Maria Hagenschneider

Tage voller Leben

Unsere gemeinsame Zeit im Hospiz

Patmos Verlag

Die Hospizbewegung

»Die moderne Hospizbewegung (hospitium = lat. Herberge) sieht sich in der Tradition derjenigen Herbergen, die ab dem Ende des 4. Jahrhunderts nach Christus entlang der Pilgerrouten in ganz Europa entstanden und die gleichermaßen gesunden und kranken Pilgern Gastfreundschaft boten. Erst im Laufe der Zeit hatten die Herbergen vorrangig die Pflege kranker Menschen zum Ziel. An diese ›Herbergen‹ knüpft die moderne Hospizbewegung symbolisch an, indem sie Orte schaffen will, an denen schwerstkranke und sterbende Menschen auf ihrem letzten Weg versorgt und begleitet werden, damit sie an ihrem Lebensende in Würde Abschied nehmen können.

In diesem Sinne gründete Dame Dr. Cicely Saunders 1967 das St. Christopher’s Hospice in London. Von dort breitete sich die moderne Hospizbewegung in viele Länder innerhalb und außerhalb Europas aus. In den 80er Jahren wurden auch in Deutschland die ersten hospizlichen und palliativen Einrichtungen gegründet. Neben dem vielfachen Einsatz auch vieler Hauptamtlicher wurde die Hospizbewegung wesentlich von der Überzeugungskraft und dem Engagement zahlreicher Bürgerinnen und Bürger als eine Bürgerbewegung getragen. Motiviert war dieses Engagement von der von Tabuisierung gekennzeichneten, häufig unwürdigen Situation schwerstkranker und sterbender Menschen vor allem in Krankenhäusern, aber auch in anderen modernen Einrichtungen. Es fehlte – und fehlt auch heute noch – häufig eine angemessene Betreuung schwerstkranker Menschen, die den körperlichen, sozialen, psychischen und spirituellen Bedürfnissen am Lebensende umfassend Rechnung trägt und die Angehörigen und Nahestehenden einbezieht.«

(vgl. dhpv / Deutscher Hospiz- und PalliativVerband e. V. 18. 1. 16)

Zurzeit existieren nach Angaben des dhpv 214 stationäre Hospize für Erwachsene und 14 für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. In den Erwachsenenhospizen werden jährlich ca. 30.000 Menschen versorgt, wobei jedes Hospiz im Durchschnitt über zehn Betten verfügt.

Übersichten über Palliativstationen, Palliativmediziner, stationäre und ambulante Hospize sowie Angebote für Erwachsene, Kinder und Jugendliche erhält man neben Hintergrundinformationen und gesetzlichen Grundlagen unter folgender Adresse:

Deutscher Hospiz- und PalliativVerband e. V.

Aachener Straße 5

10713 Berlin

Tel.: 030-82 00 75 80

http://www.dhpv.de/service_hospizadressen.html

Trauernden und Hinterbleibenden empfehle ich, bei Bedarf sich bei den ambulanten Hospizen im jeweiligen Lebensumfeld nach geeigneten Trauerbegleitern und Angeboten, wie Trauercafé, Trauerworkshops …, zu erkundigen (siehe: dhpv).

Ebenso kann man über die Wohlfahrtsverbände Angebote wie Trauer­seminare finden. Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsverbände:

http://www.bagfw.de/ueber-uns/mitgliedsverbaende

Verwiesen sei auch auf die Internetpräsenz des Bundesverbandes Trauer­begleitung e. V.:

http://bv-trauerbegleitung.de/

ÜBER DIE AUTORIN

Maria Hagenschneider arbeitete bis zur Eheschließung mit Klaus Hagenschneider als Religionspädagogin in Kirchengemeinden und Schulen und später als Erzieherin und Heilpädagogin.

Ihr Ehemann, katholischer Theologe und knapp zehn Jahre als Priester tätig, dann als Gefängnispsychologe, erkrankte an einem Karzinom. Sie zog mit ihm ins örtliche Hospiz. Dort verstarb Klaus Hagenschneider nach einem zehnwöchigen Aufenthalt.

ÜBER DAS BUCH

Was geschieht, wenn jemand ins Hospiz umzieht, um dort zu sterben?

Maria Hagenschneider erzählt, wie Sie mit ihrem sterbenskranken Mann überraschend lange zehn Wochen in einem stationären Hospiz gelebt hat – mit allen Höhen und Tiefen, mit den Herausforderungen und Chancen für sie als Einzelne und als Paar.

„Tage voller Leben“ gewährt Einblicke in das Leben im Hospiz und in die Erlebnisse und Gespräche dieses Paares. Die Autorin erzählt in Rückblenden und Reflexionen vom Abschiednehmen, vom Auskosten jeder schmerzfreien Stunde, von der Freude an wohltuenden Begegnungen, von überraschend neuen Erfahrungen, die bis zum letzten Atemzug möglich sind.

Auch von der Sorge der Pflegenden ist die Rede, die eigenen Grenzen zu achten und sich in der emotional so anstrengenden Zeit nicht zu überfordern.

Eine authentische, bewegende Erzählung über Tage voller Leben bis zum guten Ende.

Auch als Printausgabe erhältlich.

www.patmos.de/ISBN978-3-8436-0898-5

IMPRESSUM

Weitere interessante Lesetipps finden Sie unter:

www.patmos.de

Alle Rechte vorbehalten.

Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

© 2017 Patmos Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern

Umschlaggestaltung: Finken & Bumiller, Stuttgart

Umschlagabbildung: shutterstock

ISBN 978-3-8436-0898-5 (Print)

ISBN 978-3-8436-0899-2 (eBook)

HINWEISE DES VERLAGS

Wenn Ihnen dieses eBook gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weitere interessante Titel aus unserem eBook-Programm. Melden Sie sich bei unserem Newsletter an oder besuchen Sie uns auf unserer Homepage:

www.verlagsgruppe-patmos.de

Die Verlagsgruppe Patmos bei Facebook

www.facebook.com/lebegut

Die Verlagsgruppe Patmos bei Instagram

www.instagram.com/lebegut

Inhalt

Eine Handvoll Scherben

Vorwort

Das bin ich – da bin ich

Der weiße Stein

manchmal

Schwerer Umzug

Ankommen

Ahnungen

Wunderglaube

Schöntrauriger Sommer

Aufstieg und Niedergang

Diese Musik

Morgen schon?

Ostertage

Vater

Todgeweiht

Gehirnakrobat

Mutter

Trosthaut

Trauer

Komm heim

Briefe

Söckchen

Weizenbier

Unsere Kinder

Große Reise im Gästezimmer

Komm, tanz mit mir

Ich suche dich

Auf der Suche nach dir

Rote Hose

Weiße Rosen auf schwarzem Grund

Am Ende meiner Kraft

Ein evangelisches und ein katholisches Kind

Wintergärten – Himmelssichten

Exuvie

Hochzeitstag – the last Mon Chéri

Der Tag der Segnungen

Haltung

Geburtstag – Sterbetag – Hochzeitstag

Gestorben

Leben und Tod

Abschiedsfeier

Du und ich

Was vorbei ist, ist nicht vorbei – Bestattung

Grabbeigaben

Zum Ende des so langen Briefes


Nachwort:
Selbstbestimmtes Sterben

Anhang

Literatur

Die Hospizbewegung


Über die Autorin

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags


Eine Handvoll Scherben

Vielleicht bleibt am Ende auch

von den Bemühungen der Liebenden

nichts übrig

als eine Handvoll Scherben.

Ein paar Scherben,

in denen sich ein paar Lichter spiegeln.

Aber dies, eine Scherbe sein,

in der sich ein wenig

vom Glanz Gottes spiegelt,

das ist am Ende die einzige Ganzheit,

die uns erreichbar ist.

Und das soll genug sein.

Nun aber bleiben Glaube,

Hoffnung, Liebe.

Glaube wird sich wandeln in Schauen.

Hoffnung in dankbaren Lobgesang.

Allein die Liebe bleibt, was sie war.

Darum, was bleibt

in Zeit und Ewigkeit,

stiftet der liebende Gott,

stiften die Liebenden mit ihm.

Jörg Zink1

Vorwort

Im November 2012 starb mein Mann, Klaus Hagenschneider, in einem Hospiz in Hamm. Die Zeit bis zu seinem Tod habe ich dort gemeinsam mit ihm gelebt. Unser Aufenthalt dauerte unerwartet lange, genau 75 Tage. In diesen 75 Tagen habe ich versucht, ihn – so gut ich es vermochte – im Prozess seines Sterbens zu begleiten. Ich erlebte, wie uns in dieser Phase noch einmal ungeahnte Hoch-Zeiten geschenkt wurden. Aber auch Abgründe taten sich auf. Zuweilen war der Boden unter meinen Füßen brüchig.

Letztlich haben unsere Liebe und unser Glaube es vermocht, Brücken zu bauen, zu über-brücken. Wichtig waren dabei unsere Familien und Freunde ebenso wie die professionelle Unterstützung durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hospizes.

Auf dem Weg als Hinterbleibende wurden dann – neben anderen kreativen Aktivitäten – Papier und Stift meine Begleiter. Die Erinnerungen an Klaus wollte ich festschreiben und damit bewahren, zunächst nur für mich selbst. Aber auch dem Blick in meine eigenen Abgründe wollte ich mich stellen. Das Schreiben half mir beim Weiterleben.

Freunde, denen ich einzelne Kapitel zu lesen gab, ermutigten mich, meine Aufzeichnungen als Buch zu veröffentlichen. Einige Menschen, die ähnliche Situationen durchlebten und denen ich von meinen Gefühlen – diesem Spagat zwischen Stärke und Kraftlosigkeit – erzählte, bestärkten mich in meinem Vorhaben: »Wie gut«, bekam ich zu hören, »dass meine Gedanken und Gefühle nicht anormal sind. Wie gut, wenn du sie formulierst und ich mich in deinen Worten wiederfinden kann. Es hilft mir, mich zu verstehen und zu mir selbst zu stehen. Es hilft mir, gnädig mit mir selbst zu sein.«

Allerdings gab es auch Stimmen, die mich zur Vorsicht mahnten. Jeder von uns, lebendig oder tot, hat ein Recht darauf, nicht aller Geheimnisse beraubt zu werden. Einen großen Teil unseres Lebens lieben, leiden, hoffen und gestalten wir im Verborgenen. Viele Lebenszeiten gehören nur uns und denen, mit denen wir gelebt haben. Und das soll auch so bleiben. Daher liegt es mir fern, unser Verhalten sowie unsere Gedanken und Gefühle distanzlos in die Öffentlichkeit zu bringen. Jedoch lässt sich wohl kaum von eigener Betroffenheit erzählen, ohne dabei offen und ehrlich zu sein. So habe ich behutsam und im inneren Dialog mit meinem Mann Klaus verschiedene Episoden unserer gemeinsamen Geschichte zu diesem Buch zusammengestellt.

Mein Anliegen ist es, Angehörige von Sterbenden zu ermutigen, Sterbehilfe im wahrsten Wortsinn zu leisten: dem Sterbenden durch eine einfühlsame Begleitung zu helfen und dabei zugleich die eigenen Bedürfnisse und Grenzen achtsam wahrzunehmen.

Ebenso möchte ich durch unser Beispiel Einblicke in das Leben in einem stationären Hospiz geben. Für Menschen, die vor der Entscheidung stehen, den Schritt zum Sterben im Hospiz zu tun, mag das Buch Entscheidungshilfen bieten – und zwar gleichermaßen für Sterbende wie für ihre Begleiter.

Meinen Mann lasse ich mit einigen ausgewählten Passagen aus seinen umfangreichen Aufzeichnungen persönlich zu Wort kommen, mit der Intention, ihm »seine Kanzel« zur Verfügung zu stellen. Mein Mann war katholischer Priester, bevor wir uns kennen und lieben lernten. Seine Ansprachen und Predigten hatten immer eine große Aussagekraft. Nachdem wir geheiratet hatten, musste er sich gezwungenermaßen beruflich umorientieren. Auch als Gefängnispsychologe waren es seine Wortgewandtheit und die Freude am punktgenauen Formulieren von Gutachten und anderen Texten, die ihn besonders auszeichneten.

In den Jahren seiner Krebserkrankung hat er seinen Glauben an einer schweren Lebensrealität messen müssen. Aus meiner Sicht hat dieser Glaube dabei weiter an Tiefe gewonnen. Gläubigen und Zweiflern mögen seine Gedanken hilfreich sein.

Insgesamt hoffe ich, dass die Leserinnen und Leser dieses Buches auch staunend wahrnehmen können, dass Sterbebegleitung alles andere als nur schwarz-grau oder einfarbig ist, sondern ein wunderbares Spektrum aller Farben bietet. Letztendlich kann diese erlebte und gestaltete Zeit ein Leben reicher, tiefer und vielfarbiger machen. Auch das gilt gleichermaßen für den Sterbenden wie für seine Angehörigen und Freunde. Die ungeahnte Vielfalt der Farben können wir Hinterbleibenden mitnehmen in unsere Zeit danach.

An dieser Stelle bedanke ich mich herzlich bei Petra von der Linde für die redaktionelle Bearbeitung des Manuskriptes. Sie hat sich in fachlich großartiger Weise und mit viel Empathie und Feinfühligkeit meinem Text gewidmet.

Maria Hagenschneider, Hamm, im Januar 2016


Das bin ich – da bin ich

Da bin ich und

swinge über tragende Tanzflächen,

taste mich über brüchige Böden,

übersteige Hindernisse,

umschiffe Felsen,

schleppe mich durch die Wüsten,

hebe Trauersteine auf und lege sie ab

und raste auf Blumenwiesen.

Ich wandere durch unsere Träume voller Hoffnungen

und stelle mich den Albträumen.

Ich durchschreite die Räume unseres WIR,

und immer bin ich es, die da unterwegs ist.

Mein Leben,

mein Leben mit dir,

mein Fühlen, mein Denken,

meine Zweifel, meine Traurigkeiten,

mein Glück,

meine Wahrheiten,

ja, meine Wahrheiten

bringe ich ins Wort.

Deine Bilder, die ich kenne,

deine Worte, die ich hörte,

deine Tränen, die du vor mir weintest und mit mir,

dein Lachen, wie ich es liebte,

dein Leben, wie ich es miterlebt habe,

webe ich in meinen Wortteppich ein.

Der Wahrheit auf der Spur.

Ich werde sie nie wirklich gewinnen.

Der Liebe auf der Spur.

Ich habe viel davon bekommen, geschenkt und gesammelt.

Der Zukunft auf der Spur,

auf die ich mich mit dir und ohne dich einlasse.

Gott auf der Spur,

den ich den Ewigen nenne, seit du tot bist.

Der weiße Stein

Februar 2015

Seit mehr als zwei Jahren bist du tot, und ich nehme heute den weißen Stein in meine Hände. Auf ihm steht dein Name. Er kündete von deinem Tod an dem Morgen, als du verstorben bist. Neben der brennenden Kerze lag er auf dem Tisch im Flur des Hospizes. Ich habe ihn später mitgenommen. Er liegt hier bei all den schönen Kleinigkeiten, die ich in Erinnerung an dich gesammelt habe.

Ich nehme den weißen Stein in die Hände. Er ist kalt. Ich weine. Ich erinnere mich an die Kälte deines toten Körpers. Eine Kälte, die kälter war, als ich sie je gespürt hatte. Mehr als steinern, mehr als bleiern, mehr als felsenschwer. Halte ich den Stein lange in den Händen, wird er warm. Du wirst nie wieder warm werden.

Vor mehr als zwei Jahren bist du gestorben. Ich schreie laut. Vor deinem Tod habe ich nicht gewusst, wie schrill und brüllend sich die Trauer vertont, wie dumpf und laut die Klagen sein können, wie animalisch der Schmerz und jeder seiner Laute, wie unsagbar die Sehnsucht schreit, deinen Namen ruft. Dankbar bin ich, dass ich unser Haus allein bewohne. Diese Traurigkeit gehört nur mir.

Immer wieder gibt es diese Tage, die sich anfühlen, als wärst du gerade erst gestorben. Immer wieder gibt es diese Tage, an denen ich es kaum ertragen kann, dir nie mehr zu begegnen. Das Nie-mehr hämmert sich in mein Bewusstsein.

Nie mehr.

Nie mehr.

Nie mehr.


manchmal

manchmal

Verbrennungen dritten Grades

all-überall

keine heile Stelle mehr

nirgendwo unverletzt

wund, so wund

rohes Fleisch

roher Schmerz

rohe Gewalt der Trauer

leg mich

unter ein

Sauerstoffzelt

und atme reine Lebensluft

und atme Ewigkeit

und dufte

dufte um mich herum

dufte nach Rosen

dufte nach Veilchen

nein

dufte nach Rosen

nach Rosen

nach Rosen

Erinnerst du dich daran, mein Liebster in der Ewigkeit, als wir im Hospiz ankamen?

Schwerer Umzug

14. September 2012

Da sitzen wir beide. Zwei Betten stehen im Zimmer – eines davon an der Wand, das andere frei im Raum. Das kleine tiefe Fenster ist auf Augenhöhe für einen Bettlägerigen angelegt und lenkt den Blick nach draußen. Ein Gedanke blitzt kurz auf: Wie schön, noch im Liegen hinausschauen zu können.

Der Baum vor dem Fenster verdunkelt den Raum. Eine Blume in der Vase auf dem kleinen quadratischen Tisch heißt uns willkommen. Später erinnere ich mich nicht mehr, ob es eine Dahlie war oder eine Sonnenblume.

Eines der Betten steht so im Raum, dass es mit der Stirnseite die rückwärtige Wand berührt, das andere steht in einer Ecke an der Wand. Ein Zustellbett. Mein Bett, denke ich, hineingeschoben, weil ich mitkommen wollte. Ohne dieses zweite Bett wäre das Zimmer geräumig.

Mein Blick schweift umher und bleibt an dir hängen. Ich sehe dich. Ich sehe dich an. Du wirkst wie ein Möbelstück, bist fest verbunden mit dem Rollstuhl. Ein unbewegliches Raumelement, denke ich und spüre einen stechenden Schmerz in der Herzgegend. Unser neues Zuhause. Nein. Kein Zuhause. Wir sind ja Gäste hier. Ein Gasthaus. Ein Gasthaus am Weg.

Was habe ich erwartet? – Es gab keine räumlichen Vorstellungen von diesem Haus, das ich bisher nur im Vorbeifahren gesehen habe. Ich habe mir keine Raumbilder gemacht. Die Zeit war zu kurz gewesen von unserer Entscheidung bis zum Einzug.

Hier also sitzen wir. Spontan regt sich Widerstand in mir.

Hier will ich nicht bleiben! Da steht zwar dieses zweite Bett. Ich bin ausdrücklich willkommen. Und trotzdem. Das Arrangement der Möbel zeigt mir, dass eine zweite Person in diesem Zimmer eigentlich nicht eingeplant ist.

Ich bin ein Eindringling. Von dem wenigen Raum, den du, mein sterbenskranker Mann, hier hast, nehme ich dir noch ein paar Quadrat­meter weg. Es wird eng für dich werden, weil ich mitgekommen bin.

Ich will nicht bleiben. Ich will es ganz und gar nicht. Ich will auch nicht, dass du hier bleibst. Es geht dir doch gut heute. Vielleicht habe ich es nur geträumt, dass es dir so schlecht ging. Vielleicht habe ich all meine Ängste viel zu stark gewichtet. Vielleicht ist dieses Haus, ist dieses Zimmer noch gar nicht dran. Vielleicht könnten wir es doch ohne Hilfe schaffen. Willst du nicht lieber weiterhin daheim leben? Willst du nicht lieber – irgendwann – doch zu Hause sterben? Wollen wir nicht sagen, alles sei ein Versehen, wir hätten es uns anders überlegt?

Ich sehne mich zurück nach unserem schönen Haus, unserem schönen Haus mit all dem, was uns dort ausmacht. Ich denke an unseren Garten und an die Helligkeit der nach Süden ausgerichteten Räume. Heimwehschmerz ergreift mich.

Den heimatlichen Blick tauschen wir nun ein gegen einen Blick auf eine Hecke und einen Baum. Unser Haus, unser Zuhause mit der möblierten Geschichte unseres Lebens, soll für dich vergangen sein. Für ­immer?

Ich protestiere. Doch mein Protest bleibt stumm.

Beklommen sitzt auch du da, lautlos. Du schaust dich um. Du schaust mich an. Ein fragender Blick. Ratlosigkeit. Was geschieht gerade? Was ist dies für eine skurrile Situation? Du bist hierhergekommen, um zu sterben. Ich bin mit dir gekommen, um bei dir zu sein. Was wird man jetzt mit dir tun? Was wird man von uns verlangen? Die Koffer bleiben zunächst unausgepackt.

Die Tür zum Flur steht offen. Wenige Geräusche dringen herein. Ein leichter Essensgeruch weht ins Zimmer. Wir beide bleiben stumm. Die Zeiger der Uhr bewegen sich fast gar nicht. Steht die Zeit gerade still? Hält die Welt den Atem an? Jetzt, wo du dich aufgemacht hast und hierhergezogen bist – sehenden Auges? du wirst in diesem Zimmer sterben.

Im Zeitraffer läuft der Morgen an mir vorbei, der vor allem für mich so hektisch gewesen war. Rasende Zeit. Eine unablässig ablaufende Uhr. Drängende Aktionen. Schnelle Schritte zwischen den Etagen. Atemloses Tun. Und hier? – Absolute Ruhe. Stillstehende Zeit.

Morgens hatte ich einen Handwerker nicht erreichen können, der sich gegen Mittag mit mir verabredet hatte. Der Termin war noch vor der kurzfristigen Entscheidung, ins Hospiz umzuziehen, ausgemacht worden. Die Nachbarin, die ihm die Tür öffnen wollte, war verhindert. So hatte ich eine andere Nachbarin fragen müssen. Dabei hatte ich eigentlich niemandem sagen wollen, weshalb ich nicht daheim sein würde. Ich wollte nicht darüber sprechen, dass ich dich ins Hospiz begleiten würde.

Wie sollte ich eine solch ungeheure Nachricht überhaupt irgendjemandem mitteilen? Ich fürchtete mich vor jeder Reaktion. Ich wollte kein Gespräch über deinen Gesundheitszustand. Ich wollte kein Mitleid. Ich wollte kein Erschrecken. Ich wollte die Augen zumachen und weg, einfach nur weg. Am liebsten wäre es mir gewesen, mich still und unauffällig mit dir davonzustehlen.

Wie konnte ich denn zur Sprache bringen, was in mir und um mich herum gerade geschah? In mir herrschte ein einziges großes Durcheinander. Ich wollte nicht weinen, aber auch nicht mutig sein. Ich fühlte mich nur zusammengehalten von den Verpflichtungen.

Es ging dann doch alles so viel leichter als gedacht. Ein kurzes Gespräch mit einer anderen Nachbarin, ihre empathische Reaktion, die spontane Hilfszusage.

Schon mit dem Aufstehen hatte bei mir eine ruhelose Betriebsamkeit eingesetzt. Du dagegen schienst ruhig und gefasst. Im Jogginganzug saßest du auf einem Stuhl und erledigtest noch Schreibarbeiten. Woher nahmst du diese Ruhe? Woher kam in dieser Situation deine Disziplin? Ich war weiterhin in Aufregung. Ich war in Bewegung. Atemlos. Ruhelos. Hektisch. Ungeordnet.

Du hältst mich an. Du sprichst mich an. Du nennst mich bei meinem Namen: »Maria.« Das hilft mir einen Moment. Es beruhigt mich. Ich halte an. Kurz. Du an diesem Vormittag, ja, das bist du.

Du, mein Mann, hast so häufig versucht, mit deinem Verhalten eine Balance zwischen uns zu schaffen. War ich traurig, hast du deine Traurigkeit beiseitegestellt. War ich unglücklich, warst du für mich da. »Einer von uns muss den Kopf über Wasser behalten!« Das war deine Devise in unserem Zusammenleben. Oft stelltest du dein Befinden hintan und richtetest dein Verhalten nach mir aus. Wenn mich Gefühle und unsortierte Gedanken überfielen und ich nicht in der Lage war, mich zu ordnen und zu konzentrieren, hast du mir geholfen, mein Zentrum wiederzufinden. Oft habe ich mich später gefragt, wieso du, der solche Erfahrungen mit mir gemacht hatte, dir so sicher warst, dass ich mit dem Leben nach deinem Tod zurechtkommen würde. »Du hast die Kraft«, sagtest du ausdrücklich. Es hat mich damals so sehr geärgert. Es hat mich gekränkt, weil ich mich nicht gesehen fühlte als eine, die auch leidet. Ich hätte gerne von deiner Sorge um mich gehört. Dann hätte ich dir darauf antworten können, ich sei stark. Ich hätte gern dir zum Trost gesagt, du müsstest dir keine Sorgen um mich machen. Später erst hat es mich mit Stolz erfüllt, dass du immer noch die in mir gesehen hast, die ich für dich war, als wir uns kennengelernt haben: eine starke Frau.

Ich kehre mit meinen Gedanken ins Hier und Jetzt zurück. Der 14. September 2012 ist der Tag nach der Franziskus-Nacht. Uns beiden war am Tag zuvor der Gedanke an Franziskus gekommen, der alles zurückgelassen hatte. So nannten wir die Nacht Franziskus-Nacht. »Aber ich sterbe nicht nackt auf dem Boden meiner Kirche, wie es Franziskus tat«, hattest du gesagt. Das warst du.

Ich musste an Loriot denken. »Wir teilen alles, und manchmal macht auch einer von uns einen kleinen Scherz«, sagte ich. Und was du mit dem von uns sehr geschätzten heiligen Franziskus sowieso nicht geteilt hast, war seine Körperfeindlichkeit. Du hast dich nicht gegeißelt. Das tat der Krebs. Und auf dem Boden der Kirche zu sterben, gar nackt, das konnte auch nicht dein Ansinnen sein. Da war dir Teresa von Ávilas mutige Zuversicht doch viel näher:

Nichts soll dich ängstigen,

Nichts dich erschrecken,

Alles vergeht,

Gott bleibt derselbe.

Gott genügt.2

Erinnerst du dich, Klaus, dass der Krankenwagen später als vereinbart kam? Das hat mich geärgert. Ich war unleidlich und zickig.

Und dann gab es noch diese Komplikationen beim Verlassen des Hauses, als die beiden Sanitäter dich per Trage aus dem Schlafzimmer im ersten Stock unseres Hauses in den Krankentransporter bringen wollten. Das Treppenhaus erwies sich als zu eng. Ein Transportstuhl wurde herangeschafft. Doch auch der ist nicht schmal genug. So wirst du aufgefordert, selbst die Treppe hinunterzugehen. Du, der sich seit fünf Tagen keine Treppe mehr hinauf- oder hinabgewagt hat, gehst tapfer Stufe für Stufe. Du trägst deinen Jogginganzug, der für einen Liegendtransport gedacht war. Hättest du gewusst, dass du das Haus auf deinen eigenen Beinen verlassen würdest, hättest du eine Tuchhose und ein Hemd getragen. Es wäre dir wichtig gewesen, eine gute Figur zu machen.

Du kommst unten an. Du wendest deinen Kopf der Haustür zu und dem davor stehenden Krankenwagen. Kein Blick schweift in das Wohnzimmer, auch nicht in den Garten, nicht in die Küche. Du konzentrierst dich auf dein Tun. Du gehst zum Krankenwagen ohne einen einzigen Blick zurück. Mir schnürt es die Kehle zu.

Diese widerstreitenden und unsortierten Gefühle in mir sind mächtig. Mein Ärger wächst und meine Unzufriedenheit mit mir selbst ebenso. Und ganz tief darunter gibt es einen abgründigen Schmerz über diesen Abschied. Nach außen richtet sich meine Wut gegen die Fahrer des Krankentransporters. Unfair, natürlich. Hilflos, so hilflos.

Dieser Tag ist einer der schwersten in der Zeit unseres Abschieds, und mit einem einzigen Gedanken daran kann ich bis heute den Schmerz wecken. Wir verlassen unser gemeinsames Haus und wissen, du kehrst nie mehr zurück. Hätte ich gewusst, dass du auf deinen eigenen Beinen gehen konntest, dann hätten wir keinen Liegendtransport angefragt. Dann hätte ich dich in meinem Auto ins Hospiz fahren können. Wäre es nicht um einiges entspannter gewesen, wenn wir beide unabhängig vom Krankentransporter gewesen wären? Außerdem hätten wir die vereinbarte Uhrzeit einhalten können. Ich mag es nicht, mich zu verspäten. Vielleicht war es gut, dass dich Fremde aus dem Haus begleitet haben. Vielleicht haben dich die Fahrer des Krankentransporters davor bewahrt, deinen Gefühlen ausgeliefert zu sein. Vielleicht haben die beiden Fahrer dich vor einem großen Zusammenbruch bewahrt.

Mit dir allein dieses Haus zu verlassen, Zimmer um Zimmer, ja, das hätte ich mir gewünscht. Aber ich muss wohl anerkennen, dass es meine Art gewesen wäre, dass ich mich so verabschiedet hätte. Deine war es offenbar nicht. In meinen Bildern fantasiere ich einen Mann, der Raum für Raum unseres Hauses in den Blick nimmt, verweilt und geht. Ich sehe dich weinen und ich tröste dich, ich, die starke Frau. Du hast das nicht von mir verlangt. Du bist einfach davongegangen. Einfach davon. Einfach?

Du hättest den frühen Morgen mit Abschiednehmen füllen können, wenn du gewollt hättest. Oder war uns doch die Zeit davongelaufen? Oder hattest du innerlich schon längst das Haus hinter dir gelassen?

Später hast du gesagt, du hättest gerne noch zwei bis drei Tage mehr daheim verbracht, um noch ein paar Dinge zu regeln. Du hast nicht vom Abschiednehmen gesprochen. Und ich habe dich nicht danach gefragt. Ob du dich mir nicht zumuten wolltest? Hätten wir den Umzug auf später verschieben können? Wir haben nicht danach gefragt. Der Arzt sagte mir irgendwann, es werde eher schwerer, wenn man mehrere Tage um den Umzug wisse. Du würdest sehr bald sterben, war seine Einschätzung. So hatte er im Hospiz darum gebeten, das Notzimmer belegen zu dürfen, damit wir beide noch eine entspannte und schöne Zeit miteinander haben würden, die vermutlich kurz sein würde.

Du hast den Abschied von daheim nie mehr thematisiert.

Ich habe ihn wie einen Stachel im Fleisch in mir herumgetragen und bin zum ersten und zweiten Jahrestag ins Hospiz gefahren, um dort zu sitzen und mich zu versöhnen. Erst im Nachhinein konnte ich spüren, dass alles gut und richtig gewesen war.