Paul M. Zulehner

Entängstigt euch!

Die Flüchtlinge und das christliche Abendland

Patmos Verlag

Vorwort zur 2. Auflage

Angst hab ich keine, die Botschaft „Fürchtet Euch nicht“ ist immer mit dabei. (Frau, 1953)1

„Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit ge­ge­ben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (2 Tim 1,7).

Unerwartet viele schutzsuchende Frauen, Männer, kleine Kinder, alte Menschen sind in der letzten Zeit zu uns nach Europa gekommen. Viele sind noch unterwegs oder machen sich auf den Weg. Der Krieg vertreibt sie: aus Afghanistan, Syrien, aus dem Irak.

Die Menschen in Europa reagieren auf diese Ereignisse völlig unterschiedlich. Junge Studierende bereiten auf dem Bahnhof in München den Ankommenden ein herzliches Willkommen, geben zu essen und zu trinken. Anderswo demonstrieren Menschen gegen die Flüchtlinge. Da und dort brennen Unterkünfte, in denen die Schutzsuchenden untergebracht werden sollen. Die Flüchtlinge spalten die Bevölkerungen in Europa.

Das hat den Kontinent in kurzer Zeit verändert. Die Europäische Union steht vor einer ihrer größten Herausforderungen. Manche sehen sie am Ende, freuen sich darüber sogar, andere sehen eine Chance. Die Europäische Union sei auch bisher in Krisen gewachsen. „Wir werden das Europa, das wir kennen, nicht vor Veränderung bewahren können. Wir können einander nur helfen, uns in der Veränderung zu bewähren. Denn wir sind bei der Geburt eines neuen Kontinents dabei – einer neuen Welt.“2 Papst Franziskus brachte diese Einsicht vor den italienischen Bischöfen in einer kantigen Formulierung so zum Ausdruck: „Wir leben nicht in einer Ära des Wandels, sondern erleben den Wandel einer Ära.“3

Alle diese Vorgänge rufen in jeder und jedem von uns starke Gefühle wach.4 Deren Skala ist breit. Sie reicht von Zuversicht bis Wut, von hilfsbereiter Solidarität bis destruktivem Hass. Dazwischen macht sich Besorgnis breit. Zumeist ist in uns eines dieser Gefühle am „lautesten“. Aber die anderen schwingen mit. Und zwar in jeder und jedem von uns.

In einer solchen Zeit stellen sich unweigerlich bedrängende Fragen: Was steht hinter diesen derart unterschiedlichen Gefühlen? Was fürchten wir? Was macht Angst? Was schafft Zuversicht? Welche Ereignisse nähren unsere widersprüchlichen Gefühle? An welchen Personen werden sie festgemacht? Wie beeinflussen sie die Politik?

Das Fragen geht weiter in die Tiefe: Wie ist es zu erklären, dass dieselben Ereignisse, zu denen alle über die vielen Medien Zugang haben, derart unterschiedliche Gefühle auslösen? Welche Rolle spielen vielfältige Ängste?

Und nicht zuletzt: Was soll mit jenen vielen, die schon nach Europa gekommen sind, geschehen? Werden uns ihre große Zahl und die Fremdheit ihrer Kultur und Religion überfordern? Oder bereichern die ankommenden Schutz­suchenden, unter ihnen viele kleine Kinder, junge Männer, Familien, alte Menschen unsere Kultur? Helfen sie uns, den wirtschaftlich bedrohlichen Geburtenmangel abzumildern? Schaffen wir es oder wird es in einer Katastrophe enden?

Zu solchen und weiteren Fragen, die heute gerade wache Menschen umtreiben5, habe ich eine online-gestützte Umfrage gemacht. Rund 3000 Personen haben sich beteiligt. Die Antworten und die vielen Beiträge zu zwei offenen Fragen helfen, die anstehenden Themen solide zu erwägen. Lösungen zeichnen sich ab. Erkennbar werden aber auch Bedingungen, unter denen aus der beängstigenden Krise eine von Zuversicht getragene Chance werden kann: zuvorderst für die vor dem Krieg flüchtenden Menschen, dann aber auch für eine zukunftsfähige Politik. Ich stimme einem 1965 geborenen Mann zu, welcher in der Umfrage vermerkte: „Wir brauchen jetzt vernünftige Mutmacher, Hoffnungsspender, Realisten, die sehen, dass jede Krise eine große Chance in sich birgt.“

Neu hinzugekommen sind in dieser zweiten Auflage der Baustein über die Obergrenzen sowie die spirituelle Ermutigung. Sie sei ein Dank an die bewundernswert vielen, die sich mit Herzblut bis ans Ende der Kräfte einsetzen.

Jede und jeder von uns kann einen wertvollen Beitrag leisten. Das wird uns umso eher gelingen, wenn diffuse Angst in rationale Besorgnis gewandelt wird. Begründete Sorge kann kraftvolle Energie für eine zukunftsfähige Politik und einen nachhaltigen Einsatz freisetzen. Die Formel lautet: „Wird (diffuse) Angst kleiner, kann (liebende) Solidarität größer werden.“ Dann aber heißt die große Zumutung der heutigen Zeit: „Entängstigt euch!“

Paul M. Zulehner

Wien, im Februar 2016

ÜBER DEN AUTOR

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© Thomas Boehm

Paul M. Zulehner, Dr. phil., Dr. theol., war von 1984 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 Professor für Pastoraltheologie in Wien. In zahlreichen und viel beachteten Veröffentlichungen beschäftigt er sich vor allem mit religionssoziologischen, kirchensoziologischen und pastoraltheologischen Themen.

ÜBER DAS BUCH

Unerwartet viele schutzsuchende Frauen, Männer, kleine Kinder, alte Menschen sind in der letzten Zeit nach Europa gekommen oder sind noch unterwegs. Das ruft bei vielen starke Gefühle wach von Zuversicht bis Wut, von hilfsbereiter Solidarität bis Hass. Die Flüchtlinge spalten die Bevölkerung in Europa. Paul M. Zulehner geht in diesem aktuellen Zwischenruf den Ängsten nach, die hinter den abwehrenden Haltungen liegen, und zeigt Möglichkeiten auf, sie zu überwinden. Jede und jeder kann in diesen großen Herausforderungen einen wertvollen Beitrag leisten. Das wird dann eher gelingen, wenn diffuse Angst in rationale Besorgnis gewandelt wird. Begründete Sorge kann kraftvolle Energie für eine zukunftsfähige Politik und einen nachhaltigen Einsatz freisetzen. Die Formel lautet: „Wird (diffuse) Angst kleiner, kann (liebende) Solidarität größer werden.“ Dann aber heißt die große Zumutung der heutigen Zeit: „Entängstigt euch!“

Auch als Printausgabe erhältlich.

www.patmos.de/ISBN978-3-8436-0760-5

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ISBN 978-3-8436-0760-5 (Print)

ISBN 978-3-8436-0761-2 (eBook)

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Inhalt

Inhalt

Vorwort

Der globale Marsch

Das Elend der schutzsuchenden Menschen auf der Balkanroute

Ärger, Sorge, Zuversicht

Gemischte Gefühle

Haltung und Handeln

I Unsere Gesellschaften zwischen Abwehr und Einsatz

Option Abwehr

Option Einsatz

II Wir mutieren immer mehr zu einer Angstgesellschaft

Ängste

Angstgesellschaft

Stammtischparolen

III Wege aus der Angst

Christsein in der Flüchtlingszeit

Europa ist gefordert

Possibilist

Das Christliche retten im Abendland

Spirituelle Ermutigung

Die Menschen brauchen eine Perspektive

Der Fragebogen


Der globale Marsch

Was Zukunftsforscher schon längere Zeit vorausgesagt haben, ist in Gang gekommen. Der „globale Marsch“6 hat begonnen. Migration hat sich entgrenzt. Waren früher eher die Männer auf Wanderung, haben sich inzwischen die Migrantenströme feminisiert. Ganze Familien sind auf Wanderschaft, mit Kindern und Alten.

Ein Teil dieses „Marsches“ wird von den reichen Ländern sogar gefördert. Qualifizierte Menschen werden für nationale Wirtschaften angeheuert. Zugleich aber gibt es immer mehr, die vor Krieg und Terror, Verfolgung, Klimakatastrophen, Armut und vor der an sie geknüpfte Hoffnungslosigkeit flüchten. 60 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht.

Lange Zeit meinten wir in Europa, dass diese großen Fluchtbewegungen weit weg von uns passieren: in Südostasien, in Afrika, im Nahen Osten. Europas letzte große Flucht­bewegung ereignete sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Aufstände gegen die kommunistische Herrschaft in Ungarn 1965 und in der Tschechoslowakei 1968 blieben regional. Auch der Balkankrieg Anfang der Neunzigerjahre trieb viele Menschen innereuropäisch auf die Flucht.

Was sich aber jetzt in Europa ereignet, kam für die europäischen Bevölkerungen und ihre politischen Führungen überraschend. Unüberschaubar erscheint vielen die in Gang gekommene Wanderbewegung. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble sprach, wie er selbst zugab, etwas unbedacht von einer „Lawine“, die abgeht – ein bedrohliches Bild, das die Ängste vieler aufgreift und zugleich (leider) mehrt.7 Flüchtlingsrouten haben sich quer durch Europa gebildet. Andere verlaufen über das Mittelmeer. Sie werden von Menschen aus Afrika genutzt. Tausende sind in den Fluten ertrunken, als heillos überbesetzte Boote ihrer Schlepper kenterten. Das Mittelmeer ist zu einem großen Friedhof Europas geworden. Als Papst Franziskus auf seiner ersten Ausreise aus dem Vatikan Lampedusa besuchte und der Ertrunkenen gedachte, sagte er: „Ich habe dafür nur ein Wort: Schande.“ (4.10.2013)

Andere Flüchtlinge aus den Krisengebieten Afghanistan, Syrien, Irak, Eritrea lassen sich von Schleppern über die Ägäis von der Türkei auf eine griechische Insel bringen oder nehmen die türkische Festlandroute: Ziel ist die Europäische Union. So landen die meisten zunächst in dem wirtschaftlich höchst bedrängten Griechenland. Tausende sind von dort über die Balkanroute, genauer: Serbien und Ungarn, unterwegs nach Österreich und von dort weiter Richtung „Germany“. Als dann Ungarn die Grenzen dichtmachte, verlagerte sich die Balkanroute nach Kroatien und Slowenien. Ziel ist immer eines der „gelobten Länder“ im nördlichen Europa: Österreich, Deutschland, Schweden.

Durch manche Länder reisen sie durch, werden, wie Kritiker bemängeln, „durchgewunken“. Auf ihrer Wanderung werden sie dann spätestens in Deutschland registriert. Sie kommen, um zu bleiben, möglichst in jenen Ländern, in denen schon Angehörige oder Freunde von ihnen sind. Aber auch die Lebensbedingungen in den einzelnen Ländern in Europa werden verglichen und bewertet. Das macht die wirtschaftlich starken Länder, wie Deutschland, Österreich, die Schweiz oder die skandinavischen Länder, zu begehrten Zielen. Die jungen Reformdemokratien Ost(Mittel)Europas stehen eher selten auf der Zielliste des langen Marsches von Flüchtenden.

Dass diese starke Bewegung Richtung Europa in den letzten Monaten mit einer derart unaufhaltsamen Dynamik in Gang gekommen ist, hat mit der Entwicklung in den Herkunftsländern zu tun. Afghanistan konnte trotz enormer Anstrengungen durch die NATO nicht befriedet werden. Die Kämpfe in Syrien kippen immer mehr vom Bürgerkrieg in einen Konfessionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten, und das unter massiver Beteiligung der USA und Russlands. Der Krieg mit seinen 320.000 Toten geht unaufhaltsam und mit hoher Brutalität weiter. Der „Islamische Staat“ bedroht in den eroberten Gebieten jene Menschen, die sich nicht seinen Vorstellungen einer fundamentalistisch ausgelegten islamischen Tradition beugen, darunter islamische Jesiden und Christen. Grund genug für viele, die Flucht zu ergreifen. Die Zahl jener, die um ihr Leben bangen, sei es wegen kriegerischer Handlungen, sei es wegen politischer Verfolgung, nimmt zu. Für zu viele gehen die Bemühungen um einen Waffenstillstand in den Kriegsgebieten viel zu schleppend voran.

Natürlich sind viele zunächst innerhalb der vom Krieg gezeichneten Länder geflohen: 7,6 Millionen sind beispielsweise in Syrien unterwegs. Ein Großteil verließ aber das Land, um vor Bomben und Verfolgung, aber auch vor der Einberufung zum Kampf sicher zu sein. In Syrien sind von den 22 Millionen Einwohnern bisher 11 Millionen geflohen. Von diesen hofften die meisten zunächst, dass der Krieg alsbald ein Ende finden werde und sie wieder in ihre Heimat zurückkehren können. Das ist der Grund, warum in den Ländern rund um Syrien gigantische Flüchtlingslager entstanden sind. In der Türkei halten sich 1,6 Millionen Flüchtlinge auf, im Libanon 1,2 Millionen, über 600.000 in Jordanien, 25.000 in Ägypten (Stand 2015).

Der Krieg zieht sich aber für jene in diesen Flüchtlingslagern mit hoher Grausamkeit endlos hin. Eine mögliche Rückkehr rückt für sie immer mehr in weite Ferne. Die Lage in den Lagern wird zunehmend prekär. Dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR geht das Geld aus. Finanzzusagen – auch aus Europa – werden nur unwillig, schleppend oder gar nicht eingehalten. Zudem leben viele Kinder in den Flüchtlingscamps. Jedes Jahr ist für diese ein Jahr ohne Schule, ohne Bildung, mit wachsender Perspektivlosigkeit also. Immer mehr junge Frauen und Männer wollen diese Aussichtslosigkeit nicht länger hinnehmen.

Die Kunde, dass Deutschland, dem Völkerrecht verpflichtet, Kriegsflüchtlinge aufnehme und nicht unmittelbar in den jeweilig ersten europäischen Einreisestaat zurückschicke, hat sich wie ein Lauffeuer in diesen Flüchtlingslagern verbreitet. Ausgesandte „Kundschafter“ erzählen, über Handys gut vernetzt mit den Angehörigen und Freunden in den Lagern, dass man sie in einigen Ländern, zumal in Deutschland, willkommen heiße. Unter Berufung auf das Asylrecht hätten diese Länder deutlich gemacht, dass kein Kriegsflüchtling, der sich in seinem Überleben bedroht weiß, abgewiesen werde.

So kam in unglaublich kurzer Zeit die große Flüchtlingsprozession in Gang. Sie überraschte die Länder, durch welche die Routen in die „gelobten Zielländer“ verlaufen, ebenso wie die Hauptaufnahmeländer, allen voran die Bundesrepublik Deutschland. Die Europäische Union, die gerade die an Griechenland festgemachte Eurokrise zu meistern hat, gerät unvermittelt vor eine neue Bewährungsprobe: vielleicht die größte in ihrer bisherigen Geschichte. Eine Million Flüchtlinge kamen 2015 nach Europa. 362.000 Personen haben in den ersten zehn Monaten des Jahres 2015 allein in Deutschland um Asyl angesucht. 85.000 waren es in Österreich. In den kommenden zwei Jahren rechnet die Europäische Kommission mit weiteren zwei Millionen.

Das Elend der schutzsuchenden Menschen auf der Balkanroute

Wahrnehmen die extreme Not vieler Menschen auf der Flucht.

Ihre Zahl bestürzt

überfordert

macht Angst

gebiert Hass und Abwehr.

Nahrung, Kleider, Utensilien werden verteilt von Hilfswerken und von einzelnen Menschen, die sich der Bedürftigen erbarmen.

Überwiegend Männer, jedoch auch Frauen und Kinder sind tags und nachts zu Fuß unterwegs bei jeder Witterung. Sie stapfen über Felder, durch Wälder, durch Flüsse auf schlammigem und anderem, unwegsamen Gelände. Sie schlafen draußen bei Kälte und Nässe. Sie hungern und frieren. Sie hinterlassen ihren Unrat, überall sichtbar, wo sie durchgezogen sind.

Gerüchte machen ihnen falsche Hoffnungen oder erzürnen sie. Lassen sie selbst Notzelte anzünden, die ihnen für kurze Zeit Schutz bieten sollten. Sie verlieren ihre Geduld ob langem Warten, Ungewissheit und Verzweiflung.

Irgendwann lässt man sie Grenzen überqueren. Ordnungsgemäß all diese Menschen registrieren, ist kaum mehr, zuweilen überhaupt nicht möglich.

So werden Grenzen überrannt, geschlossene durchbrochen, Stacheldraht­zäune verzweifelt überwunden.

Und wo das nicht möglich ist, müssen sie lange Umwege in Kauf nehmen.

Verzweiflung flammt neu auf.

Jedoch ungebrochen ihr Wille, an ihr Ziel zu gelangen.

Grenzwächter und Polizei sind längst überfordert.

In jenen Ländern Europas, wo Flüchtlinge willkommen oder zumindest geduldet sind, werden Auffanglager bereitgestellt, leere Wohnungen angeboten. Auch da herrscht Chaos. Lager, Kasernen und Häuser sind vollgestopft.

Häuser, wo Flüchtlinge untergebracht sind, werden von gnadenlosen Hassbürgern angezündet.

Flüchtlinge sprechen fremde Sprachen. Und sie kennen nicht jene, wo sie eventuell Aufnahme finden können.

Und es kommen noch mehr Flüchtlinge, getrieben von Angst und Verzweiflung, voll Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Sie, die selber Verängstigten und Traumatisierten, kümmern nicht die Ängste der Bürger in jenen Staaten, in die sie hinwollen. Es kümmern sie nicht die Unsicherheiten, die Probleme und finanziellen Anforderungen, die sie mit ihrer Ankunft mit sich bringen. Es kümmert sie nicht, dass manche Bürger sich von ihnen bedroht fühlen.

Flüchtlinge werden zurückgewiesen, zurückgebracht, jene, die kein Asyl bekommen können. Oder sie werden in andere Länder verschoben, die ihnen Aufnahme zu gewähren bereit sind.

In den Ländern Europas mangelt es noch an Solidarität mit jenen Staaten, die mit der Anzahl von Flüchtlingen heillos überfordert sind. Sie wollen keinen Platz zur Verfügung stellen, sind selber arm und stehen entwicklungsmäßig weit zurück.

Sie haben Angst, vom Islam überwältigt zu werden.

Die EU will Gelder spenden, um die vor Krieg und Elend Geflüchteten in den Aufnahmeländern zu unterstützen. Man bemüht sich mit aller Kraft um Besonnenheit und Einsicht.

Trotzdem sträuben sich viele EU-Staaten, die Flüchtlinge unter den EU-Staaten gerecht aufzuteilen.

Noch gibt es viel zu tun.

Und bis die überwiegend moslemischen Menschen bei uns Heimat und Integration finden, unsere Gesetze und Gepflogenheiten zu beachten, zu bejahen, zu respektieren und zu akzeptieren fähig und bereit sein werden, dauert es wohl noch viele Jahre.

All diese Gewissheit lässt uns bangen.

Wir sind ein christlich geprägtes Europa. Mit je eigener Politik und Gesetzen.

Aber was sicherlich Not tut, ist, sich wieder vermehrt auf ein wahres Christsein, d. h. um eine echte und tapfere Nachfolge Jesu Christi zu besinnen, und dies in allen Belangen unseres Alltages, unseres Zu-, Für- und Miteinanders.

Und das ginge eigentlich alle Bürger an.

So bräuchten wir uns weniger vor einer Islamisierung Europas zu fürchten.

Ursula Brunner-Blöchliger8


Ärger, Sorge, Zuversicht

Die enorme Flüchtlingsbewegung hat Europa und die Länder in der Europäischen Union in kürzester Zeit verändert. Wie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist Europa nicht, wie es zuvor war. Und das in enorm kurzer Zeit. Es ist, als habe der ferne Krieg nunmehr auch unsere Länder erreicht. Die Ausläufer des kriegerischen Erdbebens sind auch bei uns zu spüren. Wir sind zu einem Epizentrum geworden. Nur dass zu uns keine erschütternden Wellen kommen, sondern zumeist Menschen mit erschütternden Geschichten. Junge Männer, allein oder mit Frau, Kindern und Alten stehen an unseren Grenzen, begehren Einlass. Sie möchten sich hierzulande ein Leben aufbauen, das sie in ihrer Heimat nicht finden konnten. Es sind von Überlebenshoffnung getriebene Menschen.

Es ist keine Frage: Unsere Bevölkerungen macht das Geschehen betroffen. Es gibt keine unbeteiligten Beobachter, auch wenn am Rande einer Tagung europäischer Politiker der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban vermerkt: „I am only an observer!“ Tag um Tag berichten die Medien über den „globalen Marsch“. Einschlägige Talkshows er­-
­rei­chen höchste Einschaltquoten. Regionale wie nationale Wahlkämpfe kreisen nur noch um das Flüchtlingsthema.

Die Flüchtlingsthematik spaltet Bevölkerungen, politische Parteien, Regierungen. Politische Bewegungen, die sich in der Flüchtlingsfrage klar pro oder contra positionieren, haben Aufwind. Demonstrationen für und wider Flüchtlinge finden statt. Gewalt kommt ins Spiel: verbal wie handgreiflich. Flüchtlingsunterkünfte werden abgefackelt, bevor sie bezogen werden. Im postatheistischen Dresden wird zur Rettung des christlichen Abendlandes aufgerufen.

Im Rahmen von zwei lokalen Wahlgängen in Österreich waren die Menschen nach dem Urnengang gefragt worden: „Welches Gefühl haben Sie in Bezug darauf, dass die Politik folgender Herausforderung gewachsen ist: der Bewältigung der Aufnahme von Kriegsflüchtlingen?“ Die Befragten konnten sich einer von drei Gefühlslagen zuordnen: Ärger, Sorge, Zuversicht. 17% fühlten bei der Nachwahlbefragung Ärger, 53% Sorge, 26% Zuversicht.9

Ein und dasselbe Phänomen löst also bei den Menschen einer einzigen Bevölkerung höchst unterschiedliche Gefühle aus. Schon kündigt sich die Frage an, warum das so ist.

Gemischte Gefühle

Zuvor aber kann noch ein wenig differenziert werden. Wer aufmerksam in sich selbst hineinhorcht und versucht, seine Gefühle in der Flüchtlingsfrage wahrzunehmen, wird rasch entdecken, dass sie oder er in sich von allen drei Gefühlslagen etwas findet. Das ist vor allem dann der Fall, wenn man in der Lage ist, auch die Flüchtlingsfrage in ihren vielen Aspekten und Schattierungen zu begreifen. Komplexe Phänomene wecken im Normalfall komplexe Gefühle.

In meiner Online-Umfrage zum Flüchtlingsthema10 bin ich der Frage nachgegangen, wie konsistent die drei Gefühlslagen bei den Menschen sind. Dazu habe ich eingangs nicht nur die Frage des SORA-Instituts nach dem dominanten Gefühl gestellt, sondern am Ende bei jeder der drei Gefühlslagen die Möglichkeit gegeben, deren Stärke für sich allein genommen anzugeben. Bei jedem der Gefühle Ärger, Sorge und Zuversicht konnte man also angeben, wie stark dieses in einem lebendig ist.

Dabei zeigt sich:

  • Am eindeutigsten ist das Erstgefühl11 „Zuversicht“. 92% von diesen haben bei der differenzierten Frage ein starkes Gefühl von Zuversicht; 19% sind besorgt, 7% verärgert.
  • Anders jene mit dem Erstgefühl „Ärger“. Auch bei diesen dominiert als Einzeldimension der Ärger mit 93%. Aber auch die Sorge ist bei 78% stark. Starke Zuversicht haben aber lediglich 11%. Während also bei den Zuversichtlichen kaum Sorge oder Ärger vorhanden sind, sind die Personen mit Ärger teils besorgt, teils verärgert. Bei der zweiten Gruppe kippt also Sorge in Ärger.
  • Am meisten gemischt erweisen sich jene, die als Erstgefühl „Sorge“ angegeben haben. 73% von diesen sind auch gemessen an der Einzeldimension Sorge besorgt. 35% tendieren von der Sorge zur Zuversicht, 16% zum Ärger.

Die drei Möglichkeiten „Ärger, Sorge, Zuversicht“ bekommen auf diesem Weg ein differenzierteres Profil. Kombiniert man alle vorhandenen Informationen zur Gefühlslage einer einzelnen Person, zeigen sich drei Hauptgruppen: (klar) Zuversichtliche, zuversichtlich Besorgte sowie besorgt Verärgerte. Die Mittelgruppe der zuversichtlich Besorgten steht (laut Umfrageergebnisse) den (klar) Zuversichtlichen näher als den besorgt Verärgerten.

So gibt es letztlich zwei gefühlte Optionen. Die eine Option ist Abwehr: Flüchtlinge sollen mit allen Mitteln ferngehalten werden. Die andere Option weist in die gegenteilige Richtung: Sie zielt auf den Einsatz für die Flüchtlinge. Abwehr hier, Einsatz dort – das scheidet letztlich die Geister in den europäischen Bevölkerungen.

Haltung und Handeln

Diese Haltungen hängen mit dem Handeln eng zusammen. Gefragt wurde, ob und wie sich jemand in der Flüchtlingsfrage einbringt: durch Spenden, Diskutieren, Mitarbeiten – oder ob sich jemand heraushält.

Einige Menschen nehmen, so die Durchleuchtung der Daten, mehrere dieser Möglichkeiten gleichzeitig wahr. Andere hingegen beteiligen sich nur in einer der möglichen Formen. Schließlich halten sich andere gänzlich heraus. Unter Berücksichtigung solcher Überschneidungen erhält man12 drei Gruppen: Vollengagierte, spendende Diskutanten, Des­engagierte.

  • Personen mit dem Gefühl Ärger gehören zu 77% zu den Desengagierten, 11% spenden und diskutieren, 12% sind in allen drei Formen engagiert. Offenbar hängen das Gefühl Ärger und die Option Abwehr eng zusammen und schaukeln sich gegenseitig hoch.
  • Ganz anders die Zuversichtlichen. 42% von ihnen sind Vollengagierte, 35% spenden und diskutieren, nur 22% sind desengagiert. Auch in diesem Fall kann es sein, dass Zuversichtliche eher handeln – aber es kann auch sein, dass jene, die handeln, eher zuversichtlich sind.
  • Die Anteile in der Mittelgruppe der Besorgten sind: 24% vollengagiert, 35% diskutierend und spendend, 41% des­engagiert.

Anhand von Umfragedaten werden nunmehr in einem ersten Schritt zunächst diese beiden Optionen näher vorgestellt. Der Übersichtlichkeit halber wird zur Unterscheidung der „Lager“ die Eingangsfrage nach Ärger-Sorge-Zuversicht herangezogen – wobei immer mitbedacht wird, dass Ärger besorgt-verärgert heißt, Sorge zuversichtliche Sorge, aber auch ängstliche Besorgnis bedeuten kann und Zuversicht nahezu „Zuversicht pur“ ist.

Dann gilt es in einem zweiten Schritt zu fragen, warum in ein und derselben Bevölkerung die Menschen derart gegensätzlich fühlen und optieren.

Das Herzstück der Analyse bezieht sich auf das sich ausbreitende Phänomen der Angst – in den einzelnen Bürgerinnen und Bürgern, in der gesamten Gesellschaft, was ihr in der Wissenschaft den Beinamen „Angstgesellschaft“ einträgt.

Schließlich gilt es zu erwägen, was von den vielfältigen Ängsten heilen kann, mit dem Ziel, Menschen mit diffusen Ängsten und ihrer Neigung zur Abwehr in Richtung besorgt oder gar zuversichtlich zu bewegen. Der Grund für diesen Versuch besteht darin, dass es letztlich nicht mehr nur darum geht, ob künftig Flüchtlinge aufgenommen werden. Vielmehr ist der Ausgangspunkt, dass längst Hunderttausende in Europa angekommen sind.

Das sind somit die Überschriften der folgenden Kapitel:

  • Unsere Gesellschaften zwischen Abwehr und Ärger
  • Wir mutieren immer mehr in eine Angstgesellschaft
  • Wege aus der Angst