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Inhaltsverzeichnis

Einführung

KAPITEL I
»Es gibt in mir auch Bizarres, Abenteuerliches
und Launisches …«

KAPITEL II
»Seit ein schwerer, uneleganter Mann
in mein Leben eingetreten ist …«

KAPITEL III
»Auch sie sind in meinem Leben,
sie bevölkern mein Leben«

KAPITEL IV
»Meine langen Nächte, dass ich sitzen und schreiben werde, das werden meine schönsten Nächte sein«

KAPITEL V
»Das Mädchen, das nicht knien konnte und es doch lernte …«

KAPITEL VI
»Ich werde dir helfen, Gott,
dass du in mir nicht schwindest …«

KAPITEL VII
»Von allen Seiten schleicht unsere Vernichtung heran …«

KAPITEL VIII
»Die Möglichkeit des Todes
so absolut in mein Leben aufgenommen …«

KAPITEL IX
»Der Welt einen neuen Sinn anbieten, der aus den tiefsten Brunnen unserer Not und unserer Verzweiflung kommt …«

Anhang

Ein letztes Zeugnis

Die letzte Botschaft

Nachwort

Über den Autor

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Einführung

Erst seit dem Jahr 1981 wurde der Name Etty (Esther) Hillesum weithin bekannt, als Auszüge ihres Tagebuchs in der niederländischen Originalsprache unter dem Titel Het verstoorde leven [Das beeinträchtigte Leben] erschienen.1 Diese Auswahl wurde dann in verschiedenen Sprachen in 14 Ländern veröffentlicht, darunter eine deutsche Übersetzung im Jahre 2003.2

Es handelte sich um eine unerwartete Auferstehung nach 40 Jahren des Begrabenseins. Als Etty Hillesum am 5. Juni 1943 endgültig in das Lager Westerbork aufbrechen musste, wo die Nazis die Juden der Niederlande vor ihrer Deportation nach Auschwitz sammelten, vertraute sie die elf Hefte ihres Tagebuchs über ihren geistlichen Weg seit dem 8. März 1941 einer holländischen Freundin, Maria Tuinzing, an. Sie bat sie, das Tagebuch einem ihrer Bekannten, dem Schriftsteller Klaas Smelik, zu übergeben; dies geschah nach Beendigung des Krieges. Anfang der Fünfzigerjahre versuchte Smelik vergebens, verschiedene Verleger für dieses Manuskript zu interessieren; es war in einer nur schwer lesbaren Handschrift verfasst. Erst Ende 1972 konnte Smeliks Sohn, Klaas A. D., den Verleger Jan G. Gaarlandt in Haarlem gewinnen. Weitere acht Jahre vergingen, bis dieser daranging, das Manuskript entziffern und abtippen zu lassen und er eine Auswahl der Texte erstellte, die schließlich im September 1981 veröffentlicht wurde. Am 1. Oktober des Jahres wurde der Band im Concertgebouw von Amsterdam einem Auditorium vorgestellt, das sich aus Freunden und Bekannten Ettys zusammensetzte.

Für die Teilnehmer war es ein bewegendes Zusammentreffen nach vielen Jahren, und tief berührt lauschten sie der Schriftstellerin Marga Minco, die Auszüge aus dem Tagebuch vorlas. Es eröffnete für sie ganz neue Einblicke in die Persönlichkeit dieser freien und leidenschaftlichen jungen Frau, der sie oft begegnet waren, die sie begleitet und geliebt hatten, bevor sie im Schrecken und der Anonymität jenes genau geplanten Völkermordes zum Verschwinden gebracht wurde. Wenige unter ihnen ahnten, welch großes Echo diese dem Vergessen entrissenen Texte hervorrufen sollten. Doch seither haben sich Essayisten, Theologen, Psychologen und Philosophen mit den Schriften dieser jungen, 27-jährigen Frau befasst, und sie haben Parallelen zu so verschiedenen Autoren wie Kafka, Meister Eckart, Ruusbroec, Kierkegaard und Bonhoeffer herausgestellt, ganz von denen zu schweigen, auf die sich Etty selbst ausdrücklich bezieht: Augustinus, Thomas von Kempen, Dostojewski, Rilke und Jung.

Der Initiative des Verlegers Jan Gaarlandt ist es zu verdanken, dass im Jahr 1989 ein Sammelband mit 24 solcher Studien erscheinen konnte.3 Einer der Autoren, Abel Herzberg, schreibt: »Ich zögere nicht zu sagen, dass wir uns nach meiner Meinung vor einem Höhepunkt niederländischer Literatur befinden.«4 Zwar erlaubt mir meine begrenzte Kenntnis dieser Literatur nicht, diese Einschätzung aus eigenem Wissen zu bestätigen. Ich kann jedoch bezeugen: Nachdem ich die Schriften von Etty Hillesum, die im Auftrag der Etty-Hillesum-Stiftung in einem Band von 800 Seiten hervorragend ediert worden sind,5 vollständig gelesen und mich lange mit ihnen befasst habe, habe ich den Eindruck, in ihr nicht nur einer Verfasserin von authentischer und oft ergreifender Originalität zu begegnen, sondern auch der Zeugin für eine Entdeckung, die umso erstaunlicher ist, als nichts in ihrer Vergangenheit sie darauf vorzubereiten schien: Sie erfuhr die Gegenwart Gottes in ihrer tiefsten Innerlichkeit gerade dann, als sie am Schicksal der Opfer einer nie dagewesenen Verfolgung teilhaben sollte, die sie selber als »totalitär, in massenhaftem Maßstab organisiert und sich über ganz Europa erstreckend« (10. Juli 1942, S. 511)6 bezeichnete.

Diese Entdeckung hat Etty vom 8. März 1941 an gelebt, dem Tag ihrer ersten Zusammenkunft mit dem Psycho-Chirologen Julius Spier, einem deutschen Juden, der in die Niederlande geflüchtet war. Er sollte für ihre Entwicklung eine entscheidende Rolle spielen. Diese Entdeckung wurde für sie immer deutlicher bis zum 15. September 1943, dem Tag, an dem sie mit ihrer ganzen Familie und Hunderten weiterer Juden in einen der Waggons für den schrecklichen Transport nach Auschwitz gepfercht wurde. Zweieinhalb Monate später meldete ein Kommuniqué des Roten Kreuzes ihren Tod.

Die lange Beschäftigung mit einer Autorin, von der ein holländischer Universitätsprofessor sagt, sie lasse sich aufgrund der »Originalität und Intensität ihrer Erfahrung und ihres Denkens nicht einordnen«,7 hat mich neben der Ermutigung durch Freunde, denen ich oft von ihr erzählte, veranlasst, dieses Buch zu schreiben. Entscheidend dafür waren auch meine persönlichen Erinnerungen an jene tragischen Jahre, von denen das Tagebuch handelt. Ich war um zehn Jahre jünger als Etty, als ich damals seit 1941 in den Straßen meiner Heimatstadt sehen musste, wie jüdische Mitbürger jeden Alters den gelben Stern mit dem gotischen J als Anfangsbuchstaben des Wortes »Jude« auf ihrer Brust zu tragen hatten; sie verschwanden im Lauf des Jahres 1943, als sie von dem entsetzlichen Mechanismus der »Endlösung« erfasst wurden. Gewiss hatten wir durch Verhaftungen und Deportationen (darunter eines Priesters, der Lehrer an meiner Schule war) bereits eine Vorstellung von der unerbittlichen Härte des Naziregimes. Dennoch geschah es mir manchmal wie Etty, wenn ich auf dem Weg einem jungen deutschen Soldaten begegnete, der kaum älter als ich war, dass ich mir sagte: »Unter der Uniform steckt ein Mensch. Und dieser Mensch könnte mein Freund werden.« Zur gleichen Zeit, als Etty im Lager Westerbork zum ersten Mal katholischen Ordensmännern und -frauen begegnete, trat ich mehr oder minder geheim in einem kleinen Dorf in Lothringen in das Jesuitennoviziat ein, das dort nach seiner Vertreibung aus Arlon eine vorläufige Zuflucht gefunden hatte. Das Haus in Arlon war für eine Garnison der Wehrmacht beschlagnahmt worden.

In ganz Europa wird der Jahrestag der Befreiung aus den Todeslagern begangen. Er erinnert an den unendlichen Schrecken der Shoah. Dass sie niemals aus der Erinnerung der Menschheit verschwinde, war auch eines der Grundanliegen Ettys, als sie ihr Tagebuch schrieb. Es ist mit dem von Anne Frank, ihrer jüngeren Mitbürgerin in Amsterdam, zu vergleichen. Aber unter allen Zeugnissen dieses Jahrestages ragt ihr Tagebuch heraus durch eine Aktualität ganz anderer Art.

Ohne dass sie selbst oder ihre Zeitgenossen sich dessen bewusst sein konnten, ist sie ein Voraus-Zeuge dessen, was wir heute »Moderne« nennen, und uns dadurch erstaunlich nahe. Ihr Weg war ein Weg der Freiheit. Sie war frei von jedem ererbten doktrinären oder ideologischen Vorurteil. Angesichts der erbarmungslosen Verwirklichung der »Endlösung« nimmt sie ihr Jüdischsein an, in aller Freiheit und ohne die geringsten Vorbehalte gegenüber der christlichen geistlichen Welt, die sie allmählich entdeckt und als den Ort ihrer eigenen persönlichen Erfüllung erfährt. Ihr geistlicher Weg verläuft ohne jeden direkten und ausdrücklichen Kontakt mit einer Kirche. Vertreter kirchlicher Institutionen lernt sie im Lager Westerbork erst wenige Monate vor ihrer eigenen Deportation kennen, als Mönche und Ordensfrauen jüdischer Abkunft dorthin kommen,8 unter ihnen die Karmelitin Edith Stein, Philosophin und Schülerin Edmund Husserls, die von Johannes Paul II. heiliggesprochen worden ist.

»Modern« oder besser »postmodern« (wenn man darunter eine gewisse Distanzierung von bestimmten noch immer ideologischen Vorurteilen auch der Moderne verstehen will) ist Etty auch durch ihre Suche nach Wahrheit und Verfügbarkeit gegenüber allem, was ihr andere Menschen oder Ereignisse zu verstehen geben. Sie ist fähig, sich selbst in Frage zu stellen, dies manchmal radikal in Bezug auf ihre Ideen oder bestimmte eigene Verhaltensweisen.

»Modern« und einzigartig aktuell ist Etty auch in der Weise, wie sie ihre Beziehung zu dem Gott versteht, dessen Gegenwart in ihrem Leben sie allmählich entdeckt: Zu einem Gott, der sich nicht aufdrängt, geradezu verwundbar ist, zugleich aber in einer einzigartigen Dichte existiert, sehr verschieden von dem Bild, das manchmal von einer gefühlsseligen Religiosität oder kindischen Vorstellungen entworfen wird.

Erst als ich das Ganze der Schriften studiert und mir Aufzeichnungen gemacht hatte, ging mir ein weiterer Grund auf, warum ich ihr geistliches Profil nachzeichnen sollte. Mir wurde immer deutlicher bewusst, dass der Weg, von dem ihre Schriften zeugen, in erstaunlicher Weise dem entspricht, was Ignatius von Loyola in seinen Geistlichen Übungen beschreibt. Jahrzehntelang habe ich mich mit diesen Geistlichen Übungen befasst und sie auch selber oft für Gruppen oder Einzelpersonen begleitet. Ausgangspunkt ist häufig eine eher verworrene Situation oder auch eine geistliche Sehnsucht und der Wunsch, »sein Leben zu ordnen«; dies verbindet sich immer wieder mit der Last einer vieldeutigen Vergangenheit voller entfremdender Aspekte. Langsam beginnt man zu unterscheiden; dazu hilft der Dialog mit einem Begleiter. Man lernt das persönliche diskursive oder kontemplative Gebet, das sich aus der Schrift und den großen Themen christlicher Spiritualität nährt.

Die fortschreitende Vertiefung dieser Erfahrung geschieht in manchen inneren Kämpfen, aber auch in beglückenden und befriedenden Augenblicken – die Geistlichen Übungen sprechen von »Trost« und »Trostlosigkeit«. So kommt es langsam zur Befreiung von vergangenen Gewohnheiten und Illusionen, auch vielleicht von solchen, zu denen sogar der Begleiter beiträgt (sosehr ihm Ignatius Zurückhaltung auferlegt), und es reift die Autonomie der persönlichen Entscheidung (von Ignatius »Wahl« genannt): Ziel ist eine Lebensentscheidung, die von der Selbsthingabe an Gott und die Menschen, zu denen er sendet, geprägt ist. Im Fall Ettys nahm diese Lebensentscheidung die Form eines heroischen Vertrauens auf ein Schicksal an, zu dem sie sich innerlich berufen erfuhr, der Solidarität mit dem jüdischen Volk, das der Auslöschung geweiht war und doch nicht ins Nichts versinken sollte.

Während der Arbeit an diesem Buch habe ich oft an die jungen Erwachsenen gedacht, denen ich – insbesondere im europäischen Milieu von Brüssel – begegnet bin. Sie befinden sich auf der Suche zugleich nach ihrer Freiheit und dem Sinn von allem, sowohl für ihr persönliches Leben als auch für ihre kollektive Geschichte, an der sie mitwirken. Zuerst an sie richten sich diese Seiten. Ich möchte ihnen sagen: Dieses Buch will euch einladen, Etty zu begegnen. Obwohl sie vor Jahrzehnten geschrieben hat, ist sie doch eure Schwester. Hört sie an, wie sie in so intensiver persönlicher Sprache zu euch spricht. Ich denke, dass viele von euch sich in ihr wiedererkennen werden, in ihrem Suchen, in der Vieldeutigkeit mancher ihrer sexuellen und affektiven Erfahrungen, in ihrer Aufrichtigkeit und dem unbedingten Verlangen nach Klarheit, in ihrer Begegnung mit Personen und Ereignissen im Alltag, aber auch in schlimmen Situationen.

Es handelt sich weniger um eine Biographie – wenn auch Ettys Schreiben immer von zugleich intensiv persönlich wie kollektiv gelebter Erfahrung herkommt – als vielmehr um Notizen bei der Lektüre, bei denen ich durch die Zusammenführung bestimmter Texte versucht habe, die entscheidenden Wendepunkte ihres Weges und seine geistliche Folgerichtigkeit herauszuarbeiten. Damit wollte ich einer Intuition gerecht werden, die Etty selber am 8. April 1942 ihrem Tagebuch anvertraut hat:

»Ungefähr dieses Gefühl: Auf diesen Blättern webe ich weiter mit ein und demselben Faden. Einige Kontinuitäten in meinem Leben, die meine eigene Wirklichkeit sind, wie ein ununterbrochener Weg; ja, ich weiß nicht, wie ich das weiter formulieren soll. Da ist das Matthäusevangelium, morgens und abends, und zuweilen einige Worte, die ich hier aufschreibe. Oder eigentlich sind es gar nicht meine armseligen Worte, die ich auf die blauen Linien dieses Heftes kritzele, sondern das Gefühl, dass ich immer zu einer Stelle zurückkehre, von der aus ich mit demselben Faden weiterwebe, wo langsam eine Kontinuität entsteht, wo dein eigentliches Leben ist.«9

Dieses Zeugnis einer jungen Frau in ihrer leidenschaftlichen Suche nach Wahrheit kann uns in seiner so erstaunlichen Stimmigkeit nur dazu einladen, dass wir auch selbst treue und klarsichtige Zeugen für das werden, was uns heute zu leben und zu entdecken aufgegeben ist, in einem Europa, als dessen Bürgerin sie sich gefühlt hat und dessen zukünftiges gemeinsames Schicksal sie vorausgesehen hat. So schrieb sie zwei Monate, bevor sie in der tragischen Namenlosigkeit von Auschwitz zugrunde ging: »Ich fühle mich wie eine der ungezählten Erben eines großen geistlichen Erbes. Ich werde dessen treue Hüterin sein. Ich werde davon austeilen, soviel ich vermag.«10


1 Het verstoorde leven. Dagboek van Etty Hillesum 1941–1943 [Das beeinträchtigte Leben. Tagebuch von Etty Hillesum 1941–1943]. Ingeleid door J. G. Gaarlandt, De Haan, Haarlem 1981. Von der 18. Auflage an bei Uitgeverij Balans, Amsterdam 1986.

2 Das denkende Herz – Die Tagebücher von Etty Hillesum. 1941–1943, hrsg. v. J. G. Gaarlandt, Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 2003.

3 Men zou een pleister op vele wonden willen zijn. Reacties op de dagboeken en brieven van Etty Hillesum [Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein. Stellungnahmen zu den Tagebüchern und Briefen von Etty Hillesum], Uitgeverij Balans, Amsterdam 1989.

4 A. a. O., S. 11.

5 Etty. De nagelaten geschriften van Etty Hillesum 1941–1943 [Etty. Die hinterlassenen Schriften von Etty Hillesum 1941–1943], onder redactie van Klaas A. D. Smelik, Uitgeverij Balans, Amsterdam, 1986.

6 Die Verweise auf das Tagebuch werden im Folgenden direkt im Anschluss an das Zitat in Klammern angegeben: auf das Datum der zitierten Eintragung folgt die Angabe der Seitenzahl aus der niederländischen Ausgabe der Schriften von Etty Hillesum De nagelaten geschriften (siehe Anm. 5). Mit Julius Spier oder später mit Max Kormann hat sich Etty auf Deutsch unterhalten und die Gespräche in ihrem Tagebuch auf Deutsch notiert. Rilke hat sie auf Deutsch gelesen – und in ihrem Tagebuch auf Deutsch notiert. Später sind es Befehle der deutschen Lagerverwaltung … Ob Briefkommunikation, literarisches Zitat oder Einzelwort: Stets ist im Original Deutschsprachiges in diesem Buch durch eine serifenlose Schrift kenntlich gemacht.

7 Kees Fens, Professor für niederländische Literatur an der Katholischen Universität Nijmegen, in dem oben (Anm. 3) erwähnten Sammelband, S. 9.

8 Siehe Lettres de Westerbork [Briefe aus Westerbork], Seuil, Paris 1988, S. 35. Ungefähr 300 Katholiken jüdischer Abstammung wurden am 2. August 1942 verhaftet und danach von den Nazis als Vergeltung dafür deportiert, dass der Erzbischof von Utrecht, Johannes de Jong, öffentlich gegen die antijüdischen Maßnahmen der Besatzungsmacht protestiert hatte. Die etwa 700 niederländischen Juden, die dem katholischen Glauben angehörten, wurden mehrheitlich nach Auschwitz deportiert und umgebracht.

9 De nagelaten geschriften, S. 343.

10 De nagelaten geschriften, S. 551.

KAPITEL I
»Es gibt in mir auch
Bizarres, Abenteuerliches
und Launisches …«11

Das älteste Foto, über das die Etty-Hillesum-Stiftung verfügt, stammt aus dem Jahr 1931. Es zeigt die Familie, die damals in Deventer wohnte, einer alten Hansestadt an der IJssel in der heutigen Provinz Overijssel: die Eltern, Louis (Levie) und Riva (Rebecca) Hillesum-Bernstein, und ihre drei Kinder, Etty, 17 Jahre alt, und ihre Brüder Jaap, 15, und Mischa, neun.

Der Vater, im klassischen Anzug angesehener Leute, sitzend, etwas verkrampft, die Hände über dem Bauch gefaltet. Das Bild entspricht dem Eindruck, den man in seiner Umgebung von ihm hatte: Er war von kleiner Statur, diskret und schweigsam, gebildet und friedfertig, ein wenig stoisch. Zehn Jahre später, bei einem seiner Besuche in Amsterdam, das damals bereits von den Deutschen besetzt war, wird seine Tochter in ihrem Tagebuch mit Klarsicht und Mitleid diesen Eindruck aufzeichnen:

»Alle seine Unsicherheiten, Zweifel, wahrscheinlich auch rein körperlichen Minderwertigkeitskomplexe, Schwierigkeiten in seiner Ehe, die er nicht auflösen kann usw. usw. hat er in einer philosophischen Weise kompensiert, die vollkommen echt ist, liebenswürdig und voller Humor und sehr scharfsinnig, […] aber die allein nach dem Anekdotischen schaut, ohne tiefer auf die Dinge einzugehen, obwohl er weiß, dass es Tiefen gibt; vielleicht gerade weil er weiß, dass es Tiefen gibt […] und deshalb von vornherein keinen Mut hat, zur Klarheit zu gelangen« (20. November 1941, S. 168).

Familie Hillesum (1931). Von links nach rechts:
Etty, Rebecca Hillesum-Bernstein, Mischa, Jaap und Louis Hillesum

Er wurde in Amsterdam am 25. Mai 1880 als jüngster Sohn des Händlers Jacob Samuel Hillesum und seiner Frau Esther Hillesum-Loeza geboren. Etty erhielt also bei ihrer Geburt den Vornamen ihrer Großmutter väterlicherseits. Obwohl er ein gewisses Interesse am Judentum und am biblischen Hebräisch beibehielt, war Louis Hillesum doch ein ganz der westeuropäischen Kultur assimilierter Jude. Er hatte den christlichen Vornamen Louis angenommen. Seine Familie beobachtete den Sabbat nicht, und sie aßen auch nicht koscher, so dass einige Vettern Probleme damit hatten, sie zu besuchen.12 Als junger Mann studierte er an der Universität Amsterdam Klassische Sprachen (Latein und Griechisch) und erlangte das Doktorat mit einer Abhandlung über den »Gebrauch des Imperfekts und des Aorists bei Thukydides«: Er wurde Griechisch- und Lateinlehrer am Gymnasium (Lyzaeum) von Hilversum. Mit den großen Klassen hatte er Disziplinschwierigkeiten, wohl auch aufgrund seiner Ängstlichkeit und der Taubheit auf einem Ohr. Er wurde zunächst an kleinere Schulen versetzt, schließlich an das Gymnasium von Deventer, wo er 1928 zum Rektor ernannt wurde. In dieser Funktion blieb er bis zu seiner Absetzung im November 1940 tätig, als die Nazi-Besatzungsmacht Juden von jedem öffentlichen Amt ausschloss. Es ist nicht ohne Bedeutung, dass Louis Hillesum in seiner Abschiedsansprache auf Gert Groote (1340–1384) Bezug nahm, einen großen christlichen Lehrer der Spiritualität. Groote stand am Anfang der »Devotio moderna«, einer nichtmonastischen Bewegung, die sich im 15. Jahrhundert von Deventer aus verbreitete. Hillesum zitierte Groote mit dem Satz: »Vor allen Dingen scheint es mir gut, dass ihr geistlich froh seid.«13

Seine Frau Riva bildete ihm gegenüber den stärksten Kontrast, wie das Foto sehr deutlich zeigt. Groß, aufrecht und stark, in teurer Kleidung, mit einem langen über der Brust verknoteten Perlenband um den Hals, mit einem breiten Gesicht und visionärem Blick, den Mund wie von Bitterkeit gezeichnet, hatte sie etwas Exaltiertes an sich. Sie wurde 1881 in Russland geboren und war als Erste aus ihrer Familie nach einem Pogrom im Jahr 1907 nach Holland ausgewandet. Einer ihrer Brüder und dann auch ihre Eltern folgten einige Monate später. Sie begegnete dort Louis und heiratete ihn im Dezember 1912. Die sie kannten, fanden sie unberechenbar, extrovertiert und autoritär.

Die Beziehung zu ihrer Tochter Etty war oft schwierig und von heftigen Spannungen gekennzeichnet. Zu Besuch bei ihren Eltern in Deventer im August 1941 – Riva war 60 Jahre alt – schreibt Etty in ihrem Tagebuch, dass sie in ihrer Jugend manchmal die Atmosphäre »dieses Irrenhauses« (8. August 1941, S. 84) nicht mehr ertragen konnte. Sie macht sich Vorwürfe wegen ihrer Reaktionen auf die Unordnung im Haus, auf die »pathetischen Ausrufe« (ebd.) ihrer Mutter über ihre Gesundheit, über die Lebensmittelkarten und eine Menge anderer Dinge des täglichen Lebens. »Mutter ist jemand, die einem das Blut unter den Nägeln wegholen kann!« (ebd., S. 83). Dennoch schreibt sie weiter: »Und doch ist sie keine belanglose Frau. Das ist hier immer das Tragische. Es gibt hier bei Vater und Mutter ein Kapital an Begabung und menschlichem Wert, aber ungenutzt, oder wenigstens nicht gut genutzt. Man bricht sich das Genick an ungelösten Problemen, an schnell wechselnden Stimmungen; es ist ein chaotischer und trauriger Zustand, der sich im äußeren Chaos des Haushalts widerspiegelt« (ebd., S. 84).

Es wird der gemeinsamen Erfahrung der letzten Prüfung im Durchgangslager Westerbork bedürfen, um Mutter und Tochter in ihren Gefühlen einander näherzubringen. Aber bereits zuvor entdeckt sie mit der Klarsicht, die ihr damaliges geistliches Erwachen noch verstärkt, sich selbst zu einem großen Anteil als Tochter ihrer Mutter: »Es sitzt in mir so viel Verwirrung und Eingebildetheit und Halbheit und Minderwertigkeit« (4. August 1941; S. 75). Und ein Jahr später: »Es gibt in mir auch Bizarres, Abenteuerliches und Launisches« (25. September 1942, S. 564). Vielleicht dachte sie ebenfalls an ihre Mutter, als sie schrieb: »Die Landschaft, die der Mensch in sich trägt, sucht er auch draußen. Vielleicht habe ich deshalb immer das merkwürdige Verlangen nach den weiten russischen Steppen« (11. Juni 1941, S. 64).

Kehren wir zum Familienfoto zurück: Stehend an seine Mutter angelehnt, deren Schultern er mit seinem rechten Arm anhänglich umfasst, mitten im Bild ein netter Junge in kurzen Hosen: Mischa (Michael wie sein Großvater mütterlicherseits), der Jüngste. Bereits mit neun Jahren zeigt er ein ungewöhnliches musikalisches Talent und wird ein Pianist werden, dem eine brillante Zukunft hätte verheißen sein können. Unter anderen wird Willem Mengelberg, der berühmte Leiter des Orchesters im Concertgebouw, 1943 erfolglos bei der deutschen Besatzungsmacht versuchen, ihn vor der Internierung der Juden in Westerbork an der Drenthe, dem Durchgangslager vor dem Transport nach Auschwitz, zu bewahren. Diese Ausnahme wurde verweigert, weil Mischa verlangte, dass sie auch für seine Eltern gelten sollte. Psychisch war der junge, talentierte Pianist labil. Er musste im Jahr 1939 zur Behandlung einer Schizophrenie eine Zeit im Sanatorium verbringen.

Der ältere der Söhne, Jaap (für Jakob, wie sein Großvater väterlicherseits hieß), stehend rechts auf dem Foto, mit einem eher ausdruckslosen Gesicht, wie es auch das des Vaters ist. Nach seiner Schulzeit am Gymnasium von Deventer immatrikulierte er sich an der medizinischen Fakultät Amsterdam, später in Leiden. Er war intelligent und verfasste gelegentlich Gedichte; aber auch er war psychisch gefährdet und musste mehrfach in eine Anstalt. Gegenüber seiner Schwester, deren geistliche Entwicklung ihm nicht entging, verhielt er sich arrogant und intolerant; einmal schrieb er ihr sogar in Abwandlung des bekannten Wortes von Descartes: »Cogito, ergo sum. Credis, ergo non es.«14

Er wurde nach Bergen-Belsen deportiert. Wie so viele andere überlebte er 1945 nicht die Schrecken des endlosen Transports in Viehwagen, als die SS angesichts des Vorrückens der Alliierten die Auflösung des Lagers erzwang.

Ganz links auf dem Familienbild ist dieses große 17-jährige Mädchen zu sehen, das uns mit ihren schwarzen Augen anschaut. Sie sitzt auf einem hohen Hocker, die rechte Hand auf dem Knie des einen Beins, das über das andere gekreuzt ist; sie trägt ein langes Tüllkleid, darüber eine weit ausgeschnittene schwarze Weste. Ihre Haare sind leicht gelockt; ihr Gesicht ist das eines jungen Menschen, der noch auf der Suche nach sich selbst ist, etwas weich, nicht sehr freundlich, mit zugleich nachdenklichem und forschendem Blick. Sie war damals im fünften Jahr Schülerin des Gymnasiums von Deventer, dessen Rektor zu dieser Zeit ihr Vater war. Ihre schulischen Leistungen lagen eher im mittleren Bereich, im Gegensatz zu denen ihres Bruders Jaap, der als brillanter Schüler galt. Während ihrer Gymnasialjahre nahm Etty an einem Hebräischkurs teil und besuchte eine Zeit lang die Treffen einer kleinen Gruppe von Zionisten. Aber dieses Interesse für das Judentum scheint sich nicht fortgesetzt zu haben; jedenfalls nimmt sie in ihrem Tagebuch nie darauf Bezug. Nach Beendigung der Oberschule ging Etty nach Amsterdam, um mit 18 Jahren ein Jurastudium zu beginnen.

Zunächst wohnte sie einige Zeit, manchmal jeweils mit einem ihrer Brüder, in verschiedenen Studentenwohnungen. Aber dann wollte sie offenbar nicht mehr finanziell von ihren Eltern abhängig sein. Ohne Vorankündigung zog sie 1937 in die Gabriel Metsustraat 6 um. Von diesem Haus wird sie häufig in ihrem Tagebuch sprechen, vom Blick auf den Museumsplein und die majestätische Silhouette des Rijksmuseums auf der anderen Seite und unmittelbar vor ihrem Zimmerfenster auf die zwei Bäume, die wie »wie Fäuste« zum Himmel ragen. Ihrer Freundin Corine Spoor vertraute sie an, dass sie vom Eigentümer des Hauses, Hendrik Johannes (Han) Wegerif, als »Au pair« angestellt worden sei. Er war ein pensionierter Rechnungsprüfer, seit 1936 verwitwet. Sie sollte »femme d’honneur«15 sein, Ehrendame, die für die Haushaltsführung verantwortlich war. Es dauerte nicht lange, bis sich Etty mit ihrer vollen Zustimmung in eine Beziehung mit ihm einließ, die fünf Jahre dauern sollte. Eine zweideutige Situation, die zu Spannungen mit anderen Pensionären im Haus führte, wenngleich das warmherzige Temperament Ettys wieder zur Beruhigung beitrug. Sie sieht »eine Aufgabe darin, die Harmonie in dieser Familie, die so gegensätzliche Elemente umfasst, zu bewahren«: Es waren eine deutsche Frau (Käthe), »eine Christin bäuerlicher Herkunft, die für mich eine rührende zweite Mutter ist«; eine »jüdische Studentin aus Amsterdam« (Maria Tuinzing), »der alte, ausgeglichene Sozialdemokrat« (Han Wegerif, im Jahr 1937 58 Jahre alt), »der Spießbürger* Bernard, doch einfühlsam und verständig« (Meylink, Biochemie-Student) und der »junge Wirtschaftsstudent, rechtschaffen, ein guter Christ, mit aller Sanftmut in seinem Denken, aber zugleich streitbar nach Art der Christen, wie man sie gegenwärtig kennenlernt« (Hans Wegerif, der jüngste Sohn von Han) (15. März 1941, S. 20).

Inzwischen hatte Etty im Juli 1939 ihr Doktoratsstudium in Öffentlichem Recht mit mittelmäßigem Ergebnis abgeschlossen, weil sie sich – nach dem Zeugnis eines ihrer Professoren – nie im Ernst für dieses Fach interessiert hatte.16 Aber ihr Tagebuch wird bald zeigen, dass sie trotz mangelnden Fleißes als Schülerin und als Studentin sich in diesen Jahren eine breite philosophische und literarische Bildung erworben hatte, wie auch eine hervorragende Kenntnis des Französischen, des Russischen und vor allem des Deutschen. Sie hatte übrigens in Amsterdam wie auch in Leiden Kurse in den slawischen Sprachen belegt, wenn auch Krieg und Besatzung verhinderten, dass sie sie mit einem Examen hätte abschließen können; dies wurde ja für Juden verboten. Zugleich nahm sie während ihrer Universitätsstudien an antifaschistischen Studentengruppen teil und interessierte sich für politische und soziale Fragen, ohne jedoch einer Partei beizutreten. Diejenigen, die sie in dieser Zeit kennengelernt hatten, waren von ihrer späteren geistlichen Entwicklung sehr überrascht. Sie erinnern sich vor allem an ihre muntere und spontane Art, an ihre wache Intelligenz, an ihren Humor. »Warmherzig und schlagfertig«, bezeugt eine ihrer damaligen Mitstudentinnen, »stand sie ganz natürlich im Mittelpunkt unserer Gruppe, wobei sie aber ihre Aufmerksamkeit für jeden und viel Feingefühl bewahrte.«17

Trotz ihrer unangenehmen Erinnerungen aus ihrem familiären Milieu hat Etty sich als Erwachsene mit etwas Wehmut an die früheren Jahre in Deventer erinnert:

»In Deventer waren die Tage große sonnige Felder, jeder Tag ein großes, ungebrochenes Ganzes; es bestand Kontakt zu Gott und zu allen Menschen, wahrscheinlich, weil man kaum einen Menschen sah. Es gab Kornfelder, die ich nie vergessen werde und bei denen ich fast niederkniete. Es gab die IJssel mit dem bunten Sonnenschirm und dem Strohdach und den geduldigen Pferden. Und dann die Sonne, die ich durch alle Poren eindringen ließ. Und hier [in Amsterdam] besteht der Tag aus tausend Stücken, das große Feld ist wieder weg und Gott ist auch wieder verloren gegangen. Wenn es noch lange so weitergeht, werde ich wieder nach dem Sinn von allem fragen, und das ist nicht tief philosophisch, sondern ein Beweis dafür, dass es mir schlecht geht« (4. Juli 1941, S. 72).

Tatsächlich war Etty trotz ihrer fröhlichen und ungezwungenen Art an der Schwelle zum Erwachsenenalter immer wieder einem zermürbenden physischen Unwohlsein ausgeliefert, was sie zu wiederholten Malen in den ersten Heften ihres Tagebuchs erwähnt; sie erkennt mit der Zeit, dass dies nicht ohne Bezug zu geistlichen Spannungen ist:

»Früher habe ich gemeint, dass die leiblich unangenehmen Zustände wie Kopfschmerzen, Bauchweh, rheumatische Anfälle auch nur leiblich waren, aber jetzt kann ich an mir selbst feststellen, dass sie hauptsächlich psychisch bedingt sind. Leib und Seele sind bei mir sehr stark eins. Sobald etwas in der Seele nicht stimmt, sitzt es auch im Leib. Deshalb ist seelische Hygiene so furchtbar wichtig für mich. Es ist der Gewinn des letzten halben Jahrs, dass ich das ganz bewusst erkenne und ich die Schuld nicht mehr meinem Leib anlasten kann« (5. Oktober 1941, S. 128).

Neben den erwähnten familiären Konflikten hatte Etty noch ein anderes Beziehungsproblem: Ihr sexuelles und amouröses Verhalten seit ihrer Adoleszenz fiel den Jugendlichen ihrer Umgebung auf, die auf diesem Gebiet sicher nicht zu strengen Urteilen neigten. Eine ihrer Freundinnen, Hanneke Starreveld-Stolte, meinte dazu einige Jahrzehnte später: »Dies machte einen Teil ihres hitzigen Temperaments aus. In dieser Hinsicht war sie einer Frau wie Lou Salomé18 ähnlich, für die Freundschaft und Körperkontakt ganz natürlich zusammengehörten. Das war zu dieser Zeit gar nicht selbstverständlich. Zwar hatten wir in dem Milieu junger ›linker‹ emanzipierter Frauen, wie wir es waren, praktisch alle eine Beziehung. Aber das war nicht dasselbe. Es ging um einen Mann, von dem man sich sagte: ›Ihn werde ich später heiraten.‹ Etty hatte einen ganz anderen, fast männlichen Ansatz. Aber man darf nicht vergessen, dass ihre Mutter Russin war. Sie war nicht aus holländischer Erde …«19 Eine andere ihrer Freundinnen, die 1941 bei ihr privat Russisch lernte, bemerkt ebenfalls: »Es gab bei ihr einen auffallenden Gegensatz zwischen ihrem erotischen Verhalten und ihren feinsinnigen philosophischen Auffassungen. Wenn sie diese beiden gegensätzlichen, sich ständig widerstreitenden Tendenzen an den Tag legte, musste ich an Dostojewski denken. Aber sie ging hoch, wenn man es ihr offen sagte.«20

Die ersten Hefte bieten uns mehrere leidenschaftliche Zeugnisse für diese innere Spannung. Sie bekennt mit der entwaffnenden Ehrlichkeit, die sie immer mehr kennzeichnen wird: »Es ist mühsam, mit Gott und mit deinem Unterleib auf gleich gutem Fuß zu stehen« (4. August 1941, S. 74). Und sie wird sich nicht leicht von den in ihrem Fleisch und ihrem affektiven Gedächtnis eingeprägten Erfahrungen dieser leidenschaftlichen und kurzfristigen Verbindungen lösen können. Doch beginnt sie, sich auf einen anderen Horizont hin zu orientieren:

»Was ich will, ist ein Mann für das ganze Leben und zusammen etwas aufbauen. Und all die Abenteuer und Verhältnisse haben mich im Grunde todunglücklich und zerrissen gemacht. Aber die Kraft, mich dagegen aufzulehnen, war nie bewusst und nie groß genug; immer war die Neugierde größer. Aber seit sich jetzt die Kräfte in mir organisieren, beginnen sie auch gegen meine Abenteuerlust und gegen meine erotische Neugierde zu streiten, die nach vielen verlangt« (19. März 1941, S. 35).

Inzwischen war es zu einer für sie entscheidenden Begegnung gekommen, und zwar mit einem deutschen jüdischen Psychologen, 27 Jahre älter als sie, der für sie viel mehr als nur ein Therapeut sein wird: Er wird für sie der Auslöser dafür sein, sich selbst offenbar zu werden. Durch die Mäander einer sehr komplexen Beziehung, die zuweilen mit Zweideutigkeit belastet ist, wird er sie zur Schwelle einer menschlichen und geistlichen Erfüllung führen, in der sie schließlich die volle Wahrheit ihrer Berufung zur Liebe erfasst.


* Begriffe und Sätze, die Etty Hillesum im Original auf Deutsch geschrieben hat, sind in diesem Buch in serifenloser Schrift gesetzt. Dabei wurde ihre ursprüngliche Orthographie beibehalten.


11 25. September 1942, S. 564.

12 Hinweis von Frau van Kleef-Hillesum, in: Reacties (vgl. Anm. 3), S. 27.

13 »Voer alle dinc dunckt mi goet dat ghi geestelike blide sijt«, zitiert im Niederländischen des 15. Jahrhunderts in De nagelaten geschriften, S. 740, Anmerkung zu S. 148, einem Brief Ettys vom 30. Oktober 1941.

14 »Ich denke, also bin ich. Du glaubst, also bist du nicht.« Etty zitiert seine Bemerkung im Tagebucheintrag vom 13. Oktober 1941 (S. 149).

15 Diesen französischen Ausdruck gebraucht Corine Spoor in ihrem Bericht, siehe Reacties (vgl. Anm. 3), S. 29.

16 Aussage von Prof. Louis Zimmermann, in: Reacties (vgl. Anm. 3), S. 28.

17 Ebd., S. 27–28.

18 Lou Andreas-Salomé war die Tochter eines russischen Generals, der von französischen Hugenotten abstammte; bevor sie den Orientalisten Friedrich Carl Andreas heiratete, war sie u. a. mit Friedrich Nietzsche befreundet; während ihrer Ehe hatte sie eine leidenschaftliche Beziehung mit Rainer Maria Rilke, die in eine enge Freundschaft überging. Sie war Freundin, Schülerin und schließlich Mitarbeiterin Sigmund Freuds.

19 Reacties (vgl. Anm. 3), S. 31.

20 A. G. van Wermeskerken, in: Reacties (vgl. Anm. 3), S. 29.