Ludger Schulte

Weil Leben mehr als Machen ist

Von der anderen Kraft des Glaubens

Patmos Verlag

»Das Mögliche kommt aus dem Reich des Unmöglichen.«

Jacques Derrida

»Wir können den Himmel verderben, erobern können wir ihn nicht!«

Martin Walser

INHALT

Einführung

1 Lebenskunst
Die Kunst der Künste

2 Weisheit
Wenn die Dinge schmecken, wie sie sind

3 Zeit
Das knappe Gut

4 Grenzen
Gegeben und aufgegeben

5 Vergebung
Weg in die Zukunft

6 Gelassenheit
Aus Vertrauen leben

7 Kontemplation
Erfüllte Gegenwart

Schluss: Gut für Überraschungen

Anmerkungen

Einführung

Das Leben will nicht nur bewältigt, nein, es will auch geführt und gemeistert werden. Irgendwann wird wohl jeder in besonders bedrängenden Schwierigkeiten nach einem guten Rat gesucht haben. Das liegt in Zeiten vielfältiger Angebote zur individuellen Lebensgestaltung und der daraus resultierenden Unüberschaubarkeit nur nahe. Tatsächlich leben wir zunehmend in einer Ratgebergesellschaft. Es gibt professionelles Coaching und Expertisen zu allen Fragen des Lebens vom Zeitmanagement bis zur grundsätzlichen Suche nach dem ganz persönlichen Lebensglück. Schnell ist die Rede von der »Lebenskunst« da. Sie ist heute vielerorts im Gespräch: in der Philosophie, in Managementkursen, in der Psychologie und Seelsorge. Die Lebenskunst- und Ratgeberliteratur boomt. »Mitte«, »Maß« und »Balance« lauten die verheißungsvollen Leitprinzipien. Es wird guter Rat mit Sicherheit in Aussicht gestellt. Doch schon längst erweckt das bis in die Apothekerzeitungen hinein verschlissene und ausgebeulte Wort »Lebenskunst« Überdruss und Frust. Und die Frage, ob sich nicht ein neuer »Leistungszwang zum gelingenden Leben« auf sublime Weise Raum schafft, ist berechtigt.

Die hier vorgelegten Gedanken wollen querdenken: Wissen, wie das Leben geht, geht das? Kann das Leben zum Werkstück einer Kunst oder Technik werden, in der man es zum Meister bringen kann? Die »Ars vivendi«, die Lebenskunst, ist unbezweifelbar nötig in einer Vielfalt an Wahlmöglichkeiten, Angeboten, Herausforderungen und Überforderungen. Zugleich ist sie zu wenig, wenn Leben und Menschsein mehr sind als Machbarkeit, Strategie und Planung: Geschenk, Zuwendung, Begegnung, Einfall, Gnade. Wir erschaffen uns nicht und wir erfinden uns nicht, wir sind nicht nur unsere Geschichte; wir widerfahren uns.

Der große Trend »Lebenskunst« hat seine Chancen und Grenzen. Denn Leben ist und bleibt mehr, als getan werden kann! Weil Leben mehr als »Machen« ist! Das gilt für das eingegrenzte, behinderte Leben, das gilt ebenso für das Leben eines jeden. Nicht weil die »Kunst der Künste«, die Lebenskunst, abgelehnt würde, ganz im Gegenteil, sondern weil sie einer heilsamen und korrigierenden Erweiterung bedarf, soll sie im Licht des Glaubens betrachtet werden. Es gibt Grenzen unseres Verstehens und unserer Selbstbestimmung. Erst in einer geschenkten Selbstdistanzierung und Selbstauslieferung findet sich der Mensch ganz neu. Das gilt für jeden echten Akt der Liebe. Das gilt für jeden Schritt gelebter Hoffnung. Das gilt für jeden ernst gemeinten Akt des Vertrauens. Es gilt auch für ein Leben im Glauben an Gott, dass er den Menschen zur letzten Reife führt. Zugleich ist zu unterstreichen: Das Christsein zielt nicht auf irgendeine Spezialkunst neben anderen Lebensfertigkeiten ab, sondern meint einfach das recht gelebte Menschsein. Der christliche Glaube enthält, mit den Worten Papst Benedikts XVI. gesprochen, einen zentralen Handlungsauftrag: »Wir wollen die Kunst des richtigen Lebens ›üben‹ – wir wollen die Kunst der Künste, das Menschsein besser erlernen!«1

Tatsächlich geht es in diesem Buch um eine »Lebensführung am Rande des eigenen Vermögens«2. Das ist paradox, Wagnis genug und erlösend zugleich. Und ist es angesichts der vielen Lebensereignisse von gewährter Freundschaft und Versagen, Planung und Scheitern, Glück und Unglück, Liebe und Hass, Frieden und Gewalt, Gemeinschaft und Einsamkeit, erfüllter und unumkehrbarer Zeit nicht auch redlicher, Ausschau über unsere eigenen Möglichkeiten hinaus zu halten?

Das hiermit vorgelegte Buch stellt sich also einer Grundlegung und Unterscheidung christlicher Lebenskunst (1. Kapitel). Von hier aus eröffnet sich eine viel fundamentalere Frage: Wie kann es in einer Zeit, in der es kaum noch möglich ist, zu Sicherheit zu gelangen, noch elementare Sicherheiten geben, die Stand und Bestand für die eigene Lebensführung bieten? Wie können letzte Horizonte offengehalten werden? Der Weg zwischen einem (religiös) fundamentalistischen Trotz und einer alles verwischenden Gleichgültigkeit scheint schmal. Es ist die alte Frage nach der Lebensweisheit, als rechte Weise zu leben, die mehr als Wissen und Intelligenz verlangt, vielmehr ein »Schmecken« der Dinge, wie sie sind (2. Kapitel). Sie gewinnt allerdings erst dann an entscheidender Tiefe, wenn sie einen rechten Umgang mit dem knappsten Gut einer durch und durch ökonomisierten, digital beschleunigten Gesellschaft in den Blick nimmt, den Umgang mit der Zeit. »Unsre Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz«, spricht der Psalmist (Ps 90,12). Heimliche und unheimliche Zeitmuster durchdringen unser Denken, Fühlen und Handeln. Sie gefährden jeden Versuch, einem glückenden Leben auf die Spur zu kommen. Was hat hier die jüdisch-christliche Botschaft von der »Heiligung der Zeit« für eine heilende Kraft auf das Gelingen des Lebens (3. Kapitel)?

Eine Lebensführung am Rande des Möglichen aus der Kraft des Glaubens hat sich ferner mit zwei weiteren unausweichlichen Lebensgegebenheiten abzumühen: mit den eigenen Grenzen und der Vergebung. Wie gehen wir mit dem um, was nicht zu übergehen ist, was uns begrenzt und Grenze ist? Woher kommt die Kraft, zu unseren Grenzen zu stehen oder sie zu übersteigen (4. Kapitel)? Was für eine Lebenswahrheit bricht sich Bahn in der Aussage »Wer nichts bereut, hat nicht gelebt! Wer nicht vergibt, hat keine Zukunft«? Ohne Vergebung und Versöhnung kann es auf Dauer weder menschliche Gemeinschaft noch Friede mit mir selbst geben. Was ist angesichts von Versagen und Schuld jenseits unseres »Machens« zuerst und am Ende zu erhoffen (5. Kapitel)?

All das verweist auf die grundlegende Haltung der Gelassenheit. Ohne sie wollen die Geduld erprobenden Schritte der Vergebung und die immer neu nötigen Schritte zur Annahme der aufgegebenen Grenzen kaum gelingen. Die Gelassenheit ist als »christliche Gelassenheit« kein Leben über dem Leben. Sie ist keine Weltflucht. Sie ist eine neue Art, das eigene Leben aus der Nähe Gottes zu übernehmen und zu gestalten (6. Kapitel). Eine erfüllte christliche Lebensgestaltung, so wird sich immer mehr zeigen, lebt aus einer »neuen Sicht«, der Kontemplation. Sie ist das Eintreten in die Gegenwart und pure Präsenz, die sich getragen weiß von der Präsenz Gottes. Sie liegt jenseits von Aktion und Passion, Tun und Erleiden. Das Besondere an dieser Präsenz scheint die Erfahrung eines Momentes innerer Verbundenheit mit Gott und allem zu sein. Dieser Moment erfüllt uns und zieht uns zugleich in das nackte und ungeschützte Hier und Jetzt. Das kann mit tiefer Freude und abgründiger Traurigkeit verbunden sein. Jedoch tragen solche Begriffe hier nicht mehr weit. Es kündet sich ein Leben an, ohne beherrschen und kontrollieren zu wollen, weit mehr als ein jedes Agieren und Machen, weit mehr als jedes Vermögen. Es ist Frucht aus der anderen Kraft des Glaubens (7. Kapitel).

Dieses Buch vollendet eine Trilogie zu einer gelebten christlichen Spiritualität, die auf Augenhöhe mit der Zeit ist.3 Jede dieser Monografien steht für sich, spiegelt sich jedoch in der anderen. Nach einem Ringen um den »Mehrwert des Christlichen«, dem es vor allem zuerst um Gott geht, damit der Mensch seine wahre Größe nicht verliert, und der Freilegung der »Herzmitte des christlichen Glaubens«, des Erlösungsgeschehens mitten in uns und unter uns, schließt nun die Trilogie mit der Frage nach der »Lebenskraft des christlichen Glaubens« an der Grenze von Tat und Hingabe, von Aktion und Passion.

Möglicherweise ist es am Ende nicht ganz überflüssig zu betonen, was all diese vorgelegten Gedanken innerlich verbindet: »Christsein ist kein Regenschirm gegen das Unwetter der Wirklichkeit, sondern die Entdeckung, dass man im Regen tanzen kann.«4

Münster, im November 2012

Ludger Schulte OFMCap

1 Lebenskunst – die Kunst der Künste

Das Leben ist nicht beherrschbar! Dafür ist es im Entscheidenden nicht gedacht. Zu viel widerfährt, passiert, kommt über uns, bricht ein, ergreift uns, überrascht und überholt unsere Alltagspfade. Das Leben ist nicht unter Kontrolle zu halten. Wenn es gut geht, können wir unser Leben führen, den Widerfahrnissen, Einbrüchen, Überraschungen und dem Unplanbaren eine Richtung geben. Aber selbst unser Leben zu führen will noch gelernt sein!

»Was fange ich mit so viel Leben an,

da brauch ich ja einen, der leben kann,

einen, der weiß, wie es geht.

Was fängt man mit so viel Leben an,

wenn man keinen kennt, der leben kann,

keinen, der weiß, wie es geht.«

So singt die Berliner Band »Mathilda« über einen Mann, der vom Arzt zu hören bekommt, dass er noch mehr als 70 Jahre zu leben hat.5 Das scheint ihm einfach zu viel: »Was fang ich mit so viel Leben an, da brauch ich ja einen, der leben kann, einen, der weiß, wie es geht.« Im Lied tröstet ihn seine Frau und hofft: »Es wird schon nicht so schlimm kommen, vielleicht irrt sich der Arzt und es ist früher vorbei. Ich gehe mit dir durch dick und dünn und lasse dich nicht im Stich!« Und siehe da, der Schrecken wird nicht geringer:

»Was fange ich mit so viel Liebe an,

da brauch ich ja einen, der lieben kann,

einen, der weiß, wie es geht.

Was fängt man mit so viel Liebe an,

wenn man keinen kennt, der lieben kann,

keinen, der weiß, wie es geht.«

Wer nun meint, genügend Kummer für diesen Mann, der wird eines Besseren belehrt. Den Mann erreicht zum Pech noch das große Glück eines Lottogewinns. Der Refrain lautet nun:

»Was fange ich mit so viel Freiheit an,

da brauch ich ja einen, der frei sein kann,

einen, der weiß, wie es geht.

Was fängt man mit so viel Freiheit an,

wenn man keinen kennt, der frei sein kann,

keinen, der weiß, wie es geht.«

Leben, Liebe, Freiheit, die großen Wünsche des Menschen. Doch wie geht’s? Um Antworten scheint es keine Verlegenheit zu geben. Ein Blick in die Fernsehprogramme zeigt, wo überall Fachleute gefragt sind: Ernährungsberatung, Erziehungsberatung, Schuldnerberatung, Rechtsberatung. Vom Kochkurs bis zum Coach, ganz zu schweigen von den zahlreichen Talkshows, in denen alle möglichen Themen von Beziehungsgestaltung über Lebenseinstellungen abgehandelt und noch die asozialsten Neigungen vor laufender Kamera in Szene gesetzt werden. Wer hier hinschaut, ist nicht einfach voyeuristisch veranlagt, nein, es ist ein Hinweis dafür, dass der Orientierungsbedarf für die alltägliche Lebensgestaltung gewachsen ist. Die Anzahl der Selbstmanagement- und Lebenshilfebücher ist rapide gestiegen. Viele Zeitschriften und Magazine greifen das Thema »Lebenskunst« in seinen unterschiedlichen Facetten auf. Es sind neue Berufszweige entstanden wie etwa Supervisoren, philosophische Praxisberater oder Coaches, um den beruflichen Anforderungen zu entsprechen und das professionelle Handeln zu optimieren im offenen Businesswind. Dass Lebensführungskompetenz eine Aufgabe ist, die einem nicht in den Schoß fällt und heute mehr denn je vonnöten ist, darauf weisen psychologische und sozialpädagogische Beratungsstellen hin. Die Skala der Angebote und Therapien ist fast unübersehbar.

Das ist der Hintergrund, der es verständlich macht, weshalb Lebensgestaltung zunehmend mit einer besonderen Befähigung in Verbindung gebracht wird: mit der Lebenskönnerschaft oder eben Lebenskunst. Nicht immer ist klar, was damit gemeint ist.6 Was halten Sie von einer halb ironischen und halb ernst gemeinten Buchrückenwerbung wie dieser?

»Wie Sie erkennen, dass Sie sich mit dem Versuch, eine Riesenkarriere, jede Menge Kinder, absolute Unabhängigkeit, großen Reichtum, strahlende Schönheit, umfassende Geborgenheit, ewige Jugend, zügellosen Sex und ein bequemes Leben unter einen Hut zu bringen, ein wenig viel abverlangen – und wie Sie es mit fröhlichem Durchwursteln und einer Portion Kreativität schaffen können, einiges davon doch noch zu bekommen.«

Was »Dr. Ankowitschs kleiner Seelenklempner«7 zu bieten hat, klingt doch ganz locker und Erfolg versprechend gegenüber den vielen Zwangsveranstaltungen zum richtigen Leben, und doch soll am Ende schon auch was rauskommen fürs Geld.

Manche verbinden mit der Lebenskunst die Vorstellung eines findigen Überlebenskünstlers, der sich unter widrigen Umständen erfolgreich durchschlägt und sich mit minimalen Einkünften und schwierigsten Verhältnissen arrangiert. Andere einen Virtuosen des Lebensstils und der Lebensqualität. Hier steigt der Michelin-Lokal- und Weinführer zur ersten Quelle der Orientierungshilfe auf. Wieder andere assoziieren einen Menschen des Anstands und Takts im Sinne der französischen Tradition des savoir vivre. Literarisch hochfeine Gedanken über Manieren und der neue Kniggekult gehören in dieses Umfeld. In der Antike und bis zum Beginn der Neuzeit stand der Begriff »Lebenskunst« für die »technê tou biou« oder »ars vivendi«. »Er bezeichnet eine Umformung der Persönlichkeit, die Entwicklung wünschenswerter Eigenschaften und die Gewinnung einer angemessenen Lebenshaltung.«8 Sie war meist eng mit der »ars moriendi« – der Kunst des Sterbens – verbunden. Denn leben kann nur der, der auch um sein Sterben weiß. Diese Sicht war bis zum Ende des Mittelalters für Theologie und Philosophie die maßgebliche.9 Gegenwärtige Adaptionen dieser Traditionen gibt es zahlreiche. In den letzten Jahren hat sich deshalb neben Apothekenzeitungen, einschlägigen Magazinen und Internetforen eine sehr ernstzunehmende philosophische Debatte entwickelt. Sie fragt, was Lebenskunst unter dem Vorzeichen der Spät- bzw. Postmoderne, der Globalisierung und Totalökonomisierung bedeuten könne und welche Stellung ihr zukommt.10

In den Beiträgen zur Lebenskunst lassen sich vereinfachend zwei Typen ausfindig machen. In einer eher theoretischen Hinsicht geht es darum, Begriffe zu klären, Illusionen offenzulegen, die menschliche Verfasstheit in den Blick zu bekommen und heutige Lebensbedingungen aufzudecken. In praktischer Hinsicht geht es um Tipps und Tricks, um konkrete Techniken, um Übungen der Selbstwahrnehmung, Selbstformung und Selbstbestimmung. Gerade hier scheinen der Kreativität der Hinweise keine Grenzen gesetzt. Beiden Typen liegen ausgesprochen oder unausgesprochen variierende Bilder vom Menschen zugrunde. Stand in der antiken Philosophie die Vorstellung einer Wesensrealisierung im Vordergrund: »Werde der, der du bist«, der Bildhauertypus, so herrscht seit der Neuzeit das Konzept der Selbsterschaffung vor: »Erfinde dich selbst«, der Comic- oder Avatartypus. In der Ratgeberliteratur können die Werde-der-du-bist-Konzepte oder Erfinde-dich-selbst-Modelle auch ineinander verschoben sein. Über Grenzen und Möglichkeiten dieser Modelle aus christlicher Sicht werde ich an späterer Stelle sprechen.

Zunächst gilt es nach den unausweichlichen menschlichen Vorgegebenheiten der »conditio humana« zu fragen, die hinter all diesen hilfreichen und häufig auch aberwitzigen Versuchen, dem Leben auf die Spur zu kommen, stehen.

Zwischen Finden und Erfinden

Der Mensch entkommt grundlegenden Spannungsverhältnissen nicht: Macht und Ohnmacht, Kontrolle und Unkalkulierbarkeit, Gesundheit und Krankheit, Aktivität und Passivität, also Tun und Erleiden. Selbst noch zu diesen Grundspannungen muss er sich ins Verhältnis setzen, also sich entscheiden. Damit ist gesagt, er muss nicht nur sehen lernen, was »ist« – herausfordernd genug in Zeiten des Überspielens, Verdrängens –, sondern er muss für sich zu dem, was »ist«, auch eine Bedeutung finden. Was bedeutet es, mächtig und ohnmächtig zu sein, gesund und krank, lachend und weinend? Der Mensch kann die Suche nach einer dahinter liegenden Bedeutung verweigern. Er kann fatalistisch die Hände in den Schoß legen und zu sich sagen: »Es ist, was es ist!« – Aber aus welcher Erkenntnis und Kraft sage ich das? Er kann den Fanatismus des Augenblicks beschwören: »Uns bleibt nur die Gegenwart, die Vergangenheit holen wir nicht mehr ein, von der Zukunft wissen wir zu wenig!« Aber bestimmt sich das Leben nur nach der Qualität der Momente oder fragen wir nicht zugleich, was dieser Moment im Ganzen, angesichts meiner Vergangenheit und Zukunft, zu bedeuten hat?

Viele Fragen bleiben: Welchen Sinn messe ich der Unumkehrbarkeit der Zeit bei, die alles ins Einmalige, Unwiederholbare versetzt? Welchen Sinn hat es, dass wir vieles an unserer Existenz und das Gesamt von Geschichte und Welt weder kontrollieren noch überschauen können? Woran richte ich mein Leben aus? Woran orientiere ich mich? Aber auch: Was motiviert mich zu leben? Das sind große Fragen. Vielleicht zu groß, weil wir kaum Worte finden, sie zu beantworten, noch seltener (Zeit-)Raum, um nach verlässlichen Antworten zu suchen und uns mit anderen darüber auszutauschen. Vielleicht, weil wir uns noch schlicht auf der Suche befinden und uns wenig Antworten zutrauen, bis dahin, dass viele nur noch unterwegs sind, Pilger ohne Ziel – »Schauen wir mal, was sich so ergibt«, »Du kannst mich ja noch einmal anrufen, vielleicht melde ich mich noch« – als Grundprinzip alltäglichen Handelns.

Freiheit, die herausfordert

Eines ist jedoch offensichtlich: Ich komme nicht darum herum, ich kann es drehen, wie ich will, es ist jeden Tag dran: Ich muss mich entscheiden, im Großen und im Kleinen, welche Richtung mein Leben nehmen soll. Ich kann das alles offenlassen wollen, aber auch das ist eine Richtungswahl. Ich kann mein Leben laufen lassen bis dahin, dass es sich verläuft, ins Beliebige und Nichtige zerrinnt. Wir geben im Alltäglichen mehr Antworten, als uns bei ruhigem Nachdenken lieb sein wird. Deshalb gilt es, sich vor Augen zu führen: Der Mensch lebt nicht einfach, nein, es macht seine Größe und nicht geringe Last aus, sich die Frage zu beantworten: Welches Leben will ich führen?

Wer nicht von seinen oft einander widersprechenden Gefühlen, Triebregungen, Impulsen und Bedürfnissen hin und her gezerrt werden will, der muss beginnen, sein Leben bewusst zu gestalten. Auch der muss sein Leben bewusst in die Hand nehmen, der sich nicht einfach den sozialen Normen, gesellschaftlichen Ansprüchen oder den Erwartungen anderer Personen ausliefern will. Dazu bedarf es der Fähigkeit und der Notwendigkeit innezuhalten, nachzuspüren, nachzusinnen und demgegenüber Stellung zu beziehen, was einem passiert. Erst dann ist es möglich, seinem Leben eine Gestalt zu geben, die über die einzelnen Turbulenzen und Schwankungen hinweg »relativ« stabil ist.

Natürlich geht eine solche Sicht auf das menschliche Leben davon aus, dass der Mensch trotz aller biologischen, psychischen, sozialen und kulturellen Determinationen und Bestimmungen ein Wesen ist, das in gewisser Hinsicht frei ist. Gerade das Phänomen der »Qual der Wahl« zeigt, dass der Mensch nicht hinreichend durch seine Triebe, Instinkte und durch seine Erziehung bestimmt ist. Stattdessen müssen alle Menschen Entscheidungen treffen.

Doch welche Kriterien und Maßstäbe stehen einem hierzu zur Verfügung? »Glückendes Leben«? »Gutes Leben«? – Was sind das für Sternwörter im Planetarium unserer Lebensentwürfe? Zwischen diesen beiden Zielvorstellungen können schon Welten liegen. Das eine ist die Frage nach dem Glück, das andere nach dem Guten, also nach der Moral. Geht es mir zuerst darum, dass es mir gut geht oder dass ich gut bin? Das ist eine Richtungswahl! Was meint demgegenüber eine vorsichtigere und reduzierte Zielvorstellung wie »gelingendes Leben«? Was ist »Gelingen«, trotz oder gerade wegen der Rohrbrüche im Lebenshaus? Umfasst das »gelingende Leben« nur den Umgang mit sich selbst, also eine authentische Lebensführung, oder nicht auch die Beziehung zu anderen Menschen und zur Welt im Sinne der Umwelt und Schöpfung?

Kein Mensch entkommt der vierfachen Gleichursprünglichkeit des Lebens. Sobald ICH da bin (Subjekt) (und das bin ich ja schon, noch bevor ich es verstehe, dass ich da bin), stehe ich in einer bestimmten Zeit (Geschichte), in einer bestimmten sozial-mitmenschlichen Verfasstheit (Gesellschaft) und unter physikalischen, biologischen Vorgaben, es klopfen Triebe, Bedürfnisse, Gefühle an, d. h., ich bin der Natur eingefügt. Wie kommt all das ins richtige Verhältnis? An den vier Dimensionen (Subjekt, Zeit, Gesellschaft, Natur) bricht zugleich die Urfrage des Menschen nach dem Grund und Ziel von alldem auf. Ist es möglich, als Mensch sich diese Frage zu verbieten? Ist es möglich, die Frage nach Grund und Ziel als irrsinniges Bewusstsein der Evolutionsgeschichte des Homo sapiens sapiens zu diskreditieren? Wer dies zu glauben meint, hat bereits eine interpretierende Entscheidung gefällt. Denn es legt sich aus etlichen Gründen die Vermutung nahe, dass erst mit dem Bezug zum Grund und Ziel von Subjekt, Geschichte, Gesellschaft und Natur »gelingendes Leben« gelingen kann. Religiös gewendet, lautet die Frage so: Ist Gott als Schöpfer und Erlöser der Schlüssel zu meiner Existenz, zu der Geschichte, in der ich mich vorfinde, zum Miteinander der Menschheitsfamilie und meiner Mitgeschöpflichkeit? Wie ich hier bewusst oder unbewusst entscheide, verändert meine Lebensführung!

Die heimlichen Offenbarungen des Alltäglichen

Im Alltag stellt sich die Herausforderung zum »gelingenden Leben« ungeachtet der vielen Fragen fast schon auf banale Weise: »Stehe ich auf oder bleibe ich liegen?« – eine solche Frage ist was für pubertäre Gemüter, die noch nicht in der Wirklichkeit angekommen sind, sagt der Realist. »Stehe ich auf oder bleibe ich liegen?« – das ist etwas für Sonntagslaunige, denkt der erholungsbewusste Freizeitexperte. »Stehe ich auf oder bleibe ich liegen?« – das ist bei ständiger Wiederkehr dieser Frage ein Indiz für abgründigere Antriebslosigkeit, für Sinnmangel. »Da ist nichts, was bewegt«, sagt der psychologisch Spürsinnige.

In der Regel sind natürlich die Würfel in vielen alltäglichen Lebensfeldern gefallen. »Der Wecker klingelt und ich stehe auf!« Jedoch: »Stehe ich auf oder bleibe ich liegen?« Das ist ja nicht einfach nur die morgendliche Bettgeschichte. »Stehe ich auf oder bleibe ich liegen« gilt für vieles mehr in meinem Leben. Es geht um die Kraft und die Hoffnung, sein Leben anzugehen.

Egal, wie wir mit einer solchen alltäglichen Frage umgehen, wir müssen uns entscheiden oder eine bereits gefällte Entscheidung erneut vollziehen und – wenn wir den Mut haben – die Frage stellen: Will ich dieses Leben führen, das ich alltäglich führe? Ist es das?

»Lebenskunst« ein Signalwort unserer Gegenwart

Diese Fragen zu beantworten fällt uns heute schwerer als noch vor vierzig Jahren. Denn je weniger gesellschaftlich normiert ist, umso mehr muss ich wählen und damit selbst verantworten. »Das musst du für dich entscheiden« – der von Konventionen und Monopolen entfesselte Mensch empfindet diesen Satz mittlerweile eher als Bedrohung denn als Verheißung. Wer zwischen dreißig kaum durchschaubaren Stromtarifen und noch mehr Lebensmodellen wählen kann, den befällt mehr Lähmung als Bewegung. Wir haben maximale Handlungsfreiheit, fast nichts muss lebenslänglich halten – nicht die Beziehung, nicht die Berufswahl, schon gar nicht das Zeitungsabonnement. Bastelbiografie, Patchwork, Lebensabschnittgefährten – die Worte klingen leicht und spielerisch wie die Diätmargarine »Du darfst«; die Wirklichkeit, die sie beschreiben, ist anstrengend. »Es gibt nichts objektiv Richtiges mehr. Die traditionellen moralischen Instanzen – die Kirchen ebenso wie Günter Grass – haben ihren Einfluss auf unser Leben verloren.«11 Orientierungshunger wird bei Coaches und Ratgeberautoren gesättigt, nicht bei institutionalisierten Mahnern. Hier wird Entlastung erhofft. Der Lebensrat ist ein großer Markt. Er füllt in großen Buchhandlungen eine ganze Abteilung. Diese heißt auch hier neuerdings: Lebenskunst. Dort gibt es Publikationen zum korrekten Gebären, Erziehen, Streiten, Sterben, Vererben und vieles mehr.

Eberhard Schockenhoff und Christiane Florin parodieren unsere Wahlgesellschaft in ihrem lohnenden Buch über das Gewissen:

»›Sie haben die freie Auswahl!‹ Der alte Losverkäufer-Lockruf hat alle Bereiche des Lebens erobert, den Konsum, aber auch das Glauben, Lieben, Hoffen. Gestern Buddhismus, heute Kabbala, morgen Jakobsweg. Vor einer Minute RTL, jetzt ARD, gleich D-Max. Leben nach dem Zapping-Prinzip. Man bleibt bei irgendeinem der hundert Kanäle hängen, schaut kurz hin, drückt die Pfeiltaste der Fernbedienung, wieder und wieder, bis irgendwann der Schlaf das Programm festlegt. Am Morgen danach ist nicht mehr klar, ob gestern der Gerichtsmediziner ein Mordopfer obduzierte oder ein Bauer die Frau fürs Leben suchte. Von 100 Programmen auf Null-Erinnerung in wenigen Stunden.«12

Die Handlungsoptionen – kaufe ich nun den Fruchtaufstrich Kiwi-Bio-Banane oder die Marmelade Chili-Kirsch? – nehmen in allen Lebensbereichen zu. Mit dem Überangebot steigt jedoch auch das Gefühl der Überforderung. Die Marktforschung hat bereits die Gratwanderung zwischen inspirierender und abschreckender Vielfalt erkannt: Kunden, die zwischen sechs Marmeladensorten wählen können, greifen eher zu als diejenigen, die sich mit 24 Variationen konfrontiert sehen. Orientierungsverlust ist ein zentraler Stressfaktor.

»Drei Viertel der Deutschen geben in Umfragen an, sie seien irgendwie gestresst, vom Job, von der Beziehung, von den Medien, von allem zusammen. Unter Druck stehen der Arzt wie der Arbeitslose, der Manager wie die Mutter.«13

Verdammt zum Glück

Deuter unserer Gegenwart haben unsere Gesellschaft berechtigterweise als Optionsgesellschaft beschrieben. Eine Wahlgesellschaft, die für ihre Mitglieder unendlich viele Entscheidungs-, Konsum- und Eventmöglichkeiten bereithält und zunehmend weniger gemeinsame Orientierung. Die Imperativ lautet: »Mach was draus!« Aber was?»Jeder ist seines Glückes Schmied!« Ist er das? Die Folge ist: »Dann bist du halt selber schuld, wenn es schiefgeht!«

Wenn es wenig Möglichkeiten gibt, muss ich mich damit arrangieren (das galt z. B. für die Nachkriegsgeneration; das gilt für die Menschen, die ökonomisch nicht auf der Gewinnerstraße leben; das gilt für mehr als eine Milliarde und 200 Millionen Menschen, die nach dem neuesten UNO-Hungerbericht täglich Hunger leiden). Gibt es dagegen sehr viele Möglichkeiten, muss man umgekehrt das Vorhandene für sich arrangieren (das kann auf Dauer ebenfalls sehr anstrengend werden).

Aufs Konkrete angewandt: Mit wem oder mit was verbringe ich das kommende Wochenende? Je jünger jemand in unserer Gesellschaft ist, umso komplizierter fällt die Antwort aus. Wen rufe ich an? Wohin fahre oder fliege ich? Welche Party, welches Konzert besuche ich? Wann und was sollen wir essen? Wo läuft was? Wo laufe ich? Verkehrsmittel, Informationsmedien, Internet und die Verbindungshandschelle Handy öffnen viele Wahlportale. Das Viele kann sehr mühsam werden bis dahin, dass man sich lieber frustriert zurückzieht. Doch das wird nicht so lange andauern, denn das Gefühl, unbedingt dabei sein zu müssen, und die Angst, etwas zu versäumen, peitschen in das offene Feld der neuen Unübersichtlichkeit.

Dieser Stress, der sich Wochenende für Wochenende bei vielen Jugendlichen und auch Erwachsenen ereignet, basiert auf größeren kulturgeschichtlichen Entwicklungen, die zunehmend zur Herausforderung für die gesamte gegenwärtige und zukünftige Gesellschaft werden.14

Zwischen den Stühlen

Da die sittliche Autonomie, sprich die Selbstbestimmung des Menschen, seit der Neuzeit zum Normalfall wird und Fremdbestimmung (Heteronomie) per se mit einem negativen Vorzeichen versehen wird, kommt es zu einer immer größeren Infragestellung kollektiver Normen. Das Individuum wird so zum Bezugspunkt für sich selbst (Authentizismus)15 und die Gesellschaft. Nicht die Gemeinschaft steht im Vordergrund, sondern was die Gemeinschaft für den Einzelnen zu bieten hat. Dem Einzelnen wird keine große Erzählung mehr angeboten, in der er sich über sich selbst verständigen könnte, sondern er muss sich immer mehr selbst seine biografische Synthese schaffen. Diese Individualisierung hat ihre Voraussetzung in den Modernisierungsschüben, die einen sich steigernden funktionalen Differenzierungsprozess hervorrufen. Wissenschaft und Technik geben ganz neue Chancen und bergen ganz neue Gefahren.

Die Folge: Das Individuum bewegt sich im Spannungsfeld

In dieser gesellschaftlichen Großwetterlage beginnt die Suche, wie »mein Leben« möglich ist: wenn nicht in allem glücklich, wenigstens gut; wenn auch nicht in allem gut, wenigstens gelingend! Dies geschieht in einem offeneren Feld als je zuvor. So entsteht mit massivem Druck die Frage: Wer kennt einen, der sich da auskennt?

Verlust der Maßstäbe und verlorene Lebenskunst

Philosophische Vordenker wie Michel Foucault behaupten, die Moderne sei die Epoche der verlorenen Lebenskunst: Während die Zahl der individuellen Wahloptionen in der Neuzeit gewaltig angewachsen sei, sei die Kultivierung der Wahlfähigkeit mehr und mehr verkümmert.16