher Art, also würde er in dauernder Alarmbereitschaft leben. Er braucht für alles, was mit den Händen und Füßen zu tun hat, doppelt und dreifach so lang – also würde er beim Zerteilen der erlegten Beute nur zusehen müssen. Und was wäre, wenn die Savanne Feuer finge – da würde er womöglich in den Flammen gefangen bleiben, weil er nicht rechtzeitig flüchten könnte …

Wie gut, dass er als Menschenkind geboren wurde.

Was ist aber, wenn das geliebte Menschenkind eines Tages erwachsen wird und weder ein eigenes Konto besitzen noch ein Gehalt bekommen darf? Und für immer auf fremde Hilfe an­gewiesen bleibt? Was macht so eine Erkenntnis mit den Eltern, was mit dem Nachwuchs? Welche Folgen hat das für die In­teraktion von Familie und Gesellschaft? Was heißt es für uns konkret, ein behindertes Kind zu haben, heute und in der Zukunft?

Ich weiß nicht, ob in den nächsten Tagen die Frage mit Leos Schulbegleitung gelöst wird. Hoffentlich wird wieder das Unmögliche möglich gemacht, indem Schule und Hort personelle Löcher bis zum Umfallen stopfen. Ich tröste mich damit, dass dies ein politisches und technisches »Problem« ist, eine sogenannte Frage der Ressourcen. Da sind erst mal »die anderen« gefragt.

Was aktuell für mich als Mutter dringender erscheint, ist Antworten zu finden auf Fragen wie diese:

Wie macht man kleinen bangen Helden Mut? Wie nimmt man ihnen die Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit und vor der Ablehnung der Umwelt? Wie zieht man ein Kind groß, damit es trotz seiner Einschränkungen die Neugier und die Lust am ­Leben behält? Wie bringt man einem heranwachsenden Menschen bei, dass er – bei allen Problemen – eine Bereicherung für sich und für die anderen ist?

»Na, Prost Mahlzeit!«, würde mein lieber Mann jetzt anmerken, säße er mit am Schreibtisch. »Du hast dir mal wieder was vorgenommen!«

»Na und?«, würde ich antworten. »Träumen kostet nix.«

»Mama, Papa, hört mal!«, würde Leo dazwischen rufen. »Bei uns im Traumland ist alles möglich!«

Mein Löwenkind

»Sie hat das Mutter-Gen!«

Von weisen Krankenschwestern und der Macht des Schicksals

Wir können nicht bestimmen, wann wir das Licht der Welt erblicken. Wir haben keinen Einfluss darauf, in welchem Land und in welche Familie wir hineingeboren werden. Mein Mann hat sich den Namen Enno nicht ausgesucht. So werden nun Mal ostfriesische Jungen seit Generationen genannt. Ich habe früher mit meinem folkloristisch anmutenden Vornamen gehadert, bis ich nach Deutschland kam und dessen Klang zu schätzen lernte.

Es ist eben das Roulette des Lebens, das über den Verbleib unserer Keimzellen entscheidet, um das zu begreifen, muss man nicht Biologie studiert haben. Das Schicksal hatte entschieden, dass Ennos und meine Gene sich nicht durchmischen dürfen, sondern dass wir Zuwachs von außen bekommen. Irgendwo im Weltall wartete ein niedliches Wesen, ein kosmisches »Überraschungsei« auf uns beide.

Unsere einzige Möglichkeit, Einfluss auf den Zufall zu nehmen, war die Namensgebung. Sollte es ein Mädchen werden, wollten wir es Lea nennen, käme uns ein Junge ins Haus – hieße er Leo. Vielleicht warteten sogar Zwillinge draußen auf uns? Leo und Lea! Fast wie der Titel des berühmten Theaterstücks »Leonce und Lena«.

»Kommen Sie morgen früh um 8.00 zu uns ins Adoptionsamt. Es ist ein Junge! Vier Wochen alt!«

Der Anruf erreicht meinen Mann mitten in einem Notarzt­einsatz. Mich – während einer Tagung. Tränen der Freude auf der Uni-Toilette. Mein herrliches Geheimnis, ich darf es keinem aus dem Fachbereich verraten, weder meinem Professor noch meiner Kollegin, mit der ich die Tagung organisiert habe! Ich schaffe es nicht, die letzten zwei Vorträge mitzu­nehmen, geschweige denn das abschließende Abendessen. Ich muss dringend hier weg, um mit Enno zu reden. Eine Notlüge muss her. Es hinterlässt keinen guten Eindruck, wenn die hoffnungsvolle wissenschaftliche Mitarbeiterin ihre erste inter­nationale Tagung im Stich lässt, und zwar kurz vorm Abend­essen. Zum Teufel mit dem Uni-Zirkus! Das echte Leben ruft mich!

Enno wartet schon unten auf mich, er hat heute dem »echten« Leben bereits ins Auge geblickt, als er eine Zweijährige aus einem Gartenteich herausfischen und reanimieren durfte. Es ist natürlich gut ausgegangen, denn es ist unser Glückstag! Wir bekommen ein Baby, einen Leo, da muss man vor Freude auf dem spärlich beleuchteten Campus tanzen. Wir möchten es gern in die Welt posaunen, aber wir müssen vernünftig bleiben, wir werden bis morgen dichthalten, sonst platzt der Traum. Erst mal den kleinen Erdenbürger persönlich begrüßen und dann die große Anrufaktion starten.

Unsere Wohnung erscheint uns an diesem Abend sehr eng. Mein ostfriesischer Gatte, der sonst gern auf dem Sofa entspannt, tigert wie ein eingesperrter Puma von Zimmer zu Zimmer, ich hinterher. Wir sind wie auf Koks. Wir haben nicht mehr an diesen Anruf geglaubt. Natürlich sind wir nicht vorbereitet! Es ist noch so viel zu organisieren, doch das ist kein Problem. Wir haben schon einiges zusammen durchgestanden. Wir sind Meister des Improvisierens.

Irgendwann nachts liegen wir endlich aneinandergeschmiegt im Bett und starren auf die blau gestrichene Decke. Wahrscheinlich denken wir das Gleiche: Wie wird unser Leo aus­sehen? Werden wir ihn lieben können, so wie er ist? Wie wird sich unser Leben in einer Woche anfühlen? Und in fünf Jahren? Werden wir überhaupt noch zusammen sein? Werden wir zu dritt unsere Traumreise nach Südafrika machen können? Irgendwann, bevor der Sohnematz in die Pubertät kommt, und wir noch nicht ergraut sind?

Ich liege lange wach. Während Enno längst den Schlaf der Gerechten schläft, kriege ich kein Auge zu. Es ist die Stunde des Wolfes, die Zeit, in der die Zweifel angekrochen kommen. Bin ich wirklich bereit, Mutter zu werden? Ich habe keine Schwangerschaftsvorbereitungskurse absolviert, habe keine Hebamme, die mich begleiten wird, keine Freundinnen, die gerade entbunden haben. Ich besitze ein einziges Buch über Babys, das ich zum Glück gerade noch fertig gelesen habe. »Friedliche Babys und zufriedene Mütter«, ein Mut machender Titel.

Wann ist man bereit, Eltern zu sein? Sind Muttergefühle in uns angelegt? Werde ich den Geruch des Kindes mögen, auch wenn es nicht in meinem Bauch gewesen ist? Wird meine Mutter, die kurz vor der Rente steht, frei bekommen, um uns in den nächsten zwei Wochen zu unterstützen? Ansonsten müsste mein Mann seine lang geplante Weiterbildung absagen, die über seine berufliche Zukunft entscheidet.

»Geht nicht, gibt’s nicht«, klingelt in meinen Ohren der Lieblingsspruch meines Schwagers. »Morgenstund hat Gold im Mund«, gesellt sich als gutes deutsches Sprichwort dazu.

Irgendwann überliste ich die Zweifel. Das Einzige, worüber ich mir in dieser Nacht keine Sorgen mache, ist die Gesundheit des Babys. Wieso sollte mit unserem kleinen Leo, der auf einer unbekannten Säuglingsstation auf uns wartet, etwas nicht in Ordnung sein?

»Erzählt mir davon, als ihr mich zum ersten Mal gesehen habt«, bittet uns Leo in regelmäßigen Abständen. Dabei schmiegt er sich an uns an und steckt all seine Finger in den Mund. Das macht er bis heute noch.

Erinnerung ist etwas, an dem wir immer neu stricken. Heute bin ich sicher, dass ich an jenem unvergesslichen Morgen sofort eine unsichtbare Nabelschnur spürte, die mich und das zutrauliche Baby mit den Riesenaugen verband. Dieses Kind gehörte einfach zu uns.

Woran ich mich nicht so gut erinnere, sind meine »verbotenen« Gedanken: Etwas an dem winzigen Kerl in dem viel zu großen Kinderbett war ungewöhnlich. Ich konnte es in dem Moment nicht in Worte fassen, später sagte mir Enno, dass er das Gleiche dachte. Als ob wir uns nicht trauten, diesen Eindruck laut zu äußern, um den kleinen Leo nicht zu beleidigen. Es war ja nicht so, dass wir zahllose Neugeborene gesehen hätten. Auch kannten wir keine YouTube-Videos, die da hießen: »So sehen gesunde und muntere Neugeborene aus.«

Heute würde ich diesen ersten Eindruck so formulieren: Es wirkte so, als ob unser Kind in einer imaginären Hängematte hing und eine unsichtbare Rüstung um seinen kleinen Rumpf trug. Leo war da und doch nicht da. Erst rückblickend wird mir bewusst, dass er kaum gestrampelt oder mit den Fäusten gefochten hatte.

Aber er nahm uns wahr – das war deutlich zu spüren. Wäre er eine Katze gewesen, säße er hinter den Plexiglaswänden des Bettchens mit hochgereckten Ohren und wachen Augen. Er schien es zu mögen, von unseren Händen und Stimmen gehalten zu werden. Und als er die Flasche entgegennahm und sie nicht mehr losließ, wusste ich: Auch wenn dieser winzige Körper noch nicht ganz da war, so war dieser süße Mund vollständig in unserer Welt angekommen. Wer so einen Hunger auf Milch hatte, der wollte leben und kämpfen!

»Sehen Sie?«, sagte Schwester Ingrid zu Enno, als wir am nächsten Tag unseren Schatz abholen kamen: »Ihre Frau ist das geborene Muttertier! Die haben doch alle das ›Mutter-Gen‹! Beim ersten Mal starren sie hilflos auf die volle Windel, zwei Stunden später halten sie dir einen Vortrag über den Vorteil von Stoffwindeln gegenüber Zellstoff.«

Die weise Kinderkrankenschwester wusste natürlich nicht, wie schnell Enno die Pampers seines Neffen wechseln konnte und wie ungeschickt ich mich dabei anstellte. Das war auch egal. Ich hoffte vor allem eins: Dass unser Baby bis jetzt gut versorgt worden war.

Ich glaube nicht, dass meine Mutter sich großartig Gedanken über ihre Muttergefühle gemacht hatte, als ich auf die Welt kam. Und ich glaube kaum, dass meine Oma sie danach fragte. Oma war gekommen, um zu helfen. Es wurde gewickelt, gewaschen, gesungen, mit Schmalz eingerieben und nebenbei Wissen weitergegeben, von einer Generation an die nächste.

Das Erste, was das Adoptionsamt am Telefon wissen will, ist, wie es mir und dem Baby denn so ginge.

»Uns geht es wunderbar, Frau Horst!«, zwitschere ich möglichst munter in den Hörer.

Die Sozialarbeiterin, die uns jetzt »zur Seite steht«, heißt leider nicht mehr Frau Morgenrot, sondern Frau Horst. Es ist acht Uhr morgens, der fünfte Tag nach Leos Ankunft, ich habe gerade die zweite turbulente Nacht hinter mir, in der ich allein »Babydienst« geschoben habe. Meine Mutter hat zwei Nächte in Folge »frei bekommen«, damit sie zu Kräften kommt. Ich muss sowieso für die Zeit nach ihrer Abreise üben. Mama und Baby müssen sich daran gewöhnen, zu zweit klarzukommen, wenn Papa Enno nachts anderweitig gebraucht wird.

Ich hoffe, dass Frau Horst sich nicht so genau nach Enno erkundigt. Denn ich weiß nicht, ob ein frisch gebackener Adoptiv­vater in den ersten Wochen weg sein darf, um eine Fortbildung zu machen. Zum Glück scheint das Amt davon auszugehen, dass mein Mann ganz normal zur Arbeit gefahren ist.

Ich berichte brav über meinen Tagesablauf mit Leo, doch Frau Horst gibt sich nicht mit Oberflächlichkeiten ab.

»Beschreiben Sie mir, wie Sie sich fühlen!«, werde ich aufgefordert.

Gut, dass das Video-Telefonieren nicht flächendeckend eingeführt ist! Sonst würde das Amt meine dunklen Augenränder bemerken. Dürfen frisch gebackene Adoptivmütter müde aussehen? Darf ich erzählen, wie oft ich heute Nacht Leo in den Armen gewiegt habe, wie oft ich ihm die Flasche gegeben habe und wie anstrengend das war? Würde mir das als unverzeih­liche Schwäche angekreidet werden? Soll ich auch von den Glücksgefühlen berichten, die mich überkommen, wenn ich Leos zufriedenes Schmatzen höre oder seine Füßchen küsse?

Aber um Leo geht es weniger als um mich. Also erzähle ich irgendwas und merke, wie ich immer gereizter werde. Ruhig Blut!, ermahne ich mich. Die Sozialtante wird doch dafür bezahlt, misstrauisch zu sein. Denn woher kann sie wissen, dass wir wirklich keine Kinderfresser sind?

Als Frau Horst mit scharfem Ton nachfasst:

»Jetzt sagen Sie doch endlich, ob Sie sich über das Kind freuen!«, da platzt es aus mir heraus:

»Frau Horst – würden Sie an meiner Stelle jetzt »Nein« sagen?«

Endlich lässt sie locker, lacht etwas bemüht.

Als sie auflegte, machte ich mir Vorwürfe. Hoffentlich war es kein Fehler, so zu reagieren! Ein Jahr lang würde das Amt in Gestalt von Frau Horst kontrollieren, ob wir tatsächlich geeignet sind, Eltern zu sein. Ob unsere Bindung zum Kind und insbesondere meine Bindung zum Baby auch wirklich gelingen.

»Mach dich nicht verrückt, du hast alles richtig gemacht«, be­ruhigte mich Enno später am Telefon. »Ich hätte ihr an deiner Stelle erzählt, dass sie sich im Ton vergreift.«

»Ja mein Lieber, du hast gut reden. Nächstes Mal stelle ich Frau Horst direkt zu dir durch in den Notarztwagen.«

So schlich sich der erste Unfriede in ein Haus, das vom Auge des Staates bewacht wurde.

»Komm, war nicht so gemeint, mein Wiesel«, lenkte Enno ein. »Hast du ihr erzählt, dass der Kleine sehr gierig trinkt und unruhig schläft?«

»Das ist normal für so ein kleines Kerlchen.«

»Na, dann ist alles gut! Ich freue mich auf euch.«

Natürlich ist alles gut, dachte ich trotzig. Man muss sich einfach aufeinander einstellen, das Baby kennenlernen, sich auf seinen Rhythmus einschwingen. Wer kann schon über Nacht zur Super-Nanny mutieren?

Und doch nagten erste Zweifel an mir.

Mein Löwenkind

»Von Behinderung bedroht!«

Von unschuldigen Wörtern und unheimlichen ­Amtsbesuchen

»Na du kleiner Kämpfer?«, flüstert Frau Horst. »Du hast aber dicke Bäckchen gekriegt.«

Mit Kleinkindern kann sie offenbar besser als mit Erwachsenen. Unsere Fachfrau vom Amt kniet vorm Kinderbett und steckt Leo eine Rassel durch die Gitterstäbe zu. Wie im Zoo bei den Affen, schießt es mir durch den Kopf. Nur dass unser kleiner Pavian den hohen Besuch keines Blickes würdigt und auch nicht daran denkt, die Rassel in Empfang zu nehmen.

»Greifen tut er wohl noch nicht!«

War das eine Frage oder eine Feststellung?

»Doch«, widerspreche ich. »Wenn ich ihm das Fläschchen gebe, reißt er mir das fast aus den Händen!«

Doch Frau Horst will auf etwas anderes hinaus. Sie verrenkt sich vor dem Bett, schneidet Grimassen, winkt: Leo scheint sie nicht weiter zu beachten. Als sie mit der Zunge schnalzt, dreht er sich endlich zu ihr um.

»Hier, Spatzi, hier bin ich!«, schnippt sie mit den Fingern.

»Sehen Sie!«, sage ich erleichtert. »Er reagiert prima!«

»Na ja«, erwidert sie mit sonorer Stimme. »Aber angeguckt hat er mich trotzdem nicht wirklich. Ist das Ihnen bis jetzt nicht aufgefallen?«

»Mich guckt er schon an«, gebe ich mich ruhig. »Wir haben ihm frühzeitig beigebracht, sich vor Fremden in Acht zu nehmen.«

Klar, ist mir aufgefallen, dass Leo lange braucht, um einen anzugucken, zu lange für seine zehn Wochen. Aber ist das nicht normal für ein Kind, das zu früh geboren wurde und bereits vor der Geburt einiges erlebt hat? Frau Horst hatte uns bei der Vermittlung doch gewarnt, dass der kleine Kämpfer einige Zeit brauchen wird, um anzukommen. Warum tat sie jetzt so überrascht? Oder wollte sie etwa andeuten, dass das Amt mit unserer Pflege unzufrieden ist und uns das Kind wegnehmen will?

Doch meine Befürchtungen scheinen unbegründet. Frau Horst verabschiedet sich freundlicher als beim letzten Mal, lobt sogar im Rahmen ihrer Möglichkeiten die sich »anbahnende Mutter-Kind-Bindung«.

Eins hatte sie allerdings geschafft: Mich mit ihrem Verdacht zu infizieren, auch wenn ich nicht genau wusste, mit was für einem. Als mein Baby und ich wieder zu zweit blieben, schien alles wie immer: Ich sprach mit ihm, ich summte, sang, kitzelte, streichelte, massierte. Und doch dachte ich immerfort: Hat er mich wirklich angeguckt oder nur auf meine Geräusche rea­giert? War Leo womöglich blind? Aber das hätten die Ärzte in der Neonatologie schon längst entdeckt! Sie hatten ja mehrere Wochen Zeit dafür. Wenn er allerdings keinen Sehschaden hatte, warum fixierte er so schlecht?

Als Enno anrief, um zu fragen, wie die »Inspektion« verlaufen sei, weinte ich fast in den Hörer. Er lauschte eine Weile, um abschließend eine seiner Enno-Beruhigungs-Pillen zu verabreichen:

»Freu dich doch, mein Wiesel. Wenigstens ist er nicht taub!«

Er hatte ja recht.

Während Leo ein Nickerchen hielt, nahm ich mir seinen Entlassungsbericht vor und entdeckte auf der letzten Seite eine rätselhafte Fußnote: Empfehlung von Krankengymnastik. Bis spätestens zur achten Woche.

Wie konnten wir diese Zeile übersehen? Hatten uns die aufwühlenden Details über Leos Geschichte und seine dramatische Geburt so blind gemacht? Hatte uns der Gedanke an seine ersten Tage derart mitgenommen, dass wir diese wichtige Anmerkung überlesen hatten? Offenbar war diese Fußzeile auch der guten Frau Horst entgangen. Hoffentlich! Gott sei Dank, waren wir noch nicht zu spät dran.

»Du fängst ja früh mit dem Sport an, mein Kind«, ich kraule dem schlafenden Leo den Bauch. Er liegt auf dem Rücken, mit ausgestreckten Armen. Wenn er eins hat – dann Haare. Mit seiner dichten, rötlich-braunen Mähne sieht er zunehmend wie ein Löwenbaby aus. Gymnastik, das wäre eine gute Sache. Aber warum »Kranken«-Gymnastik?

Abends ruft Enno auf mein Drängen bei Sabine an, einer Ex-Kommilitonin, die gerade den Facharzt für Kinderheilkunde gemacht hat. Wir wollen uns nur mal pro forma über das Thema informieren.

Sie beruhigt uns. Krankengymnastik würde sehr häufig verschrieben werden, um rechtzeitig Haltungsschäden vorzubeugen und den lahmeren Kandidaten etwas Lebensfeuer unter die kleinen Hintern zu blasen. Je früher, desto besser.

»Was meinte sie denn mit ›je früher, desto besser‹«, hake ich bei Enno nach.

»Das sind Sätze, die man automatisch sagt!«

»Nein. Sie wollte uns damit etwas mitteilen, sie wollte uns nur nicht beunruhigen.«

Irgendwann platzt auch einem Enno der Kragen:

»Nein! Ich ruf nicht noch mal bei Sabine an! Und du auch nicht! Ich weiß, wie lästig es ist, nach zehn Stunden Krankenhaus zu Hause Telefondienst zu schieben.«

»Na gut.« Ich zeige mich einsichtig.

Zum Glück ist unser Kind im Zeitalter des Internets geboren. Die Suchmaschine zeigt für unseren Stadtteil mindestens drei Praxen für Kinder-Krankengymnastik an. Was für ein Luxus! Noch ahne ich nicht, dass dies erst der Beginn von Leos ausschweifendem »Luxusleben« sein wird.

Wann habe ich das Wort »behindert« in Zusammenhang mit unserem Kind das erste Mal gehört? Wenn ich mich nicht irre, geschah das während seines dritten Termins bei Frau Lustig, seiner ersten Krankengymnastin.

Zum Glück liegt das Behandlungszimmer im fünften Stock, und so kann ich mich gelegentlich in die Aussicht auf die Einkaufsstraße retten. Denn der Anblick meines halbnackten Babys in den Händen dieser Therapeutin behagt mir nicht. Ich höre Begriffe, die ich nicht verstehe, wie zum Beispiel Therapie »nach Bobath«, »nach Voita«, das finde ich aber halb so schlimm. Was mich mehr beunruhigt, ist der Kontrast zwischen ihrem Namen und ihrer Person. Frau Lustig ist zwar nett und aufmerksam, aber sie strahlt etwas Traurig-Verbissenes aus, das sich auf ihre Gesten und Worte gegenüber Leo überträgt. Sie hätte besser »Frau Traurig« heißen sollen.

Als er zum dritten Mal innerhalb einer halben Stunde aufjault und in Tränen ausbricht, wage ich zu fragen, ob das denn normal sei, wenn Babys während der Behandlung leiden müssen.

Frau Lustig lächelt gütig und sagt:

»Vertrauen Sie mir. Ich weiß, was für Ihren Sohn gut ist. Ich habe auch ein behindertes Kind.«

Die Arme, ist mein erster Gedanke.

»Was hat denn Ihr Kind?«, frage ich kleinlaut. So viel geballter Kompetenz kann ich schlecht widersprechen.

»Spastische Lähmung. Aber stärker ausgeprägt als bei Ihrem Baby.«