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Christian Rutishauser

Zu Fuß nach Jerusalem

Mein Pilgerweg für Dialog und Frieden

Impressum

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© 2013 Patmos Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern
Umschlaggestaltung: Finken & Bumiller, Stuttgart
Alle Abbildungen: Christian Rutishauser
Hergestellt in Deutschland
ISBN 978-3-8436-0341-6 (Print)
ISBN 978-3-8436-0342-3 (eBook)

 

»Von Zion kommt die Weisung des Herrn, aus Jerusalem sein Wort … Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen.« Jes 2,3f.

»Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem, dann soll mir die rechte Hand verdorren.« Ps 137,5

 

»Als die Zeit herankam, in der er aufgenommen werden sollte, entschloss sich Jesus, nach Jerusalem zu gehen.« Lk 9,51

»Als er näher kam und die Stadt sah, weinte er über sie und sagte: Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden bringt.« Lk 19,41f.

 

»Unsere Heimat aber ist im Himmel.« Phil 3,20

»Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.« Off 21,2

Für Esther, Franz und Hildegard

Inhalt

Vorwort

1. Sehnsucht

2. Die Vision wächst

3. Ouvertüre zu Hause

4. Pfingsten entgegen

5. Im Pilgerrhythmus

6. Auf dem Balkan

7. Verdichtung am Bosporus

8. Exodus konkret

9. Mystik und Geschichte

10. Gewalt in Syrien

11. Warten und Ankommen

12. Jerusalem

Dank

Vorwort

Der Zufall will es, dass ich dieses Vorwort im Hafen von Barcelona schreibe. Eben ist der volle Mond aus dem Meer aufgestiegen und ich habe lange in seinen Glanz auf der Wasserfläche geblickt und der Brandung zugeschaut. Hier hat sich am 20. März 1523 Ignatius von Loyola eingeschifft, um als Pilger über Genua, Venedig und Rhodos nach Jerusalem zu fahren. Auf unserem Pilgerweg zu Fuß von der Schweiz nach Jerusalem haben wir keinen dieser Orte gestreift. Umso dankbarer gedenke ich seiner nun hier in Barcelona, hat Ignatius mein Pilgern doch wesentlich mitbestimmt. Seine 30-tägigen Exerzitien erwiesen sich unterwegs immer mehr als formgebende Kraft. Neben dem alttestamentlichen Exodus aus Ägypten ins gelobte Land und der neutestamentlichen Erzählung von Petrus, der über das Wasser Jesus entgegengeht, waren sie das geistliche Fundament meines Pilgerwegs.

Mit Franz Mali, Hildegard Aepli und Esther Rüthemann bin ich am 2. Juni 2011 im Lassalle-Haus bei Zug aufgebrochen. An Weihnachten desselben Jahres kamen wir in Jerusalem an. Meine Erzählungen handeln jedoch nicht nur von dieser Zeit, auch wenn sie im Zentrum steht. Erst im vierten Kapitel beginnt der Pilgerbericht, denn das Werden des Projekts – von der unbestimmten Sehnsucht bis zu den konkreten Vorbereitungen – wollte ebenfalls geschildert sein. Und das letzte Kapitel wiederum ist den Tagen nach der Ankunft in Jerusalem gewidmet. Es stehen auch nicht die zahlreichen Erlebnisse unterwegs im Vordergrund, vielmehr die geistlichen Erfahrungen und Entwicklungen sowie die Gedanken und Erkenntnisse, die das Pilgern begleitet haben. Dazu gehört mein Bemühen um ein aufrichtiges Gespräch mit Juden und Muslimen, denen Jerusalem ebenso heilig ist wie uns Christen. Wie bruchstückhaft dieser Dialog ist, zeigen die gemachten Erfahrungen deutlich. Doch gerade darin liegt die Einladung, ihn auch in Zukunft weiterzuführen. Dann war der Wille bestimmend, zu Frieden und sozialer Gerechtigkeit beizutragen. Auf dem Balkan, wo wir allenthalben den Spätfolgen des Jugoslawienkriegs begegneten, konnten wir das Pilgern als eine spirituelle Haltung einüben, mit Fragen der Migration besser umzugehen. Für den Nahen Osten, Israel/ Palästina und Jerusalem selbst ist eine realistische und inspirierte Friedensbotschaft notwendiger denn je. Der Aufstand und der ausbrechende Bürgerkrieg in Syrien haben uns besonders gefordert.

Mögen die zwölf Kapitel viele Leserinnen und Leser dazu anregen, über das Pilgern den eigenen geistlichen Weg zu vertiefen, den Dialog zwischen den Religionen zu fördern und sich für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen – in Jerusalem und überall auf der Welt.

Barcelona, 1. September 2012

Christian Rutishauser

1. Sehnsucht

Wann ich zum ersten Mal die Idee hatte, zu Fuß nach Jerusalem zu pilgern, weiß ich nicht mehr. Es scheint mir eine Ewigkeit her. Jedenfalls war schon im Theologiestudium das Pilgern nach Jerusalem ein Thema. Damals entdeckte ich das irdische Jerusalem als Mitte der biblischen Geschichte, was auch den Wunsch weckte, die Stadt mit ihren heiligen Orten eines Tages selbst kennenzulernen. Überhaupt wurde mir die Bibellektüre nie langweilig, im Gegenteil: Die Heilige Schrift war mir eine Schatzkammer voller Erzählungen, die mich existenziell bewegten. Mit Jakob konnte ich streiten und mit Daniel hatte ich Visionen. Mit Amos kritisierte ich den Reichtum und mit David sang ich Lieder. Mit Mose stand ich am Sinai und mit Kohelet klagte ich über die Vergänglichkeit der Welt. Menschen aus Fleisch und Blut traten mir entgegen, fast wie im richtigen Leben. Wie im Kino oder im Theater fühlte ich mich mit den Figuren verbunden, konnte mit ihnen Gespräche führen, sie befragen und herausfordern. Ja, die Bibel war eine ganze Bibliothek der altorientalischen Kultur und eröffnete mir einen immensen Lebensraum. Und in Jerusalem lief alles zusammen wie die Speichen eines Rads in der Nabe.

Das Alte Testament faszinierte mich vom ersten Augenblick an. Den unerbittlich rächenden Gott, von dem andere sprachen, konnte ich darin nicht finden, das Archaische und Mythische dagegen schon. Ich entdeckte den aufklärerischen Impetus einer Religion, welche die alten Götzen und ihre Bilder hinter sich ließ und Gott als den Schöpfer von Himmel und Erde, ja des ganzen Universums erkannte. Vor Ihm erscheint alles relativ und eingeordnet. Er ist die objektive Mitte, die den Menschen vom Wahn befreit, sich selbst in die Mitte setzen zu müssen. Diese Botschaft erscheint mir heute aktueller denn je. Und dieser Gott, der in keinem Haus gefasst werden kann, wie König Salomon erfährt, hat wahrhaftig seine Wohnung in Jerusalem aufgeschlagen. Ein Paradox. Ein Tempel ist da, aber kein Götzenbild. Im Allerheiligsten steht vielmehr die Bundeslade mit dem Zehnwort, ein ethischer Kodex. Hierhin sollte der Hebräer pilgern, dreimal im Jahr. Ein Abbild dieses Gottes sollte er werden. Dieser Aufforderung wird auch Jesus aus Nazareth nachgekommen sein. Sein unbestechliches Handeln, seine radikale Verkündigung zogen mich an. Sein Auftreten als Wanderprediger in Galiläa, seine Gleichnisse mit oft befreiender Pointe, sein Eintreten für das Reich Gottes und seine Heilungstaten – all dies sprach ganz direkt zu mir, bewegend und wahr. Mit ihm sollte eine neue Zeit anbrechen, ein Zeitalter der Freiheit und Gerechtigkeit, wie kein irdisches Gericht und kein politisches System es hervorbringen kann. Denn dass Gott König sein sollte, war keine neue Form von Theokratie, sondern wurde vermittelt durch das heilende Wirken von Wanderpredigern. Jesus war das vollendete Abbild dieses Gottes.

Bei aller Intellektualität ließ ich mich doch vor allem geistlich prägen, und so löste sich mein Glaube an der Universität nicht auf. Ich fand vielmehr Kategorien, um die Welt zu vermessen und eigene Erfahrungen einzuordnen. Durch die historische Bibelkritik wurde die fromme Überlieferung entschlackt. Das war nicht nur angenehm. Doch es gab viel Tieferes zu entdecken, Wahrheiten, die ich mir nie hätte träumen lassen. Die Bibel und Jesus traten mir so neu entgegen, als hätte ich in der Kindheit kaum etwas davon vernommen. Zahlreiche Schriften führten mir die sozialen und religiösen Verhältnisse der biblischen Zeit plastisch vor Augen, sodass ich in ihre Welt eintauchen konnte. Und immer wieder begegnete mir dieser Mann aus Nazareth, der im Neuen Testament in unterschiedlichsten religiösen Sprachbildern zu fassen versucht wird, indem ihn jedes Evangelium auf seine eigene Art literarisch umkreist.

In allen vier Sichtweisen haben Jesu letzte Tage in Jerusalem einen besonderen Stellenwert. Sein Schicksal war es, in der Stadt als Märtyrer zu sterben, von den eigenen Leuten verlassen, von den politischen Instanzen geopfert. Warum nur fand er in Jerusalem, dem Zentrum des gelehrten Judentums, noch weniger Gehör als im ländlichen Galiläa? Warum forderte er die Obrigkeit in Jerusalem heraus? Sein Wirkungsfeld war sonst weit im Norden seiner Heimat. Hätte er sich nicht leicht aus dem Staub machen können, als er die Bedrohung erkannte? Warum legte er sich mit den Autoritäten im Tempel an? Warum zog er hinauf und suchte den Konflikt, wenn nicht gar seinen Tod? Musste er nach Jerusalem, weil es ihn rief?

Meine größte Entdeckung dieser Studienjahre war der Glaubensweg Jesu und der des Paulus aus Tarsus. Jesus sah ich als Juden seiner Zeit, als Wanderprediger und Weisheitslehrer. Paulus lernte ich kennen als einen, der sowohl welterfahrener als auch theologisch gebildeter war. Er fand zu einer mystischen Interpretation von Jesu Tod als erlösendem Opfer. Von Gott unwiderruflich getroffen, sah er in Jesus ein messianisches Offenbarungsereignis, dem er sich verschrieb. In seine Existenz musste er diese Heimsuchung einordnen – sein Leben war schlicht extrem. Indem ich mich studierend an Jesus und Paulus herantastete, gelangte ich auf den Weg zum heiligen Ursprung. Ich entdeckte das Judentum ihrer Tage. Mich fesselte die geistige Welt der Bibel, es war meine eigene Neugier, die mich zum intensiven Studium trieb. Von da aus ließen sich die weiteren theologischen Disziplinen leicht durchschreiten, sogar auch die Welt der anderen Geisteswissenschaften. Ich fand ein Stück geistige Heimat und Orientierung, authentischer und konkreter als alles, was ich zuvor erlebt hatte. In diesen Texten fühlte ich mich verstanden.

So konnte es gar nicht anders sein: Ich musste selbst ins Land der Bibel aufbrechen, nach Jerusalem. Ein Jahr vor Studienabschluss, im Sommer 1990, begab ich mich zum ersten Mal auf die Reise – wie heutzutage üblich, im Flugzeug. Voller Erwartung und mit historischem Wissen bepackt. Allerdings war es weder eine kurze Studienreise noch eine Pilgerfahrt, vielmehr nahm ich zwei Monate an einer von Jesuiten geleiteten Bibelschule in Nazareth teil. Die Bücher der Heiligen Schrift wurden im Kontext christlicher und jüdischer Frömmigkeit ausgelegt. So lernte ich die rabbinischen Interpretationen der Bibel, die Midraschim, kennen. Wir besuchten auch zahlreiche archäologische Ausgrabungen. Die geglaubte Geschichte der Bibel brachten wir in einen Dialog mit den Resultaten historischer Forschung. Auch Begegnungen und Gespräche mit Rabbinern standen auf dem Programm, wir besuchten jüdische Bibelgelehrte und ich nahm erstmals in Synagogen an Gottesdiensten teil. Das jüdische Festjahr lernte ich kennen, vor allem den Sabbat, wie er ganz konkret begangen wird. Es erschloss sich mir eine neue Welt: Die biblische Geschichte ist in Israel nicht Vergangenheit, sie reicht in den gegenwärtigen Alltag hinein. Hier leben Juden und Christen, hier wird geforscht und gestritten. Die Erschließung der Bibel geht hier neue Wege, und die Beziehung zwischen Juden und Christen wird neu ausgelotet. Es war ein Glücksfall, dass ich damals auf diese Bibelschule der Jesuiten stieß.

In Israel lernte ich das real existierende Judentum der Gegenwart, aber auch die zionistisch geprägte Gesellschaft und die schwierige politische Situation im Nahen Osten kennen. Die Israeli erzählten von der zionistischen Vision, den Juden aus aller Welt nach den grauenvollen Erfahrungen in Europa mit Antisemitismus und Shoah in einem eigenen Staat Sicherheit und Schutz zu geben. Stolz wiesen sie auf die agronomischen Leistungen der Kibbuzim hin, die das Land immer mehr urbar gemacht und weiterentwickelt hätten. Auch mit Palästinensern führten wir Gespräche. Ich hörte sie von den Kämpfen der ersten Intifada erzählen, von Arafat, ihrem vertriebenen Führer, und von ihrer Hoffnung, die israelische Besatzungsmacht abschütteln zu können. Für mich begannen sich biblische Geschichte und Zeitgeschichte zu verbinden, zum Teil in fragwürdiger Kontinuität, zum Teil in krassen Gegensätzen. Die Geschichte Europas seit der Aufklärung, für die ich mich schon im Gymnasium interessiert hatte, lernte ich nun aus jüdischer Perspektive zu betrachten. Wie wesentlich hatten die Juden die Moderne mitgeprägt – und wurden daraufhin grausam vernichtet! Welch hohen Preis zahlen nun die Palästinenser für Europas schlechtes Gewissen, obwohl doch die kolonialen Zeiten längst vergangen sind! In Israel erlebte ich ein komplexes Zusammenspiel verschiedenster historischer und biblischer Faktoren. Ich wurde Augenzeuge einer Zeitgeschichte, zu deren Verständnis ich profane und religiöse Kategorien verwenden konnte. Es begannen sich politische und religiöse Ansichten zu verbinden, die sonst in Europa meist in getrennten Diskursen zu Hause sind.

So entschloss ich mich, nach Beendigung der Bibelschule in Nazareth meinen Aufenthalt im Land zu verlängern und zwei weitere Wochen in Jerusalem zu verbringen. Jeden Tag ging ich nun von historischer Stätte zu historischer Stätte, von Ausgrabung zu Ausgrabung, von Kirche zu Kirche, von Synagoge zu Synagoge, von Museum zu Museum. Wie im Rausch sog ich alles in mich auf. Es waren Orte der Erinnerung, die ich abschritt, historische und moderne, unheilige und heilige Stätten. Die ganze Geschichte wollte ich in den Blick nehmen. Auf der Straße sprach ich oft Menschen an und verwickelte sie in Gespräche. In den Gärten und Parkanlagen ruhte ich mich aus oder las. Irgendwie wollte ich Jerusalem ganz in mich aufnehmen und zugleich mich einschreiben in die Geschichte dieser Stadt. Die Wochen der Bibelschule mit den Exkursionen im ganzen Land fanden so einen angemessenen Abschluss. Der Weg in die Stadt war ein Weg nach Hause, wie der Weg durch die Bücher der Bibel ein Weg zum Ursprung gewesen war.

Jerusalem

Magnet bist du,

Ziehst alle an,

Die für Gerechtigkeit leben.

Wer Wahrheit sucht,

Richtet den Kompass

Von fern nach dir.

Magnet bist du,

Stößt alle ab,

Die lügen und betrügen.

Wer der Gewalt erliegt,

Wird fortgetragen

Weit weg von dir.

Du bist Magnet

Und liebst den Fremden.

Dem Menschen reicht Gott seine Hand.

Du rufst den Anderen,

Denn Magnet bist du.

Bei diesem ersten Aufenthalt im Heiligen Land waren die Geschichte von der Spätantike bis zur Moderne wie auch die arabisch-islamische Welt noch nicht im Fokus meines Interesses. Doch Jerusalem wurde immer mehr zu meinem Sehnsuchtsort: In dieser Stadt bündelt sich Geschichte, die antike und die moderne. Jerusalem ist kosmopolitisch und provinziell zugleich, geistiger Mittelpunkt und politisches Zentrum des Landes. Jerusalem hält alles zusammen und besteht doch aus weit auseinanderliegenden Inseln. Die Stadt ist religiös aufgeladen wie kein anderer Ort auf der Welt. Fast jede Seite in den Propheten und Evangelien nimmt Bezug auf Jerusalem. Aber auch in den Nachrichten unserer Gegenwart wird Jerusalem fast täglich genannt. Umkämpft nicht nur von den Völkern vor Ort, sondern letztlich von allen Nationen. Heilige Stadt, Zankapfel unheiliger Ambitionen. Jerusalem zog mich immer mehr in seinen Bann.

Mein Studium der Theologie neigte sich dem Ende zu. Meine Lizentiatsarbeit schrieb ich zur Frage der Trinität. Den einen Gott Israels und Vater Jesu bekennen wir Christen als dreieinen Gott. Unser Gott ist derselbe wie der Gott der Juden. Doch aus jüdischer Perspektive sieht es anders aus. Nicht nur ist Jesus für sie nicht der Messias, auch die Trinität ist eine Verfälschung des Monotheismus. Viele rabbinischen Texte sprechen von Christen als von Götzendienern. So drängte es mich, nach dem Gott der Juden und Christen zu fragen. Den dreieinen Gott sah ich weder als unzumutbares Paradox noch als sinnloses Zahlenspiel. Er ist auch nicht einfach ein Dogma, das der Christ zu schlucken hat. Vielmehr lernte ich nachzuvollziehen, wie aus der Frage der Zuordnung von Christus zu Gott der Trinitätsglaube entstanden ist. Nun stellte sich mir die Trinität als Wahrheit dar, die zwar der Alltagslogik entzogen, doch im mystischen Denken aufgehoben ist. Die Gegensätze fallen im einen Gott in drei Personen zusammen. Trinität ist Mystik des Monotheismus. Sie lässt den Einen als Liebesbeziehung an sich verstehen. Den Durchbruch zu dieser Erkenntnis erlebte ich als befreiend.

Mittlerweile war ich Ende zwanzig und hatte den Wunsch, mich zu binden, Verantwortung zu übernehmen. Mir war klar geworden, dass weitere Reifung und Wachstum nur möglich waren, wenn ich meine Freiheit an ein größeres Ziel binden würde, und ich suchte den geeigneten Ort, um das Junggesellenleben zu beschließen. Dabei halfen mir die Exerzitien des Ignatius von Loyola. Im geistlichen Übungsweg konnte ich die Frage meiner Berufung meditieren. Innerlich abwägend suchte ich das Wie einer Nachfolge Christi. Nach etlichem Zögern und Ringen entschied ich mich: Ja, ich will Jesuit werden. Es war wohl die Mischung aus geistlicher Tradition und reflektierter Verantwortung, die mich gerade in diesen Orden führte. Zudem nahm ich intuitiv eine gewisse Verwandtschaft zwischen dem dialektischen Denken der jesuitischen Tradition und dem Argumentieren der Rabbiner wahr. Dass der Jesuitenorden, im 16. Jahrhundert in Spanien gegründet, in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens bis zu zwanzig Prozent aus Christen jüdischer Herkunft bestand, sollte ich erst später in Erfahrung bringen. Auch erst viel später entdeckte ich, dass die antisemitischen Verfemungen des 19. Jahrhunderts eine seltsame Analogie im antijesuitischen Schrifttum finden. Auf jeden Fall hatte mich die Intuition nicht getäuscht. Mit meinem existenziellen Interesse am rabbinischen Judentum sollte ich bei den Jesuiten gut aufgehoben sein.

Das Noviziat in Innsbruck war eine zweijährige Schulung der Innerlichkeit und der Gottesbeziehung. Ich wuchs in die religiöse und spirituelle Lebenskultur des Ordens hinein. Mein Interesse für das Heilige Land musste ich hintanstellen. Doch bald konnte ich als Seelsorger der Universitätsgemeinde Bern Spiritualität und Judentum miteinander verbinden, indem ich alljährlich mit Studierenden zusammen mehrere Wochen in Jerusalem verbrachte. Da konnte ich auch Hebräisch lernen und schließlich mein Doktorat beginnen. In Jerusalem an meiner Dissertation zu schreiben, war eine reine Freude. Das Institut Ratisbonne für jüdisch-christliche Studien und die Hebräische Universität waren mir geistig-geistliche Orte intellektuellen Suchens und Forschens. »Von Jerusalem wird Weisung ausgehen«, heißt es bei Jesaja. Ich saß praktisch an der Quelle. Auch mein Interesse für den Islam war inzwischen gewachsen, hatte ich doch den semitischen Urgrund der jüdischen wie der muslimischen Tradition entdeckt. Die Bedeutung der Sprache, die Zentralität des Rechts, die Schulen der Auslegung der Schrift weisen in ähnliche Richtungen. Auch im Menschen- und Gottesbild von Islam und Judentum finden sich etliche Analogien, nicht aber im Vergleich mit dem Christentum, das stark von hellenistischer Kultur geprägt ist. Früher als geplant führte mich dann das Studium schon nach einem Jahr von Jerusalem zurück in die Schweiz – und nach New York, also aus dem Land Israel in die Diaspora. Rav Josef Dov Soloveitchik, dem geistigen Führer und Denker des modernen, orthodoxen Judentums, galt mein Interesse. Vilnius, das Jerusalem des Nordens, und das litauische Judentum waren seine Heimat. Nach der Übersiedlung nach Boston und New York wurde Soloveitchik zu einem der wichtigsten Rabbiner des 20. Jahrhunderts in den USA. Langsam begann ich die fruchtbare Spannung zwischen Judentum in Israel und Judentum in der Diaspora zu begreifen. Jerusalem braucht New York, nicht nur finanziell. Der Kulturzionismus trat in den Vordergrund und ließ mich den politischen Zionismus einordnen.

Inzwischen hatte sich die Idee, zu Fuß nach Jerusalem zu pilgern, zu einem tiefen Wunsch entwickelt. Die alte Sehnsucht hatte sich zu einem Willen verdichtet, einem inneren »Ich muss«. Das Geheimnis von Jerusalem war für mich noch keineswegs entschleiert. Alle Beschäftigung damit und alle Aufenthalte vor Ort liefen auf dieselbe Empfehlung hinaus: Neue Distanz und langsame Annäherung. Die Seele braucht Zeit. Alles andere ist Überforderung, jugendlicher Leichtsinn. Allein das Pilgern ist angemessen. Allein das Pilgern kann dem Geheimnis der Stadt gerecht werden. Geistlich gesehen ist Gehen die einzig legitime Weise, sich fortzubewegen und sich dem Heiligen zu nähern. So äußerte ich hin und wieder meinen Wunsch. Vor allem, wenn ich mit Reisegruppen in der Stadt war, musste ich ihn artikulieren. Doch mir war noch längst nicht klar, wie das Pilgern umgesetzt werden könnte. Die Gewissheit war im Geist. Sie fand zunächst keine äußere Form.

Meine Arbeit im Lassalle-Haus in Zug, die ich nach dem Studienabschluss begonnen hatte, führte mich nicht zum Pilgern. Sie führte mich vielmehr zum Sitzen. Nicht der Nahe Osten, sondern das ferne Asien drängte sich in den Vordergrund. Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen geistlichen Übungswegen wie Zen-Meditation, Exerzitien, Kontemplation und Yoga forderte mich. So viele Menschen kamen mit ihrer Sehnsucht nach Sinn zu uns ins Haus. Sie hatten vielleicht schon lange der geistlichen Leere einer entzauberten Welt zu entfliehen versucht, waren Spiritualitäten unterschiedlichster Art und Qualität begegnet. Der einschlägige Markt hat nur allzu vieles im Angebot, und wo Klärung fehlt, gedeihen Sumpfblüten zuhauf. Die spirituell Suchenden brauchten Boden unter den Füßen, nachhaltige Begleitung, sanfte Hinführung zur Unterscheidung der Geister. Viele suchen sehr ernsthaft Orientierung im Osten, treten in Dialog mit den Kulturen Indiens, reisen nach Nepal und Tibet, nach China und Japan. Vipassana, Yoga und Zen üben eine starke Anziehungskraft aus. Doch wie sind diese fernöstlichen Traditionen mit dem Christsein zu verbinden? Ist die spirituelle Übung von der Weltanschauung Indiens oder des Buddhismus zu trennen? Wie ist Zen mit christlichem Glauben vereinbar? Mich interessierte ganz besonders das Verhältnis von Zen und ignatianischen Exerzitien. Voraussetzungen, Zielsetzung, Methoden und Implikationen der unterschiedlichen spirituellen Wege begann ich zu vergleichen und reflektierte die Einbettung der geistlichen Übungen in die jeweilige Herkunftsreligion und das vorausgesetzte Menschenbild. Da die Religionen Asiens auf mystischen und weisheitlichen Traditionen basieren, setzte ich mich intensiv mit dem Begriff von Mystik, aber auch von Religion auseinander. Es braucht eine Theologie der Religionen, will man nicht in Banalitäten abgleiten und behaupten, alle Religionen seien sich gleich. So eignete ich mir im Laufe von zehn Jahren eine interreligiöse Kompetenz ganz neuer Art an, fern vom Judentum. Und doch: Gerade im Dialog mit den Traditionen Asiens argumentierte ich nie allein vom christlichen Standpunkt aus. Immer war die jüdisch-rabbinische Weisheit an meiner Seite und schärfte mir den Blick.

Auf dem Weg aus der sinnentleerten, westlichen Gesellschaft zu den spirituellen Quellen Asiens begegnet man anderen Menschen als im Dialog mit Judentum und Islam. Im spirituellen Gespräch mit Zen-Buddhismus und Yoga steht eher das Individuum mit seinen inneren Bedürfnissen und Fragen im Zentrum. Der Frauenanteil bei geistlichen Übungen ist hoch. Im Dialog mit Juden und Muslimen dagegen wird weniger der Anteil der Mystik am Glauben als vielmehr das Verhältnis von Politik und Religion verhandelt. Konkurrierende gesellschaftliche Werte und Wahrheitsansprüche stehen zur Debatte. Es geht um die metaphysische Begründung von Gesellschaftsordnungen. Mehrheitlich Männer streiten sich über Aufklärung und die Rückkehr des Religiösen in den öffentlichen Raum. Auch diese religionspolitische Auseinandersetzung ist eine Wetterecke heutigen Glaubens. In einer globalen Welt ist Religionspluralismus einfach eine Gegebenheit. Oft hatte ich das Bedürfnis, die beiden Milieus miteinander in Verbindung zu bringen. Mich erschreckte, wie sie auseinanderklaffen oder nebeneinander existieren, ohne sich gegenseitig wahrzunehmen.

Wenn die Praxis der Meditation als Brücke zwischen Christen und Buddhisten funktioniert, könnte nicht die spirituelle Übung des Pilgerns eine Brücke zu Juden und Muslimen darstellen? Ich dachte oft über das Pilgern nach in dieser Zeit, da meine geistliche Praxis in der täglichen Meditation bestand. Erzählte ich anderen von meinem Pilgertraum, reagierten die einen mit skeptischem Kopfschütteln, die anderen mit begeistertem Zuspruch. Die Skeptiker glaubten bei mir einen Hang zur Fantasterei zu entdecken oder trauten mir aus irgendwelchen Gründen ein solch strapaziöses Unterfangen einfach nicht zu. Die Enthusiasten projizierten ihre eigene Pilgersehnsucht auf mich, vielleicht auch ihre Abenteuerlust oder ihren Wunsch, aus dem Alltag auszubrechen. Der Herausforderung bewusst waren sie sich wohl eher nicht.

In der Zwischenzeit hatte das Pilgern nach Santiago de Compostela breite Kreise erreicht. So schwang in vielen Reaktionen auf meine Pilgeridee ein Vergleich mit dem Jakobsweg mit. Doch nach Jerusalem gibt es keinen vorgefertigten Pfad, jede Pilgerinfrastruktur fehlt. Auch die Sprachkenntnisse müssen vielfältiger sein, die angespannten politischen Verhältnisse in verschiedenen Ländern erfordern Mut und Flexibilität. Jerusalem hatte sich in mir schon lange vor dem Pilgerboom nach Santiago festgesetzt. Jerusalem ist Pilgerort aller Pilgerorte. Dies gilt für Christen bis heute. Historisch betrachtet, hat sich das Pilgern nach Santiago als Ersatz für die Wallfahrt nach Jerusalem eingebürgert. Der Weg ans Westende Europas ersetzte den Weg in den Orient, weil durch die Verfeindung mit den Muslimen das traditionelle Pilgern nach Jerusalem unmöglich wurde. Darüber hinaus entwickelte sich das Pilgern nach Santiago als Ausdruck der Frömmigkeit der katholischen Reconquista. Santiago steht für den Norden der Iberischen Halbinsel, der nie von Muslimen erobert wurde. Von dieser Gegend aus wurden Juden und Muslime aus Spanien und Portugal vertrieben. Diese Geschichte war mir bewusst. Ich wollte nicht zu »Jakobus, dem Maurentöter« unterwegs sein, auch wenn ich immer wieder von sehr bewegenden Erfahrungen verschiedenster Jakobuspilger hörte.

Das Ziel vor Augen

Am Straßenrand gackern die Hühner, nervös und vergeblich.

Ohne Abschweifung geht der Pilger den Weg.

Aufgescheucht und schnatternd watscheln die Gänse.

Dem Pilger helfen die Stöcke, die Last zu tragen.

Wie Spreu in die Luft geworfen, so fliegen die Spatzen auf.

Allein aus Freude klatscht der Pilger in die Hände.

Dahin segeln die Schwalben und spielen im Wind.

Sie begleiten den Pilger, künden von leichteren Zeiten.

Mit seltenem Flügelschlag kreist in der Luft der Bussard,

Und der Milan wirft scharfen Blick aus der Höh.

Pilger, blick zu den Vögeln! Lass dich tragen!

Irr nicht umher auf den Straßen! Vor allem –

Lass das Gackern und Schnattern!

Wenn ich die Pilgerfreudigkeit so vieler sah, die sonst kaum mehr eine religiöse Praxis pflegten, konnte ich nicht umhin, mich zu fragen, warum wohl der heutige Mensch den Drang zum Pilgern verspürt. Warum macht er sich auf zu einem heiligen Ort, der ihm vielleicht nicht einmal viel bedeutet? Wandern könnte genügen – warum also pilgern? Geht es darum, die persönliche axis mundi, die eigene Weltachse zu bestimmen? Wird ein Orientierungspunkt gesucht? Gibt das Pilgern dem Umherirren und der Mobilität eine Richtung? Oder ist das Aufbrechen und Fortziehen ein Akt der Befreiung? Will der Mensch ganz klassisch unterwegs neu geschaffen werden? Warum spielt das Ziel oft eine so geringe Rolle? Warum dominiert die Erfahrung des Weges? Was soll dieses archaisch religiöse Relikt heute? Was drückt dieses Ritual aus? Am liebsten aber hätte ich das Pilgern vor jeder Vermarktung geschützt, auf dass es nicht zu religiös abgesegnetem Alternativtourismus verkomme.

Die Propheten der Bibel riefen dazu auf, nicht zum Tempel zu pilgern, um Brand- und Schlachtopfer darzubringen. Sie forderten Recht, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Auch die Kirchenväter, die Reformatoren und die traditionelle evangelische Theologie verhielten sich eher ablehnend gegenüber dem Pilgern. Pilgern ist ein unnötiges, frommes Werk. Glaube kann überall gelebt werden.

Meinem Traum konnte das nichts anhaben. Ich begann, die Pilgertraditionen der hebräischen Bibel zusammenzutragen und machte mich über die frühchristliche Jerusalemwallfahrt kundig. Die Kreuzzüge versuchte ich als »Pilgern mit dem Schwert« zu verstehen – ohne sie freilich jedoch verteidigen zu wollen. Der Kreuzzugsgedanke erfüllte die Reconquista in Spanien und die Entdeckung der Neuen Welt. Dann war es spannend, die Linien bis ins 19. Jahrhundert zu ziehen: Expansion von Europa im Kolonialismus. Es begannen die Archäologen ins biblische Land zu »pilgern«. Sie schufen die Grundlage für die Bibelreisen unserer Tage. Da und dort hielt ich Vorträge, und zu einem Seminarwochenende im Lassalle-Haus lud ich Vertreter des jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens aus Jerusalem ein. Gemeinsam gingen wir der Frage nach, wie die Heiligkeit Jerusalems in den drei abrahamitischen Traditionen zu verstehen sei. Es kamen nicht nur unterschiedliche Vorstellungen von Heiligkeit zum Vorschein. Die entscheidende Frage lautete: Was macht Jerusalem heilig? Wer heiligt Jerusalem? Gott oder der Mensch?

Rückblickend erscheinen mir die Auseinandersetzungen dieser Jahre wie ein Ersatz für das reale Pilgern. Ich wusste nicht, ob ich den Traum würde umsetzen können. Vorläufig drängte auch nichts. Ich konnte warten. In der Meditation hatte ich eine spirituelle Praxis, ich lebte für den Dialog der Religionen. Meine Arbeit war schöpferisch genug, nichts trieb mich, aus einem monotonen Alltag aufzubrechen. Und trotzdem: Irgendwann wollte ich mich zu Fuß aufmachen. Eines Tages, wenn die Zeit reif war, musste die Sehnsucht ihren Ausdruck finden.

2. Die Vision wächst

Allein und zu Fuß zu pilgern, empfiehlt Johannes vom Kreuz. Ignatius von Loyola hat diese Empfehlung auf dem Weg nach Jerusalem in die Tat umgesetzt. Mich hat das »Allein-und-zu-Fuß« seit je fasziniert. Es spricht den Mönch in mir an. Für vertiefte geistliche Übung braucht es Einsamkeit. Doch das Pilgern sollte nicht nur der eigenen spirituellen Vertiefung dienen. Vielmehr wollte ich auf die biblische und religionsgeschichtliche Bedeutung des Pilgerns nach Jerusalem hinweisen. Für mich sollte in einem archetypischen Bild sichtbar werden, wofür ich lebe. Für andere sollte es zu einer nachhaltigen Inspiration werden. Ich entschied mich, wohl zu Fuß, aber nicht allein, sondern mit anderen zusammen und mithilfe verschiedener Medien unter den Augen der Öffentlichkeit zu gehen.

Zu jener Zeit begleitete Hildegard Aepli eine Gruppe von Theologiestudierenden im Lassalle-Haus, und so ergab es sich eines Abends in der Cafeteria bei einem Glas Wein, dass ich die jungen Menschen herausforderte. Ich fragte sie, für welche Vision sie lebten. Großes Schweigen. Niemand meldete sich. War ich ihnen zu nahe getreten? Um die Stille zu beenden, beantwortete ich meine Frage selbst: »Meine Vision ist, zu Fuß nach Jerusalem zu pilgern.« Sofort entstand ein angeregtes Gespräch, und in dessen Verlauf fragte ich intuitiv: »Hildegard, bist du dabei?« Ihre Antwort war ein spontanes Ja. Und ich wusste, es war gut so. Der erste Schritt zur Verwirklichung war getan. Weder Zweifel noch Fragen beunruhigten mich. Es war beschlossen: Wir würden gemeinsam pilgern.