Hans-Dieter Otto

»Nach uns die Sintflut«

Höfisches Leben im absolutistischen Zeitalter

Jan Thorbecke Verlag

Anita,
meiner lieben Ehefrau,
gewidmet

»Doch es ist dahin, es ist verschwunden,

dieses hochbegünstigte Geschlecht.

Wir, wir leben!

Unser sind die Stunden,

und der Lebende hat recht.«

Friedrich von Schiller, Gedichte,
»An die Freunde«

INHALT

»Après nous le déluge!« – Ein Vorwort

Die »Fete« ist in vollem Gange. Es ist eines dieser ausgelassenen, prächtigen Feste der adligen Hofgesellschaft Anfang November 1757 im Schloss von Versailles, denen wir auf den folgenden Seiten noch zuhauf begegnen werden. Da tanzen – wie wir heute zu sagen pflegen – die Puppen auf dem Tisch. Das kann ich Ihnen versprechen. Die Höflinge sind zumeist hoch verschuldet, wie der König auch. Doch sie sind fröhlich. An seinem Hof leben sie bedenkenlos in den Tag, von einer Feier zur anderen, und verprassen Unsummen. Was kostet die Welt? Und was schert uns das Morgen? Heute ist heut, Spaß wollen wir haben! Spaß, Spaß und noch mal Spaß, damit wir nicht zum Nachdenken darüber kommen, wie elend wir eigentlich dran sind. Ist das heute, unter veränderten Vorzeichen und in einem anderen Rahmen, nicht genauso? Leben wir nicht vollkommen über unsere Verhältnisse, ohne daran zu denken, was nach uns kommt? Die feinen Damen und Herren der »High Society«, die vor über 250 Jahren zum Fest der Marquise de Pompadour zusammen gekommen sind, tun genau das. Die Pompadour ist die Mätresse Ludwigs XV. Sie ist eine bezaubernde, lebenslustige, gebildete und intelligente Frau, die am Hof alle Fäden in der Hand hält. Wir werden uns in einem späteren Kapitel noch ausführlich mit ihr beschäftigen. Sie ist weltberühmt und zum Inbegriff der Mätresse geworden.

Es ist kalt im Schloss, die Höflinge frösteln. Der Winter 1757 scheint früh zu kommen. Das Schloss hat zwar ein paar Kamine, aber die meisten Räume sind ungeheizt. Da hilft nur eins: tanzen, lachen, springen und die Korken knallen lassen! Den Champagner gibt es schon, und davon trinken die Mesdames et Messieurs reichlich. Was schert es sie, dass Frankreich im Krieg mit Friedrich dem Großen liegt? Der berühmte Siebenjährige Krieg ist einer der blutigsten der Geschichte. Und die Pompadour ist nicht ganz unbeteiligt daran, dass er zustande kam. Darauf werde ich später noch zurückkommen. Mitten in die fröhliche Feststimmung hinein platzt eine Nachricht von der Front. Frankreich hat am 5. November 1757 in Sachsen die Schlacht von Roßbach verloren und über 10.000 tote Soldaten zu beklagen, während die Preußen nur wenige Hundert verloren haben. Eine eindeutige, schlimme Niederlage und gewiss Anlass genug zur Trauer und zum ernsten Nachdenken. Doch die abgekapselte Hofgesellschaft stört das wenig. »Après nous le déluge!« – »Nach uns die Sintflut!«, ruft Madame Pompadour fröhlich in die Runde und feiert weiter. Jedenfalls wird ihr dieser Ausspruch zugeschrieben. Er ist zum geflügelten Wort geworden, das eine Gleichgültigkeit gegenüber allem Kommenden zum Ausdruck bringen soll.

Wie konnte es so weit kommen, zu einer derartigen Teilnahmslosigkeit und Ungerührtheit, zu solcher Dekadenz? Ich denke, die hauptsächlichen Ursachen für diese Entwicklung liegen mehr als 100 Jahre vor diesem Fest. Ich meine die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg. Das grauenhafte Gemetzel dieses Krieges hat halb Europa in eine Katastrophe gestürzt sowie Zerstörung, Plünderung, Mord, Hunger und Seuchen über die Menschen gebracht. Über die Hälfte der Bevölkerung fiel dem zum Opfer. Als am 24. Oktober 1648 im katholischen Münster und im protestantischen Osnabrück der »Westfälische Frieden« unterzeichnet wird, läuten überall dort, wo die Kunde eintrifft, die Glocken. Der erbitterte Kampf der Konfessionen endet mit einem Unentschieden, und der übrig gebliebene Rest der Protestanten und der Katholiken bedankt sich bei Gott. Die Menschen, die überlebt haben, sind schwer traumatisiert. Mühsam bauen sie wieder auf, was zerstört ist, und tatkräftig erneuern sie, was wirtschaftlich und kulturell verfallen ist. Aus den Ruinen des Großen Krieges erwächst eine neue Epoche, die Zeit des Absolutismus und des Spätbarocks sowie die rauschhafte, verspielte Welt des Rokoko. Sie beendet das Zeitalter der Reformation und Gegenreformation und der spanischen Vorherrschaft. Wie wir gleich sehen werden, wird das Konzert der Mächte politisch und kulturell fortan von Frankreich beherrscht. Das »Heilige Römische Reich deutscher Nation«, von dem Voltaire gesagt hat, es sei weder heilig noch römisch noch überhaupt ein Reich, spielt in den folgenden 100 bis 150 Jahren, die uns in diesem Buch beschäftigen werden, nur noch eine zweitrangige Rolle. Von der Machtfülle des Habsburger Kaisers in Wien bleibt kaum mehr als ein Schatten. Im Wettlauf der Nationen ist Deutschland ausgeschieden. Die staatliche und kulturelle Entwicklung wird sich künftig in den großen deutschen Territorien vollziehen, in Sachsen-Gotha und Hannover zum Beispiel und in Brandenburg und Preußen. Aus den Territorien werden souveräne Staaten. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wird eine Unzahl zersplitterter Klein- und Kleinstterritorien bestehen bleiben, ein kolossaler »Flickenteppich«. Der deutsche Dramatiker Georg Büchner lässt 1835 in seinem Theaterstück »Leonce und Lena« den Valerio ausrufen, er sei nun schon »durch ein Dutzend Fürstentümer, durch ein halbes Dutzend Großherzogtümer und ein paar Königreiche gelaufen, und das in der größten Übereilung in einem halben Tag«.

Österreich dagegen, das im Krieg neben Bayern die hauptsächliche Machtbasis der katholischen Liga gewesen ist, bleibt neben Frankreich und Schweden als Großmacht erhalten. Schritt für Schritt geht es nun seinen Weg in Richtung Absolutismus. Und die deutschen Staaten tun das auch. Sie haben nur ein Problem: Sie haben kein Geld. Das Einkommen einiger Kurfürsten ist so gering, dass der Magistrat »angepumpt« werden muss, um den Unterhalt der Hofküche aufzubringen. Das Finanzwesen ist allerorten völlig ungeordnet, und bei Hofe hat man noch nicht gelernt zu sparen. So müssen zum Beispiel am Hofe des preußischen Herzogs zu Königsberg, Friedrich Wilhelm I., der zugleich Kurfürst von Brandenburg ist und ab 1675 den Beinamen der »Große Kurfürst« erhält, etwa 400 Personen bezahlt, ernährt und gekleidet werden. In der Hofküche arbeiten 50 Leute und allein zehn im Weinkeller. Köche und Konditoren, Leibschneider und Bettmeister, Ärzte, Hofmaler und Trompeter sowie zahlreiche Gesellen und Hilfskräfte müssen Tag und Nacht die Wünsche des Herrschers erfüllen. Zudem werden Luxusgüter nach Königsberg importiert: Safran, Ingwer, Pfeffer, Muskat und Zimt. Und der Herzog selbst leistet sich einen Brillantring für 27.000 Taler. In den Verwaltungen der Territorien ist alles altmodisch und rückständig. Es gibt noch keine Spezialisten für Finanzen, Bildung oder Landwirtschaft. Als Graf Waldeck, der Berater Friedrich Wilhelms I., 1651 konkrete Vorschläge macht, wie die Verwaltung grundlegend reformiert werden kann, kommt dies einer kleinen Revolution gleich. Vereinzelt gibt es nach dem Krieg auch anderswo an deutschen Höfen bahnbrechende Erfolge. So nimmt sich Herzog Ernst August von Braunschweig-Lüneburg, ab 1692 Kurfürst von Hannover, besonders des Schulwesens an und reformiert es beispielhaft. In fast allen deutschen Staaten werden auch immer mehr Juristen an den Hof berufen, die sich speziell im römischen Recht gut auskennen. Denn anders als die überlieferten germanischen Rechtsformen geht es von einer zentralen, unanfechtbaren Machtstellung des Landesherrn aus.

Unmittelbar nach Ende des Großen Krieges heißt das Gebot der Stunde, alle Energien für den Wiederaufbau zu mobilisieren. Insbesondere das Militär befindet sich in einer beklagenswerten Verfassung. Disziplin sowie Zucht und Ordnung sind auf einem Nullpunkt angelangt. Die einzelnen Fürsten gehen deshalb nach und nach daran, ihre Heere wieder neu zu organisieren und zu stärken. Das gelingt in den größeren Territorien eher und besser als in den kleinen. Brandenburg-Preußen bringt es fertig, die Heeresstärke von nur 8000 Soldaten im Jahre 1660 auf rund 30.000 Mann im Jahr 1688 aufzustocken. 1740, beim Regierungsantritt Friedrichs II., sind es schon 83.000 Mann und 1786 gar 188.000. Der Krieg hat auch viele Gewerbe und Produktionsstätten zerschlagen. In besonders betroffenen Gebieten dauert die Beseitigung der Schäden mehr als 50 Jahre. 1683 gibt es im schwer zerstörten Magdeburg neben 1030 bewohnten Häusern noch 443 Ruinen. Und in Berlin leben von den ehemals 20.000 Einwohnern nur noch 6000. Von den 20 Millionen Einwohnern, die Deutschland bei Kriegsausbruch hatte, überleben nur etwa 8 Millionen. Ein schrecklicher Aderlass. Nach dem Friedensschluss steigen die Geburtenzahlen zwar zunächst stark an, aber nach wenigen Jahren sinken sie schnell wieder. In den meisten deutschen Gebieten ist die Bevölkerungszahl erst in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wieder so groß wie vor dem Krieg.

Die Landesfürsten versuchen, den nach dem Krieg einsetzenden Strukturwandel zunehmend in ihrem Sinne zu steuern. Und das heißt: Stärkung ihrer Macht und ihres Ansehens durch Zentralisierung, vor allem durch Vereinheitlichung der Wirtschaft. Dazu dienen Maß-, Münz- und Gewichtsreformen und ins Leben gerufene Landzünfte, die darauf achten sollen, dass die Handwerker in den Dörfern gute Arbeit leisten. Manufakturen entstehen, und die Technik macht zum Teil erstaunliche Sprünge. Das hat zur Folge, dass an nicht wenigen absolutistischen Fürstenhöfen Abenteurer, Scharlatane und zwielichtige Gestalten auftauchen, die sich als Erfinder, Wahrsager oder Wunderheiler ausgeben. Wir werden sie noch hautnah erleben. Während das Reich zerfällt, festigen sich die Staaten der vielen deutschen Fürsten. In ihren Landeshauptstädten schaffen sie zentrale Behörden, von denen aus das Land verwaltet wird. Im Mittelalter zog der Fürst noch umher, um die Probleme vor Ort zu lösen. Jetzt nimmt ihm das die neue Residenzstadt ab. In ihrem Mittelpunkt stehen das barocke Schloss und drum herum die neuen zentralen Behörden. Das ist in Celle und Mainz nicht anders als in Herrenhausen bei Hannover oder beim Bau des Poppelsdorfer Schlosses in Bonn. In diesen neu entstehenden Zentren und Garnisonsstädten mit Kasernen, Zeughäusern und Rüstungsbetrieben schließt sich der Adel eng an die Fürsten an und tritt in die Beamtenschaft oder das Offizierskorps ein. Diesen neuen Residenzzentren verdanken wir bis heute den großen kulturellen Reichtum unseres Landes. Um 1700 herum wird ihr Bild geprägt von dem großen Aufwand, der für Heer, Verwaltung, Hofhaltung entsteht, und vor allem durch das besondere höfische Leben. Es hat sich nach einem speziellen Vorbild entwickelt. Dieses Vorbild ist Versailles, wo Frankreichs König Ludwig XIV. in unübertroffener Pracht und absolutistischer Machtfülle residiert und wohin sich bewundernd alle Augen richten, vornehmlich die deutschen. Und auch unsere im folgenden Kapitel. Es soll uns Ludwig XIV. und seinen prunkvollen Hofstaat etwas näherbringen.

Die Ausstrahlung des Versailler Hofs

Frankreich ist von den Folgen des Dreißigjährigen Krieges weit weniger betroffen als Deutschland. Von Invasionen und einer verheerenden Entvölkerung bleibt es verschont. Während Mitteleuropa menschenleer geworden ist, entwickelt sich in Frankreich zwischen 1660 und 1680 eine kulturelle Blütezeit. Das Land erringt aufsehenerregende Erfolge und erbringt große Leistungen auf den verschiedensten Gebieten. In mancherlei Hinsicht können wir sogar von einem goldenen Zeitalter sprechen. Verantwortlich für diese Entwicklung sind in erster Linie zwei Männer: König Ludwig XIV., den die Franzosen seit 1680 »Louis le Grand« nennen, und während dessen Minderjährigkeit der regierende Kardinal Jules Mazarin, die »graue Eminenz«. Dass der große König überhaupt das Licht der Welt erblickt, ist mehr oder weniger dem Wetter zu verdanken und erscheint vielen als glückliche Fügung und als Zeichen für eine bessere Zukunft. Denn 23 Jahre lang ist die Ehe seiner Eltern Ludwig XIII. und Anna von Österreich, der ältesten Tochter des spanischen Königs Philipp III., ohne Nachkommen geblieben. Man rechnet nicht mehr damit, dass sich das noch einmal ändert. Beide haben sich entfremdet, und Anna ist mit ihren 37 Jahren für die damalige Zeit bereits in einem Alter, in dem man keine Kinder mehr bekommt.

Am 5. Dezember 1637 wird Ludwig XIII. auf dem Weg in sein Versailler Jagdschloss von einem heftigen Unwetter überrascht. Er muss im Pariser Louvre übernachten, wo die Königin den Winter über wohnt. Ihr Schlafzimmer ist als Einziges beheizt. Als Ergebnis dieser stürmischen Liebesnacht liegt neun Monate später, am Sonntag, dem 5. September 1638, exakt um 11.22 Uhr im Schloss Saint-Germain-en-Laye schreiend und strampelnd ein kleiner Sohn in den Windeln. Aus Dankbarkeit erhält Ludwig den Beinamen »Dieudonné«, der »Gottgegebene«. Nur seine Ammen sind weniger erfreut über seine Geburt, weil er bereits zwei Zähne hat. Er wird einer der größten Könige und einer der wirkungsreichsten Männer des Abendlandes. Voltaire sagt von ihm, man könne seinen Namen nicht ohne Ehrfurcht aussprechen. Er stellt das Zeitalter Ludwigs XIV. gleichberechtigt neben drei andere große Kulturepochen: das Athen des Perikles, das Rom des Kaisers Augustus und das Florenz der Medici. Leopold von Ranke, der Gründervater der modernen deutschen Geschichtswissenschaft, meint allerdings, »großen, unvergänglichen Ruhm« habe Ludwig XIV. nie gesucht und an Eroberungen habe ihm weniger gelegen als an der »triumphierenden Pracht der Rückkehr« aus einem Kriege und der »Bewunderung des Hofes«. Johann Gottlieb Fichte nennt Ludwig XIV. 1812/13 in seinen philosophischen Vorträgen sogar »die schlimmste Ausgeburt des französischen Nationalcharakters«. Und der Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt schreibt 1905, »dies mehr mongolische als abendländische Ungetüm« wäre im Mittelalter zweifellos exkommuniziert worden. Wie kein anderer seiner Vorgänger vergrößert Ludwig XIV. das französische Territorium und macht Frankreich zum mächtigsten Staat und kulturellen Zentrum Europas. In der Mitte des 17. Jahrhunderts ist Frankreich das am dichtesten besiedelte Land Europas. 19 Millionen Menschen leben hier, überwiegend Bauern. Die Franzosen zählen Ludwig XIV. noch heute zu den bedeutendsten Persönlichkeiten ihrer Geschichte. Mit seinen 77 Jahren wird er im Durchschnitt dreimal so alt wie seine Zeitgenossen. Er herrscht so lange wie kaum ein anderer, und allenfalls Königin Victoria von Großbritannien oder Kaiser Franz Joseph I. von Österreich können sich darin mit ihm messen.

Ich hoffe, Sie haben Verständnis dafür, wenn ich angesichts seines umfangreichen und vielfältigen Wirkens auf seine Biografie nur insoweit eingehen kann, als sie im Zusammenhang mit unserem Thema steht, dem höfischen Leben. Ich kann Ihnen versichern: Bühne und Dramaturgie dieser Hofkultur, ihr barocker Stil und ihr außergewöhnliches Zeremoniell, das zum Vorbild für ganz Europa wird, liefern genug interessanten Stoff. Ich verspreche Ihnen auch, die altbekannten Histörchen und Pikanterien des Versailler Hofs, die ja auch ein Teil des höfischen Lebens sind, ohne erhobenen Zeigefinger zu schildern und ohne voyeuristische Blicke.

Versailles! Das ist ganz anders als Madrid, wo der Hof des frommen Königs Philipp II. von Spanien jahrzehntelang ein reines Verwaltungszentrum gewesen ist und kein gesellschaftlicher Mittelpunkt. Im Palast El Escorial leben um den König herum professionelle Bürokraten, und der Staatsrat besteht überwiegend aus Klerikern. Anders als in Frankreich gibt es am Madrider Hof keine Adelsfamilien, keine Höflingsgruppen und keine Favoritengruppen. Nach den Eliten dieses Riesenreichs halten wir im Palast El Escorial vergeblich Ausschau. In Versailles dagegen sind sie präsent. Es ist in erster Linie Schauplatz königlicher Selbstdarstellung und ein Ort, an dem die Unvergleichlichkeit des französischen Königs demonstriert wird. Dieses Versailles wird Ende des 17. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts fast überall in Europa kopiert, insbesondere in den kleinflächigen Staaten Deutschlands. Das ist, wie wir noch sehen werden, am Hof von Berlin oder Dresden nicht anders als am Hof von Karlsruhe oder München. Fast der gesamte europäische Adel wird französisiert. Französische Eleganz, französischer Schliff und Witz, aristokratische Finesse und das Savoir-vivre, die Kunst zu leben, werden überall zum neuen Schrittmacher. Am Hofe des russischen Zaren spricht man ebenso französisch wie später in Preußen am Hofe Friedrichs des Großen. Nur am Habsburger Kaiserhof in Wien verbreitet sich das Evangelium der französischen Kultur weniger, hier überwiegt eine Zeit lang noch der spanische Einfluss. Zwar sind auch in Wien, vor allem beim Neubau der Sommerresidenz Schloss Schönbrunn, die Einflüsse von Versailles spürbar. In der langen Hofgeschichte der österreichischen Habsburger gibt es in Wien aber auch viele eigene Traditionen. Zu keiner Zeit wird dieser Hof, anders als der Königshof in Frankreich, ein Zentrum nationaler deutscher Kultur. Mit dem Reich hängt er nur noch äußerlich zusammen. Den Kurfürsten und ihren Hofständen steht der Kaiser in Wien weniger nah als der französische König in Versailles. Über die Briefe des Kaisers Leopold I., die die geistreiche und gebildete Herzogin Sophie von Hannover in ihrem Herrenhausener Schloss 1678 erhält, äußert sie sich recht drastisch: »Da kack ich een op!«

Ludwig XIV. wird zwar schon als Vierjähriger, am 14. Mai 1643, als König inthronisiert, steht aber bis zu seinem 13. Lebensjahr unter der Regentschaft seiner Mutter Anna von Österreich und des Kardinals Mazarin, der ihn zielgerichtet auf die Kunst der Staatsführung vorbereitet. Der junge König erhält eine umfassende Ausbildung in Geschichte, Recht und Militärstrategie, aber auch in mehreren Sprachen und Wissenschaften. Er besitzt eine enorme Willenskraft, einen scharfen Verstand, ein hervorragendes Gedächtnis sowie eine gute Menschenkenntnis. Später während seiner Regierungszeit sind seine präzisen Kenntnisse in Geschichte und Politik ebenso gefürchtet wie sein kolossaler Arbeitseifer. Sein Charme und insbesondere seine Anziehungskraft auf Frauen sind legendär. Ein paar Kostproben davon werde ich Ihnen später servieren. Ludwig ist wirklich ein schöner, kraftvoller Mann mit ausgezeichneten, sehr komplexen Anlagen, als er in Frankreich die Macht übernimmt. Offiziell geschieht das am 9. März 1661 mit dem Tode des Kardinals Mazarin. Da erklärt er zur Überraschung Vieler, er werde nun selbst die Leitung der Regierungsgeschäfte übernehmen und fortan keinen Premierminister mehr benötigen. Er will keinem Menschen die Möglichkeit geben, ein zweiter Richelieu zu werden. In seinen leider unvollständig gebliebenen Memoiren formuliert er es so: »Nichts ist unwürdiger, als wenn auf der einen Seite ein Mann die ganzen Herrscherfunktionen ausübt, auf der anderen Seite ein König steht, dem nur der Titel übrig geblieben ist.«

Fast der ganze Staatsrat, der hauptsächlich außenpolitisch tätige »conseil du roi«, wird entlassen. Künftig dürfen nur noch drei Minister seines Vertrauens an den Sitzungen teilnehmen, darunter der neue, ihm treu ergebene Finanzminister Jean-Baptiste Colbert. Die Gelehrten und Juristen versichern unentwegt, die Macht des Königs sei unbeschränkt und von Gott gegeben. Er ist die höchste Autorität im Staate, sein Wille und seine Entscheidungen sind Gesetz. In den Sitzungen des »Conseil d’en haut«, des Staatsrates, lässt Ludwig sich fortan Bericht erstatten, berät sich mit seinen Vertrauten und behält sich selbst die Entscheidungen vor, bis er alles in Ruhe überlegt hat. »Je verrai« ist eine seiner Lieblingsäußerungen – »Ich werde sehen«. Der hohe Adel wird auf diese Weise endgültig von der Macht ferngehalten. Ludwig XIV. erkennt keinen Lehnsherrn an, weder den Kaiser noch den Papst. Und auf die Frage, was oder wer der Staat denn eigentlich sei, antwortet er kurz und bündig: »L’État, c’est moi!« – »Der Staat bin ich!« Jedenfalls ist ihm dieser Leitsatz des Absolutismus so in den Mund gelegt worden. Ich denke, mit diesen Worten ist nun auch ausreichend erklärt, was in der zweiten Hälfte des Buchtitels mit »absolutistischem Zeitalter« gemeint ist, das die Franzosen – auf ihr Land bezogen – auch gern »Ancien régime« nennen, die »lange bestehende Regierung«. Ludwig XIV. findet an den Königs- und Fürstenhöfen Europas fleißige Nachahmer. Die neue Regierungsform, in der der Herrscher die unbeschränkte gesetzgebende und vollziehende Gewalt innehat, bleibt nicht auf Frankreich beschränkt.

Genau genommen findet der Auftakt der Regierungszeit Ludwigs XIV. schon ein paar Monate vor Mazarins Tod statt, am Donnerstag, dem 26. August 1660. An diesem Tag zieht Ludwig feierlich und festlich in Paris ein, zusammen mit der neuen Königin Maria Theresia von Spanien, die er im gleichen Jahr geheiratet hat und die von den Franzosen Marie Thérèse genannt wird. Bitte verwechseln Sie diese Frau nicht mit Maria Theresia von Österreich. Sie wird erst einige Jahrzehnte später die politische Weltbühne betreten. Dieser 26. August 1660 ist ein Tag, auf den ich näher eingehen möchte. Denn er gibt uns Gelegenheit, einen ersten genaueren Blick auf das höfische Leben zu werfen. Paris erlebt eine großartige Festlichkeit, der Hofstaat des jungen Königs entfaltet seine ganze Pracht. Es ist an den Königshöfen Europas auch schon früher üblich gewesen, solche Anlässe wie Regierungsantritt, Heirat, Geburt eines Erben oder die Rückkehr aus einem erfolgreichen Krieg zu feiern, meistens durch Festumzüge und einen feierlichen Vorbeimarsch der Innungen und Zünfte. Doch was jetzt auf den Straßen und Plätzen von Paris abläuft, stellt alles Frühere in den Schatten. Tausende von Pariser Arbeitskräften und städtischen Beamten werden abgezogen, um dem König einen würdigen Empfang zu bereiten. In den Straßen werden riesige Triumphbögen errichtet und geschmückt, die den vollkommensten antiken Vorbildern in nichts nachstehen. Die besten Architekten und Maler Frankreichs arbeiten die Pläne für die bunten und raffinierten Dekorationen aus, und die fähigsten Kunsthandwerker verwirklichen sie. In fantasievollen, überladenen Opernkulissen und vielfältigen symbolischen Darstellungen wird die Königsfamilie verherrlicht. Der Witz und Ideenreichtum, der dabei in ganz neuen Formen zutage tritt, entzückt das Volk. Es jubelt dem Königspaar und den ihm nach strenger Etikette folgenden Höflingen zu. Drei hübsche, nur durch einen durchsichtigen Flor bedeckte Mädchen empfangen den König mit Versen. Sogar aus der Provinz und dem Ausland sind die Menschen gekommen, um dem Einzug des Königs in Paris beizuwohnen und den Hofstaat, dessen Anblick ihnen ja sonst vorenthalten ist, einmal aus nächster Nähe betrachten zu können. Die fröhlichen Menschenmengen in den Pariser Straßen sind ein Gradmesser für die Stimmung im ganzen Land. Der Rektor der Sorbonne, der Pariser Universität, und der Vorsteher der Kaufleute loben in ihren Reden den neuen Herrscher. Und sie preisen freudig den Frieden, der endlich eingetreten ist.

Ludwig verkündet sein Reformprogramm. Er will Wirtschaft und Wissenschaft kräftig fördern und vor allem die Bürokratie abbauen. Wege, Straßen und Kanäle sollen ausgebaut werden. Das klingt wie eine Regierungserklärung aus unseren Tagen. Aber der König kündigt auch an, Armee, Flotte und Festungen massiv zu verstärken. Das lässt auf kriegerische Pläne schließen, auf mögliche Eroberungen und den Erwerb neuer Kolonien, vornehmlich in Nordamerika. Ganz Europa soll beeindruckt werden, Ludwig will seine Macht und seinen Reichtum zur Schau stellen. Wie kann das am besten geschehen? Na klar, durch glanzvolle, prächtige Feste! Die Hofkultur ist quasi eine neue Religion des Staates. Statt Kirchen baut man Schlösser, statt der Gottesdienste werden ständig Hoffeste abgehalten. Und an die Stelle der Dankgebete und der Sakramente treten der prunkvolle Auftritt des Königs und die »Anbetung« durch seinen Hof.

In den Jahren 1631 bis 1634 hatte sich schon Ludwig XIII. durch seinen Baumeister Philibert Le Roy für 300.000 Livres in Versailles, einem Vorort von Paris, ein kleines, verfallenes mittelalterliches Jagdhaus mit einer alten Mühle zu einem dreiflügeligem Jagdschloss umgestalten lassen. Das war noch einigermaßen preiswert. Ab 1661 lässt es Ludwig XIV. vor allem durch Louis Le Vau mit ungeheurem finanziellen Aufwand zu einem riesigen barocken Palast aus- und umbauen, dem wohl schönsten der Welt. In den ersten beiden Jahren gibt der König dafür mehr als 1,5 Millionen Livres aus und danach pro Jahr durchschnittlich eine Million. Sein genialer Finanzminister Colbert ist gegen das Projekt. Aber Ludwig XIV. entgegnet ihm: »Versailles kostet weniger als ein Krieg. Das ist eine großartige Möglichkeit, das künstlerische Können des französischen Volkes sich und der Welt vor Augen zu führen. Ein König muss Glanz haben, und die Strahlen dieses Glanzes müssen die ganze Welt erfassen können.«

Bis zum Tod Ludwigs XIV. werden in Versailles insgesamt etwa 300 Millionen Livres für den Bau des Schlosses, den Park, die Ausstattung und den Unterhalt aufgewandt, rund 60 Millionen allein für das Mobiliar. Das ist wahrlich eine gigantische Summe. Stirbt dagegen einer der Arbeiter bei einem Unfall, so erhält seine Familie als Hinterbliebenenrente lediglich zwischen 40 und 100 Livres im Schnitt. Die größte Ausdehnung des Schlosses, das seit 1979 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes ist, beträgt mehr als einen halben Kilometer. Seine berühmten Gartenanlagen, die zwischen Hecken und Bäumen mit kleinen Salons, Skulpturen, Springbrunnen und kunstvoll beschnittenen Pflanzen ausstaffiert sind, stammen von André Le Nôtre. Für die aufwendige Bewässerung des Parks wird ein System von Aquädukten, Wasserleitungen und Kanälen entwickelt, und etwa 1400 Fontänen sind im Einsatz. Die geordnete Natur der Parkanlagen soll ein Spiegelbild der Ordnung sein, die Ludwig XIV. seinem Land bringt. Im Laufe der Jahre entstehen in dem weiträumigen Park auch mehrere Lustschlösser wie zum Beispiel das »Grand Trianon«, das ursprünglich nur für Ludwig XIV. und seine Familie vorgesehen ist, später aber auch dem weiteren Hofstaat zugänglich gemacht wird. Seit seiner Regierungsübernahme 1661 residiert der junge König regelmäßig im Versailler Schloss. Ständiger Regierungssitz wird der Prunkbau aber erst 21 Jahre später, nachdem durch weitere An- und Umbauten genug Platz für den Hofstaat geschaffen wurde. Der ist inzwischen auf mehrere Tausend Frauen und Männer angewachsen. Nach dem Umzug des Königs am 6. Mai 1682 aus dem Louvre und dem Tuilerienpalast nach Versailles leben und arbeiten über 20.000 Menschen im Schloss. Sie haben richtig gelesen: 20.000! Das ist das Volumen einer ganzen Stadt. Der eigentliche Hofstaat umfasst mindestens 10.000 Personen, davon leben 5000 direkt im Schloss, das vom Keller bis zum Dach mit Menschen vollgestopft ist. Aber sie wohnen hier nicht wie Bürger in einer Stadt, wo die einzelnen Familien soziale Einheiten bilden. Denn Versailles ist und bleibt das Haus des Königs. Er sieht es gerne, wenn ein Teil des Adels in seinem Hause wohnt, und er freut sich stets, wenn er um ein Logis in Versailles gebeten wird. In den mal dunklen, mal hellen Gängen des Schlosses und auf den Innenhöfen lassen sich Händler nieder. Victor Hugo nennt das Ganze später eine Höflingskaserne. Andere Autoren sprechen von einem »goldenen Gefängnis«.

Darf ich Sie zu einem kurzen Rundgang einladen? Es lohnt sich! »Man schaut und starrt und versucht zu begreifen, dass es wirklich ist«, schreibt Marc Twain 1869 über Versailles. »… Der Kopf wird einem schwindlig, betäubt von der unendlichen Schönheit ringsumher, und man glaubt beinahe, man werde von einem köstlichen Traum genarrt.« Wenn Sie von Westen her kommen, durchschreiten Sie zunächst eine breite Avant-Cour, die mehr einem offenen Platz ähnelt als einem Hof. Zwei Alleen führen auf das Schloss zu. Beide werden von einem lang gestreckten Flügelbau flankiert, der für den Kanzler und die Minister bestimmt ist. Sind wir dann im eigentlichen Schloss, verengt sich der quadratische Hofraum und mündet in einen zweiten. An diese »Cour Royal« schließt sich ein dritter, noch kleinerer Marmorhof an, den der Mittelteil des Schlosses von drei Seiten umfasst. In seinem Innern befinden sich nochmals vier kleine Höfe, zwei rechts und zwei links. In diesem Mittelteil des Palasts, dem sogenannten Corps de Logis mit dem integrierten alten Schloss, finden wir im Obergeschoss nach Norden heraus die Wohnräume des Königs, nach Süden die der Königin. Das prunkvolle Schlafzimmer des Königs, in dem er in seinem riesigen Bett am 1. September 1715 todkrank sein Leben aushauchen wird, liegt – in der Mitte des Schlosses und gleichsam in der Mitte des Reiches – direkt neben dem fast 75 Meter langen und mehr als zehn Meter breiten Spiegelsaal. In seinen 357 Spiegelflächen kann sich der König, wenn er will, 357-mal selber sehen und auf den 30 stuckgefassten Gemälden an der Decke immer wieder bewundern, wie er in ihnen verherrlicht wird. Dieser berühmte Spiegelsaal verbindet die Räume des Königspaares miteinander. Es nutzt ihn auch als Festsaal. Aber hauptsächlich dient er als eine Art überdachte Promenade. Hier wollen wir einen Augenblick verweilen und so tun, als gehörten wir zum Hofstaat dazu. Denn hier ist der Ort, wo man das zeigen kann und vor allem auch hoffen kann, dass der König gerade mal vorbeikommt und Notiz von einem nimmt. Direkt ansprechen dürfen wir ihn nicht. Deshalb müssen wir auf seine Zuneigung hoffen oder die Fürsprache einer höhergestellten Person. Das kann dauern. Wissen Sie, was ich glaube? Ich hege den Verdacht, der Spiegelsaal ist absichtlich so groß gestaltet worden, damit der vorbeigehende König unliebsame Bittsteller ignorieren kann.

Gehen wir also lieber wieder hinein in die Gemächer. Zusammen mit den Appartements der königlichen Kinder sowie der Mätressen, mit denen ich Sie noch ausführlicher bekannt machen werde, zumindest mit einigen von ihnen, bewohnt die königliche Familie über 150 Zimmer. In den großen Seitenflügeln und den Nebengebäuden ist der Hofstaat untergebracht. Je nach Rang und Stand haben die Höflinge große Appartements mit Wohn- und Arbeitszimmern, Ankleideräumen und Küchen zur Verfügung oder aber auch nur kleine Kammern, die nicht einmal beheizbar sind. In den insgesamt 288 Wohnungen im Schloss haben 600 Räume keine Kamine, auch der große Spiegelsaal nicht. Aber selbst die 1252 heizbaren, hohen Räume sind im Winter oft kalt, denn viele Kamine ziehen nicht richtig, und die Fenster schließen nicht gut. Für den Hofstaat ist das Leben hier im Winter keineswegs komfortabel. Im strengen Winter 1709 wird es im Schloss so kalt, dass sogar die Likörflaschen platzen. Fließendes Wasser gibt es nirgendwo im Schloss und auch keine fest installierten Toiletten. Ja, Sie kombinieren richtig: Man benutzt den Nachttopf oder verrichtet seine Notdurft auf dem »Leibstuhl«. Diener räumen danach alles weg. Unter den buckelnden Hofschranzen gilt es sogar als echte Auszeichnung, den Nachttopf des Königs tragen zu dürfen. Von Madame Anna-Marie de La Trémoille, der Prinzessin des Ursins, ist überliefert, wie glücklich sie war, wenn der König sich nachts in das Schlafzimmer seiner Frau begab und sie ihm den Nachttopf vorantragen durfte. In manchen Büchern wird uns weisgemacht, die höfische Gesellschaft habe kurzerhand in die Kamine gepinkelt oder – verzeihen Sie den Ausdruck – in die Ecken geschissen. Doch das ist ein übles Klischee und stimmt einfach nicht. So verkommen ist der Adel in Versailles denn doch nicht. Ludwig XIV. schart ihn um sich, lässt ihn aber zugleich streng bewachen. Die Angehörigen des Adels werden politisch entmachtet und gleichzeitig mit kostbaren Geschenken und prunkvollen Festen gefügig gemacht. Der sogenannte Zweite Stand wandelt sich vom Landadel zum Hofadel und verfällt, von seinen alten Aufgaben und Pflichten weitgehend entbunden, schnell dem Müßiggang und der Dekadenz. Wer eine Wohnung im Schloss zugewiesen bekommt, darf sich als »Logeant« zu den Privilegierten zählen und sich gleichzeitig der Illusion hingeben, im Zentrum der Macht zu leben und an der Regierung beteiligt zu sein. Die »Galopins«, die Kutschierenden, müssen dagegen jeden Abend zurück in ihre Pariser Stadtwohnungen. Die strenge Hofetikette gilt nicht nur für das Verhalten gegenüber dem König. Ein ebenso detailliertes Protokoll regelt auch, abgestuft nach dem jeweiligen gesellschaftlichen Rang, den Umgang der Höflinge untereinander.

Zur Zeit Ludwigs XIV. verfügt das Versailler Schloss noch über keinen festen Theatersaal. Erst in den Jahren 1769 bis 1770 wird am äußersten Ende des Nordflügels ein spezieller, über 700 Sitzplätze fassender Opernsaal gebaut, aus Gründen der Akustik ausschließlich aus Holz. Für Theater- und Singspiele werden, je nach Umfang, besondere Räume genutzt, in denen man für Musiker und Schauspieler spezielle Tribünen aufbaut. Mit der Versailler Hofkultur erblüht auch das Theater, beides ist eng miteinander verbunden. Denn der Hof selbst besteht weitgehend aus Theater. Vornehmlich im Adelsstand spielt man selbst gern allerlei Rollen aus bekannten Stücken, am liebsten aus den typischen Komödien von Jean-Baptiste Molière. Sein Name ist eng mit der ruhmreichen Comédie française verbunden. Noch heute sind seine brillanten Charaktertypen wie Tartuffe, der Geizige oder der tugendhafte Menschenfeind auf den Theaterbühnen lebendig. Aber auch Tragödien von Pierre Corneille und Jean Baptiste Racine werden am Versailler Hof gern aufgeführt. Und nicht selten auch englische Lustspiele von William Shakespeare oder spanische von Lope de Vega, denn das 17. Jahrhundert ist auch ihr Zeitalter. Wenn Versailler Höflinge selbst in diesen Stücken mitwirken, ist das eine willkommene Gelegenheit, sich einmal aus den quälenden Fesseln der höfischen Etikette zu lösen und ein anderer Mensch zu sein.

Man erfindet die Unterhaltung der sogenannten »Wirtschaften«, ein ungemein beliebtes Vergnügen, das bald von vielen europäischen Fürstenhöfen übernommen wird. Das Fürstenpaar verkleidet sich als Wirt und Wirtin und die Hofgesellschaft als Kellner, Hausknecht, Schankmaid oder Stubenmädchen. Um beim Empfang hoher Gäste den Schwierigkeiten des Zeremoniells zu entgehen, werden solche »Wirtschaften« selbst am Wiener Hof gern praktiziert. So kann 1698 das schwierige Treffen zwischen Kaiser Leopold I. und Zar Peter dem Großen nur stattfinden, weil sie in die Rollen von Wirt und Bauer schlüpfen und zunehmend heitere Trinksprüche wechseln.

Auf den Theaterbühnen der deutschen Fürstenhöfe agieren vorwiegend französische Schauspieler. Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz äußert sich 1679 sehr enttäuscht über deutsche Komödianten. Er engagiert eine Schauspielertruppe aus Frankreich und zahlt ihr für jedes gespielte Stück 40 Taler. Am Hof von Hannover tritt seit 1669 ebenfalls ein französisches Ensemble von 24 Personen auf, das alle vier Monate auch an den Höfen in Celle und Osnabrück gastiert. Deutsche Stücke werden kaum gespielt. Sie sind zu platt oder schwelgen in Gräueln. Das ändert sich erst, als Gotthold Ephraim Lessing nach 1750 mit seinen Lustspielen und Trauerspielen sozusagen »hoffähig« wird, allerdings nicht im Potsdamer Schloss »Sanssouci«. Friedrich II. mag ihn nicht und bevorzugt französische Werke, insbesondere Stücke von Voltaire.

Ich höre schon Ihre Frage: Was ist denn nun mit der Oper und dem Ballett? Selbstverständlich, auch sie sind im absolutistischen Zeitalter ein fester Bestandteil des höfischen Lebens, vor allem in Versailles, aber auch im Schloss von Saint-Germain. Hier wird am 22. November 1666 im Beisein des ganzen Hofes das überall in Europa bewunderte »Musenballett« nach der Musik von Lully getanzt. Es hat 13 Aufzüge, und der Chronist Lünig schreibt 1719, er möchte bezweifeln, »ob jemals etwas Erfreulicheres möchte seyn gesehen worden«. Die Oper entwickelt sich aus den Hoffesten, von denen ich Ihnen zumindest ein paar näherbringen möchte. Auf diesen Festen, die meist mehrere Tage dauern, folgt ein Aufzug dem anderen. Begleitet von hübschen Tänzerinnen und Tänzern, Reiterformationen und prächtigem Feuerwerk, erscheinen in glänzenden Kostümen Nymphen und Faune, Hirten und Schäfer, wilde Furien, aber auch Ritter und Indianer. Meistens laufen die Feste streng nach einem Programm ab. Oft liegt ihnen eine allegorische Idee aus der Mythologie zugrunde. Da werden Götterhochzeiten vorgeführt oder Bilder, in denen die Liebe und die Tugend triumphieren. Auch Wettkampfspiele werden in die Feste integriert. Ein glanzvolles Beispiel dafür ist das »Karussell« des Jahres 1662, das vor den Pariser Tuilerien stattfindet. Noch heute erinnert die dortige »Place du Carousel« an dieses Fest, auf dem der König selbst eine als Römer kostümierte Reitergruppe in einen Wettkampf führt, das sogenannte Ringelstechen. Fast 15.000 Menschen schauen zu. Adlige aus ganz Europa sind angereist, um diesem Spektakel beizuwohnen. Ludwig schreibt darüber: »Als Bild wählte ich die Sonne … Sie ist ohne Zweifel das lebendigste und schönste Sinnbild eines großen Fürsten, sowohl deshalb, weil sie einzig in ihrer Art ist, als auch durch den Glanz, der sie umgibt, durch das Licht, das sie den anderen Gestirnen spendet, die gleichsam ihren Hofstaat bilden, … durch die Wohltaten, die sie überall spendet, … durch das Leben, die Freude und die Tätigkeit, die sie überall weckt.« Auf diesem »Karussell« nimmt eine Legende ihren Anfang: Ludwig XIV. erhält den Beinamen »Roi Soleil«, »Sonnenkönig«.

Auch im nächsten Jahr wird ein großes Fest gefeiert, das »Impromptu de Versailles«. Und 1664, vier Jahre nach dem glanzvollen Einzug Ludwigs XIV. in Paris, wird in den soeben erweiterten Parkanlagen von Versailles ein derart gigantisches Hoffest organisiert, dass Europas Fürsten und Könige aus dem Staunen über den Luxus und das Ausmaß der Veranstaltung gar nicht mehr herauskommen. Das strahlende Gartenfest, zu dem rund 600 exquisite Gäste geladen sind, trägt den vielversprechenden Namen »Les Plaisirs de l’Île enchantée«, was soviel heißt wie »Die Freuden der verzauberten Insel«. Es findet auf königlichen Befehl statt, angeblich zu Ehren der Königin. Aber innerhalb der Hofgesellschaft weiß jeder, dass mit dem vom Grafen Saint-Aignan zusammengestellten Programm einer anderen Frau gehuldigt wird, der Mademoiselle de la Valière, der neuen Mätresse Ludwigs XIV. Dieses Fest, mit dem quasi ihre Proklamation erfolgt, hat eine solche Berühmtheit erlangt, dass ich Ihnen ein paar Details nicht vorenthalten möchte. Die Vergnügungen dauern eine ganze Woche, vom 7. bis 14. Mai 1664. Der erste Tag beginnt mit dem Einzug der »Verzauberten Ritter« auf dem festlich ausgeschmückten Turnierplatz, einem großen Rondell im Versailler Park. Der König selbst, gekleidet in ein kostbares, mit Juwelen überladenes Kostüm, führt die Quadrille an. Den Rittern folgt ein goldener, mit Sternen übersäter Wagen des Apoll, gelenkt von einer Gestalt, die die Zeit darstellen soll. Bunte Masken umtanzen den Wagen. In einer himmlischen Allegorie verkörpern sie die zwölf Stunden und die zwölf Tierkreiszeichen. Als der Zug vor der Loge der Königin anhält, werden ihr zu Ehren Verse deklamiert. Dann folgt ein Ringstechen, an dem der König aber nicht teilnimmt. Nach dem Ende des Turniers erscheinen mit musikalischer Untermalung und, von Bauern, Winzern und Gärtnern begleitet, die vier Jahreszeiten. Sie reiten auf einem Hengst, einem Elefanten, einem Kamel und einem Bären. Plötzlich sinkt, gelenkt von einer kunstvollen Maschinerie, eine Grotte herab. Sie öffnet sich: Pan und Diana liegen eng umschlungen beieinander, umgeben von dienstbaren Geistern, die der königlichen Familie Früchte des Feldes und des Waldes darbieten. Das macht Appetit. Und deshalb findet jetzt erst einmal das Souper statt: Nicht etwa im Schloss, sondern draußen im Park, wo auf das Zeichen des Zeremonienmeisters eine große ovale Tafel aus der Versenkung aufsteigt und auf silbernen Leuchtern Hunderte von Kerzen aufflammen, während sich 200 Masken mit brennenden Wachsfackeln entlang der Tafel aufreihen. Festliche Musik erklingt, und die königliche Familie nimmt ihre Plätze ein. Dann dürfen 37 Herzoginnen mit ihren Hofdamen Platz nehmen und zum ersten Mal als bevorzugter Gast auch Mademoiselle de la Valière. Erst als sie alle sitzen, kommt – streng nach Etikette – die übrige Hofgesellschaft hinzu. Höhepunkt des zweiten und dritten Tages sind Theateraufführungen im Freien. Auf einem anderen Parkrondell hat man über eine Laubenhalle einen riesigen Leinwandhimmel gespannt und gegenüber der Bühne Tribünen für die Zuschauer errichtet. Die natürlichen Laubpalisaden gewähren ihnen eine großartige Perspektive. Auf der Bühne wird ein im Barock sehr beliebtes Thema dargestellt: Die Sage von Alcina und der schwimmenden Zauberinsel, frei gestaltet nach der Darstellung des italienischen Renaissancedichters Ludovico Ariosto. Das ganze szenische Drum und Dran wird musikalisch untermalt, und fertig ist die Oper. Jean-Baptiste Lully komponiert in vereinfachten Sätzen die Musik, zu der ganz nach dem Vorbild der Antike auch gesungen wird, ohne Kontrapunkt-Künsteleien und Mehrstimmigkeit. Molière kommt ebenfalls mit einer Ballettkomödie zum Zuge. Doch er hat nur wenig Zeit zur Vorbereitung und kann für das Fest nur einen der vier Akte in Verse kleiden. Auch die prunkvollen Feierlichkeiten der folgenden Tage sind mit solchem Aufwand und solcher Pracht und Fantasie inszeniert, dass man bald in ganz Europa darüber spricht.

Die übrigen europäischen Höfe versuchen, diesem Vorbild nachzueifern. Doch nur in Dresden gelingt es, den Glanz der französischen Hoffeste zu erreichen. Wir werden das in einem der folgenden Kapitel miterleben. Und es glückt zum Teil auch in Wien. Als Kaiser Leopold I. 1666 in Wien eine Tochter König Philipps IV. von Spanien heiratet, die fromme, erst 15-jährige Margarethe Therese, die auch während der Ehe zu ihrem Ehemann stets Onkel sagt, nehmen die Vorbereitungen zu dem außergewöhnlichen Hoffest volle neun Monate in Anspruch. Der ganze österreichische Adel erscheint. Auf der Cortina, einem Platz gleich neben der Wiener Hofburg, lässt Leopold für die vielfältigen Vorführungen ein eigenes Theater erbauen. Zum ersten und auch einzigen Mal wird die extra zu diesem Anlass komponierte neunstündige italienische Oper »Il pomo d’oro« (Der goldene Apfel) aufgeführt, die allein 100.000 Gulden kostet und zu der der musikalische Kaiser selbst einige Passagen beisteuert. Auf dem Höhepunkt der Aufführung erscheint Paris und überreicht der schönsten Dame am Hofe, selbstverständlich der kaiserlichen Braut, den goldenen Apfel.