Matthias Schlicht

Burgunder und Oliven

Vom Leben in den besten Jahren

Patmos Verlag

ÜBER DEN AUTOR

© privat

Dr. theol. Matthias Schlicht ist seit 2011 Gemeindepastor in Buxtehude. Nach dem Studium war er Pastor, Studentenpfarrer, Studiendirektor am Predigerseminar in Loccum (d. h. verantwortlich für die Ausbildung künftiger PastorInnen) und Gastwissenschaftler an der TU Clausthal-Zellerfeld. Der dreifache Vater ist als Kabarettist und Autor erfolgreicher Bücher aufgefallen, er kocht gern und lebt mit seiner Frau in Buxtehude.

ÜBER DAS BUCH

Was tun, wenn einem aufgeht, dass weniger Jahre vor einem liegen als hinter einem? Weitermachen, als wäre nichts? Von früher träumen und nichtbegangene Sünden betrauern? Keine Lösung für einen reflektierten Genussmenschen mit großer Lust am Leben wie Matthias Schlicht. Nachdenklich und launig schaut er auf die Zeit, die vergeht und doch zugleich entsteht. Er denkt an Omas Küche auf dem Land, an Begegnungen und Abschiede, an ernüchternde Klassentreffen und hartnäckig fortschreitende Selbsterkenntnis. Seine pointierten Miniaturen voll hintergründiger Lebensweisheit sind eine Liebeserklärung an die Zeit, die uns geschenkt ist.

Auch als Printausgabe erhältlich.

www.patmos.de/ISBN978-3-8436-1198-5

IMPRESSUM

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© 2020 Patmos Verlag,

ein Unternehmen der Verlagsgruppe Patmos

in der Schwabenverlag AG, Ostfildern

Umschlaggestaltung: Finken & Bumiller, Stuttgart

ISBN 978-3-8436-1198-5 (Print)

ISBN 978-3-8436-1242-5 (eBook)

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Inhalt

Vorwort

oder Zum Wohle

Rumglas

oder Das letzte Hemd

Hurtigruten

oder Die Reise am Ende

C’est la vie

oder Der Fußballschuss des Lebens

Tantalus

oder Ganz nah dran

Kornbauer

oder Ein moderner Typ

Die Mörderin

oder Am Abgrund

Unglaublich

oder Demenz hat Bewusstsein

Fährmänner

oder Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise

Gartentaube

oder Unverhofft kommt doch

Sternenstaub

oder Ein Blick in die Unendlichkeit

Der Konfirmand

oder Was die Zukunft bringt

Dagobert

oder Lebensart

Früher

oder Blick in den Spiegel

Burgunder und Oliven

oder Lieber etwas Schmissiges

Hingefallen

oder Auferstanden

Zufrieden

oder Hier und jetzt

Kürzertreten

oder Nach vorn gehen

Freudenstadt

oder Eine Odyssee

Klassentreffen

oder The times they are a changin’

Der Kalender

oder Der nächste Tag ist auch noch da

Heil des Alltags

oder Rituale der Sicherheit

Fünfundzwanzig

oder Der Wein im Keller

Oma an der Gartenpforte

oder Die Macht von Gebeten

Rauer Stein

oder Erkenne dich selbst

Mustafa

oder Die Stimme des Herzens

Lothar

oder Champagner, Kreuz und Lächeln

Tod und Taufe

oder Wir wissen weder Zeit noch Stunde

Der letzte Tag

oder Tschüs


Über den Autor

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Der letzte Tag

oder Tschüs

In einer deutschen Monatszeitschrift findet man am Ende des Heftes eine außergewöhnliche Rubrik: Die letzten 24 Stunden. Prominente werden dort befragt, wie sie – wenn sie es könnten – ihren letzten Tag gestalten würden. Ob Barbara Schöneberger oder Ingrid Noll, ob Johann Lafer oder Till Brönner: Seit Jahren werden berühmte Menschen danach befragt. Sie nehmen es mit ihrer Antwort sehr ernst. Dafür haben sie im Magazin eine ganze Seite Platz. Ohne dass sie dazu aufgefordert werden, äußern sie sich zunächst, ob sie an Gott glauben (die meisten nicht) oder an ein Leben nach dem Tod (die meisten doch). Promis sind gern ­Agnostiker, d. h. Menschen, die sagen, dass sie zum Thema „Gott“ nichts sagen.

Diese Rubrik lese ich jeden Monat in der Zeitschrift als Erstes. Da mich die Redaktion wahrscheinlich nie fragen wird, möchte ich für mich selbst die Frage beantworten: „Matthias, wie soll dein letzter Tag aus­sehen?“

Um sechs Uhr klingelt der Wecker, wie immer. Meine Frau dreht sich noch einmal um, derweil ich in die Küche tapse, um einen total unökologischen Kapselkaffee an den Start zu bringen. Ich hole die Zeitung rein und lese den Lokalteil. Zum Kaffee einen oder zwei Kekse, vielleicht ein Stück vom Pflaumenkuchen, der vom Vortag übrig geblieben ist. Ich bin nie ein großer Frühstücker gewesen, und heute werde ich es auch nicht mehr werden. Dann kommt meine Frau aus dem Bad und ich gehe – unrasiert – mit Sam, dem Golden Retriever, eine halbe Stunde am nahen Waldesrand. Üblicherweise erzähle ich mir auf diesem Gang die nächste Predigt oder einen anstehenden Vortrag. Heute allerdings gehe ich noch einmal das Mittag- und Abendessen durch. Denn ich habe die Familie und alle guten Freunde eingeladen. Sie wissen auch den Grund. Um null Uhr wird Matthias tot sein. Davor wird gegessen und in Maßen gefeiert. „Typisch Matthias“, werden sie sagen. Ein schönes Kompliment, finde ich.

Nach meiner Hunderunde und dem Duschen gehen meine Frau und ich in die Altstadt von Buxtehude zum Wochenmarkt. Gemüse aus Bardowick und Mediterranes vom Türken, Frischfisch aus Cuxhaven und Pfifferlinge aus der Heide. Bei Horst, dem Weinhändler, genießen wir das obligatorische Glas Sekt und Selters. Dann geht es zurück nach Hause in die Küche. Als mein Lieblingsort für Hobby und Meditation rangiert meine Küche noch vor meinem Kirchenschiff. Die Kinder sind schon da. Auch die ersten Freunde mit langem Anfahrtsweg trudeln noch vor dem Mittag ein. Peter aus Hannover mit seinem BMW-Oldtimer, Ute und Volker aus Zellerfeld, Daniel und Marc mit ihren neuen Gitarren, Thomas aus Gütersloh mit den letzten Verkaufszahlen meiner Bücher. Christian und Andreas sind per Bahn angereist. Bei einem Glas Rosé-Champagner (heute wird mal nicht so sehr gespart) wuseln alle in der Küche herum. Ich brate Lachs auf der Haut mit Kapern-Zitronen-
Sauce. Wer eine Hand frei hat, schnippelt Salat und hilft bei den Rosmarinkartoffeln. Das Wetter ist schön, nicht zu heiß. Wir stehen auf der Terrasse an Bistrotischen und genießen den Mittagsimbiss. Allen schmeckt es. Ich danke im Geiste meiner Oma, von der ich offenbar das Koch-Gen geerbt habe.

Meine Lieblingsteamer aus der Kirchengemeinde kümmern sich um den Abwasch, sodass wir alle Zeit zu einem Spaziergang haben. Sam kommt natürlich mit. Wieder daheim, ist das Haus schon proppevoll. Schwager, Schwägerin, Nichten sind ebenso da wie Margot (wer das wohl ist?), das Wirtspaar vom Primus-Bistro, meine alten Pastorenfreunde Michael, Jürgen, der „Theologentreff“ sowie einige unserer Nachbarn. Darunter ist auch Renate, die sich heimlich immer wieder ein paar Tränen wegtupft und leise seufzt: „Von wem kriege ich jetzt meine nächsten Rezepte mit Gelinggarantie?“ Wer will, nimmt sich Kaffee oder Tee. Thea hat Philadelphia- und Baisertorten gemacht. Auch ich probiere höflich jeweils ein Stück. Ein Freund des Nachmittagskränzchens bin ich nie gewesen, womit ich auch an meinem letzten Tag eine Ausnahme im Kreise der anderen bilde.

Das Abendessen steht an. Da viele Köche immer noch den Brei verderben, habe ich schon vieles vorbereitet. Geraspelten Käse für ein Fondue. Steaks, Bratwurst und Gemüsesticks für den Grill. Gazpacho aus dem Kühlschrank. Scaloppine al limone von mir frisch aus der Pfanne. Und Salate in allen Variationen. Weinhändler Horst kommt mit Kisten voller Sauvignon blanc. Er bringt einen Bekannten mit, der auch Horst heißt und nun endlich – wie lange versprochen – meinen Computer auf Vordermann bringen will. Lieber spät als nie. Dann kommt noch ein dritter Horst extra aus Rodgau mit seinem großen Mercedes vorgefahren. Warum heißen eigentlich so viele meiner Freunde Horst? Nicht alle Fragen werde ich heute noch klären können.

In allen Räumen wird gegessen, genossen, geredet, getrunken, gelacht. Ich tänzele durch die Menge und freue mich, dass alle sich freuen. Ich war so klug und habe allen die Uhren und Handys abgenommen. Ich möchte keine verstohlenen Blicke zur Uhr, wie lange ich noch da bin. Nur ich trage meine schlichte Bering-Uhr am Handgelenk, passend zum blauen Anzug (mit Weste) vom Alt-Hamburger Herrenausstatter Policke und den bequemen braunen Schuhen aus Rostock. Daniel, Olaf, Marc, Thilo und Niklas haben ihre Gitarren ausgepackt und singen mit vielen anderen im Esszimmer alle Hits von den Beatles bis zu den Eagles. Im Wohnzimmer hat sich meine Lust an diversen Spielen ausgebreitet: Phase 10, Scrabble, Rummy, Kniffel und natürlich Heckmeck am Bratwursteck. Einige wenige Lions-Freunde diskutieren mit Brüdern der Freimaurerloge über ein gemeinsames Projekt. Gerd und Eberhard reden liebevoll mit meinen Eltern. Bei dem ganzen Gewimmel überhören leider alle den an der Haustür klingelnden Superintendenten, der eine Flasche alkoholfreien Rotkäppchen-Sekt von Aldi zum Abschied überbringen will. Er hinterlässt die Flasche vor der Haustür. Auf der angehängten Karte steht: „Mit den besten Grüßen vom Kirchenkreis“.

Mit Blick auf meine Uhr stelle ich fest, wie schnell doch die Zeit vergeht. Niemand bemerkt, dass ich mit meinen drei Kindern und meiner Frau fortgehe. Im Schlafzimmer umarme ich jeden mit Kuss und einem „Ich liebe dich.“ Dann ziehe ich Jackett und Schuhe aus und setze mich, Rücken an die Wand, auf das Bett. Die Kinder und meine Frau sitzen bei mir. Es ist 23.55 Uhr. Die nächsten drei Minuten werden schwer, besonders für mich. Was sagt man denn nun? Die anderen können Stille gut aushalten, aber ich wohl nicht. 23.58 Uhr. Ich sage noch einmal „Ich liebe euch. Ich habe keine Angst.“ Und dann meinen Lieblingsvers von Ringelnatz: „Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern. Meine Liebe wird mich überdauern/ Und in fremden Kleidern dir begegnen/ Und dich segnen.“ Ich schließe die Augen. Es ist null Uhr. Die Glocke läutet. Ich bin da.

Vorwort

oder Zum Wohle

Ich bin ein Genussmensch. Essen und Trinken sind für mich nicht Notwendigkeiten, um den Körper am Leben zu erhalten. Sie sind für mich die Perlen des Lebens. Der Kaffee am Morgen, das Croissant mit Himbeermarmelade, das gebratene Hühnchen zum Mittag mit warmem Kartoffelsalat, Petits fours zum Nachmittag, Brie de Meaux mit Oliven und Baguette sowie einem Glas Burgunder zum Abendessen: Das Leben kann so schön sein, auch ohne Manager­gehalt.

Meine Großmutter sehe ich immer nur kochend vor mir. Vor einem alten Kohleherd, der so richtig Hitze machen konnte. Ohne dass ich es wusste, hat sie mir in meiner Kindheit einen Impuls gegeben, den ich nie vergessen habe. Essen ist wichtig, Essen ist Gemeinschaft. Denn in der großen niedersächsischen Küche spielte sich das ganze Leben ab. Neben Herd und Kohlenkiste standen zwei Tische: einer für Großvater und seine Zeitung (neben Beck’s Bier und Köm) und ein riesiger Esstisch in der Mitte. Dort machte ich später als Grundschüler meine Hausaufgaben, während Oma neben mir in einer großen Plastikschüssel den Abwasch machte.

Unser Leben als Familie war einfach, schlicht. Urlaube gab es nicht. Aber dafür gab es einen großen Gemüsegarten. Er belebte das Essen jeden Tag aufs Neue. Man mag es heute kaum glauben: Um Champignons für den Salat zu bekommen, ging Oma auf die benachbarte Wiese. Alles andere steckte im Boden und musste nur ausgegraben werden: Kartoffeln, Möhren, Radieschen, Zwiebeln, Lauch. Ab dem ersten Frost gab es Grünkohl, eine Abwechslung von den Bohnen, die Oma mit Birnen und Speck machte. Eine genussvolle Kindheit für mich (von den Steckrüben einmal abgesehen), die mich geprägt hat.

Als Student mit eigener Küche in der kleinen Hamburger Studentenbude habe ich immer noch in den Küchenkinderschuhen gelebt. Selbst mit schmalem Bafög-Bezug konnte ich stets eine gute Tomatensauce zur Pasta machen oder beim Türken um die Ecke kleine Leckereien kaufen. Es muss nicht immer Kaviar sein. Einen Wein konnte ich mir meistens nur zum Wochenende leisten. Den billigsten Chianti in der Fiasco-Flasche vom Discounter, wobei ich immer überlegte, warum keine Kopfschmerztabletten mitgeliefert wurden. Aber alles hat seine Zeit. Die Lust am Leben samt Essen und Trinken ist geblieben.

Die Geschichten in diesem Buch sind voller sinnlicher Eindrücke. Einige sind tränen-salzig, andere prosecco-spritzig, daneben finden sich muskat-herbe und zuckersüße Abschnitte. Geschichten vom Leben in den besten Jahren. Diese Jahre können schon in der Kindheit beginnen, manche Menschen lernen sie erst später kennen. Für einige bedarf es schwerer Schicksalsschläge, um sich darauf zu besinnen. Für andere reicht schon ein schöner Sonnenuntergang am Meer. Oder ein Burgunder mit Oliven.

Rumglas

oder Das letzte Hemd

Eine wunderbare Erzählung von Siegfried Lenz trägt den Titel Leute von Hamburg. Als Erzähler sitzt der Autor in einer Kneipe und beobachtet die Menschen, die vorübergehen. „Hamburger sind Leute, die sich selbst für Hamburger halten“, weiß er. Er sieht eine langbeinige Reederstochter, einen jungen Kaufmann, einen ABC-Schützen, einen Umzugsunternehmer, einen Künstler, einen Hafenarbeiter, einen Senator und noch viele mehr. Doch der erste Blick auf die Vorbeigehenden reicht ihm nicht. Er will tiefer blicken. Hinter dem äußeren Schein möchte der beobachtende Erzähler das Innere der Menschen erkennen: ihre Geschichte, ihre Freude, ihre Angst, das Glück und das Heil. Um diese Tiefensicht zu erlangen, benutzt er ein „geschliffenes, altmodisches, langstieliges Rumglas“, das er sich – nach mehrmaligem Genuss des Inhalts – vor die Augen hält. Wie in einem Brennglas verdichten sich die äußerlichen Sinnesein­drücke. Wie mit einem Fernglas kann er nun weiter schauen. Wie durch ein Prisma erkennt er die Brechungen des Lebens an den vorbeieilenden Passanten.

Ich habe kein altes Glas. Ich habe einen alten Satz. Den habe ich zuerst von meiner Großmutter gehört, als ich noch ganz klein war und neben ihrem Kochherd auf der Kohlenkiste saß. „Das letzte Hemd hat keine Taschen!“ Sie lehrte mich damit eine tiefe Weisheit, die ich als Kind natürlich noch nicht so ganz begreifen konnte. Ich wusste damals auch noch nicht, dass Oma mit diesem Satz einen Schlager von Hans Albers zitierte. Ein populäres Lied, das Albers 1957 im Film Das Herz von St. Pauli gesungen hat.

Erst sehr viel später – in meinem Beruf als Pastor und mit den Erfahrungen meiner längeren Lebensgeschichte – begann ich, Omas Satz wie das Glas von Siegfried Lenz vor die Augen zu halten. Wenn ich Begegnungen und Geschichten meines Lebens und Wirkens damit betrachte, erhalten die Erlebnisse eine andere Dimension. Eine neue Tiefenschärfe.

Wer weiß? Können auch die Lebensgeschichten meiner Leserinnen und Leser mehrdeutig werden? Das letzte Hemd hat keine Taschen. Betrachten wir das Leben im Rückblick und zugleich im Ausblick auf diese Weise einmal neu.