HAUPTTITEL

Jochen Metzger

Alle Macht den Kindern

Ein Selbstversuch

Patmos Verlag

INHALT

Wie alles begann

Jonny will, dass alles bleibt, wie es ist – aber dann hat er eine richtig gute Idee

Wir basteln uns Zehn Gebote

Tag 1: »Wo bleibt das Dienstpersonal?«

Tag 2: Kriegen, was man will – Lara setzt sich beim Bäcker durch, Jonny geht nicht unter die Dusche

Tag 3: Jonny rettet einen Barsch – Lara erteilt uns Schnitzelverbot

Tag 4: Lara schwänzt die Schule – Helga darf keine Marmelade kaufen

Tag 5: Hummer für die ganze Straße – und wehe, es kostet mehr als fünf Euro!

Tag 6: Endlich gibt’s mal Streit!

Tag 7: Jonny vergisst sein Geld und Lara feiert ein Fest

Tag 8: Warum der Fernseher im Kinderhimmel keinen Ausknopf hat

Tag 9: Unser Kühlschrank ist leer

Tag 10: Meine Kollegen laden mich ein – die Kinder denken über die Schule nach

Tag 11: Was bedeutet eigentlich »Compliance«?

Tag 12: Ich mache heimlich den Fernseher kaputt

Tag 13: Lara und Jonny planen ihre große Shoppingtour

Tag 14: Ein Sonntag mit Schokolade in der Kirche

Tag 15: Ich bin Jonnys Taxifahrer – Lara pflegt Helga

Tag 16: Helga fährt zu ihren Eltern

Tag 17: Wann kommt endlich die Bundesliga für Hausmänner?

Tag 18: Lara sagt, was sie will – und Jonny entdeckt die Höflichkeit

Tag 19: Jonny gewinnt eine Wette und muss mir sechs Euro geben

Tag 20: Können Eltern und Kinder Freunde sein?

Tag 21: Die Kleinen sind die Kleinen, die Großen sind die Großen

Tag 22: Lara hat keine Lust mehr

Tag 23: Hustensaft im Paradies

Tag 24: Jonny zahlt zehn Euro Praxisgebühr und Lara kriegt die Krise

Tag 25: »Mathe ist ein Arschloch«

Tag 26: Helga bekommt Fernsehverbot – Jonny denkt über seine Wut nach

Tag 27: Von EC-Karten, Kindern, die alles nachmachen – und schwierigen Geschenken

Tag 28: Trübe Aussichten – und nur noch sechs Euro in der Familienkasse

Tag 29: Schule ist vielleicht gar nicht so wichtig

Tag 30: Lara ist unordentlich – und mein Tank so gut wie leer

Letzter Tag: Wer will mit uns feiern?

Nachbetrachtung

Danksagung

FÜR DIE FAMILIE

Wie alles begann

Während ich diese Worte schreibe, ist mein Portemonnaie so gut wie leer. Nur ein paar einsame Münzen verlieren sich noch darin. 72 Cent – und selbst dieser schäbige Rest gehört eigentlich gar nicht mir, sondern meinen Kindern. Ich habe die Groschen gestern heimlich aus ihrem Sparstrumpf stibitzt.

In den vergangenen Wochen habe ich gelernt, Freunden und Kollegen unter fadenscheinigen Begründungen eine Einladung zum Mittagstisch abzuschwatzen. Ich kenne mittlerweile den Standort einiger Verlags-Kaffeemaschinen, an denen man sich kostenlos bedienen kann – wenn man dabei ein wenig Vorsicht walten lässt. Ich weiß inzwischen recht genau, was Lebensmittel wirklich kosten. Und: Mir ist schmerzhaft klar geworden, dass ich früher tagtäglich Geld ausgegeben habe, ohne auch nur darüber nachzudenken. Gestern begegnete ich in der Stadt einem Verkäufer der örtlichen Obdachlosenzeitung. Mir war, als hätte er mir zugezwinkert. Unter Brüdern sozusagen.

Ja, ich bin zum Schnorrer geworden. Zum kleinlichen Geizhals. Zum Dieb an meinen Kindern. Was mich zu all dem getrieben hat, ist jedoch keine wirtschaftliche Not, sondern eine Art Abenteuerreise.

Gemeinsam mit meiner Frau und unseren beiden Kindern bin ich zu einer Expedition aufgebrochen: Helga und ich haben mit Lara (13) und Jonny (10) die Rollen getauscht. »Die Großen sind die Kleinen. Die Kleinen sind die Großen« – das war unser Motto. Einen Monat lang haben wir Eltern klaglos die Befehle der Kinder entgegengenommen. Wir haben ihnen die komplette Familienkasse anvertraut. Wir haben uns für »freches Verhalten« einen Tag Fernsehverbot eingehandelt. Wir haben uns vorgenommen, den Kleinen mit demselben Respekt zu begegnen, den man Vorgesetzten erweist. Wir haben sie um Taschengeld gebeten – und ihr »Nein« ohne Murren akzeptiert. Wir haben nachgefragt, wie lange wir am Abend noch aufbleiben dürfen. Und: Die Kinder haben in all den Wochen von uns keine Vorschriften zu hören bekommen, keine Ermahnungen, keine Verbote. Wir haben ihre Entscheidungen und ihr Verhalten noch nicht einmal kommentiert. Na ja. Zumindest haben wir es versucht.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Helga und ich sind keine Hippies. Wir gehen einer mehr oder weniger geregelten Arbeit nach und wohnen in einem Häuschen am Rande der Stadt. Ich besitze eine Jahreskarte für die S-Bahn und bin Mitglied im örtlichen Sportverein.

Man kann auch nicht wirklich behaupten, dass Helga und ich antiautoritär erzogen worden sind. Davon hielten unsere Eltern ungefähr so viel wie von gepiercten Nasenflügeln oder der Musik der »Sex Pistols«.

Wir sind auch keine ausgesprochenen Kindheits-Romantiker. Ich zumindest hatte schon als Jugendlicher beschlossen, dass Kinder auf keinen Fall die besseren Menschen sein können. Das hat autobiografische Gründe. Als ich ein Teenager war – gemeinsam mit meinem etwas älteren Bruder Martin und meiner etwas jüngeren Schwester Heike – kam unsere deutlich jüngere Schwester Caro zur Welt. Sie war fraglos ein süßes Kind. Und ja, wir waren alle unglaublich stolz auf sie. Aber mit ihrer Geburt war es vorbei mit unserer Freiheit. Und zwar in einem Maße, das meine damalige Vorstellungskraft weit überstieg. Die Nächte verliefen jetzt weniger ruhig. Umgekehrt musste ich im Haus plötzlich leise sprechen und Türen geräuschlos schließen. Ab und zu gab es ein Kind zu wickeln, zu füttern oder zu bespaßen. Mit einem Wort: Ich musste Rücksicht nehmen. Genau das steht aber nicht gerade auf dem Wunschzettel eines pubertierenden Jungen.

Meine kleine Schwester durchlief gerade die Trotzphase, als Herbert Grönemeyer seine Hymne »Kinder an die Macht« durch die Charts schmetterte. Eigentlich mochte ich Grönemeyer. Aber »Kinder an die Macht«? Sorry – so etwas konnte nur ein zynischer oder vollkommen ahnungsloser Mensch fordern. Wer schon einmal näheren Kontakt zu Kindern in der Trotzphase hatte, wird verstehen, was ich meine. Zwei- bis dreijährige Jungs und Mädchen sind engelsgleiche Wesen. Aber manchmal werden sie zu kleinen Teufeln. Und bei meiner jüngsten Schwester war das nicht anders.

Auch während meiner Schulzeit hat mich niemand von antiautoritären Konzepten überzeugen können. Es gab Lehrer, bei denen überhaupt nichts zusammenlief. Als Klasse hatten wir innerhalb weniger Minuten heraus, von welchen Lehrern wir nichts zu befürchten hatten. Schon war ihr Unterricht unrettbar im Eimer. Andere dagegen besaßen eine Art natürlicher Autorität. Sie waren klar in ihren Wünschen, freundlich in ihrer Ansprache – aber sie konnten auch streng sein, wenn man versuchte, ihnen auf der Nase herumzutanzen. Sie sorgten schnell für klare Regeln und permanent für deren Einhaltung. Man wusste, woran man war. Nennen Sie mich einen Spießer – aber genau diese Lehrer waren in meinen Augen die besten.

Um es kurz zu machen: Helga und ich gehören nicht zu der Sorte Eltern, die ihren Kindern einfach so das Kommando überträgt. Mehr als dreizehn Jahre lang haben wir geglaubt, dass Eltern »Grenzen setzen« sollen und dass »gute Autorität« wichtig ist. »Alle Macht den Kindern«? Das war nie unser Credo.

Was uns dann doch dazu gebracht hat, war eine Petitesse. Eine winzige Anekdote im Datenstrom des ganz normalen Familienlebens. Sie ereignete sich im Keller unseres Hauses. Dort gibt es einen großen Raum, dessen Boden die Vor-Vorbesitzer der Immobilie einst liebevoll fliesten, um anschließend die kalten Wände mit preiswertem Fichtenholz zu vertäfeln. Genau in diesem Raum steht unsere Tischtennisplatte.

Ich habe früher einige Jahre im Verein gespielt. Nicht besonders erfolgreich, aber immer enthusiastisch. Eine Leidenschaft, die Jonny seit einer Weile mit mir teilt. Sobald er einen merkwürdigen Schlag bei mir sah, wollte er ihn auch ausprobieren. »Papa, zeig mir jetzt mal, wie ein Topspin funktioniert.« Das sind Sätze, die das Herz eines Vaters mit Stolz erfüllen. Wir haben jedenfalls oft miteinander Tischtennis gespielt und ab und zu wurde aus dem Spiel so etwas Ähnliches wie ein Training. Ich machte etwas vor, Jonny machte es nach. Manchmal habe ich ihn insgeheim beneidet – um die Leichtigkeit, mit der er sich eine neue Bewegung aneignete. Er musste nicht darüber nachdenken oder sich auch nur anstrengen. Er machte es einfach. Und konnte es anschließend.

Eines Tages meinte ich zu Jonny: »Wie wär’s, wenn du heute mal der Trainer bist?« Jonny nickte, spielte mir die Bälle zu und ließ mich ein paar Übungen machen. Er war ein strenger Coach, der wenig lobte und mich viel laufen ließ. Bei Jonny, dem Sohn, hätte mich das irritiert. Aber bei Jonny, dem Trainer, gehörte das offenbar zum Konzept. Also habe ich gelacht und immer brav nachgefragt: »Mache ich das richtig? Kannst du mir die Bälle bitte mehr auf die Rückhand spielen? Darf ich diese Übung bitte noch einmal machen?« Ich habe »danke« und »bitte« gesagt, ohne darüber nachzudenken. Jonny war schließlich der Trainer. Nach einer halben Stunden meinte er: »So, ich hab jetzt keine Lust mehr.« Er legte den Schläger beiseite und kam auf meine Seite der Platte. Dann drückte er mich ganz fest an sich und meinte: »Papa, mit mir hat noch nie ein Erwachsener so höflich geredet wie du gerade. Das hat sich toll angefühlt.«

Wer Kinder hat, kennt diese Momente. Für einen Augenblick vergisst man das Atmen. Weil einem die Kleinen im Vorbeigehen etwas richtig Großes um die Ohren hauen. Weil sie etwas auf den Punkt bringen, wofür uns die Worte fehlen. Das war genau so ein Moment.

Er hat mich ziemlich nachdenklich gemacht. Bin ich ansonsten nicht höflich? Und die anderen Erwachsenen auch nicht? Kein Erzieher, kein Lehrer, kein Onkel, keine Großeltern, auch Helga nicht?

In diesem Moment ist mir etwas klar geworden: Kinder, selbst wenn sie bei liebenden, großzügigen Eltern aufwachsen, müssen sich Tag für Tag Dinge gefallen lassen, die jeder Erwachsene als blanke Zumutung empfinden würde. Wir beschränken ihre Freiheit. Wir befehlen, statt zu bitten. Wir verbieten, ermahnen und bevormunden. Klar: Wir sind die Großen. Sie sind die Kleinen. Es ist unser Job, sie zu beschützen, zu ernähren und ihnen zu zeigen, wie der Hase läuft. Aber ganz oft tun wir all das in Worten und in einer Haltung, die allen Regeln des respektvollen Zusammenlebens widersprechen.

Jedenfalls ließ mich dieser Gedanke nicht mehr los: Könnten wir das »Trainerspiel« nicht eine Nummer größer aufziehen? Als ganze Familie? Was würde dabei passieren? Irgendwann saß ich in meinem Büro und schrieb diese vier Worte auf meinen Notizblock: »Alle Macht den Kindern!« Und im selben Moment war mir klar: Das müssen wir ausprobieren. Ich weiß einfach, dass etwas Gutes dabei herauskommen wird. Etwas, das uns einander näherbringt, das uns einander besser verstehen lässt. Etwas, wovon wir noch lange erzählen werden. Und wenn alles vorbei ist, dann werden wir uns beieinander bedanken. Für die schöne Zeit, die wir miteinander hatten. Und für das Abenteuer, das wir gemeinsam bestehen durften. Dass ich am Ende des Experiments völlig pleite sein würde – daran dachte ich in diesem Moment nicht.

Jonny will, dass alles bleibt, wie es ist – aber dann hat er eine richtig gute Idee

»Alle Macht den Kindern« – in der S-Bahn, die mich von meinem Büro zurück nach Hause bringt, kann ich gar nicht mehr aufhören zu grinsen. Es ist wie früher, wenn ich auf dem Weg zum Bolzplatz war: Ich habe so große Lust zu spielen. Die einzige Frage lautet: Wird sich jemand finden, der mitmachen will? Wie werden die anderen reagieren, wenn ich mit der Idee nach Hause komme?

Sie werden bestimmt begeistert sein. Ich denke sofort an Lara. Zu ihr passt das Experiment vermutlich am besten. Sie ist dreizehn und mitten in der Pubertät. Sie wird den Versuch mögen: die Freiheit, die damit verbunden ist, auch die Verantwortung, die sie dabei wird übernehmen müssen. Ja, Lara ist so groß geworden. Sie würde zur Not auch ohne uns klarkommen. Was für ein Gedanke! Ich merke, dass er mich stolz macht. Aber er tut auch weh: Mein Baby braucht mich nicht mehr.

Ich seufze so laut, dass meine Nebensitzerin mich überrascht anblickt. Ich murmle eine Entschuldigung und denke mir: Lara ist wie ein Flugzeug. Die Turbinen laufen schon. Sie steht abflugbereit auf der Startbahn namens Unabhängigkeit. Wir sollten mit dem Experiment deshalb möglichst bald beginnen. Denn wer weiß, ob sie in einem Jahr noch Lust auf so viel Familie hat.

Was ist mit Jonny? Hm. Er wird auch begeistert sein. Mehr Freiheit, weniger Genörgel – welchem zehnjährigen Jungen würde das nicht gefallen? Nur wenn ich an Helga denke, beschleichen mich Zweifel. Helga hasst es, von anderen herumkommandiert zu werden. Am besten, ich spreche zuerst mit Lara. Der Rest wird sich schon ergeben.

»Lara, hast du eine Minute Zeit für deinen alten Vater?«, frage ich, als ich wenig später in ihrer Zimmertür stehe.

»Klar, Papa!«, meint Lara und lächelt mich an.

»Im Büro hatte ich eine Idee. Wir machen ein Experiment, wir alle, die ganze Familie. Wir lassen für ein paar Wochen euch Kinder bestimmen, was bei uns passiert. Ihr seid die Chefs. Helga und ich müssen tun, was ihr sagt. Das Motto lautet: ›Alle Macht den Kindern‹.« Ich mache eine Kunstpause, um die Worte ein wenig wirken zu lassen. »Was hältst du davon?«

Lara strahlt mich an: »Wann geht’s los?«

Was für eine Tochter! In diesem Moment weiß ich, dass die Sache ein gutes Ende nehmen wird. Lara wird uns gut und fürsorglich behandeln. Mir fällt ein Referat ein, das sie kürzlich in ihrer Klasse gehalten hat. Sie sollte darin eines ihrer Hobbys vorstellen. Lara hat über ihre Nachmittage als Hundesitterin berichtet. Von Zeit zu Zeit kümmert sie sich nämlich um ein paar Hunde in der Nachbarschaft, ein kleines Rudel sozusagen. Sie schreibt in ihrem Text: »Ich stehe mit den Hunden nicht auf einer Stufe. Ich bin der Kapitän, sie sind die Mannschaft. Trotzdem hoffe ich, dass die Crew gerne unter meinem Kommando segelt.« Ja, ich kann mich auf meine Tochter verlassen. Sie wird auch für uns Eltern ein guter Kapitän sein und uns sicher durch schwere See bringen.

Helga und Jonny sitzen derweil im Garten. Laras Begeisterung hat mich ein wenig übermütig gemacht. Ich rechne mit nichts anderem als purem Enthusiasmus – und werde bald eines Besseren belehrt. Helga runzelt die Stirn, als ich ihr meine Pläne eröffne. »Hältst du das wirklich für eine gute Idee?« Niemand kann so energisch die Stirn runzeln wie Helga. »Das mache ich höchstens für eine Woche mit.« Eigentlich hätte ich mir das denken können. Helga ist nur selten begeistert, wenn ich mit einem neuen Gedanken nach Hause komme. Sie ist ein bisschen wie Joschka Fischer: »I am not convinced« – so könnte auch ihr Lebensmotto lauten. Vermutlich werde ich noch ein paar Tage brauchen, um sie von der Güte meiner Idee zu überzeugen.

Am meisten überrascht mich jedoch die Reaktion von Jonny. Er leistet vehementen Widerstand. »Das kannst du gleich vergessen, Papa! Ich mach da nicht mit. Und versuch bloß nicht, mich zu bequatschen!«, sagt er und lässt mich stehen, ohne meine Erwiderung abzuwarten. Ich verstehe die Welt nicht mehr. »Pippi Langstrumpf«, »Kevin allein zu Haus«, sogar die »Chroniken von Narnia« waren Welterfolge, weil dort die Kinder die Bestimmer sind. Weil die realen Machtverhältnisse sich in diesen Geschichten umgedreht haben. Sie bedienen eine Fantasie, die wohl in jedem Kind schlummert: Die Sehnsucht danach, nicht mehr klein und abhängig zu sein, sondern mit Respekt, ja fast schon mit Ehrfurcht behandelt zu werden. Sollte diese Fantasie ausgerechnet meinem Sohn fremd sein? Unvorstellbar!

»Aber Jonny, was ist so schrecklich an der Vorstellung, mal für eine Zeit der Boss zu sein?«, frage ich, während ich ihm ins Haus folge.

»Ich hab keinen Bock, morgens allein aufzustehen. Ich will, dass alles so bleibt, wie es ist.« Jonny ist wirklich aufgebracht. Er klingt, als hätte ich ihm befohlen, einen Monat lang allein den Abwasch zu übernehmen.

Ich brauche ein paar Augenblicke, um zu verstehen. Im Grunde weiß ich schon lange, wie konservativ Kinder sein können. Besser als Jonny kann man das gar nicht formulieren: Alles soll genau so bleiben, wie es ist. Daran hatte ich in meinem Überschwang überhaupt nicht gedacht.

»Okay, Jonny, entspann dich«, sage ich. »Ich schlage vor, wir reden in den nächsten Tagen in aller Ruhe darüber, ja? Ich glaube, das Experiment kann ganz toll für jeden von uns werden, und ich möchte, dass du der Sache wenigstens eine Chance gibst.«

Grummelnd verzieht sich Jonny in sein Zimmer. Helga sieht mich zweifelnd an.

In den kommenden Tagen reden wir immer wieder darüber: »Alle Macht den Kindern«. Ich weiß, dass der Slogan auch für Jonny verlockend klingt. Er hat sich schon wiederholt über die ungleiche Machtverteilung in unserem Hause beschwert. Etwa über unser Recht, ihn ins Bett zu schicken und danach noch bis in die Puppen vor der Glotze abzuhängen. Aber noch scheinen bei ihm die Zweifel zu überwiegen.

»Ich weiß schon, wie das läuft«, meint er irgendwann. »Wir haben auf einmal die ganze Arbeit. Wie sollen wir das machen? Wir können doch nicht von der Schule nach Hause kommen und dann noch das Mittagessen kochen. Wir haben keine Zeit dafür. Außerdem weiß ich gar nicht, wie das geht mit dem Kochen!«

Das sind berechtigte Einwände. Ich beruhige ihn: »Niemand sagt, dass ihr kochen müsst. Das ist wie in einer Firma. Der Chef ist zwar der Bestimmer, aber er macht nicht alles selbst. Er sagt seinen Mitarbeitern, wer welche Aufgabe übernehmen soll, weißt du?«

Jonny nickt und schaut aus dem Fenster. Er traut der Sache noch immer nicht. »Trotzdem. Ich will morgens nicht allein aufstehen. Das mach ich nicht. Keine Chance!« Dann geht er nach draußen, um ein bisschen mit seinem Skateboard zu fahren.

Während ich von der Straße die Geräusche des rollenden Boards höre, schweifen meine Gedanken ab. Wie war das eigentlich bei mir mit dem Aufstehen? Ich habe mir, bis ich zwanzig war, mein Zimmer mit meinem Bruder geteilt. Ich glaube, ich war elf, als meine Eltern uns einen Radiowecker schenkten. Ich liebte dieses Gerät. Klar: Es war großartig, am Morgen von seinen Eltern geweckt zu werden. Der Tag beginnt mit einer Umarmung – mehr geht eigentlich nicht. Aber der Radiowecker hatte einen unschlagbaren Vorteil: Seine Musik mischte sich in meine Morgenträume und führte mich Takt für Takt hinein ins Reich der Wirklichkeit. Der Radiowecker war der Löffel voller Honig, der mich damals dazu verführte, eine bittere Medizin ohne Murren zu schlucken: Ich war auf einmal ganz allein fürs Aufstehen zuständig. Dass ich die morgendliche Umarmung meiner Mutter irgendwann schrecklich vermisste – das konnte ich mir vermutlich nicht einmal selbst eingestehen. Um keinen Preis hätte ich dieses Gefühl andern gegenüber zugegeben. Kann ich Jonnys Vorbehalt verstehen? Natürlich kann ich das! Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass er früher oder später von selbst eine Lösung für das Problem finden wird.

Und tatsächlich: Am selben Abend kommt Jonny grinsend zu uns ins Wohnzimmer. Er hat sich schon die Zähne geputzt und ist offensichtlich allerbester Laune. Seine Augen funkeln. »Mama, Papa – wenn wir die Chefs sind, dürfen wir euch doch Befehle geben, oder?«

Ich nicke. »Ja, Ihr dürft uns aber auch einfach um etwas bitten, Vorschläge machen oder höflich formulierte Anweisungen geben – so wie Mama und ich das normalweise bei euch tun …«

Jonny hebt die Hand. »Weißt du: Ich kann euch ja einfach sagen, dass ihr mich wecken sollt wie immer. Und ihr müsst das dann machen. So würde das doch laufen, oder?«

»Ganz recht«, antworte ich. »Genau so würde das laufen.«

Jonny strahlt. »Ja, dann bin ich dabei!«

Als die Kinder im Bett liegen, schaut mich Helga lange schweigend an. »Meinetwegen lass uns das machen. Aber ich seh jetzt schon, dass nachher der ganze Rest genauso laufen wird wie das Wecken. Jonny und Lara sagen, wir sollen alles machen wie immer. Da wird sich nicht besonders viel ändern. Trotzdem. Ich muss zugeben: Ich bin auch gespannt, was dabei herauskommt.«

Wir nehmen uns in den Arm. Man braucht Vertrauen, um zusammen auf so eine Reise zu gehen. Und ich habe das Gefühl: Wir vertrauen einander. Jeder von uns weiß, dass Dinge schiefgehen können. Aber am Ende werden die ganz großen Katastrophen ausbleiben. Wir können uns aufeinander verlassen. Und selbst wenn aus der ganzen Sache nichts werden sollte: Nur für diesen einen Moment der Gewissheit hat sich die Aufregung jetzt schon gelohnt. Zumindest aus meiner Sicht.

Wir basteln uns zehn Gebote

Wir sind uns also einig: Das Experiment findet statt! Aber wie lange soll es dauern? »Ich möchte das gerne einen Monat lang ausprobieren«, sage ich, als wir mit den Kindern das erste Mal über die Sache diskutieren. »Ich finde, das ist lange genug, um seine Erfahrungen zu sammeln. Eine Woche wäre mir zu kurz. Wir brauchen auch ein bisschen Alltag. Es muss langweilig werden können. Dinge müssen schiefgehen können. All so was. Und wenn wir verlängern wollen, können wir das dann ja immer noch beschließen.« Die Kinder sind sofort einverstanden. Helga gibt irgendwann murrend nach. Sie scheint nicht wirklich überzeugt zu sein. Eine Woche hätte ihr gereicht.

Es gibt noch eine zweite Frage zu klären. Lara hat sie bereits gestellt: Wann soll’s losgehen? Es ist jetzt Ende Juni. Am liebsten würden wir sofort anfangen. Andererseits geht das Schuljahr bald zu Ende. Wir wollen den Versuch nicht in den Ferien machen, sondern unter realen Alltagsbedingungen – also während der Schulzeit. Im Sommer wechselt Jonny jedoch aufs Gymnasium, und wir wissen seit Laras Schulwechsel, dass man dafür eine gewisse Eingewöhnungszeit veranschlagen sollte. »Wir könnten gleich nach den Herbstferien damit anfangen«, meint Helga. Alle sind einverstanden Das heißt: Ende Oktober geht’s los. Wir haben also noch vier Monate, um uns innerlich vorzubereiten.

Während dieser Zeit streiten wir ein wenig über den Finanzplan, auf den wir uns einlassen wollen. Zumindest uns Eltern sind die Grundprinzipien schnell klar: Die Kinder bekommen das ganze Haushaltsgeld, und zwar in bar. Wir Eltern müssen während des Experiments unsere EC-Karten abgeben. Helga und ich werden einen Monat lang finanziell komplett abhängig vom guten Willen unserer Kinder sein. »Ich glaube, das wird eine interessante und lehrreiche Erfahrung für uns werden«, doziere ich abends im Bett. Helga schweigt. Ich werde den Verdacht nicht los, dass die Begriffe »interessant« und »lehrreich« für sie nicht ausschließlich positive Gedanken mit sich bringen. »Sieh’s doch mal so«, lege ich nach, »die bekommen nicht nur Geld – sondern auch richtig viel Verantwortung. Und zwar echte Verantwortung.« Helga sagt noch immer nichts. Irgendwann dreht sie sich zur Seite und murmelt: »Wenn das mal gut geht.«

In den kommenden Tagen zeigt sich, dass wir die Sache mit dem Geld noch nicht zu Ende gedacht haben. Wie viel sollen wir den Kindern geben? Wie hoch ist ihr Etat? »Ihr könntet uns einfach die EC-Karten geben und die Geheimnummern verraten«, schlägt Lara vor und klimpert ein bisschen mit den Augen. Ihr Vorschlag stößt auf wenig Gegenliebe. Natürlich vertrauen wir unseren Kindern. Aber was würde passieren, wenn Jonny plötzlich auf die Idee käme, sämtliche Produkte von »Lego Star Wars« zu erwerben? Oder alle Yu-Gi-Oh-Karten, deren er bei uns im Dorf habhaft werden kann? Nein, die Variante mit der Geheimnummer könnte ruinöse Folgen haben. Das lassen wir besser sein.

»Wir sollten uns der Sache von der anderen Seite her nähern«, sage ich. Aus dem leicht gelangweilten Blick meiner Kinder schließe ich, dass ich wieder in meinen Predigertonfall geraten bin. »Ich schau jetzt einfach mal nach, wie hoch die gerade geltenden Hartz-IV-Regelsätze sind. Dann packen wir noch ein bisschen Geld drauf – und damit müsst ihr klarkommen.«

Die Kinder haben keine rechte Vorstellung, was das konkret bedeutet. Ich auch nicht, wenn ich ehrlich sein soll. Nach ein paar Minuten im Internet weiß ich jedoch, was wir als Familie bekommen würden.

Der Gesetzgeber berechnet pro Monat und Person ungefähr folgende Beträge:

Was würde das alles für unsere komplette Familie bedeuten? Egal. Wir wollen kein Hartz-IV-Experiment machen, sondern suchen lediglich einen groben Orientierungswert. »Was meinst du, Helga, kommt man mit 700 Euro aus?«, frage ich zweifelnd. Helga verschränkt die Arme. »Warum nicht? Die meisten Sachen gehen doch eh per Dauerauftrag weg. Das Haus, Gas, Strom, Wasser, Steuern, Versicherungen – von dem ganzen Zeug kriegen die Kinder ja gar nichts mit. Eigentlich zahlen sie nur das Essen.«

Also 700 Euro. Dazu kommen je 40 Euro für Helga und mich – als Taschengeld. Normalerweise bekommen unsere Kinder deutlich weniger als 40 Euro. Trotzdem sind Lara und Jonny mit allem einverstanden. 700 Euro, das ist für sie schon gar keine Zahl mehr, sondern nur ein anderes Wort für »sehr, sehr viel«. Und auch die 40 Euro für uns sind in ihren Augen völlig okay. »Ihr seid ja schon ziemlich große Kinder. Also braucht ihr auch mehr Taschengeld«, sagt Jonny. Damit sind wir uns alle einig. Unterm Strich haben wir 780 Euro zur Verfügung.

Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Durch die Orientierung an den Hartz-IV-Sätzen haben wir das Thema Geld zum wichtigsten und sichtbarsten Punkt unseres gesamten Experiments gemacht. Man schaut schließlich immer dorthin, wo der größte Mangel herrscht. Heute glauben Helga und ich, dass uns 200 Euro mehr in der Kasse vermutlich einen völlig anderen Monat beschert hätten.

Irgendwann, es ist schon Schlafenszeit, liege ich bei Jonny im Bett. Nach Sonnenuntergang, wenn sein kleiner Körper sich entspannt, wird Jonny zum Philosophen. Wir liegen dann auf dem Rücken, schauen gemeinsam an die Decke und besprechen die großen Fragen des Lebens. Warum sind wir hier? Was passiert mit einem Menschen, wenn er stirbt? Ist Darth Vader wirklich böse? Solche Sachen.

»Jonny, worauf freust du dich am meisten, wenn du an unser Experiment denkst?«, frage ich ihn.

»Also«, Jonny kuschelt sich fester in seine Decke. »Ich freu mich schon so darauf, dass ich fernsehen kann, so viel ich will. Und dass ich euch rumkommandieren kann. Und nicht selber rumkommandiert werde. Weißt du, Papa, das ist nämlich gar nicht so spannend. Das wirst du schon noch merken.«

»Und wie wirst du dich fühlen, wenn das Projekt vorbei ist?«, frage ich weiter.

»Ich glaube, ich werde mich ganz gut fühlen«, antwortet er zögernd. »Aber Papa, ich hab irgendwie Angst, dass ihr Rache macht.«

»Aha.« Daran habe ich noch gar nicht gedacht. »Du meinst, wir müssen dafür eine Regel aufstellen?«

»Ja!« Jonny setzt sich auf. »Wir machen eine Regel. Man darf sich hinterher für gar nichts rächen. Sonst bringt das ganze Projekt keinen Spaß. Weil man sich dann nicht traut, mal anders zu sein.«

Ich finde Jonnys Idee hervorragend. Um noch weitere Vorschläge zu sammeln, schreibe ich am nächsten Tag eine Liste mit allen Regeln und Gesetzen, die wir uns bisher ausgedacht haben. Das Papier hänge ich an den Kühlschrank. Dauernd kommt es jetzt zu kleineren Disputen. Punkte werden gestrichen, korrigiert oder ergänzt. Am Ende haben wir uns auf zehn Gebote und Regeln geeinigt, nach denen wir einen Monat lang leben wollen. Der fertige Ausdruck hängt in der Küche. Wenn wir uns während des Experiments nicht sicher sein sollten, was erlaubt ist und was nicht, können wir einfach nachsehen. Und so sieht der Zettel aus:

Regeln für das Familien-Experiment

  1. Unser Familien-Experiment beginnt am 25. Oktober 2010 um 0.00 Uhr und endet am 24. November 2010 um 23.59 Uhr.
  2. Die Kleinen sind die Großen, die Großen sind die Kleinen – die Kinder bekommen die Rechte und Pflichten der Eltern. Die Eltern bekommen die Rechte und Pflichten der Kinder.
    2.1. Das heißt: Im Prinzip gelten dieselben Regeln, nach denen wir auch sonst leben. Wir tauschen nur die Rollen.
    2.2. Autofahren gehört nicht zu den Rechten und Pflichten von Eltern. Es ist ein Privileg von Erwachsenen, die einen Führerschein besitzen.
    2.3. Manche Dinge können oder dürfen nur Erwachsene tun. Die Kinder sind trotzdem die Bestimmer. Sie sagen den Eltern, was sie tun sollen. Die Eltern tun es.
  3. Die Kinder verwalten den in bar vorliegenden Monatsetat von 700 Euro.
    Davon bezahlen wir alles, was wir zum Leben brauchen. Die Eltern geben für die Dauer des Experiments ihre Scheck- und Kreditkarten ab. Sie bekommen ein kleines Taschengeld von jeweils 40 Euro zugeteilt. Wer sich, um mehr Geld ausgeben zu können, Dinge übers Internet (z. B. per PayPal oder Einzugsermächtigung) kauft, mogelt.
  4. Keine Rache! Niemand darf sich nach dem Experiment für das rächen, was während des Experiments vorgefallen ist. Wir wollen für einen Monat so tun, als wäre die Welt ganz anders, als sie tatsächlich ist.
  5. Wir wissen, dass wir während des Experiments gegen ein paar Gesetze verstoßen. Darauf pfeifen wir. Das Experiment schlägt alles andere.
  6. Wir verheimlichen das Experiment nicht. Wenn Verwandte, Freunde, Nachbarn oder Lehrer nachfragen, bekommen sie eine ehrliche Antwort.
  7. Wir bringen das Experiment nach den hier genannten Regeln zu Ende. Nur bei einer unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben dürfen wir den Versuch abbrechen. Ein brennendes Haus ist nur dann eine Gefahr für Leib und Leben, wenn sich einer von uns innerhalb des Gebäudes befindet.
  8. Es gibt keine Auszeiten. Diese Regeln gelten ohne Ausnahme, die ganze Zeit über.
  9. Eltern bewerten die Entscheidungen (Taten und Unterlassungen) der Kinder nur, wenn sie direkt davon betroffen sind oder die Kinder sie nach ihrer Meinung fragen.
  10. Wenn alle dafür sind, können wir auch mal eine Ausnahme machen und eine unserer Regeln kurzzeitig außer Kraft setzen.

Sicherlich ist Ihnen aufgefallen, dass Regel Nummer 8 und Regel Nummer 10 nicht wirklich zueinander passen: Entweder es gibt Ausnahmen oder es gibt keine. Doch ob Sie’s glauben oder nicht: Wir selbst bemerken diesen offensichtlichen Widerspruch erst, als das Experiment längst vorüber ist.

Enthusiasmus ist eine großartige Kraft. Sie kümmert sich nicht um Kleinigkeiten.

Tag 1
»Wo bleibt das Dienstpersonal?«

Jetzt fängt die Geschichte an. Ich bin ein bisschen aufgeregt. Haben wir an alles gedacht? Ach, was soll’s! Je chaotischer der Versuch abläuft, desto interessanter werden die Erfahrungen sein, die wir dabei machen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass für die Kinder mit dem Experiment ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Wie feiert man so etwas? Die Indianer schicken ihre pubertierenden Kinder in die Wüste, damit sie erste Drogenerfahrungen sammeln. Protestanten segnen ihre Vierzehnjährigen bei der Konfirmation. Und was machen wir? Wir machen gar nichts. Kein Fest, keine Zeremonie, kein Ritual. Am Sonntagabend sagen wir einfach: »Kinder, morgen geht’s los!«

Lara und Jonny grinsen sich an. Sie sind offenbar besser vorbereitet als wir. Jonny baut sich vor uns auf, stemmt die Hände in die Seiten und sagt, bevor er zu Bett geht: »Papa, weck mich um zehn vor sieben. Um halb acht will ich dann von Mama mit dem Auto zur Schule gebracht werden.« Helga und ich sind erst mal sprachlos. Normalerweise bringen sich die Kinder selbst zur Schule. Weil das länger dauert als eine Autofahrt, klingelt unser Wecker für gewöhnlich um fünf Minuten nach sechs. Jonny hat also schon seine erste Entscheidung getroffen: eine Dreiviertelstunde mehr Schlaf für die ganze Familie. Lust und Wohlbefinden vor Disziplin und umweltgerechtem Verhalten. »Wie wär’s mit ›bitte‹?«, murmle ich vor mich hin. Wenn Jonny während des ganzen Experiments in diesem Ton mit uns spricht, können das wirklich lustige Zeiten werden.

»Ach ja, Mama, und bei der Gelegenheit können wir gleich noch Henry, Florian und Jonathan mitnehmen. Ich hab ihnen vorhin versprochen, dass sie mitfahren dürfen.« Ich nicke Helga zu: Immerhin hat Jonny die Güte, seine Freunde von der neu gewonnenen Machtfülle profitieren zu lassen. Lara zeigt sich bescheidener. »Ihr weckt mich einfach wie immer. Ich muss erst zur Zweiten in der Schule sein.«

Am nächsten Morgen führen wir brav die Befehle unserer Kinder aus. »Macht alles wie immer«, kommandiert Jonny, als er mit verstrubbelten Haaren aus dem Bett steigt und sich seine Jeans überstreift. Gähnend macht Helga Frühstück, erwärmt Kakao, schmiert Brote.

Ich zähle derweil 700 Euro in einen Briefumschlag. Das Geld habe ich am Abend zuvor vom Geldautomaten gezogen. Jeder von uns Erwachsenen bekommt zusätzlich 40 Euro Taschengeld. Ich befühle die Scheine im Briefumschlag. Ein schönes, weiches Bündel ist das. Dagobert Duck hätte seine Freude daran. Als ich noch sehr klein war, hat mein Opa Ludwig mir regelmäßig von einem ähnlichen Moment vorgeschwärmt. Nach dem Krieg hat er als Bauer gearbeitet. Später war er Arbeiter in einer Farbenfabrik. Er liebte das Gefühl, am Monatsende die Lohntüte in seiner Brusttasche zu haben. Er konnte sie spüren als sanften Druck über seinem Herzen, wenn er nach Feierabend in die Gastwirtschaft ging, um sich ein Essen zu bestellen. Zahltag war für ihn der schönste Tag des Monats. Seine Augen leuchteten, wenn er mir von diesem kleinen Feiertag erzählte. Irgendwann erfand ein praktisch veranlagter Mensch das Girokonto. Später entschied ein ebenso praktischer Mensch, dass es nun an der Zeit sei, die Löhne in der Fabrik meines Großvaters per Überweisung zu schicken. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Opa genau in diesem Monat ein großes Stück Freude an der Arbeit verloren hat.

Habe ich behauptet, wir würden unser Experiment vollkommen ohne Zeremonie beginnen? Vielleicht stimmt das doch nicht ganz. Denn als ich den Kindern den Umschlag mit dem Geld überreiche, huscht für den Bruchteil einer Sekunde so etwas wie Feierlichkeit durch den Raum. Der Bürgermeister übergibt den jungen Heerführern den Schlüssel der Stadt – so was in der Art geht mir durch den Kopf. Lara und Jonny grinsen. Lara geht nach oben, um das Geld in ihrem Zimmer zu bunkern.

Unsere Scheck- und EC-Karten habe ich derweil in einen zweiten Umschlag gesteckt. Ich werde ihn beschriften und nach dem Frühstück unserer Nachbarin Alke überbringen. Auf dem Umschlag steht: »Erst am 25.11. an Jochen und Helga zurückgeben. Auf keinen Fall vorher – selbst wenn sie auf Knien darum bitten.«

Komisch. Warum fällt eigentlich kein Wort darüber, dass Lara das Geld an sich nimmt? Warum wird sie die Kasse verwalten? Offenbar denkt Jonny nicht einmal im Traum daran, dieses Amt zu übernehmen. Wittert er die Arbeit, die damit verbunden sein wird? Scheut er die Verantwortung?

Zum Mittag wünschen sich die Kinder Spaghetti bolognese. Helga soll kochen. Niemand protestiert. Helga fährt Jonny zur Schule – nicht ohne seine Kumpels vorher im Dorf einzusammeln. Als Lara wenig später das Haus verlässt, um zur Schule zu gehen, drückt sie mir stumm einen Zettel in die Hand. Darauf steht:

»An Helga & Jochen.

1. Bitte räumt den Geschirrspüler aus.

2. Bitte räumt euer Geschirr in den Geschirrspüler.«

Na, prima. Jedenfalls sind die Rollen am Anfang des Experiments klar verteilt. Eindeutige Anweisungen – keine Missverständnisse. Am Abend davor haben Helga und ich noch darüber diskutiert, ob wir vor dem Beginn des Experiments noch Klarschiff machen sollen. Aber wir haben keine Lust dazu. Wir lassen einfach alles laufen, als wäre nichts geschehen: Das Auto ist nur spärlich betankt, der Kühlschrank einigermaßen gepflegt, das Haus befindet sich in einem leidlich sauberen Zustand. Was will man mehr? Lara hat mit einem schnellen Blick zumindest die sichtbarsten Elternpflichten identifiziert – und die fälligen Arbeiten sofort an uns weiterdelegiert. Nicht schlecht für den Anfang!

Als beim Mittagessen wieder alle beisammen sitzen, hat Jonny schon damit begonnen, ein paar kaufmännische Überlegungen anzustellen. »Wir haben ja 700 Euro bekommen. Das sind jeweils 350 Euro für Lara und mich!« Jonny schiebt sich eine große Ladung Spaghetti in den Mund. Helga schaut mich fragend an. »Okay, wir brauchen das Geld für Essen und so was«, meint Jonny mit vollem Mund. »Aber wenn ich noch was von meinem Taschengeld dazupacke, können wir uns trotzdem ’ne Wii mit Extra-Controller kaufen, gar kein Problem.«

Ich vergesse für einen Moment zu kauen und mache dabei offenbar ein ziemlich dämliches Gesicht. Jedenfalls schaut mich Jonny plötzlich an, reckt das Kinn nach oben und meint: »Is irgendwas, Papa? Du kannst gleich Hausarrest kriegen, wenn du weiter so guckst!«

»Moment mal!«, sagt meine innere Stimme. So spricht man nicht mit seinem Vater! Ich kenne meine Grundrechte. In den Zehn Geboten heißt es wörtlich: »Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.« Warum muss ich gerade jetzt an dieses Gebot denken? »Welche Strafen sind im Alten Testament eigentlich für Söhne vorgesehen, die ihren Vätern den fälligen Respekt verweigern?«, fragt meine innere Stimme. Eine gute Frage. Ich muss das beizeiten recherchieren.

Bei uns am Tisch herrschen ab heute jedoch andere Regeln. Niemand wird gesteinigt, nur weil er Vater und Mutter schmäht. Im Gegenteil: Jonny, Lara und Helga lachen. Lara klatscht sogar in die Hände und sagt: »Ich weiß jetzt, warum ihr so gerne erwachsen seid: Weil es einfach Spaß macht, andere rumzukommandieren.«