Den Wohlstand seiner Stadt befördern

Im Gespräch mit Niccolò Machiavelli

Herr Machiavelli, Sie gelten als einer der ersten »Consultants«, wie wir heute sagen würden, und sind in Ihrem Wirken mittendrin in einer Epoche, die den modernen Individualismus begründet hat. Dieser Individualismus steckt heute, so sieht es aus, in einer Sackgasse. Was wäre Ihr Rat?

Machiavelli: Es ist notwendig, dass die Menschen, die in irgendeiner Gesellschaftsordnung miteinander leben, häufig zur Selbsterneuerung gebracht werden – gleichgültig, ob aus Anlass äußerer oder innerer Ereignisse. Dies geschieht entweder durch ein Gesetz, das die Menschen, die zur gleichen Gemeinschaft gehören, immer wieder unter Kontrolle hält, oder durch einen wirklich tüchtigen Mann, der aus ihrer Mitte hervorgegangen ist und durch sein Beispiel und sein treffliches Wirken die gleiche Wirkung hervorbringt wie das Gesetz.

Leistung steht im Mittelpunkt unserer Wirtschaftsordnung. Wie war das zu Ihrer Zeit?

Machiavelli: Ein Herrscher soll seine Mitbürger ermuntern, ruhig ihre Arbeit zu verrichten im Handel, in der Landwirtschaft und in jedem anderen Gewerbe, damit sich der eine nicht scheut, seinen Besitz zu mehren aus Furcht, er könnte ihm wieder genommen werden, und der andere sich aus Furcht vor Steuer nicht scheut, ein Handelgeschäft zu eröffnen. Er sollte vielmehr Belohnungen aussetzen für jeden, der solches unternehmen will und der die Absicht hat, in irgendeiner Weise den Wohlstand seiner Stadt oder seines Landes zu fördern.

Gab’s sonst noch Tipps für Ihren »Principe« zur Beförderung der Wirtschaft und des Wohlstands einer Stadt?

Machiavelli: In ihren öffentlichen Magazinen halten gute Herrscher stets einen Jahresbedarf an Getränken, Nahrungsmitteln und Brennholz; außerdem haben sie immer für ein Jahr Arbeitsgelegenheiten in den öffentlichen Gewerbebetrieben, die der Lebensnerv der Stadt sind und von denen das niedere Volk lebt.

Tugend war ein wichtiges Stichwort in Ihren Schriften. In diesem Zusammenhang haben Sie eine sehr pointierte Art, Ihrem Fürsten die Entfaltung menschlicher Potentiale zu empfehlen.

Machiavelli: Die größte Kraftentfaltung zeigt sich immer da, wo der freien Wahl am wenigsten Spielraum bleibt. Es fragt sich also, ob es nicht besser wäre, Städte in unfruchtbaren Gegenden zu bauen; denn dort sind die Menschen gezwungen, tüchtig zu arbeiten, können weniger dem Müßiggang ergeben sein und müssen einiger leben, weil sie wegen der Armut der Gegend weniger Grund zu Zwistigkeiten haben.

Und wenn es doch mal zu Müßiggang kommt?

Machiavelli: Wo aber die günstige Lage eines Landes Müßiggang zur Folge haben könnte, muss man dafür Sorge tragen, dass die Gesetze Pflichten auferlegen, zu denen die günstige Lage nicht zwingt.

In diesem Zusammenhang hatten Sie eine sehr gute Meinung von den Deutschen. Nicht zuletzt deswegen, weil die dem freien Markt abhold waren und Sie daraus eine gewisse Rechtschaffenheit ableiteten.

Machiavelli: Diese Rechtschaffenheit in unserer Zeit findet sich eigentlich nur noch bei den Deutschen. Dies hat zwei Ursachen: Die erste ist die, dass sie nur geringen Handelsverkehr mit ihren Nachbarn unterhalten haben. Sie begnügten sich stets mit den Erzeugnissen ihres Landes und kleideten sich in die Wolle, die ihnen ihre Heimat gibt. Damit war die Ursache zu jedem Verkehr und der Anfang zu jeder Verderbnis beseitigt. Die zweite Ursache ist die, dass diese Städte, die sich noch eine freie und unverdorbene Verfassung erhalten haben, keine Edelleute unter ihren Mitbürgern dulden, noch erlauben, dass einer ihrer Mitbürger ein Leben wie ein Adeliger führt. Ja, mehr noch, sie achten streng auf absolute Gleichheit im Innern und sind die erbittertsten Feinde der Herren und Ritter ihres Landes, da sie den Adel für die Wurzel der Verderbnis und die Ursache jeder staatlichen Unordnung halten.

Herr Machiavelli, 600 Jahre später hat sich die Welt der Deutschen sehr verändert. Wir sind zwischenzeitlich Exportweltmeister und handeln sogar mit Immobilien. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Niccolò Machiavelli, 1469 geboren, 1527 gestorben, war Politiker, Diplomat, Philosoph und Dichter. Er gilt als einer der bedeutendsten Staatsphilosophen der Neuzeit und wird von vielen als Theoretiker der Macht verkannt. Tatsächlich war Machiavelli überzeugter Republikaner und betrachtete die Herrschaft eines »Principe« lediglich als notwendiges Übergangsstadium.

Architektur: Ausdruck der Seele

Im Gespräch mit Gerhart Hauptmann

Herr Hauptmann, Ihr Geleitwort zu Kurt Hielschers »Deutschland. Landschaft und Baukunst« enthält Elementares zu Architektur und Behaustsein des Menschen. Ein Freund amerikanischer Hochhauskonstruktionen waren Sie grundsätzlich nicht.

Hauptmann: Wenn die Eisenkonstruktion des amerikanischen Häuserturms den letzten romanischen, den letzten gotischen, den letzten der alten Renaissancebauten, profan oder sakral, ersetzt haben wird, dann freilich ist alles dahin, was wir heute bewegten Gemütes als Deutschland bezeichnen. Es ist dahin, ohne die leiseste Möglichkeit einer Wiedererneuerung.

Hielschers Fotos evozieren bei Ihnen eine fast schon nostalgisch melancholische Interpretation des Behaustseins.

Hauptmann: Man betrachte also mit Aufmerksamkeit jene Baugebilde, … betrachte sie im Ganzen und Einzelnen, in ihrer nützlichen Zweckhaftigkeit sowohl als in dem, worin sie nur Schönheit zum Zwecke haben. Man betrachte ihre äußere Form, mit der sie Wind und Wetter trotzen, und ihre innere, umfriedete Form: Überall wird man finden, dass sie Ausdruck des menschlichen Wesens, der menschlichen Seele, des menschlichen Schicksals sind. Da aber Ausdruck und Sprache ein und dasselbe ist, wird man sagen, dass diese Gebilde sprechen, dass sie menschliches Wesen, menschliche Seele, menschliches Schicksal auf eine nahezu universelle Weise aussprechen.

Was erfahren wir über den Menschen beim Blick auf diese Bauten?

Hauptmann: Medium des Entstehens dieser Gebilde ist die Kunst. Und auch darum sprechen sie, weil Kunst unter anderem durch und durch Sprache ist. Was aber sprechen sie über das menschliche Wesen, die menschliche Seele, das menschliche Schicksal aus? Sie sprechen aus, wie sich das menschliche Wesen zu gestalten sucht, wie sich die menschliche Seele gegen das Schicksal abzugrenzen, zu sichern und in Sicherheit zu entfalten sucht. Sie sprechen aus, wieweit das Schicksal solche Bestrebungen zuließ oder hinderte.

Konkret heißt das was hinsichtlich des Menschen als behaustem Wesen?

Hauptmann: Es handelt sich hier um die Sprache des menschlichen Kollektivwesens, seiner Kollektivseele und des menschlichen Schicksals überhaupt. Das Individuelle ist dabei nirgends rein herauszulösen, wenn man auch sagen kann, dass es im Innern eines Zimmers mehr als im ganzen Hause, im ganzen Hause mehr als in einer Stadt zum Ausdruck kommt.

Fallen Ihnen dazu konkrete Beispiele ein?

Hauptmann: Man sehe daraufhin das Lutherstübchen auf der Wartburg an oder das Eseltreiberstübchen oder auch Goethes Schlafzimmer. Man könnte weiter fortfahren und feststellen, es komme im Innenraum überhaupt mehr zum Ausdruck als im Außenraum, weil dieser im Wesentlichen Schutz und Hülle ist und das Intimste, Eigenste und Zarteste der Seele es ist, was geschützt und umhüllt werden muss.

Der Architekt als Psychologe?

Hauptmann: Über das Psychische der Architektur wird vielleicht einmal mehr als heute gesprochen werden. Man würde dabei die Beantwortung zweier Grundfragen versuchen müssen: inwieweit Architektur Ausdruck der Seele ist und wieweit sie rückwirkend Seelen beeindruckt und bildet.

Ich danke für das Gespräch.

Gerhart Hauptmann, geboren am 15. November 1862 im schlesischen Kurort Obersalzbrunn, gestorben am 6. Juni 1946 in Agnetendorf (Agnieszków) in Schlesien, war ein deutscher Dramatiker, Schriftsteller, Dichter und Shakespeare-Übersetzer. 1912 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Die Baukunst –
das große Buch der Menschheit

Im Gespräch mit Victor Hugo

Ihrer Überzeugung nach wurde das große Buch der Menschheitsgeschichte in Stein gemeißelt bzw. mit Steinen gemauert, Monsieur Hugo?

Hugo: In Wahrheit bildet, vom Ursprunge der Dinge an bis einschließlich zum 15. Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung, die Baukunst das große Buch der Menschheit, das Hauptausdrucksmittel des Menschen in seinen verschiedenen Entwicklungszuständen, sei es nun als Macht oder sei es als Intelligenz … So ist während der sechs ersten Jahrtausende der Welt, von der urältesten Pagode Hindustans an bis zum Kölner Dom, die Baukunst die große Schreibkunst des menschlichen Geschlechtes gewesen. Und das ist dermaßen in der Wahrheit begründet, dass nicht nur jedes religiöse Sinnbild, sondern auch jeder menschliche Gedanke in diesem ungeheuern Buche seine Seite und sein Denkmal besitzt.

Mit einer erstaunlichen Entwicklungsgeschichte …

Hugo: Jede Zivilisation beginnt mit der Priesterherrschaft und endigt mit der Demokratie. Dieses Gesetz freiheitlicher Entwicklung, welches an die Stelle der Einheit tritt, ist in der Baukunst niedergeschrieben. Denn wenn wir auf diesen Punkt Gewicht legen, so muss man nicht glauben, dass die Mauerkunst vermögend sei, nur den Tempel zu bauen, nur den Mythus und die kirchliche Symbolik darzustellen, nur die geheimnisvollen Tafeln des Gesetzes auf seine steinernen Seiten in Hieroglyphenschrift einzutragen. Wenn es so wäre, wie ja in jedem menschlichen Gesellschaftszustande ein Augenblick eintritt, wo das geheiligte Sinnbild sich abnutzt und vor dem freien Gedanken verschwindet, wo der Mensch sich dem Priester entzieht, wo das Auswachsen der philosophischen Wissenschaften und Systeme die Grenzlinie der Religion durchbricht, so würde die Baukunst diesen neuen Zustand des menschlichen Geistes nicht wiedergeben können: Ihre auf der Vorderseite beschriebenen Blätter würden auf der Rückseite leer bleiben, ihr Werk würde verstümmelt und ihr Buch unvollständig sein. Das geschah nun freilich nicht.

Sondern? Die Baukunst – Kulminationspunkt aller Kräfte des Menschen?

Hugo: Alle physischen und alle geistigen Kräfte der Gesellschaft liefen in demselben Punkte, der Baukunst, zusammen. In dieser Weise und unter dem Vorwand, der Gottheit Kirchen zu bauen, entfaltete sich die Kunst in großartigen Verhältnissen …

Bis zur Erfindung des Buchdrucks …

Hugo: Bis zu Gutenbergs Auftreten war die Baukunst die hauptsächliche schriftliche Kunst, die Allgemeinschrift. Dieses granitene Buch wird im Orient begonnen, vom griechischen und römischen Altertum fortgesetzt, und das Mittelalter schreibt dessen letzte Seite. Übrigens zeigt sich jene Erscheinung einer Volksbaukunst, welche … die Baukunst einer Gesellschaftskaste verdrängt, bei ganz gleichartiger Richtung in der menschlichen Intelligenz, auch in andern großen Epochen der Geschichte. Also: Um ein Gesetz, welches verlangen könnte, in zahlreichen Bänden aufgedeckt zu werden, hier nur summarisch darzustellen, so folgte im Innern des Morgenlandes, an der Wiege der Urzeiten, auf die Baukunst der Hindus diejenige der Phönizier, als die reiche Mutter der arabischen Baukunst; im Altertum schloss sich an die ägyptische Baukunst, von welcher der etruskische Stil und die Zyklopenbauten nur eine Abart sind, die griechische an, von welcher der römische Stil nur eine mit dem karthagischen Gewölbe überlastete Verlängerung ist; in den neueren Zeiten trat an Stelle des romanischen der gotische Baustil. Und wenn wir diese drei Stilreihen trennen, so finden wir an den drei ältern Schwestern – der Baukunst der Hindus, der ägyptischen und der römischen – dasselbe Symbol wieder, das heißt: die Priesterherrschaft, die Kaste, die Einheit, das Dogma, den Mythos, Gott; und was die drei jüngern Schwestern – die phönizische, griechische und gotische Baukunst – betrifft, so finden wir, wie groß übrigens die Formenverschiedenheit, welche ihrer Natur anhaftet, auch sein mag, gleichfalls die nämliche Bedeutung, das heißt: die Freiheit, das Volk, den Menschen.

Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Victor-Marie Hugo, geboren am 26. Februar 1802 in Besançon, gestorben am 22. Mai 1885 in Paris, war Schriftsteller, Publizist und Politiker und gilt neben Molière, Voltaire und Balzac vielen Franzosen als ihr größter Autor überhaupt.

Architektur –
die am wenigsten geschätzte Kunst

Im Gespräch mit Ellen Key

Frau Key, von Ihren Zeitgenossen als »Kulturmenschen« hatten Sie keine allzu hohe Meinung. Ihr zum Teil äußerst negatives Urteil findet sich in allen Kunst- und Kulturbereichen – namentlich auch gegenüber der das Behaustsein prägenden Architektur. Nicht von ungefähr hatten Sie ja auch Ihr Wohnhaus selbst entworfen.

Key: Wenn man von dem Grenzgebiet der Kunst den Gedanken auf ihr großes Feld lenkt, so zeigt es sich, dass das ganze zeitgenössische Europa in ästhetischer Bildung so weit zurücksteht, dass die Kunst, die nicht bloß die am tiefsten in das tägliche Leben eingreifende ist, sondern auch die, welche während jeder starken Kunstblüte die natürliche Grundfeste der Skulptur und der Malerei war und im Ansehen ihnen ebenbürtig – nämlich die Architektur – jetzt die am wenigsten geschätzte ist.

Im Blick auf Stadtplanungsmaßnahmen etwa heißt das Ihrer Überzeugung nach in puncto der Wertschätzung der Architektur konkret was?

Key: Sie ist sogar derart vernachlässigt als Kunst, dass es Hauptstädte gibt, wie z. B. Stockholm, welche glauben, den Rat eines künstlerischen Architekten bei ihren Gebäudeanordnungen entbehren zu können, und in denen man, rücksichtslos gegen die Meinung der hervorragendsten Fachmänner, einzig dastehende Möglichkeiten zu schönen architektonischen Anordnungen zerstört; in denen man ein originelles Terrain zur Plattheit ebnet und wo dann ungebildete Baumeister den Raum mit einer »gefrorenen Musik« füllen, die Drehorgelmusik ist. Überall müssen die alten, stilvoll einfachen Landhäuser weichen, nicht dem edleren Geschmack einer neuen Zeit, nein, um einen Tummelplatz für das alles eher als dionysische Bacchanale der Stillosigkeit zu eröffnen, dessen Zug von den Städten hinaus in die Fluren führt. Auf keinem Gebiet entbehrt die Zeit so sehr eines eigentümlichen Ausdrucks ihres Lebens als auf dem der Architektur; auf keinem Gebiet wird die Bedeutung der schaffenden Phantasie mehr unterschätzt.

Das bedeutet im Umkehrschluss für gelungene Architektur in Gegenwart und Vergangenheit?

Key: Ein schöner Neubau wirkt in seiner jetzigen Umgebung auf uns ebenso fremd wie eine Apfelsine in einem Kartoffelland, während die Schöpfungen der Architektur in den vornehmen Zeiten der Kunst organisch aus den Lebensbedürfnissen der Gesellschaft hervorwuchsen. Wenn man die Kenntnissumme zum Bildungsexponenten macht, dann ist ein Zeitungsjunge unserer Tage »gebildet« im Verhältnis zu einem Bürger des Mittelalters oder der Antike. Aber auf welchem anderen kulturellen Niveau als die führenden Männer der Gegenwart befanden sich zum Beispiel die Athener, die willig die Ausgaben für die Bauwerke ihrer Stadt auf sich nahmen, als ihnen von Perikles die Wahl gestellt wurde, von den Kosten befreit zu werden, aber dann auch der Ehre des Werkes verlustig zu gehen; oder die Männer, die sich freuten, den gotischen Dom und das Rathaus in reizvollem Zauber sich über ihre eigenen Wohnstätten erheben zu sehen? Die Seele des antiken, des mittelalterlichen Bürgers erhob sich mit jedem Pfeiler, mit jeder Spitze der öffentlichen Gebäude der Stadt, die so zu tief wirkenden Bildungsmitteln wurden. Die Gegenwart führt die geistesärmsten Gebäude auf; ja selbst die Kirche, von der es doch heißt, sie repräsentiere die heiligsten Zwecke, wird gewöhnlich durch den wohlfeilsten Unternehmer erbaut, der die Bestellungen nach dem Preiscourant annimmt und sie im Dutzend ausführt!

Der Architekt als Künstler erfährt keine Beachtung, geschweige denn Anerkennung?

Key: Wenn ausnahmsweise wirkliche Künstler den Auftrag erhalten, eine öffentliche Arbeit auszuführen, so wird die Kunst noch so wenig geschätzt, dass, während man für Gegenwart und Nachwelt die Namen der Donatoren des Werkes eingräbt, die Künstler kaum genannt werden! »Sie sind ja bezahlt«, wie bei einem solchen Anlass bezeichnend geäußert wurde. Dass der Teil seiner Seele, den der Künstler in sein Werk gelegt hat, das Unschätzbare ist, das ist kein Gesichtspunkt für den Geldmann der Gegenwart. Der Börsenfürst hebt nicht – wie einer der gekrönten Männer der Renaissance – den Pinsel des Malers vom Boden auf, sondern er klopft ihm auf die Schulter und bietet ihm Zigaretten an. Er gibt selten dem Künstler Gelegenheit, sein Haus zu bauen oder zu dekorieren, aber er dekoriert seine Soiréen mit dem Künstler. Und in diesem für die Künstler zeittötenden Umgang lernt er selten etwas von der künstlerischen Lebensanschauung, aber er lernt gewisse Kunstausdrücke, die sich auf Ausstellungen gut machen.

Ich danke für das Gespräch.

Ellen Karolina Sophie Key, geboren am 11. Dezember 1849 auf Herrenhaus Sundsholm, Gemeinde Västervik, gestorben am 25. April 1926 in dem von ihr selbst entworfenen Haus »Strand« am Vätternsee bei Ödeshög, war eine schwedische Reformpädagogin und Schriftstellerin. 1896 erschien ihre Schrift »Missbrauchte Frauenkraft«. In dieser, 1898 auch ins Deutsche übersetzten Abhandlung äußerte sie die Auffassung, der natürliche Platz einer Frau sei das Haus und ihre einzige Berufung diejenige zur Mutterschaft.

Geplagte Sklaven der drei M

Im Gespräch mit Friedrich Nietzsche

Herr Professor Nietzsche, eine allzu hohe Meinung haben Sie nicht von den Architekten und Stadtplanern in Ihrer Zeit?!

Nietzsche: Ich gehe durch die neuen Straßen unserer Städte und denke, wie von allen diesen gräulichen Häusern, welche das Geschlecht der öffentlich Meinenden sich erbaut hat, in einem Jahrhundert nichts mehr steht und wie dann auch die Meinungen dieser Häuserbauer umgefallen sein werden. Wir haben uns über unser Dasein vor uns selbst zu verantworten; folglich wollen wir auch die wirklichen Steuermänner dieses Daseins abgeben und nicht zulassen, dass unsere Existenz einer gedankenlosen Zufälligkeit gleiche.

Woran mangelt es?

Nietzsche: Stille und Weite, weit gedehnte Orte zum Nachdenken, Orte mit hochräumigen langen Hallengängen für schlechtes oder allzu sonniges Wetter, wohin kein Geräusch der Wagen und der Ausrufer dringt und wo ein feinerer Anstand selbst dem Priester das laute Beten untersagen würde: Bauwerke und Anlagen, welche als Ganzes die Erhabenheit des Sich-Besinnens und Beiseitegehens ausdrücken.

Ihr Ideal eines Gebäudes?

Nietzsche: An einem griechischen oder christlichen Gebäude bedeutet ursprünglich alles etwas, und zwar in Hinsicht auf eine höhere Ordnung der Dinge: Diese Stimmung einer unausschöpflichen Bedeutsamkeit lag um das Gebäude gleich einem zauberhaften Schleier. Schönheit kam nur nebenbei in das System hinein, ohne die Grundempfindung des Unheimlich-Erhabenen, des durch Götternähe und Magie Geweihten, wesentlich zu beeinträchtigen; Schönheit milderte höchstens das Grauen – aber dieses Grauen war überall die Voraussetzung. – Was ist uns jetzt die Schönheit eines Gebäudes? Dasselbe wie ein schönes Gesicht einer geistlosen Frau: etwas Maskenhaftes.

 das schöne Gesicht einer geistlosen Frau: Kommen wir zu Ihrem Urteil über die Menschen, die in Gebäuden und Städten wohnen und arbeiten?

Nietzsche: Die geplagten Sklaven der drei M, des Moments, der Meinungen und der Moden.

Wie wirkt dieses moderne Sklaventum?

Nietzsche: Die Einzelnen denken mit einer Hast und Ausschließlichkeit an sich, wie noch nie Menschen an sich gedacht haben; sie bauen und pflanzen für ihren Tag, und die Jagd nach Glück wird nie größer sein, als wenn es zwischen heute und morgen erhascht werden muss: weil übermorgen vielleicht überhaupt alle Jagdzeit zu Ende ist.

Das Bild der Jagd: Was oder wer wird gejagt?

Nietzsche: Die gebildeten Stände und Staaten werden von einer großartig verächtlichen Geldwirtschaft fortgerissen. Niemals war die Welt mehr Welt, nie ärmer an Liebe und Güte. Die Gelehrtenstände sind nicht mehr Leuchttürme oder Asyle inmitten aller dieser Unruhe der Verweltlichung; sie selbst werden täglich unruhiger, gedanken- und liebloser.

Ihrer Einschätzung nach hat diese Geldwirtschaft erheblichen Einfluss auch auf die Wirtschaft im Allgemeinen und auf die Kultur.

Nietzsche: Da ist die Selbstsucht der Erwerbenden, welche der Beihilfe der Kultur bedarf und ihr zum Danke dafür wieder hilft, aber dafür freilich zugleich Ziel und Maß vorschreiben möchte. Bildung würde von den Anhängern derselben als die Einzige definiert werden, die der Mann, in Bedürfnissen und deren Befriedung, durch und durch zeitgemäß wird, mit der man aber zugleich am besten über Mittel und Wege gebietet, so leicht wie möglich Geld zu gewinnen.

Etwas präziser bitte: Was konkret heißt das für die Bildung und Ausbildung der Menschen?

Nietzsche: Jede Bildung ist hier verhasst, die über Geld und Erwerb hinaus Ziele steckt, viel Zeit verbraucht. Nach der hier geltenden Sittlichkeit steht gerade das Umgekehrte im Preise, nämlich eine rasche Bildung, um bald ein Geld verdienendes Wesen zu werden, und doch eine so gründliche Bildung, um ein sehr viel Geld verdienendes Wesen werden zu können. Den Menschen wird nur so viel Kultur gestattet, als im Interesse des allgemeinen Erwerbs und des Weltverkehrs ist, aber so viel wird auch von ihm gefordert.

Was ist Ihr Ideal hinsichtlich der Bildungsziele?

Nietzsche: Ein tüchtiger Handwerker oder Gelehrter nimmt sich gut aus, wenn er seinen Stolz bei seiner Kunst hat und genügsam und zufrieden auf das Leben blickt. Nichts hingegen ist jämmerlicher anzuschauen, als wenn ein Schuster oder Schulmeister mit leidender Miene zu verstehen gibt, dass er eigentlich für etwas Besseres geboren ist. Es gibt gar nichts Besseres als das Gute! Das ist: irgendeine Tüchtigkeit haben und aus ihr schaffen, virtù im italienischen Sinne der Renaissance.

Ihr Urteil über Architekten?

Nietzsche: Der Architekt stellt weder einen apollinischen noch einen dionysischen Zustand dar: Hier ist es der große Willensakt, der Wille, der Berge versetzt, der Rausch des großen Willens, der zur Kunst verlangt. Die mächtigsten Menschen haben immer die Architekten inspiriert; der Architekt war stets unter der Suggestion der Macht. Im Bauwerk soll sich der Stolz, der Sieg über die Schwere, der Wille zur Macht versichtbaren; Architektur ist eine Art Macht-Beredsamkeit in Formen, bald überredend, selbst schmeichelnd, bald bloß befehlend. Das höchste Gefühl von Macht und Sicherheit kommt in dem zum Ausdruck, was großen Stil hat.

Herr Nietzsche, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Friedrich Wilhelm Nietzsche, geboren am 15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen, gestorben am 25. August 1900 in Weimar, begraben an der Kirchenmauer in seinem Geburtsort, Philosoph, Dichter, Philologe, Großdenker der ewigen Wiederkehr des Gleichen als Grundlage eines bejahenden Lebensprinzips – den einen geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus, den anderen prophetischer Deuter schlechthin der menschlichen Existenz in unserer Zeit.

Vom Nutzen, der Dauerhaftigkeit
und der Schönheit

Im Gespräch mit Andrea Palladio

Signor Palladio, wer Ihre Villa La Rotonda in Vicenza gesehen hat, weiß, dass Sie ein Baumeister im besten Wortsinn sind. Sprechen wir also über das Bauen. Was sind dessen wesentliche Kriterien?

Palladio: Bevor man zu bauen beginnt, muss man jedes Teil des Grund- und Aufrisses des Gebäudes, das man errichten will, sorgfältig bedenken. Drei Dinge müssen, wie Vitruv sagt, bei jedem Bau berücksichtigt werden, ohne die kein Bauwerk gelobt zu werden verdient, und zwar der Nutzen oder die Annehmlichkeit, die Dauerhaftigkeit und die Schönheit. Deshalb könnte man ein Bauwerk nicht vollkommen nennen, das dem Nutzen genügt, aber nicht von Dauer ist, oder von Dauer, aber nicht annehmlich, oder beides ist, aber keine Anmut besitzt.

Wie wird Annehmlichkeit erreicht, wie Dauerhaftigkeit, heute würden wir von Nachhaltigkeit sprechen?

Palladio: Annehmlichkeit wird man dann erzielen, wenn man jedem Glied den nötigen Platz gibt und einen passenden Ort, nicht kleiner, als die Würde es erfordert und nicht größer, als es dem Zweck entspricht, das heißt, wenn die Loggien, Säle, Zimmer, Vorratsräume, Kornspeicher den ihnen gemäßen Ort einnehmen. Der Dauerhaftigkeit wird man Genüge leisten, wenn alle Mauern lotrecht ausgerichtet und im unteren Teil dicker sind als im oberen und wenn sie gute und ausreichende Fundamente haben, wenn zudem die oberen Säulen genau über den unteren zu stehen kommen und alle Öffnungen, wie Ausgänge und Fenster, übereinander liegen: So soll Solides über Solidem, das Leere über dem Leeren zu liegen kommen.

Nicht zu vergessen ein Wort zur Schönheit?!

Palladio: Die Schönheit ergibt sich aus der schönen Form und aus der Entsprechung des Ganzen zu den Teilen, der Teile untereinander und diese zum Ganzen, sodass ein Bau wie ein ganzer, wohlgestalter Körper erscheint, in dem ein Glied dem anderen entspricht und alle Glieder notwendig dem entsprechen, was man vorhat.

Die Kosten spielen natürlich auch eine Rolle?!

Palladio: Wenn man diese Dinge in der Zeichnung und im Modell bedacht hat, muss man sorgfältig alle Ausgaben berechnen, die auf einen zukommen können, sogleich das Geld bereitstellen und das benötigte Material vorbereiten, damit nichts während der Arbeit fehlt, das die Fertigstellung des Werks behindern könnte. Dem Bauherrn wird kein geringes Lob zuteilwerden, wenn der ganze Bau keinen bescheidenen Nutzen hat, wenn er mit der gebotenen Zügigkeit ausgeführt ist und alle Mauern auf gleiche Weise hochgezogen sind und entsprechend aufsteigen, damit sie nicht Risse bekommen, wie man sie an den Bauten zu sehen pflegt, die über längere Zeit und ungleichmäßig hochgezogen wurden.

Ihre Ideen zur Konzeption eines Hauses im Besonderen?

Palladio: Damit die Häuser dem Nutzen der Familie entsprechen …, soll man große Sorgfalt verwenden nicht nur auf die wesentlichen Teile wie die Loggien, die Säle, prächtig ausgestatte Zimmer und geräumige Treppen, hell und leicht zu ersteigen, sondern auch, dass die kleinen und unansehnlichen Teile zum Dienst an den größeren und würdigeren an den dazu geeigneten Platz gelegt sind. Weil nun, so wie beim menschlichen Körper, einige Glieder schön sind und edel, andere hingegen hässlich und unedel, und weil wir sehen, dass jene dennoch der Letzteren durchaus bedürfen, ja ohne sie nicht bestehen können, so müssen auch im Bauwerk einige Teile ansehnlich und würdevoll, andere dagegen weniger elegant sein, ohne die jedoch die schönen Teile nicht funktionieren könnten und so einen Teil ihrer Würde und Schönheit verlieren würden. Aber wie der gnädige Gott, der diese unsere Glieder derart angeordnet hat, dass die schönsten so gesetzt sind, dass sie gesehen werden, die weniger edlen aber an verborgenen Stellen, so werden auch wir beim Bauen die hauptsächlichen und wichtigen Teile augenfällig anordnen, die weniger schönen jedoch an Orte, die dem Auge so viel wie möglich verborgen sind, denn dort wird man alles Hässliche unterbringen und all das, was Verlegenheit verursachen könnte und selbst das, was schön ist, hässlich erscheinen ließe.

Und eine gehörige Portion Pragmatismus steckt natürlich auch in Ihrer Architektur-Konzeption!?

Palladio: Darum finde ich es gut, wenn man ganz unten im Hause, in Teilen, die ich manchmal unter der Erde anlege, die Keller, die Lager für Holz, die Vorratskammern, die Küchen, die Speisezimmer, die Waschküchen, die Öfen und all das andere unterbringt, das man für das tägliche Leben braucht. Daraus ergeben sich zwei Vorteile: Zunächst der, dass der obere Teil des Hauses von dergleichen ganz frei bleibt. Sodann ein nicht minder wichtiger, sofern es sich in einem Obergeschoss gesünder lebt, denn sein Fußboden liegt fern von Bodenfeuchtigkeit. Dazu kommt, dass es, indem es höher liegt, einen schönen und gefälligen Anblick wie Ausblick bietet. Auch wird man dafür sorgen, dass das Gebäude im Übrigen auch große, mittlere und kleine Räume hat, die nebeneinanderliegen, sodass man sich ihrer abwechselnd bedienen kann. Die kleinen Räume teilen sich in Studierzimmer, Bibliotheken oder solche zum Aufbewahren von Reitzeug oder von Geräten für andere Beschäftigungen, die wir alltäglich brauchen, die man aber in Räumen, in denen wir schlafen, essen oder Gäste empfangen, nicht gut aufbewahrt. Der Bequemlichkeit dient auch, wenn die Zimmer für den Aufenthalt im Sommer weit und geräumig sind und gegen Norden liegen, die für den Winter gegen Süden oder Westen. Sie sollen eher klein sein, denn im Sommer suchen wir Schatten und Wind, im Winter die Sonne, die kleinen Zimmer erwärmen sich schneller als die großen. Die Räume aber, die wir im Frühling und Herbst nutzen wollen, werden sich gegen Osten wenden und über Garten und Grün blicken. In diesem Teil werden auch die Studierzimmer und Bibliotheken sein, denn man nutzt sie eher am Morgen als zu anderen Tageszeiten. Doch die großen Zimmer sollen zu den mittleren und diese zu den kleinen so liegen …, dass ein Teil des Hauses mit dem anderen verbunden ist und somit der Baukörper ein besonderes Miteinander der Glieder zeigt, das das Ganze schön und ansehnlich macht.

Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Andrea di Pietro della Gondola, genannt Palladio, geboren am 30. November 1508 in Padua, gestorben am 19. August 1580 in Vicenza, war Italiens bedeutendster Architekt der Renaissance in Oberitalien, der erste große Berufsarchitekt überhaupt, und bedeutender Architektur-Theoretiker. Nach ihm benannt ist der Palladianismus, ein klassizistisch geprägter Baustil.

Stütze und Last

Im Gespräch mit Arthur Schopenhauer

Stütze und Last, Herr Schopenhauer, beschreiben Sie als beständiges Thema der Baukunst, verbunden mit dem Grundgesetz, dass keine Last ohne genügende Stütze und keine Stütze ohne angemessene Last sein könne. Können wir das an einem Beispiel konkretisieren?

Schopenhauer: Die reinste Ausführung dieses Themas ist Säule und Gebälk: Daher ist die Säulenordnung gleichsam der Generalbass der ganzen Architektur geworden. In Säule und Gebälk nämlich sind Stütze und Last vollkommen gesondert; wodurch die gegenseitige Wirkung beider und ihr Verhältniss zueinander augenfällig wird. Denn freilich enthält selbst jede schlichte Mauer schon Stütze und Last: Allein hier sind beide noch ineinander verschmolzen. Alles ist hier Stütze und alles Last: daher keine ästhetische Wirkung. Diese tritt erst durch die Sonderung ein und fällt dem Grade derselben gemäß aus. Denn zwischen der Säulenreihe und der schlichten Mauer sind viele Zwischenstufen. Schon auf der bloß zu Fenstern und Türen durchbrochenen Mauer eines Hauses sucht man jene Sonderung wenigstens anzudeuten …

Last gibt es aber auch ohne Stütze?

Schopenhauer: Ein lukulentes Beispiel von Last ohne Stütze bieten die an den Ecken mancher, im geschmackvollen Stil der »Jetztzeit« erbauten Häuser hinausgeschobenen Erker dem Auge dar. Man sieht nicht, was sie trägt: Sie scheinen zu schweben und beunruhigen das Gemüt.

In puncto Ästhetik sehen Sie die italienische Architektur gegenüber der deutschen im Vorteil. Warum?

Schopenhauer: Dass in Italien sogar die einfachsten und schmucklosesten Gebäude einen ästhetischen Eindruck machen, in Deutschland aber nicht, beruht hauptsächlich darauf, dass dort die Dächer sehr flach sind. Ein hohes Dach ist nämlich weder Stütze noch Last; denn seine beiden Hälften unterstützen sich gegenseitig, das Ganze aber hat kein seiner Ausdehnung entsprechendes Gewicht. Daher bietet es dem Auge eine ausgebreitete Masse dar, die dem ästhetischen Zwecke völlig fremd, bloß dem nützlichen dient, mithin jenen stört, dessen Thema immer nur Stütze und Last ist.

Ein Wort zur Größe im Verhältnis zur Ästhetik eines Gebäudes?

Schopenhauer: Die Werke der Architektur (müssen), um ästhetisch zu wirken, durchaus eine beträchtliche Größe haben; ja, sie können nie zu groß, aber leicht zu klein sein. Sogar steht, ceteris paribus, die ästhetische Wirkung im geraden Verhältnis der Größe der Gebäude; weil nur große Massen die Wirksamkeit der Schwerkraft in hohem Grade augenfällig und eindringlich machen. Hierdurch bestätigt sich abermals meine Ansicht, dass das Streben und der Antagonismus jener Grundkräfte der Natur den eigentlichen ästhetischen Stoff der Baukunst ausmacht, welcher, seiner Natur nach, große Massen verlangt, um sichtbar, ja fühlbar zu werden.

Last but not least ein Wort zur Architektur der Griechen?

Schopenhauer: Das … alleinige Thema der Architektur, Stütze und Last, ist so sehr einfach, dass eben deshalb diese Kunst, soweit sie schöne Kunst ist …, schon seit der besten griechischen Zeit im Wesentlichen vollendet und abgeschlossen, wenigstens keiner bedeutenden Bereicherung mehr fähig ist. Hingegen kann der moderne Architekt sich von den Regeln und Vorbildern der Alten nicht merklich entfernen, ohne eben schon auf dem Wege der Verschlechterung zu sein. Ihm bleibt daher nichts übrig, als die von den Alten überlieferte Kunst anzuwenden und ihre Regeln, soweit es möglich ist, unter den Beschränkungen, welche das Bedürfnis, das Klima, das Zeitalter und sein Land ihm unabweisbar auflegen, durchzusetzen. Denn in dieser Kunst, wie auch in der Skulptur, fällt das Streben nach dem Ideal mit der Nachahmung der Alten zusammen.

Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Arthur Schopenhauer, geboren am 22. Februar 1788 in Danzig, gestorben am 21. September 1860 in Frankfurt am Main, war ein deutscher Philosoph des subjektiven Idealismus, der überzeugt war, dass der Welt ein irrationales Prinzip zugrunde liegt.

»Profanbauten mit Geist und Seele«

Im Gespräch mit Alphons Silbermann

Herr Professor Silbermann, Sie galten zu Ihren Lebzeiten auch als »Wohnsoziologe«, forschten den Deutschen unter anderem in deren Badezimmern hinterher. Was war für Sie als Wohnsoziologe Architektur und welche Bedeutung hat Architektur in der Gegenwart?

Silbermann: Architektur ist Ausdruck einer humanen Lebensweise. Sie hat daher im Dienste und im Empfang ihrer Benutzer zu stehen. Sie ist ein Rahmen und eine Gesamtheit von Mitteln, die dazu beitragen, die Existenz des Menschen angenehmer zu gestalten. Sie hat zur Achtung des Privatlebens beizutragen, der »Privacy«, wie die Engländer sagen, und zu gleicher Zeit der Begegnung mit anderen Menschen, der Gastlichkeit sowie der Entwicklung von Gemeinwesen, die stolz darauf sind, dass es sich in ihnen gut leben lässt.

L’art pour l’art in der Wissenschaft war ja nie Ihr Ding; ganz in diesem Sinne sind auch Ihre »stolzen« Forderungen an die Architektur zu verstehen. Welche Voraussetzungen muss Architektur Ihrer Meinung nach erfüllen, damit sie diesen Ansprüchen genügen kann?

Silbermann: Es ist notwendig, dass die Architektur auf einem humanen Maßstab verbleibt, dass sie sowohl in Fläche als auch in Höhe das Kolossale, die Gigantonomie, meidet, die zurzeit so gefällig gewordenen Dinosaurier-Ausmaße. Architektur muss eine Landschaft bzw. ein Landschaftsbild ausmachen und darum die sie umgebende urbane und natürliche Landschaft re­spektieren. Sie hat sich, soweit möglich, an der natürlichen Gegend zu inspirieren, den Geist und den Stil der Örtlichkeit zu erwecken, um so der Mannigfaltigkeit der traditionellen Lebensweise der Region entgegenzukommen.

Entspricht heutige Architektur diesem »humanen Maßstab«? Wenn nein: Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Silbermann: Zu vermeiden sind für jede Gelegenheit passende Gebäude, die Gleichförmigkeit der industriell hergestellten Raumvolumen, sodass am Ende niemand mehr weiß, wo er sich befindet, und nicht nur die Orientierung verliert, sondern überdies seine eigene Identität.

Sie haben sich ja selbst immer als militanten Humanisten bezeichnet und darin Ihre eigene Identität gefunden, verehrter Herr Professor. Was sagt ein »militanter Humanist« zur modernen Architektur?

Silbermann: Der englische Politiker Edmund Burke, Gegner einer romantisch verhüllten Aufklärung, sagte einst, dass eine Kultur ihre Solidität ihrer Kontinuität verdanke. Auch die gegenwärtige Architektur, gebe sie sich modern oder postmodern, wie das unlogische Wort lautet, ist in eine Geschichte eingeschrieben.

Was heißt das?

Silbermann: Alle diese Gegebenheiten setzen ein Erbe fort, das nach Bewahren verlangt, womit ich nicht etwa einer rückläufigen Vergangenheitsträchtigkeit das Wort rede, sondern der Liebe des Erbgutes als eine Beschaffenheit des Menschen sowie als eine Beschaffenheit seiner Zukunft. Kurzum: Es gilt, repräsentative Profanbauten zum Träger eines Geistes und einer Seele zu machen.

Nun sind Sie ja selbst Preisträger eines »Preises für humanes Bauen«. Was verstehen Sie selbst unter »humanem Bauen«?

Silbermann: Wer wie ich als Soziologe spricht, hat sich bei der Betrachtung eines Werkes der Architektur, nenne man es ein Kunstwerk oder nicht, dem Augenblick zuzuwenden, in dem sich das Werk mit der Gesellschaft trifft, will sagen, mit demjenigen Individuum oder denjenigen Gruppen, von denen es empfangen und erlebt wird. Dieses beim Architekturerlebnis im Gegensatz zu anderen Kunst-Erlebnissen hervorstechende Element einer relativen Permanenz stellt nicht nur eine Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber dem Bauwerk dar, nachdem es errichtet worden ist, sondern bedeutet bereits eine Verpflichtung zu Zeiten der Errichtung. Damit spreche ich aus, was allzu leicht und allzu gerne übersehen wird, dass es nicht die Bauten sind, die den Menschen zu beherrschen haben, sondern dass der Mensch, der ihnen ihren Symbolwert verleiht, in dieser Verpflichtung Urheber und Anreger zu sein und zu bleiben hat.

Herr Professor, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Alphons Silbermann, geboren am 11. August 1909 in Köln, gestorben am 4. März 2000 ebenda. Promovierter Jurist, von den Nazis aus Deutschland vertrieben, Kellner und Bar-Pianist in Paris, Fast-Food-Unternehmer in Sydney. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland Professor für Soziologie an der Universität Köln, verstand sich selbst als »Alltagssoziologe«, der sich mit dem Befinden und der Befindlichkeit der Menschen in der Gesellschaft auseinanderzusetzen habe. Bahnbrechend waren unter anderem seine Studien zum »Wohnen der Deutschen«, die ihm 1991 einen Preis für humanes Bauen einbrachten.