Beate und Olaf Hofmann

Lockruf des Lebens

Unser Familiensabbatical in Kanada

Patmos Verlag

»Stay out of box!«
Janine, Florian, Nora – ihr seid einzigartig.

Danke für eure Ermutigung.
Ohne euch hätten wir das Sabbatical nicht gewagt.

INHALT

Der Lockruf des Lebens

Loslassen

Ausgeträumt und losgelebt

Einstieg in den Ausstieg

Zeitenwechsel

Auf dem Goldrush Trail

Mehr vom Weniger

Vertrauen

Hoffnung trägt

Ankommen

Auswählen statt auswandern

Mit anderen Augen sehen

Novemberblues

Lichtblicke

Zuversicht

Perspektivenwechsel

Abgestempelt

Seelenfutter und Well(s)ness

White Gold – Abenteuer im Schnee

Feiern, Fasten und Fülle

Gewinn

So glückt Leben

Gold des Lebens

Aufwind statt Aufwand

Nuggets sammeln

Gipfelsturm

Lockruf des Lebens

Thanks

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Der Lockruf des Lebens

Würden Sie genauso weiterleben, wenn Sie wüssten, dass Sie demnächst sterben müssen? Wenn Sie diese Frage bejahen können, gratulieren wir Ihnen von Herzen. Sie sind bereits angekommen. Sie haben Ihre Aufgabe, Glück und einen tiefen Sinn in Ihrem Leben bereits gefunden. Wenn diese Frage Sie aufschreckt, Sie nachdenklich werden, wenn Sie mit ungelebten Träumen in Kontakt kommen und spüren, dass Sie in Ihrem Leben eigentlich etwas ändern müssten, ist es an der Zeit, das ›eigentlich‹ zu streichen und noch heute ins Handeln zu kommen.

Wir haben genau dies erlebt – und sind für 365 Tage ausgestiegen in die Stille und Weite der kanadischen Wildnis, um neu einzusteigen ins Leben. In Abenteuern, Höhen und Tiefen ist unsere Familie zusammengewachsen. Wir sind uns als Partner neu begegnet, haben innere Stärke und unsere persönliche Zukunftsvision gefunden. Die Auszeit unterm Cowboyhut ist zum Gold des Lebens für uns geworden. Wir haben Werte entdeckt, die durch Krisen hindurch Bestand haben. Davon wollen wir in diesem Buch erzählen.

Es wäre schön, wenn unsere Geschichte Sie ermutigen würde, jeden Tag so zu leben, dass sie keinen Tag bereuen müssen. Ändern Sie das, was Sie ärgert. Trauen Sie sich, Ihren eigenen Weg zu gehen. Lassen Sie die Sonne nicht über Ihrem Zorn untergehen. Verbringen Sie Ihre kostbare Zeit mit den Menschen, die Sie wirklich lieben.

Manchmal vergisst man im Hamsterrad des Alltags, wer man ist, welche Begabungen man hat, wofür man geschaffen ist und was man will. Um diesen existenziellen Fragen auf die Spur zu kommen, brauchen Sie Abstand vom Alltag, Freiraum zum Denken, eine Umgebung, in der Ihre Seele baumeln kann.

Denn die Kraft, Ihr Leben zu gestalten liegt in Ihnen. Um diese zu entfalten, brauchen Sie Impulse und Zeit. Unsere Geschichte ermöglicht Ihnen verschiedenste Impulse. Für Ihre individuelle, höchst persönliche Auszeit sind Sie selbst verantwortlich. Egal wo Sie diese Zeit verbringen und welcher Zeitraum für Sie der richtige ist. Wagen Sie einen Rhythmuswechsel zwischen Tun und Lassen. Verschieben Sie Leben nicht auf morgen. Haben Sie den Mut zur Pause.

Mit der Entscheidung für ein Sabbatical setzten wir auf Zuversicht und Reichtum der anderen Art. Zuerst aber hieß es Loslassen. Das war leicht gesagt, aber wie würden wir es umsetzen? Unsere Stärke ist das Miteinander als Familie, dennoch musste jede und jeder von uns ganz persönlich damit umgehen. Während wir Eltern mit Nora, der jüngsten Tochter, und dem Hund für ein Jahr nach Kanada gingen, blieben die beiden älteren Kinder in Deutschland. Ihre Ausbildung hatte Vorrang. In dieser Lebensphase gibt es andere Prioritäten. Die Trennung und räumliche Distanz fiel uns zwar nicht leicht, aber wir hatten schon früher gute Erfahrung mit Auslandsaufenthalten gemacht. Janine war kurz vor unserer Auszeit ein Jahr als Aupair in Schweden. Florian hat wie seine Schwester ein Jahr in England die Schule besucht. Wir alle wussten, dass man nicht aus der Welt ist und unglaublich viel lernt da draußen. Uns war klar: Wir werden die Trennung gut schaffen. Immerhin leben wir im Zeitalter von Internet und die Vereinbarung, uns zu Weihnachten alle in Kanada zu treffen, half über Zweifel hinweg. Am Neujahrsmorgen 2010, zu Beginn eines Jahres voller Aufbruch und Herausforderungen, hat jeder von uns eine ganz eigene Bestandsaufnahme gemacht:

Olaf (46)

Mich lockt die Aussicht auf Erfahrungen abseits bekannter Pfade. Ich kann es kaum erwarten, die Weite und Wildnis zu erleben, von der ich schon als Kind geträumt habe. Ich wünsche mir, das Westernreiten und die Lebensart der Cowboys im Alltag kennen zu lernen.

Loslassen muss ich dafür eine Arbeit, die mich ausfüllt und die ein Teil meines Lebens ist. Mir fällt es schwer, die Sicherheiten aufzugeben, die mit einer festen Anstellung verbunden sind, und innerlich anzunehmen, dass ein Sabbatjahr von meinem kirchlichen Arbeitgeber nicht mitgetragen wird.

Beate (45)

Verlockend, dass dieses Jahr in einen Zeitreichtum voll unverplanter Tage mündet. Ich freue mich auf den Moment, wo der prall gefüllte Kalender bedeutungslos wird und ich unbegrenzten Freiraum für mich, für mein Kind, für unsere Partnerschaft und das innere Wachsen habe. Ich kann noch nicht glauben, dass wir wirklich ein Jahr lang in der grandiosen Natur von Kanada leben werden.

Das Loslassen ist eine Herausforderung. Mir fällt es schwer, die älteren Kinder ohne ein Zuhause zu wissen und unser schönes Reihenhaus zu räumen. Leider ist die Dienstwohnung an die Stelle von Olaf gekoppelt. Wir werden Sachen verkaufen müssen, die ich unter anderen Umständen behalten hätte. Viel lieber würde ich ein berufliches Sabbatical machen und nach einem Jahr wieder in das Arbeitsfeld einsteigen, das mir Freude macht und Bestätigung gibt. Ich hoffe, dass sich das vielfältige Loslassen lohnt und dass es stimmt, dass geöffnete Hände auch gefüllt werden. Wir werden es erfahren.

Nora (10)

»Ich habe tausend Träume. Ich träume sie alle. Doch wenn ich am nächsten Morgen aufwache, ist es nur ein Traum gewesen. Eines Tages sage ich zu mir: Steh auf und mache deine Träume wahr.« Diesen Text habe ich schon vorletztes Jahr aufgeschrieben. Endlich ist es soweit. Ich bin so gespannt und voller Vorfreude. Ich habe mir einen Abreißkalender gebastelt und zähle die Tage, bis wir in die Wildnis aufbrechen. Ich träume davon, viele Tiere in der Natur zu sehen und Indianerkinder als Freunde zu haben.

Loslassen muss ich die Welt, in der ich lebe: meine Freunde, meine Geschwister, mein Zuhause, meine Schule. Sorgen mache ich mir, weil ich noch kein Englisch spreche. Wie soll das mit der Schule dort werden? Aber meine Freude ist stärker.

Janine (20)

Ich freue mich mit meinen Eltern. So lange haben sie von ihrem Kanada-Jahr geträumt. Toll, dass sie den Mut haben, diesen Traum umzusetzen. Ich hatte gerade erst ein Auslandsjahr in Schweden und weiß, wie man von einem neuen Umfeld angeregt wird. Für mich hoffe ich, dass mein Antrag auf ein Stipendium genehmigt wird und ich dann im Evangelischen Stift in Tübingen ein Zuhause finde. Das wäre ein Traum!

Loslassen musste ich mein Zuhause schon vor dem Auslandsjahr. Also bin ich in Übung und freue mich, wenn ich meine Familie zu Weihnachten in einem Jahr in Kanada besuchen kann. Außerdem bleibt ja mein Bruder in Deutschland und wir verstehen uns ziemlich gut.

Florian (18)

Mein Traum ist zuerst ein gutes Abi und dann will ich ein freiwilliges ökologisches Jahr machen. Um den Platz muss ich mich noch kümmern. Ich breche in ein eigenes Leben auf. Dass meine Eltern den Schwung haben, ihre Träume umzusetzen, finde ich super. Da sind sie mir ein Vorbild. Kanada würde mich auch reizen. Ich versuche, meinen Zivildienst in einem Naturschutzzentrum im Schwarzwald zu machen, in Klein-Kanada. Das wäre originell.

Das Auflösen der Wohnung kommt ja erst im Sommer und ich brauche sowieso nicht viel. Wichtiger ist mir, dass wir uns innerlich nahe sind.

Aruna, unser Familienhund

Auf vier Pfoten begleite ich diese Familie schon zwei Jahre lang. Ehrlich gesagt bin ich eher für die freie Natur als für ruhige Parkspaziergänge zu begeistern. Als Hundehütte habe ich eine Flugbox. Meine Familie meint, das kann nie schaden. Neulich sind wir mit dem Aufzug auf den Stuttgarter Fernsehturm gefahren, das sei gut gegen Flugangst. Wenn die so weitermachen, geht es als Nächstes in den Zoo, um Bären zu treffen. Na, solange ich gutes Futter bekomme, mache ich alles mit.

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Loslassen

»Die Dinge, auf die es im Leben wirklich ankommt, kann man nicht kaufen.«

WILLIAM FAULKNER

Ausgeträumt und losgelebt

Auch wenn es kitschig klingt, aber uns trägt ein Traum. Für ein Jahr wollen wir aussteigen aus dem engen Netz der Verbindlichkeiten, Verpflichtungen und Erwartungen. Die Lebenskunst neu entdecken, die Freiheit unverplanter Zeit erleben, uns als Paar und Familie anders wahrnehmen. Es ist ein Traum, den wir mit vielen Menschen teilen. Lieber ein »time out«, als ein »burn out«, das ist unsere Überzeugung nach zwanzig engagierten Berufsjahren. Aus Liebe zum Leben haben wir den zeitweisen Ausstieg in der Mitte unseres beruflichen Lebens gewagt und wollen gemeinsam einsteigen ins Leben der anderen Art.

Das Träumen von unmöglichen Dingen scheint zu unserer Lebensgeschichte zu gehören. Als wir uns mit fünfzehn in der Jugendgruppe einer jungen Gemeinde im Osten Deutschlands kennenlernten, träumten wir davon, die Welt zu verbessern. Schwerter zu Pflugscharen hieß das Motto, das wir uns als Aufnäher an Rucksäcke und Parkas nähten. Es war eine äußerlich sichtbare Form des Widerstandes junger Menschen gegen die Fremdbestimmung durch die Funktionäre in der DDR und dieser sichtbare Mut machte uns stolz. Der Druck von außen förderte den Zusammenhalt im Inneren. Wir mussten uns darüber klar werden, wofür wir einstehen und welches Risiko wir dafür eingehen wollten. Diese Erfahrung, verbunden mit einem persönlichen Glauben an die Kraft Gottes, die dem Menschen zugänglich ist, der sich dafür öffnet, gab uns Energie und Zuversicht. Wir träumten den Traum zu studieren, eine Familie zu gründen, die Welt zu gestalten und unseren guten Teil dazu beizutragen. Der Traum endete an einem Tag im Mai 1982, als Beates Familie die Bewilligung zur Ausreise in den Westen Deutschlands bekam. Niemand hätte damals für möglich gehalten, dass wir uns jemals wiedersehen. Die Mauer ging mitten durch unsere Beziehung. Olaf durfte nicht nach Westdeutschland, Beate bekam kein Besuchsvisum in den Osten. Doch der Traum von einer gemeinsamen Zukunft gab uns Fantasie und öffnete neue Wege. Wir schrieben unzählige Briefe, sparten Geld und machten uns auf weite Reisen. Fünf kurze Treffen in der damaligen Tschecheslowakei und in Ungarn waren die Highlights in den zwei Jahren der Trennung.

Entgegen aller Bedenken ging die Beziehung nicht in die Brüche. Wir verlobten uns in dieser Zeit und machten deutlich, dass wir dem Unmöglichen eine Möglichkeit einräumen wollten. Der Glaube an Gott, die kraftvollen Geschichten der Bibel mit ihren Wundern und eigenwilligen Wegen waren für uns eine starke Kraftquelle. Wir haben daraus den nötigen Mut gewonnen, gegen staatliche Willkür um unsere Partnerschaft zu kämpfen. Es war ein unglaubliches Glück, als unsere deutsch-deutsche Liebesgeschichte trotz Stasi-Störungen, Bürokratendschungel und Hoffnungslosigkeit 1984 mit einem Happyend gekrönt wurde. Olaf erhielt die Erlaubnis zu einer internationalen Eheschließung, die verbunden war mit der Ausreise in die Bundesrepublik. Der Traum vom gemeinsamen Leben wurde wahr. Ein Rucksack mit Kleidern und eine Gitarre war alles, was Olaf zum Beginn unseres gemeinsamen Lebens mitbrachte. Unbeschreiblich dieses Gefühl, sich in die Arme zu fallen und zu wissen, da ist jetzt ein Wunder geschehen und ein Traum lebendig geworden. Zwei Wochen später waren wir verheiratet, sehr unspektakulär ohne große Feier und viele Gäste. Geld für eine Hochzeitsreise hatten wir nicht, dafür die Aussicht, dass unser ganzes Leben eine Reise werden würde.

Viele weitere Lebensträume sind seit dem wahr geworden. Erfüllte berufliche Jahre, in denen wir uns innerhalb der evangelischen Kirche für Familien, Kinder und Jugendliche engagiert haben. Erfolgreiche Jahre mit ausgebuchten Veranstaltungen, prägenden Seminaren, veröffentlichten Fachbüchern, umgesetzten Visionen.

Der stärkste Glücksfaktor ist unser gelungenes Familien-Team. Eine erfrischende Partnerschaft und drei fantastische Kinder machen dieses Team aus. Janine, Florian und Nora sind starke Persönlichkeiten, echte Freunde und eine Inspiration für uns. Wir haben uns immer als gegenseitige Wegbegleiter verstanden, offen unsere Ideen und Hoffnungen aber auch Schwächen und Verluste miteinander geteilt. Die Kinder waren es auch, die uns Mut machten, den bisher unverwirklichten Traum nicht auf irgendwann zu verschieben, dem Lockruf der Wildnis zu folgen und endlich aufzubrechen zu einem Auszeitjahr in die Weite Kanadas.

Irgendwann bist du zu alt, um wie ein Cowboy am Feuer zu sitzen, sind die Knochen zu steif, um reiten zu lernen. Irgendwann sind alle Bücher geschrieben und dir ist die Lust am Schreiben abhanden gekommen. Irgendwann hast du weder Kraft noch Mut, das gesundheitliche Risiko eines längeren Auslandsaufenthaltes einzugehen. Irgendwann meldet der innere Kassenwart Bedenken an oder steigen die Kinder aus dem Nest der Familie endgültig aus.

Wir sind Kanada-Fans. Um es genau zu sagen, uns zieht es in die Weite, den wilden Westen. Jeder von uns liebt diese gigantische Natur auf eine eigene Art. Beate eher mit einem Cappuccino in der Hand und dem Blockhaus im Rücken. Olaf auf dem Rücken eines Pferdes und in großer Einsamkeit. Nora kann sich zeitlos im Spiel in der Natur verlieren und auch Janine und Florian lieben das Outdoor- und Abenteuerleben. Zahlreiche Schwedentouren mit dem Kanu oder Planwagen, Hüttenwanderungen und Blockhausaufenthalte haben sie mit uns erlebt. Gemeinsam ging es schließlich zu einer Entdeckungsreise nach Westkanada und es rollten Tränen beim Abschied. Diese Gegend zog uns förmlich an. Hier wollten wir so gerne einmal für längere Zeit leben. Eintauchen in die Welt der Siedler, Pioniere und Cowboys, von denen es nicht mehr viele gibt. Abtauchen in die Einsamkeit und Weite der Natur, die weltweit immer mehr erschlossen und damit umso kostbarer wird.

Doch wann ist der richtige Zeitpunkt, einen Traum umzusetzen? Die klare Antwort lautet: nie! Es gibt diesen passenden Zeitpunkt nicht. Es sei denn, du machst ihn möglich. Jemand verglich es einmal treffend mit der Familienplanung. Kinder zu haben, gemeinsam mit ihnen die Welt zu entdecken ist schön, aber wenn du dir dann vorstellst, die berufliche Karriere zu unterbrechen, Windeln zu kaufen, den ungestörten Schlaf aufzugeben und mit Kinderwagen statt Mountainbike unterwegs zu sein, dann wird die Planung wackelig. Möglicherweise bleibt es beim Wunschgedanken und du traust dich nicht, ihn in die Wirklichkeit zu holen, weil das Risiko plötzlich zu groß erscheint.

Ein Jahr Auszeit mit Familie zu planen ist ähnlich. Es hört sich super an. Du träumst von Freiheit und davon, am Wildwasser Bücher zu schreiben, die Mustangs über das Grasland galoppieren zu hören, dein Kind am Feuer vor dem Tipi spielen zu sehen, interessante Menschen kennenzulernen und sagst: »Yes, we can!«

Dann wachst du auf aus den Tagträumen und überlegst, wie man diesen Traum in die Wirklichkeit holen kann. Spätestens hier werden die Knie zum ersten Mal weich. Die Gefahr, nun mit spitzem Bleistift einen Strich unter diesen Traum zu machen, ist groß. Das erklärt, warum viele Menschen von einem Ausstieg träumen und sprechen, aber nur ein Bruchteil davon den Traum auch verwirklicht. Zwar wird die Zahl der »Ich bin dann mal weg«-Reisenden immer größer und die Namen der Auszeiter immer bekannter, aber die meisten Familien sind davon weit entfernt.

Ein Sabbatical ist eine Freiheit, die man sich teuer erkaufen und hartnäckig erarbeiten muss. Leider bieten nur wenige Arbeitgeber Programme an, um Auszeiten in die berufliche Laufbahn zu integrieren. Ein kleiner Teil innovativer Unternehmen hat erkannt, dass ein gezieltes Sabbatical die Arbeitskraft ihrer Führungskräfte erhält, gesuchte Spezialisten ans Unternehmen bindet oder zumindest zu einer erhöhten Loyalität führt. Sie nutzen dieses Wissen für einen Standortvorteil, von dem andere Arbeitgeber Lichtjahre entfernt sind, obwohl in ihren Firmen berufliche Erschöpfungssyndrome, Lustlosigkeit, Routine und fehlender Gestaltungsspielraum zu immensen wirtschaftlichen Einbußen führen.

Ein Familiensabbatical ist etwas äußerst Ungewöhnliches. Bis auf eine Schweizer Unternehmerfamilie und eine deutsche Lehrerfamilie, die sich ein Sabbatjahr mit schulpflichtigen Kindern – ebenfalls in Kanada – gegönnt oder hart erarbeitet haben, kennen wir keine weiteren Beispiele. Als ich »Familiensabbatical« Monate zuvor im Internet recherchierte, begegnete mir ein ganz anderes Verständnis des Begriffs, nämlich, Auszeit von der Familie zu haben. Klar, dass wir nicht dieser Meinung sind. Für uns bedeutet ein Familien-Sabbatical eine gezielte, zeitlich befristete Auszeit von beruflichen, zeitlichen oder räumlichen Verbindlichkeiten mit dem Ziel, seelisch und körperlich aufzutanken, ungelebte Träume zu realisieren und dies gemeinsam mit der ganzen Familie umzusetzen.

Unser Sabbatjahr ist keine Einzeltat, auf die wir stolz sind, sondern ein Projekt, bei dem wir praktische Hilfe und viel Rückenwind gebraucht und erhalten haben. Darauf schauen wir voller Begeisterung und Dankbarkeit zurück. Deshalb wollen wir das, was wir erlebt haben, teilen. Wir verstehen unsere Auszeit nicht zuletzt als stellvertretendes Erlebnis. Mit der Inspiration, die uns ermöglicht wurde, möchten wir anderen Menschen Lebensfreude und Kraft für ihren Alltag zurückgeben.

Worauf kommt es an im Leben? Ist es die berufliche Laufbahn, der gesellschaftliche Status, der finanzielle Erfolg? Wer sich nicht verlieren will in der Flut äußerer Anforderungen und innerer Ansprüche, der muss sich immer wieder die existenzielle Frage stellen: »Wer bin ich?«

Wer bin ich ohne bisherige Rollen und berufliche Anerkennung? Wir stellen uns diese Frage, denn wir können uns nicht mehr über den Beruf definieren. Um dieses Auszeitjahr umsetzen zu können, haben wir beide unsere Arbeitsstellen gekündigt. Wer sind wir? Abenteurer? Auszeiter? Lebensneugierige? Die Zugehörigkeit zu einem Ort ist hinfällig, wir sind jetzt förmlich vogelfrei. Das Reihenhaus wurde dem Vermieter übergeben. Einen Großteil der Möbel und des Hausrates haben wir durch einen »Garage-Sale« verkauft, um mit dem Erlös unsere Reisekasse aufzufüllen. Versicherungen sind aufgelöst oder stillgelegt. Für uns geht es nicht um »Geld oder Leben«, sondern um »Geld zum Leben«, das uns ermöglicht, ein Jahr lang auszusteigen.

Insofern sind wir auch Verrückte, Lebenshungrige – auf jeden Fall Träumer und Idealisten, die ihre Ideen verwirklichen wollen. Wir folgen unserem Lockruf des Lebens.

Sterbende hinterlassen ein Testament, das ihren letzten Willen für die Hinterbliebenen festhält. Lebende könnten ein Idealment schreiben, eine Willenserklärung, die ihre Träume auf die Wirklichkeit fokussiert und ihre eigenen Taten leitet.

Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum! Diesem Zitat begegneten wir immer wieder und es war der Anstoß zur Tat.

Uns wurde klar: Wenn du in Vorträgen lebendig sprechen, als Coach kompetent beraten und in deiner Tätigkeit authentisch sein willst, dann musst du dies auch selbst erleben und vorleben. Begegnungen mit den Schattenseiten des Lebens haben uns aufgerüttelt. Todesfälle, plötzliche Krankheiten, Trennungsgeschichten zogen sich wie Risse durch das Glas vom Bild eines planbaren Lebens und machten uns deutlich, wie brüchig unser Glück und unsere Vorstellungen von der Zukunft sind. Uns wurde klar, dass unser Leben nicht berechenbar und trotz aller Planung nicht abzusichern ist. Wir spürten, dass wir kein Recht auf Gesundheit, wohl aber eine Verantwortung für unser Leben haben. Wir haben eigentlich nur den Augenblick, den wir gestalten können. Pläne und Vorsorge sind durchaus wichtig, aber es gibt keine Garantie für deren Gelingen. Unsere innere Erkenntnis wurde drängender: »Verschiebe deine Träume nicht auf später. Möglicherweise gibt es kein später, sondern ein zu spät!«

Wie dieses »zu spät« im beruflichen Umfeld aussieht, konnten wir immer wieder beobachten. Enttäuschungen machen aus engagierten Menschen desillusionierte Satiriker. Sie lassen sich nicht mehr auf Neues ein und Lebenslust ist zu einem Fremdwort geworden. Altern wird zur Last, Wagnisse werden vermieden, die Schuld bei anderen gesucht und Träume begraben. Damit wollten wir uns nicht abfinden. Wir waren aufgerüttelt! Denn Lebenszeit ist unbezahlbar und unwiederbringlich.

Viele Kinder sind mit dem Bilderbuch »Frederick« von Leo Lionni aufgewachsen. In einfachsten Bildern, mit ganz schlichten Texten erzählt es die Geschichte der Maus Frederick, die zum Erstaunen und Ärger der anderen Mäuse ausschert aus dem gewohnten Sammlerdasein. Statt Nüsse, Körner und Samen zu horten, sitzt Frederik in der Sonne. Er sammelt Sonnenstrahlen, Geschichten und Farben des Sommers für die kalte Jahreszeit. Dass dies nicht nur ein faules Genießen oder ein sinnloser Zeitvertreib ist, wird erst deutlich, als die Vorräte der Mäuse in der Kälte des Winters zu Neige gehen. Hat Frederick vorher von den Vorräten der anderen gelebt, gelingt es ihm nun, durch seine Vorräte an Fantasie und Geschichten die Mäusefamilie vor Verzweiflung und Depression zu bewahren. Das Feuerwerk seiner Erzählungen gibt den anderen Mäusen Kraft zum Überleben. Es wird deutlich, dass auch er wertvolle Schätze gehortet hat, die er nun bereitwillig mit den anderen teilt. Die Mäusefamilie hat gemeinsam eine Chance, die Härten des Winters zu überleben. Der Autor dieser Kindergeschichte hat tatsächlich einen Doktortitel in Volkswirtschaftslehre. Er arbeitete bei einem Wirtschaftsmagazin, bevor er sich entschloss, von New York nach Italien zu ziehen, um sich seiner Leidenschaft, der Grafik und dem Schreiben von Kinderbüchern, zu widmen. Wir lieben dieses Kinderbuch, weil es ein Wirtschafts- und Lebensklassiker gleichermaßen ist.

Menschen brauchen die Vielfalt. Wir leben von dem, was andere bereit sind, in die Gemeinschaft einzubringen und auch zu teilen. Wir haben ein Recht auf unsere Träume und deren Verschiedenheit.

Wir jedenfalls brauchen Farben, Geschichten, Sonnenstrahlen, aber auch Schwarzbrot, einen guten Wein, Käse und Früchte. Was wäre ein Leben ohne Gespräche, Freundschaft, Liebe und Lachen? Ab und zu muss man Veränderung wagen, denn es gibt kein Entweder-Oder, sondern auf den Wechsel kommt es an. Darin liegt das Neue, das Erfrischende und das, was uns lebendig macht.

Kurz gesagt: Wir fühlen uns wie Frederick, als wir nach Kanada aufbrechen, um Geschichten des Lebens zu sammeln.

Einstieg in den Ausstieg

Das Flugzeug, das uns Mitte August nach Kanada bringt, hat den Namen »Stuttgart«, was wir als verheißungsvolles Signal für unsere Reise nehmen. Von Stuttgart aus machen wir uns auf den Weg, um ein Jahr lang Westkanada zu erleben, und nach Stuttgart soll es in 365 Tagen wieder zurückgehen. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir nicht, wo wir dann wohnen, was wir arbeiten und mit welchen Erfahrungen wir zurückkehren werden. Unser einziger Fixpunkt ist das Gymnasium, an dem wir Nora angemeldet und gleichzeitig um eine Freistellung für den einjährigen Auslandsaufenthalt gebeten haben. In Kanada wird Nora ab Mitte September eine kleine Dorfschule in Bridge Lake besuchen. Wir haben schon im Vorfeld mit dem Cariboo Schuldistrikt in British Columbia Kontakt aufgenommen und das erforderliche Schulgeld gezahlt.

Unser Versprechen an die Zehnjährige ist: »Wir werden ein Abenteuerjahr als Familie erleben und unser Bestes dafür geben, dass du in einem Jahr in die gleiche Schule wie die älteren Geschwister gehen und deine Freunde wiedersehen kannst.« Nora teilt unseren Traum, hat seit langem die Tage bis zu unserer Abreise gezählt und ist voller Vorfreude auf Tiere, Wildnis und gemeinsame Abenteuer. Es ist erstaunlich, wie leicht sie Abschied nehmen konnte von vielen Spielsachen, die sie verkaufte, sowie von einem Zuhause, das sie seit ihrer Geburt kennt und liebt. Kurz vor unserer Abreise hat Nora noch einmal jeden der Bäume im Garten umarmt und sich förmlich von ihrer Kindheit und diesem kleinen grünen Paradies verabschiedet. Zu diesem Zeitpunkt kann keiner von uns wissen, dass nach unserem Auszug ein radikaler Kahlschlag des Gartens erfolgen wird. Als wir Wochen später aus E-Mails davon erfahren, dass nur einer der gewachsenen Bäume stehen geblieben ist, können wir es kaum glauben, aber wir sind froh, unserem Kind den Anblick des kahlen Ziergartens ersparen zu können. Vielleicht hat Nora intuitiv das Richtige gemacht mit ihrem innigen Abschied.

Wir alle haben in den letzten Wochen und Monaten vor unserer Abreise das Loslassen und Abschiednehmen gelernt und praktiziert. Bücher, Möbel, Spielzeug, Gewohnheiten, Kollegen, Arbeitsfelder und schließlich ein schönes Heim haben wir aufgegeben.

Der Abschied von unseren beiden älteren Kindern, die in Deutschland bleiben und studieren, fällt uns schwer. Tröstlich ist die Gewissheit, dass sie uns dieses Jahr von Herzen gönnen und wir uns zu Weihnachten in Kanada wiedersehen werden. Unser ungewöhnlicher Schritt ermöglicht es ihnen, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. Sie werden ohne die Fürsorge, aber auch ohne Eingriffe und Ratschläge der Eltern ihr Leben organisieren. Beruhigend, dass uns Freunde und die Großfamilie versichern, die beiden jederzeit zu beraten und zu beherbergen.

Für unsere eigenen Eltern ist es tröstlich zu wissen, dass wir weder auswandern noch für Jahre ans andere Ende der Welt ziehen werden. Wie für viele ältere Menschen ist es dennoch nicht ganz leicht für sie, eigene Sichtweisen zurückzuhalten und die Kinder, selbst wenn diese längst erwachsen sind, ihren Weg ziehen zu lassen. Ihre guten Wünsche und Gedanken begleiten uns jetzt neben einem Berg von Gepäck.

Das wertvollste Stück unter den sechs Taschen, Koffern und dem Handgepäck ist nicht die teure Fotoausrüstung und auch nicht der neue Laptop, sondern die große Plastikbox mit Aufschrift: »Vorsicht – lebende Tiere«. Unsere Hündin Aruna, ein kluges und anhängliches Tier, wird uns in diesem Jahr begleiten. Mit Impfungen und implantiertem Chip versehen, nach einer Beruhigungstablette schläfrig in ihrer Box liegend, haben wir sie am Frankfurter Flughafen den Mitarbeitern der Fluggesellschaft übergeben. Alle, auch die Männer der Familie, hatten anschließend Tränen in den Augen. Es war eine außergewöhnlich emotionale Situation, denn wir alle fragten uns insgeheim, ob das Tier im richtigen Flugzeug landen und die Turbulenzen gut überstehen würde. Doch zum Glück war die einzige Panne eine große Pfütze, die der Hund nach dreizehn Stunden Box-Aufenthalt schließlich auf dem plüschigen Teppich im Ankunftsterminal in Vancouver hinterließ.

Bereits nach acht Stunden Flug sehen wir tief unter uns die Weite des kanadischen Nordens und die ersten schneebedeckten Gipfel der Rocky Mountains. Doch vermissen wir Noras sonstige Begeisterung. Ein Blick in das Gesicht der Kleinen zeigt, dass sie hohes Fieber bekommen hat. Es ist genau das, was man sich bei der Einreise mit einem Berg von Gepäck in ein fremdes Land und bevorstehenden kritischen Fragen von Behörden nicht wünscht. Wir wissen nicht, ob es der seelische Stress der letzten Wochen, das emotionale Abschiednehmen am Flughafen, die Ungewissheit vor diesem großen Abenteuer oder die üblichen Viren sind, die man sich auf Reisen schnell einfängt. Aber es hilft kein Jammern. Wir brauchen Gelassenheit, innere Stärke und Zuversicht bei unserem Abenteuer. Hier können wir sie gleich anwenden. Beate hat glücklicherweise Medizin im Handgepäck und so überstehen wir das Nadelöhr Flughafen. Der Beamte am Schalter hört gerne, dass wir uns auf sein Land freuen, Geschichten sammeln und Kraft tanken wollen. Schließlich haben wir den erforderlichen Einreisestempel im Pass und die Auflage, dass wir nach einem halben Jahr das Land verlassen müssen. Dies ist uns klar, denn in Kanada gibt es kein ganzjähriges Touristenvisum. Wir haben uns auf eine Unterbrechung eingestellt, auch wenn es uns anders lieber gewesen wäre. Wo wir nach sechs Monaten hinfliegen werden, haben wir noch nicht entschieden. Jetzt wollen wir erst einmal ankommen.

Der Einstieg in unseren Ausstieg an diesem heißen Augusttag in Vancouver ist mühsam. Wir warten fast zwei Stunden, bis wir von unserem Wohnmobilvermieter abgeholt werden. Irgendwann landen wir schließlich auf einem unromantischen Gelände voller Wohnmobile, wo es bei sommerlichen dreißig Grad und trotz Schlafdefizit erst einmal Packen, Einräumen und Sortieren heißt. Am nächsten Morgen verlassen wir und etliche weitere Familien in vollgetankten Wohnmobilen, versorgt mit Touristentipps und Bärenspray das Gelände. Wir sind die einzigen, die ihr Gefährt für fünf Wochen behalten werden. Es ist nicht das neueste Modell, aber dafür sind Hunde erlaubt.

Zwei Stunden später lehnen wir zu dritt an der Reling der »Queen of England«, die uns nach Swartz Bay, Vancouver Island bringen wird. Wir meinen, irgendwo in den Schärengebieten vor Stockholm unterwegs zu sein. Die Gulf Islands in der Meerenge zwischen Vancouver und der vorgelagerten 400 Kilometer langen Insel Vancouver Island sehen verblüffend ähnlich aus. Einladende sandige Buchten, runde Felsblöcke, die aus dem Wasser ragen, viele Kiefern, die ihre Wurzeln in den kargen Boden krallen, helle Segelboote und sogar rote und graue Holzhäuser erinnern uns an vergangene Schwedenaufenthalte. Lediglich die rote Flagge mit dem Ahornblatt, die am Bug im Wind flattert, und die englischen Ansagen aus dem Lautsprecher machen deutlich, dass wir tatsächlich in Kanada sind.

Das kleine, beschauliche und sehr britische Städtchen Viktoria ist die Hauptstadt von British Columbia. Wir beschließen, den Ort nur zu streifen. Uns zieht es an den offenen Pazifik, den westlichsten Punkt unserer Reise. »Worauf freust du dich am meisten?«, wurde ich in den letzten Tagen in Deutschland oft gefragt. Was soll man sagen, wenn es so vieles gibt, was einen reizt, dass man die Fülle kaum beschreiben kann. Mit leuchtenden Augen sagte ich dazu: »Ich freue mich, das Sabbatical mit den Füßen im Sand und dem Blick auf den grenzenlosen Horizont des Pazifiks zu beginnen.«

Endlich ist es so weit. In der späten Nachmittagssonne klettern wir über riesige Treibholzstämme, hören das Rauschen des Meeres, sitzen zu dritt im Sand und hängen unseren Gedanken nach. Wir versuchen, die Seele nachkommen zu lassen, und begreifen erst allmählich, dass der lang ersehnte Freiraum nun vor uns liegt. Was wird uns in diesem Jahr begegnen? Wie werden wir uns verändern? Wird uns die Wildnis wieder loslassen oder ist es ein Abschied aus Deutschland für immer?

Das Treibholz ist glattgeschliffen und schimmert matt silbrig. Ich wünschte, ich könnte einen ganzen Container voll davon mitnehmen. Mich fasziniert dieses besondere Holz. Welche Reise haben diese Baumriesen hinter sich? Welche Stürme haben sie aus ihrem Lebensraum gerissen? Ich denke an die Wurzeln meines Lebens und daran, dass wir einige Wurzeln aufgegeben haben, um neue Ufer zu erreichen. Wurzeln und Flügel sollst du einem Kind geben, hat schon Goethe empfohlen. Genau dies wollen wir unseren Kindern, aber letztlich auch dem inneren Kind in jedem von uns geben. Halt, Flexibilität, Stärke, Nahrung – alles Funktionen von Wurzeln. Manche sind stark, andere verästelt und dünn. Ein Baum, der seine Wurzeln in die Tiefe gräbt, hält dem Sturm besser stand. Genauso braucht der Mensch eine Verankerung. Sind unsere Wurzeln stark genug für dieses Jahr? Reichen Selbstvertrauen, innere Seelenkraft, Glaubenstiefe, Verbundenheit, Liebe und Zuversicht aus?

Für die seelischen Flügel wünschen wir uns Wachstum in diesem Sabbatical. Beate möchte mutiger und gelassener, Olaf weniger kopfgesteuert und ein bisschen verrückter werden. Visionen für unsere Zukunft dürfen entstehen und die Leichtigkeit soll sich mehren.

Nora braucht nach diesem ersten Ausflug vor allem Wärme, Geborgenheit, Ruhe und Medizin. Erst einige Nächte später kann sie wieder fieberfrei und entspannt durchschlafen. Unsere Anspannung löst sich und macht Platz für die Neugier auf das Abenteuerjahr in Kanada.

Zeitenwechsel

Die ersten fünf Wochen reisen wir im Wohnmobil durch British Columbia. Die westlichste Provinz Kanadas ist doppelt so groß wie Deutschland, der grandiosen Natur stehen jedoch nur 4,5 Millionen Einwohner gegenüber. Die Hälfte von ihnen besiedelt den Großraum Vancouver und einen schmalen Streifen Land entlang der US-amerikanischen Grenze. Geografisch beinhaltet British Columbia eine enorme Vielfalt: vom Regenwald an der Pazifikküste über tief eingeschnittene Fjorde, majestätische Bergformationen, wüstenähnliche Gegenden bis zum hügeligen Interiorplateau zwischen den Coast- und Rocky Mountains. Für deren Erkundung möchten wir uns Zeit nehmen, bevor wir mit Beginn des Schuljahres auf einer Ranch im Cariboo Country, sieben Autostunden nördlich von Vancouver, am unspektakulären Highway 24 sesshaft werden wollen.

Viele Menschen haben uns gefragt, wieso wir nicht durch die Welt reisen, sondern ausgerechnet in Westkanada bleiben. Wir wollen nicht planen, reisen und Länder erobern, sondern verweilen, innehalten und dies vor einer Naturkulisse und in einem englischsprachigen Umfeld, was uns begeistert. Wer einmal hier war, Natur liebt und diese offenherzigen, geradlinigen Menschen erlebt hat, versteht uns garantiert! Das Geheimnis der unberührten Wildnis, türkisblauer Seen, der fischreichen Flüsse und gigantischen Berge, der Einsamkeit und des lebendigen Pioniergeistes Westkanadas erschließt sich vor allem denen, die diese wunderbare Provinz nicht nur auf ADAC-empfohlenen Routen in kürzester Zeit durchqueren, sondern ihrem eigenen Kompass folgen können.

Als Nora – schließlich wieder gesund – fröhlich über den Campingplatz springt, Aruna in den Wellen herumtobt und wir das abendliche Ritual eines Lagerfeuers aufnehmen, wird es Zeit, dankbar und entspannt mit einem Glas Rotwein aus dem Okanagan, der Weinregion Westkanadas, auf den Urlaub anzustoßen. In den ersten Wochen fühlen wir uns tatsächlich wie im Urlaub. Als uns eine deutsche Ärztin auf dem Campingplatz nach unseren Plänen fragt und schließlich etwas neidvoll meint: »So ein Sabbatical würde ich mir auch mal wünschen!«, ist es uns fast peinlich, über unseren Zeitreichtum zu sprechen. Es dauert eben, einen neuen Rhythmus und auch eine neue Rolle oder Identität zu finden.

Fast zu stark haben wir uns jahrelang über unsere Beruf und viele Termine definiert. Nun gönnen wir uns bewusst Zeit, in das Neue hineinzuwachsen. Genauso ist es mit der Sprache. Auch wenn wir bei weitem nicht alles verstehen, das tiefe, freundliche »how are you« oder das »great!« bewirken, dass wir uns willkommen fühlen und die kanadische Offenheit immer selbstverständlicher genießen.

In diesen ersten Tagen unserer neuen Zeitrechnung müssen wir immer wieder die Ankunft feiern. Ankommen bedeutet für uns, wenn Geist und Körper harmonieren, Krankheiten verschwinden, Leben ohne Sorge möglich ist und wir uns auf das Jetzt und Hier einlassen können. Dazu gehört auch Genuss, zum Beispiel eines köstlichen, frisch gebratenen Lachses. Die Zubereitung des Essens wird zu einer Muße im Sabbatical. Es steckt ein vielfacher Nährwert darin, der über das bloße Ernähren weit hinausgeht.

Schon bald entwickelt es sich für jeden von uns zur guten Gewohnheit, unsere Entdeckungen in einem Tagebuch festzuhalten. Es ist ein Schatz, diese innere Reise zu beschreiben. Außerdem haben wir versprochen, regelmäßige Newsletter an unsere Freunde und Bekannten in Deutschland zu schicken. Obwohl wir erst ein paar Tage unterwegs sind, fällt es uns beim Schreiben jetzt schon schwer, uns auf das Wichtige und Originelle zu beschränken – so viel haben wir bereits erlebt. Als der erste Newsletter auf die elektronische Weltreise gehen soll, stellt sich uns die Frage: Wo bitte gibt es Internet? Auf dem Campingplatz mitten im Wald jedenfalls nicht.

Langsam sind wir auch wieder reif für die Zivilisation. Deshalb gibt es einen Stadtausflug nach Viktoria. Dort genießen wir unbeschwert das sommerliche Volk an der Hafenpromenade, schicken den Newsletter auf Reisen und trinken den ersten wunderbaren Cappuccino auf der Terrasse eines einladenden Restaurants, während die E-Mails in unser Postfach flattern. Der Hund muss draußen bleiben. Die diesbezüglich strengen Regeln in Kanada sind nicht zu vergleichen mit dem hundefreundlichen Alltag in deutschen Städten. Die große Freiheit im sogenannten wilden Westen beginnt erst deutlich nördlicher. Viktoria, Vancouver und mittelgroße Ortschaften im Süden des Landes zählen jedenfalls nicht dazu. Hunde werden an der Leine gehalten, dürfen nur in eingezäunten Hundespielplätzen im Viereck springen und sind außerdem sterilisiert sowie gut erzogen. Dass auf dem Land ungefähr das komplette Gegenteil zutrifft, können wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.

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