Hubertus Halbfas

Der Sprung in den Brunnen

Eine Gebetsschule

Patmos Verlag

INHALT

ICH

Der Brunnen

Das Labyrinth

Der Lebensbaum

GOTT

Die Frage

Der Name

Das Mandala

GEBET

Leben

Lob

Bitte

Für Ansgar, Bernward und Ina

Als zu dem Lehrer einmal ein Junge kam, entspann sich folgendes Gespräch:

DER JUNGE: Ich hab den Wunsch zu lernen. Wollt Ihr mich lehren?

DER LEHRER: Ich glaube nicht, dass du weißt, wie man lernt.

DER JUNGE: Könnt Ihr mich lehren, wie man lernt?

DER LEHRER: Kannst du lernen, mich lehren zu lassen?

Das war für den Jungen eine seltsame Frage. Erst nachdem er sie verstand, wurde er zum Schüler. Vordem war er in allgemeinen Schulen gewesen, wo man glaubt, es genüge die Lehre und die Methode: wer beides kenne, sei bereits Lehrer; wer behalten und anwenden könne, ein guter Schüler. Der Junge hatte erfahren, dass auf diesem Wege meist gleichgültige Dinge verhandelt werden.

Als der Junge sich anschickte, von seinem Lehrer Abschied zu nehmen, bat er ihn, den gemeinsamen Weg aufzuschreiben, damit auch andere ihn finden könnten.

DER LEHRER: Kann man einen Kuss durch Boten senden?

DER JUNGE: Es käme wohl anderes an, als gemeint ist.

DER LEHRER: Genauso wenig kann ein Buch, wenn es um den inneren Weg geht, den Lehrer und die Erfahrung ersetzen.

DER JUNGE: Ich weiß, dass Worte nicht alles vermitteln.

DER LEHRER: Innere Erfahrung ist etwas, das einem geschieht, nicht etwas, das man jemandem geben kann, und schon gar nichts, das man durch Lesen erreicht.

DER JUNGE: Selbst wenn einige glauben, gedruckte Erfahrungen seien wohlfeil, sollte es dich nicht hindern, unsere Gespräche aufzuschreiben. Es gibt auch andere, die sich durch ein Buch auf den Weg eigener Mühe führen lassen.

DER LEHRER: Wenn schon der Versuch gelten soll, kommt alles darauf an, dass er wahre Schüler findet: Schüler, die sich lesend nicht als Leser verstehen.

Ich


Der Brunnen

SCHÜLER: Zeige mir, wie ich beten kann.

LEHRER: Kann ich es dir zeigen? Ich kann es nicht.

SCHÜLER: Bist du denn nicht ein Lehrer der Religion?

LEHRER: Eben deswegen! Beten lernt niemand durch Wissen und Können, sondern durch Erfahren und Leben. Was immer ich weiß, kann dir nicht ersparen, dich selbst zu suchen. Selbst musst du in den Brunnen springen, die Tiefe wagen, den inneren Raum und die innere Zeit entdecken. Hör zu!

Da ging eines Tages der Knabe zu seinen Brüdern. Er sagte zu ihnen: »Gebt Acht! Ich will, dass wir zusammen einen merkwürdigen Ort aufsuchen.«

»Wohin willst du uns denn führen?«, fragten die Brüder.

»Ich will euch dahin führen, wo ihr die Wahrheit über euch selbst erfahren sollt.«

Die Brüder baten ihn: »Lass es doch sein, es lohnt sich nicht. Danke, wozu sollen wir schon wieder ausziehen?« Sie wollten nicht gehen. Der Jüngste aber bestand darauf: »Entweder kommt ihr mit, oder ich bringe mich um!« So zwang er sie, mit ihm zu gehen.

Sie gingen lange, und noch am selben Tage kamen sie zu jenem Brunnen. Der Jüngste sagte zum Ältesten: »Ich will dich anbinden und in den Brunnen hinunterlassen. Schau dir an, was es dort im Brunnen gibt.«

Der Älteste fing zu weinen an. »Warum willst du mich in den Brunnen hinunterlassen?« Er hatte Angst, in den Brunnen zu gehen. Er bat um Gnade. Der Jüngste sagte zu ihm: »Bitte nicht um Gnade, wir müssen dorthin!« Er band ihm den Strick um und ließ ihn hinunter. Aber kaum war der Bruder ein paar Klafter tief, fing er zu schreien und zu weinen an, – noch ein bisschen, und die Angst zerreißt ihn. »Ich sterbe, ich sterbe!« Er war noch nicht einmal ein Viertel des Brunnens hinunter. Der Knabe zog ihn heraus, denn er sah, was für ein Mensch das war.

Dann kam der Zweite. Der Knabe band auch ihn und ließ ihn hinunter. Er war kaum bis zur Hälfte des Brunnens gekommen, da begann er zu schreien vor lauter Angst. »Ich sterbe, ich sterbe!« Er zog ihn heraus.

Dann kam die Reihe an den Jüngsten. Er sagte: »Hört zu! Wie viel ich auch weinen und schreien werde, zieht mich nicht hoch. Lasst mich hinunter, bis ihr fühlt, dass der Strick leicht geworden ist.« Die Brüder fingen ihn zu bitten an: »Du bist unser Jüngster! Warum willst du von uns gehen?« Sie baten, er möge sie doch nicht verlassen, aber er wollte nicht auf sie hören. Da banden sie ihn und ließen ihn hinunter.

SCHÜLER: Das ist eine schöne Geschichte. Ich möchte wissen, wie sie weitergeht.

LEHRER: Es ist nicht irgendeine Geschichte, es soll deine Geschichte werden. Wohin sie führt, musst du selbst erproben.

SCHÜLER: Aber wo gibt es den Brunnen, in den ich springen könnte?

LEHRER: Weitab und doch nahe. »Sie gingen lange, und noch am selben Tag kamen sie an«, heißt es. Je weiter du in die Welt ausschweifst, umso entfernter bist du ihm. Suchst du bei dir, schaust du über seinen Rand.

SCHÜLER: Dann ist der Brunnen in mir?

LEHRER: Deine eigene Tiefe!

SCHÜLER: Aber warum dann Angst haben. Was in mir ist, muss ich doch nicht fürchten?

LEHRER: Nichts ist den Menschen unbekannter und erschreckender als die eigene Seele. Die meisten Menschen haben Todesängste, in das Brunnenloch zu steigen und den Abstieg zum unbekannten Seelengrund zu wagen. Sie leben nur außen, von allem gefesselt, was zur Schau gestellt wird, aber sie werden schon verwirrt, wenn sie nur einen Blick über den Brunnenrand werfen sollen. Ihre Sicherheit liegt im Geläufigen der äußeren Welt; vor der Tiefe in sich selbst sind sie voll hilfloser Not. Aber der Brunnen ist noch nicht verschüttet. Wer ehrlich will, kann ihn finden und das Wagnis beginnen.

SCHÜLER: Ich bin nicht sicher, dass ich das will.

LEHRER: Dann zähl dich zu den älteren Brüdern. Sie bilden die Mehrheit. Mit ihnen verbindet sich keine Hoffnung.

SCHÜLER: Wie also komme ich in die Tiefe?

LEHRER: Zunächst musst du mit dir allein sein können! Wenn du es versuchst, wirst du sehen, wie schwer das ist. Du kannst unruhig werden und sogar Angst verspüren. Dann wird dich nichts anderes drängen als der Wunsch, schnell wieder nach oben zu kommen. Du wirst dir vorsagen, Alleinsein sei sinnlos, führe zu nichts, und Ähnliches.

SCHÜLER: Und? Ist es wirklich anders?

LEHRER: Es ist anders. Aber nicht sofort und nicht nach drei Wochen. Dazu gehören Beständigkeit und Geduld. Für jemanden, der das Alleinsein wieder und wieder übt, verändert sich die Welt. Dann werden die Dinge zugänglich: Es wird zugänglich der Baum, zugänglich wird der Himmel, zugänglich wird der Bach. Was zuvor im geschäftigen Leben nur zufällig da war, wird jetzt die eigentliche Welt. Die kann man nur durch häufiges, müh-seliges Alleinsein erfahren.

Hier sind ein paar Übungsaufgaben für dich. Schreibe sie auf einen Zettel. Sooft du alleine bist, kannst du sie immer wieder lesen, bis du die Texte inwendig verstehst.

Geht man nicht aus der Tür,
kennt man die Welt.
Blickt man nicht aus dem Fenster,
sieht man des Himmels Weg.
Je weiter man ausgeht,
desto weniger kennt man.

Das Kleine sehen,
heißt erleuchtet sein,
das Weiche bewahren,
heißt stark sein.
Braucht man sein Leuchten
und kehrt zu seinem Licht zurück,
so verliert man nichts bei des Leibes
Zerstörung.
Das heißt: in das Ewige eingehen.

Die fünf Farben
machen des Menschen Augen blind.

Die fünf Töne
machen des Menschen Ohren taub.

Die fünf Würzen
machen des Menschen Gaumen schal.

Rennen und jagen
bringen den Menschen zum Wahnsinn.

Darum pflegt der Reine sein Herz,
nicht seine Augen,

bleibt fern der Unrast
und hält sein Innerstes fest.

SCHÜLER: Sag, ist Alleinsein genug? Ein Mensch im Gefängnis ist auch allein, aber ich stelle mir vor, er wird krank davon.

LEHRER: So ist es. Man muss gerne allein sein wollen und darin die Stille suchen.

SCHÜLER: Wie geht das zu?

LEHRER: Wichtig ist, dass du auf die Stille horchen lernst:

Stille ist die Mitte des Menschen. Wo sie aufgebraucht ist, meldet sich alles laut an: Die Sprache wird leer, die Bewegung der Hände unruhig, der ganze Mensch Oberfläche. Und weil er das Schweigen nicht mehr kennt, kann er auch nicht mehr zuhören.

SCHÜLER: Aber wo gibt es heute noch Stille? In der Schule macht der Lärm alles und alle kaputt. Die Straßen sind laut. In den Häusern geht nichts ohne Radio und Fernsehen. Wer will, kann mit Musik einschlafen und aufwachen.

LEHRER: Nicht jeden Lärm können wir abstellen. Das ist auch nicht das Wichtigste. Die Stille liegt in der Tiefe. Steig weiter in den Brunnen und hol die Stille ein! Hier sind ein paar Vorschläge, wie du es machen kannst:

– Lerne stillzusitzen! Anfangs kannst du erschreckt sein über das Maß an Unruhe, die in dir steckt. Aber wenn du, mit einer gläubigen Geduld, durchhältst, wirst du erfahren, dass mit der Stille des Leibes auch deine Seele frei wird.

– Sprich so leise wie möglich und nie lauter als notwendig! Höre dich bisweilen selbst sprechen und prüfe, ob deine Worte verhalten genug sind.

– Lerne zuzuhören ohne Ungeduld! Manche Menschen möchten immer nur selbst reden. Beobachte deine eigene Neigung.

– Sind deine Hände ruhig? Wenn du mit ihnen nur herumschnippst, könnte es ein Zeichen innerer Unrast sein.

– Geh sparsam mit Unterhaltungsangeboten um. Lebe aus eigenen Kräften, ohne Abhängigkeit von Fertigwaren. Nur so entdeckst du deine Möglichkeiten.

Schüler-Frage an den Holzschneider HAP Grieshaber: »Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag?«

Grieshaber: »Ich stehe morgens sehr früh auf, denn ich lebe ja hier in der Natur. Und dann sitz’ oder steh’ ich am Fenster und schau hier raus und lasse mich durch nichts ablenken, durch nichts ablenken. Ich lese dann kein Buch und höre nicht Musik.

Dann plötzlich bin ich weg, wie man so sagt, in den Brunnen gefallen. Ich bin einfach weg – und abends um sechs komme ich wieder raus aus der Werkstatt und bin von oben bis unten mit Farbe beschmiert. Was dazwischen passiert ist, das weiß niemand – außer denen, die mein Bild nachher an der Wand sehen.«

Quarrtsiluni

Majuaq war eine greise Eskimofrau. Knud Rasmussen, der Forscher, hatte sie gebeten, ihm aus der Geschichte ihres Stammes zu erzählen. Die alte Majuaq schüttelte den Kopf und sagte: »Da muss ich erst nachdenken, denn wir Alten haben einen Brauch, der Quarrtsiluni heißt.«

»Was ist Quarrtsiluni?«

»Das werde ich dir jetzt erzählen, aber mehr bekommst du heute auch nicht zu hören.«

Und Majuaq erzählte mit großen Handbewegungen: »In alten Tagen feierten wir jeden Herbst große Feste zu Ehren der Seele des Wales, und diese Feste mussten stets mit neuen Liedern eröffnet werden; alte Lieder durften nie gesungen werden, wenn Männer und Frauen tanzten, um den großen Fangtieren zu huldigen. Und da hatten wir den Brauch, dass in jener Zeit, in der die Männer ihre Worte zu diesen Hymen suchten, alle Lampen ausgelöscht werden mussten. Es sollte dunkel und still im Festhaus sein.

Nichts durfte stören, nichts zerstreuen. In tiefem Schweigen saßen sie in der Dunkelheit und dachten nach, alle Männer, sowohl die alten wie die jungen, ja sogar die kleinsten Knäblein, wenn sie nur eben so groß waren, dass sie sprechen konnten. Diese Stille war es, die wir Quarrtsiluni nannten. Sie bedeutet, dass man auf etwas wartet, das aufbrechen soll.

Denn unsere Vorväter hatten den Glauben, dass die Gesänge in der Stille geboren werden. Dann entstehen sie im Gemüt der Menschen und steigen herauf wie Blasen aus der Tiefe des Meeres, die Luft suchen, um aufzubrechen. So entstehen die heiligen Gesänge.«

LEHRER: Wie steht es mit dir? Schaffst du es, alleine zu sein und die Stille zu lieben?

SCHÜLER: Ich möchte es gerne. Ich sehe ein, dass dieser Weg gut ist. Aber er ist schwer. Ich bin noch immer wie die älteren Brüder, die sich zu sträuben beginnen, sobald der obere Brunnenrand sie schluckt.

LEHRER: Nicht allein die Stille führt in die Tiefe. Ich will dir noch andere Schritte für diesen Weg nennen. Wichtig ist es, alles, was du tust, gesammelt und ganz zu tun. Fast jedermann hält es ja heute für möglich, viele Dinge auf einmal zu tun: essen und trinken, nebenher lesen und außerdem noch Musik hören. Oder: Man unterhält sich, raucht und trinkt dabei und verfolgt mit halbem Blick einen Film. Diese Unfähigkeit, sich einer Sache ganz zu widmen, macht es uns schwer, alleine zu sein und das Nicht-Tun zu üben. Stillsitzen, ohne zu lesen, zu reden, zu rauchen, zu trinken, ist für die meisten Erwachsenen leider unmöglich. Sie werden unruhig, spielen mit den Händen, rutschen hin und her, jucken und kratzen sich immerfort und verlieren alle Geduld.

SCHÜLER: Also aus innerer Sammlung die täglichen Aufgaben erledigen?

LEHRER: Ohne gleichzeitige Ablenkung! Täglich eine feste Zeit für Alleinsein und Stille einhalten. Ohne Gier essen und trinken. Sich von zerstreuenden Lesestoffen und Filmen unabhängig machen … Das alles gehört dazu. Du musst viele kleine und scheinbar unzusammenhängende Dinge beherrschen lernen, um die Tiefe zu entdecken.

Übung in der Wahrheit

Ein großer Lehrer wurde einmal gefragt:
»Machst du ununterbrochen Anstrengungen, dich in der Wahrheit zu üben?«

»Ja, das tue ich.«

»Wie übst du dich selber?«

»Wenn ich hungrig bin, esse ich, wenn ich müde bin, schlafe ich.«

»Das tut jeder. Kann man da von jedem sagen, dass er sich übt wie du?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil die andern, wenn sie essen, nicht essen, sondern über die verschiedensten anderen Dinge nachdenken und sich dadurch stören lassen; wenn sie schlafen, so schlafen sie nicht, sondern sie träumen von tausend und einem Ding. Darum sind sie nicht so wie ich.«

Das Tun sei Nicht-Tun,
Das Geschäft sei Nicht-Geschäft,
Der Genuss sei Nicht-Genuss,
Das Große sei Kleines,
Das Viele sei Weniges.

Nicht-Tun, und doch bleibt nichts ungetan.

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