HAUPTTITEL

Sandra Salm

WEIHNACHTSWUNDER im WINTERWALD

Patmos Verlag

Hase Hoppla und die Christbaumspur

Es war früh am Morgen und ganz still im Wald. Bald würde der Winter kommen, die Luft roch schon ein bisschen nach Schnee. In seinem Bau unter der Erde lag der Hase Hoppla und schnarchte. Sein warmes Nest aus Grashalmen, Fellflöckchen und Moospolstern war das gemütlichste Bett, das man sich vorstellen kann. Gerade seufzte er wohlig im Schlaf, da ließ ein schreckliches Brüllen und Rumpeln plötzlich die Luft und den Waldboden erzittern. Hase Hoppla sprang vor Schreck in die Luft und stieß mit dem Kopf gegen eine Wurzel. „Hoppla“ murmelte er und blieb zitternd auf seinem Nest sitzen. Er stellte die großen Ohren auf und lauschte. Das Brüllen und Rumpeln kam näher und näher. Es war scheußlich laut. Hoppla legte die Ohren doch lieber an. Mit klopfendem Herzen und zugekniffenen Augen kroch er in die Richtung seines Baueingangs. Er machte sich so flach wie nur möglich. Als er gerade über den Rand seiner Höhle schauen wollte, verstummte der Lärm mit einem Mal. Vorsichtig öffnete Hoppla erst ein Auge, dann auch das zweite. Was er sah, gefiel ihm gar nicht: Auf der Lichtung stand ein orangefarbenes Monster mit großen schwarzen Rädern. Und gerade stiegen vier Menschen aus und warfen die Türen mit lautem Knallen zu. Dann zeigte einer auf die jungen Tannenbäume auf der anderen Seite der Lichtung und die drei anderen nickten. Was hatte das nur zu bedeuten?

Unglaubliche Frechheit!“, piepste ein Stimmchen neben Hoppla. Seine Nachbarin Waltraud Waldmaus lugte aus ihrem Mauseloch und schüttelte empört den Kopf. „Was ist denn das für ein Dings?“, fragte Hoppla. „Na, das ist ein Lastwagen mit Waldarbeitern“, sagte Waldtraud mürrisch. „Und was wollen die hier?“, fragte Hoppla wieder. „Das weiß ich nicht. Ist mir auch wurscht. Sie sollen wieder verschwinden!“, fiepste Waltraud. Und schon war sie wieder in ihrem Mauseloch verschwunden. Aber Hoppla war neugierig geworden. Vorsichtig schlüpfte er aus seinem Bau heraus. Von Baum zu Baum hoppelte er so nah wie möglich an die Menschen heran. Sie standen da und redeten. Hoppla lauschte. „Also, die ersten vier Reihen nehmen wir. Ab der fünften sind sie noch zu mickrig. Die taugen erst im nächsten Jahr als Christbäume. Los, Männer, an die Arbeit!“, sagte der dickste der grün gekleideten Männer zu den drei anderen. Dann drehten sich die Menschen um und stapften genau auf Hoppla zu. Der Hase machte auf den Hinterbeinen kehrt und wollte davon stürzen, doch genau hinter ihm hatte sich Waltraud Waldmaus postiert, der die Menschen scheinbar doch nicht so wurscht waren. Hoppla stolperte über die erschreckt quiekende Waltraud, sagte „hoppla“ und entschuldigte sich eilig. Dann ging er hinter einem Baumstumpf in Deckung. Sein Hasenherz klopfte wie wild, und er hätte zu gern gewusst, was ein Christbaum war.

In den nächsten drei Stunden musste Hoppla in seinem Versteck hinter dem Baumstumpf bleiben, denn die Menschen liefen ständig hin und her. Sie sägten ein Bäumchen nach dem anderen ab und machten dabei einen fürchterlichen Krach. Dann warfen sie die Bäume auf die Ladefläche des Lastwagens. Hoppla fror, denn nun hatte es auch noch zu schneien begonnen. Erik Eichhörnchen kam vorbei und fragte Hoppla, wieso er da so lange sitzen blieb. Hoppla sagte: „Ich beobachte die Menschen. Sie sagen, die Tannenbäumchen seien Christbäume. Weißt du, was sie damit meinen?“ Erik schüttelte den Kopf. „Nö. Kenn ich nicht. Ich kenne Nussbäume und Kastanienbäume und Nadelbäume. Die sind alle gut, weil man auf ihnen was zu fressen findet. Von Christbäumen hab ich noch nie was gehört. Kann nix Wichtiges sein.“ Und schon hüpfte er davon, immer auf der Suche nach einer weiteren Nuss für seinen Wintervorrat. Als die Menschen endlich fertig waren, bedeckte eine dünne Schneeschicht den Waldboden. Hübsch sah das aus, fand Hoppla. „Hmm, ich glaube, Erik irrt sich“, murmelte er vor sich hin, „denn wenn Christbäume nichts Wichtiges sind, warum kommen die Menschen dann extra deswegen in den Wald?“

Nachdenklich hoppelte Hoppla zu seinem Bau zurück. Natürlich geriet er am Einstieg seines Baus auf dem Schnee ins Rutschen und sauste wie eine Kanonenkugel den dunklen Gang hinunter. Er wollte gerade „huiiii“ sagen, da stieß er gegen etwas Großes, Weiches, Warmes. Nun sagte Hoppla stattdessen „umpf“ und „o, hoppla, Entschuldigung“, denn er klebte am molligen Bauch von Danny Dachs. Danny hatte seinen Bau neben dem von Hoppla. Zwar brauchte Danny einen anderen, größeren Eingang, doch unter der Erde trafen sich die beiden Röhren, und so kam es immer wieder zu Zusammenstößen. „Na, Hoppla“, fragte Danny freundlich, „wo kommst du denn so stürmisch her?“ „Es war was los! Menschen waren da und sie haben Tannenbäume mitgenommen, um daraus Christbäume zu machen. Hast du davon schon mal gehört?“, fragte Hoppla. Danny Dachs war klug und er hatte Hoppla schon oft auf einen wichtigen Gedanken gebracht. Doch dieses Mal schüttelte er bedauernd den Kopf. „Nein, keine Ahnung. Weißt du, ich gehe den Menschen am liebsten aus dem Weg. Sie sind so schnell und laut. Und manche hätten gerne meinen Pelz. Darum weiß ich auch nichts von ihren Christbäumen. Aber vielleicht fragst du morgen mal Elsa Elster. Die fliegt immer wieder zu den Häusern der Menschen und beobachtet ihr sonderbares Verhalten.“ „Danke, Danny! Das ist eine tolle Idee. Gleich morgen mache ich das“, sagte Hoppla und legte sich endlich schlafen.

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